das ganze Martyrium der Jugend , die , in den Wünschen des Herzens gekränkt und getäuscht , immer ein vollständiges Unglück in sich zu schaffen sucht , um vom Leben Abschied nehmen zu können und sich berechtigt halten zu dürfen , alle Güter der Erde farblos , ohne Reiz , ohne Werth zu finden . - Wer das schöne , blasse Gesicht der jugendlichen Elmerice beobachten konnte , wie es so ermattet gegen die Lehne des Stuhles gesunken war , der mußte , mit nur einiger Welterfahrung - erkennen , daß sie das Opfer des bezeichneten Zustandes zu werden drohte ; und wir können das Gefühl der edeln Gräfin d ' Aubaine begreifen , mit dem sie , leise hereingetreten und seitwärts stehen bleibend , ihren Liebling betrachtete . Sie kannte und hatte es erfahren , was sie in Elmerice ' s Zügen las ! Wie hoffnungslos ihr Schicksal in dieser Beziehung sein werde , hatten ihr Lord Duncan ' s Mittheilungen über Lord Astolf bestätigt , und sie fühlte das tiefe , mütterliche Mitleiden , was nach Hülfe aussieht und mit dem Geiste der Erfahrung die Mittel ergreift , die der Zeit in die Hände arbeiten , welche keine Wunde unvernarbt läßt und die allerheißesten Schmerzen , von der ersten Stunde an , schon ihrem Ausgleichungsgeschäfte verfallen erklärt und sie mit ihren leisen Pendelschwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt . - » Nein , nein , « sagte sie zu sich selbst ; - » Du bist zu etwas Besserem bestimmt ; - nicht daran darfst Du zu Grunde gehen ! Du mußt Dir selbst die Würdigkeit zu einem neuen Leben zuerkennen lernen ; diesen edeln Stolz bist Du berechtigt , in Dir zu entwickeln . « - Mit diesem tugendhaften Muth trat sie näher , und Elmerice fühlte eine leichte , sanfte Hand auf ihrer Schulter . Ach , mit welcher Erschütterung blickte sie in die edeln Züge der theuern Frau , die von einer hingebenden Zärtlichkeit belebt waren , die Alles verhieß , was ein leidendes Herz bedarf ! » O , Gräfin d ' Aubaine , « sprach Elmerice - und lag , hingerissen von ihrem Anblicke , in demselben Augenblicke zu ihren Füßen ; - » Sie finden ein armes , trostloses , undankbares Wesen wieder , das Ihre Liebe vergaß und sie deshalb nie verdiente ! « » Das glaube ich nicht , mein süßes Herzenskind , « sagte die Gräfin sanft und zog sie an ihre Brust . - » Dein Gefühl lag nur verdeckt von den wunderlichen Eindrücken , denen Du hier unterworfen warst . Du hast , ohne liebevolle Warnung und ganz selbst überlassen , Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefühlen geschaffen ; das entfernt uns immer von dem natürlichen Leben und macht uns einseitig und verringert die wahre Liebe des Herzens , die wir ausreichend in uns entwickeln müssen . « Mit der schnellen Umwandlung , welche unverdorbene Jugend , einer höheren und besseren Erkenntniß gegenüber , so leicht und wohlthuend erfährt , fühlte Elmerice beschämt die egoistische Härte , die sich neben ihrer anscheinend berechtigten Handlungsweise in ihr Herz geschlichen hatte . » Theure , mütterliche Freundin , ich habe gewiß Ihren Tadel verdient , « sagte sie belebter , inniger , als sie es noch wenige Augenblicke früher für möglich gehalten haben würde ; » wie schwer ist es , auf der rechten Bahn zu bleiben , wenn man jung ist ! Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rath genießen ; und selbst , daß ich fehlte , wird nur ein Grund mehr sein , daß Sie mich nicht verlassen ! « » Ja , Elmerice , Du verstehst das Wesen der Liebe , und ich bin stolz darauf , zu fühlen , daß Du mir nicht zu viel thätest , selbst in dem Falle , den Du annimmst , und den ich hier noch nicht erkenne . Doch jedenfalls laß ' uns nicht so im Allgemeinen unsere Gefühle aufregen . Es ist Nichts so leicht , als das Maaß zu überschreiten , und doch ist das Geheimniß alles Schönen und Guten , Maaß zu halten ! - Sag ' mir von Deiner alten Freundin , und glaube nur , ich erkenne in hohem Grade Deine Pflichten gegen sie an . Nur das Maaß - das Maaß ! « lächelte sie und küßte dem andächtig zu ihr aufblickenden Mädchen zärtlich die Stirn . Beide traten näher an das Bett der Kranken , die in einem Halbschlummer lag , der jeden Augenblick ihr Aussehen veränderte , was dem alten Arzt als ein sicheres Zeichen ihrer nahen Auflösung galt . » Ich glaube , mein theures Kind , « sagte die Gräfin d ' Aubaine , nachdem sie die Züge der Alten geprüft - » die Natur wird hier bald für immer ausruhen ; - und wahrhaft herrlich scheint es mir , daß Gott Dich hierher führte , um heilige Rechte der Dankbarkeit an dieser Frau zu erfüllen , gegen die Deine ganze Familie unerlöschliche Verpflichtungen hat ! « Elmerice wechselte bei diesen Worten schnell die Farbe . Wie schienen sie bei der Gräfin eine früher nicht angedeutete Kenntniß ihres Schicksals zu verrathen ! » Diese Verpflichtung besteht wenigstens für meine Ueberzeugung , « sagte sie daher leise - » und es macht mich recht glücklich , wenn Sie mir beistimmen , theure Gräfin ! Doch wird auch dieser Trost mir oft dadurch verkümmert , daß ich fühle , wie Emmy ' s Wahrnehmung sich nachgerade vermindert , und sie in mir nicht mehr die theure Erinnerung sieht , der ich eigentlich diene . « » So laß ' diese Ueberzeugung den Uebergang werden zu den Verhältnissen , die Deiner außerdem harren . Meine Elmerice - meine Tochter , Du hast Pflichten auch gegen mich ; ich nöthige sie Dir auf , denn Du hast mich mit Deiner Liebe zu sehr verwöhnt , um sie je entbehren zu können . « Elmerice schmiegte sich in ihre Arme . Wie fühlte sie die großmüthige Absicht der edlen Frau , ihr eine Pflicht , ein Bedürfniß aufnöthigen zu wollen ; - und wie wahr , wie gefühlvoll war doch dabei ihr Ausdruck ! Ueberredend schien er ein wirkliches Bedürfniß anzudeuten . Waren diese innigen Töne des Gefühls zu der Schläferin gedrungen , war sie von selbst erwacht - genug , Emmy ' s Augen öffneten sich und hafteten mit ihrer eigenthümlichen Schärfe auf Beiden . » Das wird Deine Gräfin d ' Aubaine sein , « sagte sie dann mit ihrem rauhen Tone . » Es ist schon gut , daß sie da ist - ihr will ich wohl das Weitere sagen ; - sie hat , wie ich , um meinen Liebling getrauert ; - oft habe ich an sie gedacht ; - sie muß wissen , was leiden heißt . « - » Und wir sind uns , wenn auch getrennt , dennoch in manchem ähnlichen Gefühle begegnet , gute Emmy , « sagte die Gräfin d ' Aubaine , sich auf den Rand des Bettes setzend . - » Auch in unserer Liebe zu Elmerice ; - und recht eigentlich bin ich gekommen , um Dir den Trost zu geben , wie innig ich sie liebe . « » So schafft ihr auch Recht ! Denn wer kann besser , als Ihr , erkennen , daß es Reginald ' s Tochter ist ! « - Niemals hörte Franziska d ' Aubaine diesen theuern Namen ohne eine große innere Bewegung . Seltsam aber traf er sie