, deren Devise die Unübertrefflichkeit ihrer Heimat ist . Beim Gespräch über Lindenwerth , die Pensionärinnen , Armgart , mußte man denn auch auf Armgart ' s Mutter kommen , Monika von Hülleshoven . Sie kennen sie ? fragte der Geistliche Terschka . Auch Schulzendorf horchte auf . Einen Namen hörte er , den er von Kocher am Fall kannte . Sie hat eine Tochter hier in der Erziehungsanstalt auf der Insel ! fuhr Terschka fort . Ich hoffe sie heute noch zum Kaffee auf der Terrasse kennen zu lernen ! Gnädige Frau hatte die vortreffliche Idee , die Terrasse heute zum Salon der kleinen Zöglinge zu machen ! Engeltraut schwieg zu der freudigen allgemeinen Acclamation . Zu vieles wußte er , was mit dieser Bemerkung schmerzlich zusammenhing . Erstens , welche Bedenken diese Einladung drüben bei den Englischen Fräulein überhaupt hervorgerufen hatte . Doch hatte er der Schwester Aloysia gesagt : Unser Herr spricht : » Reinige zum ersten das Innenwendige am Becher ! « woran er die Betrachtung knüpfte , daß man von dem Auswendigen nicht zu viel Wesens zu machen brauchte ... Dann hatte er vor wenig mehr als einer Stunde erst mit Angelika und Schwester Aloysia die Briefe aus Wien und Kocher lesen können ( denn zwei Taufen und ein Krankenbesuch hatten ihn sogleich nach der Application in Anspruch genommen ) ; den Rath hatte er gegeben , » abzuwarten « - ein für Armgart nicht minder als das Wort » Geduld « höchst antipathischer Begriff ... Den Major fragte er nach dem Obersten , Armgart ' s Vater . Jedes allgemeine Gespräch pflegt sonst von dem Uebergang zu Persönlichkeiten gestört zu werden . Hier aber ereignete sich der Fall , daß die Mittheilungen , die der Major von dem Obersten von Hülleshoven machte , manchen interessirten . Ja als er auf Kocher am Fall überhaupt zu sprechen kam und das neueste nachbarliche Erlebniß erwähnte , das Erbrechen eines Grabes drüben , als er den Antheil schilderte , den daran eine gewisse Lucinde Schwarz hätte , die den noch immer nicht aufgefundenen Thäter auf die Idee gebracht , in einem Sarge Schätze zu suchen , da wurde plötzlich alles rege und ging wild durcheinander . Selbst der immer stummer gewordene Herr von Binnenthal fuhr auf und die gerade von möglichen Gewittern und der richtigen Abgangszeit der Dampfschiffe sprechende Frau von Guthmann und beide ganz in Beethoven , Mozart und jetzt wieder die köstlichen Früchte des Desserts und die Vergleichung der geographischen Breitengrade des Enneper Thals mit den » Vierlanden « bei Hamburg verlorenen Damen Carstens riefen wie elektrisch berührt : Lucinde Schwarz ? ! Eine ultramontane Emissärin , die in den gegenwärtig schwebenden Zeitläufen - begann der Major ... Der Major würde mit diesem für die Nähe eines Pfarrers ziemlich scharfen Worte und den naturgemäß zu erwartenden Repliken , dann wieder bei den darauf folgenden nähern Erläuterungen leicht bei dem vortrefflichen Dessertwein sich eine leise Anspielung erlaubt haben können auf den nicht ostensibeln Grund seiner heutigen Anwesenheit in dieser Gegend , wenn nicht in diesem Augenblick der allgemeinsten Spannung und durcheinander fahrenden Fragen : Lucinde ? - katholisch ? - wo ? - wann ? - ein Blitzstrahl das seither immer dunkler gewordene Zimmer erleuchtet hätte . Der erschreckenden Helle folgte in so raschem Aufeinander ein erschütternder Donner , daß alles aufsprang , weil man voraussetzte , es müßte irgendwo in der Nähe eingeschlagen haben . Das Diner war damit zu Ende . Rasch lehnte man die bunten Fenster zurück und sah entsetzt ins Freie . Zum Glück wurde nirgends ein Feuer oder Rauch ersichtlich , aber der