. Im Vorzimmer , um bis an das Ende des Apartements zu gehen , sah man die Dienerschaft des Hauses die Erfrischungen herrichten , und die Limonaden sowie das Gefrorene vorher heimlicher Weise versuchen , ob es auch wohl würdig sei , den Gästen präsentirt zu werden ; - sowie auch den Herrn von Dankwart , der eigentlich hieher gehörte , und der einem Kammerdiener anempfahl , es ihm ja augenblicklich zu melden , sobald der Wagen der Frau Herzogin vorgefahren sei . Einen unserer Bekannten suchten wir bis jetzt überall vergebens , den Herrn von Brand nämlich , der aber eingeladen und auch erschienen war . Doch fanden wir ihn nicht , weil er , wie der Herr von Dankwart , bald hier bald dort war , übrigens eine ganz andere Rolle spielend ; denn während dieser sich vordrängte , viel sprach und also leicht bemerkbar war , zog Jener sich zurück , knüpfte fast gar keine Unterhaltungen an und schien nur aus der Ferne dies und das zu beobachten . Jetzt näherte er sich dem Spielzimmer , trat aber dort sogleich in eine Fensternische und ließ sich auf einem kleinen Fauteuil nieder , der ihn durch den daneben herabhängenden Vorhang fast ganz verbarg . Es waren in diesem Zimmer drei Spieltische aufgestellt , und man arbeitete fast überall mit dem Strohmann ; doch war der Stuhl desselben fast nirgendwo unbesetzt , und wenn sich ein Zuschauer von demselben erhob , so nahm gleich ein anderer darauf Platz . An dem Tische , der dem Baron zunächst stand , saß Seine Excellenz der Oberststallmeister , der Hofmarschall , sowie ein kleiner alter , vertrockneter Herr , dessen Bekanntschaft wir noch nicht gemacht . Er hatte ein spitziges Gesicht von unangenehmem Ausdruck , tief liegende , trübe Augen , wenig Zähne und auf dem Kopfe eine Perücke , deren Farbe offenbar zu dunkel abstach gegen seine fahle , verlebte Gesichtsfarbe . Der alte Herr saß mit ziemlich gekrümmtem Rücken da und bückte sich bei jeder Karte , die ein Anderer ausspielte , noch tiefer hinab , wobei er die Augen blinzelnd zusammen kniff . Zuweilen bediente er sich auch einer Lorgnette , die neben ihm lag , um einen etwas entfernten Stich betrachten zu können . Seine Finger waren unendlich mager und zitterten oftmals so heftig , daß er mit der rechten Hand nachhelfen mußte , um die in Unordnung gerathenen Karten wieder gehörig aufzurichten . Wenn wir dem geneigten Leser sagen , daß er von seinen Mitspielenden mit » Excellenz « angeredet wurde , daß er über der weißen Atlasweste ein breites Band trug , sowie auf dem schwarzen modischen Frack einen blitzenden Stern , so wird derselbe versichert sein , daß wir ihn soeben mit einer sehr vornehmen Person bekannt gemacht haben . Es war dies Seine Excellenz , der in dieser Geschichte schon einige Mal erwähnte pensionirte General-Adjutant Baron von W. , in seiner Jugend ein gewaltiger Eroberer in mancherlei Beziehungen , jetzt nur noch eine alte , verdrießliche Ruine , die nur in solchen Augenblicken etwas freundlicher aussah , wenn sie von der Sonne allerhöchster Huld und Gnade beschienen wurde . Neben ihm , auf dem Platze des Strohmanns , saß seine Frau , die Baronin W. , und man konnte sich keinen größern Kontrast denken , als dieses Ehepaar darstellte . Sie war eine schöne Frau in den Zwanzigen , hatte volle , schwellende Formen , einen unbeschreiblich weißen , aber sehr blassen Teint und die schönsten hellblonden Haare , die man sehen konnte . Die Baronin war einfach in hellblaue Seide gekleidet ; ihr Schmuck war unbedeutend und bestand nur in Perlen , die sie am Armband und in den Ohrringen trug . Sie war , wie gesagt , heute noch eine der reizendsten Erscheinungen , mußte aber vor Jahren wunderbar schön gewesen sein , als sich die Frische der Jugend noch in den Formen ihrer Gestalt ausdrückte und als ihr jetzt etwas