durch andere , als durch stille Taten beizusteuern , aber was ihm versagt blieb , wurde seinen drei Söhnen um so reichlicher gewährt . Diese drei Söhne waren : August Ludwig , Alexander und Eberhard . Nur dem Namen des Ältesten begegnen wir in der Friedersdorfer Kirche . Über der Eingangstür , in ziemlicher Höhe , befindet sich ein reicher , in drei Felder geteilter Goldrahmen , in dessen Mittelfeld wir das Bildnis August Ludwigs von der Marwitz , rechts und links aber die Bildnisse seiner beiden Frauen erblicken . Besonders das Bildnis seiner ersten Frau , einer geborenen Gräfin Brühl , zeichnet sich durch einen Ausdruck gewinnender Liebenswürdigkeit aus und prägt sich dem Gedächtnis des Beschauers ein . Über den Charakter und reichen Lebensinhalt dieses für die Entwicklungsgeschichte unseres Vaterlandes bedeutungsvollen Mannes spreche ich nunmehr ausführlicher in dem folgenden Kapitel . Friedrich August Ludwig von der Marwitz Friedrich August Ludwig von der Marwitz Er hats verschmäht sich um den Kranz zu mühen , Den unsre Zeit , die feile Modedirne , Geschäftig flicht für jede flache Stirne , – Er sah nach oben , wo die Sterne blühen . Die Marwitze haben dem Lande manchen braven Soldaten , manchen festen Charakter gegeben , keinen aber braver und fester , als Friedrich August Ludwig von der Marwitz , dessen Auftreten einen Wendepunkt in unserem staatlichen Leben bedeutet . Erst von Marwitz ' Zeiten ab existiert in Preußen ein politischer Meinungskampf . Das achtzehnte Jahrhundert mit seinem rocher de bronze hatte hierlands überhaupt keinen Widerstand gekannt , und die Opposition , die während der drei vorhergehenden Jahrhunderte , von den Tagen der Quitzows an bis zum Regierungsausgange des Großen Kurfürsten , oft ernsthaft genug hervorgetreten war , war immer nur eine Opposition des Rechts oder der Selbstsucht gewesen . Ein Ideenkampf auf politischem Gebiete lag jenen Tagen fern . Das geistige Leben der Reformationszeit und der ihr folgenden Epoche bewegte sich innerhalb der Kirche . Erst die Französische Revolution schuf politisch-freiheitliche Gedanken , und aus der Auflehnung gegen den siegreichen Strom derselben , aus dem ernsten Unternehmen , Idee mit Idee und geistige Dinge mit geistigen Waffen bekämpfen zu wollen , gingen wahrhaft politische Parteien und ein wirklich politisches Leben hervor . Derjenige , der , meines Wissens , zuerst den Mut hatte , diesen Kampf aufzunehmen , war Marwitz . Ich gedenke – zum Teil nach seinen eigenen Worten und Aufzeichnungen – zunächst die äußern Fakten seines Lebens und im Anschluß daran eine Schilderung seines Charakters zu geben . Die gereifteren und deshalb ruhigeren Anschauungen , zu denen sich unsere politischen Parteien hindurch gearbeitet haben , ermöglichen es uns , mit Unbefangenheit an unsere Aufgabe heranzutreten . Wie viele auch , mit größerem oder geringerem Recht , bestrebt sein mögen , Einzelparagraphen des Konservatismus zu bekämpfen , das Prinzip selbst ist von jedem Denkenden anerkannt . Die Tage des Kampfes sind nicht vorbei , nur die der Verdächtigung sind hoffentlich überwunden . Wir wünschen uns frischen und freien Wind in den Segeln unseres Staatsschiffs , aber wir brauchen auch den rettenden Anker , der uns auf tiefem Grunde mit seinem Eisenzahne festhält , wenn die frische Brise zum Sturme zu werden droht . Und ein solcher Anker war unser Marwitz . Friedrich August