Qualen der Hölle vorzubereiten , die er tausendfach verdient hat . Nochmals gute Nacht ! « Bianca sprach dieses zweite » gute Nacht « wieder mit jenem verführerischen Sirenentone , daß es Martell heiß über den ganzen Körper lief . Er floh mit raschen Schritten dem See zu , indem er ausrief : » Steh ' Gott jedem Manne bei , der in die Schlingen dieser furchtbaren Schönheit fällt ! « Langsamer ging die verkörperte Nemesis nach ihrem Zimmer , wo sie sich ruhig entkleidete und mit vergnügtem Lächeln auf den sich wieder röthenden Lippen ihr weiches Lager bestieg und schnell sanft und ruhig entschlummerte . Fünftes Kapitel . Die Torfhütte . Mit den nöthigen Instructionen versehen kam inzwischen Gilbert nach Boberstein . Zu Erreichung seines Zweckes würde es nicht rathsam gewesen sein , wenn er sich wie ein Schatten an Martells Fersen geheftet hätte . Er zog es daher vor , dem Spinner nur besuchsweise zu begegnen , sein Quartier aber auf der Insel selbst aufzuschlagen . Dies ließ sich leicht und ohne Aufsehen bewerkstelligen , da Vollbrecht bereitwillig die Hand zu jedem Schritte bot , der seinem verhaßten Gebieter verderblich werden konnte und sollte . Gilbert enthusiasmirte sich sogleich für das Fabrikwesen , weniger aus wirklichem Interesse an der Sache , als weil seine lebhafte Natur das Bedürfniß nach Beschäftigung fühlte und diese in Betrachtung der kunstreichen Maschinerie fand , die für den wißbegierigen Matrosen gleicherweise ein Räthsel und ein Gegenstand der höchsten Bewunderung war . Ueber dem gewaltigen Mechanismus dieser tausend und abertausend Räder vergaß er anfangs den Zweck seiner Sendung vollkommen . Nur die Maschilrenkammer mit ihren ächzenden Hebeln und Walzen oder die vom Rollen der Spindeln ewig erbebenden Säle der Spinner fesselten ihn . Hier konnte man den jungen Matrosen von früh bis in die Nacht umherwandern und mit glänzenden Augen das geheimnißvolle Schaffen der kunstreich ineinandergreifenden Stahlzähne anstaunen sehen . Selbst seine angebliche Leidenschaft für Bianca trat eine Zeitlang vor dem neuen Gegenstande seiner Bewunderung in den Hintergrund . Vollbrecht benutzte dies hohe Interesse des Jünglings zur Förderung der Zwecke seiner Freunde . Er weihte ihn mehr und mehr in das Geheimleben des Geschäftes ein , nahm ihn , so oft er konnte , mit auf sein Comptoir , um ihm aus den Büchern darzuthun , wie unendlich verwickelt das Geschäft sei , dem er vorstand , und welche große Summen es dem Besitzer eintrage , wenn es mit so ausgesuchter Speculation betrieben werde , wie Adrian seit Jahren es beliebte . Gilbert ließ sich gern von dem freundlichen Manne unterrichten , glaubte ihm auf ' s Wort , bat ihn aber recht dringend , ihn fernerhin mit Vorzeigung der Rechnungsbücher zu verschonen , da er von diesen Dingen durchaus nichts verstehe . Bei diesen täglichen langen Besuchen in der Fabrik lernte Gilbert nicht allein die Wirksamkeit der Maschinen , ihre Sructur und wie man sie zu leiten habe , kennen , er that auch einen tiefen Blick in das Leben der Arbeiter , die in diesen öldunstigen , ungesunden Räumen mühselig ihr Brod verdienten . Sein leicht empfängliches Herz empörte sich beim Anblick dieser kümmerlichen Existenz so vieler Menschen und wenn je , so wünschte er jetzt dem , welcher dieselbe über sie verhing , alles nur erdenkliche Böse . Begreifen aber konnte er nicht , wie es Martell nach den gemachten Entdeckungen noch möglich war , mit dieser wahrhaft heroischen Ruhe täglich oder nächtlich , wie eben die Reihe ihn traf , fleißig und ohne Murren zu schaffen und für den zu