umflortes Auge noch im vollen Glanze strahlte . Sie war etwas stark geworden und ihre Augenlider hatten eine eigenthümliche Färbung ; dunkler als die Stirne lag über ihnen ein Schimmer von Rosa und Braun , welches aber das Gesicht durchaus nicht entstellte , ja es womöglich noch anziehender und interessanter machte . Wie schon gesagt , saß sie an der Stelle des Strohmannes und hatte den vollen weißen Arm so auf die Ecke des Tisches gelegt , daß der Fächer , der am Handgelenke befestigt war , frei herab hing und hin- und herschwebte , welches Spiel sie angelegentlich zu betrachten schien . Zuweilen aber , wenn Seine Excellenz einen Ton des Mißfallens oder der Freude hören ließ , hob sie die müden Augenlider empor und schaute über die Karten hin , wobei ein leichtes Lächeln um ihren Mund spielte , wenn sie den Blicken des Gemahls begegnete . Der Herr von Brand saß so in seiner Ecke , daß ihm Seine Excellenz der General-Adjutant den Rücken zudrehte , er dagegen der Baronin in ' s Gesicht sehen konnte . Seine Excellenz bekam vortreffliche Karten und nahm häufig ihre Lorgnette , um die Stiche zu betrachten . Auch lachte sie zuweilen laut hinaus , was zwar durchaus nicht angenehm klang , aber die Freude ihres Herzens bekundete . Die Baronin schien an dieser Freude offenbar Antheil zu nehmen , denn sie ließ ihr Fächerspiel bleiben , stützte den Kopf auf ihren Arm und begleitete das triumphirende : » enfin - petit Schlemm ! « Seiner Excellenz mit einem freundlichen Kopfnicken . Als sie in diesem Momente das Gesicht erhob , und , gewiß zufälliger Weise , ihre Blicke durch das Zimmer schweifen ließ , begegneten sie denen des Herrn von Brand , der sie aufmerksam und fest ansah . Es mußte für sie etwas Seltsames in diesem Anschauen liegen , denn ihre Gesichtszüge änderten sich vielleicht während einer Sekunde , was sie fühlte , denn sie blickte fast erschrocken auf ihren Gemahl , der aber in seine Karten sah und durchaus nichts bemerkt hatte . Hierauf drehte sich die Baronin nach und nach an dem Tische so , daß sie nach der Fensternische schauen konnte , während die rechte Hand den Spielenden ihr Gesicht verdeckte . Wir müssen nun eingestehen , daß sie jetzt häufig ihre Blicke dem Baron zuwandte , daß dieser ebenfalls scharf herüber sah , ja daß er kurze Zeit nachher ein für uns unverständliches Zeichen machte , welches die schöne Frau dadurch beantwortete , daß sie langsam ihre Augenlider senkte , was offenbar Ja bedeutete ; denn nun erhob sich der Baron aus seiner Fensternische und schlich , von den Spielenden ungesehen , zum Zimmer hinaus . Die Baronin blieb noch eine Zeit lang ; dann legte sie ihre volle weiche Hand auf den schlotternden Aermel ihres Gemahls und sagte mit ihrer sanften Stimme : » Ich wünsche dir alles Glück wie bisher , « - worauf der Oberststallmeister galant erwiderte : » Das wird von ihm verschwinden , sobald Sie , gnädige Frau , ihn verlassen . « » Was übrigens auch nicht mehr als recht und billig ist , « meinte einigermaßen verdrießlich der Hofmarschall . » Denn Seine Excellenz gehen in der That zu grausam mit uns um . « » Mais où allez-vous ? « fragte mürrisch der Gemahl , indem er der Baronin einen unfreundlichen Blick zuwarf . » Man sollte wahrhaftig glauben , es thue dir leid , mich einmal gewinnen zu sehen - contre la rêgle . « » Contre la rêgle , « lachte laut der Hofmarschall . » Nein , gnädige Frau , geniren Sie sich durchaus nicht ; verlassen Sie ihn nur , und wenn ihn damit sein Glück verläßt , so hat er es verdient . « Diese Worte schienen ohne alle andere Deutung gesprochen worden zu sein , doch riefen sie auf dem Gesichte des Oberststallmeisters ein leichtes Lächeln hervor , und die andere Excellenz biß sich auf ihre dünnen Lippen , zuckte die mageren Achseln und sagte mit ihrer