an . Fuchsius theilte ich sie Ende des vorigen Jahres mit , wir hatten darüber Gespräche , seit sechs Monaten ist er mit der Ausarbeitung des Promemoria beschäftigt , stückweise kannte ich die Arbeit schon früher , in ihrer vollendeten Gestalt legte er sie mir vor drei Monaten vor . Ihre Brochüre trägt die Jahreszahl 1806 an der Stirn . Die Sache ist damit zu Ende . « Walter verbeugte sich und ging . Der Minister schien es nicht erwartet zu haben : » Sie haben mir nichts mehr zu sagen ? « wandte er sich noch einmal um . » Seit Sie mir zu sprechen verboten haben . Ich würde sonst , was Excellenz vielleicht entgangen , bemerklich gemacht haben , daß es Buchhändlerart ist , auf Druckschriften , die am Ende eines Jahres erscheinen , die Jahreszahl des folgenden zu setzen ; daß ferner unter meinem Vorwort das Datum steht , an dem ich die Schrift vollendet , und das war schon in der Mitte vorigen Jahres , also ehe Euer Excellenz Herrn von Fuchsius die Aufgabe stellten ; ferner , wenn es in einer so unwichtigen Angelegenheit darauf ankäme , könnte ich durch den Buchdrucker mein Manuskript , durch das Zeugniß von Freunden darlegen , wie ich die betreffenden Stellen bereits Anfang vorigen Jahres niedergeschrieben hatte . Ich könnte auch bemerken , daß aus einer gedruckten Schrift , welche beinahe ein Jahr cirkulirt , sich leichter Auszüge machen lassen , als aus einer schriftlichen , die im Bureau eines Ministers unter dem Siegel der Amtsverschwiegenheit bewahrt ist . « » Halt ! Die sämmtlichen Exemplare Ihrer Schrift sind aufgekauft und makulirt worden , ehe sie ins Publikum kamen . « - » Wer that das ? « rief der Erstaunte . - - » Ihr eigener Vater . Weil er es bereute , ließ er mir das letzte Exemplar durch Herrn von Dohleneck zustellen . « - » So könnte ich schließlich darauf aufmerksam machen , « sagte Walter , » daß ich mit dem Herrn Regierungsrat in durchaus keinen Relationen stehe . « - » Kennen Sie Herrn von Fuchsius ? « unterbrach ihn der Minister , der schon in der Mitte de Rede mit eigenen Gedanken beschäftigt schien . - » Man rühmt ihn als einen unserer befähigtesten jüngeren Beamten , dem eine glänzende Karriere bevorsteht . « - » Ich frage , ob Sie ihn kennen ? Persönlich ? Schickten Sie ihm wirklich kein Exemplar ? Wissen Sie , daß er keines besessen ? « - Als Walter den Mund öffnete , schoß wieder ein Lichtstrahl durch das Zimmer . Er erinnerte sich , als er bei jenem anderen Minister eine Audienz erhalten , daß Herr von Fuchsius damals aus dem Zimmer gegangen , daß dem Minister kurz zuvor ein Vortrag über die Schrift gehalten sein musste . In dem ersten Moment fuhr ein Lächeln über sein Gesicht . Er erinnerte sich , daß Fuchsius , als er durch das Vorzimmer an ihm vorüber ging , eine Druckschrift aus der Tasche sah . » Herr Regierungsrath von Fuchsius ! « meldete in dem Augenblick der Amtsbote . - » Soll warten ! « sagte der Minister . » Im Bureau ! « rief er dem Voten nach . Er schien mit Gedanken beschäftigt , als er , die Hände auf dem Rücken , aus dem Fenster sah . War Walter vergessen ? Hatte der Staatsmann angenommen , daß er gehen müsse ? Sollte er jetzt gehen ? Sich räuspern ? Plötzlich wandte er sich um . Er hatte ihn nicht vergessen , aus dem Pult riß er ein Konzept , und warf es hin : » Versuchen Sie sich daran . Hier auf der Stelle . Da ist Papier und Feder . - Eine Ausarbeitung - ganz nach Ihrem Sinne - an die Lineamente brauchen Sie sich nicht zu halten ; da ist viel dummes Zeug darin . - Eine Stunde haben Sie Zeit . Ich habe Geschäfte , die mich wohl noch länger abhalten « Siebenundsechzigstes Kapitel . Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben . Die Thür schlug hinter ihm zu . - War das eine Rechtfertigung , daß der Minister dem jungen , ihm fremden Mann das Heiligthum seines Arbeitszimmers mit den offen stehenden Schränken überließ ? Walter konnte wieder lächeln , als aus einem halbgeöffneten Schubfach ein Körbchen mit Goldstücken ihm entgegenblitzte . Da lag auch ein versiegeltes Packet mit der Aufschrift : » Nach meinem Tode zu verbrennen . « Vornehme Leute haben oft eigene Vorstellungen , wie sie die von ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen . Jedenfalls war es nur eine halbe Rechtfertigung ; der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prüfen , ob er im Stande sei , selbstständig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten . Das Konzept , das ihm übergeben war , enthielt flüchtige , von des Ministers Hand hingeworfene Sätze , etwa folgender Art : Was allgemeine Stimmung , wenn kein gesetzliches Organ dafür existirt ! - Jeder Minister ausschließlich in seinem Geschäftskreise - ein König oder Gliederpuppe . Fehlt jedes Element , den König aufzuklären über den wahren Status . - Geheime Kabinetsräthe . - Dahinter war ein dicker Dintenklecks . Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht . Absolut nicht mehr möglich . Aut ! - aut ! - Fein anzufangen . - Dummes Zeug ! So Hardenberg nach heutiger Konferenz . Blücher würd ' s besser verstehen . - Dahinter einige Striche , Federproben , Eselsohren ! Daraus ein Promemoria entwerfen ! Allerdings das Zeichen eines großen Vertrauens . War Excellenz ' Denkweise so bekannt , daß er aus Chiffren und Hieroglyphen ein System konstruiren konnte ? Oder hatte er ihn absichtlich in ein Labyrinth gesetzt , um ihn auf bequeme Weise los zu werden , wenn er den Ausgang nicht fand ? Feder und Papier waren zurecht gelegt , aber Gedanken sollen dem Schreiben vorausgehen . Sie im Promeniren zu sammeln , war die Stube zu klein . Und es war drückend heiß . Er lehnte sich aus dem Fenster , um Luft zu schöpfen . Die Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straßen Berlins . Die geputzten Spaziergänger , die nach dem Thiergarten eilten , suchten die schmale Schattenseite . Er hörte ihre Gespräche . Nicht Einer , der nicht dem Andern zurief : » Das ist mal heiß ! « Jener machte die Bemerkung : Anno 99 wäre es doch noch heißer gewesen . - » Ja , ja . so geht ' s ! « schlössen zwei Bekannte mit einem vielsagenden Händedruck ein Gespräch , in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewusst . » Schlechte Zeiten ! « - » Wenn nur Friede bleibt ! « - » Meinen Sie ? - Ja - ja - wer weiß ! « - » Hab ' ich ' s Ihnen nicht immer gesagt , es geht oder es geht nicht . « - » Ja , wenn nicht der Bonaparte wäre ! « - » ' Ne sappermente Wirtschaft ! « - » Na , man wird ja sehen . « - » Und das Bier auch immer schlechter . « - » Saure Gurkenzeit , Herr Gevatter ! « - » Die armen Komödianten ! « rief eine geputzte Dame . » Nein , an solchem Tage spielen zu müssen ! « - » Und Belmonte und Constance ! « - » Und in Pelzen , hu , Einem schaudert ! « - » Und wie leer wird es sein ! « - Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opferthier , nicht eins , das erst gebraten werden sollte , sondern das gebraten war vom Sonnenbrand , ein junger Bursch im Sonntagsrock . Der Mund offen , die blaßblauen Augen unter den glatt herabhangenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele . Plötzlich aber belebten sie sich von Pfiffigkeit ; halb pustete , halb pfiff er , und war seitwärts gesprungen nach dem Straßenbrunnen . Rasch klirrte die Pumpe , und seine Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl . Warum musste er es so laut machen , daß die Schwestern sich umsahen : » Aber Karl , Potz Wetter , wie unanständig ! « - » Nein Mutter , sieh ! der Karl ! der Junge hält doch nie auf Reputation . Als ob er von ' ner Schusterfamilie wäre ! Wie ein lebendiger Straßenjunge ! « - » Warte nur , wenn der Vater ! « - » Du kriegst ja draußen Weißbier , Karl , « rief die Mutter . » Wenn nur die wirklichen lebendigen Straßenjungen es