immer im Familienzimmer stehen . « Heinrich ging aber dennoch höchst unruhig hin und her ; denn er mochte nicht unhöflich und eigensinnig dem Tun der ungewöhnlichen und tüchtigen Dame entgegen sein , und doch fühlte er sich ganz befangen und beschämt , sich dergestalt einzuquartieren und umzukleiden in einem adeligen Hause . Inzwischen entstand Geräusch in dem Gartenhaus , und Dorothea trat wieder ein und sagte » So , nun gehen Sie und tun mir den Gefallen , sich umzukleiden ; kommen Sie , hierhin , zu Apollönchens Vater ! Komm , zeig ihm den Weg , mein Mädchen ! « Er ging nach der Anweisung der Frauenzimmer durch einen Gang und trat in die Gärtnerstube , wo der alte Gärtner und der Küster beisammensaßen und eifrig Tabak rauchten . Als er da abgegeben war , zog sich das Fräulein zurück , und das Apollönchen huschte hinter ihr drein ebenfalls auf und davon . » Kommen Sie nur , Herr oder wer Sie sind ! « sagte der Gärtner treuherzig , als er sah , daß Heinrich verblüfft dastand , » hier geht es nicht anders zu . Der Herr und das junge Fräulein stellen immer solche Geschichten auf , das sind wir schon gewohnt , und es hat noch nie ein schlimmes Ende genommen , sondern sich immer als richtig und erbaulich herausgestellt ! Treten Sie nur in diese Kammer , wenn ' s beliebt , da hat die gute Dame einen ganzen Kram herschleppen lassen aus des Grafen Garderobe und selbst mitgetragen ! « Heinrich ging demzufolge in die Kammer und fand da einen vollständigen Anzug vor vom Kopf bis zum Fuß , nebst feiner frischer Leibwäsche ; nichts war vergessen , selbst die warme seidene Halsbinde nicht . Er wusch sich erst Gesicht und Hände und kämmte sein wirres Haar ; dann kleidete er sich langsam und bedenklich an , und als er fertig war , getraute er sich nicht hervorzukommen , sondern setzte sich auf einen Stuhl und stellte allerlei Betrachtungen an . Da fiel sein Blick auf seine schlechten , beschmutzten Kleider , die am Boden lagen , und er schämte sich , daß er sie nun da lassen sollte , und wußte nicht , was mit ihnen zu beginnen sei , bis er sie wieder anzöge . » Wahrhaftig « , sagte er , » ganz , wie ich es geträumt ! Nun , zum Teufel , solange das Leben so alle Traumgedichte überbietet , wollen wir munter sein ! « Er glaubte sich endlich am besten aus der Sache zu ziehen , wenn er die armen Kleidchen ordentlich zusammenlegte . Er legte sie säuberlich auf einen Stuhl in der Ecke , stellte die zerrissenen Stiefelchen ehrbar unter den Stuhl , als ob es die feinste Fußbekleidung wäre , und machte sich endlich auf den Weg nach dem Saale . Dort fand er unversehens den Grafen vor nebst einem stattlichen katholischen Priester , die beide von der Jagd gekommen schienen ; denn der Graf war im grünen Jagdkleide mit hohen Stiefeln , und der Geistliche trug noch über seinen wohlausgefüllten schwarzen Rock eine Weidtasche , und seine kanonischen Stiefeln waren arg voll Kot . Auf dem Boden lagen Hasen und Hühner nebst einem toten Reh , und am Tische lehnten die Gewehre . Der Graf selbst war ein großer schöner Mann , und Heinrich erkannte ihn sogleich wieder , nur daß seine Haare und sein Bart stark mit Grau gefärbt waren , was ihm indessen sehr wohl anstand . Er ging rasch auf Heinrich zu , schüttelte ihm die Hand und sagte » Das ist ja eine kostbare Geschichte , hören Sie ! Nun sein Sie willkommen , junger Mann ! Ich erinnere mich Ihrer noch sehr wohl und bin neugierig wie ein Stubenmädchen , was Sie uns zu erzählen