schnarrenden Stimme : » Ah ! je ne pense pas de vous retenier . - Beim Spiel , « setzte er mit scharfer Betonung hinzu , » nennt ihr oft rasendes Glück , was eigentlich doch nur gutes Spiel ist . - Mais dites moi , où allez-vous ? « » Ich will einen Gang durch die Apartements machen , « erwiderte die Baronin mit leiser Stimme . » Graf Fohrbach wollte mich schon vorhin durch den Wintergarten führen ; ich muß doch diese Artigkeit vergelten , indem ich ihn aufsuche . « » Eh bien donc ! « sprach verdrießlich der General-Adjutant , » va - t ' en , va - t ' en . Du störst ohnehin meine Aufmerksamkeit . - Den Stich , « rief er dem Hofmarschall zu , » haben Sie allein dieser Unterredung zu danken . - Diable ! quelle distraction . « Die blasse Frau legte nochmals ihre Hand auf seinen Arm , was übrigens keinen weiteren Erfolg hatte , als ein unmuthiges Zucken . Dann schwebte sie leicht und anmuthig zum Zimmer hinaus . Im Tanzsaal erblickte sie der Kriegsminister , der sich ihr augenblicklich näherte und artig seine Begleitung durch die Zimmer antrug . Doch sagte sie mit einem freundlichen Lächeln : » Ich sehe wohl , wie Euer Excellenz hier noch von aller Welt umringt sind ; auch kommt dort soeben die Frau Herzogin , der Sie nicht aus dem Wege gehen dürfen . Ich will unterdessen schon voraus in den Wintergarten , und wenn Sie später einen Augenblick Zeit haben , so werde ich sehr dankbar für Ihren freundlichen Unterricht sein . « » Sie haben wirklich Recht , « erwiderte der Kriegsminister , indem er sich umwandte . » Aber man kann mit Ihnen , schöne Frau , nicht zwei Worte reden , ohne daß man Ihnen zu Dank verpflichtet sein muß . Wahrhaftig , die Frau Herzogin würde in ihrer guten Laune gegen mich geglaubt haben , ich suche sie absichtlich zu vermeiden . - Doch folge ich Ihnen sogleich . « Sie grüßte anmuthig und schritt durch den Tanzsaal und die übrigen Zimmer in den Wintergarten hinab , wo sich augenblicklich sehr wenige Gäste befanden . Entfernt von diesen und anscheinend eine prachtvolle Camelie betrachtend , stand der Baron von Brand in der Nähe des Einganges zu den Zimmern des jungen Grafen Fohrbach . Die Baronin näherte sich , und als sie so dicht bei ihm war , daß sie seine Worte verstehen konnte , sagte er : » In den hintern Zimmern ist Niemand ; da es aber auffallen könnte , wenn man uns dort allein träfe , so will ich hier stehen bleiben , wo ich den ganzen Wintergarten und die Zimmer bis in den Tanzsaal übersehen kann . Tritt etwas näher zu mir und setze dich hier auf den kleinen Fauteuil , wo du unbefangen auf Jemand warten kannst , während es mir sehr leicht möglich ist , dort hinaus zu verschwinden . « Die schöne Frau that , wie ihr der Baron gesagt , und als sie sich auf den kleinen Stuhl niedergelassen hatte , beugte er sich zu ihr hinab und sprach : » Ich habe dir viel zu sagen . « » Ich dir ebenfalls , « entgegnete sie . » Ich habe heute einen fürchterlichen Tag verlebt . « Er nickte mit dem Kopfe . » Ah ! wie Recht hattest du , « rief sie mit gefalteten Händen , » als du mir damals schon anbotest , die Angelegenheit des Kleinen in deine Hände zu nehmen . « » Es wäre in der That besser gewesen . « » Aber ich fürchtete mich . Du hättest das freilich Alles vorsichtiger behandelt ; aber man muß sich doch irgend Jemand anvertrauen , und das Schlimmste , was für uns Beide geschehen könnte , würde doch wohl sein , wenn man auf einmal ein Einverständniß zwischen uns ahnete . « » Natürlich wäre das jetzt unbegreiflich für die Welt und müßte zu den tollsten Vermuthungen Anlaß geben , « versetzte er mit trübem Blicke . » Und damals ging es nicht an ; du wußtest ja nichts von mir , wußtest nicht , welche Stellung in der Gesellschaft ich einnehme , ob es mir wohl ergehe oder ob ich nicht vielleicht langsam