. - Dieser Letztere , ein rüstiger , noch junger Mann , wollte sich ohne weitere Umstände seiner Beute bemächtigen , und auf seinen Wink griffen die zweifelhaft zögernd Söldner zu , allein Bilger klammerte sich mit der Kraft eines Verzweifelnden an die rettende Pforte , und gewährte einen augenblicklichen Widerstand , der dem Oberreiter des Hauses Zeit ließ , sich in den Handel zu mengen . Er wies die Angreifenden mit Wort und That zurück , und das umstehende Volk nahm seine und des unglücklichen Verbrechers Partei . Der Schöff schien jedoch hierauf nicht zu achten in seinem Ungestüm , und legte in Person Hand an den Herrn von der Rhön . Verloren schien dieser in seiner Verfolger Gewalt , als der Komthur des Hauses rasch aus der Pforte kam , und mit kühner Faust den Ergriffenen wieder frei machte . » Wer wagt ' s , sich an unsern guten Rechten zu vergreifen ? « fragte er trotzig : » Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiser und Reich dieselben darum gegeben , daß ein Rathsherr , von Frankfurt mit ihnen verfahren könnte , wie ein Kind Mit seinem Spielwerke ? Laßt die Hand ab , und geht mit Gott ohne diesen Mann . « - Der Schöff behauptete , der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine berührt gehabt , als man herangekommen ; aber die Stimme des Volks widersprach seinen Worten , und der Komthur hielt sich an die Rede des Volks . - » Zieht ab ; « rief er : » ohnehin gehört der Mönch vor sein eigen geistliches Gericht . « - » Er ist kein wirklicher Mönch ! « entgegnete der Schöffe zornig : » Er trägt die Kutte ohne Beruf und Vergunst . Unser muß er seyn . « - » Und wenn ' s der Teufel selbst wäre im Barfüßergewand , « - überschrie den Rathsherrn der Komthur , - » so muß er sicher seyn unter unserm schwarzen Kreuze , sonst sperren wir das Haus , und ziehen Euch vor dem Reichstage zu Rede und Antwort . Laßt darum den Mann und uns in Frieden ; über vier Wochen mögt Ihr wiederkommen ! « 2 - Mit diesen Worten , ohne seine Rede ferner zu vergeuden , zog der Komthur den Herrn von der Rhön nach sich in ' s Haus , und riegelte mit eigner Hand die Pforte zu , sich wenig bekümmernd um das Toben und Schelten der abziehenden Rathsknechte und Söldner . Bilger folgte seinem Schutzherrn ohne jede Überlegung in-den Saal des Erdgeschosses , wo sich zu gleicher Zeit der Trappierer und der Pfaffe des Hauses einfanden , um den Ankömmling neugierig zu betrachten . » Ihr habt Euer Probe- und Meisterstücklein herrlich gemacht , Herr Komthur ! « sprach der Pfaffe schmunzelnd zu dem Ritter : » Ihr seyd mit den Leuten umgesprungen , als ob Ihr seit einem Jahrzehend mit ihnen zu Felde gelegen . « - » Hm ! « entgegnete der deutsche Herr lächelnd : » Ihr wißt ja , Pater , daß man die Kinder hat , wie man sie zieht . Gleich von Anbeginn den Daumen wacker auf die Augen gedrückt , bewahrt vor dem Allzuhellsehen . Nun aber zu Dir , Du sauberer Vogel ; « fuhr er fort , zu Bilger gewendet : » Du hast ein leichtfertig und verpöntes Stücklein gemacht , wie ich vernommen . Der Todschlag mit offner Wehr kommt sonst in Deinem Gewand selten vor . Sag ' darum an , ob der Schöffe wahrgesprochen , da er schwur , Du seyst kein Mönch , und bekenne : wer bist Du denn ? « - Bilger hatte indessen den Blick starr und steif auf den Komthur gerichtet , schwieg noch eine Weile , und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme : » Ich bin bereit , Euch zu sagen , was Ihr verlangt , Herr , doch eben und gerade nur Euch . « - » Da muß Erbauliches dahinterstecken , was wohl nicht mit einer Buße von vier Wochen abgethan seyn dürfte , « spottete der Ritter , beurlaubte indessen seine Freunde mit einem stolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhön allein . Dieser , statt ein Wort zu reden , begnügte sich , vor den Komthur hinzutreten , ihm fest in ' s Auge zu sehen , und die Kaputze vom Haupte zu ziehen . Der Ritter starrte ihn verwundert an , aber nur nach langem Zweifeln stieg eine Erinnerung in ihm empor , die seine Augenbraunen hoch emporzog und die kahle Stirne in trübe Falten legte . - » Bei meinem Eid ! « begann er endlich : » seh ' ich recht ? täuscht mich auch nicht der Bart und das fahle Gesicht , oder seyd Ihr ' s wirklich , Rudolph Bilger ? « - » Ich bin ' s , Herr , « entgegnete der von der Rhön , » und an Eurer gerunzelten Stirne sehe ich , daß Ihr mir ferner Euern Schutz nicht gewähren werdet für ein Verbrechen , dessen Wurzel eigentlich nur in Euch zu suchen ist ; wißt , ich erschlug Wallraden ! « - Da wurde der deutsche Herr bleich wie die Wand , und so ergriffen , daß er sich an das Fenstergesimse lehnen mußte . » Wallrade ? « seufzte er kaum vernehmlich : » Wallraden habt Ihr erschlagen ? « Er hielt die Hand vor die Stirne und Augen , und da er sie wieder wegzog , war die braune Röthe abermals auf sein Antlitz gestiegen , und seine Augen leuchteten wieder wie herausfordernde Irrwische und der Mund warf sich wieder trotzig auf unter dem borstigen Knebelbarte wie zuvor . » Seyd mir willkommen , von der Rhön ! « sagte er , dem Staunenden die Hand reichend : » Obschon Ihr an meinem Schutze verzweifelt , so liefre ich Euch dennoch nicht aus ; gerade jetzo nicht , denn der heilige Georg hat nicht besser gethan , da er den Lindwurm verletzte , als Ihr , da Ihr diesen Teufel zur Heimath sandtet . Wohl bekomm ' s der falschen Metze ! Sie hat ' s verdient an manchem Biedermann ! « - » Euch , gerade Euch also reden zu hören ... ? « hob Rudolph an : » Wie reim ' ich das ? « » Reimt ' s wie Ihr wollt ; « antwortete der Komthur : » aber ich bin ein reifer geworden in der Welt , seit wir uns nicht sahen . Ich bin ein wildes Blut gewesen , und die Leute sagen , ich wär ' es noch , obgleich der Säbel eines verfluchten Polen meinen Schädel - seht diese Narbe - in der Feldschlacht also zugerichtet hat , daß mir mit den Haaren auch der Satan darunter hätte ausgehen müssen , wenn Alles mit rechten Dingen zuginge . Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an die Schlechtigkeit der Dame von Baldergrün . Nachdem meine Wunde geheilt worden war , und der Heermeister im Kapitel den Komthursstab als Pflaster darauf gelegt hatte , als ich wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath wieder auf meiner Fahrt hieher durch meine Heimath und Thüringen kam , wo man mich allenthalben anstaunte wie einen todtgeglaubten Mann , ... was hörte ich nicht von Wallraden ? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht , der sich zeither in den Schligen der Hexe gefangen und sehr übel darnach befunden hatte ? War sie früher nur ein Spiel meiner Leidenschaft gewesen , so wurde sie jetzo ein Gegenstand meines Abscheus . Ich wußte wohl , daß sie sich hier befinde , aber tausend Jahre hätte sie leben können , ohne mich zu sehen . Vetter Issing ist für sie nicht mehr auf der Welt . Noch einmal : wohl bekomme ihr der gähe Tod . Was aber ist aus Euerm Johannes geworden , von der Rhön ? « - » O , Ihr reißt eine Wunde auf , deren ich in dieser unglücksschwangern Stunde ganz vergessen hätte ; « rief Bilger außer sich , und erzählte nun dem aufmerksamen Komthur seiner Leiden bedauernswürdige Geschichte , wie er geglaubt , Weib und Tochter verloren zu haben , wie er seine einzige Hoffnung auf den Knaben gesetzt , und wie ihm das grausame Verhängniß die Tochter wieder in die Arme geführt habe , um ihm sie , ihre geliebte Mutter , den von fremder Gnade lebenden Sohn , und überhaupt alles Glück , alle Freude des Lebens durch einen im Zorn verübten Mord unerbittlich zu