zur Liebe der himmlischen Dinge hin : sie brachte Hyazinth zum Entschluß - vielleicht zum Bewußtsein über seinen Beruf . Sie sänftigte ihren Vater aus dem starren Widerspruch der Selbstsucht in das Opfer seines Lieblingswunsches hinein . Sie warf in Corona ' s junge Seele ein strahlendes Beispiel , wie man die Welt überwindet . Sie übte auf Uriel selbst einen so überwältigenden Einfluß , daß er auf dem Punkt stand , die Wege der vollkommenen Entsagung einzuschlagen und von allen Gütern des Daseins nichts zu wählen , als das Leiden aus Liebe , als den Dienst Gottes im unbedingten Opfer . Und zu dieser himmlischen Macht hatte sie sich erschwungen unter einer Flut von Mißbilligung und Widerspruch . Die Familie und die Welt hatten nur Tadel für ihre Neigung und ihren Schritt . Kein Lob , keine Ermunterung wurde ihr zu Teil . Niemand erleichterte ihr Opfer ; Jeder erschwerte es ; aber allen wurde es zur Gnade . Nicht umsonst war ihr Wahlspruch : » Solo Dios basta . « - - Und dieser Tochter Gottes gegenüber stand Orest unter der Signatur des natürlichen Lebens , verloren an das Irdische , geknechtet von Leidenschaft unerweckbar aus dem Opiumrausch und dem schweren Schlaf der Sünde , bis zu jener furchtbaren Katastrophe , die seine zügellose innere Verwilderung herbeiführte . Taub gegen die Stimme der Vernunft , der Pflicht , der sittlichen Würde , der Religion , überließ ihn Gott den Gelüsten seines Herzens - und als er sich ihnen mit voller Entschiedenheit und bis zur Verachtung der heiligsten Schranke hingab : da stürzte er in den Abgrund und riß all ' die Seinen in ein Meer von Schmerz hinein . Gegen den Willen Gottes hatte er sich empört : da verfiel er , auf Zulassung Gottes , dem Verhängnis , das mit eigener und fremder Leidenschaft ihn umspann . Die Welt , die für eine Regina nur bittern Tadel oder ein verächtliches Achselzucken kannte , hatte für Orest kaum einen Anflug von Mißbilligung , und hätte sie Reginas Ende gekannt und mit Orests verglichen , so würde sie ohne Zweifel seinen Tod , als ein höchst tragisches Opfer der Leidenschaft , unendlich viel interessanter gefunden haben , als ihren Opfertod der heiligen Liebe . Und dennoch bot der Gott , den Orest verachtete , ihm in seinen letzten Stunden die Versöhnung an - und das vor Selbstsucht erstarrte Herz , das höherer Einsprache unzugänglich war , mußte erst im Herzblut des Bruders schmelzen und zermalmt werden , bevor es sich in das Blut Gottes mit all seinem Elend und seiner späten Reue untertauchte . O , das Opfer ! das Opfer ! sprach Uriel zu sich selbst - es ist allmächtig bei Gott . Es nimmt Teil am Kreuz , es nimmt Teil an der Rettung der Seelen , welche die Folge der Kreuzigung ist . O Herr ! o gekreuzigter Heiland , laß mich Dir dienen ! laß mich das Opfer meiner geliebten verklärten Seelen fortsetzen , zu Deiner Verherrlichung und laß mich zu meinem Heil Buße tun für meine Sünden und für den Armen , der hienieden nicht Buße tun konnte ! O daß ich würdig wäre , ein Nachfolger der Leiden meines Gottes zu sein ! - Eine gute wohlbekannte Stimme weckte ihn aus seinem tiefen Sinnen . Pater Bonaventura hatte ihn schon einige Zeit mit ernster Teilnahme von fern beobachtet . Jetzt sagte er : » Graf Uriel ! Sie dürfen nicht in dieser Jahreszeit und zu dieser Stunde im Freien sitzen . Das ist sehr schädlich ! der Abendtau fällt . « » Und Sie , mein Pater , gehen barhaupt und