haben werden . Morgen wollen wir des weitläufigsten plaudern , jetzt aber ungesäumt ans Abendbrot gehen ! Herr Pfarrer ! Sie werden nichts dagegen haben , kommen Sie ! « Er faßte Heinrich unter den Arm , der Pfarrer gab der Dorothea den Arm , indem er einen höflichen Kratzfuß machte und ein schalkhaft lächelndes Gesicht schnitt , und so brach die Gesellschaft auf und ging durch einen langen Garten nach dem Hause , während die Gärtnerstochter ihrer Herrenfreundin mutwillig Gutnacht nachrief . Man trat jetzt in ein wohlgeheiztes behagliches Zimmer und setzte sich um einen runden Tisch , der bereits sehr elegant und stattlich gedeckt und angerichtet war , und Heinrich aß abermals und mit gutem Behagen , da das sichere und edle Wesen des gräflichen Mannes ihn vollständig aufgeweckt und beruhigt hatte . Denn für einen ordentlichen Menschen ist es fast ebenso wohltuend und erbaulich , einen wohlbestellten , schönen und rechten Mann zu sehen als schöne und gute Frauen . Die trefflichen Leute unterhielten sich heiter und behaglich , ohne Heinrich besonders in Anspruch zu nehmen , und es atmete alles , was sie sagten , ein festes und offenes Gemüt . Doch sagte der Graf nach einer Weile zu ihm » Es ist doch eine allerliebste Geschichte ! Ei , erinnern Sie sich auch noch der Ursache unserer Bekanntschaft , der groben Schlingel , die Ihnen damals die Mütze abschlugen ? « » Sicher « , sagte Heinrich lachend , » aber was diesen Punkt betrifft , so habe ich heute bei meinem Abzug jenen Einzugsgruß mit Zinsen zurückgegeben ! « Er erzählte hierauf sein Abenteuer mit dem Flurschützen . Der Graf warf ihm einen feurigen Blick zu und sagte » Wenn Sie aber müde sind , so gehen Sie ohne Zaudern zu Bett , damit wir morgen desto munterer sind ! « » Wenn Sie ' s erlauben ! « sagte Heinrich , stand auf und machte die zierlichste Verbeugung , die er in seinem Leben je gemacht und von der er am Morgen nicht geträumt hätte , daß er sie je machen würde ; doch mußte er beinahe dazu lachen . Die kleine Gesellschaft lächelte ebenfalls freundlich , stand auf und entließ ihn mit Wohlwollen , worauf in einem guten Schlafzimmer er sich ins Bett warf und , ohne einen weitern Gedanken zu verlieren , sofort einschlief . Zehntes Kapitel Heinrich schlief wie ein Murmeltier bis zwölf Uhr des andern Tages ; eben erwachte er und rieb sich sehr zufrieden die Augen , als der Graf hereinkam und sich nach ihm umsah . » Guten Tag , mein Lieber ! Wie geht ' s Ihnen ? « sagte er und setzte sich an das Bett , » bleiben Sie ruhig liegen und duseln sich gemütlich aus ! « Heinrich tat das auch und sagte » O es geht gut , Herr Graf ! Wieviel Uhr ist es denn ? « - » Es ist gerade zwölf Uhr « , erwiderte jener , » es freut mich , daß Sie in meinem Hause so gut geschlafen haben . Nun halten Sie vorerst eine gute Einkehr bei uns und tun Sie ganz , als ob Sie bei den besten und zuverlässigsten Freunden wären , von denen Sie wohl hergestellt und guten Mutes wieder auslaufen werden ! Aber nun hören Sie , Sie sind mir ja ein köstlicher Gesell ! Wir blieben gestern nacht noch ziemlich lange auf , und da wir von Ihnen sprachen , fiel uns ein , daß die Bildermappe noch im übel verschlossenen Gartensaale lag . Ich gehe selbst hin , sie zu holen , denn ich wünschte nicht , daß irgendein Unheil damit geschehe , und bemerke , daß auf dem Kaminsims ein kleines verkommenes Paketchen liegt ; ich mußte lachen und dachte Gewiß sind dies die armütigen Effektchen unseres