in seinen Verhältnissen zerrüttet er sich , bei Hofe kehren sie ihm den Rücken , der Gemahlin muß er sich schämen , in der Kammer wird er aus übler Laune ein hohler widersprecherischer Schreier , kurz , er wird auf alle Weise ein elender und verkümmerter Mann . Weil er aber dazu gar keine Anlage hat , sondern vielmehr ungeachtet mancher Torheit bestimmt ist , sich zu einem ganz herrlichen und prächtigen Charakter herauszuarbeiten , zu einer Freude und Zier des Landes , deshalb Herr Diakonus , und deshalb , weil ich seiner sterbenden Mutter mein Wort auf ihn gegeben habe , ist es meine Pflicht , dieses Verhältnis , welches für mich eine Liebschaft bleibt , zu zerstören . « Die Streitenden gingen mit großen Schritten auf und nieder . Der Diakonus pries die Unschuld und den Schwung der Neigung , welche so entgegengesetzte Gefühle aufregte . Allein der hartnäckige Geschäftsmann ließ sich dadurch nicht rühren , sondern sagte : » Ich will ihn auch gar nicht daran hindern , das Mädchen geliebt zu haben . Er feire sie in seiner Erinnerung , er mache Gedichte der Wehmut an sie , Sonette und Terzinen soviel er will , er trage ihre Locke oder ihren Schattenriß , was er nun von ihr besitzt , auf dem Herzen , immerhin ! Liebe ist Liebe , aber Ehe ist Ehe . Die Ehe ist ein Geschäft , ein höchst wichtiges Geschäft . Nicht umsonst handelt ein Abschnitt in allen Landrechten von der Ehe und vom Eingebrachten und von der Gütergemeinschaft . Die Ehe soll dem Menschen einen Boden unter die Füße geben , nicht den Boden unter den Füßen wegziehen . Ein Geschäft muß ein Objekt haben , Liebe ist aber kein Objekt . Liebe gehört zur Ehe wie der fröhliche Trunk zum Abschluß eines guten Kaufes ; aber über das Glas Wein schließt man den Handel nicht . Er braucht noch gar nicht zu heiraten , denn er ist noch sehr jung , will er es aber tun , so gibt es unter unseren Gräfinnen und Fürstinnen und unter denen nebenan in Baden und Bayern auch schöne , blühende , gute Mädchen ; darunter soll er sich auslesen , die Bettlerin aber soll er lassen . Ich weiß wohl , daß jedes mißgefügte Liebespaar von seiner Torheit einen neuen Himmel und eine neue Erde datiert und die erste probehaltige Ausnahme . Wenn man aber nach wenigen Jahren die sogenannten Ausnahmen wiedersieht mit hangenden Flügeln , den Schmetterlingsstaub jämmerlich von den Schwingen gerieben , vernützt , abgeblaßt , so wendet sich einem das Herz im Leibe bei dem Anblicke von so trübseligen Bestätigungen der allgemeinen Regel um . « Der Diakonus , dessen Verstand unwillig manches zugeben mußte , was der andere vorbrachte , bediente sich jetzt der Wendung , welche bei einem Streite so ziemlich klar die Niederlage anzeigt . Er sagte nämlich , daß diese Drohungen wohl nicht ganz der Ernst des Oberamtmannes sein möchten , daß er gewiß Bedenken tragen werde , sie in ihrem vollen Umfange auszuführen . Darauf versetzte der Amtmann sehr kalt und fest : » Sie würden im Irrtume sein , wenn Sie diese Meinung wirklich hegten . Ich bemerke wohl , daß die Scherze , welche die junge Baronesse in ihrer liebenswürdigen Laune zuweilen über mich macht , Sie zum Lachen über mich anreizen , und es mag auch wahr sein , daß ich eine ziemlich sonderbare und graue Aktenfigur bin . - Ich habe neulich den sogenannten Patriotenkaspar verhört , darüber den Grafen vergessen , kam zu spät auf den Oberhof und fand meinen Freund , der vielleicht gesund mit mir gefahren wäre , erst wieder , als er blutend