nicht gehört hätten . « Es schnalzte und grinste : » Straßenjungen ! Wer sind denn Eure Straßenjungen ! « - » Und wer sind sie denn ! Aus der Fischerstraße ! « - » Wenn man sie nicht kennte ! Die näht Pantoffeln . Selbst Schuster ! « - » Und die Andre - Schneidermamsell bei den Komödianten . « - » Dicke thun hilft nichts . « - Hätten die geputzten Damen nur geschwiegen ! Aber sie schwiegen nicht . Sie mussten ihre Ehre vertheidigen . Die Straßenjungen ließen sich in Berlin nicht überschreien . Die korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter , sich mit dem » Kropzeug « nicht abzugeben . » Selbst Kropzeug ! « war das Echo . Das war natürlich nicht zu ertragen . Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne : ob er das dulden wolle , seine Frau Kropzeug genannt ! Der Mann schien schon vorausgeschickt , das jüngste Kind auf dem Arm , damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittirt werde . Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen , in den der Kopf beinahe versank , die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen hervorblickende Pfeifenrohr passten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Theils der Familie , und man durfte annehmen , daß er sich bei Hofjägers an einen aparten Tisch setzen müsse . Aber in der Noth hört solche Distinktion auf . Während der Mann zurückkeuchte , so hastig , daß der Pfeife die Spitze abbrach , und er jetzt vollkommen Grund hatte zum Zorn , hatte der Auftritt schon eine andere Physiognomie angenommen . Fritz war von den Schwestern animirt worden . Daß einer der Straßenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge » geblökt « , durfte er doch nicht dulden . Der Thäter lag auf dem Boden , und Fritz auf ihm , es war indeß zweifelhaft , ob er nicht bald unter ihm liegen würde . Da war es eben so natürlich , daß der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr darunter sprang . Es war auch nicht mehr Geschrei , kaum mehr das , was man in Berlin ein Aufgebot nannte , es war das nächste daran . Vorübergehende standen schon , wie es sich schickt , entweder still oder nahmen Theil , als ein Einspänner um die Ecke bog und den Knäuel in etwas trennte . Es waren anständige Leute auf dem Wagen , der Herr Hoflackirer und seine Frau mit ihrer Cousine Charlotte , deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimniß blieb . Anständige Leute stoßen Achtung ein , besonders , wenn sie Wagen und Pferde haben . Anständig will Jeder sein . Der Herr Hoflackirer hatte aber seinen Rock geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann , auch kutschirte er selbst , und das Gestränge glänzte , wenn auch nicht von Silber , doch von etwas , was wie Silber aussah . Hätte er nun die Peitsche knallen lassen , und ein donnerndes Wort gesprochen von Auseinander ! und Ruhe und Ordnung , und hätte den Wagen durchrollen lassen , dann wäre Alles gut gewesen ; aber er fragte : » Was ist denn hier los ? « Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger . Bei dem Durcheinander von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen . Wenn man nicht darüber ins Reine kam , wer ausgeschlagen habe , was weniger darüber , wer ausgeschimpft hatte ? Die Frau Hoflackir schien für die geputzten Damen mehr Sympathie zu empfinden , während ihre Cousine die armen Jungen in so fern in Schutz nahm , als man nicht gleich losschlagen müsse , wenn Einer mit der Zunge blökt . Wenn die Damen im Wagen schon verriethen , daß sie im Inquiriren nicht geschickt waren , so viel weniger der Hoflackir , der sich einige Blößen gab , welche auch von diesem Auditorium gefühlt wurden . Schwierig war allerdings seine Stellung , wenn er außer den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen seinen Beisitzerinnen schlichten sollte ; man soll sich aber nicht zum Richter bestellen , wenn man nicht