armen Kauzes von Vagabunden ! Ich nahm es in die Hand und fand , daß die Hülle vom Regen und vom Tragen aufgelöst war und auseinanderfiel , und siehe da , statt etwa eines Strumpfes oder eines Schnupftuches , wie ich dachte , fällt mir ein ganz durchnäßtes Buch in die Hand ; neugierig schlage ich es auf und sehe lauter Geschriebenes , und indem ich die erste Seite lese , vermute ich sogleich , daß Sie Ihre eigene Geschichte geschrieben haben . Ich sehe das Ding etwas genauer an und erkenne an den Data , daß es Ihre Jugendgeschichte ist , die Sie schon damals mit in die Fremde genommen haben und mit welchem Buche der Erinnerung , als Ihrer letzten Habseligkeit , Sie sich wieder aus dem Staube machen ! Ich laufe mit den Sachen zurück und rufe : Seht , Leute ! Unser Mensch schlägt sich mit seinem Jugendbuche durch Regen und Sturm , wie Vetter Camoens mit seinem Gedichte durch die Wellen ! Der Spaß wird köstlich ! Dortchen nimmt das Buch und besieht es von allen Seiten . Ach du lieber Himmel , ruft sie , das arme Buch ist ja durch und durch naß und droht zugrunde zu gehen ! Das muß sogleich getrocknet werden ! Es wird ein frisches Feuer in den Ofen gemacht , das Mädchen setzt sich auf ein Taburettchen davor und hält das Buch , die Blätter auseinanderschüttelnd und es umwendend und kehrend , sorgfältig an das Feuer , und in weniger als einer Viertelstunde ist das tapfere Werk heil und gerettet . Nun aber lasen wir noch länger als zwei Stunden darin , an verschiedenen Stellen , und wechselten mit dem Vorlesen ab , und diesen ganzen Vormittag hab ich auf meiner Stabe darin gelesen . Auf den letzten Blättern stehen einige Gedichte , die haben Sie allem Anscheine nach erst neulich gemacht und hineingeschrieben ? « Heinrich bejahte dies und wurde rot , und der Graf fuhr fort » Ich will mich gar nicht entschuldigen für unsere Indiskretion ; es macht sich so alles von selbst , und wir wollen unsere Unverschämtheit nun mit gänzlicher Freundschaftlichkeit abbüßen . Zuerst muß ich Sie einmal küssen , Sie sind ein allerliebster Kerl ! « » Bitte , Herr Graf ! « sagte Heinrich und duckte sich ein bißchen unter die Decke , » Sie sind allzu gütig ; aber ich mache mir nicht viel daraus , Männer zu küssen ! « » Ei , sieh da ! « rief der treffliche Mann , » Sie schlaues Bürschchen ! Aber trotz alledem müssen Sie mich doch ein bißchen wohl leiden , ich verlange es ! « » O gewiß , sag ich Ihnen « , erwiderte Heinrich , mit schüchternen und doch zutulichen Worten ; » ich kann Sie gar nicht genug ansehen , so sehr gefallen Sie meinen Augen und meinem Herzen ! « Und er sah ihn dabei wirklich mit glänzenden Augen an . » Nun denn « , sagte der Graf mit feinem und gerührtem Lächeln , » so müssen Sie durchaus geküßt sein zur Besiegelung unseres guten Einvernehmens ! « Er umarmte Heinrich und küßte ihn herzlich , und dieser küßte ihn , sein leises Sträuben aufgebend , herzhaft , und seine Augen füllten sich mit salzig heißem Wasser , da er endlich einen solchen ältern Männerfreund gefunden nach langem Irrsal . Denn über einen rechten Mann scheint die Welt wieder gelungen , recht und hoffnungsvoll zu sein . Schweigend sah er den Grafen an , und dieser schwieg auch eine Weile ; dann drückte Heinrich die Augen in das Kissen und suchte sie verstohlen zu trocknen , sagte aber dann » Es geht mir recht närrisch ! Als ich ein Schuljunge war , war nichts imstande , mir Tränen zu entlocken , und ich galt für einen verstockten Burschen ; seit ich groß geworden bin , ist der Teufel alle Augenblick los , und höchstens bring ich es zu einem oder zwei gänzlich trockenen Jahrgängen ! « Der Graf nahm seine Hand und sprach » Gedulden Sie sich noch ein paar Jährchen , und dann wird es vorbei sein und standhaftes trockenes Sommerwetter werden . Es ging mir geradeso vor zwanzig und dreißig Jahren und reut mich noch heute nicht ! Doch nun stehen Sie auf , ziehen sich an und frühstücken . Wissen Sie was ! Ich werde es hierher bestellen , und Sie erzählen mir , wie es Ihnen ergangen , das heißt , Sie liefern mir eine förmliche Fortsetzung der Jugendgeschichte . « Während Heinrich sich ankleidete und frühstückte , begann er zu erzählen und zündete dazu , als er mit Essen fertig war , eine gute Zigarre an , wie auch der Graf eine solche rauchte . Heinrich erzählte und beichtete mit Lust und frohem Mut , mit Härte und Schärfe , bald mutwillig , bald traurig , bald schnell und feurig , dann wieder langsam und bedenklich , und tat seinem Wesen nicht den mindesten Zwang an , ohne eine Unschicklichkeit zu sagen , oder wenn er eine solche sagte , so fühlte er es sogleich und verbesserte sich ohne großen Kummer ; denn was aus einem schicklichen Gemüte kommt , ist leicht zu ertragen , und sein Zuhörer , obgleich er ein älterer Mann war , verbreitete nichts als Freiheit und Sicherheit um sich . Er war jung mit dem Jungen , ohne den Wert seiner Jahre zu verbergen , leicht beweglich und anmutig , doch mit dem Gewichte eines Mannes , der gelebt und gedacht hat und fest steht , wo er steht . Er hörte geläufig und aufmerksam zu , ohne ängstliche Spannung , und ließ sich ansehen , daß der Erzähler bei ihm zu Hause war und verstanden wurde mit feinem Sinne , auch wenn er ein Wort überhört hatte . Auch gab er sein Verständnis nicht mit Ausrufen und Wortstellungen zu erkennen , sondern hörte ebenso leicht und zwanglos , wie ihm erzählt wurde , und Heinrich konnte im Zimmer umhergehen , einen Gegenstand betrachten oder etwas hantieren , ohne dabei den Zuhörer beim Erzählen zu dessen Pein zu fixieren , ob er auch höre und verstehe ? So sprach er zum ersten Mal , seit er jenes Buch geschrieben , wieder so recht aus sich heraus und fühlte mit bewegtem Herzen den Unterschied , wenn man dem toten weißen Papier erzählt oder einem lebendigen Menschenkind . So vergingen beinahe zwei Stunden , und als er mit seiner Ankunft auf dem Kirchhof geendet , sagte der Graf » Wenn Sie als Maler ein Pfuscher gewesen wären , so hätte das Verlassen dieses Berufes gar keine Bedeutung und könnte uns hier nicht weiter beschäftigen . Da Sie aber , wie ich den Beweis im Hause habe , unter günstigeren Umständen oder bei besserer Ausdauer gar wohl noch eine so gute Figur hätten machen können als so mancher sein Ansehen kümmerlich aufrechthaltende Gesell , der tut , als ob die Musen an seiner Wiege gestanden hätten , so gewinnt die Sache einen tiefern Sinn , und ich gestehe aufrichtig , daß es mir ausnehmend wohl gefällt und mir als ein stolzer und wohlbewußter Streich erscheint , ein Handwerk , das man versteht , durchschaut und sehr wohl empfindet , dennoch wegzuwerfen wie einen alten Handschuh , weil es uns nicht zu erfüllen vermag , und sich dafür unverweilt die weite lebendige Welt anzueignen . « » Sie täuschen sich « , unterbrach ihn Heinrich , » ich konnte wirklich nichts machen , ich habe es ja versucht , und auch bei günstigeren Verhältnissen würde ich höchstens ein stelzbeiniger