in Jammer und Elend verkomme . Wir sind nicht schuld daran , meine arme Lucie : das Schicksal , welches uns so früh aus einander riß , hat es nicht anders gewollt . - Doch schweigen wir über die Vergangenheit , schweigen wir darüber , wie man dies oder das hätte anders machen können ; die Zeit ist ja hinter uns gerollt , und mit allen Schätzen der Welt , wenn wir sie hätten , würden wir doch nicht im Stande sein , eine Sekunde zurück zu erkaufen , geschweige denn einen Tag , einen Monat , ein Jahr . - Also zur Sache ! « » Ja , zur Sache ! « wiederholte die schöne Frau und legte sich weit in den Fauteuil zurück , nachdem sie zuerst einen forschenden Blick durch den Pflanzengarten geworfen . » Es kommt Niemand , « sagte er und bückte sich so tief hinter den Camelienbusch hinab , daß er das leiseste Flüstern ihres Mundes verstehen konnte . » Du weißt , « sprach sie , » daß ich das Kind vor einem Jahre hieher kommen ließ . « » Leider ! « » Ich konnte es nicht ertragen , daß es so weit entfernt von mir war : ich mußte es zuweilen an mein Herz drücken , zuweilen seine lieben Augen küssen . - Du kennst ja mein freudeloses Leben und wirst mir im Ernst nicht darüber zürnen , daß ich mir unter die vielen Dornen meiner Tage diese einzige Rose flocht . - Ah ! es waren glückselige Stunden , wenn ich das Kind sah . « » Arme Schwester ! - Ich kann mir denken , daß dies Glück von kurzer Dauer war . - Aber weiter ! - weiter ! « » Ich hatte Alles auf ' s Beste eingerichtet ; der Kleine war bei einer sehr braven und verschwiegenen Frau , deren Wohnung in dem Hause einer Freundin lag , die ich ohne alles Aufsehen häufig besuchen konnte ; und wie ich dir schon sagte , genoß ich auch die Seligkeit , mein Kind hie und da zu sehen , fast ein ganzes Jahr . - Eines Tages theilte mir aber die Wärterin mit , sie sei verschiedenen ihr unerklärlichen Nachforschungen ausgesetzt , bei Spaziergängen mit dem Kinde dränge sich oft ein Mann an sie , knüpfe eine Unterredung über gleichgiltige Dinge an , frage auch nach dem Knaben und dessen Eltern , kurz , benehme sich auffallend und ungeschickt . « » Und diese Wärterin ist eine alte Frau ? « » Versteht sich , « erwiderte die Baronin . - » Das Interesse , welches jener Mann an ihr zu nehmen schien , galt also nur dem Knaben . Schon mehrere Male wünschte er unter verschiedenen Vorwänden , sie nach Hause zu begleiten ; sie verbat es sich begreiflicherweise , doch mußte er ihr neulich gefolgt sein , obgleich sie auf großen Umwegen und in einem Wagen heimkehrte . - Genug , er fand ihre Wohnung , erklärte ihr das selbst lachend und ging eines Tages so weit , daß er ihr geradezu sagte , hinter dem Knaben stecke ein Geheimniß , das er wohl ergründen möchte . Er bot ihr eine bedeutende Summe , wenn sie ihm einige Mittheilungen machen wollte . « » Das war ein recht dummer Teufel ! « sagte höhnisch der Baron . » So standen die Sachen . Da bemerkte ich auf einmal mit dem größten Schrecken , daß das Benehmen meines Mannes zu Haus gegen mich härter und tyrannischer wurde als je . Zuweilen ließ er sich , anscheinend ohne alle Absicht , von mir etwas von meinem früheren Leben erzählen , und konnte dabei oft eine laute , häßliche Lache aufschlagen , oder er verließ mich scheinbar ruhig , aber mit zitternden Händen und funkelnden Augen . « » Ja , ja , ich kann mir wohl denken , daß diese Nachforschungen von ihm ausgingen . « » Ich weiß es gewiß ; und da ich seinen heftigen , gewalt thätigen Charakter kenne und überzeugt war , er werde das Kind mit List oder durch Gewalt in seine Hände zu bekommen suchen , um gegen mich einen Anknüpfungspunkt zu erhalten , so war es nothwendig , daß ich es verschwinden ließ . - Hatte ich nicht Recht ? « » Doch ; ich will das nicht leugnen . Aber in dem Moment hättest du