Schwester ! Ich dächte , mein Kind nannt ' ich Sie , Helene ! O Sie sind gut , Pauline ! Sie blieben mir die treueste Freundin trotzdem , daß es Ihnen wehe that , das Band , das Sie an den guten Desiré fesselte , getrennt zu sehen . Aber wie bewundert man Sie auch Beide in Paris ... O Helene ! Ja , alle Cirkel sind noch jetzt von Ihnen voll . Balzac hat mir versprochen , über uns alle einen Roman zu schreiben . Ich verbot es ihm , weil ich nach dem Nadasdi nichts mehr von Ihnen angezeigt fand . Deshalb ? Warum Nadasdi - Ich vermuthete , daß Sie selbst dieses Sujet behandeln würden . Sie haben so lange geschwiegen ? Warum erscheint nichts von Ihnen ? O ! ... antwortete Pauline ablehnend . Wie lieb ' ich Alles , was Sie schreiben , fuhr die gute , kritiklose Helene fort , die gar nicht ahnte , welche wunde Stellen sie berührte und wie sie eigentlich hinter dem Gegenwärtigen zurück war . In Amarantha erkannt ' ich Ihr Herz , in Nadasdi Ihre vorgeschrittene Kunst . Wäre ich nicht durch Egon um meine Besinnung gekommen , ich hätte ein Capitel von Nadasdi unter dem Titel : Moeurs hongrois ... übersetzt . Welche Phantasie haben Sie ! Hier dieses Zelt , Ihr Costüme , Pauline ! Sie sollten in Paris leben . Man würde Sie aufsuchen wie eine Priesterin des Geschmackes , eine Velleda , eine Druidin der Inspiration . Wir haben es jetzt sehr mit den Velleden und Druidinnen ! Ach , was bleibt uns auch nach dem Schmerze noch übrig als die Weissagung ! Auf unsern Trümmern wird man uns entweder zerschmettert finden , oder wenn wir uns erheben können , so ist es nur in der Mission der Prophetie ! O meine liebe Pauline , was erlebt ' ich seitdem ! Sähen Sie in Alles hinein bis auf den Grund , wie würden Sie , wenn Sie ' s beschreiben wollten , die Menschen rühren , während denen freilich , deren Herz Sie sicher vertheidigen würden , es bräche ! Pauline war über alle diese Bemerkungen überglücklich . Es waren ihr Das nicht die Phraseologieen der neuromantischen Schule , sondern wirkliche Ergüsse reinster Aufrichtigkeit und Hingebung , ohne die Idee einer Ironie ! Das Lob , das sie so oft für ihre Feder empfangen hatte , war meist satirisch gemeint gewesen . Sie war weltklug und in einem gewissen Punkte nicht eitel genug , um auf diesem Bereiche Wahres und Falsches nicht sogleich zu unterscheiden . Aber diese Huldigungen der d ' Azimont , das wußte sie , die waren ganz naiv und aufrichtig gemeint . Auch die förmlich auf den Kopf gestellte Moral der beiden Frauen war zwischen ihnen chose convenue . Als ich von Odessa kam , sagte Helene , ich unerfahrenes dummes Ding , was wußt ' ich von der Welt ! Desiré gestand mir , daß Ihr Beide Euch geliebt hattet und ich fand Das edel und gut von Ihnen , denn Desiré verdient , daß man ihm wohl will . Sie drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und die Thränen , die Sie weinten , als Sie die kleine Comtesse d ' Azimont zum ersten male sahen , werd ' ich Ihnen ewig gedenken . Wie oft fand ich diese Thränen in dem Nadasdi und der Amarantha wieder ! Sie entsagten und förderten mein Glück . Ihre Liebe , Ihre Freundschaft hat mich erst die Welt kennen gelehrt ; denn o Himmel , was war ich ? Was wußt ' ich ? Sylvester Rafflard in Osteggen war ebenso ein Ignorant , wie er jetzt ein Bösewicht ist und aus Rache , daß wir ihn , einem deutschen Pedanten zu Liebe , verabschiedeten , mich