Ludwig von der Marwitz wurde am 29. Mai 1777 zu Berlin geboren , wo seine Eltern , die nur den Sommer über in Friedersdorf lebten , ein Palais in der Wilhelmstraße bewohnten . Das bedeutendste Erlebnis seiner frühen Kinderjahre waren mehrmalige Begegnungen mit dem großen Könige , das erste Mal in Dolgelin , einem Dorfe in der Nähe von Friedersdorf . Er selbst hat die Begegnung in höchst anschaulicher Weise beschrieben . » Der Wagen hielt und der König fragte : › Ist das Dolgelin ? ‹ – › Ja , Ihro Majestät ‹ , lautete die Antwort . Dabei wurde umgespannt . Die Bauern , welche von weitem ganz still mit ehrerbietig gezogenen Hüten standen , kamen sachte näher und schauten den König begierig an . Eine alte Semmelfrau aus Libbenichen nahm mich auf den Arm und hob mich gerade am Wagenfenster in die Höh ' . Ich war nun höchstens eine Elle weit vom König entfernt , und es war mir , als ob ich den lieben Gott ansähe . Er sah ganz gerade vor sich hin durch das Vorderfenster und trug einen alten dreieckigen Montierungshut , dessen hintere gerade Krempe er nach vorn gesetzt und die Schnüre losgemacht hatte , so daß diese Krempe vorn herunter hing und ihn vor der Sonne schützte . Die Hutkordons waren losgerissen und tanzten auf dieser heruntergelassenen Krempe hin und her , die weiße Generalsfeder am Hut war zerrissen und schmutzig , die einfache blaue Montierung mit roten Aufschlägen , Kragen und goldenem Achselband alt und bestaubt , die gelbe Weste voll Tabak . Dazu hatte er schwarze Sammethosen an . Ich dachte immer , er würde mich anreden . Ich fürchtete mich gar nicht , hatte aber ein unbeschreibliches Gefühl von Ehrfurcht . Er tat es aber nicht , sondern sah immer gerade aus . Die alte Frau konnte mich nicht lange hoch halten und setzte mich wieder herunter . Da sah der König den Prediger , winkte ihn heran und fragte , wessen Kind das sei ? › Des Herrn von Marwitz auf Friedersdorf . ‹ – › Ist das der General ? ‹ – › Nein , der Kammerherr . ‹ – Der König schwieg , denn er konnte die Kammerherren nicht leiden . « Das zweite Mal , es war im Mai 1785 , sah unser Marwitz den König in Berlin . Die Schilderung , die er uns davon gegeben hat , ist nicht minder lebendig als die vorhergehende . » Er kam geritten auf einem großen weißen Pferde , ohne Zweifel der alte Condé , der nachher noch zwanzig Jahre lang das Gnadenbrot auf der école vétérinaire bekam . Sein Anzug war derselbe wie früher auf der Reise , nur daß der Hut ein wenig besser konditioniert , ordentlich aufgeschlagen und mit der Spitze nach vorn , echt militärisch aufgesetzt war . Hinter ihm waren eine Menge Generale , dann die Adjutanten , endlich die Reitknechte . Das ganze Rondell ( jetzt Belle-Alliance-Platz ) und die Wilhelmstraße waren gedrückt voll Menschen , alle Fenster voll , alle Häupter entblößt , überall das tiefste Schweigen , und auf allen Gesichtern ein Ausdruck von Ehrfurcht und Vertrauen , wie zu dem gerechten Lenker aller Schicksale . Der König ritt ganz allein vorn und grüßte , indem er fortwährend den Hut abnahm . Er beobachtete dabei eine sehr merkwürdige Stufenfolge , je nachdem die aus den Fenstern sich verneigenden Zuschauer es zu verdienen schienen . Bald lüftete er den Hut nur ein wenig bald nahm er ihn vom Haupte und hielt ihn eine Zeitlang neben demselben , bald senkte er ihn bis zur Höhe des Ellbogens herab . Aber diese Bewegung dauerte fortwährend , und