in diesem Augenblicke , wo sie ihn von der alten , treuen Wärterin des geliebten Mannes aussprechen hörte . Feierlich streckte sie die Hand nach ihr aus und sagte : » Lebe nur noch einige Tage , so wird die Sehnsucht Deines Herzens erfüllt werden ! « Sie wurde von der eigenthümlichen Lage fortgerissen und fühlte , daß sie mehr gesagt hatte , als sie sicher war , halten zu können . So ward auch sie von Emmy ' s gebietendem Wesen beherrscht , und es erregte daher ihren ganzen Antheil , als sie Elmerice neben sich niedergleiten sah , aufs tiefste von den entstandenen Erklärungen erschüttert . » Nein , nein , Emmy , « stammelte das junge Mädchen - » das Recht , von dem Du träumst , ist für Fennimor ' s unglückliche Enkelin nicht da ! O , meine Wohlthäterin , gehen Sie in Emmy ' s eigensüchtige Pläne nicht ein ! Nie - niemals trete ich Ihren Neffen entgegen ; - ich will Nichts vom Leben , als ruhige Zurückgezogenheit ! Sichern Sie mir diese an Ihrer Seite , und ich habe Alles , was ich noch begehre ! « » Was aber das Leben von Dir begehren wird , geliebtes Kind , « sagte die Gräfin - » das möchte im Widerspruche damit stehen . Denn glaubst Du , daß wir ihm nichts schuldig sind ? Glaubst Du , wir dürfen sagen , es solle kein Recht mehr an uns haben ? Nicht also . Der Himmel hat uns ausgerüstet - er fordert die Erledigung der Aufgabe , die er uns diesen Kräften gemäß gestellt hat . Es ist vergeblich , wenn wir uns verbergen - er sucht und findet uns ; - darum müssen wir ihm muthig entgegen treten und ihm seine Aufgabe abfragen , in freudigem Gehorsam - mit edler Willenskraft , die , wenn auch kein Glück , doch eine würdige , menschliche Entwickelung begehrt . « » Folge ihr ! « sagte Emmy matt - und sank schlafend zurück . » Thue das , mein geliebtes Kind ! « rief die Gräfin aufstehend . » Asta soll den Schlummer Deiner alten Freundin bewachen , und an der Thüre soll ein Bote harren , der Dir sogleich Nachricht bringt , wenn mit ihrem Erwachen auch Bewußtsein zurückkehrt . Du aber folge mir zu meinen Verwandten , die Dich mit Sehnsucht erwarten . « Wohl fühlte die Gräfin , wie Elmerice bei diesem Vorschlage in ihren Armen zusammen zuckte ; aber sie war entschlossen , sich nicht abweisen zu lassen , und die mütterliche Sicherheit , mit der sie verfuhr , übte eine beruhigende Gewalt über Elmerice aus , der sie sich um so weniger entzog , da hiermit auch das rathlose Gefühl der Vereinsamung aufhörte - So kehrte die Gräfin d ' Aubaine in den Salon zurück , wo man sie mit der Spannung der Ungewißheit erwartete . Als die edle , majestätische Gestalt erschien , ihren Liebling an der Hand , drängte sich aus Aller Munde ein Laut der Freude . Noch trug Elmerice die schöne , ideale Tracht Fennimor ' s , jetzt ihr so gewohnt , daß sie derselben nicht mehr gedachte , und so hatte Beider Persönlichkeit etwas so höchst Ausgezeichnetes , daß Alle einen Augenblick zurückgehalten wurden , als müsse das Auge erst sein Recht genießen - als wäre ihre schöne Erscheinung kaum ein Gut , das man sich anzueignen wagen dürfe ! » Hier , hier ! « rief die Gräfin jedoch , lächelnd voreilend ; - » hoffentlich werdet Ihr alle die alte Tante loben , der es gelungen ist , Euren Flüchtling zu Euch zurück zu bringen . « » Elmerice ! « rief eine zärtliche Stimme - und Maria Duncan flog in die Arme der Ueberraschten . Das Entzücken , die theure Freundin so unerwartet wiederzusehen , machte auf Elmerice einen unbeschreiblichen Eindruck ; und indem es sie von ihrem augenblicklichen Verhältnisse zur Gesellschaft abzog , gab es sie ihrer eigene , wahren Natur zurück . Ihr Engelsantlitz strahlte von Liebe und Heiterkeit - ihre Bewegungen zeigten wieder die elastische Anmuth , die kindliche Schmiegsamkeit , die ihr zärtlich hingebendes Herz verrieth ; und man hätte den Pinsel Lesüeur ' s herbei wünschen mögen , um den schönen Eindruck zu verewigen , als jetzt die hohe Greisengestalt des Lord Duncan zwischen die zarten Mädchen trat , und Beide , wie an ihren Vater , sich in seine Arme drückten . Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden ! Als sie an Lord Duncan ' s Brust die Augen zur Gräfin Franziska aufschlug , kam sie sich gesichert und außer Zweifel gestellt vor ; und ein stolzer Muth erhob sich in ihrem kranken Gemüthe , der sie mit einem Hauche von Glück anwehte . Wie war auch Alles dazu geschaffen , dies neue Leben und diese Ansprüche ihres jungen Herzens zu nähren ! Ueberall kam man ihr entgegen , Jeder wollte sie nach seiner Art zu fesseln suchen , ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken , von seinen wohlmeinenden Gesinnungen sie überzeugen ; und leichter trat dies hervor , in dem Maaße , als der Gegenstand so vieler Bemühungen Alles bemerkte , erwiederte oder mit dem bezaubernden Lächeln der Freude und Dankbarkeit hinnahm . Sie übte eine Gewalt über die Gesellschaft aus , von der sie keine Ahnung hatte ; Mademoiselle de la Beaume bezeichnete sie , indem sie sagte : » Wenn auch meine eigenen Augen nicht immer hinter Miß Eton herreisten , würde ich doch jedes Mal wissen , wo sie sich befindet ; denn wenn sie den Platz ändert , wenden sich alle Köpfe wie auf ein Kommando ihr nach ; - und ich verdenke es Niemandem und bin nicht einmal eifersüchtig , daß man darüber meine Schönheit und Jugend vergißt ! « Aber Einer blieb übrig in diesem Kreise , der nur gezwungen die heitere Stimmung der Gesellschaft theilte , wenn wir ihn auch nicht als gleichgültig gegen Miß Eton bezeichnen wollen . Es war Leonce ! - Die Peinlichkeit seines Zustandes verrieth sich in jedem Zuge , und seine auffallende Blässe hätte ihn vielleicht sogar Miß Eton verrathen , wenn sie nicht , wie ein schüchternes Reh , den Kreis mit ihren Augen geflohen hätte , wo er sich am meisten aufhielt ; da er von den anderen jungen Männern umgeben war , deren leuchtende Blicke sie verscheuchten . Von da an blieb Miß Eton dem heitern Kreise zugesellt , bis auf die Zwischenstunden , die sie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten zubrachte . Der Arzt prophezeihte ihr ein sanftes , schmerzloses Ende und benutzte ihr meist bewußtloses Träumen , um Elmerice langsam von ihrem Lager zu entfernen ; da in ihrer Gegenwart , wie er behauptete , eine aufregende Gewalt läge , die diesen friedlichen Zustand leicht zu einer Krisis bringen und ihren Tod schneller und unter heftigen Zufällen veranlassen könnte . Am anderen Morgen jedoch , nach dem heiteren Frühstücke , führte der Marquis d ' Anville Lord Duncan , den alten Arzt und den ehrwürdigen Vikar nach seinen Zimmern , wohin ihnen bald die Gräfin Franziska und Leonce folgten . » Helfen Sie mir jetzt Alle , « rief der liebenswürdige Marquis , mit einem Tone , der aus dem Herzen