arbeiten , der ihn nach menschlichem und göttlichem Recht mit Rührung an sein Herz hätte drücken , ihn Bruder nennen und gleiche Rechte ihm hätte zugestehen sollen ! Diese Ruhe und Entschlossenheit des meistentheils finstern und verschlossenen Mannes nöthigte dem Jünglinge eine Ehrfurcht ab , wie er sie vor Niemand noch empfunden hatte , und hinderte ihn länger als es ihm lieb war , den heimlichen Gängen Martells mit der Ausdauer nachzuspüren , die man von ihm heischte . Das anfänglich absichtliche Zögern , das sich nach einigen Tagen von selbst unabsichtlich verlängerte , hätte beinahe seine ganze Sendung fruchtlos gemacht . Denn als der junge Matrose nach Verlauf von etwa acht bis zehn Tagen die Dorfschenke in später Abendstunde aufsuchte und Martell daselbst inmitten seiner freigebigen Freunde zu treffen glaubte , begegnete er nur fremden Gesichtern . Mehrere Tage hinter einander setzte er seine regelmäßigen Besuche mit keinem bessern Erfolge fort . Martell war und blieb verschwunden und auf Befragen des Wirthes erfuhr Gilbert zu seinem großen Leidwesen , daß ein Zwist den riesigen Spinner mit seinen Gästen vertrieben habe ! - Das war ein ärgerlicher Zufall und Gilbert machte sich ernstliche Vorwürfe , daß er über Gebühr gezögert und das Vertrauen seiner Freunde so wenig gerechtfertigt hatte . Von Martell selbst war nichts zu erfragen , obwohl Gilbert kein Mittel unversucht ließ , um den Spinner geschickt auszuhorchen . Der finstere Mann schwieg hartnäckig auf alle Fragen . Doch zeigten sich täglich immer unverkennbarer die Folgen seiner unregelmäßigen , aufreibenden Lebensweise ! Sein bisher bleiches eingefallenes Gesicht begann sich zu röthen , die Haut erschien rissig und glänzend und das Zittern seiner Hände war , namentlich am frühen Morgen , so heftig , daß die große Uebung Martells dazu gehörte , um diesen Uebelstand wieder auszugleichen . Jeder andere minder Geschickte würde alles in Grund und Boden verdorben , vielleicht gar die Maschine in momentanes Stocken gebracht und dadurch unübersehbares Unglück hervorgerufen haben . Von Lore erfuhr Gilbert , daß Martell , wenn seine Arbeitszeit es gestattete , mit Anbruch der Nacht regelmäßig das Haus verlasse und gewöhnlich erst spät zurückkomme . Weder ihre eigenen , noch ihres frommen Vaters Bitten vermochten den rabiaten Spinner von diesen nächtlichen Spaziergängen abzuhalten . Er hatte sogar wiederholt betheuert , sie würden zu seinem und der Seinigen Glück führen und hingen sehr genau zusammen mit den Bestrebungen der übrigen vornehmen Verwandtschaft . Unserm jungen Freunde blieb nach diesen Erkundigungen weiter nichts übrig , als auf eigene Faust zu handeln und das Versäumte wo möglich nachzuholen . Dies erforderte aber große Vorsicht , da in Martell bereits Verdacht gegen den jungen Matrosen erwacht war und er sich möglichst fern von ihm zu halten suchte . Dennoch sollte Gilbert seinen Zweck noch früher erreichen , als er nach dem Vorhergegangenen selbst glaubte . Bianca bot ihm dazu freundlich die Hand . Seit der im vorigen Kapitel geschilderten Nacht fühlte Martell bisweilen das schreckliche Bedürfniß , seinen Todfeind sich winden zu sehen unter den Qualen , die das dämonische Mädchen über ihn verhing . Er verständigte sich mit Bianca und diese ließ den Spinner auf ein verabredetes Zeichen an Adrians Folterbett treten , wenn sie sich ihrer Gewalt über den Grafen gewiß war . Ob während dieses kurzen Zusammenseins eine heimliche Neigung des Spinners zu dem schönen grausamen Mädchen erwachte , wagen wir nicht zu entscheiden ; vermuthen aber