ganze Himmel war eine einzige große graue Wolke ; ein Gewitter tobte und der Regen floß . Die Damen Carstens vergaßen alle Gemüse- und Obstzucht in der Welt , alle Confessionsunterschiede und bedachten nur ihre Schuhe von Zeug und die mangelnden Regenschirme und die Weiterfahrt auf dem Dampfschiff . Ueberall fanden sie gefährlichen Zugwind , riethen zum Schließen von hundert Fenstern , die sie in der Nähe und dann auch sogleich weit offen stehend witterten . Auch Frau von Guthmann verlor ihre erkünstelte Heiterkeit und flüsterte mit ihrem Gatten . Herr von Binnenthal hatte noch mit dem Dampfboot in die Residenz des Kirchenfürsten zurück wollen ! Bereits zum öftern war von ihm die Nothwendigkeit einer Eisenbahn nach Belgien behauptet worden ... Wirklich war es nun ein Gewitter , als hätte sich wochenlang darauf die Natur vorbereitet . Während man gemüthlich aß und plauderte , hatten Stürme die Wolken immer dichter heraufgejagt . Sie entluden sich in Blitzen , die dicht in der Nähe schon in den dunkelwallenden Strom schlugen . Das hatte sich erst von Westen her in einzelnen Vorboten angekündigt . Dann kam ein dunkelblauer Streifen , der sich ausdehnte wie mit Drachenflügeln , Staubwirbel aufriß , die wie in Trichterwindungen sich drehten , die Thüren zuschlugen , Fenster zerklirrten ... Jetzt brach ein Regen mit Schloßen aus und mit Blitz und mit Donnergekrach ... Nun das ganze von Besuchern überdeckte Thal ! ... Ueberall in Berg und Flur weißschimmernd die hochaufgenommenen Kleider ! ... Stimmen dazwischen ! ... Hülferufe nach einem Kinde , das fehlte und nicht geborgen ! ... Die Sonntagsfreude allen dahin ! ... Wo sollten die Lustgänger sich bergen ! ... Wo sollte sich alles ducken und verstecken ! ... Arme Jugend auch von drüben , von Lindenwerth , dein Besuch der Villa wird zu Wasser ! Oder - ist es denn möglich ? Nein ! Neuer Schrecken ! In diesem Tumult der Elemente kommen ja eben wirklich vom Ufer , dort unten ausgestiegen , die neunundzwanzig jungen Mädchen wie eine versprengte Wallfahrt daher ! Wie ebenso viele Tauben zeichnen sie sich am grauen Horizonte ab ! ... Man sieht sie im aufgeweichten Boden versinken , kämpfen gegen die Fluten vom Himmel mit ein paar alten Regenschirmen ! ... Sieben auf einen , den dann alle sieben auch halten müssen , wie wenn sie mit Sturmböcken gegen die empörte Natur anliefen ! Schirme ! Tücher ! Galoschen ! Jean ! Franz ! Den Damen entgegen ! So rief Bernhard und niemand war schon eifriger als Terschka , der auf Armgart » zu brennen « erklärt hatte und schon mit Hülfe eines andern eine ganze Garderobe auf dem Arme hatte und hinauseilte ... Dieser andere hinter ihm her , einen Regenschirm über ihn haltend , zwei unterm Arm ... Moritz und Bernhard blicken befriedigt Terschka und dem andern nach ... Wer war der andere , dieser Helfer in der Noth ? Waren also doch noch gewisse gelbe Seidenhandschuhe zu Ehren gekommen ? Moritz besonders stand voll Bewunderung . Wie ein Garçon auf Rheumatismus zu sprechen ist , wußte er . Und nun bugsirte der kleine schwarze Vetter eines der Mädchen nach dem andern über die in Rinnbäche verwandelten Wege , hatte Nankingbeinkleider wie Schwimmhosen an und machte sich nützlich in einer Weise , die ihm jetzt fast die öffentliche Anerkennung eines gewissen , wenn auch entfernten verwandtschaftlichen Grades eintrug . Niemand aber war bei alledem , sollte man es glauben , charmanter als Bettina , die junge Wirthin ... In den ersten Honigmonden der Ehe hat man so viel Glück , so viel Wonne im Herzen , daß man tausenderlei Plage damit aufwiegen kann . Als Moritz leise zu Bernhard