, daß die Republik nicht durch die üble Staatsverwaltung kupferner und eiserner Regenten zu Grunde gehe . - Wenn diese Reden nicht ganz ohne Salz seyn sollen , muß man , dünkt mich , annehmen , Glaukon und Sokrates werfen hier beide einen Seitenblick auf Athen und andere Griechische Städte , in welchen die schlechten Metalle dermalen ein sehr nachtheiliges Uebergewicht zu haben scheinen . Aber wozu hatte Plato - er , der an mehrern Stellen dieses Dialogs seinen Mitbürgern und Zeitgenossen die derbesten und ungefälligsten Wahrheiten ganz unverblümt ins Gesicht sagt - wozu hatte er gerade hier einer so zwecklosen Behutsamkeit nöthig ? Uebrigens täusche ich mich vielleicht , indem es mir vorkommt , als ob Sokrates , von diesem Mährchen an , durch alle folgenden Bücher sich selbst verloren habe , und sich mit aller Mühe nicht wieder finden , oder , wenn er auch zuweilen in seinen eigenen Ton zurückfällt , sich doch nicht lange darin erhalten könne . Ich drücke mich hierüber so schüchtern aus , weil es sehr möglich ist , daß die Ursache , warum mir dieß so vorkommt , vielmehr in meiner Gewohnheit , mir einen ganz andern Sokrates zu denken , als in einem Mangel an Haltung liegt , der dem Verfasser des Dialogs Schuld gegeben werden könnte . Die Wahrheit zu sagen , der Sokrates , den er darin die doppelte Rolle des Erzählers und der Hauptperson des Drama ' s spielen läßt , ist und bleibt sich selbst durchgehends immer ähnlich ; denn es ist immer Plato selbst , der unter einer ziemlich gut gearbeiteten und seinem eigenen Kopfe so genau als möglich angepaßten Sokrateslarve , nicht den Sohn des Sophroniskus , sondern sich selbst spielt . Hinter dieser Larve sieht er zuweilen , je nachdem er uns eine Seite zeigt , dem wahren Sokrates so ähnlich , daß man einige Augenblicke getäuscht wird : aber seine Stimme kann oder will er vielmehr nicht so sehr verstellen , daß die Täuschung lange dauern könnte ; und überhaupt braucht man ihm nur näher auf den Leib zu rücken und ihn scharf ins Auge zu fassen , um den leibhaften Plato überall durchschimmern zu sehen . Dieser scheint sogar von Zeit zu Zeit die unbequeme Larve ganz wegzuschieben , und uns auf einmal mit seiner eigenen , von jener so stark abstechenden Physiognomie zu überraschen ; und da er dieses seltsame Spiel , eben dieselbe Person bald mit bald ohne Larve zu machen , einen ganzen Tag lang treibt , so kann es nicht wohl fehlen , daß der Zuschauer endlich irre wird , und nicht recht weiß was man mit ihm vorhat , und ob er beim Schluß des Stücks zischen oder applaudiren soll . Diese Ungewißheit ist indessen keineswegs der Fall im Rest des dritten und im Anfang des vierten Buchs . Eine unserm Philosophen eigene dialektische Spitzfündigkeit , die auch hier von Zeit zu Zeit durch die Lücken der Sokrateslarve durchguckt , abgerechnet , scheint er darin die angenommene Person wieder ziemlich gut zu spielen ; so gut wenigstens , daß man sich geneigt fühlt , der Täuschung mit halb geschloss ' nen Augen nachzuhelfen ; und wiewohl man sich hier und da nicht wohl erwehren kann ein wenig ungehalten auf den Schauspieler zu seyn , wenn er unversehens aus seiner Rolle heraustritt und anstatt den Sokrates rein fortzuspielen , in seine eigene Person zurücksinkt : so macht uns doch die Gewandtheit , womit er sich unvermerkt wieder in die angenommene hineinwirft , so viel Vergnügen , daß es wenig Mühe kostet ihm zu verzeihen und im Ganzen recht wohl mit ihm zufrieden zu seyn . Die Rede ist nun im Rest des dritten Buchs davon , wie die aus dem Schooß der Erde in voller Rüstung