läßt es sich mit einiger Wahrscheinlichkeit , indem Martell Bianca unaufgefordert den vorgefallenen Zwist mittheilte und ihr sagte , wohin er seit dieser Zeit seinen sich immer gleich bleibenden großmüthigen Freunden gefolgt sei . Die jetzige Haushälterin Adrians hatte Gilbert bei seiner Ankunft nach Boberstein weit freundlicher empfangen , als es der Jüngling vermuthen und erwarten durfte . Diese Zuvorkommenheit veranlaßte ihn zu häufigen Besuchen bei der Schönen und bald verging kein Tag mehr , wo nicht beide junge Leute ein Stündchen angenehm mit einander verplauderten . Bianca war die Anmuth selbst , immer heiter , zuvorkommend , bis zu gewissem Grade dienstfertig , aber freilich an ein Kundgeben von Neigung war bei alledem nicht im Entferntesten zu denken . Es schien wirklich , als besitze dieses unerklärbare Wesen das Geheimmittel , gegen Jedermann die Liebe selbst zu sein , ohne doch die geringste Ahnung davon zu haben . Sie bezauberte und nahm doch immer den Schein an , als wisse sie nichts davon , als sei es Pflicht jedes weiblichen Wesens , in ihrer Stellung grade so und nicht anders sich Männern gegenüber zu betragen . Gilbert gab es daher auch auf , das Herz der Schönen zu bestürmen , obwohl er nicht immer genug Herr über sich war , der lächelnden Spötterin dies nicht merken zu lassen . Unwillkürlich fiel er bisweilen aus der Rolle eines Freundes in die eines feurigen Verehrers , und Bianca hatte dann die angenehme Pflicht , mit der liebreizendsten Grazie ihn darauf aufmerksam zu machen . In seinen Gesprächen mit diesem Mädchen gedachte er auch Martells und seines unregelmäßigen Lebens . Wider Erwarten fand er in ihr eine ganz entschiedene Bundesgenossin , die kein Mittel für unerlaubt hielt , wenn es nur zur Rettung des Unglücklichen dienen konnte . Ohne langes Bitten erfuhr er von Bianca , wohin Martell und seine bedenklichen Freunde sich gewendet hatten und schon in der nächsten Nacht sehen wir Gilbert , mit seinem Dolche bewaffnet , das Niederholz durchstreifen und einem trüben Lichtschimmer zueilen , der aus einer Vertiefung heraufglänzte , die rundum von dichtem Gehölz umgeben war . Diese wichtige Entdeckung machte unser junger Freund Anfang März . Das Versteck lag eine halbe Stunde von Boberstein in einer nicht mehr benutzten Torfgräberei und bestand aus einer bloßen Bretterhütte , wie sie zum Obdach für die Waldwächter häufig in den großen Waldungen angetroffen werden . Zu ungestörter Zwiesprach eignete sich die Oertlichkeit vortrefflich ; denn es führten nicht allein blos schmale , wenig betretene und sich noch dazu mehrmals kreuzende Fußsteige nach dem Versteck , die alte Torfgrube war außerdem auch noch durch steile Wände von dem übrigen Haidelande abgeschnitten , so daß es einem Unbekannten schwer ward , in die Tiefe hinabzusteigen und die Hütte zu erreichen . Lauschend blieb Gilbert am Rande der Torfgrube stehen . Aus der schlechten Hütte , die graues Nebeldüster kaum erkennen ließ , drangen Töne verworrener Stimmen , heiseren Lachens und das matte Klingen voller Gläser zu ihm herüber . Rundum war Alles todtenstill bis auf das melancholisch-eintönige Rauschen der Haide . Furcht kannte Gilbert nicht , dennoch schlich er zaudernd an dem Rande der finstern Grube fort , da er keine Spur von Weg entdecken konnte und auf Gerathewohl in die Tiefe hinabzuspringen doch keine Lust hatte . Es verging eine geraume Zeit , ehe er eine Stelle fand , die man im Nothfalle für einen Weg halten konnte . Der Boden war naß und glatt , so daß es kaum möglich war , Fuß darauf zu fassen . Indessen , an halsbrecherische Pfade gewöhnt und im kühnen Klettern geübt , wagte der junge Matrose , diesen kaum erkennbaren Weg zu betreten , der ihn auch sehr schnell auf den Grund der Grube beförderte , obwohl in einer Weise , die er nicht beabsichtigt hatte . Unten angekommen fand er sich in einem Tümpel zähen Schlamms bis an die Knöchel stehen , den er unter kräftigem Fluche durchwatete . Zum Glück hielt die Lache nur wenige Schritte im Durchmesser ; Gilbert erreichte bald das Trockene , eine etwas höher gelegene Schicht lettigen Erdreichs , das dammartig die Grube durchschnitt und in gerader Richtung auf die Hütte zuführte . Ueber diesen Damm lief auch der eigentliche Fußpfad nach dem Haidelande , wie der Matrose jetzt zu spät bemerkte . Eiligen Schrittes näherte sich nun der jugendliche Späher der Torfhütte , deren Thür von innen fest verriegelt war , wie ein behutsamer Druck auf die Klinke ihm sagte . Auch das einzige kleine Fenster schützte ein Bretterladen gegen Wind , Wetter und Blicke Zudringlicher . Gilbert fand auch diesen so stark befestigt , daß er ihn nicht bewegen konnte . An den Seiten schimmerte zwar der Lichtschein durch , allein Raum für einen Blick in ' s Innere gewährten die feinen , kaum sichtbaren Spalten nicht . Wie ein Luchs umschlich Gilbert die Hütte , um irgend eine Oeffnung zu entdecken . Lange blieb sein Suchen fruchtlos llnd die Geduld des heftigen jungen Menschen begann zu wanken . Am liebsten hätte er mit beiden Fäusten gegen die dünnen Bretter gedonnert und die lustigen Kumpane dadurch zu einem Ausfalle gezwungen ; allein er besann sich , welche Folgen so übereiltes Thun haben könne und begann von Neuem die Hütte zu umschleichen . Endlich entdeckte er einen Ast , der sich in der etwas erweiterten Oeffnung hin und wiederschieben ließ . Es wäre ein Leichtes gewesen , diesen nach Innen zu stoßen , da er aber nicht wissen konnte , ob die Hütte gedielt sei , und der Fall des Astes unfehlbar Geräusch verursacht haben würde , so bemeisterte Gilbert seine Unruhe , ergriff seinen Dolch und zog den Ast mit großer Behutsamkeit aus dem Brett . Ein voller Strahl des Lichtes belohnte seine Bemühungen und als er das Auge an die Oeffnung legte , konnte er den engen Raum der Hütte vollkommen übersehen . Doch kaum hatte Gilbert einen Blick in das Innere gethan , als er erschrocken und zitternd wieder zurücktaumelte . » Gott erbarme sich ! « rief er flüsternd aus . » Das ist Elwirens Vater und der scheußliche Musiker aus der Mohrentaverne ! - Und zwischen Beiden mitten inne der unglückliche Martell ! ... Bei meiner Mutter Haupt , sie trinken brennenden Punsch oder Grog ... und der Spinner , des Kapitäns Halbbruder , er ist wahrhaftig betrunken wie ein Neger ! ... Aber was lärmen und lachen diese Elenden denn über den armen Fabrikarbeiter ? Laßt doch hören ! « Und statt des Auges legte jetzt Gilbert sein Ohr an das Astloch und vernahm schaudernd folgendes Gespräch : » Heda , Schwarzkopf , aufgeschaut ! « sagte Klütken-Hannes , indem er Martell , der auf seinem Sessel hin und her wankte , derb anstieß . » Was meinst Du zu einer neuen Gesundheit auf Ihn ? Das Glas ist voll und singt schon von selber vor Freude über den Toast , den es sich mit anhören soll . Bei allen blaubrennenden Branntweinteufeln , Kerl , laß das Kopfwackeln sein und stoß ' mit an ! Der Fabrikherr - « » Soll leben wie ich ! « fiel Martell ein , erhob mit zitternder Hand sein Glas und goß die glühend heiße Flüssigkeit gurgelnd in den Schlund . Gleich darauf schlug er mit dem Kopf gegen den Tisch und bewußtlos brach der riesige