sowie er sich bedeckt hatte , sah er schon wieder andere Leute und nahm den Hut wieder ab . Er hatte ihn vom Halleschen Tore bis zur Kochstraße gewiß zweihundertmal abgenommen . Durch dieses ehrfurchtsvolle Schweigen tönte nur der Hufschlag der Pferde und das Geschrei der berlinischen Gassenjungen , die vor ihm tanzten , jauchzten , die Mützen in die Luft warfen , oder neben ihm hersprangen und ihm den Staub von den Stiefeln abwischten . Bei dem Palais der Prinzessin Amalie angekommen , das jetzt dem Prinzen Albrecht gehört , war die Menge noch dichter , denn sie erwartete ihn da . Er lenkte in den Hof hinein , die Flügeltüren gingen auf und die alte , lahme Prinzessin Amalie , auf zwei Damen gestützt , die Oberhofmeisterin hinter ihr , wankte die flachen Stiegen hinab , ihm entgegen . Sowie er sie gewahr wurde , setzte er sich in Galopp , hielt , sprang rasch vom Pferde , zog den Hut , umarmte sie , bot ihr den Arm und führte sie die Treppe wieder hinauf . Die Flügeltüren gingen zu , alles war verschwunden , und noch stand die Menge , entblößten Hauptes , schweigend , alle Augen auf den Fleck gerichtet , wo er verschwunden war , und es dauerte eine Weile , bis jeder sich sammelte und ruhig seines Weges ging . « In seinem achten Jahre erhielt Marwitz einen Hofmeister . Er hieß Herr Rosa , war ein völliger Ignorant , aber ein rechtschaffener Mann . Die Unterrichtsmethode , nach der er verfuhr , erwies sich als die einfachste von der Welt , bewährte sich aber durchaus . Schröckhs allgemeine Weltgeschichte , um ein Beispiel für seine Methode zu geben , wurde vorgelesen , was ungefähr ein Jahr lang dauerte . War die letzte Seite gelesen , so wurde mit der ersten wieder angefangen . Der Sonnabend gehörte der Repetition . Nachdem Marwitz seinen Schröckh zweimal durch hatte , fingen diese Repetitionsstunden an , eine Redeübung zu werden . Marwitz , mit gutem Gedächtnis ausgerüstet , hatte den Inhalt des Buches beinahe wörtlich im Kopfe und sah sich dadurch in den Stand gesetzt , jedes Kapitel wie eine Erzählung vorzutragen . Der Vorteil , der dadurch gewonnen wurde , war ein doppelter : die Dinge saßen fest fürs Leben und die Gewohnheit des Vortraghaltens gewann ihm die nicht hoch genug zu schätzende Fähigkeit , aus dem Stegreif zusammenhängend reden zu können . Dreizehn Jahre alt trat Marwitz als Junker in das Regiment Gensdarmes , also in dasselbe Regiment , in dem schon so viele Marwitze , darunter zwei seiner Oheime , gedient und Ruhm und Auszeichnung gefunden hatten . Dieser Eintritt verstand sich ganz von selbst ; an die Möglichkeit eines andern Berufs war im Vaterhause nie gedacht worden . Marwitz gedachte dessen immer voll Dank , denn wie wenig auch die Verhältnisse ihm zu Gunst und Willen gewesen waren , immer blieb er dabei , daß das Leben des Kriegers das schönste und der Krieg der Prüfstein des Mannes sei . In etwas einseitiger , aber charakteristischer Auffassung schrieb er darüber noch kurz vor seinem Tode : » Zu vieles Lernen ertötet den Charakter . Im Kriege nur fallen all die Künste weg , welche den Schein an die Stelle des Verdienstes setzen . Diese Eigenheit des Krieges wird nicht genugsam erkannt . Blick und Urteil unter erschwerenden Umständen , Tapferkeit und Ausdauer können nirgends anders als im Kriege gezeigt und erprobt werden . Nur hier kann man mit Sicherheit auf den Charakter des Menschen schließen . « Marwitz war