hervorgesprungnen Beschirmer oder Soldaten unsers idealischen Staats in Ansehung der Wohnung , Nahrung und aller übrigen zum Leben gehörigen Stücke gehalten werden sollen . Da in der vollkommensten Republik alles rein consequent und zweckmäßig seyn muß ; da es in derselben nicht darum zu thun ist , die einzelnen Gliedmaßen des Staats , sondern das Ganze so glücklich als möglich zu machen , und das letztere auf keine andere Weise zu erhalten steht , als wenn jede Classe , und jeder einzelne Bürger in der seinigen , gerade das und nichts anders ist , als was sie vermöge ihres Verhältnisses zum Ganzen nothwendig seyn müssen ; so dürfen wir uns nicht wundern , daß Plato den bewaffneten Theil der Bürger , welcher bloß zum Schutz der Gesetze und des Staats , zu Vollziehung der Befehle der Regenten und zu Vertheidigung aller übrigen Bürger da ist , in allen Stücken auf das bloße Unentbehrliche setzt . Sie wohnen in schlechten Baracken , haben außer ihren Waffen und was die höchste Nothdurft zum Leben fordert , nicht das geringste Eigenthum ; halten ihre äußerst frugalen Mahlzeiten gemeinschaftlich in öffentlichen Sälen , und leben in allen Stücken in der nämlichen Ordnung beisammen , wie sie im Lager leben müßten . In diesem und allen andern Stücken sind sie der strengsten Disciplin unterworfen ; mit Einem Wort , nichts ist vergessen , was es ihnen unmöglich macht , jemals aus den Schranken ihrer Bestimmung herauszutreten , und » aus treuen und wachsamen Hunden der Heerde sich in Wölfe zu verwandeln . « - Alles dieß und was dahin einschlägt , führt Sokrates gegen die Zweifel und Einwürfe Adimanths so gründlich und sinnreich aus , daß weder diesem noch dem Leser das Geringste gegen die Zweckmäßigkeit dieses Theils der Verfassung der Republik einzuwenden übrig bleibt . Was bei dem allem nicht wenig zum Vergnügen der Leser beizutragen scheint , ist die anscheinende Unordnung , oder , richtiger zu reden , die unter diesem Schein sich verbergende Kunst , wie der Dialog , gleich einem dem bloßen Zufall überlassenen Spaziergang , indem er sich mit vieler Freiheit hin und her bewegt , unter lauter Digressionen dennoch immer vorwärts schreitet , und dem eigentlichen Ziel des Verfassers ( wie oft es uns auch aus den Augen gerückt wird ) immer näher kommt . Wenigen dieser kleinern oder größern Abschweifungen fehlt es an Interesse für sich selbst : sie schlingen sich aber auch überdieß meistens so natürlich aus und in einander , und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein , daß man den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist , oder sich ' s doch nicht reuen lassen kann , ihn gemacht zu haben . Dieß ist zwar nicht immer , aber doch wenigstens öfters , der Fall ; und ich finde um so nöthiger diese Bemerkung hier nachzuholen , da sie , wo nicht zu völliger Widerlegung , doch zu gebührender Einschränkung dessen dient , was ich oben , aus dem Mund etlicher vielleicht gar zu schulgerecht urtheilender Kunstfreunde , gegen die Composition dieses Dialogs , als dichterisches Kunstwerk betrachtet , erinnert habe . Ein Gespräch dieser Art kann und soll weder an die Gesetze der architektonischen Symmetrie , noch an die Regeln des historischen Gemäldes gebunden werden ; es ist in dieser Rücksicht noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komödie selbst ; die größte Kunst des Dialogendichters ist , seinen Plan unter einer anscheinenden Planlosigkeit zu verstecken , und nur dann verdient er Tadel , wenn er sich von seinem Hauptzweck so weit verirrt , daß er sich selbst nicht wieder ohne Sprünge und mühselige Krümmungen in seinen Weg zurückfinden kann . Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik , unter den gehörigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist , wirft er ( bloß um Adimanthen auf eine Probe zu stellen , wie es scheint ) die Frage auf : ob es wohl auch nöthig seyn dürfte , ihre neue Republik mit Gesetzen über die Eigenthumsrechte , und die willkürlichen Handlungen der Bürger unter einander , und die Rechtshändel die aus dem Zusammenstoß ihrer Ansprüche oder aus persönlichen Beleidigungen entstehen , kurz mit Gesetzen über eine Menge von Gegenständen , die in unsern Republiken vom gewöhnlichen Schlag unentbehrlich sind , zu versehen ? - Aber Adimanth ist der Meinung , ihre Republik bedürfe aller dieser armseligen Stützen und Behelfe nicht ; und es würde ganz überflüssig seyn , so verständigen und guten Menschen , wie die Bürger derselben sammt und sonders , vermöge ihrer Verfassung , Erziehung und Lebensordnung nothwendig seyn müßten , über diese Dinge etwas vorzuschreiben , da sie in jedem vorkommenden Falle die Regel , nach welcher sie sich zu benehmen hätten , ohne Mühe von selbst finden würden . Ganz gewiß , sagt Sokrates , werde dieß der Fall seyn , wofern ihnen Gott die Gnade gebe , den Gesetzen , die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben , getreu zu bleiben . Wo nicht , erwiedert Adimanth , so möchten sie immerhin ( wie es in den gewöhnlichen Republiken zu gehen pflegt ) ihr ganzes Leben damit zubringen , täglich neue Gesetze zu geben , in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu treffen , - wie gewisse Kranke , die sich vergebens schmeicheln durch beständiges Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen , weil sie aus Unenthaltsamkeit die Lebensart nicht ändern wollen , welche der Grund ihrer Krankheit ist . Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort , und findet sich dadurch in der Behauptung bestätiget , daß kein weiser Gesetzgeber weder in einem wohl , noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen dieser Art befassen werde ; nicht in diesem , weil sie unnöthig und von keinem Nutzen wären , in jenem nicht , weil das , was in jedem vorkommenden Falle zu thun ist , jedem Bürger vermöge der Bildung und Richtung , die er durch die bereits bestehende Verfassung erhalten hat , von selbst einleuchten muß . Was bliebe uns also noch zu thun , um mit unsrer Gesetzgebung fertig zu seyn ? fragt Adimanth . Uns nichts , antwortet Sokrates ; denn den größten , schönsten und wichtigsten Theil derselben werden wir dem Delphischen Apollo überlassen . Und was beträfe dieß ? fragte jener etwas gedankenlos ; denn er hätte doch wohl mit einem Augenblick von Besinnung dem Sokrates die Mühe ersparen können , sich erklären zu müssen , daß die Anordnung der Tempel und Opfer und alles übrigen , was die Verehrung der Götter , Dämonen und Heroen , wie auch die den Verstorbenen zu Beruhigung ihrer Manen gebührende letzte Ehre betreffe , damit gemeint sey . Da wir selbst von allem diesem keine Wissenschaft haben , sagt Sokrates , und wenn wir weise sind , einen so wichtigen Theil der Einrichtung unsrer Stadt auch keinem andern Sterblichen anvertrauen werden , so können wir nichts Besser ' s thun , als uns darüber von dem Gotte belehren zu lassen , der in solchen Dingen der angestammte Rathgeber aller Menschen ist , und bloß zu diesem Ende Delphi21 , als die Mitte oder den Nabel der Erde , zu seinem Sitz erwählt hat . Sollte dir , Freund Eurybates , diese Stelle sowohl , als die kurz vorhergehende , wo Sokrates zu verstehen gibt , daß er selbst nicht begreife , » wie seine Republik , ohne unmittelbaren Beistand Gottes , sich bei ihrer ursprünglichen Verfassung lange werde erhalten können « - nicht eben so stark , wie mir , aufgefallen seyn ? Zwar erkennen wir an dergleichen Aeußerungen unsern alten Freund und Lehrer , der für den religiösen Volks- und Staatsglauben nicht nur ( wie billig ) alle schuldige Ehrfurcht hegte , sondern im Glauben selbst nahezu bis zur Einfalt unsrer Großmütter ging , und durch den Contrast , den dieser Zug seines Charakters mit seinem sonst so hellen Verstande machte , uns nicht selten in Erstaunen und Verlegenheit setzte . Aber Plato , dessen Art über unsre Volksreligion zu denken kein Geheimniß ist , mußte doch wohl mit diesen beiden Stellen etwas Mehrer ' s wollen , als seine eigenen Gedanken hinter diesem Zug seiner Sokrateslarve zu verbergen ? Hätte er in diesem Werke wirklich die Absicht gehabt , der Welt das idealische Modell einer vollkommnen Republik zu hinterlassen , würde es da wohl seiner oder irgend eines andern ächten Philosophen würdig gewesen seyn , eine so wichtige Sache als die Religion ist , dem Delphischen Apollo , d.i. den Priestern des Tempels zu Delphi zu überlassen ? Und wäre er selbst von der innern Güte und Realität seiner Republik , d.i. von ihrer reinen Uebereinstimmung mit der menschlichen Natur , überzeugt gewesen , würde er wohl alle seine Hoffnungen , daß sie sich bei seinen Gesetzen werde erhalten können , auf einen Gott aus einer Maschine gegründet haben ? Keines von beiden , däucht mich . - Was ist es also , was er eigentlich damit wollte ? - Durch den Compromiß auf den Delphischen Apollo wollt ' er sich , denke ich , den häkeligsten und gefährlichsten Theil der Gesetzgebung seiner Republik vom Halse schaffen ; und glücklich für ihn , daß er dieß um so schicklicher thun konnte , da der starke Glaube des wirklichen Sokrates an jenen Gott ein bekannter Umstand ist . Mit der frommen Hoffnung hingegen , womit er die Erhaltung seiner Gesetzgebung dem Willen Gottes anheimstellt , konnt ' er uns wohl nichts anders zu verstehen geben wollen , als daß er selbst von ihrer innern Lebenskraft und Dauerhaftigkeit keine große Meinung hege , und so gut als andre wisse , daß eine idealische Republik nur für idealische Menschen passe , und , um so frei in der Luft schweben zu können , an den Fußschemel von Jupiters Thron angehängt werden müsse . Denn freilich , wenn die Götter das Beste dabei thun wollten , könnte auch die Aristophanische Nephelokokkygia so gut existiren als die Platonische Republik . 6. Fortsetzung des Vorigen . Wir sind nun ganz nahe bis zu dem Punkt vorgerückt , um dessentwillen vermuthlich diese ganze Unterredung angefangen und durch so vielerlei Mäandrische Umschweife und Aus- und Einbeugungen bis hierher geführt worden ; aber so wohlfeil gibt es unser poetisirender Philosoph oder philosophirender Dichter nicht . Er hat sich nun einmal vorgesetzt , uns in diesem dramatischen Dialog zu weisen , daß er sich so gut als irgend ein Tragödienmacher auf die Kunst verstehe , den Punkt , auf welchen wir losgehen , alle Augenblicke bald zu zeigen , bald wieder aus dem Gesichte zu rücken , um uns desto angenehmer zu überraschen , wenn wir das , was er uns so lange durch einen unmerklich wieder in sich selbst zurückkehrenden Umweg suchen ließ , endlich unversehens vor unsrer Nase liegen finden . Unser verkappter Sokrates , der itzt für eine ziemliche Weile die Larve wieder weggeschoben hat und mit seinem eigenen Gesichte spielt , meint : sie hätten ihre Republik so gut angeordnet , daß es nun weiter nichts bedürfe , als daß Adimanth seinen Bruder und Polemarchen und die übrigen Anwesenden aufrufe , ihm mit einer tüchtigen Fackel so lange in derselben herum suchen zu helfen , bis sie die irgendwo in ihr versteckte Gerechtigkeit ausfindig gemacht haben würden . In der That muthet er diesen wackern jungen Männern damit nicht mehr zu , als was sie mit einer mäßigen Anstrengung ihres Menschenverstandes sehr leicht leisten konnten und sollten . Aber dabei hätte der Verfasser des Dialogs seine Rechnung nicht gefunden . Glaukon besteht darauf , daß Sokrates seinem Versprechen gemäß das Beste bei der Sache thun müsse , und dieser schickt sich denn auch um so williger dazu an , da er wirklich in einer ganz eigenen Laune zu seyn scheint , sich mit der Treuherzigkeit der jungen Leute einen dialektischen Spaß zu machen , und sie nach dem Ding , das er in der Hand hat , fein lange überall wo es nicht ist herumstöbern zu lassen . Wohlan also ( sagt er ) hier zeigt sich mir ein Weg , der uns hoffe ich zu dem , was wir suchen , führen soll . Wenn wir unsre Republik gehörig angeordnet haben , so sollte sie , dächt ' ich , durchaus gut seyn . - Nothwendig , antwortet Glaukon . - S. Augenscheinlich ist sie also weise , tapfer , wohlgezüchtet und gerecht ? - Gl . Augenscheinlich . - S. Wenn wir nun von diesen Vieren Eins , welches es sey , in ihr finden , so ist das übrige das , was wir nicht gefunden haben ; nicht wahr ? - Gl . Wie meinst du das ? - S. Wenn wir unter vier Dingen , welcher Art sie auch seyn mögen , nur Eines suchen , und ( indem wir glücklicherweise zuerst darauf stoßen ) es sogleich für das Gesuchte erkennen , so lassen wir ' s dabei bewenden ; haben wir hingegen die drei ersten vorher ausfindig gemacht , so kennen wir eben dadurch auch das , was wir suchen ; denn es ist klar , daß es kein anderes seyn kann als das vierte , so noch übrig ist . - Richtig , antwortet Glaukon wie ein unbesonnener Knabe ; denn es greift sich doch mit Händen , daß er nur unter der Bedingung , wofern diese vier Dinge uns schon bekannt sind , mit Ja antworten konnte ; denn wofern sie es nicht sind , so weiß ich , in dem gegebenen Falle , zwar , daß das noch nicht gefundene , das gesuchte ist ; aber wozu kann mir das helfen , wenn ich nicht weiß , was es ist ? Glaukon mußte einfältiger seyn als Praxillens Adonis22 , wenn er nicht sah , wo Sokrates mit seinem mathematischen Axiom hinaus wollte ; daß er es nämlich auf die nur eben seiner Republik nachgerühmten vier charakteristischen Eigenschaften anwenden , und wenn er die drei zuerst genannten in ihr gefunden hätte , versichern würde , daß ihnen nun auch die Gerechtigkeit nicht entgehen könne ; wiewohl dieser Umweg im Grunde zu nichts helfen konnte , als sie , ohne alle Noth , eine gute halbe Stunde länger aufzuhalten . Da sich aber seine Zuhörer nun einmal alles von ihm gefallen lassen , so macht sich unser After-Sokrates abermals den für seine Leser ziemlich langweiligen Zeitvertreib , durch eine Menge unnöthiger , zum Theil lächerlicher und kindischer Fragen , und kopfnickender oder platter Antworten des ehrlichen Glaukons , herauszubringen : worin die Weisheit , Mannskraft und Zucht bestehe , in welchen ( nebst der Gerechtigkeit ) er den unterscheidenden Charakter seiner Republik setzt , und von welchen die erste den Regenten , die zweite den Beschützern vorzüglich beiwohne , die dritte aber ( wie er sehr sinnreich und spitzfindig darthut ) durch die gebührende Subordination der zwei untern Bürgerclassen unter die oberste , eine mit dem , was man in der