auf dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in die Zukunft brachte - ach , kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte ? « - Zum Glück hörte sie - gleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen , Winke und Taten merkend - mehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte . So spielten jetzt beide , wie Kinder , neben der kalten , mit Donner durchzognen Gewitterstange , aus welcher bei der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt . Beide gaukelten neben dem Gewitter fort . Die Sonne zog neben dem kleinen Berge und ebenen Blumen-Grabe mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein . Aus dem tiefen Prinzengarten flatterten Töne durch die langen Abendstrahlen herauf und vergötterten die goldne Gegend . - Die Töne waren einsame Schwingen , die sich ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogen - und die liebenden Herzen wurden voll Flügel - Die Strahlen sanken , die Töne stiegen Um Linda und Albano lag ein goldner Kreis aus Gärten und Bergen und grünen Tiefen , und jede Blume schwankte reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges , die Wiege des Herzens - Die Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an , die glänzende Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen , und beide selber waren darin leuchtende schwebende Bilder . » Linda , ich will sanfter werden , « ( sagt ' er ) » bei der Heiligen schwör ' ichs , in deren Garten wir stehen ! « - » Werd es , Lieber , in Lilar warst du es eben nicht ! « sagte sie . Er verstand es von dem Sturme gegen Liane : » Verhülle dies Andenken in deine Liebe ! « sagt ' er errötend . Sie sah ihn jungfräulich an , ihr Inneres war jungfräulich geblieben und unschuldig ; wie die Pfirsich sich rot und glühend der Sonne zukehrt , aber in den Blättern das zarte Weiß erhält . Ihr Auge trank aus seinem , seines trank aus ihrem , der Himmel vermischte sich mit ihrem Himmel , die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen zurück . » O dürft ' ich dich jetzt küssen ! « sagte Albano . » Ach dürftest du es ! « sagte Linda . » So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter ! « sagte er . - » Und nachher gaben wir uns den ersten Kuß ! « sagte sie . » Wir wollen uns jetzt viel öfter sehen « , sagt ' er . - » Jawohl , und länger am Tage , nachts hab ' ich Arme ja kein Auge . Nun geht mir dort schon mein Auge unter « , sagte sie , als die Sonne versank . Es war ein guter , sanfter Geist , oder Lianens ihrer - jener , der den Menschen nur an der Dämmerung in die Nacht führt , der uns mildernde Tränen in den Jammer und in die Entzückung gießet und der dem Abendstern der Liebe die kurze Bahn nicht überwölkt dieser Geist war es , welcher ihre Zungen und Ohren vor dem schrecklichen Laute bewahrte , der auf einmal den goldnen Abendkreis in eine ringsumher aufbrennende Hölle aufgerissen hätte . » Wer kommt dort so eilig ? « sagte Linda . » Mein Feind « , sagte Albano . Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen ; in der Höllenangst , daß sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke , eilte er unter dem Vorwande , Dian zum Spielen und Albano zum Hören zu holen , den Berg heran . Wie ein Zentaur , halb Mensch , halb Wild , trat er mit verworrenem dumpfen Kriege seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden . Aber kaum daß er an ihnen die Weihe der Entzückung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf seinem Morde festliegen sah , so richtete sich in ihm der grimmige Geist der Eifersucht auf : » Sie ist nun meine Verlobte « , sagt ' er sich ; und die Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt . Linda , über seine Stimmenähnlichkeit zürnend aus innerm Schauder , stand vor ihm wie ein Diamant , hell , glänzend , hart und schneidend , Albano aber sanft , im Nachtönen der Harmonie , auf dem Gottesacker der Schwester dieses Bruders und in einiger Verwirrung . In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum , daß vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein . Zornig bat er heute Linda , sein Trauerspiel mit anzusehen . » Sie sagten mir , « ( sagte sie zu Albano ) , » es schließe so tragisch , ich bin davon keine Freundin . « - » Er kennt es gar nicht « , sagte Roquairol . » Nein « , sagte