an seinem Platze gewesen wäre , in denen seine Seele hätte Schaden leiden können und , er wies den Ausdruck Anfangs von sich , aber er drängte sich ihm ihm immer wieder auf , in denen er in Gefahr gewesen war , sich zu erniedrigen . Wie er sich auf den stolzen Schwingen seiner guten Vorsätze über seine Eltern erhob , so sah er von seiner neu erklommenen Höhe auf alle seine bisherigen Verhältnisse herab , und wie fern er sich auch von der bürgerlichen Gesellschaft fortan zu halten entschlossen war , wollte er doch nicht , daß irgend Jemand sich über ihn zu beklagen oder ihn der Versäumniß einer gesellschaftlichen Form zu zeihen haben sollte . An ihm , an einem Freiherrn von Arten , sollte , so weit er es verhindern konnte , kein gerechter Vorwurf haften . Er hatte bis zum nächsten Mittage noch vollauf Muße , alles , was ihm oblag , zu ordnen und abzuthun . Er sendete seinen Burschen fort , einige Rechnungen zu bezahlen , verschiedene kleine Besorgungen zu machen ; dann suchte er die Bücher zusammen , welche er im Laufe der Zeit von Seba entliehen hatte , packte sie sorgfältig ein und setzte sich nieder , ihr zu schreiben ; indeß er konnte die Form dafür nicht finden . Er wünschte sich einfach zu verabschieden , aber es kam ein vornehmer , feierlicher Ton in seine Worte , der ihm selbst fremd und dann auch kränkend für Seba erschien , bis er nach mehreren vergeblichen Versuchen , ein förmliches und doch freundliches Billet zu Stande zu bringen , sich sagte , daß er ein Unrecht begehe , wenn er sich zu einer Vertraulichkeit zwinge , die er nicht mehr fühle , und daß es demjenigen , der sich zu einem Charakter zu erziehen wünsche , weil er die Kraft eines solchen in sich trage , wohl anstehe , auch in Kleinigkeiten den Muth seiner Meinung zu haben . Er las sein Schreiben mehrmals durch , es gefiel ihm allmählich immer besser , und als er das freiherrlich von Arten ' sche Siegel mit seinem » Fortis in adversis « darauf drückte , hatte er eine Genugthuung , als ob er eine gute That vollbracht oder eine schwierige Arbeit beendet hätte . Er ließ die Koffer zuschnallen , die Kisten vernageln , in denen alles , was nicht zu seiner Feldausrüstung gehörte , in Berlin zurückbleiben sollte . Die Gräfin Rhoden hatte sich erboten , ihm diese Sachen aufzuheben . Es that ihm leid , daß er sie , deren Wohnung sehr eng war , damit beschweren mußte , und er dachte an die großen , weiten Räume , an die Fluren , Zimmer , Galerien und Remisen im Flies ' schen Hause , um dabei die Betrachtung anzustellen , wie gut sein Vater es in seiner Jugend gehabt habe , als dieses Haus noch in Tante Esther ' s Händen gewesen war , und um es zu beklagen , daß ein so schicklicher Besitz für seine Familie verloren gegangen sei . Er hatte das nie vergessen können , wenn er bei Seba gewesen war , und schon deßhalb war es ihm lieb , mit den Eigenthümern jenes Hauses künftighin nicht mehr in Verkehr zu bleiben . Es dunkelte schon , als die bestellten Träger sich mit seinen Sachen auf den Weg machten , und es war ziemlich spät , als der heimkehrende Diener ihm ein Briefchen der Gräfin einhändigte , in welchem diese die Erwartung aussprach , daß sie ihn heute noch sehen werde , da sein letzter Abend in Berlin , falls er nicht mit jüngeren Genossen eine Verabredung getroffen habe , nothwendig seinen ältesten Freunden zugehören müsse . Er sah aus den wenigen Zeilen , daß Hildegard der Mutter ihren heutigen Streit mit ihm verschwiegen hatte , denn die Gräfin