flüsterte : Aber mit dem Armband ist es doch fatal ! Willst du denn nicht die anwesende Gensdarmerie - ? brach dieser zornig aus : Nein , wie weh thut mir ' s vor dem Ober-Chochem ! Ein Haus zu machen muß gelernt werden ! Für Bettina ist das Ganze nur eine von mir arrangirt gewesene Uebung ! Der » Ober-Chochem « 2 trat , sich ergebend , zurück ... Und sollte nun die Sonntagspartie Thiebold ' s und der Freunde Piter ' s zu Stande gekommen sein und sie wären in diesem Augenblick an der Villa vorübergeritten oder gefahren oder jetzt nach Umständen geschwommen , so würden die Brüder die Genugthuung gehabt haben , ihnen ein Schauspiel zu bieten , das nur die Verleumdung hätte unterschreiben können : » Alles fürs Geschäft ! « Denn Bernhard führte ehrerbietigst die beiden in Regen und Sonnenschein immer gleich feierlichen Englischen Fräulein dem Pfarrer entgegen , der sich nicht nur für Wenzel von Terschka , sondern für sein eigenes theilnehmendes Herz bemühte , aus dem lachenden jungen Schwarm vor allem Armgart von Hülleshoven herauszuerkennen . So begann der Kaffee auf dem Zimmer statt auf der Terrasse . Fußnoten 1 Ja wohl . 2 Ober-Philosoph 13. Konnte nun aber wol auch Armgart zu den Ungeduldigen gehört haben , die dem heraufziehenden Unwetter bald den schönsten Uebergang wieder zum blauen Himmel und Sonnenschein verhießen und sich von der Einladung in die drusenheimer Villa um alles in der Welt nicht abbringen lassen wollten ? Wird denn auch sie mit ihrem halb über den Hut gezogenen Oberkleide durch die Feldwege , die in Gießbäche sich verwandelt hatten , so » hingetrottelt « sein , sieben unter einen alten Regenschirm gedrückt ? Wird denn auch sie von den zu Hülfe Eilenden so beschützt werden , daß sie nur noch nöthig hat , das Anerbieten der jungen Frau Wirthin anzunehmen , daß sämmtliche junge Mädchen mit ihren vier Erzieherinnen erst in ihrem Zimmer Toilette machen möchten ? Sieht sie die beiden Englischen Fräulein ( nicht die Misses Coffingham , sondern die ihrigen ) voll Bewunderung lieber sich bis auf den Tod erkälten , als daß sie ein einziges ihrer nassen Ordenskleider wechseln ? Lernt sie von Frau Bettina , wie eine junge Frau , die eigentlich das Herz voll Aerger haben sollte , davon nicht das Mindeste verräth , sondern sich in diesen Lärm eines massenhaften Besuchs wie in etwas ganz Gewöhnliches findet , dazu die freundlichste Miene behält und statt eines Gartenfestes jetzt oben den Salon und den Flügel und als der Regen nachläßt , die Fenster wieder öffnen und dann die Jugend sich zu Kaffee und allerlei köstlichem Backwerk ergehen läßt , wie es ihr eben beliebt ? Hört Armgart dem Herrn von Terschka zu , der vor allen sie auszuzeichnen sich vornahm , ihr erzählen wollte von ihrer Mutter , die in der That vielleicht schon diesen Abend , jedenfalls morgen am Hüneneck eintreffen konnte ? Lachte sie wie die andern Mädchen über einige der Herren , die sich ins Rauchzimmer zurückgezogen hatten und die unerbittlichste aller Kritiken , die des Muthwillens , herausforderten ... womit stößt man nicht alles bei jungen Mädchen an ! Spielte sie Charaden , Moquirstuhl und Schenken und Unterschrift , wobei endlich der die » Herren « meidende Herr von Binnenthal aufhörte vom Wetter zu reden , die in Nebel gehüllten Dampfschiffe zu verfolgen und sogar für einige seiner Devisen , z.B. » Bange machen gilt nicht ! « ein dankbares Publikum findet ? Gibt sie der Frau von Guthmann Auskunft über ihren Stammbaum und veranlaßt diese Dame , auch von dem ihrigen zu reden ? Schließt sie sich zuhörend den vier protestantischen Jungfrauen an , die , während die Musiklehrerin Tänze spielt , einen fanatischen Confessionsmeinungsstreit mit den beiden dem Pfarrer attachirten Englischen Fräulein und Angelika beginnen ? Bewundert sie den Heroismus der wirklichen Engländerinnen , die den beiden Nonnen , die nun einmal das sind , was sie sind , das Papstthum als eine Schöpfung des Antichrists schildern und ihnen das Recht abstreiten , sich nach dem freien Albion zu nennen , wodurch sie dann allerdings Gelegenheit gehabt hätte , ihre Ansichten über die Ausbreitung des Katholicismus in England zu berichtigen ? Und hört sie , wie die sanfte Angelika , als die beiden Fräulein Carstens nach langer Conversation des Erstaunens über Lucinden erklären , sie müßten an sich eine weibliche Erziehungsanstalt , wie die drüben , die nur Frauen leiteten , eine musterhafte nennen , denn nur sie lehre es , » die Männer zu verachten « , worauf es in einer heirathsschwierigen Zeit vorzugsweise ankäme , im Gegentheil diese Auffassung in Abrede stellt und erklärt , sie ihrerseits müsse gestehen , sie lehre ihre Mathematik , ihre Geschichte , ihre Naturwissenschaften nur , um desto mehr die Männer hochachten und lieben zu lernen , da eben die Männer es gewesen wären , die die Mathematik , die Naturwissenschaften und die Geschichte erfunden hätten ? Lauscht sie den jener unheimlichen Lucinde gewidmeten Erzählungen Schulzendorf ' s , der nach zwei genommenen Tassen Kaffee und einem kleinen Curaçâo sich bald empfehlen zu müssen erklärte und auch von Grützmachern und seinem Pferde abgeholt und von dem schärfer blickenden Auge desselben veranlaßt wurde , gewisse auf dem Balcon sichtbare Persönlichkeiten mit gewissen Notizen in ihren Portefeuilles zu vergleichen ? Oder steht Armgart auch nur zur Seite und glossirt mit Moritz diese » stillen Sonntagsfreuden ländlicher Zurückgezogenheit « und hört die Geschichte , die Herr von Guthmann bei Gelegenheit Lucindens , der spätern Schauspielerin Konstanze Huber , von einem jungen Commis erzählt , mit dem Herr von Binnenthal eine ganz merkwürdige Aehnlichkeit hätte ? Von alledem nichts - Denkt euch einen von Regen träufenden breitastigen Ulmenbaum ! Denkt euch an ihm einen gewaltigen Ast und auf dem Ast einen schmächtigern Zweig und in dem Zweige ein grünes Winkelchen und in dem Winkel ein Vögelchen , das in Sturm und Unwetter , in Regen , Blitz und Donner wie ein ganz klein bucklig Zwergmännlein in seinen aufgeplusterten Federn sitzt ! Mit Augen und Schnabel sitzt der Kopf , mit Krallen und Sporen sitzen die Füßchen ganz in dem Federwulst versteckt . Sonst so schlank , sonst so leicht durch die Blätter hüpfend , hockt das Thierchen wie ein Männlein aus der Gnomenwelt oder wie ein Kind , das Großmütterchens alten Pelzmuff über den Kopf gezogen hat . So verzaubert sitzt Armgart einsam auf der Insel Lindenwerth . Sie wollte nicht mit ... Sie blieb daheim ... Sie blieb in ihrem Schlafsaal Nr. 5 , an dessen äußerm Ende eine der Pensionärinnen ein wenig unpäßlich liegt , die kleine Liddy , die bei Sturm und Ungewitter ruhig in ihrem Bettchen schlummert . Sie hat die Pflege der Kleinen übernommen ... Still ist ' s in dem noch immer düstern Saale , auch nachdem die Schloßen ausgetobt haben . Einige Scheiben knickten ein , glücklicherweise ohne Zugwind durchzulassen ... Armgart zieht sogleich die grauen Fensterladen vor und nun wird ' s in dem Saale mit den fünf leeren Betten und der einen schlummernden Kranken noch gespenstischer . Da hockt sie denn an dem einen freigebliebenen Fenster , an dem nassen Ulmenbaum , an dem kleinen , von ihr dorthin getragenen Nähtisch , vor dem aufgeschlagenen