noch jetzt verfolgt . Er ist der treueste Rathgeber meiner Schwiegermutter geworden , dieser bösen Frau , die trotz ihres Strebens , kanonisirt zu werden , mein Unglück will . Rafflard ? sagte Pauline . Ich fand den Namen kürzlich in den Blättern angezeigt . Ein Name dieses Klanges , scheint mir , ist ... hier angekommen ? Der Himmel gebe , daß Sie sich irren ! rief Helene entsetzt . Ich haß ' ihn trotz seiner Freundlichkeit und alle Welt sagt , es ist ein Jesuit . Ich entsinne mich , Rafflard ! Professor Rafflard reist , um die Gefängnisse zu studiren - Das ist er ! Rafflard ist hier ? In den Zeitungen las ich , daß er einer Gesellschaft angehört , die es sich zur Aufgabe macht , das Loos der Gefangenen zu mildern ... Lug und Trug ! Es ist ein Jesuit , wie nur irgend einer in der Rue Jean Jaques Rousseau gebacken wird ! Er verließ die reformirte Religion nach den schlimmsten Streichen , die er sich in Genf erlaubte und muß durch den boshaftesten Zufall von der Welt der Rathgeber meiner Schwiegermutter werden ! Nach Egon ' s Abreise flog ich dem Geliebten nach und glauben Sie mir , nicht die Gefangenen sind es , die ihn herführen . Ich bin es ! Ich , die er wie eine Schlange umringelt hält , um mich von Egon loszureißen ... Die Gräfin theilt nicht die Toleranz ihres Sohnes ? Sie betreibt eine Scheidung . Sie will das Vermögen , das nach Desiré ' s liebevoller Anordnung mir allein anheimfällt , sich , der Kirche , dem Beichtstuhl , den Jesuiten erhalten . Rafflard hier ! Auch Das noch ? O ich bin sehr , sehr unglücklich , Pauline . Damit flossen Helenens Thränen , wie die eines Kindes , dem alle seine liebsten Hoffnungen von der unerbittlichen Strenge eines Lehrers oder einer weisen Mutter zerstört werden . Pauline suchte Helenen zu trösten und versprach ihr Rath und Beistand . Nur sammeln Sie sich , sagte sie und vertrauen Sie mir ! Wie kommen Sie denn nur zu dieser verzehrenden Flamme , zu dem Prinzen Egon ? Ach ! Als wir uns vor drei Jahren wiedersahen , Pauline , begann Helene mit schwacher Stimme , da war ich im Begriff , aus Verzweiflung über dies Erdenleben irgend eine Thorheit zu begehen . War ' ich katholisch , wer weiß , ob ich nicht die Mauern eines Klosters aufgesucht und in der Liebe zum Christ ( Helene brauchte diese französische Wendung ) in der Liebe zum Christ meine unverstandenen Schmerzen gesammelt hätte ! O eine so dürstende Seele wie die meine und nichts als das schale Wasser des Alltäglichen zur Erquickung ! Belcotti , Addington , Bardanski ... ich schäme mich ! Abscheulich ! Es waren Flämmchen auf diesem Sumpfe gewesen , den ich Leben nannte . Ich hatte den Einen gern singen , den Andern gern wetten , den Dritten gern raisonniren hören und mit allen gern zu vier Händen die Capricen Chopins und Liszt ' s gespielt ... Pauline ! Das war Alles . Ich kann sagen , ich hatte in diesen Flammen nur die Flügel verbrannt . Sie wuchsen wieder , als ich diese Menschen verachtete . Ich wollte mich Desiré widmen . Desiré war gut , o gut ! Er fühlte sich krank und sagte mir oft : Helene , werde etwas philosophischer ! Wenn ich todt sein werde , kannst du ein neues Leben beginnen ! Eine Witwe von dreißig Jahren im Besitz einer Million und mit einem Herzen voll Poesie und unerschöpfter Hingebung ist die Königin der Erde ! Ich gelobte ihm , sage zu sein und ich war es , bis meine Stunde schlug . Wir ziehen aufs Land . Desiré hatte eine wunderschöne Villa am See von Enghien gekauft , sie ausbauen , sie verschönern lassen . Ich lebte nur dieser Villa , auf die mich die Eisenbahn von St.