am Wege lag . Das war ein Schwabenstreich . - Indessen kann man solche begehen und doch bei manchem Punkte unbesieglich sein . - Glauben Sie mir , daß , wo ich mich in meinem Amte und Rechte fühle , alles von mir abgleitet , wie von einem Felsen und daß ich dann fest zu stehen weiß , wie ein Fels . Meinen liebsten Freund aber vor einem unsäglichen Elende zu bewahren , wie ich es nun einmal ansehe , das ist recht eigentlich meine Amtspflicht und mein Recht . Ich werde demnach , was ich angekündiget habe , durchzuführen wissen . « » Aber was wollen Sie denn mit ihm beginnen ? Er ist doch mündig ! « rief der Diakonus ereifert . » Leider ! « versetzte der Oberamtmann . » Es gibt Leute , die wenigstens bis zum dreißigsten Jahre unter Kuratel stehen sollten . Indessen ist auch ein Mündiger anzufassen . Was ich beginnen will ? Ihm jeden nur möglichen Grund vortragen , die Verbindung ihm unleidlich machen ; Urlaub mir verlängern lassen , mit ihm auf sein Schloß reisen , Oheime , Vettern und Basen in Bewegung setzen , die Sache vor den König bringen , seine Standesgenossen aufregen , es darauf ankommen lassen , daß er mir die Türe weiset , dann doch nicht gehen , immerfort einsprechen , den Einspruch noch zwischen die Verlobung werfen , ja selbst am Altare , wenn es notwendig ist , einen Skandal bereiten . O ein Mann und Freund kann viel , wenn er nur beharrlich will . So wahr ich der Oberamtmann Ernst vom Schwarzwalde bin , mit meiner Zustimmung wird sie nicht Gräfin Waldburg-Bergheim . « » Und mit meiner auch nicht « , sprach hier eine dritte Stimme . Die schöne Clelia war , von ihrem Spaziergange zurückgekehrt , in den Saal getreten und hatte unbemerkt von den Männern , gehört , wovon die Rede war . » Nein , Herr Diakonus « , sagte sie , » Sie sehen die Sache doch etwas zu sehr von Ihrem Standpunkte an . Ich bin gewiß gut und freundlich gegen jeden und wünsche allen ein solches Lebensglück , wie ich es erlangt habe , aber auch meine Erfahrung hat mich gelehrt , daß Mißbündnisse nie zum Heile führen , und da es sich hier um das Los meines teuersten Anverwandten handelt , so stelle ich mich ganz auf die Seite des Oberamtmannes . « Die schöne junge Frau sagte dies so feierlich , als hätte sie in ihrem zwanzigjährigen Leben schon wenigstens hundert üble Erfahrungen von Mißbündnissen vor Augen gehabt . Der Oberamtmann küßte ihr dankbar und gerührt die Hand und der Diakonus schwieg . Es war inzwischen im Nebenzimmer gedeckt worden und man setzte sich zu Tische . Auch der junge Gemahl hatte sich nach seiner Sperlingsjagd , die nicht sehr ergiebig gewesen war , zur Gesellschaft gefunden und nur Lisbeth fehlte . Der Diakonus suchte , so gut es ihm gelingen wollte , der vorhergegangenen Szenen ungeachtet den beredten Wirt zu machen . Es glückte ihm aber nicht ganz , denn seine Seele war abwesend und in Bekümmernis bei dem Paare , über dessen Häupter sich nach manchem Leiden noch zuletzt so schwere Wolken anhäuften . Die ganze Gesellschaft war eigentlich verstimmt und redete wenig . Der Oberamtmann fühlte die Schwierigkeit seiner Aufgabe , zwei Herzen zu trennen , die einen geistlichen Beistand hatten , und dachte über die Mittel nach , diesem Einflusse entgegenzuarbeiten . Zwischen dem jungen Ehepaare aber hatte sich der erste Streit erhoben und zwar auch über das Liebespaar . Der Gemahl war nämlich nach seiner Rückkehr von dem Windbüchsenvergnügen unterrichtet worden , daß der Vetter hergestellt sei , und hatte , als er seine Gemahlin von dem Spaziergange heimkommend gesprochen , ihr in aller Freundlichkeit aber mit bestimmtem Tone den Entschluß eröffnet , nunmehr abreisen zu wollen , da sie unmöglich jetzt noch eine Sorge um Oswald mit auf die Reise nehmen könne . Schon daß er so bestimmt sprach , regte ihren Widerspruch auf und sie fühlte wohl , daß wenn sie den Anfängen solcher Emanzipation nicht entgegentrete , es leicht um die ganze Zukunft ihres Regiments geschehen sein dürfte . Sie erklärte daher ebenso bestimmt , daß sie noch bleiben und so lange bleiben werde , bis sie ihren geliebtesten Anverwandten von einem schlimmeren Übel befreit sehe , als dem Blutsturze , nämlich von seinem verkehrten Heiratsvorsatze . Der Oberamtmann fasse alles zu rauh an , sie als Frau wisse allein in solcher Verwickelung das Richtige zu treffen und den Knäuel mit Feinheit zu entwirren . - » Du kennst meine Festigkeit , Edmund « , sagte sie zuletzt ; » ich bin ganz fest in dieser Sache , zu deren Behandlung mich der Himmel selbst offenbar hieher hat kommen lassen , also stehe ab von dem Vorsatze , mich nach deinen Wünschen bewegen zu wollen . « Er erwiderte ihr darauf höflich , daß er an ihrer Festigkeit nie gezweifelt habe , daß sie ihm aber unter solchen Umständen verzeihen möge , wenn er , solange ihr Geschäft hier daure , einen Besuch bei seinem Oheim im Osnabrückschen abstatte , denn an diesem elenden Orte könne er es nicht länger aushalten . So endete demnach der süße Friede der Flitterwochen und es war noch keine Versöhnung erfolgt , als man sich zu Tische setzte . Gemahl und Gemahlin sprachen daher auch nicht , sondern sahen stumm auf ihre Teller . Was endlich die Hausfrau betrifft , so hatte diese wirklich das hochrote Antlitz und die glänzenden Augen , von welchen Clelia gesprochen hatte , und welche unwiderleglich anzeigen , daß eine Wirtin sich sehnt , wieder ungestört in ihrer stillen Häuslichkeit zu leben . Sie war die gastfreiste Frau von der Welt , aber die Einladungen des Diakonus , die von ihm ohne Rücksicht auf Raum und Grenzen des kleinen Hauswesens ausgegangen waren , hatten ihr eine Last aufgebürdet , unter welcher sich selbst der Sinn einer Baucis geheimen Mißgefühls nicht würde haben enthalten können . Man stand auf und wünschte einander gute Nacht . Vor dem Fortgehen sagte aber der Oberamtmann zum Diakonus : » Unbegreiflich ist es mir , wie Sie , Herr Pastor , die Partei eines Mädchens nehmen können , welches , nach allen Anzeigen zu schließen , eine sehr gefühllose Seele hat . « » Gefühllose Seele ? « » Ist sie , als sie von dem Unfalle ihres alten Pflegevaters hörte , zu ihm geeilt , wie es einem dankbaren Kinde eignete ? Hat sie sich nicht begnügt , zu fragen , ob er wohl aufgehoben sei ? und als sie erfuhr , daß gute Leute sich seiner angenommen hätten , tat sie da etwas anderes , als ihm das Geld schicken , welches sie für ihn verwahrte ? « » Herr Oberamtmann « , versetzte der Diakonus , » die Lisbeth hat den Spruch im Herzen empfangen und ausgetragen : Du sollst Vater und Mutter verlassen und dem Manne anhangen . Es tut wohl , endlich einmal auch auf eine Natur zu stoßen , wenn man so viele Puppen gesehen hat . Ich habe da die Unterscheidungen und Bezeichnungen aufgestellt , welche , wie wir vernehmen , unser großer Dichter von weiblichen Wesen zu gebrauchen pflegte . Mir will es so vorkommen als ob Goethe , wenn er noch lebte und die Lisbeth sähe , sie eine Natur nennen