Albano . - Wie die Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab , sich froh bewußt , daß er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte , der sie sogleich daraus verjagte . » Zudem « ( fügte sie dazu ) » seh ' ich abends schlecht oder gar nicht . « Roquairol stellte sich fremde dabei , scherzte über den Gewinn , den er als erster Liebhaber dabei habe , wenn sie ihn nur höre , und bat Dian , mitzubitten . Nicht angeborne , sondern erworbene Kälte ist der höchsten Falschheit mächtig , jene nur der Verstellung , diese auch noch der Anstellung , weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nützt und sich auf dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht . Da endlich Albano ihr selber anriet , an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und Freundinnen drunten die schöne , reine ihrer Gegenwart zu gönnen : so willigte sie ein , verwundert über den Widerruf . Sie nahm Chariton in ihren Wagen . Die Männer gingen voraus . Unterwegs sagte Roquairol zu Dian , der im Stücke Albanos Rolle zu spielen hatte : » Sobald ich im vierten Akte gesagt habe : Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Ländern des Untergangs an , so fallen Sie ein . « - Dian lachte und sagte : » Ich fall ' ein . In Italien aber fängt die Fahrt gleich südlicher und westlicher an . « Albano schwieg verdrüßlich und bereuete , daß er Linda zu diesem ungewissen Feste bereden helfen . Die Fürstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die betrogne Linda , und diese antwortete darauf mit gleichen ; ausgezeichnete Weiber verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstoßen mit ausgezeichneten . 130 . Zykel Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des Spieles halber gekommen ; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen Bühne selber angezogen . Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des Prinzengartens , welche mit einer wilden dicken Vermischung von Blumen , Gebüschen und hohen Bäumen zugedeckt war . Ihre Morgenseite zeigte einen offnen freien Vorgrund , auf welchem gespielt werden sollte , mit einer weißen Sphinx auf einem leeren Grabmal tiefer im Grün . Die Kulissen waren die dunkeln Laubpartien ; Parterre und Logen das jenseitige Ufer , das von der Insel sich durch einen See abtrennte , der so breit war als ein mäßiges Schiff . An zwei Bäume der beiden Ufer gebunden , hing in die Mitte des Sees wie eine Laterne der Käfig der Dohle oder des Chors herab , um ihre dumpfe Stimme den Zuschauern zu nähern . » Ich bin in der Tat neugierig , « ( sagte der Ritter zu seinem Sohne ) » woher er das Tragische nehmen wird . « - » Doch ! « ( sagte Roquairol , der bisher schweigend und unruhig und auf den Boden schauend auf- und abgegangen war ) » Nur muß ich allgemein um Vergebung des Aufschubs ersuchen . Da ich im fünften Akte den Mond anrede , so kann ich den wahren sehr gut brauchen , wenn ich nur gerade so anfange , daß sein Aufgang mit der letzten Szene zusammentrifft . « Endlich stieg er blaß werdend in den Charons-Nachen , wie er sagte , und fuhr allein hinüber . Dann schifften die übrigen Spieler nacheinander fort . Alle verloren sich hinter die Bäume . Nun hob sich hinten in den zugelaubten Abend-Ländern der Insel die ewige Ouvertüre aus Mozarts Don Juan wie ein unsichtbares Geisterreich langsam und groß in die Lüfte . » Diablesse ! « rief darauf der Bruder des Ritters zur Dohle und klatschte dabei zum Zeichen in die Hände . » Macht auf den Sarg « ( begann dumpf das Tier , begleitet von einzelnen lugubern Tönen des Orchesters ) » auf dem Gottesacker und zeigt zum letzten Male die Leichenbrust und Sein trocknes Augenlid , und dann drückt ihn zu auf immer . « Jetzt traten Lilia ( Chariton ) und Carlos ( Dian ) heraus , zwei Liebende noch in der ersten Zeit der ersten Liebe - noch kein trüber Tränenregen verschwemmte den goldnen Morgentau - sie sind sich so treu . Lilia freuet sich mit ihm , daß jetzt ihr Bruder Hiort von seinen Reisen kommt und seinen Jugendfreund Car los als ihren ewigen findet . » Vielleicht ist er auch recht glücklich « , sagte Lilia . » O so gewiß , « ( sagte Carlos ) » er ist ja sonst alles . « Zuweilen schwiegen beide im frohen Anblicken , dann gingen Töne aus dem verhüllten Abend der Insel und trugen die stumme Wonne