dilettantischer Akademist geworden sein , einer jener Absonderlichen , die etwas Apartes vorstellen und dennoch nicht in die Welt und in die Zeit taugen ! « » Larifari ! « erwiderte der Graf , » ich sage Ihnen , es war bloß Ihr guter Instinkt , der Sie damals nichts zuwege bringen ließ . Ein Mensch , der zu was Besserm taugt , macht das Schlechtere immer schlecht , gerade solange er es gezwungen und in guter Naivetät macht ; denn nur das Höchste , was er überhaupt hervorbringen kann , macht der Unbefangene gut ; in allem andern macht er Unsinn und Dummheiten . Ein anderes ist , wenn er aus purem Übermut das Beschränktere wieder vornimmt , da mag es ihm spielend gelingen . Und dies wollen wir , denk ich , noch versuchen ; denn Sie müssen nicht so jämmerlich davonlaufen , sondern mit gutem Anstand von dem Handwerk Ihrer lugend scheiden , daß keiner Ihnen ein schiefes Gesicht nachschneiden kann ! Auch was wir aufgeben , müssen wir elegant und fertig aufgeben und ihm mit geschlossener Abrechnung freiwillig den Rücken kehren . Dann aber wollen wir bestialische Flurschützen prügeln , dies sei unser Metier , in Liebe und Haß wirken , in Neigung und Widerstand ! Sie werden aufhören , selbst Tränen zu vergießen , aber dafür andere deren vergießen lassen , die einen aus Freude , die anderen aus Zorn und Arger ! Aber jetzt vor allem zur Sache ! Ich habe Ihre sämtlichen Studien bei dem alten Teufelskerl gekauft , Stück für Stück um einen Taler . Ich lief eifrig hin , damit mir ja keine entgehe , denn die Sachen gefielen mir wohl , ohne daß ich jedoch viel dabei dachte , und erst als ich sah , daß hier ein ganzer wohlgeordneter Fleiß stückweise zum Vorschein kam , vielleicht die heiteren Blütenjahre eines unglücklich gewordenen Menschen , gewann ich ein tieferes Interesse an den Sachen und sammelte sie sorgfältig auf , seltsam bewegt , wenn ich sie so beisammen sah und alle die verschwendete Liebe und Treue eines Unbekannten , die Luft eines schönen Landes und verlorener Heimat herausfühlte ; denn man sah wohl , daß dies nicht Reisestudien waren , sondern ein Grund und Boden vom Jugendlande des Urhebers . Der Trödler wollte mir aber nie sagen , wo derselbe aufzufinden , und beharrte eigensinnig auf seinem Geheimnis ; er log mich an und sagte , es schicke sie ihm ein auswärtiger Händler , als ob der Kauz weiß Gott welche Geschäftsverbindungen hätte in seiner Spelunke . Nun sagen Sie aber wollen Sie die Sachen wiederhaben , oder wollen Sie mir dieselben lassen ? « » Sie sind ja Ihr Eigentum ! « sagte Heinrich . » Was da Eigentum ! Sie werden doch nicht glauben , daß ich , nun ich Sie kenne und in meinem Hause habe , Ihre Mappe um solches Bettelgeld behalten will , das wäre ja wie gestohlen ! Oder wollen Sie mich schon beschenken , Sie armer Schlucker ? « » Ich meine « , sagte Heinrich , » daß die Mappe ihre Dienste getan und sich für mich vollständig verwertet hat ; erst habe ich etwas daran gelernt und , indem ich sie zusammenbrachte , nichts Schlechteres verübt ; dann hat sie mir zur Zeit der Not das Leben gefristet , und zwar auf eine Weise , durch welche ich wieder etwas gelernt habe , und auf die Größe der Summe kam es gar nicht an . Jeder Groschen hatte für mich den Wert eines Talers und machte mir ebenso großes Vergnügen als ein solcher , und so habe ich zu Recht bestehend mich der Sachen entäußert . Endlich hat sie mir Ihr Wohlwollen erworben und mir das artigste Abenteuer vorbereitet , und so