würde desselben sonst in einer oder der anderen Weise erwähnt oder unter den obwaltenden Umständen es vielleicht vermieden haben , den Jüngling , der ihr Haus im Mißmuthe verlassen hatte , zur Wiederkehr aufzufordern . Renatus fand sich dadurch aber in Verlegenheit gesetzt , und da er nun begonnen hatte , sein Thun und Handeln , wie er es nannte , einem strengen Urtheile zu unterwerfen , dünkte ihn sein ganzes Verhalten gegen seine mütterliche Freundin , gegen die Gräfin Rhoden , die ihm zutrauensvoll den freiesten Verkehr mit ihren Töchtern gestattet hatte , noch weniger tadellos , als sein Betragen gegen Hildegard . Beiden war er eine Erklärung schuldig , aber um sie zu machen , bedurfte er einer genauen Prüfung seines Herzens , und er war nicht ruhig genug , eine solche anzustellen . Die Fragen seines Dieners , die mancherlei Anordnungen , welche er zu treffen hatte , unterbrachen und zerstreuten ihn , wenn er sich zu sammeln strebte , nur daß er vor sehr ernsten Entscheidungen stehe , fühlte er deutlich und immerfort . Es war kein Tanz , zu dem er morgen auszog ! Seit die Geschichte die Thaten der Menschen aufgezeichnet hatte , war kein so gewaltiger Heereszug unternommen worden . Die ungeheuren Vorbereitungen , welche Napoleon getroffen hatte , ließen auf die Schwierigkeiten und auf den furchtbaren Widerstand schließen , den er selbst erwartete . Glänzende Erfolge waren für den Theilnehmer an diesem Kriege eben so möglich als das größte Unheil und Elend . Renatus konnte ruhmgekrönt , er konnte siech und verstümmelt wiederkehren : der Abschied , den er heute von dem Mädchen nahm , das er seit einiger Zeit als seine Geliebte und künftige Gattin im Herzen getragen hatte , konnte ein ewiger sein . Aber eben das machte ihn nur bedenklicher , Versprechungen zu leisten oder zu begehren , und dazwischen wunderte er sich , daß die Aussicht , von Hildegard zu scheiden , ihn nicht mehr erschüttere , daß er weit weniger an sie , als an die bevorstehenden wechselnden Ereignisse und Abenteuer seines Kriegerlebens denke , daß ihn die Hoffnung , Vittoria wahrscheinlich wiederzusehen , weit lebhafter beschäftigte , als die Nothwendigkeit , sich von Hildegard zu trennen . Er nahm ein Etui heraus , in welchem sich eine Silhouette von ihm befand , die er , in Erwartung des Feldzuges , für die Gräfin Rhoden zum Andenken hatte machen lassen . Später , als er seine Wünsche auf Hildegard gerichtet , hatte er dieser das kleine Bildniß bestimmt , und jetzt war er unsicher , ob er es überhaupt einer der Frauen anbieten dürfe und solle . Von jener Leidenschaft , welche die Dichter besingen , von jener überwältigenden Liebe , deren Feuer die Jugend so durchglüht und umleuchtet , daß ein ganzes Leben davon bis in seine fernsten Tage erwärmt und verschönt wird , fühlte er nichts in sich . Von dem unwiderstehlichen Zuge , von dem naturgewaltigen Müssen , die zwei Menschen zwingen , sich einander zu eigen zu geben , empfand er keine Spur . Er liebte Hildegard also nicht eigentlich , er hatte sich über seine Empfindung für sie getäuscht , hatte die Freundschaft , das Wohlgefallen , mit denen er an ihr hing , für ein wärmeres Gefühl gehalten , und wie peinlich diese Erkenntniß und die aus ihr folgenden Schritte für ihn in diesem Augenblicke auch sein mochten , durfte er es doch immer als ein Glück bezeichnen , daß er seines falschen Wahnes rechtzeitig inne geworden und vor dem Loose bewahrt worden war , sich im Herzensirrthume unwiderruflich