Körper des Betäubten zusammen . » Er hat genug ! « grinste Blutrüssel , indem er schnell sein Glas ausgoß und es trotzig vor sich hinstellte . » Heut glaub ' ich selber , das Pulver wirkt , « entgegnete Klütken-Hannes , folgte dem Beispiele seines entmenschten Gefährten und richtete alsdann den Berauschten mit Hilfe Blutrüssels auf . Martell war jetzt völlig bewußtlos . Jedes Glied seines Körpers zitterte , als ob ein heftiger Frost es schüttelte ; die Augen standen offen und sahen stier und gläsern auf einen Fleck . Eine grün-blaue Farbe überzog sein Antlitz und gab ihm das Ansehen eines an der Cholera Verstorbenen . » Dummer Teufel ! « lachte Blutrüssel . » Säuft , was wir ihm vorsetzen , weil ' s ihn munter macht , und schließt Freundschaft mit zwei stockfremden Kerlen blos deswegen , weil sie den Mann , den er haßt , einen Menschenschinder nannten ! - Ich bitt ' Dich , Hannes , ist Dir je noch ein unschuldigerer Lümmel begegnet unter hungerndem Lumpenpack ? « » Mir wär ' s am liebsten , er läge schon in den letzten Zügen , « versetzte Klütlen-Hannes . » Sieh , er rührt sich wieder ! ... So macht er ' s nun alle Abende trotz der doppelten Gaben ! Und ich , der ich doch blos nippe , ich spür ' es in allen Gliedern ! « » Ha , ha , ha , ha ! Du wirst mit ihm abfahren , gröhlend und brüllend , wie ein gestochenes Schwein ! Es ist zum Todtlachen ! Ha , ha , ha ! « » Vieh , ich glaube gar , Du wünschest mir den Tod ? Sieh Dich vor , Zähnefletscher ! « » Ah was ! Meinetwegen lebe noch hundert Jahre , ich hindere Dich nicht daran , aber lachen müßt ' ich doch , wenn Du drauf gingst , wie ein Hund . « » Und warum , Geselle des Teufels ? « » Weil Du so dumm gewesen bist , einen so einfältigen Contract abzuschließen . Mit Schuften , Freundchen , muß man ganz anders unterhandeln . « » Nun beruhige Dich , alter Sünder , Du sollst mir auch im Tode Gesellschaft leisten ! « » Doch nicht gleich ? « höhnte Blutrüssel . » Ich bitte Dich , wohlgerathenes Muttersöhnchen , laß mir nur Zeit , zuvor das gewonnene Geld in Sicherheit zu bringen , dann kann der Tanz losgehen , wenn Du willst . Du kennst meine Finten ! « Und das viehische Scheusal zog sein Messer und schwang es mit blutgieriger Freude mehrmals um sein grauhaariges Haupt . » Schweig , Hund ! Er richtet sich auf , wir müssen ihn unterstützen , daß er keinen Verdacht schöpft . So - halt ' ihm den wackelnden Kopf ! Er wird gleich wieder bei sich sein . « Von den Armen der beiden Verworfenen gehalten , kehrte Martell das Bewußtsein zurück . Das Gesicht röthete sich , die Augen bekamen wieder Glanz , aber einen Glanz , der entsetzen mußte , so glühten die finstern Sterne . Die Hände flogen , als würden sie von electrischen Schlägen fortwährend in Bewegung gesetzt . Seine Stimme lallte blos , denn auch die Zunge des Unglücklichen gehorchte nicht mehr seinem Willen . » Ich habe Feuer ... im Herzen , « stammelte Martell . » Gebt mir ... Wasser , daß ich ... die Gluthen ... auslösche ! Hu ! Wie mich friert ! ... Als ob ... die Hand ... des Todes auf ... meiner Stirn ... ruhte ! « » Er hat das Fieber , « lachte Blutrüssel . » Wie wär ' s , wackrer Kumpan , wenn Du noch ein Gläschen oder ein halbes aufgössest ? Feuer muß man mit Feuer löschen , das ist probat ! « » Ja , ja , ... einen Schluck ... Himmel wie ' s mich wirft ! « » Du hast Dich erkältet , armer Bursche , « sagte Klütken-Hannes . » Der Abend ist auch wirklich noch zu kühl für Deine Kleidung . Du hättest den Mantel umwerfen sollen . « » Mantel ! « schrie Martell wie rasend und riß sich mit gewaltiger