rauben . » O ich bin ein sehr unglücklicher Mensch ! « schloß der arme Mann mit jener starren Verzweiflung , die auch im höchsten Schmerz keine erleichternde Thräne in das trockne Auge läßt : » und besser fürwahr wäre es , Ihr übergäbet mich alsobald den Händen des Halsgerichts , das vor der Thüre lauert , und dem ich nach kurzer Frist ohnehin zum Raube werden muß . Das Elend , in welchem ich vergehe , beschreibt keine Zunge , und wenn ich mich über den Verlust meiner irdischen Freude trösten möchte , so kann ich ' s nicht , denn mein Bewußtseyn ist voll Schuld , denn auf mir lastet - außer der blutigen That , die mir vielleicht der Barmherzige vergäbe - eine Sünde wider Ihn und seine Gebote , die nicht Er , die nicht seine Kirche verzeiht und erläßt ; die Sünde der Doppelehe , gleich zu rechnen der Blutschande und sträflichen Unzucht . Wer hilft mir aus diesem Gewirre von Freveln , und werde ich sie denn auf dem Blutgerüste sogar abbüßen können ? « - Der Komthur blickte unter seinen buschigen Augenbraunen hervor auf das zerstörte Gesicht des jammernden Bilger ' s , und er sagte mit roher Gutmüthigkeit : » Denkt doch nicht jetzt schon an ' s Sterben und den unehrlichen Henker . Noch habt Ihr Frist genug dazu , und die Bullenbeißer auf unsers Hauses Schwelle mögen sich vor der Hand die Nase stumpf wittern . Erholt Euch ; aus einem Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden , und will Euch Gutes thun , wie ich nur vermag . Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder schaffen , und Euern Hals nicht sichern vor dem Schwerte der Frankfurter , aber lustiger und gemächlicher sollt Ihr die Zeit hinbringen , und erwarten , ob nicht etwa ein Cardinal oder der heilige Vater selbst , oder der Kaiser diese Straße ziehe ; das sind Leute , deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit . Hofft , auf was Ihr wollt ; auf ein Wunder , auf des Himmels Einsturz sogar ; das gilt mir gleich ! aber hofft nur , und schlagt Euch den Stöcker aus dem Sinne . Werdet wieder ein Mensch , der Alles hinter sich wirft , und glättet die Stirne . Wir im deutschen Hause sind keine Kopfhänger , und lieben Tafel , Wein und Scherz . Selbst mit den Weibern nehmen wir ' s nicht genau , - sind sie uns gleich verboten . Anlässe genug um fröhlich zu seyn mit den Fröhlichen . Vier Wochen sind eine Ewigkeit für den zuversichtlichen Grillenfeind . Euer Trübsinn hilft nicht ; darum jagt ihn weg , und laßt für die Zukunft den Herrgott sorgen ! « Fußnoten 1 Auf dem Liebfrauenberge . 2 Ein Mörder war in dem Hause der deutschen Herren eine Frist von vier Wochen hindurch vor dem Blutrichter sicher . Achtes Kapitel . Wenn auch kein Balsam mehr des Leibes Wunden heilen mag , so nehmt von der Zunge des Scheidenden die Schuld , und legt darauf den süßen Balsam der Vergebung , daß er fröhlich hinscheide . W ... So wie der Haufe des neugierigen Pöbels vor dem Hause der deutschen Herren stand und die geschlossene Thüre angaffte , sammt den Söldnern des Raths , die vor der derselben auf der Lauerwache standen , also auch die Menge des Volkes vor dem Klosterthore der weißen Frauen , nachdem man Wallraden hineingetragen hatte , blutig und entstellt , eine erbarmenswerthe Leiche . Wie ein Blitz hatte die Schreckenskunde die Stadt durchflogen , und nicht zuletzt Diethers Haus erreicht . Der Altbürger war abwesend , und Margarethe , - allen Groll vergessend , nur der Stimme des Mitleides und weiblicher Milde Gehör gebend , die in ihrem Herzen laut wurde , flog auf den Flügeln , der Angst und des Schreckens nach dem Kloster , um wo möglich Wallraden vor ihrem Hintritt noch zu sehen , ihr den Tod leichter zu machen durch die Versöhnung . Die Zelle , die Wallrade als Gast des Klosters bewohnte , war gedrängt voll