das Zeug dazu hat , sagte nachher ein ehrbarer Mann . Die Frau Hoflackir musste durch eine sehr unanständige Geste eines Straßenjungen in ihrem Zartgefühl verletzt sein , denn sie schrie auf , wie ihr Mann auch dazu komme , unter dem Pöbel sie zur Schau zu halten ! Hatte sie dabei unglücklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet , denn diese - der Zorn macht blind - nahmen den Affront auf sich . » Pöbel ! Wer ist denn hier Ihr Pöbel ! « griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf . Jetzt war es an Charlotten auch die ihre zu erheben : » Und wer sind Sie denn , meine Damen , wenn ich fragen darf ? Das ist meine Cousine , die Frau Hoflackir , und der Herr Hoflackir , mein Cousin , hat immer nur mit anständigen Leuten zu thun . « - » Sie meinen wohl , wir wären nicht anständig , « schrie die eine Geputzte , die den im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glühende Gesicht gesetzt hatte , nur nicht ganz in der vorigen Façon . - » Da müsste doch die Polizei mitsprechen ! « rief die Zweite - » Die Polizei , « rief Charlotte , » die kennt ihre Leute , und weiß , wer sich Abends , wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht , von Referendarien in Konditorläden führen lässt . « - » In Konditorläden ! Das ist eine ausverschämte Lüge ! Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen , meine Dame . Der Herr Referendar invitirten mich , aber ich sagte : das würde sich wohl nicht schicken , Herr Referendar ! Und wir sind da nicht hineingegangen . « - » Es kommt mir auch gar nicht darauf an , wo Sie die Rosinen gegessen haben , « replicirte Charlotte mit einem sehr feinen Blick . - Die zweite Schwester hielt die Höflichkeit nicht mehr für angebracht : » Und woher Sie die Rosinen in Ihrem großen Munde haben , weiß man auch ! « - » Ja , manche Leute , « fiel Charlotte ein , » manche Leute haben einen sehr großen Mund , und sehen Wunder wie aus , Sonntags vorm Brandenburger Thor , wo sie Keiner kennt , aber vorm Hamburger Thor kennt man sie auch . « - » Vorm Hamburger Thor ! « schrie die Eine . » Vorm Hamburger Thor ! « wiederholte die Andere . » Da hätte man sie ja raus geschmissen , Knall und Fall , wenn ' s nicht der Herr Wachtmeister gewesen wäre . « - » Mit Schmiedegesellen geben wir uns allerdings nicht ab , « trumpfte Charlotte drein , » die sind uns zu russig ! « - » Sie ist ja eine Köchin ! « fuhr die Jüngste auf . » Eine Geheimrathsköchin ! Und eine für Alles ! Die ursprünglichen Parteien waren aufgelöst , vermischt ; es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen Sitzenden . Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat , ist verloren . Wie schwer der Herr Hoflackir auch zur Empfindung zu bringen war , denn die Frau Hoflackir musste ihm mit der Faust in den Rücken pauken , damit er nur merkte , daß sie ohnmächtig ward , jetzt glaubte er fluchen zu müssen . Es geschah zwar mit einer gewaltigen Bierstimme , aber weder mit den rechten Ausdrücken , noch mit der rechten Folge . Zuerst Flüche aus dem Stall , dann Gründe . Ein Donnern , das mit dem Säuseln des Windes endet , verfehlt seine Wirkung . Im Hohngelächter der Buben blieb ihm nur das letzte Mittel , nach der Polizei zu rufen , und er schwor , so wahr er Seiner Majestät Hoflackirer wäre , wolle er sie alle durch die Bank in die Stadtvogtei schmeißen lassen . Ehe sich einer dessen gewärtigte , war Charlotte plötzlich vom Sitz aufgesprungen , hatte sich übergelehnt , dem Schwager Zügel und Peitsche entrissen , und ließ mit einem : Platz ! die Peitsche knallen . Das muthige Pferd , des langen Geredes überdrüssig , bäumte sich mit einem Satz , der dem Wagen zwar einen Stoß versetzte , daß die Frau Hoflackir ihre Ohnmacht vergessen musste ; aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten zerhauen , den zu lösen dem Herrn Hoflackir am schwersten