Buche , in dem sie lesen wollte und nicht lesen kann ... in einem Rosenkranz von Gebeten und Gedichten von Beda Hunnius mit einem wundervollen Titelkupferstiche , einen Kranz darstellend von sieben Rosen , die die sieben Schmerzen Mariä enthalten und drüberher triumphirend das Lamm mit der Fahne , das Symbol ihrer schwierigsten und mangelndsten Tugend - der Geduld . Aber sie scheint recht geduldig geworden zu sein ... sie gluckst nur so und duckt sich und » hockelt « , wie die Mädchen sagen . Erst während des Mittagsessens war Angelika den andern nachgekommen mit der Vorsteherin Aloysia . Sie hatten drüben zwei Stunden auf den Pfarrer warten müssen . Und was brachten sie mit ? Mahnungen zum Abwarten ! Und die Mutter schrieb doch - der Pfarrer hatte gestattet , daß Armgart den Brief las - : » Mein gutes Fräulein Angelika Müller ! Ich erhalte von unserm sanften , liebevollen Dechanten aus Kocher am Fall Ihre Einlage an ihn . Sie wissen nicht , daß mir einst mein Kind , mein einziges , wie von Zigeunerhand gestohlen wurde ; daß ich hinausgejagt in Sturm und Verzweiflung hundert vergebliche Versuche machte , mein Kind mir wiederzuerobern , daß ich dann , als alles vergebens , in ein Kloster ging , fast zehn Jahre der Selbsterkenntniß lebte und der eingestandenen Pflicht - , erst mich selbst zu erziehen . Jetzt bin ich fast fünfunddreißig Jahre ; aber ich fühle mich wie mit Siebzigen . In euern Wäldern wußt ' ich mein Kind von meiner Schwester und meinem Schwager liebevoll gehütet , wie ihr eben liebt , wußte sie so erzogen , wie ihr die Menschen erzieht . Ich schildere Ihnen die Sehnsucht nicht , die mich nach meinem Kinde verzehrte , das man mir nur zurückgeben wollte unter der Bedingung , daß ich meinem in seiner Garnison versetzten Gatten folgte . Es trennte mich nichts von ihm , als die freudige Lust , ihm folgen zu können . Zuletzt , als erneute Versuche der Eroberung vergebens waren , beruhigte ich mich mit dem Gedanken , daß ich Armgart vielleicht zum Opfer meiner Nichterziehung gemacht hätte . Wie oft nennen wir Erziehung , was nur ein unglückliches und widerstandloses Dahingeschleiftwerden ist von älterlichen Thorheiten ! Wie oft nennen wir Liebe , was nur ein unglückliches Zermalmtwerden von den Rädern unserer eigenen Entwicklung ist ! Thörichte Mütter , die ihr von der Zärtlichkeit für eure Kinder sprecht und sie nur zu den Opfern eurer Stimmungen macht ! Eure Umarmungen sind nicht deshalb so heftig , weil sie von euerm reinen Herzen kommen , sondern weil sie von eurer Leidenschaft kommen , von eurer Verzweiflung oft um nichts , von eurer verletzten Eitelkeit ! Mit stürmischen Küssen bedeckt ihr eure Kinder und flößt ihnen oft nur Gift ein ! ... So war wenigstens meine Vergangenheit ... Jetzt ist , nach einem langen Klosterleben , vieles , vieles in mir anders . Ich erzog mich , eines Kindes würdige Mutter zu sein . Da soll Armgart ' s Vater zurückkommen und neue Stunden des Kampfes und der Prüfung sollen heraufziehen ? Dem Vater soll gehören , was mit mindestens gleichem Rechte mir gehört ? ... Wie ich diese Zeilen schreibe , bin ich im Begriff Wien zu verlassen und mein Kind , dessen Seelenkampf ich verstehe , den ich jedoch nimmermehr von Armgart allein oder von meinem Gatten werde entscheiden lassen , in meine Arme zu schließen . Ich kann mich vor ihr rechtfertigen . Monika Hülleshoven . « Das Auge der kleinen Richterin hatte gefunkelt beim Lesen des so seltsam entschiedenen Briefes ... Bei den Worten : » Wie mit Siebzigen « strich sie sich bewußtlos ihren dunkelbraunen Scheitel , als gedächte sie der weißen Locken