an ein Mädchen zu binden , dem er keine wahre Liebe entgegenbrachte und mit dem er also eben so wenig glücklich werden , als er es mit seiner unvollständigen Liebe glücklich machen konnte . Er hatte Erinnerung genug an seine Kindheit , um eine unglückliche Ehe sehr zu fürchten , aber eben so schreckte er vor der Nothwendigkeit zurück , Hildegard seinen Selbstbetrug einzugestehen und von ihr wie von ihrer Mutter seine Vergebung zu fordern . Alle seine Geschäfte waren abgethan , er stand allein in dem jetzt leer aussehenden Zimmer und blickte zerstreut auf die Straße hinaus . Von Minute zu Minute verschob er es , sich zu entschließen . Es war dunkel , der Wind hatte sich gelegt , Renatus fand keinen festen Anhaltspunkt für seine Vorstellungen . Wie manchen Marsch in dunkler Nacht , wie manchen dunkeln Weg werde ich zu gehen haben , und wer weiß , auf welcher dunkeln Straße mir mein Todesloos geworfen wird ! sagte er mit einem Male zu sich selbst , und es ergriff ihn , daß ihm eben eine solche Idee gekommen war . Sollte das eine Ahnung sein ? Er wurde immer trauriger . Er konnte es sich nicht verhehlen , seiner Kindheit , seinem ganzen Dasein hatte der rechte , heitere Glanz gefehlt , und wie er in dem Lebensherbste seines Vaters geboren worden , war jetzt auch der Stern seines Hauses über die Mittagshöhe hinaus und nicht mehr im Steigen . Von früh auf hatte man ihn auf den Wahlspruch seines Wappens , auf das » Fortis in adversis « verwiesen , das er noch vorhin mit so viel Selbstbefriedigung betrachtet . Er hatte die Worte auch oft im Munde geführt , aber er hatte dabei immer an große , plötzliche Unglücksfälle gedacht , denen gegenüber man sich mit entschlossener That schnell und muthig zu bewähren hätte . Die Widerwärtigkeiten , die inneren Hindernisse und Zweifel , mit denen zu kämpfen ihm beschieden war , hatte er damals noch nicht gekannt , und Ehre und Ruhm , wie sie ihm begeisternd vor der Seele schwebten - wo sollte er sie erringen ? In dem Kriege , zu welchem das Volk , das Heer des großen Friedrich jetzt unter dem Adler seines Unterdrückers auszog , waren sie für einen preußischen Edelmann nicht zu suchen und zu finden . Er hielt inne , als er in seinen Gedanken auf diesen Punkt gekommen war ; denn das , eben das , hatte ja Tremann gestern ausgesprochen . Es war nicht anders , Tremann hatte Recht gehabt , und mit allen seinen Vorsätzen und Entschlüssen kam Renatus nicht über die Schranke hinaus , in welche er durch seine Verhältnisse gebannt war : die Gesetze der Standesehre zwangen ihn , wider seine Neigung , ja , gegen seine Ueberzeugung zu handeln . Wohin er sich auch wendete , nirgends hatte er einen klaren , freien Ausblick , nirgends sah er einen leichten Weg für sich offen , und doch war er durch seine Geburt auf die Höhen des Lebens gestellt und über die große Menge hinausgehoben ! - Er wußte sich nicht zu helfen in seiner stolzen Verzagtheit , und weil ihm Alles nur schwerer und trüber erschien , je länger er darüber nachsann , faßte er sich endlich gewaltsam zusammen , um das Nöthigste abzuthun und sich wenigstens nach der einen Seite Luft und Freiheit zu verschaffen . Renatus hatte von seinem Hause bis zu der Wohnung der Gräfin ziemlich weit zu gehen und also hinlängliche Muße , sich zu überlegen und zu wiederholen , wie er sein Verhalten zu erklären und zu rechtfertigen versuchen solle . Weil er die regelmäßigen Gewohnheiten seiner Freunde kannte , fiel es ihm leicht , sich die Lage , in