in den Äther und zeigten sie ihnen schwebend und verklärt . Unter den Zuschauern breitete sich eine süße Teilnahme an Dians und Charitons zartem , aber mit südlicher Glut verwebtem Nachspielen ihrer schönen Wirklichkeit aus ; man hörte und sah die Griechen . - Auf einmal entfloh Lilia hinter die Blumen-Gebüsche ; denn ihr Feind Salera , Carlos ' Vater , kam , von Bouverot gespielt . Salera verkündigte dem Sohne zürnend die Ankunft seiner Braut Athenais . Carlos offenbarte ihm jetzt das Geheimnis seiner frühern Liebe und zeigte sich gewaffnet gegen eine ganze Zukunft . Salera rief erbittert : » Wäre Sie doch nicht schön , damit ich dich zwänge und strafte ! Aber du wirst Sie sehen und mir gehorchen , und ich werde dich doch hassen . « Carlos versetzte : » Vater , ich habe schon Lilia gesehen . « - Salera ging mit zornigen Wiederholungen ab , und Carlos wünschte jetzt noch heftiger Hiorts Wiederkehr , um mit ihm die Schwester leichter zu entführen durch dessen Bereden und Begleiten zugleich . Hier schloß sich der erste Akt . Der Bruder des Ritters rief zur Dohle : » Diablesse ! « und scharrte zum Zeichen mit dem Fuße . » Erscheine , blasser Mann , « ( sprach das Tier ) » die Uhr wiegt die Zeit , Mensch des Jammers , lande auf der stillen Insel an ! « Hiort trat blaß beschminkt hervor mit offner Brust , blickte das Grabmal an und sagte aus innerster Seele : » Endlich ! « Die Musik spielte einen Tanz . » Jawohl Schlummerinsel - unser Tag endigt mit Schlaf « , setzt ' er dazu . Jetzt kam sein Carlos : » Hiort , bist du tot ? « rief er im Schrecken über die Leiche . » Ich bin nur bleich « , sagt ' er . » O wie kommst du so aus der schönen bunten Erde zurück ? « sagte Carlos . » Ausgeschöpft , Karl - mit totgebornen Hoffnungen - meine Gegenwart ist von der Vergangenheit enterbt das Sinnenlaub ist gefallen - nicht einmal die schöne Natur mag ich mehr , und Wolken wie Gebürge sind mir lieber als wahre Gebürge - ich habe das bittere Unkraut auf dem Leben recht abgeerntet - und doch muß ich in dieser leeren Brust einen Würgengel herumtragen , der ewig gräbt und schreibt , und jeder Buchstabe ist eine Wunde - Rate nicht ! Sie nennens das Gewissen . Aber ein wenig Schlaftrunk her auf der Schlafinsel , Karl ! « Man brachte Wein . Er erzählte nun dem Freunde sein Leben seine Fehler , worunter er auch den aufführte , den er eben fortsetzte , das Trinken - seine sich wiedergebärende Eitelkeit sogar mit ihrem Selbst-Geständnis - seine Weiber-Siege , die ihn zu einem Magnet-Berge voll angeflogner Nägel zerfallner Schiffe machten - seinen Hang , wie Kardan Freunde zu beleidigen , ein eigenes oder fremdes Glück zu unterbrechen , wie schon als Kind den Prediger , oder im schönsten Spiel das Klavier zu zerschlagen und in einem Enthusiasmus das Frechste zu denken - » Sonst hatt ' ich doch noch zwei Ichs , eines , das versprach und log , eines , das dem andern glaubte ; jetzt lügen sie beide einander an , und keines glaubt . « Carlos antwortete : » Schrecklich ! - Aber deine Trauer ist ja selber Hülfe und Gabe . « - » Ach was ! « ( versetzt ' er ) » Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als die vergangne Lage , worin ers beging , indes er es in einer frischen wieder neu und süß findet und fortliebt . - Was dort kalt liegt , das ist mein Bild , « ( indem er auf die Sphinx zeigte ) » das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust - hilf mir , ziehe das reißende Untier heraus ! « - Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm204 . » Er ist frech genug , « ( sagte leise Gaspard zu Albano ) » weil er , wie ich höre , wirklich sich selber spielen soll ; aber da er sich so sieht , ist er doch besser , als er sich sieht . « - » O , « ( sagte Albano ) » so dacht ' ich sonst ! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten Zustand ein guter ? Ist er nicht desto schlechter , daß er dieses Bewußt sein erträgt , und wird desto schwächer , daß er einen unheilbaren Krebsschaden an sich wachsen sieht ? Das Höchste hat er ohnehin verloren , die Unschuld . « - » Eine flüchtige Wiegen-Tugend ! - Ein helles , keckes Reflektieren hat er doch « , sagte Gaspard . » Nur weichliche , ehrlose , zweideutige , vielseitige Mattigkeit des Herzens hat er ; spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust- Schlinge zerreißen « , sagte Albano . » Karl , « ( sagte Hiort weich , als antwortete er jenen ) » ja , noch eine Hülfe gibts . Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschießet - wenn das Dasein nun nichts wird , kein Lust- , kein Trauer-Spiel , nur ein fades Schau -Spiel : so ist dem Menschen noch ein Himmel offen , der ihn aufnimmt , die Liebe . Schließet sich dieser zu , so ist er ewig verdammt . Carlos , mein Carlos , ich könnte noch glücklich werden - denn ich habe Athenais gesehen - aber ich kann noch unglücklicher werden , denn sie liebt mich nicht . In meinem Herzen liegt dieser prangende , aber scharf fortschneidende Demant , an dem es blutet , sooft es schlägt . « - Überall ließ jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen . Hier brachte anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr , daß Athenais von seinem Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme ; aber er stillte ihn , da seine Schwester Lilia erschien , indem er schnell ihre Hand nahm und sagte : » Nur diese lieb ' ich . « - Sie sprachen über die Hindernisse von seiten des alten Salera , den Carlos ein Eisfeld nannte , das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubauen wäre . » Stehe mir bei , Karl , « ( sagte Hiort ) » denke , was du mir geschrieben : wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein trocknen205 . « - So verständigten , verketteten und erhoben die drei Menschen sich einander wechselseitig , alle hatten ein Ziel , das gemeinschaftliche Glück . - Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater , Hiort den Schutz seiner Schwester und rief : » Endlich gießet das leere Füllhorn der Zeit , das bisher nichts gab als Klänge , wieder Blumen aus - O die Weiber ! Wie gemein und alltäglich sind fast alle Männer ! Aber fast jede Frau ist neu ! « - Lächelnd sagte Gaspard : » Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich . « - Froh und friedlich schloß der zweite Akt . » Diablesse ! « rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft . » Flüchtig « ( fing die schwarze Dohle unter Tönen an ) » ist der Mensch , flüchtiger ist sein Glück , aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort . « Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen Fortsetzung des Kunst-Zaubers - welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen Kunstwerk gebührte - alles prosaische kalte Erstaunen auf , sogar das über das wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See . Eine große schöne stolze Frau erschien Athenais ( von der Kaufmannsfrau , Roquairols Nebengeliebte , gespielt ) , voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia , die sich » die kleine Athenais « nannte , und süß nachträumend den Traum der vorigen Zeiten . Lilia sinkt in ihre Arme mit doppelten Tränen ; in ihrer Hand trägt Athenais ja drei Himmel und drei Höllen . » Wie schön kommst du wieder ! - Mein armer Bruder ! « sagte Lilia leise . - » Nenn ihn nicht , « ( sagte sie stolz ) » er kann für mich sterben , aber ich kann nicht für ihn leben . « - Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia - erstarrt im Fluge - fasset sich und nähert sich Lilia . Diese sagt : » Graf Salera - Athenais « - er wurde blaß , diese rot . Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei ; je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt . Lilia wird schaudernd immer stärker Athenais ' plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr . Athenais ging ab . Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an : » Hab ' ich recht ? « fragt Lilia . » Hab ' ich schuld ? « sagt Carlos . » Nein , « ( sagt sie ) » denn du bist ein Mensch und , was noch schlimmer , ein Mann . « - » Was soll ich denn tun ? « versetzt Carlos . » Du sollst « ( sagte sie feierlich ) » nach einem Jahr in einen Garten auf einer Höhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Garten - im Garten - unter den Beeten - tief unter einem - ich weiß nicht wie tief « - Sie eilte wie wahnsinnig davon und sang : » Vorüber , vorüber , das Lieben und Leben ! « Carlos stand einige Minuten mit dem wilden Blick am Boden und sagte dumpf : » Du tusts , Gott ! « und ging ab - begegnete seinem Freund , der ungestüm und froh ausrief : » Sie ist da ! « - eilte aber stolz weiter und rief nur