also Junker im Regiment Gensdarmes . Wie er zeitlebens alles ernst nahm , so auch den Dienst . Der noch knabenhafte Körper mußte dem starken Willen gehorchen , und der Junker avancierte zum Kornett und Offizier . Klein wie er war , machte ihm das Reitenlernen die größte Schwierigkeit , aber je mehr er diese Schwierigkeit empfand , desto mehr war er bestrebt , sie zu überwinden . Zu jeder Tageszeit saß er zu Pferde , gab aufs genaueste bei denen acht , die als die besten Lehrer und Stallmeister galten , und fragte , versuchte und quälte sich so lange , bis er endlich völlig triumphierte und zu einem der besten Reiter des Regiments wurde . Das wollte damals etwas sagen ; denn wenn man den Erzählungen und Berichten Glauben schenken darf , die Marwitz über diesen Gegenstand – dem er auch in späterer Zeit noch besondere Aufmerksamkeit widmete – hinterlassen hat , so war die Kunst des Reitens nur in der alten Armee zu Hause und wurde in die neue Heeresorganisation nicht mit herübergenommen . Während des Krieges und nach demselben saß man noch zu Pferde , aber man ritt nicht mehr . Mit wahrer Begeisterung gedachte deshalb Marwitz seiner Leutnantstage , wo diese Kunst noch geblüht hatte , und erzählte mit Vorliebe von den Jagdspielen , die damals von Kavallerieoffizieren der Berliner Garnison im Tiergarten aufgeführt wurden . Leutnant Rothkirch von den Gensdarmes ( » ein gewaltiger Reiter , wie es keinen mehr gibt « , setzt er hinzu ) machte den Hirsch und verbarg sich im Walde ; die andern waren Jäger und Hunde . Es wurde parforcemäßig lanciert und dann gejagt ; der Hirsch sollte gegriffen werden , was aber fast niemals gelang . Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts brachte Krieg . Marwitz machte 1790 den resultatlosen polnischen Feldzug , 1793 – 1795 die Rheinkampagne mit ; wichtiger aber als diese Kriegsereignisse , an denen er bei seiner Jugend keinen hervorragenden Anteil nehmen konnte , war für ihn , besonders für seine geistige Entwicklung , die Rückkehr des Obersten Baron von der Goltz , der eine lange Reihe von Jahren hindurch in Paris als preußischer Gesandter gelebt hatte . Baron von der Goltz war ein naher Verwandter der Marwitzschen Familie und verbrachte seine Abende mit Vorliebe im Hause derselben . Die Französische Revolution und ihre Ursachen bildeten natürlich einen unerschöpflichen Stoff für die Unterhaltung . Der ehemalige Gesandte , der ein Vierteljahrhundert und länger den Ereignissen der französischen Hauptstadt gefolgt war und mit scharfem Auge die Schwächen und Fehler des Hofes , die Machinationen der politischen Gegner und die Verworfenheit , Keckheit und dämonische Zuchtlosigkeit der Volksmassen und ihrer Führer beobachtet hatte , war natürlich schon damals befähigt , Aufschlüsse über die Triebfedern und zugleich eine Gesamtdarstellung des großen Ereignisses zu geben , wie es der Geschichtsschreibung , der ein Wust traditioneller Lobpreisung im Wege stand , erst in viel späteren Jahren möglich geworden ist . Er hatte alle kleinen und schlechten Leidenschaften in dem Hexenkessel tätig gesehen und mußte natürlich , durch die Lebendigkeit seiner Schilderungen und die Überlegenheit seines politischen Urteils , Anschauungen befestigen , zu denen die Keime von Anfang an im Gemüt unseres Marwitz gelegen hatten . Er war von Natur Royalist ; von da ab begann er es auch mit Bewußtsein zu werden . Noch mehrere