denke ich , durch dies alles sei ich vollkommen entschädigt . « » Dies würde alles ganz nach meinem eigenen Sinne sein , wenn die Umstände anders beschaffen wären . So aber ist es eine Düftelei , die wir lassen wollen . Ich bin reich und würde jetzt die Mappe unbedingt um jeden annehmbaren Preis kaufen , auch wenn Sie selbst gar nichts davon bekämen , also ganz ohne Rücksicht auf Sie . Lernen Sie auf Ihrem Rechte bestehen , wo es niemand drückt und ängstiget , wenn Sie Recht gewähren wollen , und nehmen Sie den Erwerb , der Ihnen gebührt , ohne Scheu , nachher können Sie damit tun , was Sie wollen ! Also nennen Sie mir einen Preis , wie er Ihnen gut dünkt , und ich werde noch froh sein , die Sachen zu behalten . « » Gut denn « , sagte Heinrich lachend , » so wollen wir den Handel abschließen ! Es sind über achtzig Blätter ; geben Sie mir für jedes ineinandergerechnet einen Louisdor ! Manches darunter würde ich , wenn ich ein florierender Künstler wäre , nicht für zehn verkaufen , aber bei einem solchen Handel in Bausch und Bogen ist es nicht also zu nehmen ; davon ziehen Sie dann achtzigmal den Taler ab , den Sie dem Alten für jedes Stück gegeben , so wird die Affäre so ziemlich ehrbar und für beide Teile leidlich ausfallen ! « » Sehen Sie wohl ! « sagte der Graf und gab ihm lachend die Hand , » so gefallen Sie mir ! Hätten Sie zuwenig oder zuviel verlangt , so würden Sie mir in beiden Fällen nicht so gefallen haben ! Auch den Abzug des Talers nehme ich an und habe absichtlich gleich Geld mitgebracht ; hier ist es , damit Sie mit einem guten Pfennig in der Tasche , als Gast und nicht als Bettler , an unsern Mittagstisch kommen , wohin wir jetzt gehen wollen ! « Heinrich steckte die Papiere in die Brusttasche und einiges Silbergeld , welches die betreffende Summe vervollständigte , in die Westentasche , denn eine Börse besaß er nicht , und indem er an des Grafen Arm nach dem Familienzimmer ging , sagte er » Wenn ehemals ein abenteuernder Held in einer befreundeten Burg einkehrte und sich erholte , so reichte man ihm ein neues Schwert , wenn das seinige im Kampfe mit den Riesen und Ungeheuern zerbrochen war . Heute reicht man ihm , wenn es recht hoch und kühnlich hergeht , ein Bündel Banknoten , welche er auch ganz stillvergnügt einsteckt und mit denen er , statt eines Schwertes , um sich schlagen und weiterfechten muß , um sich Luft zu schaffen für seine wunderlichen und unerheblichen Taten . « » So ist es « , antwortete der Graf , » darum sehen Sie zu , daß Ihnen das moderne Schwert nie mehr zerbricht ! Denn nur wenn Sie Geld haben , brauchen Sie am wenigsten an dasselbe zu denken und befinden sich nur dann in vollkommener Freiheit ! Wenn es nicht geht , so kann man allerdings auch sonst ein rechter Mann sein ; aber man muß alsdann einen absonderlichen und beschränkten Charakter annehmen , was der wahren Freiheit auch widerspricht ! « Als sie in das Zimmer traten , kam ihnen Dorothea entgegen und begrüßte Heinrich freundlich , doch mit einer gewissen anmutigen Gemessenheit , indem sie einen leichten Knicks machte , sich gleich wieder bolzgrad aufrichtete , den Lockenkopf allerliebst auf eine Seite neigte und den Gast mit reizender Hochgnädigkeit ansah . Auch trug sie ein Kleid von schwerem schwarzen Atlas , das sehr aristokratisch geschnitten war , um den Hals eine feine Spitzenkrause , in welcher sich ein glänzendes Perlenhalsband verlor , nicht ohne sich zuerst um ein Stückchen des weißen