barfuß durch Tau und Regen , durch Sonnenglut und Wintersturm , « entgegnete Uriel . » Ah , ich ! das ist etwas anderes ! « sagte Pater Bonaventura , indem er sich zu Uriel setzte , während sein Gefährte die Stationen betete . » Nun Sie ! sind Sie nicht ein Mensch wie ich ? und überdies .... schon recht bejahrt ? « » Mein heiliger Ordenshabit bringt das so mit sich . In meiner Kindheit bin ich ohnehin barhaupt und barfuß gelaufen ! da ist es nicht schwer , diese Gewohnheit wieder anzunehmen . Und wäre es schwer , so hätte das auch nichts zu sagen ! der Weg von Gethsemane nach Golgatha war dem göttlichen Heiland auch schwer . « » Mein Pater , weshalb wurden Sie Kapuziner ? « » Um ein wenig Buße zu tun , Herr Graf . « » Für fremde Sünden - nicht wahr ? « » Die Welt nennt nur Mord und Totschlag , Brandstiftung , Räuberei und was in diese Kategorie fällt - Sünde , und daß ein Mensch , ohne solche Verbrechen begangen zu haben , von der Erkenntnis seiner tiefen Sündhaftigkeit durchdrungen und von Schmerz ergriffen werde , die unendliche Liebe Gottes täglich und stündlich beleidigt zu haben - das faßt sie nicht . Sie denkt , daß hinter dem Bußgeist entweder große Missetaten , oder der Drang stecken müsse , für andere genug zu tun . Hat mich nun zwar Gottes Gnade davor bewahrt , ein Räuber oder Mörder , ein Spieler oder Trunkenbold zu sein : so versichere ich Sie , daß ich dennoch schwer genug an meinem Päckchen Sünden trage . Als der heilige Vater aus Gaëta zurückkehrte , verließ ich meine Heimat und meine Familie und ging nach Rom - für das der Maler und der Katholik stets eine Vorliebe hat . Die Erlebnisse der Revolutionsjahre waren derart , daß ich sie nicht vergessen konnte . Was war der letzte Grund dieser Revolutionen ? Jeder suchte seinen Willen durchzusetzen ; keiner dachte daran , den Willen Gottes zu tun . Jeder betrachtete die Welt als sein ihm gebührendes Opfer ; keiner wollte Opfer bringen . Diese Erkenntnis führte mich in mich selbst zurück und ich suchte in mir nach Opfern , die ich Gott zulieb gebracht haben könnte . Ganz ängstlich suchte ich .... und es schien mir auch wohl , als hätte ich dies und das und jenes zum Opfer gebracht und in die durchwundeten Hände meines Heilandes gelegt ; nur war das alles so entsetzlich gering ! Woran ich aus ganzer Seele hing und was ich liebte wie mein Leben - das hatte ich ganz still für mich behalten . Das war nicht Geld und nicht Gut , das war nicht Ruhm und nicht Sinnenlust ; das war meine Unabhängigkeit , wie ich es nannte ; meine Wanderlust , meine Freiheit , meine Ungebundenheit ; zu kommen , zu gehen , nirgends gefesselt zu sein , durch die Welt zu ziehen , wie es mir gefiel . Ich durfte es tun ! ich verletzte keine Pflicht dadurch ! Aber es war nun einmal dies Licht von wegen des Opfers mir aufgesteckt .... und wo ich ging und stand , und was ich tat und trieb - eine Stimme sagte mir : Das ists , was du Gott zulieb opfern könntest ! willst du nicht ? willst du nicht ? Da ging ich in mich und sprach zu mir selbst : Die Stimme kommt von Gott ! so spricht nicht der Teufel , nicht die Welt , nicht Fleisch und Blut . Ich höre sie , ich verstehe sie , ich muß ihr folgen . Da ging ich zu den Kapuzinern am Platz Barberini und vor dem Bilde in ihrer Kirche , das der Erzmaler Raphael vom Erzengel Michael gemalt hat , flehte ich St. Michael an , der Führer meiner Seele zum Himmel zu sein - ging an die Klosterpforte und bat um Aufnahme als Laienbruder , denn an den heiligen Priesterstand dachte ich armer Priester nicht im Traum . Die Väter wollten mich aber auch gar nicht als Laienbruder aufnehmen , meinten , ich käme ein Vierteljahrhundert wenigstens ! zu spät - und dies und das . Ich war jedoch Zeit meines Lebens eigensinnig und bat und betete so lange , bis man mich versuchsweise annahm . Nun hatte ich , was ich wollte - nämlich nichts mehr . Nun war ich froh und merkwürdigerweise ! nun fühlte ich mich wundersam frei . Wie das Fischlein in seinem Element , schwamm ich im süßen , im angebeteten , im heiligsten Willen Gottes , indem ich meinen Oberen gehorchte und die heilige Ordensregel beobachtete . Nur einmal kam ein Choc - ein gewaltiger . Nicht des Ordens Laienbruder - sondern Priester sollt ich werden - ich Armseliger ! Das grämte mich furchtbar . Ich dachte , ich würde dem Orden Schmach und Schande bereiten . Ich sträubte und wehrte mich - aber diesmal waren die Oberen noch eigensinniger als ich und ich mußte gehorchen . Nun , ich war ja Kapuziner geworden , um zu gehorchen und um im Opfer meines Willens - das ja immer eine Buße für die sündige Natur ist - die selige Freiheit von der Last meines Ichs zu finden ; also ich gehorchte in Gottes Namen . Und so , Graf Uriel , treffen wir uns hier in Rom , bei mannigfachen Leiden in Ihrer Familie , die mir unvergeßlich geblieben ist - und am Fuß des Kreuzes . « » Wir werden uns hoffentlich auch noch anderswo treffen , mein Pater , « sagte Uriel , » denn auch ich gedenke Kapuziner zu werden . « » Unsinn ! « rief Pater Bonaventura , » Sie - und Kapuziner ! Sie - Graf , reich , hoch- und feingebildet , dazu der letzte Ihres Hauses ... « - » Gerade das ists ! « rief Uriel , » der letzte des Hauses nimmt die ganze Erbschaft an . Aus Onkel Levins und Hyazinths Hand fällt der heilige Kelch mir zu , den der Priester mit dem Blute Gottes füllt , und aus Reginas Hand - die drei Nägel , wie sie sie nannte , die drei Rubinen der heiligen Ordensgelübde . Das ist ein himmlisches Erbe . « » Aber Sie vergessen das irdische . « » Gott Dank , dem hab ' ich längst entsagt . « » Vergessen , daß Ihre Familie mit Ihnen ausstirbt . « » Mein Pater ! was der Welt not tut , sind nicht große und hochklingende Namen , sondern es ist die Bekehrung jedes einzelnen zu Gott , besiegelt durch sein Opfer . « » Aber diese Opfer sind verschieden , Graf Uriel . Sie können sie auch auf Windeck bringen . « » Jeder bringe sie nach seinem Maß und seiner Erkenntnis , mein Pater . Als Sie vorhin sagten , Ihre geliebte Unabhängigkeit hätten Sie ganz still für sich behalten , da sprach mein Gewissen : Das tue ich auch und in viel höherem Grade , denn ich verschleudere in Untätigkeit meine Tage , die Gott mir gegeben hat , um ihm zu dienen . « » Dienen Sie ihm in der Welt , Graf Uriel . « » Die Welt , mein Pater , ist so vermorscht und verwest , daß man bei jedem Schritt in ihrem Moder von Lüge und Sinnlichkeit versinkt und ihr nur dadurch helfen kann , daß man sich außerhalb ihrer Strömung hält , um die Schiffbrüchigen und die gefährlich Schwimmenden zu retten . Wenn sich der Masse der abgefallenen Geister gegenüber nicht andere erheben , welche sich der Gnade in die Arme werfen und genau den entgegengesetzten Weg gehen , den die Welt geht - mit einem Worte : die es so machen wie Sie , mein Pater ! was soll dann