zurück : » Jetzt nicht , Hiort ! « Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort : » Komm , « ( sagte sie ) » sieh das Grabmal nicht an , wir sind beide zu unglücklich . « Da trat der alte Salera auf mit Athenais - vergriff-sich zwischen Eis und Brand und nahm seine kalte Münze für warme lobte männlich sie , und väterlich den Sohn - und sagte wie in einem Schauspiel : da kommt er selber . » Hier stell ' ich dir , Sohn , « ( sagt ' er ) » dein Glück vor , wenn du es verdienen kannst . « Carlos hatte Lilias Herz verloren - der Wunsch des Vaters , die Macht der Schönheit , die Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm , seine Sehnsucht und der Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin und endlich eine Welt in ihm , die so nahe an ihrer Sonne stand , siegten über eine doppelte Treue - er sank aufs Knie vor ihr und sagte : » Ich bin schuldlos , wenn ich glücklich bin . « - Das Paar geht auf der einen Seite ab ; Salera auf der andern und trifft auf Lilia , deren Hand er mit den Worten nimmt : » Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen gewiß den innigsten Anteil an dem neuesten Glück desselben durch Athenais . « - So schloß sich der dritte Akt , der Albano durch ungerechte , alles verdrehende Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte , bloß um Roquairol über dieses meuchelmörderische Zücken des tragischen Dolchs zur Rede zu stellen . » Der Patron « ( sagte lachend Gaspard ) » glaubt mich auch hereinzumalen ; ich wünsche aber , daß er derbere Farben nehme . « Ehe der vierte Akt sich anfing , hob der Spanier die Linke empor , und die schwarze Dohle sprach sogleich : » Die Sünde straft die Sünde und den Feind der Feind ; zaumlos ist die Liebe , zaumlos auch die Rache - Seht , nun kommt der Mensch , den sie nicht mehr lieben , und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn . « Hiort stand da , wie vor seinem Grab , das seinen Kopf niederzog - unendlich weinend und trinkend - sanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem aufgelösten Leben ; - » Ach so ists ! « ( rief er aus tiefer , schmerzender Brust ) » Wirf sie nur endlich weg , die zwei letzten Rosen des Lebens206 - zu viele Bienen und Stacheln stecken in ihnen - sie ziehen dein Blut und geben dir Gift - O wie ich liebte ! Allmächtiger droben , wie ich liebte ! Ach nicht dich ! - Und nun so steh ' ich leer und arm und kalt , nichts , nichts ist mir geblieben , kein einziges Herz , nicht mein eignes - das ist schon hinunter ins Grab - Der Docht ist aus meinem Leben gezogen , und es rinnt dunkel hin - O ihr Menschen , ihr dummen Menschen , warum glaubt ihr denn , daß es noch Liebe gebe hienieden ? Schauet mich an , ich habe keine - Wohl ein luftiges Farbenband der Liebe , ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende Wolken , als binde und trag ' er sie - Spaßhaft ! er ist auch Wolke und lauter Fall - anfangs glänzen bunte Freudentropfen , dann schlagen schwarze ! « Er schwieg - ging langsam auf und ab - sah ernst einem Waffen- und Larventanz innerer Gespenster zu - stand still - die Schatten schwarzer Taten spielten durcheinander um ihn - plötzlich fuhr er auf , ein Wetterstrahl eines Gedankens hatte in sein Herz geschlagen - er lief auf und ab , schrie : » Töne her , gräßliche Töne her ! « - und die Hochzeitmusik aus Don Juan , die ihn bisher begleitet hatte , erhob das Zetergeschrei des Schreckens » Göttlich ! « sagte er , und nur einzelne Worte , nur Tigerflecken erschienen verschwindend am vorübergehenden Untier - » teuflisch ! - das Rosen-Sein , das Blüten-Sein - nun ja ! - - ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunter - und dann sterb ' ich schön auf meiner Schlummerinsel « , beschloß er sanft und matt . » O Lilia ! gewähre mir eine Bitte ! « rief er der kommenden Schwester entgegen . » Jede , die mich nicht am Sterben hindert « , sagte sie . Er legte ihr die Bitte vor : sie sollte ihre Freundin Athenais in die » Nachtlaube « der Insel jetzt nachts unter dem Vor wand bereden , daß ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse über Lilia noch heute zeigen wolle - » Ich habe « ( setzt ' er dazu ) » Carlos ' Stimme ' mit ihr sag ' ich ihr mein liebendes Herz , und dann , wenn sie mich liebt , nenn ' ich mich Hiort . « - » Ist deine Bitte