welcher er sie antreffen werde , vorzustellen , sich den Gang auszumalen , den das Gespräch wohl nehmen würde , und sich danach die Form zurechtzulegen , in welcher er von der Unterhaltung über seine äußeren Angelegenheiten auf seine Empfindungen und innerlichen Erlebnisse überleiten könne , und er hatte eine gewisse Fassung und Haltung gewonnen , noch ehe er vor der Thüre der Gräfin anlangte . Er sah zu ihren Fenstern hinauf , das Licht schimmerte durch die Vorhänge , die beiden großen Myrtenstöcke warfen ihren Schatten gegen dieselben . Die Gräfin hatte diese beiden Myrten bei der Geburt ihrer Töchter , nach der Sitte ihres Hauses , selbst gepflanzt ; es waren unter ihrer sorglichen Hand zwei schöne Stöcke geworden , sie sollten einst die Kränze für ihre Töchter liefern . Renatus hatte vor Hildegard ' s Myrte manch lieblichen Traum geträumt ; jetzt fiel ihm bei dem Anblicke das Non più andrai far fallone amoroso ! ein , das Herr von Castigni ihm vor wenig Stunden zugerufen hatte . Die Zeit der Liebeständelei , die Zeit der Jugend waren für ihn vorüber ! Oben angelangt , dünkte es ihn , als müsse er lange warten , bis das Mädchen ihn angemeldet hatte und ihm die Thüre zum Eintritte öffnete . Es war in den Zimmern Alles wie sonst . Die Gräfin saß ruhig wie immer auf ihrem gewohnten Platze , Cäcilie am unteren , Hildegard am oberen Ende des Tisches . Er hätte sich nicht gewundert , hätte er sich selber zwischen den beiden Schwestern an der freien Seite , der Gräfin gegenüber , sitzen sehen . Das sollte nun ein Ende haben . Das Herz wurde ihm schwer und fing ihm stark zu klopfen an , als er den Frauen den guten Abend bot , denn ihre Traurigkeit war unverkennbar . Er sagte sich , daß er Muth für sie alle werde haben müssen und daß es nöthig sei , sich nicht erweichen zu lassen . Mit festem Schritte und noch festeren Vorsätzen ging er zu der Gräfin , ihr , wie immer , die Hand zu küssen , dann reichte er Cäcilien die Hand und wollte sich eben der älteren Schwester in gleicher Absicht nähern , als diese sich schnell erhob , ihm beide Hände entgegenreichte und mit warmer Empfindung die Worte hervorstieß : Vergib mir - ach , vergib mir ! Daß Hildegard ihn in Gegenwart der Mutter , ohne all sein Zuthun , um Vergebung bitten könne , darauf allein hatte er nicht gerechnet . Es erschreckte ihn also , wie es ihn rührte , und weil es ihn unvorbereitet traf , wußte er nicht gleich das rechte , mit seinen Absichten vereinbare Wort zu finden . Liebe Hildegard , sagte er ; aber sein zögernder Ton bestärkte sie in dem Glauben , daß er ihr noch zürne , und ihres Schmerzes bei dem Gedanken an die bevorstehende Trennung nicht länger Meister , hingerissen von ihrer Liebe , warf sie sich mit erhobenen Armen um seinen Hals und klagte : Ich sterbe , Renatus , wenn Du im Zorne von mir gehst ! Ihr Kopf ruhte an seiner Schulter , er fühlte das Schlagen ihres Herzens an dem seinigen , er hielt sie umfangen , er erwiederte ihre Küsse , er knieete mit ihr zu den Füßen ihrer Mutter , die sie unter Thränen segnete . Er hatte das so oft geträumt , daß es ihm auch jetzt war , als träumte er es wieder ; nur daß er im Schlafe sehr natürlich gefunden hatte , was ihm jetzt fast unglaublich däuchte , und daß statt der unklaren Furcht vor dem Erwachen , die ihn sonst in seinem Glücke gestört hatte , jetzt wie ein kühler , unheimlicher Schatten das Bewußtsein über ihm lag , daß kein Erwachen das Geschehene ungeschehen machen werde . Seine Gefühle und