aus dem Christentum werden . « » Ich bin nicht der letzte Windecker , Graf Uriel ! soll der im Kapuzinerhabit verschwinden ? « » Mein Pater , die Scipionen , die Flavier , die Ämilier - das waren ganz andere Namen ! und sie verschwinden mit dem Christentum in dem Schatten des Kreuzes . « » Werden Sie lieber Jesuit ! Sie sind so fein gebildet . « » Der Weltgeist haßt den Jesuiten . Im Haß liegt ein Etwas , das meiner Eigenliebe schmeicheln könnte . Der Weltgeist verachtet den Kapuziner : Verachtung kann ich nur durch Gottes Gnade ertragen - und da ich leben und weben will nach der Ordnung der Gnade , so werde ich Kapuziner . « » Oho ! Graf Uriel , Sie scheinen ja schon alles recht gründlich überlegt zu haben . « » Und kam doch nicht zum Entschluß .... als hier auf der Stätte der Martyrer , deren Blut auch für mich geflossen ist und mich zur Nachfolge einladet . « » Amen , « sagte Pater Bonaventura . Es sind jetzt vier Jahre seit diesen Begebenheiten vergangen . Judith ist in die Kongregation von Unserer Lieben Frau zu Sion eingetreten . Sie heißt Schwester Thaïs . Sie verzehrt sich im Dienst der Seelen , ganz Hingebung Demut , Opferfreude . Aber nie hat man sie lächeln sehen und die Blässe des Todes weicht nie von ihrem Antlitz : sie wandelt zwischen zwei Leichen . Uriel hat sein Noviziat und seine theologischen Studien in Rom gemacht , und ist dann zur Mission der Kapuziner nach Amerika gegangen . Für Florentin , der sein jammervolles Leben fortführt , heißt es noch immer : Gottes Mühlen mahlen langsam , langsam , aber trefflich fein . Er ist der sinkenden Welt so ganz hingegeben , wie jene der aufsteigenden . Zu Windeck lebt Corona bei ihrem Vater . Auf die Stätte , die ihrem kindlichen Auge als die schönste der Erde erschien , hat der Ratschluß Gottes sie zurückgeführt . Ihr milder Einfluß und die herben Prüfungen der Vergangenheit haben Graf Damians Herz der Welt abgerungen . Das schönste Verhältnis besteht zwischen ihm und seiner Tochter , und breitet sich segensreich über all seine Umgebungen aus . Auf der Terrasse des Schlosses spielt ein fröhliches , weißgekleidetes Kind von sieben Jahren , der Trost seiner Augen und die Freude seines Herzens - Felicitas , die Erbin des ganzen Vermögens der Windecker . Corona erzieht sie so , daß sie ihrer Namenspatronin Ehre mache und in deren Sinn . Als man die heilige Felicitas zum Kampf mit den wilden Tieren in die Arena führte , fragte man sie , höhnisch auf ihren Namen anspielend : Wo ist nun dein Glück ? Sie aber antwortete : » Nicht hienieden . « Fußnoten 1 Auf ein Merkzeichen in ihrem Brevier hatte die heilige Therese geschrieben : Nada te turbe , Nada te espante , Todo se pasa , Dios no se muda , La pacienzia , Todo se alcanza ; Quien a Dios tiene , Nada le falta ; Solo Dios basta . Der selige Cardinal Diepenbrock in seinem » Geistlichen Blumenstrauß « hat es übersetzt : Nichts soll dich ängstigen , Nichts dich erschrecken , Alles vergehet , Gott bleibt derselbe . Geduld erreicht alles . Wer Gott besitzet , Dem kann nichts fehlen ; Gott nur - genüget ! 2 Die Ermordung der Herzogin de Praslin durch ihren Gemahl , im Sommer 1847 . 3 Edgar Quinet . 4 Epiphanes , ein Gnostiker , drang auf Gemeinschaft der Güter und Frauen . 5 » Glaubt der Papst , daß durch seine Exkommunikation meinen Soldaten die Waffen aus der Hand fallen werden ? « 6 » Die Welt besitzt dich , ohne dich zu kennen . «