Musik Diapasôn ( die Octave ) nennt , vergleichbare Harmonie des ganzen Staats hervorbringe . Wir hätten also ( fährt er nun fort ) die drei ersten Formen der Tugend oder der Vollkommenheit , die unsrer Republik eigen seyn soll , gefunden : welches wäre dann die noch übrige ? Doch wohl die Gerechtigkeit ? Gl . Ja wohl ! Sokr . Was haben wir also nun zu thun , lieber Glaukon , als daß wir , nach Jägerweise , einen Kreis um diesen Busch schließen , damit uns die Gerechtigkeit nicht etwa unvermerkt entwische und aus dem Gesicht komme ; denn daß sie hier irgendwo stecken muß , hat seine Richtigkeit . Schaue also überall scharf herum , ob du sie vielleicht eher als ich gewahr werden und mir zeigen kannst . Gl . Ja , wenn ich das könnte ! Aber so fern sonst nichts nöthig ist als dir zu folgen und zu sehen was du mir zeigst , bin ich dein Mann . Sokr . Nun so komm denn mit , und mögen uns die Götter Glück zu unsrer Jagd verleihen ! Gl . Das ist auch mein Gebet . Sokr . Der Ort scheint mir ziemlich steil und so verwachsen und dunkel , daß kaum fortzukommen ist . Wollen ' s aber doch versuchen ! Gl . Das wollen wir ! Sokr . Heida ! Heida , Glaukon ! Mich däucht ich bin auf die Spur gekommen ; nun soll sie uns hoffentlich nicht entwischen . Gl . Das ist mir lieb zu hören . Sokr . Ei , ei ! was seh ' ich ? da haben wir ja alle beide einen erzdummen Streich gemacht ! Gl . Wie so ? Sokr . Sind wir nicht auslachenswerth , daß wir uns so viele Mühe gaben etwas zu suchen , das uns gleich von Anfang an so nahe lag ? Wir sahen darüber weg , und suchten in der Ferne , was uns diese ganze Zeit über vor den Füßen herumkollerte . Gl . Wie soll ich das verstehen ? Sokr . Ich will sagen , wir reden und hören schon wer weiß wie lange davon , und merkten nicht , daß wir nur mit andern Worten von nichts anderm redeten . Gl . Welche lange Vorrede für einen , dessen Wißbegierde du so sehr erregt hast ! Sokr . Nun so höre denn ! - Ich gestehe sehr gern , Eurybates , daß mir die Natur den besondern Sinn versagt hat , der dazu gehört , um an dieser niedrig komischen Vorbereitungsscene zu einer so ernsthaften Untersuchung Geschmack zu finden . Ich erkenne in dieser unzeitig schäkerhaften Hasenjagd , wobei der Leser sich noch allerlei possierliche Gebärdungen und Grimassen hinzu denken muß , höchstens eine verunglückte Nachahmung irgend einer Aristophanischen Possenscene , und allenfalls den Pseudo-Sokrates der Wolken , aber nichts weniger als die fröhliche Laune dieses immer heitern und wohlgemuthen , aber zugleich immer gesetzten und die Würde seines Charakters nie vergessenden Sokrates , mit welchem ich lange genug gelebt habe , um das feine Salz , womit sein Scherz gewürzt zu seyn pflegte , von dem widerlichen Meersalz unterscheiden zu können , worein Plato hier ( im Zorn der Grazien , die ihm sonst hold genug zu seyn pflegen ) einen so unglücklichen Mißgriff gethan hat . Und was ist nun das Resultat der Entdeckung , die er itzt auf einmal gemacht haben will , nachdem er uns schon so lange in so weit ausgeholten Kreisen um den Brei herumgeführt hat ? Oder vielmehr , wie sieht denn der Vogel aus , den er diese ganze Zeit über in der Hand hatte , und uns in einem Anstoß von jugendlich muthwilliger Spaßhaftigkeit selbst so lange in allen Hecken und Büschen suchen half ? - Man erwartet , wie billig , daß er sich endlich entschließen werde die Hand aufzuthun , und dem armen , vor Neugier und Ungeduld beinahe platzenden Glaukon den seltnen Wundervogel vorzuzeigen . Aber nein ! Dieser Sokrates sagt und thut nichts wie andre Menschenkinder , und bei ihm wird uns das schale Vergnügen einer immerwährenden Ueberraschung bis zur Uebersättigung zu Theil . Er öffnet zwar die Hand nur eben so weit , daß das Vögelchen mit der Spitze des Schnabels hervorgucken kann , macht sie aber sogleich wieder zu , fängt wieder von neuem zu subtilisiren und chicaniren an , und wozu ? - Um durch eine Menge unnöthiger Fragen ( womit er den ehrlichen Glaukon und uns um so billiger verschonen konnte , da das alles im Vorhergehenden bereits einige Stunden lang mit der mühseligsten Genauigkeit aufs Reine gebracht worden war ) und durch eine lange Reihe von Gleichungen zu unsrer großen Verwunderung endlich heraus zu bringen : die Gerechtigkeit seiner Republik bestehe darin , daß ein jeder einzelner Bürger der drei Classen , aus welchen sie zusammengesetzt ist , schlechterdings nur das Eine , wozu er am meisten Geschick hat und wodurch er dem Ganzen am nützlichsten seyn kann , und sonst nichts anders treibe . Wenn ich die verschiedenen , zum Theil sehr verschraubten Formeln , in welchen er diesen Satz aufstellt , recht verstehe , so läuft alles darauf hinaus : daß in seiner Republik jeder Mensch und jedes Ding gerade das ist , was es seiner Natur und Bestimmung nach seyn soll ; oder um die Sache noch kürzer zu geben : daß jedes das , was es ist , immer ist . Da ein Wort doch weiter nichts als das Zeichen einer Sache , oder vielmehr der Vorstellung die wir von ihr haben , ist , so kann es dem Wort Gerechtigkeit allerdings gleich viel seyn , was Plato damit zu bezeichnen beliebt ; aber der Sprache ist dieß nicht gleichgültig ; und ich sehe nicht mit welchem Recht ein einzelner Mann , Philosoph oder Schuster , sich anmaßen könne , Worte , denen der Sprachgebrauch eine gewisse Bedeutung gegeben hat , etwas anders heißen zu lassen als sie bisher immer geheißen haben . Was Plato unter verschiedenen Formeln Gerechtigkeit nennt , ist bald die innere Wahrheit und Güte eines Dinges , die ihm eben dadurch , daß es recht ist , oder daß es ist was es seyn soll , zukommt ; bald die Ordnung , die daraus entsteht , wenn viele verschiedene mit einander zu einem gewissen Zweck in Verbindung stehende Dinge das , was sie vermöge dieser Verbindung seyn sollen , immer sind ; bald die Harmonie , die eine natürliche Wirkung dieser Ordnung ist . Aber fürs erste , wenn sein Geheimniß weiter nichts als das war , so hätte er uns , däucht mich , die Mühe einer so langwierigen und langweiligen Initiation ersparen können ; und zweitens wird es , wenigstens außerhalb seiner eigenen Republik , wohl immer bei der gewöhnlichen allenthalben angenommenen Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit verbleiben ; und der alte Simonides wird um so mehr Recht behalten , da alle Platonischen Formeln ohne große Mühe sich mit der seinigen in Gleichung setzen lassen . Denn , indem die Obrigkeit in seinem Staat das ist , was sie seyn soll und nichts anders , erhält und gibt sie ( wie er beiläufig selbst gesteht ) dem Staat und jedem einzelnen Gliede desselben , was sie ihm vermöge ihrer Bestimmung schuldig ist ; und eben dasselbe gilt von der Classe der Beschützer oder Soldaten , und von den sämmtlichen Künstlern , Handwerkern , Feldbauern , Kaufleuten , Krämern u.s.w. , welche Plato mehr seiner Hypothese zu Gefallen , als aus hinlänglichem Grunde , ohne sich viel um sie zu bekümmern , in die dritte Classe zusammengeworfen hat . Unser platonisirender Sokratiskus hatte sich anheischig gemacht , am Beispiel einer gerechten Republik im Großen zu zeigen , was Gerechtigkeit in der Seele eines Menschen gleichsam im