von Menschen . Um das von Blut geröthete Lager standen dienende Frauen des Klosters , ... Gundel kniete zu Haupten des Bettes und flehte zum Himmel , daß er ihr nicht den Tod der Gebieterin anrechnen möge ; zu den Füßen des Bettes lag Willhild auf ihren Knien , und betete , ohne aufzuhören , oder ihren Lippen einen Stillstand zu gönnen . Die Oberin des Klosters , die stolze Walburg , die innige Freundin Wallradens , war beschäftigt mit ihren kunsterfahrnen Händen und Augen die Wunde der Bewußtlosen zu untersuchen , und Judith , die Magd half ihr bei diesem mühsamen Geschäfte . In der Ecke aber stand Dagobert mit blassem Angesichte , die kleine Agnes noch auf dem Arme , und im Auge den trostlosen Anblick einer sterbenden Schwester , gegen welche er jeden Zorn verschwunden fühlte . Ihr Leiden hatte ihn entwaffnet , und dankbar schier reichte er Margarethen die Hand , da sie zu ihm trat . » Gott vergelte Euch den guten Herzenswillen , ehrsame Frau ; « sprach er : » Ihr verschmäht es nicht , einer in den Staub gefallenen Euch zu nahen , und zum Frieden zu reden , wie mir ' s Euer himmelklares . Angesicht sagt ; - eine deutliche Schrift . Ich fürchte jedoch , - Ihr kommt zu spät . Dennoch aber , « setzte er leiser , hinzu , auf Willhild deutend : - » dennoch früh genug , um diese hier zu sehen . « - Margarethe erbleichte jählings , da sie das gefürchtete Weib ersah , und näherte sich demselben . Mit gepreßter kaum vernehmbarer Stimme fragte sie die Hochaufschauende , wie sie daher gekommen , und welcher Endzweck sie zu Wallraden geführt habe . - » O liebe Frau , « entgegnete Willhild : » Ich habe gelernt , wie nichts besser sey , denn Wahrheit . Konnte diejenige , die dort verscheidet , mir die Wahrheit abschwatzen mit Trug und List , warum sollte ich sie nicht öffentlich bekennen ? Erschrocken , daß ich Eurer Stieftochter , in Krankheitsangst und von meinem blödsinnigen Manne versucht , entdeckt , was ich nicht entdecken sollte , fürchtete ich Euren Anblick , und da mein Paul wieder heim kam , und mir glaublich wurde , daß er Euern Gemahl selbst gesprochen , daß dieser um Alles wußte , und fürchterlich strafen würde , da ward ich plötzlich gesund von dem Gebreste . Die Angst hatte mich geheilt , und mein Herz sehnte sich nach dem Compostell , um dort Vergebung meiner Sünde zu holen . Aber aus einem Kloster auf der Gränze von Elsaß sandte man mich zurück . Der Prior versagte um jeden Beistand zur weitern Pilgerfahrt , wenn ich nicht heimkehren , selbst Alles reuig bekennen würde , und Vergebung erhielte . Meinen Mann zurücklassend eilte ich zurück auf wunden Sohlen , und gelangte heute hieher . Wie hätte ich ohne Schutz vor Euer Antlitz treten können , vor Euch , die ich verrathen ? - Eine Fürsprecherin glaubte ich in dem Fräulein zu finden , was ein bedauernswerther Zufall mir in den Gassen der Stadt begegnen ließ . Wallraden ' s Freude über mein Erscheinen war ausserordentlich . So mögen sie denn Alle mich Lügen strafen ! sagte sie recht hämisch : Ich habe hier den besten Zeugen gefunden , und aus dem Hause soll mir die Frau und der Bube . Kommt mit , Wilhild . Seyd herzhaft und dreist , und Euer Schade soll ' s nicht seyn . - Nun merkte ich wohl , daß ich vor die unrechte Schmiede gerathen war , allein hier half keine Widerrede . Angstvoll der Dinge wartend , die da kommen würden , folgte ich Eurer Stieftochter , als mit einemmale das Unglück in dem wahnsinnigen Mönche einherraste . « - » Und was gedenkst Du jetzt zu thun ? « fragte Margarethe forschend . - » Ich muß Herrn Diether Alles bekennen , ehrsame Frau ; « versetzte Wilhild : » Sie sprechen mich sonst nicht los zu Compostell . Aber Euch , die ich so sehr getäuscht , will ich überlassen , wann es geschehen soll . « - Dagobert