würde . « An diesem Abende ereignete sich , was hin und wieder in Liebesschicksalen vorkommt . Die Umherstehenden streiten gewaltig miteinander und regen eine wahre Ilias auf über die Frage , ob zwei Menschen verbunden bleiben sollen oder nicht ! und die Liebe ruht während des Kampfes seitwärts unter Rosenbüschen in holder Eintracht . Lisbeth und Oswald wußten nicht , welche Schlachten um ihr Geschick ausgefochten wurden oder sich vorbereiteten . Lisbeth hatte eine heimliche liebliche Freude sich zugedacht . Sie pflückte die schönsten Astern im Garten und wand sie zum Kranze . Mit dem Kranze schlich sie , als es dunkelte , leise an die Türe des Krankenzimmers , horchte dort klopfenden Herzens und pochte , als sie im Zimmer nicht reden hörte , so sacht an , daß nur ein feines Gehör , wie es der alte Jochem besaß , den fast unhörbaren Schall vernehmen konnte . Auch er kam in seinen Socken an die Türe geschlichen und öffnete sie ohne Geräusch . » Wacht der Graf ? « flüsterte Lisbeth . » Nein « , versetzte ebenso leise der Alte . » Er schlummert im Lehnsessel , das Gespräch mit den beiden Herren hat ihn etwas matt gemacht . Kommen ' s nur herein ! « Kaum den Boden mit ihren Fußsohlen berührend schritt Lisbeth durch das Krankenzimmer . Im Lehnstuhle saß Oswald und schlief . Sein Antlitz war so weiß wie Marmor , er sah vornehmer und prächtiger aus als je . Die schöne Stirn zeigte noch klarer als sonst die lichten , innigen Gedanken , welche hinter ihrer Wölbung wohnten . Leicht gerötet waren die vollen , gutmütigen Lippen , und um sie und um die reinen Wangen schwebte das friedlichste Lächeln . Er träumte vielleicht , und mochte wohl von seiner Liebe träumen . So saß er da , ein reizendes , hohes Jünglingsbild ; eine Mischung von siegfreudigem Apoll und schwärmendem gefühlstrunkenem Bacchus , noch nie so klar in dieser seiner Grundform ausgeprägt , als heute , wo die geschlossenen Wimpern allen Zügen etwas Festes und Ewiges gaben . Lisbeth näherte sich dem Schlafenden und beugte sich über sein Haupt . Aber sie rührte ihn nicht an und ließ kaum ihren Atem um seine Wangen spielen , um ihn nicht aufzuwecken . Dann legte sie leicht und leise wie eine beschenkende Himmelsgestalt ihren schönen Kranz von roten , gelben und blauen Astern in seinen Schoß . Und dann setzte sie sich ihm gegenüber in einen Sessel und sah ihn , die Hände über der Brust gekreuzt , lange an . Nachdem sie so lange stumm gesessen , wendete sie ihr Antlitz . Der Alte stand ihr zur Seite und empfing ihren ersten Blick . Von diesem Blicke erschüttert , sank er leise auf das Knie und küßte ihre Hand . Die Gnostiker erzählen , daß die Engel einst eine unaussprechlich schöne Gestalt flüchtig an sich vorüberschweben sahen , die sie nachmals nie wieder erblickten , obgleich sie äonenlang mit heißer Sehnsucht einer zweiten Erscheinung harrten . Sie schufen dann endlich , sagen die Gnostiker , in Nacherinnerung an die Geschaute , ein schwaches Abbild jenes himmlischen Urbildes . Dieses Abbild war der Mensch . Es kann sein , daß in Lisbeths Zügen etwas von dem Ausdrucke der den Engeln einst erschienenen Schönheit schimmerte . Der Alte stammelte flüsternd : » O liebe , liebe , junge gnädige Gräfin . « Lisbeth errötete . » Warum nennst du mich immer schon so ? « fragte sie leise . » Weil ich mir Sie gar nicht als Liebste oder Braut denken kann , sondern Frau sind Sie , liebe Frau von meinem jungen Herrn , gar kein ' Sehnsucht nicht und kein