Gedanken trieben in einem solchen Wirbel durcheinander , daß er keinen von ihnen festzuhalten wußte und allmählich von ihnen fortgerissen wurde . Hildegard ' s überwältigende , alle mädchenhafte Scheu besiegende Liebe schmeichelte seiner Eitelkeit , ihre Zärtlichkeit entflammte , aufgeregt , wie er es ohnehin war , seine Sinne . Er hielt sich berechtigt , seine Braut - denn das war Hildegard ihm jetzt - im Beisein ihrer Mutter fester und inniger zu umarmen , als je zuvor , und die Phantasie des Mädchens war der seinigen seit langer Zeit vorausgeeilt , denn Mädchen reifen immer schneller als der Jüngling . In dem Bestreben , ihrer Mutter zu erklären , daß sie nicht anders habe handeln können und daß sie ihrem Herzen habe folgen müssen , erzählte Hildegard mit frohem , liebevollem Rückerinnern , wie Alles sich in den letzten Monaten zwischen ihr und dem Geliebten begeben habe , und Renatus ' eigenes Herz wurde davon erweicht und entflammt . Er fragte sich , wie er das alles habe vergessen können , er sagte sich daneben , daß ein Edelmann , der mit einer Dame seines Standes so weit gegangen sei , sich auch ohne eine bestimmte Erklärung an sie gebunden habe , und es fiel ihm nicht ein , daß er mit diesem bloßen Gedanken seine Verlobung als eine nicht frei gewollte That anerkannte , daß er es stillschweigend beklagte , seine Freiheit verloren zu haben . Er hatte auch zu solchen Ueberlegungen die äußere Ruhe nicht . Die Gräfin sprach es ihm mit ihrer sanften Würde offen aus , daß seine Liebe für Hildegard ihr kein Geheimniß gewesen sei und ihr den liebsten Wunsch ihres Herzens erfülle , daß sie aber fürchte , der Freiherr werde anderer Ansicht sein und eine mittellose Schwiegertochter nicht willkommen heißen . Sie klagte sich an , in ihrer Rührung voreilig ein Bündniß gesegnet zu haben , für welches Renatus die Zustimmung seines Vaters noch fehle ; sie hielt ihm seine Jugend , die Gefahren des bevorstehenden Krieges vor , sie ersparte ihm keines der Bedenken , die er sich selbst entgegengehalten hatte - und ohne daß sie es wollte oder auch an eine solche Möglichkeit dachte , half sie ihm damit , sich in seiner neuen Lage festzusetzen . Die Nothwendigkeit , die Gräfin zu überreden , zwang ihn , nach Gründen zu suchen , welche sie widerlegen konnten und welche also auch seine früher gehegten Besorgnisse widerlegten . Der Hinweis auf seine Jugend , auf seine Abhängigkeit von seinem Vater regte sein männliches Selbstgefühl auf , und da er wenig gewohnt war , auf Widerstand zu stoßen , trieb ein solcher ihn nur an , es darzuthun , wie er ihn zu besiegen wisse . Die berechnetste Absichtlichkeit hätte für Hildegard ' s Wünsche und gegen die früher gefaßten Vorsätze des jungen Freiherrn nicht wirksamer eintreten können , als die edle Gewissenhaftigkeit der Gräfin . Kein Mann mag vor den Augen eines Weibes , das ihm nur irgend eine Art von Theilnahme eingeflößt hat , als ein Abhängiger , ein Unfreier erscheinen , am wenigsten konnte Renatus dies ertragen . Er sagte , daß er die Hoffnung hege , von seinem Vater die Wahl gebilligt zu sehen , welche sein Herz getroffen habe , aber er betheuerte zugleich , daß er Mannes genug sei , auch wider seines Vaters Willen sein Recht auf freie Selbstbestimmung zu behaupten . Hildegard ' s strahlendes Antlitz , ihr fester Händedruck , die Bewunderung , mit welcher die liebliche Cäcilie auf den Geliebten ihrer Schwester blickte , der sanfte Beifall , den er in der Mutter Augen las , steigerten