-Germain in zehn Minuten führte . O diese Villa ist so reizend , Pauline ! Man sagt , Rousseau habe sie einst bewohnt und dort einige Capitel der neuen Heloise geschrieben . Ach , Sie wissen , wie ich die neue Heloise und Rousseau liebe . Ich war glücklich ! An unserm Schlößchen plätschert der See von Enghien und die lieblichsten malerischen Partieen sind durch die Eisenbahn recht der Magnet derjenigen Pariser geworden , die idyllische Freuden lieben . Es war im Juni . Ich wohnte erst vier Wochen in meinem kleinen Paradiese , malte , zeichnete , componirte , wollte dichten , ich versuchte Alles , ich las , ich lachte , ich weinte . Desiré war glücklich , wenn ein Sterbender noch einige Zeit glücklich sein kann . Ich dachte sogar an Aussöhnung mit meiner Familie und schrieb bogenlange Briefe nach Odessa , die ich mit einem Kurier unserer Gesandtschaft über Constantinopel expedirte . Da ereignete es sich , daß eine muntere Gesellschaft , Handwerker wie es schien , auf dem See an meinem Garten eine Partie machte . Sie kamen vom jenseitigen Ufer und wollten die Runde fahren und die Besitzer der Gärten necken , die an den Ufern die Kühle des Gewässers athmeten . Da schlug das Boot der fröhlichen Gesellschaft um , während ich an einem Tische sitze und gedankenvoll auf die schäkernde , übermüthige , junge Welt hinausblicke . Ich schreie , springe auf und stürze die steinernen Stufen hinab , die am See bespült werden von den Wogen , in denen sich unsere angekettete Gondel schaukelt . Ich springe in die Gondel und wie meine Empfindung eine reine , eine natürliche war , so entfuhr mir auch das deutsche Wort : Hilfe ! Sie starke Seele ! sagte Pauline bewundernd . Eine jede andere an Ihrer Stelle wäre in Ohnmacht gefallen und hätte nichts gethan . In Ohnmacht gefallen ? rief Helene mit flammender , guter , schöner Erregung . In Ohnmacht , wo Menschen ihren Tod in den Wellen finden ? Ha ! Retten konnt ' ich nicht , aber ein junger Mann nahm mir die Verpflichtung ab , das Äußerste zu wagen . Es war ein schöner Jüngling , der zur Gesellschaft gehörte , sich in die Wogen stürzte und mit kräftigem Arme ein junges Mädchen emporhielt , das er in den Wellen ergriffen hatte . Er schwamm mit seiner glücklich Geretteten an unsern Garten . Ach ! Sie können denken , Pauline , wie ich glücklich war , als man mir zurief , nur das junge Mädchen hätte das Übergewicht verloren und wäre , nach Wasserlinsen haschend , über den Rand des Nachens gestürzt , mit dem man scherzhafter Weise schaukelte . Meine Diener kommen . Wir tragen das junge Mädchen in ' s Haus , der junge Mann , der mein deutsches Wort : Hilfe ! vernommen hatte , sprach deutsch mit mir . Wie erstaunt ' ich über den gebildeten Fremdling ! Er war groß und schlank , von schwärmerischem Auge und sprach so geistreich , daß ich auf der Hut sein mußte , ihm die richtigen Antworten zu geben . Das Mädchen , ein zartes , etwas verblühtes Kind , eine echte Französin , erholte sich bald . Ich gab ihr Kleider , ließ ihnen Thee vorsetzen ; aber sei es , daß ihr Geliebter deutsch mit mir sprach oder was war es , sie wollte fort . Sie schien mir hektisch , krankhaft aufgeregt und beherrschte den jungen Mann