kam , als man um ihn her Platz genommen hatte ; - » helfen Sie mir Recht stiften und geben Sie mir den Trost , daß Sie mir glauben wollen , wie ich auf das lebhafteste wünsche , ein schmachvolles Unrecht , das meine Vorfahren begingen , gut zu machen ! - Hierher , mein Leonce ! Laß ' Deine umwölkte Stirn - die irgend einem Privatinteresse gilt , dessen Widerstand ich bald besiegt zu sehen hoffe - laß ' diese trübe Stirn keinen Zweifel über Deine Gesinnungen erregen , deren edle Uneigennützigkeit ich am besten kenne . « » O , « rief der Marquis Leonce , lebhaft auf Lord Duncan zueilend , während hohe Röthe plötzlich sein Angesicht färbte - » o , wäre es das ? Ist es möglich , haben Sie an mir gezweifelt ? Waren Sie , theurer Lord , deshalb so kalt gegen den Jüngling , den Sie einst wie einen Sohn liebten ? O , womit habe ich das verdient ? « » Mein Gott , « sagte der Lord , überrascht und verlegen - » welche Voraussetzungen ! Ich wüßte nicht , daß ich Etwas versah ; bitte aber für Alles um Verzeihung , was Sie beleidigt haben könnte , Herr Marquis . « - » Das ist nicht die Sprache des väterlichen Wohlwollens , die ich einst aus Ihrem Munde gewohnt war . Sie weisen mich mit der Sprache der Welt zurück ; - und doch hätte ich gerade Anspruch auf Ihre Theilnahme - Sie , Lord Duncan , müßten den Unglücklichen nicht verlassen ! « - » Meine Theilnahme , Herr Marquis , hat jedenfalls durch Ihre Fürsorge eine andere Richtung bekommen , « erwiederte der Lord . » Ich habe , denke ich , jetzt nur Gelegenheit , an Ihrem neu entstandenen Glücke Theil zu nehmen ; das werde ich gewiß mit der Zeit . Doch zürnen Sie dem Alter nicht , daß es nicht so schnell , wie die Jugend seine Zustände wechselt . Ich sehe es ein , es war zu viel verlangt , als ich Sie bat , ein Jahr auf meine Ankunft hierher zu warten ! « - » Und womit habe ich den Verdacht Eurer Herrlichkeit verdient , « - sprach Leonce , jetzt seinerseits etwas stolz zurücktretend ; - » daß ich ein gegebenes Wort gebrochen , was mir unter allen Umständen heilig sein mußte ? Sie wissen überdies , daß es ein Wort war , an welchem die letzte Lebenshoffnung meines schwer getroffenen Herzens hing - dessen Erfüllung ich mit einer Sehnsucht erwartete , die mir dies Jahr zu einer Ewigkeit ausdehnte . « - Lord Duncan ' s Blicke richteten sich bei diesen Worten , die ein tief bewegtes Gefühl verriethen , forschend auf den jungen Mann , und seine vorher so kalten Züge zeigten wenigstens Antheil , wenn auch noch kein Wohlwollen . » Leonce , « sagte er plötzlich - » ich hatte vielleicht Unrecht , Sie ungehört anzuklagen , Sie sollen mich nicht umsonst an mein väterliches Wohlwollen erinnert haben ; ich will Sie hören , und Sie sollen den väterlichen Richter finden ; doch vergessen Sie nicht , daß er Sie streng richten wird , wenn Sie jetzt oder früher leichtsinnig Hoffnungen erweckt haben , die sich mit dem Glücke der Betheiligten nicht vereinigen lassen . « » Ich fange an Sie zu verstehen , « sagte Leonce , » und würde Sie bitten , mir eine augenblickliche Erklärung zu erlauben , wüßte ich nicht , daß uns mein Bruder hier zu einem gemeinsamen und wichtigen Beschlusse zusammen berufen hat , und wäre ich nicht jetzt noch durch ein heiliges Wort gebunden , was es nicht zuläßt , mich so genügend zu erklären , als es nöthig sein wird , um Ihr schweres Mißtrauen zu