seine Selbstgewißheit wie sein Feuer . Er versicherte , daß er nicht von dieser Stelle scheiden werde , ohne die feste Zusage von Hildegard ' s Hand erhalten zu haben . Er ging so weit , ihr und der Mutter zu bekennen , wie er sich alle jene Einwendungen selbst gemacht habe , wie er Willens gewesen sei zu schweigen , und ohne das beseligende Bewußtsein , daß die Geliebte für ihn bete und ihm mit ihrem Geiste nahe sei , in den Kampf zu ziehen , und wie unmöglich er das gefunden habe , als er Hildegard ins Auge geschaut , als ihr süßer Mund von ihm Vergebung gefordert habe , wo er , er ganz allein der Schuldige , ihrer Verzeihung bedürftig gewesen sei . Er lag dabei vor ihr auf den Knieen , er hatte sich von Allem überredet , was er sagte , Hildegard ' s Hände hoben sein blondes Haupt empor , er blickte trunken und beseligt in ihr Antlitz . Es war ihm völlig entschwunden , daß er sie am Morgen unschön gefunden hatte . Er nannte sie seinen Engel , seine schöne , blonde Heilige , und sie sah auch schön aus in ihrem Glücke . Wie hätte die Mutter ihren Kindern diese erste Seligkeit des Zueinandergehörens trüben oder stören mögen , wie hätte sie nicht mit ihren Kindern hoffen sollen , daß Alles sich zum Guten wenden werde ! Es war weit über die gewohnte Stunde , als sie den Jüngling daran erinnerte , daß es Zeit zum Aufbruch sei , daß er Hildegard verlassen müsse . Auf morgen ! sagte er , als er die Braut umarmte . Aber dann , aber dann ! rief sie in Vorahnung der langen , schweren Trennung , die ihnen drohte . Auch ihm krampfte es das Herz zusammen . Er küßte sie wieder und wieder , er trank die Thränen von ihren Augen , und jetzt dachte er wieder an die für Hildegard bestimmte Silhouette . Die Zweifel , die ganze Stimmung , mit welcher er das Portrait am Abende in Händen gehalten und betrachtet hatte , waren wie aus seiner Erinnerung weggelöscht . Der glückliche Augenblick verscheuchte und verhüllte , wie ein mächtiger Zauber , alles , was seiner Herrschaft in der Vergangenheit und in der Zukunft im Wege stand . Hildegard drückte das Bild an ihre Lippen , dann rief sie , daß man ihr folgen , daß man ihr leuchten solle , und schnellen Schrittes eilte sie den Andern voran in ihr Schlafgemach . Renatus hatte den stillen Raum nie zuvor betreten . Ueber dem keuschen , weißen Lager der Geliebten hing das Crucifix und das Weihwasserbecken , ein kleines Bild , das die Gräfin als Braut darstellte , hing darunter . Hildegard nahm es von der Wand und befestigte die Silhouette an der Stelle . Ihm mußt Du weichen , Mutter , das ist jetzt sein Platz ! rief sie , indem sie die Gräfin umarmte , und sich zu Renatus wendend , sagte sie mit einer Erhebung , die ihr sehr wohl anstand : Denke hierher , Geliebter ! Hier wird meine Seele für Dich beten , hier werde ich auf meinen Knieen liegen früh und spät und Gottes Schutz und Segen herniederflehen auf Dein geliebtes Haupt , und hier - ihre Stimme ging in Thränen unter - wird mein letzter Seufzer Dir gehören , wenn Gott es anders über Dich und mich beschlossen hat ! Die Verlobten sanken sich tief erschüttert in die Arme , die Gräfin und Cäcilie waren nicht weniger gerührt , sie umarmten den Jüngling gleichfalls , und die schlanke Cäcilie konnte sich in ihren Thränen kaum von seinem Halse trennen . Er mußte sie endlich mit sanfter Gewalt von sich entfernen , sie war des Schmerzes noch ganz ungewohnt . Als ein verwandelter Mensch kehrte Renatus in seine Wohnung zurück . Wie verdiene ich