mit einem einzigen Blicke . Gegen Abend fuhr der ganze Train nach Paris auf der Eisenbahn zurück . Am Tage darauf hatt ' ich die Kleider wieder . Der junge Deutsche brachte sie selbst . Vergeben Sie mir , Pauline , wenn ich Ihnen gestehe , daß ich ihn schon liebte . Ich erfuhr , daß ein wunderliches Incognito ihn umspann , ich lüftete das mysteriöse Dunkel , in das er sich zu verbergen suchte , ich entdeckte , daß dies jener vielbesprochene , seiner Familie , seinem Stande abtrünnig gewordene Egon von Hohenberg ist . Ein Fürst ! Solche Überraschung ! Pauline , ich schildere Ihnen die Anstrengungen nicht , deren ich bedurfte , um Egon von seinen communistischen Thorheiten zu heilen . Die Begeisterung für all das Romantische , was ihn umgab , lieh mir die Kraft , ihn wieder zu uns zurückzuführen , denn weil ich seine Hingebung an die Sphäre des Volkes schön fand , weil ich ihm Beweise gab , daß ich ihn verstand , ihn begreifen konnte , widersprach er mir nicht , als ich ihn allmälig doch von seinen Kameraden , von armen Handwerkern und Grisetten trennte . Vortrefflich ! Vortrefflich ! Wie psychologisch ! Sie sind eine Weise geworden , unterbrach die Geheimräthin . Helene d ' Azimont fuhr fort : Egon wurde mein ! Ich durfte ihn mein nennen , denn ich hatte ihn mir erobert . Er kehrte zurück in die Welt , die für ihn bestimmt war und wie glänzte er in ihr ! Pauline , welch ein Triumph , den Mann zu lieben , der Alle blendete ! Wenn er in die Salons trat in seinem edlen Wuchs , mit dem fast lockigen Haar , dem sanften blauen Auge , dem lächelnden Mund , um den ein gewisser Schmerz die ganze Seele verkündete - o Pauline , ist es denn möglich , daß Das war ! Daß ich ihn zwei ganzer , voller , wie eine göttliche Minute dahingerauschter Jahre mein nennen konnte . Mein , mein - und dann - dann - ! Sie regen sich auf Helene ! Lassen Sie Das ! Erzählen Sie nicht ! Une rupture ! Das sagt ja Alles ! Ich kenn ' es ... O , in dieser Form nicht ! Pauline , in dieser Form nicht ! sagte Helene dumpf . Das war ja nichts , was Menschen ertragen können ! Das war ja nichts von dem Jammer aller Derer , die schon vor uns am gebrochenen Herzen starben - Pauline und wenn ein Messer vor meiner Brust zückte und Jemand sagte : Ich laß dich leben , aber du hast Das erlebt , so würde ich antworten : Laß mich sterben ; nur nicht das erlebt ! Da , da saß ich auf einem Sopha , es war dasselbe , auf dem einst jenes Mädchen sich erholt hatte ... sein Arm war um meinen Nacken geschlungen , ich sog die Küsse der Liebe von seinen Lippen ... da tritt ein Handwerker ein , den ich seit einiger Zeit angenommen hatte , um meine Villa schöner zu schmücken . Desiré war in Paris . Ich wohnte in Enghien ... Egon in der Nähe . Meine Phantasie hatte ein Spiegelzimmer erfunden , mit dem ich ihn überraschen wollte . Ach ! Egon bewunderte meine Phantasie im Erfinden ! O , sagte er oft , Helene , du bist die Göttin des Erfindens ! Du bist eine Schöpferin , eine Künstlerin des Lebens ! Deine Phantasie ist orientalisch ! Man sieht , daß du eine Nachbarin der Cirkassierinnen warst ... O Pauline ... der unglücklichste Zufall führte mich auf einen gewissen Louis Armand , den Bruder jenes Mädchens , in deren intriguantem Netze der arme Egon Jahre lang geschmachtet hatte . Louison hieß dies Mädchen . Schon von Lyon aus hatte sie den aus der Pension in Genf entflohenen