zerstreuen . « Schnell grüßten sich Beide , und Lord Duncan ' s Gesicht hatte sich bei den letzten Worten des jungen Mannes aufs neue merklich verfinstert , wogegen Leonce einen heiteren , freieren Ausdruck gewann . Bei dieser Unterredung , die auf früher sehr innige und jetzt , wie es schien , gestörte Verhältnisse hindeutete , unterdrückten die Zuhörer ihr Erstaunen , um Beiden Zeit zu einer schnellen Sammlung zu lassen . » Gräfin d ' Aubaine und Sie , meine Herren , « hob nun Lord Duncan sogleich an ; - » ich muß um Verzeihung bitten , wenn ich Ihnen , ein unfreundlicher , wilder Insulaner , hier so eben erschienen bin . In Ihrem feinen , gesitteten Frankreich hoffe ich , ist man immer darauf gefaßt , den überseeischen Freunden ein Conto auf ihre rauhen Naturäußerungen zu schreiben - und so lassen Sie mich denn zur Sache übergehen . Ich glaube , meine Freunde , wir sind Alle außer Zweifel , daß Elmerice , unter dem Namen Eton , die Tochter Reginald ' s , des rechtmäßigen Grafen Crecy-Chabanne ist ; - und hier bin ich - der Freund ihres Vaters , dieses unglücklichen Reginald ' s , in dessen Armen er seinen edeln Geist aushauchte - um diese Wahrheit mit Allem zu vertreten , was Ihr schöner Eifer nur wünschen kann , meine Herren ! « » Gottlob , « rief der Marquis d ' Anville , - » so haben wir das Letzte , was uns fehlte : die Identitäts-Erklärung eines vollständig glaubhaften Mannes ! « » Sie haben mehr , mein Herr ! « sagte heiter der alte Lord ; - » Sie haben gerichtliche , völlig beglaubigte Zeugnisse darüber . Da wir , der englische Bischof , Herr Lester , der Oheim des Grafen , und ich , ihn nicht zur Wiederannahme seines Namens und Ranges bewegen konnten , sicherten wir doch , als er sich vermählte , hinter seinem Rücken den Nachkommen durch die Urkunden , die seine Person nachwiesen und versicherten , die Möglichkeit eines gerichtlichen Beweises . Erst kurz vor seinem Tode , da das Glück seiner Tochter durch eine entstandene Frage über ihren Rang und Titel bedroht erschien , entdeckte ich ihm unsere vorbereiteten Schritte ; er gab meinen Bitten nach und erklärte sich nun selbst vor den dazu nöthigen Gerichtspersonen für den Grafen Crecy-Chabanne und ließ die Dokumente darüber ausfertigen . « Mit freudeleuchtenden Augen empfingen die beiden dadurch enterbten Brüder die wichtige Urkunde , und fast mit Andacht sahen sie die schöne Unterschrift Reginald ' s neben dem alten Crecy ' schen Wappen . » Wie glücklich bin ich , Mylord , « rief endlich d ' Anville - » Ihnen jetzt ein eben so wichtiges Dokument einhändigen zu können . Hier : Ludwig der Fünfzehnte , unser allergnädigster König , hat die Bitten seines ehemaligen Pagen , meines Bruders , erhört und ihm diese Vollmacht in seinem hohen Namen ausfertigen lassen ! Sie erklärt den in jenen unglücklichen Prozeß verwickelten Grafen Reginald für völlig unschuldig an absichtlichem Todtschlag , und indem sie die Vermählung seiner Aeltern als gerichtlich rechtskräftig bestätiget , befugt es ihn oder seine Nachkommen zur unbestrittenen Erbfolge aller daher oder daraus entstandenen Besitzthümer der Crecy-Chabanne ! Hier - lesen Sie die ausreichenden Bestimmungen dieses wahrhaft königlichen Gnadenbriefes ! « Doch dies that Lord Duncan vors Erste nicht ; - er eilte auf Leonce zu und schloß ihn mit Wärme in die Arme . » Edler , junger Mann , « rief