dich an mich wenden sollen . « » Nein , « entgegnete sie eifrig , » da gerade konnte ich das nicht thun ; ich wußte genau , daß ich von Spähern umgeben war , daß er von allen meinen Schritten Kenntniß hatte , ja , daß die Briefe , die ich schrieb , in seine Hände gelangten . Ich konnte nur noch mit jener alten Frau verkehren , die mir unbedingt ergeben ist . « » Mit der Frau Fischer , « sagte er , wie in tiefen Gedanken . » Du kennst sie ? « fragte erstaunt die Baronin . » Ich glaube , du sprachst mir einmal darüber , « versetzte er ruhig und gefaßt . » Ja , es muß so sein . - Aber erzähle weiter ! « » Die Frau also sagte mir von einer Bekannten , durch deren Vermittlung mein armes Kind für eine Zeitlang bei guten , braven Leuten untergebracht werden könne . « » Hahaha ! « lachte der Baron . » Worüber lachst du ? - Ich bitte dich , sei ernsthaft . « » O das bin ich auch im höchsten Grade . Dies Lachen ist eine Art Krampf , der mich zuweilen befällt . « » Ich willigte also ein , daß sie das Kind zu jenen Leuten brachte . « » That sie das selbst ? « forschte er emsig . » Nein , das wäre zu gefährlich gewesen . Sie brachte es zu ihrer Bekannten , von der ich dir sprach , und diese übergab es einer dritten Hand , welche es zu jenen Leuten that . - O mein Gott , wer hätte ahnen können , daß er trotz dieser Vorsichtsmaßregeln auf des Kindes Spur komme ! « - Die Baronin sprach das mit dem Tone des tiefsten Schmerzes und drückte ihre Hände einen Augenblick vor das Gesicht . Darauf faßte sie sich wieder mit gewaltiger Kraft , preßte eine Sekunde ihre Lippe fest auf einander und fuhr fort : » Ich erhielt häufig Nachrichten von dem Kinde , gute und befriedigende . « » Immer durch die dritte Hand ? « Sie nickte mit dem Kopfe und entgegnete : » Vorgestern die letzte : denn heute morgen berichtete mir die alte Frau das Entsetzliche , mein Kind sei geraubt , mit Gewalt jenen guten Leuten entführt worden , bei denen es sich befand . - O Henry , « sprach sie nach einer Pause mit gefalteten Händen , während Thränen in ihren Augen glänzten , » ist das möglich ? - Kann so Etwas geschehen ? - O mein Gott ! ich martere meinen Kopf den ganzen Tag auf ' s Fürchterlichste ab , ich komme von einer Vermuthung auf die andere . - Hat mich nicht am Ende jene Frau verrathen ? - Ist es denn wahrscheinlich , daß das Kind geraubt werden konnte ? « » O ja , das ist wahrscheinlich und möglich . « » Jetzt bin ich am Ende , « fuhr sie mit leiser und klagender Stimme fort , indem ihre Hände auseinander zuckten und sich ihre Finger krampfhaft schlossen . » Jetzt kann ich weiter nichts thun als klagen und verzweifeln , und auch das ja nur , wenn ich allein bin . - O Henry ! er beobachtet jede meiner Mienen . Wenn du wüßtest , welch ' unaussprechliche Qualen ich leide , da ich heiter und zufrieden aussehen soll , während mein Herz zerrissen ist . « Der Baron hatte bei diesen Worten , die sie heftig und leidenschaftlich herausgestoßen , sanft ihre Hand erfaßt und drückte sie leise . - » Beruhige dich , « sagte er , » Fassung ! Fassung ! Schwester . - Denke daran , wo wir uns befinden ! Wie würden von Hunderten , wenn sie dich hier sehen würden , Thränenspuren in deinen Augen oder auf deinen Wangen gedeutet werden ! - Ja , fasse dich und - lächle ! « » Ich lächeln ? « erwiderte sie mit einem trostlosen Blick . » Ah ! bei eurem Leben solltest du daran gewöhnt sein , « sprach er in bitterem Tone . - » Aber , « setzte er mit weicher Stimme hinzu , » ich , dein Bruder , verlange nicht so Entsetzliches von dir : du sollst lächeln , weil ich dir eine angenehmere Fortsetzung deiner Geschichte erzählen will . « » Du ? « rief sie fast laut hinaus und erhob sich rasch von ihrem Stuhle . - » O Henry , spotte meiner nicht ! « » Ich spotte nie , « sagte er