ihrer Mutter ; bei der Schilderung der falschen Liebe und Zärtlichkeit der Mütter stockte sie ... sie verstand diese Stellen nicht ... aber bei der Nachricht , daß die Mutter schon unterwegs wäre und von ihr Besitz nehmen wollte , nahmen ihre Gesichtszüge den Ausdruck des Schreckens an , der ihre schönen Lippen halb öffnete und wieder , wie verboten , die beiden Zähne hervortreten ließ . Immerfort strich sie mit der Hand über den Scheitel ihres Haares , gleichsam diesen zu ebnen , und die Hand wollte nur die Gedanken ebnen , die wilden , unruhigen , die schon Entschlüsse in ihr zu treiben begannen . Der Pfarrer befiehlt dir , deinen Schein von Richterschaft aufzugeben , dir nicht anzumaßen , daß du ein Urtheil fällst über Vater und Mutter und daß du dich ruhig ergeben sollst und vorläufig dem Willen des Stärkeren ! Armgart lächelte und blickte wie abwesend auf die Oberin Aloysia , als die diese Worte gesprochen . Kommt die Mutter früher als der Vater , so gehörst du den Umarmungen der Mutter ! fuhr Schwester Gertrudis fort . Inzwischen hat der Pfarrer nach Westerhof geschrieben und wartet von dort auf Antwort ! Jetzt , zumal da vollends auch Angelika so ganz zu allem schwieg , flossen Thränen der Liebe und des Schmerzes . Und doch standen der stillergebene Stolz des Vaters , die würdevolle Entsagung des Tiefgekränkten auch der Freundin Angelika so lebhaft vor Augen , daß sie das Gefühl des Kindes , gerade diesem Vater sich nicht zu weigern , gerade ihn mit der Heimat nach so langer Trennung wieder auszusöhnen , vollkommen verstand . Die excentrische Gefühlsweise Armgart ' s entsprach im Grunde auch ihrer eigenen Lebens- und Menschenauffassung . Nicht wer Mathematik treibt , sondern wer ein starkes Herz hat und doch entsagen , doch kämpfen muß , lebt das Leben nach Gesetzen und regelt jedes noch so glühend aufwallende Gefühl . Angelika wußte selbst nicht viel von der Stärke , die sie besaß . Sie war unbewußt stark und gab sich nach außen doch wie die Schwäche selbst . Sie tröstete und schalt und verschwendete noch Worte , wo ihr Inneres längst entschieden hatte . Darin glich sie einer Mutter , die , mit den strengsten Worten und vor Schmerz selbst vergehend , ihrem leidenden Kinde die schmerzhaftesten Wunden lindern und verbinden kann , während dem dabeistehenden Miethling in seinem scheinbar weicheren Mitgefühl angst und wehe wird . Und wir sehen ja heute noch Benno drüben ! war Angelika ' s Trost gewesen . Er kommt gewiß hinüber ! Von der Villa aus erspähen wir ihn schon und wol gar auch Thiebold de Jonge - Armgart zeigte stumm auf die heranziehenden Wolken und später sagte sie ohne Verstellung : Ich bin krank ! Nach Drusenheim - geh ' ich nicht mit hinüber ! Armgart ! verwies Angelika und fühlte ganz das Nämliche , was die Gescholtene . O , sagte Armgart nach einer Weile , es ist furchtbar mit diesen Aerzten der Seele ! Zu wissen , daß ein Arzt auf ein Uebel heilt , das wir gar nicht haben ! Ungeduld , das ist ja meine Krankheit gar nicht ! Eine Zeit kann kommen , wo ich auf die Art in keinen Beichtstuhl mehr gehe ! Armgart ! Armgart ! rief aufs neue ernstlich verweisend Angelika und - fühlte doch wie die Gescholtene . Ich will der Priester meiner Aeltern sein ! fuhr Armgart fort . Ich will sie zum zweiten male trauen , noch einmal segnen ! Davon träum ' ich Tag und Nacht ! Darauf hin seh ' ich Leiden und blutige Dornen über mich verhängt , aber auch Rosen , himmlische Rosen der Erfüllung ! Und Angelika hörte alles das äußerlich tadelnd , innerlich billigend . Mit all ihrer Mathematik und Physik lebte sie in einer gleichen Anschauung