Wahrheit . « fragte die Schwester . » So wahr ich morgen noch leben will « , sagt ' er . » So ist sie bald erfüllt , denn Athenais erwartet mich eben in der Nachtlaube - komme mir nur nach sieben Minuten nach . « Sie ging ; er sah ihr nach und sprach mit sich : » Eile , bestelle den Himmel ! Schöne Schlummerinsel , zugleich die Schlafstätte für das Brautgemach und für den ewigen Schlaf- O wie wenige Minuten stehen zwischen mir und ihrem Herzen ! « - - » Du bist doch da ? « sagt ' er und sah nach seiner Pistole . - » Jetzt « ( rief er feierlich im Abgehen ) » ists Zeit zur helldunkeln Tat , dann wird das Leichentuch darübergeworfen « und ging schnell ins Laub hinein . Der Spanier warf einen Zweig ins Wasser , und die schwarze Dohle sprach leise : » Still ist das Glück , still ist der Tod . « » Der Mensch « ( sagte Gaspard ) » hat etwas im ganzen Spiele wie wahren Ernst , ich stehe nicht dafür , daß er sich nicht wirklich vor uns allen totschießet . « - » Unmöglich , « ( sagte Albano erschreckend ) » zu einer solchen Wirklichkeit hat er keine Kraft « ; indes vermocht ' er doch sich selber nicht recht von dieser bangen Möglichkeit loszubringen . Verstört , ungestüm , mit losem Haar kam Hiort zurück und sagte leise : » Es ist geschehen . - Ich war selig - niemand wirds nach mir . « - » Bei der Gelben und jetzt in der Nacht steh ' ich für nichts « , sagte Gaspard . Albano errötete , über die freche Vermutung verschämt und noch mehr über Roquairols Frevel erzürnt , im Spiele die geheiligte Geliebte zu entehren und zu entführen . » Töne her , aber weiche , gute ! « rief er und ließ sich vom Zephyr der Harmonie umwehen und trank unaufhörlich » Leichentrunk « oder Wein ; beides zum Verdrusse des Ritters , der das Trinken verabscheuete und die Musik vermied , weil diese oder beide weich machten . Er legte sich auf den Rasen und die Pistole neben sich und sagte stammelnd : » So lieg ' ich denn in der warmen Asche meines aufgebrannten Lebens - und meine kalte kommt dazu « - ( Er legte seine Doppellorgnette an die Augen fest und blickte funkelnd hinüber zu Linda ) » Ich habe sie am Herzen gehabt , die göttliche Schönheit , meine ewige Liebe ; meine Tulpe , die sich nun am Abend über der Biene schließet , damit sie im Blumenkelche sterbe auf den Rosen meines Abends ruh ' ich und sterb ' ich - Ich schaue die Holde noch selig an - Ich kann nicht bereuen - Vergib nur , armer Carlos , ich streiche die Schuld mit Blut durch , aber mit Buß-Tränen kann ich nicht - Sollte sich am Ufer der Ewigkeit das , was die Zeit an diesem Ufer abspült , wieder anlegen : so hab ' ichs dort schlimm , ich kann mich dort so wenig ändern als hier . « Jetzt geschah in der Stadt ein Kanonenschuß , um einen Deserteur anzukündigen . Er nahm seine Pistole in die Hand : » Ja , ja , ein Schuß bedeutet einen Flüchtling - auch aus der Welt - O wenn hebt sich die scharfe Sichel207 am Morgen und zerschneidet das Leben ! Ich bin so müde . « Er sah nach dem Morgenhimmel , aber ein Gewitter , das schon leise donnerte , überzog die Pforte des Monds . Er lächelte bitter : » Auch diese kleine letzte Freude mißgönnt mir das Geschick ! Ich soll den Mond nicht mehr sehen - Nun , ich werde wohl höher kommen als er und sein Gewitter - Nur werden mir meine lieben Zuschauer und Zuhörer des Todes durch den Regen vertrieben Ja ! bist du aus , so bin ich aus ! « Er zeigte auf die Flasche . » Wilde , gräßliche Töne aus der Tiefe herauf ! - Mein blutiges Brautkleid her ! Es ist Zeit , die abgehende Freude wirft einen langen , wachsenden Schatten hinter sich . « Albano und Julienne erkannten erstarrend im kleinen Rocke , den man ihm brachte , den mit Blut bespritzten , den er auf der Redoute getragen , wo er als Knabe sich vor Linda ermorden wollen . » Sie sollen es auf meine kalte Brust legen « , sagt ' er , da ers von Falterle empfing . Der Donner zog näher , die Blitze wurden glühender , und ans Gewitter wuchs eine Wolke nach der andern . Er trank die Gläser schnell . » Schaden kanns mir jetzt nichts , « ( sagte er ) » auch der Blitz nicht sonderlich , ob ich gleich unter Bäumen liege - in dieser Röhre steckt ein Blitz gegen alle Blitze , ein rechter Gewitterableiter . « - Das eilende Wetter drängte ihn der Zuschauer wegen zum Ziel , und er wurde zornig empört vom Spotte