dieses Glück , wie verdiene ich ihre Liebe ? fragte er sich - ich , der ich mich so schwer gegen dieses reine , seltene Herz versündigt habe ? Hildegard ' s Frömmigkeit wirkte in ihm nach . Er betete ernster , inbrünstiger , als seit langer Zeit , und mit voller Ueberzeugung wiederholte er sich alle die Gelöbnisse , die er sich gethan hatte , und fügte den Schwur hinzu , daß Hildegard ' s Glück ihm heilig wie seine Ehre , und seine Ehe mit ihr ein Musterbild adeliger Würdigkeit und Sitte werden solle . Fünfzehntes Capitel Es waren ein paar schmerzlich schöne Stunden , die Renatus am Morgen noch mit seiner Braut verlebte . Die Aufregung des vorigen Abends hatte einer milden , weichen Stimmung Platz gemacht . Hand in Hand bei einander sitzend , besprachen die Liebenden in dem Beisein der Gräfin ihre Plane und Aussichten für die nächste Zeit und für die Zukunft , und man suchte es darüber wenigstens für diesen Augenblick zu vergessen , daß Renatus scheiden mußte und welchen Gefahren er entgegenging . Er gab der Braut Anweisungen darüber , wie sie ihm ihre Briefe durch Vermittlung der Behörden zuzusenden habe , verhieß ihr , zu schreiben , so oft sich ihm die Gelegenheit dazu bieten würde , und als der Zeiger der Uhr sich der Trennungsstunde nahte , als man noch eilig alles zu sagen , zu fragen , zu hören und zu besprechen strebte , was man für einander auf dem Herzen hatte , als Jedem immer noch etwas einfiel , was er vergessen zu haben meinte , und Allen der Trennungsschmerz schon die Brust belastete , daß die Stimmen weich wurden und die Augen sich mit feuchtem Schimmer füllten , sagte Renatus , daß er noch eine Bitte an die Gräfin habe , mit deren Gewährung sie ihm eine Beruhigung bereiten könne . Er wünsche , daß Hildegard das Flies ' sche Haus nicht mehr besuche und daß ihr Verkehr mit Davide ein Ende haben möge . Man hatte auf jedes andere Verlangen eher als auf diese Forderung gerechnet , und weil sie gar so auffällig erschien , begehrte die Gräfin , daß er erklären solle , worauf sie sich begründe . Er antwortete , es sei ihm nicht möglich , dies auseinander zu setzen , am wenigsten könne er das in den wenigen Minuten thun , die zu weilen ihm noch vergönnt sei ; man möge aber zu seinem Herzen und zu seinem Ehrgefühle das Zutrauen haben , daß er eine solche Warnung gegen eine Familie und gegen Personen , deren Gastfreundschaft er selbst angenommen und die seine Mutter ihrer Theilnahme werth geachtet habe , nicht auszusprechen wagen würde , wenn ihn nicht die entschiedensten Gründe dazu nöthigten . Die Gräfin war sehr geneigt , ihm in allen seinen Wünschen zu willfahren , denn sie hatte ihn von jeher lieb gehabt und hatte Vertrauen in seine Rechtschaffenheit ; dennoch machte sie Einwendungen , die auf ihrer persönlichen Kenntniß und ihrem persönlichen Wissen von Seba beruhten . Allein sie machte damit weder auf Renatus , noch auf ihre Tochter den gehofften Eindruck . Der Jüngling beschied sich zwar , auf die Entschließungen der Gräfin keinen Einfluß zu üben , aber von seiner Braut meinte er Nachgiebigkeit und Gehorsam gegen seine Ansichten fordern zu dürfen , und Hildegard war mit der unheilvollen Ausschließlichkeit der Liebe augenblicklich bereit , ihm zu gehorchen . Du und ich , ich und Du , rief sie , das ist fortan unsere Welt ! Was kümmern uns die Andern ! Kehrst Du mir wieder , so brauche ich Niemanden sonst , und ohne Dich - werde ich überhaupt nichts mehr bedürfen ! Die Aeußerung erschreckte und verletzte