überirdischer Dinge , in gleicher Verehrung vor den großen Zauberformeln der Seele , denen alle Natur gehorchen muß . Angelika besaß den reichen aufgesammelten Schatz der Liebe einer Jungfrau , die ohne Hoffnung verblühen muß . Man hatte längst zu Mittag gegessen ... Alles war in Kummer über das zunehmende Sichüberwölken des Himmels ... Kurz vor Vier faßte man den heroischen Entschluß , ehe es » gießen « würde , doch hinüberzuschiffen ... Die Erzieherinnen gaben nach ... die Englischen Fräulein wollten dem Pfarrer ein gegebenes Versprechen halten . Angelika befürwortete nun selbst das Zurückbleiben Armgart ' s. Sie ließ ihr außer dem Briefe der Mutter auch den kurzen und so unbestimmten des Dechanten . Und bei alledem , mehr mochte der Dechant jene geheimnißvolle Zuschrift aus Italien nicht studirt haben , als Armgart seine Runenschrift bis auf jedes Häkchen und jeden Bindestrich zu entziffern sich mühte . Ob voll Jammer und Klage über das veränderte Wetter nach langem Hin- und Widerreden das Institut sich eingeschifft hatte , ob die jungen » nachgemachten Engländer « sich drüben einfinden würden , ja ob selbst Benno ihrer harrte ... sie blieb daheim und las und wachte über die kleine Liddy . O , das sind seltsame Zustände , wenn es so in unserm Innern an allen Enden und Ecken zupft und kein Gedanke Stich hält , kein Gefühl zur That wird , keine Vorstellung , und wäre sie auch nicht schreckhaft an sich , doch kein reines und volles Behagen gewähren will ! Dann weiß man , und die fiebernde kalte Hand bezeugt es , daß man in seiner Sorge und seinem Unmuth sich gewiß nur selbst zerstört , und doch kann man den Blutstrom , der alle Lebenswärme zum Herzen drängt , im Laufe nicht ändern , geht und wirft sich stöhnend aus einem Winkel in den andern und sagt sich nur : Eins ist gewiß , ich werde krank ! ... Auch Freunde können dann nicht helfen . Ja , wer hat denn gleich von euch den sanften Ton und den vollen Accord der reinen Uebereinstimmung , den Ton , der uns gerade jetzt so noth thäte und den nur allein zu hören jetzt uns möglich ist ! Wie klingt so oft euer Trösten und des Zuspruchs bestes Wort doch so völlig anders , als es die Schmerzen hören wollen ! Schon daß ihr alle so gesund aus der frischen Luft des Lebens kommt ! Daß euch allen nichts fehlt ! ... Käme z.B. jetzt Thiebold de Jonge - nur lachen , nur scherzen würd ' er ... Benno ... Benno freilich ... Benno ist immer so seltsam traurig ... was fehlt ihm nur , dem Guten , dem selbst in Heiterkeit doch immer nur so duldend Scheinenden ? ... ... Paula ! Paula ! ... Der hätte sie den Kopf in den Schoos legen mögen ! Die hätte Frieden über ihre Seele gehaucht , schon mit dem Streicheln ihrer Hand allein ! Paula hätte nur gesagt : Armgart ! und in dem einen Worte , in dem Tone schon hätte alles gelegen , was sie still und ergeben gemacht ! Das Gewitter war endlich vorüber ... Armgart erfrischte die verweinten Augen auf einem Balcon , auf den eine Thür des Corridors des alten unheimlichen Gebäudes führt ... Schon war es die sechste Stunde ... Die kleine Liddy hatte sich ein Geschichtchen erzählen lassen , sich dann auf die andere Seite gelegt und war wieder eingeschlummert . Der Balcon ging nach der Seite hin , die dem Hüneneck zugewandt ist . Sie konnte die für eine wiener Dame bestellten Zimmer nicht vergessen . Die » Vier Jahreszeiten « selbst waren vor Nebel nicht zu sehen ... Wie trübe dieser Anblick , der am frühen Morgen so schön gewesen ! Die nächsten Berge jetzt ganz unsichtbar ! Nur in leisen Contouren glitten sie aus dem Wassernebel heraus ... Das Enneper Thal ganz durchwallt