Verlangen , sondern schon ganz eins mit ihm und herzenseinig . « » Nun sage mir , wie geht es ihm und wovon hat er heute gesprochen ? « fragte Lisbeth . » Ach « , sagte der Alte , » Kranke haben so ihre wehmütigen und zaghaften Stunden . Mein Herr sagte heut ' , das Glück , was er mit Ihnen haben würd ' , käm ' ihm gar zu schön und herrlich vor , er könnt ' nicht aussprechen , wie unsäglich lieb er Sie haben tät ' , und deshalb fürchtete er , die wüste Welt würd ' sich drein legen zwischen ihn und sein Glück , und der Damon würde drauf treten - « » Dämon sagte er wohl « , sprach Lisbeth . » Dämon oder Damon , ' s kommt alles auf eins heraus , er meinte aber gewiß den Teufel « ; fuhr Jochem fort . - » Er sagte diese trübseligen Sachen viel schöner und besser , als ich sie hervorbringen kann , indessen hatt ' ich rechte Müh ' , ihm Trost einzusprechen . « Lisbeth nahm die Hand des Alten und lispelte : » Wenn er erwacht , so sage ihm , ich sei hier gewesen und habe mich an ihm gefreut . Sage ihm dann auch , er solle mir nicht übelnehmen , besuche ich ihn morgen und auch vielleicht noch übermorgen nicht , denn ganz gesund müsse er erst sein , wenn er mich sehen solle , und ich sei ohnedies doch immer und ewig bei ihm . « - Tief atmend , aber so leise , daß der Alte sein Ohr ihren Lippen nähern mußte , setzte sie hinzu : » Und weiter sollst du ihm sagen , er müsse sich nicht vor der Welt und dem Dämon fürchten , denn er sei mein Oswald und ich sei seine Lisbeth , und die Welt und der Dämon hätten keine Macht über zwei Menschen , die einander von Grund des Herzens gut seien . Er solle nur ganz getrost an mich denken , denn ich sei Er , und er sei Ich , und wir seien Eins , und zwischen uns könne nichts kommen . « » Werd ' alles genau ausrichten und bestellen « , antwortete der Alte . » Und ' s ist gut , daß mein Herr es nicht von Ihnen hört , denn mit Ihrer Stimm ' und dem ganzen Ton vorgetragen , möcht ' s ihn doch unruhig machen und der Brust noch schaden . Aber wenn ich ' s ihm in meiner groben Manier erst zuricht ' und hinterbring ' , so überwindet er ' s schon eher . « Lisbeth erhob sich und ging . Bald nachher erwachte Oswald und hörte vom Alten , welche liebliche Zuversicht seinem Schlummer nahe gewesen sei . Viertes Kapitel Die Leiden einer jungen Strohwitwe Indessen schien wirklich die idyllische Liebe bei ihrem Zusammentreffen mit der Außenwelt bösen Geschicken entgegenzugehen . Denn der Oberamtmann wiederholte am folgenden Tage in einem zweiten ruhigeren Gespräche dem Diakonus seine unerschütterlichen Vorsätze . Die schöne Clelia , welche bei der höchsten Gutmütigkeit doch alle Meinungen einer vornehm erzogenen Dame hegte , sprach während einer Morgenunterhaltung ihm ebenfalls wieder ihre Überzeugung gegen ein Ehebündnis aus . Seine Seele war bekümmert und erschüttert . Auf der Seite der Gegner stand die Vernunft mit hundert Gründen in Reihe und Glied , und er war selbst ein zu ruhiger und besonnener Mann , als daß er nicht insgeheim mancher Stimme im feindlichen Lager beigefallen wäre . Das zerschnitt ihm aber das Herz , welches den beiden Liebenden mit Innigkeit zugetan war und sich schon an der Aussicht geweidet hatte , durch sie die Anschauung eines seltenen Glückes zu gewinnen . Indessen hatte er nur noch wenig Hoffnung darauf , denn er meinte auch wie jeder dritte Zeuge eines Verhältnisses , daß keine Leidenschaft den Angriffen des Verstandes auf die Länge gewachsen sei . So