ruhig . » Aber fasse dich und lächle ; dort sehe ich einige Personen kommen , unter Anderem Seine Excellenz den Kriegsminister , der dich wahrscheinlich aufsucht . - Lächle also ! « » Ich kann das nicht ohne ein Wort des Trostes . O sage mir : was weißt du von der fürchterlichen Geschichte ? « » Daß dein Kind wieder gefunden ist , « versetzte er leise - » das Wie und Wo kann ich dir hier nicht erzählen - aber daß es nicht von ihm geraubt wurde , sondern daß es in meinen Händen ist . « » Ah ! « seufzte sie aus tiefer Brust und preßte ihre linke Hand auf das Herz . - » Ah , Gott , dir danke ich ! Jetzt will ich lächeln , möchte aber lieber laut hinaus rufen und jubeln . « Der Baron war verschwunden , und Seine Excellenz der Kriegsminister bot der schönen Frau , die er hier so ganz allein fand , seinen Arm und führte sie durch den Wintergarten , wobei er ihr all die vielen seltsamen Pflanzen und Blumen zeigte . Sie freute sich außerordentlich darüber , lachte in einem fort und schien über die Erklärungen Seiner Excellenz so glücklich und zufrieden , daß der alte Herr sie hocherfreut bis in das Spielzimmer zurückführte und dort dem General-Adjutanten sagte : » Bester Baron , es ist eine wahre Freude , Ihrer Frau Etwas zu zeigen ; sie scheint eine große Liebe für die Blumen zu haben , und ich fand noch nie eine liebenswürdigere und gelehrigere Schülerin . « - Der Pflanzengarten wurde übrigens an diesem Abend häufig zu den verschiedenartigsten Unterredungen benützt . Kaum hatte ihn der alte Graf Fohrbach mit der Baronin am Arm verlassen , als ihn der junge Graf betrat . Dieser hatte sich längere Zeit spähend in einer Ecke des Tanzsaales aufgehalten , und obgleich dort viele Françaisen getanzt wurden , so schien er doch nur für die Tanzenden einer einzigen derselben Sinn zu haben . Das Finale war zu Ende , die Gruppen lösten sich auf , und mehrere Damen , vom Tanzen erhitzt , stiegen zu den Blumen hinab , um dort die frische , kühlere Luft einzuathmen . Auf diesen Moment hatte der Graf gewartet , denn er , der bis jetzt ganz unbeweglich in seiner Ecke gestanden , schoß plötzlich mit großer Lebhaftigkeit bei den Gruppen vorbei , die sich im Saale gebildet hatten , und eilte ebenfalls in den Wintergarten . Vor ihm schritt Eugenie von S. am Arm einer Freundin , welche sie mit ihrer hohen Figur aber überragte , wie die stolze Lilie das bescheidene Veilchen ; und diese beiden Damen lachten und plauderten mit einander , blieben hier vor einer prächtigen Blume , dort vor einem murmelnden Springbrunnen stehen . » Bis jetzt war es mir unmöglich , « sagte die Kleinere , » das ganz allerliebste Apartement zu besehen ; Ihre Majestät hatten jeden Augenblick irgend einen Befehl oder eine Frage . Wenn es Ihnen recht ist , Eugenie , so machen wir eine kleine Entdeckungsreise und den Versuch , wie weit wir dort drüben in dieses unbekannte Zauberland eindringen können . Der Salon , der an den Wintergarten stößt , soll charmant sein . Nachher beim Souper hat man doch keine rechte Zeit , sich alles Das zu betrachten . « Diese Worte hatte Graf Fohrbach , der den Damen folgte , gehört und sagte so verbindlich als möglich : » Ich würde mich außerordentlich glücklich schätzen , wenn es mir erlaubt wäre , den Führer in diese bescheidene Wohnung machen zu dürfen , welche Sie für ein Zauberland zu erklären so freundlich waren . « » Wir könnten uns keinen bessern wünschen , « entgegnete lachend die kleine Dame . Und auch Eugenie , die ein wenig , wenn auch kaum merklich erröthete , nahm dies Anerbieten dankbar an . Die Drei schritten mit einander durch den Wintergarten , und als sie drüben den Salon betraten , sagte der Graf : » Hier sind die Grenzen meines Reichs und ich heiße die Damen in meiner Behausung feierlichst willkommen . « » So