von weißen Luftstreifen , als zög ' es fort mit den Wolken ... Am Meere , das hatte eine Antwerperin im Institute erzählt , da säh ' es so fast immer aus ... Am Meere ! ... Selten schossen die Wasservögel so niedrig hin ... Am Meere ! gedachte sie wieder ... Dann mußte sie das Nächste im Auge behalten , den Garten am Kloster , das Gewöhnlichste , nur um noch frisches Grün zu erblicken ... Wie die Salatbeete im Regen so putzig küchenmäßig und überreinlich glänzen ! Wie die Magd da watet barfuß in die weiche Erde hinein und die Köpfe heraushebt , die für den Nachtimbiß bestimmt sind ! ... Wann werden die Mädchen kommen ? ... Bringt Angelika wol einen Gruß von Benno mit ? Von Thiebold de Jonge ? Oder kämen sie wol beide und besuchten sie hier selbst auf der stillen Insel ? ... Darüber erschrickt Armgart ... Leicht gekleidet geht sie aus der frischen , ihr plötzlich fühlbaren Luft in den schwülen Corridor , den noch schwülern Schlafsaal ... Sie lüftet ein wenig das Fenster , das von Liddy am entferntesten liegt ... Der Gedanke des heimlichen Besuches hat sie ganz überrieselt . Sieben Uhr ! Immer noch kommen die Mädchen nicht ! Der Regen hat längst aufgehört . Man sieht trotz des Abendwerdens schon das Ufer wieder und drüben am Enneper Thal stehen die Kähne schon in Bereitschaft . Tönneschen Hilgers scheint so ungeduldig ... Es läßt sich sonst noch etwas verdienen ... denn mancher hat das Dampfboot versäumt und will hinübergesetzt sein auf das jenseitige Ufer , wo es heute Omnibus genug gibt , die wenigstens noch nach der Universitätsstadt fahren ... Da fahren auch in Mänteln Herren und Damen ... Gäste aus der Villa ? ... Und immer die Mädchen nicht ! ... Müssen die sich gut unterhalten ! Die kleine Liddy ruft ... des Abends kommt sicher noch das Fieber ... Der Arzt , der vom Hüneneck her erwartet wird , auch der bleibt aus ... Halb acht Uhr ! ... Da endlich , endlich ! ... da kommen sie ! ... Armgart sieht es trotz der Dunkelheit deutlich vom Balcone . Die mögen schön einsinken in den weichen Feldwegen ! ... Lederschuhe haben glücklicherweise alle ... Herren begleiten sie und die Kleinen werden über manchen Bach , der erst seit einigen Stunden auf der Enneper Landkarte steht , hinweggehoben ... Ob Benno ' s Arm dabei behülflich ist ? Wie sollte der zu den Herren von Drusenheim kommen ? ... Aber Benno weiß ja überall Rath ... Da fährt ein Wägelchen ! Mit zwei Ponies ! ... Zwei Damen bringen die allerkleinsten der Pensionärinnen an den Landungsplatz ... Sich alles das und mehr noch nun bald erzählen zu lassen , interessirte Armgart bei alledem ... Von der Toilette der schönen Madame Fuld erwartete sie Wunderdinge ... Niemand kann sein Geschlecht im Andern mehr lieben und neidloser bewundern , als das weibliche . Wo ist denn aber unter den Schiffenden nur Angelika ? ... Sonst winkt die doch immer mit ihrem Sonnenschirm oder mit einem Taschentuch , wenn sie vom Ufer kommt und Armgart steht auf dem Balcon ... Heute aber - ja , da ist sie ... Sie kehrt der Insel den Rücken zu ! O , das sind schlimme Zeichen ! ... Oder gehört sie auch zu den Lacherinnen und schämt sich nur vor Armgart ? ... Wie aufgeregt ist das junge Volk ! ... Sie haben in den nassen Kähnen die Kleider aufgenommen und sitzen fast da wie die Butterfrauen , wenn die vom Markte kommen ... Regnet ' s denn noch ? ... Die Hüte sind mit Taschentüchern umwunden ... Man schont sie wol nur ; nur die beiden Nonnen sind , was sie sind , in Sonnenschein und Regen , immer die gleichen Hauben mit den gleichen langen Flügeln ... ihre zwei Regenschirme sind die gröbsten der Anstalt . Jetzt