winkte Margarethen zu , und sie verstand den gutgemeinten Wink . - » Ich rufe Dich ; « sagte sie zu Wilhild , die sich sofort wieder zum Beten anschickte , und ging an das Bette der unglücklichen Wallrade . » Gesegnet sey der Herr , « sprach so eben Walburga : » noch lebt die Ärmste , und heilbar scheint mir die schwere Wunde . « Alles drängte sich dem Lager näher , um zu sehen , wie stufenweise das Leben wieder in die Glieder der Verwundeten trat , um zu hören , wie endlich der erste Seufzer ihren Lippen entschwebte , und das erste Wort aus ihrem Munde ging , dem alsdann wieder der erste Blick folgte . Doch das Auge Wallradens schloß sich wie geblendet vor den Zügen Margarethens , und die Schaam jagte eine flüchtig vergehende Röthe , auf die todtenfarbigen Wangen des Fräuleins . - » Warum nicht todt ? « stammelte ihr Mund : » warum gerade diese vor meinen Augen ? « - Die Oberin , um das Gemüth ihrer Freundin , und einen schmerzlichen Auftritt zwischen ihr und ihren Angehörigen , nicht der Neugierde und dem Tadel fremder Augen bloßzustellen , entfernte die Frauen des Klosters . Unter ihnen , oder vielmehr nach ihnen entfernte sich auch Judith , die sich erinnerte , daß sie über dem gräulichen Mordschauspiele vergessen hatte , der armen Frau , die im Kloster eingesperrt war und gehalten wurde , wie eine Wahnsinnige , ihre Kost zu bringen . Das Versäumte eilte die Mitleidige nachzuholen , ließ sich von der Küchenmeisterin Speisen und Schlüssel geben , und trat zu der abgehärmten Frau in die dürftige , enge und wohlverwahrte Clause . - » Seyd nicht böse , « redete sie so sanft als möglich , und versuchte ihre unschönen Züge durch Freundlichkeit gefälliger zu machen : » seyd nicht böse , liebe Frau Katharine . Ich bin ein unwürdig , vergeßlich Ding , das allenthalben seine Hände bieten möchte , und dabei immer Einem oder dem Andern ein Leid thut . Mir thut es herzlich weh , daß Ihr gehungert habt um meinetwillen . Vergebt mir . « - » Ach , was bist Du eine gute treue Magd ; « erwiederte Katharina wehmüthig freundlich , richtete sich aber nicht empor , aus der nachdenkenden Stellung , in welcher sie von Judith gefunden worden : » Habe Dank ! beruhige Dich jedoch . Mich hungert nicht , ... denn wie sollte ich in meinem Elend mich erinnern , daß ich ein Weib bin , daß noch fürder zu leben gedenkt ? Sage mir , liebe , gute Judith , ob noch keine Frau nach mir gefragt hat , ... ob noch kein Kind gebracht worden ist , das ich umarmen soll ? « - Judith verneinte , bekümmert lächelnd , denn sie meinte , die Frau spräche wieder im Wahnsinn . - » Das ist doch recht traurig , « sprach Katharine weiter , und das Haupt ließ sie in ihre Hand sinken , wie die hellen Thränen aus den Augen : » Sieh , Judith , sieh , das wird mich wahnsinnig machen , wenn ich ' s nicht schon bin . - Und sie hatte mir ' s so heilig versprochen und gelobt ! « setzte sie , vor sich hinredend hinzu : » und sie bleibt aus , mit meinem Kinde . « - » Esset doch , gute Frau ! « ermahnte Judith : » Es segne der Herr Eures Körpers Gedeihen , und zugleich das Licht Eures Haupts . « - » Laß mich doch ; « versetzte Katharine schwermüthig : » Glaubst denn Du auch , daß ich thöricht im Gehirn bin ? O laß doch die Leute reden . Leider habe ich meinen Verstand , und wenn ich ihnen nur sagen dürfte , wer ich bin , und wie ich mich nenne , und wenn meine Freundin käme und sähe , wie man hier mit mir verfährt , grausam , wie mit einem wilden Thiere ... dann sollte Alles anders werden . Aber wo wird sie seyn , die Zeit ? wo sind sie , meine Lieben ? « - » Wehrt doch Euern Thränen , Frau , « ermahnte Judith dringender : » Das Wasser des Auges hilft nie von dem , was das Auge gesehen , noch zu dem , was es verloren hat . « » Verloren ? « fragte Katharina schnell : » Verloren ? Wahrlich , wahrlich , Du hast Recht . Hin ist hin , verloren ist verloren , und nimmer , - ach nimmer kehrt das Verlorne wieder . Glaube mir doch ja , « setzte sie langsamer und schwermüthig hinzu : » Glaube doch ja , daß ich nicht wahnsinnig bin , und sage es der hochwürdigen Frau Walburg ; ich könnte aber verwirrt im Haupte werden , wenn man mich fürder zwingen möchte , mit meinem Schmerz und meiner ungewissen Angst allein zu seyn . Erzählt mir aber jetzt , meine gute Magd , wie es kam , daß Du heute so lange weggeblieben ? « - Judith erzählte , was vorgefallen war , aber mit vieler Vorsicht , um das Gemüth der Seelenkranken nicht allzuheftig zu erschüttern . Gleichgültig fast fragte endlich Katharina nach dem Namen der zum Tode Verwundeten , und Judith glaubte ihr nicht verheelen zu müssen . Nun war es aber gerade , als ob alle Flammen der Leidenschaft aus der schwermütigen Frau von der Rhön schlügen , denn sie fuhr auf , daß selbst die herzhafte Judith erschrecken mußte . » Wallrade ! « rief sie : » Wallrade ? o bittre , allzubittre Täuschung ! Sie hat in diesen Mauern gelebt , und ließ mich im Kerker ? .... Auf ihren Befehl liege ich also hier im Ketten ? O , der Gräuelstunden meines Lebens schrecklichste komme über ihr Haupt ! Doch nein , nein .... « eitzte sie gemäßigter hinzu : » hat sie denn Gottes Gericht nicht schon getroffen ? Liegt sie nicht darnieder , wie ein abgerissener Zweig ! Fluche ihr nicht Katharine , aber fluche auch deinem Gatten nicht , dessen Leummuth die Schlange gewiß nur vergiftet hat , um meine Ruhe zu morden ! « - » Ach , welche Erinnerung thut sich mir auf beim Angedenken meines Gatten ! Judith ! Judith ! denke Dir den Jammer einer Mutter ! Hat gleich das schwere Schicksal und Dein eigner starrer Wille Dich bestimmt , nie die Mutterfreuden zu genießen , so bist Du doch ein Weib ; Du ahnest doch Leiden und Wonne des Weibes ; hilf mir darum heraus , heraus aus diesem Kerker , - hinaus zu der Sterbenden , .... denn ich muß mit ihr reden , .... ich muß sie sehen .... « - » Gute Frau , « - entgegnete Judith , welche noch immer auf dem Glauben an Katharinens Wahnsinn beharrte , und in ihrem Schmerz nur einen heftigen Anfall der Krankheit sah : » Faßt und mäßigt Euch , .... ich vermag nicht , was Ihr begehrt , und zudem ist es leider gewiß schon zu spät . Wallrade lebt gewiß nicht mehr . « - » Barmherziger Gott ! « kreischte Katharina gräßlich auf : » Sie lebte nicht mehr ? Was sagst Du , Unselige ? Das kann nicht seyn ! Sie darf nicht todt seyn , .... sie kann nicht sterben ! Sie muß mir ja sagen , wo mein Kind hingekommen ist .... ich bin ja Agnesens Mutter , .... sie darf mir ja nicht verhelen ... O um Gotteswillen , Judith ! Judith ! laß mich fort an ihr Sterbelager . « - Judith suchte in dem Vorrath ihrer Bibelsprüche vergebens Einen , der als Talisman gedient hätte , die gegen jeden fernern Zwang rüstig Aufstrebende zurückzuhalten , ... , die Gewalt ihrer Hände gegen die Unglückliche zu gebrauchen , weigerte sich ihr Mitleid , welches die Möglichkeit , daß hier nicht Wahnsinn sowohl , als endloses Leid die Sprache führen möge , gar wohl ahnte . Sie war daher auf dem Punkte , dem ihr auferlegten Gebote zum Trotz , die als thöricht Eingesperrte dahin zu lassen , wohin ihrer ganzen Seele Sehnsucht strebte , als Walburg ' s Eintritt sie aus der Verlegenheit riß . Das Gesicht der strengen , unerbittlichen Oberin war finster und trug die Spuren einer unangenehmen Beweg . Sie trat langsam vor Katharinen hin , betrachtete die in Schmerz Vergehende , welche , aus Furcht verstummend , umsonst nach Worten suchte , der Nonne zu sagen , was sie der Magd gesagt hatte , und schüttelte ernst das Haupt . - » Ich bin arg