halb unreifen Knaben zu all ' den Thorheiten verleitet , die hier und in Paris das Gelächter der großen Welt machten . Egon wußte nichts von den geheimnißvollen Arbeiten dieses Armand , nichts von den Malereien eines deutschen Malers , Reichmeyer , der mir heute aufwarten wollte und den ich zu Ihnen beschied ... Vergeben Sie mir - die Maler haben ja Zutritt bei Ihnen ... ich sehe Niemanden - Niemanden - Sind Sie nicht bös ? Pauline schaltete ein : Bitte ! Er soll mir willkommen sein ! und freute sich zugleich über die Aussicht , daß die Gräfin trotz ihrer furchtbaren Aufregung für den Abend vielleicht nun bleiben würde ... Helene fuhr fort : Einige Tage war Armand nicht gekommen . Unwillig hatt ' ich ihm geschrieben und meinen Leuten gesagt , ich wollte ihn selbst sprechen , um ihn für seine Nachlässigkeit zu zanken . Da tritt er ein , schwarzgekleidet . Egon springt auf : Louis ! ruft er . Ich ahne , daß er ihn kennt . Ohne auf Egon zu merken , antwortet der Handwerker : Madame la Comtesse , ... Sie haben Recht , meine Verzögerung zu tadeln , aber Sie werden entschuldigen , daß ein Bruder am Sterbebette seiner Schwester ... seine Pflichten als Arbeiter vergißt . Ich bin im Begriff , sie heute zu begraben und kam selbst nach Enghien , nur um mich auch für heute noch zu entschuldigen ... Das ist ja entsetzlich ! rief Pauline . Das war Louison ? Und Egon ? Egon , fuhr Helene in fieberhafter Aufregung fort , Egon hört diese dumpfen Worte meines Mörders , stößt mich zurück , mich Helene , die sich ermannen und den Störenfried entfernen wollte , ruft : Louison ist todt ! und reißt sich von mir los und den Bruder mit sich fort . Meine Leute hielten mich , denn was lag denn mir daran , daß man mich für eine Rasende hielt ! Ich sah , daß Egon nach Paris zurückwollte , ich ahnete , daß er sich von mir trennen konnte ; denn furchtbar war , was er mir von der Macht dieses Armand über sich geschildert hatte . Ich sah Alles vor mir , hielt ihn krampfhaft mit den Armen , warf mich auf die Schwelle vor die Thür des Hauses und schrie : Tritt mich Egon , ehe du mich verlässest , mich die Lebende um die Todte ! Mein Haar war aufgelöst , meine eiskalten Hände bebten , meine Zähne klapperten vor Fieberfrost ... Und Egon - Egon schritt über mich hinweg ... schritt über mich hinweg ! Ha , er flog an den Bahnhof - schon war zufällig das zweite Zeichen gegeben worden . Als ich aus meiner Betäubung erwachte , ein Pfiff , er war davon , ich allein . Er hatte mich zurückgestoßen , mich , die ihn liebte und ihn noch liebte , als er sie verließ ! Ich fuhr nach Paris , ach ! und konnte seine Spur nicht entdecken . Nur auf dem Kirchhofe des Boulevard Montmartre draußen bei den Batignolles wollte man einen jungen Mann bei dem Leichenbegängniß der Louison Armand gesehen haben , der dort die Öffnung des Sargdeckels verlangte und die Leiche mit seinen Küssen bedeckte . Man warf dann die Erde über den Sarg und der junge Mann , sagte man , soll bis in die Nacht auf dem Hügel geweint haben , einige Gräber weiter davon hätte der Bruder der Todten gesessen , stumm die Hand auf das Haupt gestützt . Dann wäre der Bruder zu jenem herangetreten und versöhnt wären sie Beide von dannen gegangen ... O , mein Kind ! Das ist ja ein Roman ! sagte Pauline erschüttert . Das ist ja furchtbar , entsetzlich ! Ich sehe Das vor mir ! Ein Bild , von dem man