dürfen Sie uns diese Zimmer nicht vorstellen ! « versetzte neckend die kleine Hofdame . » Gott steh ' mir in Gnaden bei ! wir sind durchaus nicht in Ihrer Behausung ; wir befinden uns in einem der Salons Seiner Excellenz des Herrn Kriegsministers , und zwar in dem Salon , wo später die allerhöchsten Herrschaften soupiren werden , weßhalb ich eigentlich hinzufügen darf : ich bin hier in meinem Dienste , denn als getreuester Hofdame Ihrer Majestät kommt es mir zu , dies Terrain zu rekognosziren . - Nicht wahr , Eugenie ? « » Allerdings , « entgegnete diese , indem sie wie aus einem Traume zu erwachen schien ; denn während die Andere sprach , hatte es Graf Fohrbach nicht unterlassen können , Eugenien immerfort und aufmerksam in die schönen Augen zu sehen , - Blicke , die sie , wenn auch nicht erwidert , doch gern geduldet hatte . » Aber hier ist es in Wahrheit deliciös , « sagte die Kleine , » das ist ja ein wahres Blumenparadies ! - Sagen Sie mir die Wahrheit : sind diese Zimmer immer so wunderbar dekorirt ? « » O nein , « entgegnete lächelnd der Graf . » Für mich selbst wäre dieser Flor unpassend ; aber für solche Gäste , wie ich sie heute verehre , « setzte er mit einer Verbeugung hinzu , » kann die Umgebung nicht reizend genug sein . « Die kleine Hofdame , die überhaupt eine lebendige Person war , durchschritt rasch den Salon und freute sich wie ein Kind über jedes neue Etablissement , das sie entdeckte . - » Es ist da für Alles gesorgt ! « rief sie lustig , » eine der vortrefflichsten Einrichtungen , die ich je gesehen . Man kann hier causiren , deux à deux , dos à dos , oder zu Drei , zu Vier , Fünf , Sechs , wie man gerade will . - Auch , « setzte sie gravitätisch hinzu , » sind vortreffliche Schmollwinkel hier oder heimliche Plätzchen , wo man einen Monolog halten kann . Ich will Beides versuchen ; aber stört mich nicht in meiner Andacht . « Damit tauchte sie hinter die Blumengruppen und ließ sich auf einem der Sitze nieder , die sich dort befanden . Der Graf war mit Eugenien allein . Sie machte eine Bewegung , der Freundin zu folgen , doch hielt sie ein bittender Blick zurück . » Fräulein Eugenie , « sagte er , » ich bin Ihnen noch eine Erklärung schuldig über mein Ausbleiben neulich Abends bei dem Major von S. Ich kann es eigentlich keine Erklärung nennen , denn Sie werden es bereits erfahren haben , was mich zurückhielt . « » Ich weiß es , « versetzte das schöne Mädchen mit einem offenen Blick ; » Seine Durchlaucht , der Herr Herzog , welcher an Ihrer Stelle kam , erzählte es lachend dem Major . « » Ah ! er erzählte es lachend . Und der Major ? « » Er meinte , das sei eine außerordentliche Ehre und Sie würden nicht wenig darüber erfreut sein . « » Aber das war doch nicht Ihre Meinung , Fräulein Eugenie ? - Gewiß , das dachten Sie nicht . « » Nein , ich dachte das nicht , « entgegnete sie offenherzig . » Sie hatten mir ja vorher im Schlosse gesagt , wie sehr Sie sich darauf freuten , mit mir - mit uns , wollt ' ich sagen - den Abend bei Ihrem Freunde zuzubringen . « » Sagen Sie , mit Ihnen , - gewiß nur mit Ihnen , Eugenie ! « sagte Graf Fohrbach und erhob seine rechte Hand wie beschwörend gegen sie . - » Was kümmert mich die Gesellschaft , wenn Sie nicht da sind , ja die ganze Welt , wenn ich Sie nicht zu finden wüßte ! - Aber , « fuhr er fort , als er sah , wie das Mädchen bei seinen heftigen Worten die Augen niederschlug , » ich war an jenem Abend recht unglücklich ; die süßen Stunden in Ihrer Nähe , auf die ich gehofft , mußte ich mit jenem entsetzlich langweiligen Spiel vertauschen . Ich mußte den Stellvertreter des Herzogs machen , der nun statt meiner dorthin ging , wo Sie waren , Eugenie , - der Sie sehen , Sie sprechen durfte , während ich allein blieb mit meinen quälenden Gedanken . - Ja