Jahre lang blieb Marwitz im Regiment Gensdarmes , bis er im August 1802 seinen Abschied nahm . Was ihn direkt dazu bestimmte , ist schwer zu sagen . Waren es Vorgänge im Regiment , die ihm den Dienst verleideten , war es der frivole Ton der Residenz , der seinem auf Ernst und Wahrheit gestellten Wesen widerstand , oder war es seine Verlobung mit der schönen Gräfin Franziska von Brühl , die im Juli desselben Jahres stattgefunden hatte , gleichviel , er quittierte den Dienst und zog sich nach Friedersdorf zurück . Die Sehnsucht nach der väterlichen Scholle war erwacht ; der Pflug trat an die Stelle des Schwertes . Sein ganzes Wesen ließ keine Halbheit zu , und mit demselben Ernst , mit dem er Soldat gewesen war , ging er jetzt an die Bestellung seiner Äcker , an die Pflege seines Guts . 1803 vermählte er sich . Aber trübe Sterne waren über Schloß Friedersdorf aufgegangen und der Tod trennte nach kaum Jahresfrist ein Band , das die innigste gegenseitige Neigung geschlossen hatte . Marwitz bestattete die geliebte Frau , die sein Freud ' und Stolz gewesen war , und schrieb auf den Grabstein : » Hier ruh ' t mein Glück . « » Hier ruh ' t mein Glück « , und in der Tat , es war , als habe Marwitz sein Glück begraben . Überall , wo sein Herz am verwundbarsten war , da wurde es jetzt verwundet . Was von dem Gange der großen Weltereignisse in seine Einsamkeit drang , steigerte nur die Niedergedrücktheit seines Gemütes . Endlich kam ein großer Schlag , und die politischen Vorgänge , die bis dahin nur Bitteres zu Bitterem gefügt hatten , jetzt schufen sie einen leidenschaftlichen Groll in seinem Herzen , und die Flamme hellen Zorns , die aufschlug , ward ihm zum Segen , indem sie ihn seinem Brüten entriß . Der Napoleonische Übermut hatte Schmach auf Schmach gehäuft , neutrales preußisches Gebiet war in herausfordernder Weise verletzt worden ; das durfte , das konnte nicht ertragen werden . Österreich und Rußland standen bereits im Felde ; Preußen mußte seine Truppen zu dem vereinigten Heere beider stoßen lassen ; der Krieg war sicher – wenigstens in Marwitzs Augen . Er riß sich heraus , suchte beim Könige seinen Wiedereintritt nach , erhielt ihn und wurde mit dem Range eines Rittmeisters zum Adjutanten des Fürsten von Hohenlohe ernannt . Aber nicht jeder in preußischen Landen war damals ein Marwitz . Viele wurden durch Furcht und selbstsüchtige Bequemlichkeit in ihren Ansichten bestimmt , andere trieben das traurige Geschäft der » Staatskünstelei « . Noch viele Jahre später konnte Marwitz in nur zu gerechtfertigtem Unmut ausrufen : » Was redet man beständig von dem edlen Enthusiasmus von 1813 ? 1805 war es Zeit , edlen Enthusiasmus zu zeigen . Damals galt es , noch ehe man selbst im großen und kleinen etwas verloren hatte , Schmach und Verderben vom Vaterlande fernzuhalten . Als nachher , wie zu gerechter Strafe , ein jeder in seinem Hause geplagt und gepeinigt und , um ein wesentliches nicht zu vergessen , die französische Armee in Rußland durch die Strafgerichte Gottes vernichtet war – da war es keine Kunst , Enthusiasmus zu zeigen . « Der Tag von Austerlitz brach an , ehe Preußen sich entschlossen hatte ; nach diesem Tage war es unnötig , noch kriegerische Entschlüsse zu fassen . Es blieb Friede , freilich ein Friede wie Gewitterschwüle , und Marwitz , nachdem er zum zweiten Male seinen Abschied genommen , kehrte nach dem väterlichen Gute