zu den Künstlern reden möchte ... Und Sie sind parteiisch , Pauline ? Denken Sie nicht an mich ? Helene ! Ich erhielt einen Brief von Egon , worin er von mir Abschied nimmt und mir schreibt , er müsse mich fliehen und die Mission seiner höheren Pflichten beginnen . Er reise in die Heimat . Ha ! Pauline ... ich ihn ziehen lassen ? Nein ! Ich stürzte zu Desiré , der mein einziger Trost , mein einziger Freund war . Der Gute gab mir Geld und zeichnete mir selbst auf der Landkarte den kürzesten Weg vor , um den Geliebten einzuholen . Ich kam zu spät . Hier bewacht ihn jetzt der Tod und Armand - der fürchterliche Rächer seiner Schwester . Ich habe Egon nicht wieder gesehen und wenn er stirbt , sind meine Stunden gezählt . Erschöpft von dieser aufregenden Erzählung sank Helene Gräfin d ' Azimont in die Kissen des Divans zurück . Pauline suchte sie zu trösten . Sie verwies ihr die übergroße Heftigkeit und den Sturm ihrer Empfindungen . Sie würde den Freund damit nur erkälten , sagte sie . Sie schilderte ihr , wie sie ihre Pläne mit Besonnenheit anlegen möchte . Sie pries das Glück , in solchen Dingen von einem guten Gatten nicht behindert zu sein , ja sie wies selbst auf die Möglichkeit hin , daß Rafflard hier zu einer Ausgleichung führen könne , da er den jungen Fürsten von Genf her kennen müsse . Sie bat sie ferner , diesen Schmerz ums Himmelswillen nicht zu sehr zur Schau zu tragen . Sie lebe nicht in Paris . Die Maximen der Gesellschaft hätten seit kurzem einen merkwürdigen Umschwung erlitten . Sie würde sich und alle ihre Freunde compromittiren , wenn sie diesen Roman hier so fortsetzte , wie sie ihn in Paris begonnen hätte . Der Hof wäre in solchen Dingen von einer unglaublichen Empfindlichkeit . Sie könnte sich den abscheulichsten Demüthigungen aussetzen ... Helene blickte auf und sagte stutzend : Das Alles sind die Antworten einer Freundin ? Einer Dichterin ? Pauline raffte den letzten Rest von Schwärmerei , der ihr zu Gebote stand , zusammen , warf das verlöschende Licht ihrer Augen noch einmal empor , daß das Weiße einen blitzenden Schimmer von sich gab , und sagte : Helene ! Ach , ich verstehe Sie ganz . Aber ... Helene schluchzte . Pauline hielt sie tröstend , aber auch seufzend , an ihrem » mitfühlenden Herzen « . Zweites Capitel Begegnungen Als sich Helene etwas erholt hatte , begann die junge schöne Frau mit leidender Stimme : Ich hörte die gute , kluge Freundin , ich schätze Ihren Rath , aber um Egon kann ich Alles dulden . Wie oft schon hat er in Zornausbrüchen mich in meiner Liebe gekränkt ; ich fühle die Bitterkeit seiner Worte wohl und jammere , aber lieben muß ich ihn doch . Machen Sie nur mich zu Ihrer Vertrauten ; ich beschwöre Sie ! Niemanden sonst ! sagte Pauline dringend . Ich versprech ' es Ihnen , antwortete Helene . Ach , Sie sind glücklich . Ja ! Sie sind Dichterin . Wenn Sie aus allen Adern bluten und Sie die Wunden , die Ihnen die grausame Welt schlug , dem Tode nahe bringen , dann kommt die Muse als Trösterin und Sie können sich wenigstens Ihre eigene Grabschrift schreiben . Ich habe keine Kunst , die mich rechtfertigt ; kein Talent , das mich tröstet . Musik ! Ein wenig Musik ! Aber nur im Tanze könnt ' ich mich eigentlich aussprechen , im rasendsten Tanze . Wie ein indischer Shamane möcht ' ich mich so lange um mich selbst drehen , bis ich rasend werde und todt niedersinke ... Sprechen Sie von der Kunst nicht , liebe Helene , sagte Pauline und legte die fröstelnde Hand auf Helenens heiße Stirn . Die Zeit der Kunst ist vorüber . Ich bin die nicht mehr , die Sie vor drei Jahren kannten , Helene . Die starken Gefühle sind einer frostigen , prüden Analyse erlegen . Nur die Unschuld noch wird bewundert und das Naive groß genannt . Tändelnde Kinder drückt man wie zarte Lämmer mit rothen Bändchen und Silberglöckchen an ' s Herz . Die liebenden und aufopfernden Ehegattinnen sind die einzigen , die man von unserm Geschlechte noch anerkennt . Die Politik soll , wie man sagt , eine Art Reinigung der Gemüther geworden sein . Ich weiß Das nicht , aber es ist so ; es soll so sein . Man muß sich vor den allgemeinen Thatsachen demüthigen . Es ist auch in Paris so , sagte Helene . Wenn aber eine gewisse Stabilität wieder hergestellt sein wird , wird sich auch diese Verirrung legen . Sie sagen : » Verirrung ? « ... bemerkte Pauline lächelnd und fuhr fort : Glauben Sie daran ! Sie sind noch jung , Sie vermögen noch alle diese Erscheinungen mit einem liebebedürftigen Herzen abzuwarten . Für uns aber , liebe Helene , lassen Sie uns besonnen sein . Sie werden hier bleiben , bis Egon wiederhergestellt ist . Auch ich nehme an Allem , was die Hohenbergs betrifft , den lebhaftesten Antheil . Sprach Egon niemals von mir , nie von den Harders überhaupt ? Egon war ein Franzose geworden . Er kannte Deutschland nicht mehr ; antwortete Helene . Ließ er sich niemals auf das Leben seiner Mutter ein ? bemerkte Pauline lauernd . Ich weiß von ihr nicht mehr , als was ich von Ihnen erfuhr , sagte Helene aufrichtig und offen . Wer Amarantha bewundert , kann nur erschrecken , daß Egon Amaranthens Sohn sein soll ! Lassen Sie ! Lassen Sie ! Ja ! Ja ! Man sagte mir Das . Was thut Das ? Ich lebte der Gegenwart und Zukunft . Egon selbst sprach ungern vom Vergangenen . Gerade zur Zeit , als seine Mutter starb , waren wir Beide die glücklichsten Geschöpfe der Erde . Sie sind auch darin so gut , Helene , sagte Pauline aufathmend , daß Sie für Ihre Freunde Partei nehmen und für Das , was Sie einmal warm und treu ergriffen haben , Farbe halten . Schließen Sie sich mir an ! Ich bin zwar manchen Stürmen preisgegeben gewesen . Aber noch wurzl ' ich in festem Boden . Bleiben Sie eine Viertelstunde in der kleinen Gesellschaft , die ich heute um mich habe . Beobachten Sie flüchtig ! Sie werden mit der Schärfe Ihrer Intuition bald bemerken , was jetzt die Menschen hier beschäftigt und beschäftigen darf . Versprechen Sie mir , besonnen zu sein ? Besonnen um meinetwillen ? Ich verspreche es , sagte Helene und reichte ihre weiße schwarzbeflorte Hand der auf Melanie , die jetzige Rivalin Helenens gespannten Freundin , die schon auf Wagen im gekieselten Fahrwege lauschte und mit Helenen an ein von der Abendsonne beschienenes Fenster der vorderen schon erleuchteten Salons trat . Sie wissen doch , daß Adele Wäsämskoi dort drüben wohnt ? fragte Pauline . Und noch ehe sie Helenens Antwort abgewartet hatte , brach sie schon in den lebhaftesten Ausdruck ihres Erstaunens aus , die königlichen Livreen vor dem Hause zu erblicken ... Sehen Sie ! rief sie . Die Fürstin ist eine tugendhafte trauernde Gattin , eine zärtliche Mutter ! Da steht schon der Wagen der Oberhofmeisterin vor ihrer Einfahrt ! Meine Schwester scheint gefeiert zu sein ; sagte Helene