befürchtete er denn von der Herstellung Oswalds nichts als Einbuße , tiefes Leid und Zerstörung . Die schöne Clelia hatte übrigens beim Erwachen eine unerwartete Nachricht empfangen . Als sie nämlich in das Morgengewand geschlüpft war und sich nach ihrem Gemahle erkundigte , brachte ihr Fancy ein Billett von ihm , aus dem sie sah , daß er wirklich in der Nacht Extrapost genommen hatte und zum Besuche bei dem Oheim im Osnabrückschen abgereiset war . Das Billett sagte ihr das zärtlichste Lebewohl , sagte ihr , daß er ihren Morgenschlummer nicht habe stören wollen und sprach den empfundensten Wunsch aus , daß eine baldige Schlichtung der Verwirrung , wie sie sich dieselbe vorgenommen , die Dauer dieser ersten ihm so schmerzlichen Trennung abkürzen möge . Selbst eine Locke von seinem Haare hatte er beigelegt , Nachschrift über Nachschrift hinzugefügt und eine Stelle im Briefe bezeichnet , welcher von ihm ein Kuß aufgedrückt worden sei , wie er sagte . Nachdem die schöne Verlassene diesen Brief gelesen hatte , schwieg sie eine Zeitlang und sah das feine rosenrote Papier so an , als ob es die Absage einer Soirée bei dem Fürsten , wie er nun heißen mochte , enthalte , auf welche sich die ganze feine Welt Wiens schon seit vierzehn Tagen gefreut hatte . Fancy mußte sie erinnern , daß die Schokolade kalt werde ; sie versetzte , daß sie keinen Appetit habe und befahl dem Mädchen , die Tasse wegzutragen . Fancy gehorchte . Sie saß hierauf etwa eine Viertelstunde im Sofa und stützte das Haupt gedankenvoll auf den schönen Arm . Dann ging sie eine halbe Stunde im Zimmer auf und nieder und dann klingelte sie . Fancy kam . Ihre Gebieterin stand mitten im Zimmer und sagte zu der Jungfer , die zugleich Schatzmeisterin und Vertraute war : » Fancy , es freut mich , daß mein Mann so fest ist . Ich bin fest , er ist fest , dieses gegenseitige Festsein verbürgt mir eine geordnete Zukunft . Nichts Unangenehmeres als zwei Gatten , die einander mit weichen Nachgiebigkeiten quälen . Jeder muß seinen Willen haben und den durchzuführen wissen , dann findet man sich gegenseitig zurecht und es entsteht ein heiterer geregelter Lebensgang . Es freut mich , daß mein Mann abgereist ist . « » Warum sollten Sie sich auch darüber nicht freuen , gnädige Frau ? « erwiderte Fancy , die der Gebieterin nie widersprach . » Ich werde ungestörter , in größerer Ruhe meine Aufgabe hier lösen , die ich mir gestellt habe , so allein und für mich « , sagte Clelia . Fancy erwiderte hierauf nichts , sondern nickte nur zuversichtlich beistimmend mit dem Kopfe . - » Aber dennoch bleibt es auffallend « , fing die Baronesse nach einer Pause an , » daß mein Mann abreisen konnte . « » Auffallend bleibt es allerdings « , sagte Fancy . - » Unterhalte mich « , sprach Clelia . Fancy unterhielt hierauf die Gebieterin so gut sie konnte und erzählte ihr von allen Bekanntschaften , die sie rasch nach Art der Kammerjungfern im Städtchen gemacht hatte ; von der Frau des Steuereinnehmers , von der Tochter eines Assistenten und auch vom Küster , der ihr mit seiner barocken Weise aufgefallen war , und über den sie bei der und der Gelegenheit herzlich hatte lachen müssen , so komisch war sein Betragen gewesen . Der Stoff dieser Mitteilungen hatte sich noch lange nicht erschöpft , als die Dame sie unterbrach und sie um Gottes willen bat aufzuhören mit dem albernen Zeuge von Steuereinnehmerfrauen und Assistententöchtern und Küstern , denn sie habe entsetzliches Kopfweh . Fancy verstummte auf der Stelle , holte Kölnisches Wasser und rieb ihrer leidenden Herrin die Schläfe damit ein . - » Du bist ein gutes Mädchen , Fancy « , sagte Clelia sanft während dieser Mühwaltung zu der Dienerin , » aber sehr langweilig kannst du mitunter sein . « » Gnädige Frau « , antwortete Fancy schüchtern und doch mit einem gewissen Pathos , » all mein Verdienst ist , Ihnen treu zu sein und Ihnen zu gehorchen wie eine Sklavin . Unterhaltung kann freilich ein so beschränktes Mädchen , wie ich bin , nicht haben . « Clelia ließ sich darauf bei ihrem Vetter anmelden . Die Begrüßung beider Verwandten war sehr liebevoll , denn sie waren einander gut wie Bruder und Schwester . Dennoch empfand Clelia nach den ersten Reden einen gewissen Zwang , denn sie war sich ja geheimer Absichten gegen seine Wünsche bewußt . Sie kürzte daher den Besuch unter dem Vorwande , daß viel Sprechen ihm noch schädlich sein möchte , ab . Dann hatte sie die Unterredung mit dem Diakonus . Darauf wollte sie die Hausfrau sprechen , aber diese hatte in ihrer Wirtschaft die Hände voll zu tun . Sie verlangte daher nach dem Oberamtmanne . Der war jedoch auf dem Gerichte und sprach mit einem Beamten über Dienstsachen . Nun begehrte sie wieder den Diakonus zu sprechen , welcher sich indessen zu einer Synode hinbegeben hatte . Die Toilettenstunde war hierüber herangekommen , und diese gab nun einige Zerstreuung . Während Fancy das Haar ihrer Dame ordnete , erfuhr sie das Projekt , welches diese beschäftigte . Sie faßte ihre eigenen verschwiegenen Gedanken . Diese halten wir uns nicht für berechtigt zu offenbaren , denn auch gegen Kammerjungfern soll man diskret sein . Nur so viel : Wie alle ihre Schwestern war Fancy eine geschworene Freundin von Mesalliancen . Zwar hätte sie auf Lisbeth neidisch sein dürfen , dagegen aber stritt ihr Gemüt . Bei aller Schlauheit hatte das Mädchen ein dankbares Herz . Der junge Graf Oswald hatte einst ihrem alten invaliden Vater eine Versorgung als Kastellan ausgemacht , ihn dadurch vom Hungertode gerettet . - » Man muß hübsch erkenntlich sein « , dachte Fancy und entwarf ihren Soubrettenplan . Sie legte etwas boshaft das schöne , noch nie getragene blaue Mousseline-de-Laine-Kleid heraus und kleidete überhaupt ihre Herrin heute mit besonderer Sorgfalt . Als Clelia sich im Spiegel so schön geschmückt sah , seufzte sie und sagte : » Schade , daß man das für die Tauben und Sperlinge im Hofe angezogen hat . « » Recht schade ! « versetzte Fancy . » Der Herr hatten sich so sehr darauf gefreut die gnädige Frau in dem neuen Kleide zu sehen . « » Nun , es wird ja hier keine Ewigkeit währen « , warf die schöne Frau leicht hin . » Die Ewigkeit ist lang « , versetzte die gefällige und nachgiebige Fancy . » Nein , eine Ewigkeit wird es wohl nicht währen . « Nach Tische ( sie speiste nur mit der Hausfrau , denn die Männer hatten absagen lassen , und das Mahl war deshalb etwas einsilbig , wie alle Diners zweier Damen und von sehr kurzer Dauer ) ließ die junge Baronesse ihre Uhr repetieren und sagte : » Halb drei . Das wird ein langer Nachmittag werden . « - Sie las etwas , aber das Buch zog sie nicht an , dann sang sie etwas zur Gitarre , aber sie hörte bald auf , denn sie behauptete , heiser zu sein . - » Fancy , meine Crespine ! « rief sie . Fancy brachte die schwarzseidene Crespine . Clelia ging etwas in den Garten , aber die Mücken schwärmten ihr dort zu wild , und deshalb kehrte sie bald wieder