zurück . Die Erfahrungen der letzten Monate , die Schwäche , die Halbheit , die Indifferenz , ja die ausgesprochene französische Gesinnung , der er fast überall in der Hauptstadt begegnet war , während schon die Napoleonischen Adler stoßbereit über Preußen schwebten , alles das hatte wenig dazu beitragen können , seinem Gemüte den Mut und die Freudigkeit zurückzugeben , die ihn zehn Jahre früher erfüllt hatten , wenn er bei » Hirsch und Jäger « im Berliner Tiergarten einer der eifrigsten unter den Eifrigen gewesen war . Trübes Gewölk hing jetzt andauernd über ihm , und wenn auf länger oder kürzer das Wetter verschwunden schien , das drohend über dem Lande stand , so traf es ihn doppelt hart am eigenen Herd . Das Kriegsfeuer , das die Luft hätte reinigen können , war dem Lande zur Unzeit erspart geblieben , aber auf seinem eigenen Hofe brach ein Feuer aus und zerstörte Ställe und Scheunen und die Ernte des letzten Jahres . Zu der inneren Not gesellte sich äußere Bedrängnis ; was ihn aufrecht hielt , war ein starkes Gottvertrauen und das bestimmte Gefühl , daß neue Not und neue Kämpfe bevorstünden , gegen die es geboten sei , sich zu waffnen . Das Unglück , das ihn traf , rüstete ihn gegen größeres . Dieses » größere « , wer kennte es nicht ! Die Kaiserkatze , die so lange mit der Maus gespielt hatte , jetzt war sie des Spieles müde und hob die Tatze , um tödlich zu treffen . Der Kampf war unvermeidlich geworden . Zum dritten Male trat Marwitz ein ; er hoffte nichts , aber gleichviel , er liebte es , da zu stehen , wohin ihn Pflicht und Ehre stellten , unbekümmert darum , ob ihm auch die Hoffnung zur Seite stehe . Fürst Hohenlohe , der ihn schätzen gelernt hatte , erbat ihn sich abermals als Adjutanten . Der König willigte ein . So kam der Nebelmorgen jenes vierzehnten Oktober , der soviel Schmach und Elend in seinen Schleiern barg . An Marwitz lag es nicht , daß der Ausgang des Tages war , wie er war ; das Pferd wurde ihm unterm Leibe getötet , sein Hut von Kugeln durchlöchert , mehr als einmal führte er wankende Regimenter in die Schlachtreihe zurück , – umsonst , die Anstrengungen der einzelnen vermochten nichts . Geist , Leben , Siegeszuversicht waren , wie aus Land und Volk überhaupt , so auch aus jener stolzen Schöpfung gewichen , die sich die Armee Friedrichs des Großen nannte , und was längst tot war , wurde an jenem Tage sichtlich zu den Toten geworfen . Die gesunden Elemente , soweit sie jener Tag nicht mit begrub , retteten sich in eine bessere Zeit hinüber . Ist es nötig zu sagen , daß Marwitz unter diesen gesunden Elementen war ? Er glaubte an die Wiedererstehung Preußens und arbeitete daran . Die Mittel und Wege , die ihm dazu die rechten dünkten , waren freilich völlig abweichend von dem , was in den Augen der Neugestalter Preußens als das Richtige galt . Er konnte und wollte sich nicht überzeugen , daß Adel und Bürgertum als solche , oder ihr Verhältnis zu einander , das Unglück des Landes verschuldet haben sollten , umgekehrt erschien es ihm , als sei das Unheil hereingebrochen , weil beide Stände ein halbes Jahrhundert lang aufgehört hätten , ein echter Adel 38 und ein rechter Bürgerstand zu sein . Die alten Stände des Landes sollten sich selbst wiederfinden ; der Egoismus sollte ausgefegt , die Zugehörigkeit zum Staat und das Bewußtsein davon neu geboren werden . An die Stelle des Schlendrian und der Laxheit sollten