hintergangen worden ; « sagte sie alsdann , - » oder aus der Verwundeten spricht die Glut des Fiebers . Wahr soll es seyn , daß Ihr Eure Vernunft besitzt : daß Ihr nicht wahnwitzig geworden über den Tod eines Kindes .... ? « - » Mein Kind lebt ! « fiel Katharine ein : hochwürdige Frau ! um Gotteswillen , mein Kind lebt ; sagt mir nicht anders . Ich will Euch ja von Herzen vergeben , was Ihr Böses an mir gethan . Ihr wart hintergangen , - Ihr seyd ein schwacher Mensch gleich mir ; der Satan hatte Euch umstrickt ; .... aber damit ich Euch verzeihe , sagt mir nur nicht , daß mein Kind todt ist . Sie wird es doch nicht gemordet haben , - die Abscheuliche ? Sagt nicht . - Ja würdige Frau . Des Kindes Vater hat sie ins Elend getrieben ; ... sie wird doch nicht das Töchterlein erwürgt haben ? - » Nein , nein , ehrsame Frau ; « antwortete Walburg zuversichtlich : » Dieses Kind lebt ; ich will es Euch zeigen sogar , in Eure Arme es legen , denn diese Mutterangst ist nicht Tollheit , und ich fürchte , ich habe mich sehr versündigt an Euch . Kommt mit mir , arme Frau , und bringt ein versöhnlich Herz zu der Todtkranken , damit sie nicht auf ihren Sünden hinab , sondern auf ihrer Reue zum Himmel steige . « - Ohne ein Wort zu erwiedern , behende wie die Löwin , die , zur Höhle kehrend , ihre Jungen nicht mehr findet , und hinausstürmt , um ihre Spur zu entdecken , folgte Catharine der Oberin , und Judith murmelte hinter ihnen her : » O ja , ihr Menschenkinder . Thut Buße , und übt Reue , denn Ihr wißt nicht , wann die Zeit da ist , weil Ihr nicht glaubt an Wunder , Zeichen und Ahnung . Ließe ich mir nicht die Hand abhauen , wenn ich meinem Vater , meiner Mutter einen tod hätte bereiten können , wie ihn hier die Verbrecherin stirbt , im Schooß der Reue ? Eitle Wünsche ! Barmherzig ist der Herr und er kann Alles thun , was er begehrt , weil auf seinen Fingern einst die Ruhe , und strafe ihren Mörder nach Verdienst . Wenn jemals die Bitten einer Tochter Eingang fanden zu seinem Ohre , so wird , so muß dieses Gebet erfüllt werden . Amen ! « - Mit versöhnlichem Herzen , und mit dem aufrichtigsten Willen , zu vergeben , betrat Catharina an Walburg ' s Hand Wallradens Zelle , aber nur einen schmerzlichen Blick warf sie auf die Todbleiche , die so eben von Margarethen und Willhild aus einer Ohnmacht geweckt wurde , - und zu stürzte sie auf die kleine Agnese , die von Dagoberts Armen ihr entgegenlächelte und jauchzte . Die treue , im Entzücken versunkene Mutter hatte keinen andern Gedanken von da an , als ihr Kind , kauerte sich mit demselben in einen Winkel , koste mit ihm , herzte es , machte tausend Fragen an seinen geschwätzigen Mund , und vergaß Alles um sich her . Wallraden , die wieder zu sich gekommen war , that es wohl , von der Mißhandelten nicht angeredet zu werden , und sie fuhr in der offenen Beichte fort , die sie schon früher gegen Margarethen begonnen hatte , - von der kurzen Bewußtlosigkeit unterbrochen . » Es ist hart « , lispelte sie , » daß ich um mich nur Menschen sehen kann , denen ich weh gethan , die ich hinterging . Das Schwert des Mörders hat der Reue eine fürchterliche Bahn in meinem Busen gemacht , und nur Eure Gegenwart , Margarethe , ... Eure Milde ist Arznei für mich . Die ich am meisten haßte stehen bei mir , ... die Andern verließen mich . Laßt mich endigen , Stiefmutter ; laßt mich Eurer freundlichen Sorge das Kind empfehlen , das von mir ausgestossen wurde , und alles Unheil in Euer Haus und über Andere brachte , ... der unschuldige Knabe . Ich hatte nie ein Mutterrherz : ich habe nie das Kind geliebt , dessen Vater ich haßte . Ich überließ dem , der mich verlassen , den Knaben nicht , damit er keine Freude an ihm erleben sollte ; ich mißhandelte den Buben , weil ich in