Anstrengung aus den Armen der beiden falschen Freunde . » Ich zermalme Euch wie ein paar Regenwürmer , wenn Ihr ... davon sprecht ! Ein elender Spinner ... einen ... Mantel ! « Die Kraft verließ den Unglücklichen abermals und ermattet fiel er wieder in die Arme seiner Genossen . » Also noch ein Schlückchen Halbwarmen , wie ? ... Zur Stärkung für den Heimweg . Denn es ist , Gott verdamm ' mich , schon in der eilften Stunde ! Vor Mitternacht erreichen wir den See nicht ! « Mit diesen Worten reichte Klütken-Hannes dem zum Tode Verurtheilten von Neuem das gefüllte Glas , geleitete die zitternde Hand des Unglücklichen zum Munde und ließ nicht ab , bis er es ganz geleert hatte . » Nicht wahr , das wärmt ? « » Es brennt ... aber ... das thut nichts ... Wenn nur ihn der Teufel holt ! ... Wie ist ' s ... Morgen ? « » Uebermorgen , Freund ! Wir müssen in die Haide Geschäfte halber . « » Dann geht ' s wieder volle acht Tage , wie heut ! « setzte Blutrüssel hinzu . » Wie heut ? Hu ! ... dann ging ' s ... schlecht ! - Ich brenne und ... erfriere zu gleicher Zeit ! ... O , das ist ... gräßlich ! « Martell warf sich an die Erde und wälzte sich convulsivisch auf dem Boden . » Er macht ' s aus , « flüsterte Klütken-Hannes seinem verbrecherischen Genossen zu . » Morgen , stellt uns der Teufel kein Bein , können wir unser Geld einstreichen und fröhlich von dannen ziehn ! « » Noch nicht ! - Er wird schon wieder ruhig . « » Sieh , wie er zuckt ! - Das ist der Todeskampf ! « » Lassen wir ihn liegen ? - Das Vieh mag ohne uns himmeln . « » Und wenn er wieder zu sich kommt ? « » Hol ' ihn die Pest , oder - mein Messer hilft dem Pulver nach ! ... Ich bin es überdrüssig , mich länger mit der wildtrotzigen Fratze herum zu martern ! « » Wer heißt Dir ' s ? Du kannst gehen , wenn ' s Dir nicht gefällt . Bist mir ohnehin nur im Wege . « » So lange es mir gefällt ! « grinste der Mörder . » Will ich mein altes Handwerk wieder aufnehmen , so hast Du am längsten Wasser geschluckt ! - Na , sei ruhig Freund ! Ich erinnere Dich blos , wenn Du die Pflichten der Dankbarkeit im Unmuth hintansetzen willst . Wir bleiben Freunde , denk ' ich , bis uns beim lustigsten Trunk der Teufel selbander holt . « Klütken-Hannes mußte nothgedrungen die dargereichte Hand des Entsetzlichen annehmen . Beide Verworfene schüttelten sich die verbrecherischen Hände und gelobten sich unter gräßlichen Eidschwüren auf ' s Neue unverbrüchliche Treue . Inzwischen raffte sich Martell doch wieder auf . Nach den erschütternden Krämpfen schien ihm die angeborene Riesenkraft zurückzukehren . Er stand vom Boden auf ohne Beihilfe , schüttelte mehrmals sein lockiges Haupt und forderte dann die beiden Andern barsch zum Aufbruche auf . Diese zeigten sich willig und nachdem Klütken-Hannes das Licht behutsam ausgelöscht und die Ueberreste des Branntweins in einem Verschlage verborgen hatte , entriegelte er die Thür und trat , Martells Hand in der seinigen haltend , in die finstere Nacht hinaus . Ihm auf dem Fuße folgte , einem unheimlichen Schatten gleich , der Mörder von Herta ' s Vater . - Mit angehaltenem Athem hatte Gilbert diesem Gespräch zugehört und daraus den abscheulichen Anschlag auf Martells Leben entnommen . Er konnte keinen Augenblick zweifeln , daß Adrian der Anstifter dieser Schändlichkeit sei , daß hier ein Bruder seinen Bruder auf Befehl eines dritten Bruders meuchlings morden solle , vielleicht schon gemordet hatte ; denn wer konnte wissen , ob die Riesennatur Martells der Gewalt des genossenen Gistes widerstehen oder erliegen werde ! Da es thöricht gewesen wäre , den