Umsicht , Pflichtgefühl und Rechtsbewußtsein , an die Stelle der Frivolität eine frische Glaubenskraft treten . In diesem Sinne wollte Marwitz reformieren . Gegen den Plan wird sich nichts sagen lassen . Ob es möglich war , ihn auszuführen , diese Frage werde ich später berühren . Die Steinsche Gesetzgebung erschien ihm unpraktisch und revolutionär , aber er war so weit mit ihr einverstanden , als sie die Gebrechen des alten Staates in dem Fehlen alles geistigen Lebens und Inhalts erkannte und durch geistige Mittel helfen wollte . Nur die Mittel selbst schienen ihm nicht richtig gewählt . Marwitz liebte den rheinischen Freiherrn ( Stein ) nicht , aber er respektierte ihn . Anders stand er zu Hardenberg . Dieser war ihm ein Gegenstand entschiedenster Abneigung , seine ganze Natur lehnte sich gegen ihn auf . Hardenberg , im Gegensatze zu Stein , wollte das Wohl des Staates aus der sogenannten » Staatswohlfahrt « gewinnen . Nicht der Geist sollte helfen , sondern das Geld . Diesen Staatswohlfahrtstheorien gegenüber – die in der finanziellen Bedrängnis des Landes ihre Entschuldigung fanden , wenn sie überhaupt der Entschuldigung bedürfen – legte sich Marwitz die Frage vor : Beruht das Heil des Staates auf ökonomischen oder auf moralischen Prinzipien ? Ist der reichste Staat seines Reichtums wegen der glücklichste ? Oder verdient der glücklich genannt zu werden , in welchem die Freiheit der Bürger am festesten gegründet ist , und in welchem die Bürger am ehesten fähig sind , ihr persönliches Wohl dem des Staates nachzusetzen ? Und wenn ein Staat durch die Unbürgerlichkeit seiner Bürger ( Adel , Bürger , Bauer ) gefallen ist , kann ihm durch ökonomische Maßregeln geholfen werden ? Wird es nicht vielmehr darauf ankommen , ob man das verlassene , das abgefallene Volk zur Bürgerlichkeit wieder zurückführen kann ? Und wenn man endlich den entbürgerten , also selbstsüchtigen Individuen Reichtum darreicht , werden sie dadurch bürgerlicher werden oder nicht vielmehr noch selbstsüchtiger ? Diese Fragen waren es , die sein Herz bewegten , und im Sinn und Geist derselben stellte er sich Hardenberg gegenüber . Möglich , daß diese Ideen nie über Schloß Friedersdorf hinaus laut geworden , nirgends ein Samenkorn in die Gemüter anderer gefallen wären , wenn nicht bestimmte Ereignisse des Jahres 1811 unsern Marwitz auf die Schaubühne gerufen und in den Vordergrund politischer Kämpfe gestellt hätten . Wie es immer in solchen Fällen sein muß , ging er , der den Streit aufnahm , vom Zunächstliegenden auf das Große und Allgemeine über . Der Rechtskampf führte zum Prinzipienkampf . So war es immer , wo Ernstes und Nachhaltiges erstritten wurde . Das bloße Sichverlieben in Prinzipien ohne festes Fundament bleibt in der Regel ein energieloses Ding . Die erwähnten Ereignisse aber , die für Marwitzens späteres Auftreten entscheidend wurden , waren die folgenden . Hardenberg war entschlossen , die Macht der Stände zu brechen , ihre Existenz zu streichen ; Schlag auf Schlag fiel gegen die alte Landesinstitution . Er verfuhr nach bester Überzeugung , aber völlig revolutionär , alles mit dem Zwang und Drang der Umstände oder mit einer höheren Staatsraison entschuldigend . Äußerste Dinge geschahen . Königliche Domänen , die an die Stände verkauft , also für ständisches Geld ständisches Eigentum geworden waren , wurden zum zweiten Male an Privatleute verkauft ; ein großer