er mit feuchten Augen ; - » möchte ich in allen Beziehungen Ihnen so meine vollste Bewunderung schenken können - es wäre mir der größte Trost ! - Reginald , « rief er dann , die gefalteten Hände andächtig auf seine Brust legend , während sein thränenschwerer Blick den Himmel suchte ; - » Reginald , mein erhabener Freund , Dein Name steht jetzt so rein vor der Welt , wie Deine Seele vor Gott ! O , welche Wohlthat für mein altes , stolzes Herz - das der Himmel mir in Gnaden vergeben wolle ! « » Ja , und warum erlebte die alte Frau Marschallin nicht diesen Moment ? « rief hier der alte Arzt , polternd von seinem Stuhl aufspringend ; - » wie hätte ich ihr gegönnt , den Sohn Fennimors mit der Crecy ' schen Grafenkrone zu sehen ! « Alle konnten hier , trotz ihrer feierlichen Stimmung , ein kurzes Lächeln nicht unterdrücken , was der alte , muthwillige Herr auch beabsichtigt hatte , da für seinen Sinn die Erweichung ihm zu sehr überhand genommen hatte . » Jetzt , « sagte die Gräfin d ' Aubaine - » lassen Sie uns keinen Augenblick anstehen , Elmerice ihren Rechten zurückzugeben . « » Gut , edle Gräfin , « sagte der alte Arzt ; - » ich gehe und hole sie . « » Besser , « sagte Franziska - » wir begeben uns Alle selbst zur Gräfin Crecy und begrüßen sie als unsere theure Verwandte . « Alle stimmten freudig ein , und man trat sogleich den Weg zu den Gemächern Emmy Gray ' s an . Eine Nachtruhe , die wohlthuend auf Emmy ' s Kräfte gewirkt hatte , gab ihr an demselben Morgen einen jener klaren Geisteszustände zurück , die oft die letzten Tage solcher Kranken so überraschend unterbrechen . - Sie begehrte Luft und Blumen . Asta mußte ihr schweres weißes Haar unter reinen Binden befestigen ; sie schmückte sich und ihr Bett mit umsichtiger Anordnung ; und als Elmerice endlich hinzukam , staunte diese über das fast festliche Ansehen des Krankenzimmers . Auf dem Rande des Bettes nahm sie ihren gewohnten Platz ein , und die Alte sagte freudig : » In kurzer Zeit werde ich bei Fennimor sein und ihr sagen können , daß ihre Enkelin mir die Augen zudrückte und meine letzten Tage fast glücklich machte . Dafür wird Dich ihr besonderer Segen erreichen - und Du wirst von da an glücklich und geehrt sein - und Alles wird sich erfüllen nach Gottes Gebot , der die Menschen mit ihrer Bosheit in den Abgrund schlägt . « » Bin ich dahin - so bist Du meine Erbin . In Fennimors Kleiderzimmer siehst Du eine gemalte Kiste von Zederholz ; sie ist mit den Goldstücken der Crecy ' s gefüllt ; denn ich sammelte für Reginald den reichen Tribut , den sie mir zahlen mußten . Jetzt gehört er Dir . Du bist meine Erbin ! Ellen , die Kinderlose , mit ihrem kleinen Herzen , hat genug irdisch Gut ; - dies soll nicht zum schlechten Gebrauch dienen ! « » Emmy , « sagte Elmerice - » ich will Deine Erbin sein ; aber gieb mir uneingeschränkte Vollmacht , mit meinem Erbe nach meiner Einsicht verfahren zu dürfen - und sollte es auch zu Ellens Gunsten sein . Doch soll sie durch meine Hand das empfangen , was ich ihr für gut halte ; nicht das rohe Gold , weil es sein könnte , daß es ihr nicht diente . « » Ja , so bist Du ! - ich dachte es wohl ! « seufzte Emmy . » Aber wer hat Willen , wenn die Augen sich für immer schließen ; - und viel Anderes hätte sie auch nicht gethan ! Sie hatte immer ihren Eigensinn gegen mich und konnte schelten , als wenn ich ihr