verächtlich . Der zweite daneben haltende Wagen scheint ihr ebenfalls Besuch zugeführt zu haben . Was seh ' ich ! rief Pauline . Das ist ja der alte Rumpelwagen meiner Schwester ? Anna mit der Altenwyl zusammen ? Ludmer ! Ludmer ! Wo ist die Ludmer ? Anna hat ein Rendezvous mit der Altenwyl ! Die alte Charlotte Ludmer hatte sich schon längst in der Nähe gehalten und bestätigte , was sie schon ausspionirt hatte , daß bei der Fürstin drüben , so wurde übertrieben » ein Wagen nach dem andern « vorführe , und eben wären Anna von Harder und die Gräfin Altenwyl dort zusammen ... Helene begriff nicht , was Pauline darin so Außerordentliches finden konnte und hörte befremdet zu , als Pauline in die Worte ausbrach : So müssen sich denn die schönen Geister wirklich schon begegnen ! O ich sehe es , wie sie aufeinander lauschen , aneinander sich entzünden und entflammen ! Dort die Tugend , da die Tugend und überall die Tugend ! Ha ! Ha ! Ha ! Ludmer , was wettest Du , Anna wird morgen in die kleinen Cirkel eingeführt ! Was wird die Königin sie an ihr Herz drücken und ihr eingestehen , wie sehr sie nach dem Umgang mit solchen Naturen geschmachtet hätte ! Pfui ! Lächerliche Welt ! Helene , was sind die Männer zu beneiden ! Die Männer können Das , was sie verachten , zu stürzen sich verschwören ! Sie können Stirn gegen Stirn ihren Widerwärtigkeiten entgegentreten . Wir Frauen müssen unsere Ideen , wenn wir welche haben , niederkämpfen und nach Gebetbüchern greifen , um nur nicht die Thorheit zu begehen , einmal eine That zu versuchen ... Ich erstaune , sagte Helene , daß man hier so vom Hofe abhängt ! Noch vor drei Jahren ... Alles ist anders geworden , unterbrach die aufgeregte Pauline . Wissen Sie , Helene ! Hier treiben die Frauen jetzt nichts mehr als Werke der Liebe , der christlichen Liebe ... Oeuvres de charité ! Wie in Paris ! sagte Helene lächelnd . Wer liest noch ein Buch ! fuhr Pauline fort . Wer spricht noch von einem Roman ! Verachtet ist jetzt jede Frau , von der man mehr weiß , als daß sie ihre Kinder selbst wäscht , selbst anzieht und die Zeit , die ihr sonst übrig bleibt , mit Kirchenmusik und Colportage von Loosen für die Ausspielungen der Frauenvereine zubringt . Man nennt Das die innere Mission ! Man spricht von Krankenpflege , von Wärterinnen in den Hospitälern , von der Armuth und den unehelichen Kindern , von den Skropheln und Kartoffeln , von den Gefangenen und ihrer Besserung ... Wie Rafflard und meine Schwiegermutter in Paris ! O , es mag vortreffliche gutmüthige Leute darunter geben , die sich gern damit beschäftigen , Charpie zu zupfen und die Warteschulen zu besuchen , aber ich kann es nicht . Ich fühle mich zu schwach für diese Tugenden ... Pauline von Harder konnte nicht ausreden ; denn die Thür öffnete sich und einige Gäste traten schon herein ... Es waren zwei . Erstens der Hofmaler Lüders , eine schleichende höfliche Figur , ein Mann , der sein schönes Talent früh gelernt hatte an den Meistbietenden loszuschlagen , und Sanitätsrath Drommeldey . Ganz gegen die Abrede mit Paulinen stürzte Helene gleich auf diesen Letztern zu und fragte nach Egon , den er mit mehren andern Ärzten behandelte ... Drommeldey erwiderte mit einem eigenthümlich gekniffenen , lauschenden Blicke seines scharfen Auges , daß der junge Fürst sich durch mancherlei Aufregungen ein Nervenfieber zugezogen hätte , dem er