in ihr Zimmer zurück . » Wenn mein Vetter erfährt , welcher Langenweile ich mich um sein wahres Heil ausgesetzt habe , so müßte er der undankbarste Mensch sein , sagte er mir nicht zeitlebens Dank « , sprach sie zu Fancy , die ihr die Crespine abgenommen hatte und in den verknitterten Spitzen um den vollen Nacken Ordnung stiftete . » Er müßte der undankbarste Mensch sein « , erwiderte Fancy . Sie nahm Stramin zur Hand und fing etwas an zu sticken . Inzwischen war der Oberamtmann zurückgekommen und ließ anfragen , ob er aufwarten dürfe . In der Dürre dieses Tages erschien ihr der Geschäftsmann wie ein Retter aus der Not ; gern wurde er angenommen . Als er seine verehrte Schöne in dem neuen , reizenden Anzuge sah , begannen seine Augen wacker zu werden , er sah ganz verklärt aus . - Das Sticken aus freier Hand schien ihr einige Beschwerde zu verursachen . Er fragte sie lebhaft , ob er ihr den Stramin halten dürfe . Sie bejahte im schmeichelndsten Tone . Mit leuchtenden Blicken setzte sich nun der Oberamtmann zum Dienste der Galanterie auf ein Fußbänkchen zu den Füßen der jungen Dame nieder , nahm den Stramin fest in seine beiden Hände und sah so ernsthaft auf die Rosen , die unter Clelias Nadel entstanden , als habe er ein Todesurteil vor Augen . Auch Clelia stickte eifrig , als arbeite sie um das tägliche Brot , und Fancy saß im Fenster , mit einer Beeiferung ohnegleichen nähend . Die Spannung der nächsten Augenblicke war nicht gering . Endlich fragte Clelia ihren grauen Verehrer , wie er die Sache mit dem Vetter anzugreifen gedenke ? worauf er ihr ungefähr die nämliche Auskunft gab wie dem Diakonus . Clelia fuhr aber heftig auf und erklärte , daß sie ein solches Verfahren durchaus nicht zugeben werde , daß das ein rauhes und unmenschliches Verfahren sei , welches ohnehin nicht einmal einen günstigen Erfolg zusichere , weil die Liebe durch so unmittelbaren Widerspruch nur wachse , und was dergleichen mehr war , geeignet , den ganzen Plan des Oberamtmanns umzuwerfen . Sie hatte den Stramin aus ihren Händen entlassen und der Oberamtmann hielt ihn sonach bestürzt und gedankenlos allein in den seinigen . » Aber mein Gott « , sagte er traurig , » was wollen Sie denn , daß geschehen soll ? « » Darüber habe ich meinen Entschluß gefaßt « , erwiderte Clelia ernst . - » Er ist auf die Kenntnis des weiblichen Herzens gegründet . Kurz , wenn ich irgend etwas auf Sie vermag , wenn Sie wirklich mir in dem Maße vertrauen , wie es den Anschein hat , so überlassen Sie mir die Leitung der Sache , denn von solchen Dingen begreift ihr Männer überhaupt nichts . « Der Geschäftsmann wollte Widerspruch erheben , aber sie sah ihn so bestimmt an , er fürchtete so sehr von ihr verabschiedet zu werden , sie kam ihn heute in dem blauen Mousseline-de-Laine-Kleide reizender als je vor , er hatte sich so glücklich gefühlt , als er ihr den Stramin gehalten - genug , er gab wehmütig und kleinlaut nach . Unter der Türe aber wendete er sich nochmals um , ging zu ihr , faßte ihre beiden Hände , drückte sie gegen seine Brust , seufzte und sagte : » Das ganze Geschick unseres Freundes steht auf dem Spiele . Nur Kälte und Konsequenz kann ihn retten . Wird Ihnen Ihre weibliche Gutmütigkeit nicht einen Streich spielen ? Wenn sich nun Stöhnen und Wehklagen erhebt , werden Sie dann standhalten ? « » Darüber sein Sie ganz ruhig « , versetzte Clelia . » Fancy , du kennst meine Festigkeit . « » Ich kenne die Festigkeit der gnädigen Frau