geworden wäre . Der Haufe , der auf die Rodomontade schon zu Thätlichkeiten Miene machte , flog auseinander , und Kies und Funken stoben . « » Kikelkakel Polizei ! « rief Charlotte , als sie Zügel und Peitsche dem verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf . » Darum lohnt sich ' s auch ! « Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflachir stöhnte : das komme davon , wenn man sich mit gemeinen Leuten einlasse . - » Gemeine Leute , das geht schon , « entgegnete Charlotte , deren Herz jetzt warm wurde , und ihre Zunge löste sich . » Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet thun , Cousine , das ist um die Crepance zu kriegen . Die Schmiedetöchter da an der Panke , Hufschmied war er für die Fuhrleute und Bauern ! Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen , da sollte es oben raus . ' Ne Mamsell lässt sich auch gleich machen , habe ich oft zu meinem Geheimrath gesagt . Das kostet Geld und Bildung , mit ´ nem langen Plunderkleid ist ' s nicht gethan . Da mussten sie in die Komödie , vom Tanzboden ins Corps de Ballet . Ging ' s nicht so , dachten sie , geht ' s so . Das kennt man ja . Und Airs geben sie sich , wenn ein Offizier mal auf der Redoute : Meine Damen ! gesagt hat . Als ob man nicht wüsste , wie sie mal barfuß laufen mussten und Reisig auf der Hucke tragen , das ist noch keine Sünde nicht , aber pfui , wer sich schämt , was er gewesen ist . Und gegen den Vater wäre auch gar nichts zu sagen , wenn er nicht so schreckliche Manieren hätte . Man merkt doch gleich den Grobschmied raus . Und wo er zuschlägt , wächst kein Gras . Aber er ist doch mal ihr Vater , und gestohlen hat er doch auch nicht . Aber die Mutter , na , lieber Gott , wenn man von der erzählen wollte ! Unter der Haube ist sie nun mal , aber von vorher weiß man Geschichten . Gott bewahre mich , daß ich was sagte . Wer Allen die Haube vom Kopfe reißen wollte , die jetzt hochmüthig thun , und auf Andere schief runter sehen , da hätte man viel zu thun . Einer den Andern verreden , da ist die Schlechtigkeit der Menschheit , und bis das nicht abgeschafft ist , Cousin , da können Sie mir glauben , ist ' s nichts in der Welt . « Einmal auf dem Einspänner , mussten wir ihn doch bis ans Thor begleiten . Wir zweifeln nicht , daß Charlottens Lunge , die das auf dem damaligen Berlier Strahenpflaster vermocht , auch draußen auf dem welchen Erdreich des Thiergartens noch lange fortgefahren ist . Sie verschaffte dem Hoflackirschen Ehepaare jedenfalls den Vortheil , nichts von den Spitzreden zu hören , die unter lautem Hohngelächter ihnen nachschallten . Hier war nur eine Partei zurückgeblieben , man möchte sagen , eine Herzensseligkeit , und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Straßenjungen um die Wette ins Wort , um den Fortgerollte etwas Kränkendes nachzuschicken . Der Zorn , wenn er auch nicht mehr trifft , muß sich selbst genügen . - Nein , wenn solche Leute sich herausnehmen wollen , die nichts sind ! - Wer unter der Gassenjugend kannte nicht die Geheimraths Charlotte ! Wenn die anfängt , müssen die Fischweiber unterducken . - Ja , mit den Fischweibern mag sie Trödel anfangen , da ist sie unter ihres Gleichen , aber sich unterstehen , anständige Personen auf der Straße zu attaquiren ! - Eine Köchin so aufgedonnert , ein Skandal , was die Polizei verbieten müsste . - Die Polizei fragt freilich nicht , wo eine Köchin ihr Umschlagetuch her hat . - Vom Wachtmeister hat sie es gewiß nicht erhalten ? - Wenn Charlotte sich einbildete , daß der Geheimrath sie heirathen würde , hier auf der Straße war es eine ausgemachte Sache , daß sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht . - Und ihre Cousine , mit der sie so groß that ! - Ja , wenn man nicht Alles wüsste , wenn man sie nicht gekannt hätte ! - Ja , der Herr Hoflackir war ein honetter , proprer Herr , der auf sich was hielt . Immer adrett . Er zahlte baar . Der arme Hoflackir , daß er sich von der Person hat herumkriegen lassen ! Aber es war ihm schon recht , warum war er ein solcher Schafskopf ! - Die Wage des armen Hoflackirs ward immer leichter . Arbeiten verstünde er , das müsste man ihm lassen , aber sonst - ein Einfaltspinsel . - Und ohne die Weiber was wäre er ! - Barfuß , die Stiefel auf dem Rücken , war er durchs Hallesche Thor einwandert . Aus dem Voigtlande ! Ja , wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen ! Und wie hatte er es ihr vergolten ! - Alls dem Voigtlande musste er herkommen , um Andern das Verdienst wegzuschnappen , und dann will er er noch Polizei spielen über Berliner Stadtkinder ! Himmelschreiende Anmaßung ! Der honette , propre , adrette , immer baar zahlende Herr Hoflackirer wäre gewiß noch schlimmer mitgenommen worden , hätte nicht die Polizei jetzt wirklich mit vielem Geräusch versucht , die Gruppirung auseinander zu treiben . Sie jagte sich mit den Gassenjungen . Die anständigen Leute ersuchte sie auseinander zu gehen , denn je weniger jetzt zu sehen war , um so mehr drängten sich , um noch zu sehen , was Andere vor ihnen gesehen hatten . Die ursprünglichen Tumultuanten waren langst entwischt , und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied , jetzigen Knopfhändlers , schon auf dem Wege nach dem Hofjäger , wo sie , nach einigen Nachrichten , die wir aber nicht verbürgen wollen , sich mit der des Hoflackirers verständigte , indem sie herausfanden , daß es nichts als ein Mißverständniß gewesen , was sie an einander gebracht . Unter den ehrbaren Bürgern war sehr ernsthafter Disput über den Vorfall . Um so besseres Streiten , als kaum Einer von denen , die stritten , noch mit Augen gesehen , um was es sich stritt . In einem Punkt nur waren Alle einig : Warum war die Polizei nicht früher gekommen ? » War denn die Polizei überhaupt nöthig ? « sagte der Begleiter einer ältlichen Dame , der etwas Fremdartiges an sich hatte . Er war aus Amerika nach einem langen Aufenthalt daselbst in seine Vaterstadt zurückgekehrt . Man sah ihn verwundert an . » Haben Sie denn da keine Polizei ? « - » Wo man sie braucht . Was sich von selbst schlichtet , dazu ruft man sie nicht . « - Die ehrbaren Männer schüttelten den Kopf : Es war ja ein Skandal ! - » Doch nur für die , welche sich um solche Bagatellenstritten . « Aber es ward ein Auflauf : es hätte noch schlimmer werden können . Einer musste doch beispringen . » Hätten die Nachbarn und ehrbare Bürger sich nicht selbst helfen können , wenn es ihnen zu arg ward ? « Man verstand ihn nicht . Das wäre noch hübscher , ehrbare Bürger um so was zu inkommodiren ! Die meisten Nachbarn meinten , es liege an der Unvollkommenheit der Gesetze , man solle andere machen ; nur waren sie verschiedener Ansicht über das wie ? Den Straßenjungen sollte verboten werden , auf der Straße zu schreien , verlangte der Herr Tabakskrämer drüben . Der Schullehrer meinte : den Frauenzimmern müsse untersagt sein , in einem Putz auf der Straße zu erscheinen , der über ihren Stand ginge , denn daher komme doch die ganze Geschichte . Ein Dritter : man solle nicht Jedem erlauben , auf der Straße zu plumpen , denn das sei der eigentliche Quell . Man kam zu keiner Einigung . Als die Leute erfahren , der Mann sei ein Amerikaner , erregte er den Respekt , welchen in Berlin Alles beansprucht , was weither ist . Mehrere der ehrbaren Leute , die zugleich auch wißbegierig waren , umringten ihn mit bescheidenen Fragen über amerikanische Einrichtungen . Einer , der ihm aufmerksam und beistimmend zugehört , sagte : » In alledem , mein geehrter Herr , mögen Sie Recht haben , aber ich frage Sie , wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten , wer reißt denn den Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund ? « - » Niemand . « - » Ja , mein Gott , wie kann denn aber da Ordnung in Amerika sein ! « Die guten Bürger schüttelten den Kopf . Die ältliche Dame , welche sich von dem Amerikaner führen ließ , und zu ihm in dem Verhältniß einer Verwandten oder Bekannten stehen mochte , die , einst seine mütterliche Lehrerin , die langen Jahre vergisst , welche den Knaben zum Mann erhoben , sagte mit der Feierlichkeit überlegenen Wissens und doch mit dem gutmüthigen Lächeln einer mütterlichen Freundin , die Verirrungen sanft aufnimmt , weil wir Alle irren : » Du wirst überall Ungläubige treffen , mein lieber Friedrich , wenn Du von den Vorzügen Deiner neuen Welt da drüben sprichst . Und Dir selbst wird , wenn Du Dich nur wieder zurecht findest , auch das Auge aufgehen , daß in keinem Staate so väterlich für das Wohl der Bürger gesorgt ist , als in dem unseren . Nur in dem Einen hast Du Recht , da ist es besser bei Euch , daß sie die Kirchen heizen ! - Ja , ich habe es immer gesagt , wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte , was hätten die Leute dann noch zu klagen ! - Nun , wer weiß , wenn ich die Augen schließe , kommt man wohl auch noch dahin ! Die großen Herren hier haben immer an Anderes zu denken , was ihnen wichtiger scheint , darüber vergessen sie das Nächste . - « » An diesem heißen Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste , liebe Tante , « entgegnete der Amerikaner . - » Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen , dann ist es im Winter zu spät . Im Winter aber denken sie , nun , es ist ja noch Zeit , es kommt ja der Sommer . So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts . « Es war eine alte bekannte Dame der Residenz , gleich geschätzt wegen ihrer Wohlthätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes . Nur war sie eben so bekannt wegen dieses Steckenpferdes , das ihr zur fixen Idee geworden . Sie meinte , die Armuth fühle sich erst recht , wenn sie in ihren Lumpen in den kalten Gotteshäusern stehe , wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen zurückkehren würden , gleich wie ein Satter gegen die Verdrießlichkeiten des Lebens geharnischt sei , wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt . So wusste sie zu beweisen , daß aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich frommer Sinn , allgemeine Menschenliebe , sondern auch Zufriedenheit , Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit , kurz ein glückliches , vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse . Die Straße war wieder still geworden und Walter saß am Schreibtisch . Er schlug die Augen nieder . Es war eine ermattende Luft . Er schüttelte die Träume , aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück . Eine Seite stand fertig geschrieben , als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte : » Lohnt es sich denn um dieses Volk ! Will es anders sein als es ist ! Weiß es , was es wollen muß , um aus der Dumpfheit der Eristenz - « Er trat noch einmal ans Fenster . Achtundsechszigstes Kapitel . Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben . Es war nicht gerade kühler geworden , aber die Sonne prallte nicht mehr vom Pflaster und den hellen Häusermauern zurück . Sie war hinter das Dach eines hohen Hauses gesunken . Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Thore hinaus . Da ging sein Vater , im Arm den Rittmeister von Dohleneck . Seltsame Freundschaft vom neuesten Datum ! Er lächelte über das Gerücht , das der Witz der Berliner Börse erfunden : sein Vater wolle ihn enterben , weil er keine Schulden gemacht , um den Rittmeister zu adoptiren , der viel Schulden hatte ; denn die Firma Walter van Asten verdanke ihren Kredit Denen , die keinen hätten . Ihre Schuldigkeit sei es daher , das Schuldenmachen zu begünstigen . Er wusste nun , was seinen Vater und den Offizier aufs Neue verband .