die Gräfin . Sie erinnerte die Tochter daran , daß Renatus mit solcher Ausschließlichkeit schwerlich einverstanden sein werde , da er große Zärtlichkeit für seinen Vater , für Vittoria und für seinen kleinen Bruder hege ; aber Hildegard ' s Seele hatte immer nur für eine Empfindung , ihr Geist immer nur für einen Gedanken Raum , und sie hatte in jenen Worten , mit denen sie ihre Liebe auszudrücken wünschte , ihren Zustand völlig richtig bezeichnet . Sie zog daher von jener Mahnung auch keinen Schluß auf die berechtigten Ansprüche der Mutterliebe , sie schien eben so vergessen zu haben , daß sie bisher in ihrer Verehrung vor Seba , in ihrer Zuneigung und in ihrem Umgange mit Davide eine Genugthuung gefunden hatte . Renatus aber war zu jung und viel zu unerfahren , um nicht durch den Gehorsam seiner Verlobten sehr befriedigt zu werden , um in ihrer hingebenden Willfährigkeit neben ihrer Liebe auch die ganze , rücksichtslose Härte einer beschränkten und engherzigen Natur vorahnend zu erkennen und zu schauen , und als sie , überwältigt von ihrem Schmerze , im Augenblicke der Trennung , als könne sie sich nicht genug thun mit ihrem Leiden und mit ihren Thränen , eine ihrer langen , blonden Locken abschnitt , damit er sie zu ihrem Gedenken auf dem Herzen trage , preßte er die Geliebte noch einmal mit stolzer , seliger Freude an seine Brust und verließ sie und das Haus ihrer Mutter und die Stadt , in dem Gefühle , daß so viel Liebe von Gott gesegnet und unvergänglich , ewig sein müsse . Er hatte zu lange bei der Braut verweilt , um seinen Onkel , den Grafen Gerhard , noch aufzusuchen , er fühlte sich auch nicht dazu geneigt ; denn er hatte nur einen einzigen Gedanken , und diesen zu verschweigen wäre ihm eben so schwer geworden , als ihn vor seinem Oheim auszusprechen . Er hätte eben so gern die geweihte Hostie , den heiligen Leib des Herrn von unreinen Händen berührt gesehen . Dazu hatte die Gräfin verlangt , daß Hildegard und Renatus ihre Liebe geheim halten sollten , bis sie sich der Einwilligung des Freiherrn sicher wüßten , und des Jünglings reine Seele fand einen keuschen Genuß in seinem stillen , innerlichen Liebesglücke . Als er mit seinem Regimente an dem Flies ' schen Hause vorüberkam , blickte er aus Gewohnheit hinauf , aber es war Niemand von der Familie an den Fenstern sichtbar ; nur Herr von Castigni winkte ihm seinen Gruß zu . Mein Billet ist verstanden worden , sagte sich Renatus mit Zufriedenheit ; gleich darauf kam es ihm jedoch in das Gedächtniß , daß Seba neulich ausgesprochen , sie denke es nicht mit anzusehen , wie die Kinder des Vaterlandes von einem fremden Tyrannen für eine ungerechte Sache an das Messer geliefert würden . Er hätte das gern vergessen mögen , aber es fiel ihm immer wieder ein ; noch vor dem Hause , in welchem sein Oheim wohnte , dachte er daran . Es war lebhaft in der Straße , obschon Truppenmärsche seit Jahren eine alltägliche Sache geworden waren . Freunde und Verwandte der Ausmarschirenden , Müßige und Neugierige standen zu beiden Seiten des Weges , den das Regiment zu machen hatte . Die Kriegsräthin , die noch immer ihre Freude an schönen Uniformen und an schönen Männern hatte , saß seit dem frühen Morgen , wohl frisirt und sorgfältig geschminkt , am Fenster . Sie hatte , um sich in dem vorderen Eckzimmer aufhalten zu können , den Grafen gefragt , ob sie nicht aufpassen und ihn benachrichtigen solle , wenn das Regiment des jungen Herrn Baron vorüberkomme ; und obschon es