Kleinen sey . Das erste also , was ihm oblag , war , das Bild eines gerechten , d.i. in sich selbst vollendeten oder vollkommenen Staats zu entwerfen ; und dieß ist es , was er bisher nach seiner Weise geleistet hat . Er fand daß ein ächtes Gemeinwesen - dessen Grundgesetz ist , daß jedes Glied desselben ausschließlich ein einziges zum Wohl des ganzen unentbehrliches Geschäft treibe und dazu erzogen werde , - nothwendig aus drei Classen von Bürgern , aus Regenten , Räthen und Aufsehern , aus bewaffneten Beschützern , und aus einer für die Wohnung , Nahrung , Kleidung , Bewaffnung und andere solche Bedürfnisse des Staats und seiner Bürger um Lohn arbeitenden Classe bestehen müsse ; und daß auf der Einschränkung eines jeden Bürgers in den Kreis der einzigen Beschäftigung wozu er am besten taugt , und auf der strengsten Unterwürfigkeit unter die Gesetze und die Regierung , die gesunde Beschaffenheit des Staats ( die ihm Gerechtigkeit heißt ) so wie auf dieser die Erhaltung und der Wohlstand desselben beruhe . Um nun die Anwendung dieser Erklärung der Gerechtigkeit auf den einzelnen Menschen zu machen , und sich dadurch auch des zweiten Theils seines Versprechens zu entledigen , unternimmt er seinen Zuhörern zu zeigen : daß in der menschlichen Seele eben dieselbe Verfassung stattfinde , wie in seiner Republik ; nämlich daß sie , wie diese , aus drei Haupttheilen , oder eigentlich aus drei ihrer Natur nach verschiedenen wiewohl zusammen Ein Ganzes ausmachenden Seelen bestehe23 ; in deren unterster alle Arten von sinnlicher , eigennütziger , an sich selbst unvernünftiger , zügelloser und unersättlicher Begierden , in der zweiten ein gewisses muthiges , zürnendes , an sich selbst wildes und unbändiges Wesen ( Thymos vom Plato genannt ) , das sich gegen alles , was ihm als schlecht , unedel , ungerecht und ordnungswidrig erscheint , empört und ihm aus allen Kräften entgegenkämpft , in der dritten und höchsten endlich die Vernunft , und ein unaufhörliches Streben nach der Wissenschaft des Wahren und Guten , ihren Sitz haben . Die sämmtlichen Begierden nach Genuß und Besitz körperlicher Gegenstände und allen Arten von sinnlichen Befriedigungen sind ihm in der Seele , was die mechanische um Lohn und Gewinn arbeitende Classe in der Republik ; zwar zum Leben eben so unentbehrlich , wie diese , aber sich selbst überlassen , können sie ( wie jene , wofern sie nicht durch die beiden obern Classen in der Zucht erhalten würden ) als blinde und ihrer Befriedigung alles aufopfernde Triebe nichts als Unheil in der innern Republik des Menschen stiften . Um den Wohlstand derselben befördern zu helfen , müssen sie also der Vernunft unterworfen und von dieser immer unter strenger Zucht gehalten werden . Der bewaffneten Classe oder den Beschützern in Platons Republik entspricht in der inneren Oekonomie des Menschen das ( vorgebliche ) zornmüthige , streitbare , ruhmbegierige , Wollust und Eigennutz verachtende , nichts fürchtende , und allem Widerstand Trotz bietende Princip Thymos , dessen Bestimmung ist , die Regierung der Vernunft zu unterstützen , ihre Rechte zu schirmen , und den Pöbel der Begierden in gehöriger Ordnung und Unterwürfigkeit zu erhalten ; welches aber , um diese Bestimmung nie zu verfehlen , zuvor selbst durch Musik und Gymnastik gebändigt und gezüchtet , die Oberherrschaft der Vernunft , als des natürlichen Regenten dieser Republik im Menschen , immer anerkennen und seinen höchsten Stolz bloß darin suchen muß , in Vollziehung ihres Willens keine Gefahr , kein Ungemach , keinen Schmerz zu scheuen , der Erfüllung