beiden heimtückischen Mördern den Weg vertreten zu wollen , so hielt sich Gilbert bei ihrem Aufbruche aus der Torfhütte ganz ruhig . Er ließ sie eine Strecke vorausgehen , bis sich die rauhen Stimmen der laut Sprechenden im Dickicht des Waldes verloren . Dann folgte er ihrer Spur und traf fast zu gleicher Zeit mit ihnen im Arbeiterdorfe ein . In seiner Wohnung angekommen , überlegte der heftig erschütterte Jüngling , was jetzt zu thun sei , um wo möglich Martell noch zu retten , die gedungenen Mörder unschädlich zu machen und den Anstifter des Verbrechens der gerechten Strafe zu überliefern . Ein schneller und energischer Entschluß war nöthig , denn schon übermorgen sollte der nichts Böses Ahnende im Rausche vollends umgebracht werden ! - Allein und auf seine Verantwortung hin mochte er nicht handeln . Deshalb schrieb er wenige dringende Zeilen an Aurel , worin er ihm meldete , daß er Entdeckungen von der größten Wichtigkeit gemacht habe . Der Kapitän möge daher unmittelbar nach Empfang dieser Zeilen nach Boberstein aufbrechen und wo möglich den Maulwurffänger mitbringen ! Dann weckte er Vollbrecht , bat diesen inständigst , er möge ihm einen zuverlässigen Boten nennen , dem die Besorgung eines wichtigen Briefes anzuvertrauen sei , und beruhigte sich erst , als ein solcher gefunden und mit der wichtigen Meldung nach Boberstein abgeschickt worden war . Vollbrechts Fragen ließ Gilbert unbeantwortet , indem er ihn auf die Vorgänge der nächsten Tage verwies . So kam der Morgen heran , ohne daß unser junger Freund ein Auge geschlossen hatte . Um sich zu zerstreuen , eilte er in die Fabrik . Hier fand er Martell schon an der Arbeit , zitternder als gewöhnlich und mit fahlem eingefallenen Todtengesicht . Der Spinner reichte ihm die Hand ; sie war heiß und trocken und ein schneller , harter Puls klopfte in den blutstrotzenden Adern . Von einem Rausche konnte man übrigens nichts bemerken , nur ein trockener Husten , ein pfeifendes Athemholen und zuweilen tiefes Stöhnen ließen den Ausbruch einer Krankheit vermuthen , die bereits in den Eingeweiden des Unglücklichen wühlte . Schon gegen Abend trafen Aurel , der Maulwurffänger und Paul Sloboda , Haideröschens jüngster Sohn , auf raschem Fuhrwerk in Boberstein ein . Gilbert war ihnen eine Strecke Wegs entgegen gegangen , um sie zu verhindern , in der Wohnung Martells einen Besuch zu machen . Er wünschte , daß ihre Ankunft ganz verborgen bleibe . Deshalb bat er auch den Kapitän , er möchte erst im Schutz der Nacht die Insel heimlich betreten . Aurel mußte diese Vorsichtsmaßregeln billigen . Die mündlichen Mittheilungen Gilberts entsetzten sowohl ihn als den Maulwurffänger und es dauerte geraume Zeit , ehe sie daran glauben konnten . » Es wäre doch zu entsetzlich , « rief der Kapitän wiederholt aus , » wenn sich alles so verhielte , wie Du behauptest ! - Arme Herta ! Unglückliche Elwire ! - Und dieser Blutrüssel - ! « » Ich täusche mich nicht , Kapitän ! Die Nacht in der Mohrentaverne ist meinem Gedächtniß zu tief eingeprägt . Kein Anderer , als jener scheußliche Musikant , von dem Sie Kunde erhielten , daß Ihre gnädige Tante noch am Leben sei , war gestern Nacht des Trödlers Gefährte ! « » Weißt Du seinen Aufenthalt ? Wir müssen ihn unschädlich machen . « » Nein , Kapitän ! Gedulden Sie sich aber bis morgen Nacht , so können wir die beiden Unholde gefangen nehmen . « » Weshalb so lange zögern ? « » Weil sie heut in Geschäften , wie ich aus ihrem eigenen Munde gehört habe , in der Haide herumlaufen . « » Sind sie bewaffnet ? « » Mit langen Messern . « » Dann müssen