fräuleinhaften Halses zu schmiegen . Der Graf sah seine Tochter etwas überrascht an , auch schaute er sich um und sagte verwundert » Ich dächte , wir wollten essen ? und wo hast du denn decken lassen ? « - » Ich habe heute im Rittersaal decken lassen « , sagte sie , » wir haben so lange nicht da gegessen , und der Herr grüne Heinrich kann sich da am besten orientieren , bei wem er eigentlich ist , wir haben uns , die wir ihn nun schon mehr kennen , ihm eigentlich noch gar nicht vorgestellt , und kaum weiß er , wie wir heißen ! « Der Graf , welcher nicht wußte , was sie im Schilde führen mochte , ließ sie gewähren , und so begab man sich durch einige Gänge des weitläufigen Hauses nach einem langen , etwas düstern Saal . Dieser war von unten bis oben mit Ahnenbildern angefüllt , fast durchgängig schöne Männer und Frauen in allen Lebensaltern , die , der Tracht und der Kunst nach zu urteilen , bis zum Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts hinaufreichten . Von da ab waren aber noch wohl drei Jahrhundert dargestellt in Waffen , silbernen Geschirren , Hauschroniken in allerhand Pergamentbänden , altertümlichen Urkundenschränken und Kuriositäten aller Art , welche sämtlich mit Daten , Wappen und deutlichen Merkmalen versehen waren . Die Fenster waren zum größten Teil mit gemalten Scheiben bedeckt , auf welchen allen das Wappen des Hauses mit demjenigen der eingeheirateten Frauen verbunden über biblischen Handlungen und Legenden schwebte . Auch war darin das Hauswappen in allen seinen Wandlungen , von seiner ersten kriegerischen Einfachheit bis zu seiner letzten Vermehrung und Zusammensetzung , zu sehen . Der Boden des Saales war ganz mit hochrotem Tuche bedeckt , was zu den dunklen alten Möbeln und Bilderrahmen prächtig und romantisch abstach , während die Tritte der Gehenden nur leise darauf ertönten ; in dem Kamin von schwarzem Marmor glühten große Eichenklötze , und da das Gemach der langen Verschlossenheit wegen durchräuchert worden , erhöhte der feine Duft noch die Feierlichkeit und Vornehmheit dieses Aufenthaltes . » Ich habe « , sagte der Graf , » meinen ganzen Familienkram hier auf einen Punkt aufgestapelt , da dergleichen auch sein Recht will und sich nicht so leicht entäußern läßt , als man glauben möchte . Sehen Sie sich ein wenig um , es sind manche hübsche Sachen darunter ! « Heinrich sah sich lebhaft um und bezeugte große Freude über die vielen wertvollen Stücke und über das Merkwürdige , was hier aufgehäuft war ; unter den Bildern waren manche von den besten Meistern der verschiedenen Zeiten und Orte , wo die alten Herren auf ihren Zügen und Gesandtschaften sich umgetrieben . Andere , wenn auch von dunkleren örtlichen Pinselieren gemalt , machten sich durch ihren charaktervollen Gegenstand und dessen Schicksal geltend , das ihnen auf der Stirne stand ; vorzüglich aber gefielen ihm die vielen feineren oder keckeren Kindergesichter , welche gleich den Blüten an diesem großen Baume zwischen den reifen Früchten überall hervorlächelten , deren Schicksal , dessen Beginn und Morgenrot hier für immer festgehalten schien , nun auch seit Jahrhunderten erfüllt und in die Erde gelegt war oder gar nicht zur Erfüllung gekommen , da ein Kreuz oder ein denatus ansagte , daß sie als Blüten schon vom Baume geweht worden . Manches gemalte Schwert und Panzerstück war im gleichen Saale auch in Wirklichkeit vorhanden , und der Graf hielt ihm die schweren Stücke mit leichter und kundiger Hand