Kind wäre ; - und ich sah Dich eben dasselbe Gesicht machen , was sie dann hatte - die Augen , daß kein Blick herausdrang - und den Mund fest geschlossen . Doch laß das und denke nicht , daß ich Dich schelten will - nimm nur zuerst das Geld , damit ich fühle , Du hast es von mir ererbt - dann mache nachher , was Du willst - und laß mir neben Fennimor das Grab graben - und laß keine Menschenhand über unser Heiligthum kommen ! Ziehst Du hier fort mit der Gräfin , die , denke ich , ein menschlich Herz hat , so laß Moder und Staub und den Holzwurm ihre Arbeit machen ; aber Menschenhand wehre ab . - Du weißt , ich habe mit ihr nichts zu thun , und sie soll auch nachher fern bleiben ! « - » Was ich dann noch hier von Einfluß haben werde , soll zur Erfüllung Deiner Wünsche dienen , Emmy ! « - » Und er wird groß sein ! « sagte die Alte , sich gleich einer Sybille aufrichtend und die Arme in die Luft ausstreckend . » Sie werden kommen und Dich einsetzen ; - und Fennimors Enkelin - Reginalds Tochter wird im Rechte sein über Alle ! « Ihre Augen erfaßten dabei mit der größten Ruhe , als erlebte sie das Erwartete , die Gräfin d ' Aubaine , welche , leise den Männern voran getreten , gerade jetzt sich den Blicken Emmy ' s zeigte . Eben traten auch die bezeichneten Herren hinter ihr ein ; und als Elmerice die wehmüthig gesenkten Augen aufschlug , schien es ihr , als habe die Alte einen Zauber beschworen . » Kommt näher , « sprach Emmy mit ihrer alten Energie - » hier ist , die Ihr suchet ! Und aus den Händen Emmy Gray ' s empfanget die rechtmäßige Erbin der Crecy-Chabanne ! « Elmerice erhob sich , und ihren Blick fest auf Alle richtend , sagte sie , edel und stolz auftretend : » Ich habe dieser ehrwürdigen Frau in diesen Gemächern den Anspruch zugestanden , den für mich zu nähren , ihr höchstes Glück war . Ich weiß auch , daß die Natur mich zu diesen Ansprüchen berechtigt , und indem ich die Kenntniß ihres Daseins Ihnen Allen gegenüber offen eingestehe , wird mein Wille und meine Ueberzeugung , ihnen zu entsagen , vielleicht meine Gesinnungen außer Zweifel stellen . « » Lassen Sie mich hoffen , « sagte der Marquis d ' Anville , verbindlich vortretend - » daß Sie diesen Willen , der durch Unkenntniß Ihrer wahren Verhältnisse bestimmt ward , ändern werden , wenn Sie uns gehört haben . Wir sind in Wahrheit hier , Sie als unsere theure Verwandte zu begrüßen , und damit als die rechtmäßige Erbin der Crecy-Chabanne ! « Elmerice änderte zwar die Farbe ; - aber sie fuhr sogleich entschlossen fort : » Wenn Sie mir den ersteren Rang zugestehen wollen , Herr Marquis , so wird die Waise den süßesten Trost empfangen , lassen Sie mich hinzusetzen : sie wird dies als eine Sühne für die theuren Verstorbenen in Empfang nehmen ; - doch damit muß ich zugleich Alles erfüllt erklären , was uns Beiden zu geben und zu nehmen ansteht . « » Mein Kind , « rief hier Lord Duncan - » willst Du mich , den Freund Deines Vaters , anhören ? « » Ja , Mylord , « rief Elmerice ; - » denn Sie sind mein zweiter Vater ! Aber Sie werden es auch der Tochter Ihres Freundes ersparen , die Gründe nennen zu müssen , die ihn auf immer von dieser entsetzlichen Erbschaft trennten . « Ihre Aufregung war bei ihrer Sanftmuth und Bescheidenheit so ungewöhnlich groß , daß Alle mit innigem Antheil auf die schmerzvolle Tiefe des Gefühls schließen konnten ,