wir die Torfhütte umstellen , sie einschließen und überrumpeln ! « » Damit die beiden Teufel dem armen Martell die Kehle abschneiden ? « warf der Maulwurffänger ein . » Wenn Sie erlauben , mein Herr Kapitän , so möchte ich mich diesem Feldzugsplane widersetzen . Ich habe einen andern Gedanken . « » Laßt hören , braver Alter ! « sagte Aurel . » Aus der Beschreibung des flinken Matrosen kann ich mir abnehmen , « erwiederte der Maulwurffänger , » daß die verruchten Satanskinder Ihren Herrn Halbbruder nach jener Torfgrube gelockt haben , die in der Haide unter dem Namen des Binsenloches bekannt ist . Ich kenne die alte Wächterhütte ganz gut , denn sie hat mir manche Nacht zum Obdach gedient . Groß ist das Bretterhäusel freilich nicht , aber um sich drin zu verstecken , hat es doch Raum genug . Es besteht aus zwei ungleichen Hälften und einem Verschlage , um Lebensmittel drin zu verschließen . « Die Gauner sind im eigentlichen Wohnzimmer gewesen , hör ' ich , die Kammer daneben , scheint mir , hat Keiner von ihnen betreten . Wer weiß , ob sie sie gar kennen ! Wie dem aber auch sei , es thut nichts zur Sache ! » Wer vorkommt , mäht vor , « ist ein altes gutes Sprichwort , auf das sich alle Deutschen verlassen können bis zum jüngsten Tage ! Aus diesem Grunde mein ' ich , meine Herren , wir schlichen uns alle vier mit Stricken wohl versehen bei Zeiten nach dem Binsenloche und verkröchen uns schönstens in der Kammer des Wächterhauses . Kommen dann später die Mordkerle mit ihrem vergifteten Gesöff , um unserm unglücklichen Freunde vollends das Garaus zu machen , so packen wir die Sackermenter risch1 bei der Kehle und binden sie , daß sie die Engel im Himmel singen hören , als stünden sie wie die Ostersänger dicht vor der Hütte ! Was hernach weiter geschehen soll , das mag der Herr Kapitän und das Gericht bestimmen . Aurel fand diesen Vorschlag so annehmbar , daß er sich dankend dafür entschied und den Maulwurffänger beauftragte , für alles Nöthige zu sorgen . Am frühen Morgen des nächsten Tages ging Aurel sehr zeitig mit Gilbert aus , um die Torfgrube zu besichtigen und sich mit den Oertlichkeiten bekannt zu machen . Sie fanden die Thür der Hütte unverschlossen , in dem Verschlag einen großen Vorrath von Branntwein und Rum , ein Kohlenbecken nebst Feuerzeug und mehrere Gläser und Kannen . Die Kammer war bis auf einige von Ratten und Mäusen zernagte Strohsäcke ganz leer . Sie eignete sich vortrefflich zu einem Versteck , da an der Thür ein schmales Schiebefenster angebracht war , das man nach Belieben öffnen und schließen konnte . Um unbemerkt zu bleiben , ordnete Aurel die Schemel in der Stube so um den Tisch , daß die nächtlichen Zecher der Thür den Rücken zukehren mußten . Den Rest des Tages verbrachte der Kapitän mit Gilbert auf der Jagd , da Vollbrecht aus Adrians Gewehrzimmer unbemerkt ein paar vortreffliche Doppelflinten hatte entnehmen können . Mit der Abenddämmerung kehrten sie zurück und eilten sogleich in ihr Versteck , wo bald darauf auch der Maulwurffänger und Paul ankamen . Lange mußten sie vergeblich warten , erst in der neunten Stunde hörten sie , daß sich schlürfende Schritte der Hütte näherten und drei Männer schweigend in die Stube traten . Einer von ihnen schlug Feuer an , entzündete ein Talglicht und stellte es auf den Tisch . Aurels Späherauge erkannte in ihm Klütken-Hannes . Inzwischen beschäftigte sich Blutrüssel mit Entflammen der Kohlenpfanne , um das scharfe Getränk zu erhitzen , Martell aber , welcher diesen Vorbereitungen schweigend zusah , stützte beide Arme auf die Lehne seines