vor , indessen Heinrich sie auch nicht wie ein Mädchen ihm abnahm , da ihm die Waffenfähigkeit und - liebhaberei seines Geburtslandes in den Fingern steckte . Dorothea hingegen bewegte sich rasch und gefällig herum , stieg auf Schemel und Tritte , um einen alten silbernen Becher oder ein Kästchen herabzuholen , und wies und erklärte die Sachen mit freundlicher , aber fast mitleidiger Höflichkeit , was indessen Heinrich , der vollauf mit dem Beschauen der Gegenstände beschäftigt war , nicht bemerkte , sondern nur als einen angenehmen Eindruck zu dem übrigen empfand , ohne darauf zu achten . Erst als sie sich zu Tische setzten und man sich gegenübersaß , wo Dorothea , die den Männern vorlegte , mit noch erhöhter vornehmer Freundlichkeit und Herablassung den Gast nach seinen Wünschen und Bedürfnissen fragte , fiel ihm dies Wesen auf , das ihm gestern gar nicht vorhanden geschienen . Es gefiel ihm aber gar wohl , da er geneigt war , solchen schönen Geschöpfen nichts übelzunehmen , wenn sie nicht gerade zu herzlos waren , und um sie darin zu bestärken und ihr einen Gefallen zu tun , sagte er » Solche Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit einer langen Vergangenheit sind doch eine Art von Concretum , das sich nicht willkürlich vergessen und verwischen läßt . Wenn es einmal da ist , so ist es da , und man kann sich nicht verhindern , an dem Vorhandenen seine Freude zu haben ! « » Gewiß « , erwiderte der Graf , » nur ist es töricht , willkürlich fortsetzen und machen zu wollen , was unter ganz anderen Verhältnissen und Bedingungen geworden ist . Desnahen nenne ich mich auch ungeniert noch von soundso , weil diese Landschaft so heißt und nicht meine Person , welche kein Berg , sondern ein Mensch ist . Schon weil seltenerweise das Grundstück nie aus unserm Besitz gekommen ist und fortwährend welche von uns hier gewohnt haben in grader Linie , so erfordert eine gewisse Dankbarkeit gegen diese Erscheinung , daß man ihr die Ehre gebe . Ich selbst habe eine bürgerliche Frau genommen , welche früh gestorben ist und mir keinen Erben hinterließ ; ich habe sie so geliebt , daß es mir nicht möglich war , wieder zu heiraten , und wenn es nicht zu seltsam klänge , so wäre ich fast froh , keinen Sohn zu hinterlassen ; denn wenn ich mir denken müßte , daß diese Familiengeschichte noch einmal achthundert Jahre fortdauern könnte oder wollte , so würde mir dieser Gedanke Kopfschmerzen machen , da es Zeit ist , daß wir wieder untertauchen in die erneuende Verborgenheit . Ich selbst bin im Verfall des alten Reiches geboren und eigentlich schon ganz überflüssig , so daß sich unser Stamm müde fühlt in mir und nach kräftigender Dunkelheit sehnt . Wenn ich einen Sohn hätte , so würde ich auch Besitz und Stamm gewaltsam aufgegeben haben und dahin gezogen sein , wo kein Herkommen gilt und jeder von vorn anfangen muß , damit das Leibliche der Linie gerettet werde und ferner nütze und genieße , da dieses am Ende die Hauptsache ist . « Heinrich freute sich dieser Reden und fühlte sich durch sie geehrt . » Ist jene stolze schöne Dame , welche dazumal das Hündchen auf den Tisch setzte , vielleicht Ihre Gemahlin gewesen ? « fragte er mit höflicher Teilnahme . » Nein « , sagte der Graf lachend , » das ist meine Schwester ; die lebt als Gattin eines alten Edelmannes vom stolzesten Geblüte tief in Polen und ist ganz verbauert ; auch hat sie zur Strafe für ihre Narrheiten schon vier Jahre in Sibirien zubringen müssen mit