Fonds , den die Stände unter Friedrich II. aus politischem Eifer gebildet hatten , um die endliche Tilgung landesherrlicher Schulden herbeiführen zu können , wurde eingezogen , aber nichtsdestoweniger die Pflicht der Schuldentilgung und Verzinsung bei den Ständen belassen ; endlich drangen Regierungsbeamte in Begleitung von Landreitern in das Landschaftshaus ein , er brachen , als man ihnen die Schlüssel verweigerte , die Kassen des Landarmeninstituts und führten die deponierten Summen ständischen Eigentums gewaltsam fort . Dies alles war geschehen gegen Recht und Billigkeit , ja im Widerspruch mit einer Anerkenntnis , die man erst vier Monate früher gegen die Loyalität und Opferfreudigkeit der Stände ausgesprochen hatte . » Mit Rührung « , so hieß es damals wörtlich in einem von Hardenberg kontrasignierten Erlasse , » haben wir die Beweise von Anhänglichkeit aller Klassen unserer getreuen Untertanen an unsere Person bemerkt , insonderheit auch die Hilfe erkannt , welche uns bei der Sicherstellung der Kontribution an Frankreich und bei der Aufbringung der einstweiligen nötigen Fonds von unsern getreuen Ständen mit größter Bereitwilligkeit geleistet worden ist . « – Und nun , mit Gewaltmaßregeln hatte man geglaubt , der weiteren Hilfsbereitschaft der Stände nachhelfen zu müssen . Viele fühlten die Bitterkeit des Unrechts , aber wenige hatten den Mut auszusprechen , was sie fühlten . Unter diesen wenigen stand Marwitz obenan . Er war der bewußteste und selbstsuchtsloseste und konnte energischer auftreten als andere , weil er im eignen Herzen empfand , daß er den Kampf nicht um äußern Vorteils , nicht um einer » Kasse « , sondern um Rechtes willen aufnahm . Er stellte sich an die Spitze der Lebusischen Stände und protestierte . Er bat nicht , er bettelte nicht , er betonte das ständische Recht . Das war dem Minister zuviel , und je mehr er fühlen mochte , wie schwer der begangene Rechtsbruch sei , desto mehr empfand er die Notwendigkeit , die Klage stumm zu machen . Einschüchterung sollte helfen . Marwitz und Graf Finkenstein , die den Protest abgefaßt hatten , wurden zu » warnendem Exempel « auf die Festung Spandau geschickt . Das Kammergericht selbst , als öffentlicher Ankläger auftretend , verfügte die Verhaftung beider , ohne daß ein Verhör oder eine wirkliche Gerichtsverhandlung stattgefunden hätte . So war denn auch der Anruf der Gerichte den vorweg Verurteilten abgeschnitten . 39 Dies entschied für Marwitzens Lebenszeit , und vor seiner Seele stand von jetzt an das aide toi même . Das alte gekränkte Recht des Landes , den ständischen Staat , der nicht auf dem Wege Rechtens beseitigt war , gegen jeden Angriff zu halten , wurde von nun an seine Aufgabe , sein letztes Ziel . Da andere Schultern zu schwach und zu träge waren , die Last auf sich zu nehmen , so tat er es . Den offenen Widerstand gab er auf , aber er schärfte sich die Waffen des Geistes für einen kommenden Kampf , und die Schwächen der Hardenbergschen Verwaltung sind vielleicht nirgends klarer und scharfsinniger erkannt und rücksichtsloser aufgedeckt worden , als in den ziemlich zahlreichen Denkschriften Marwitzens , die wir jener Epoche steter und energischer Gegnerschaft verdanken . Es sind Musterstücke nach der kritischen Seite hin , auch an Ideen ist kein Mangel . Aber um praktisch-unmittelbar zu helfen , dazu waren diese Ideen entweder überhaupt nicht angetan oder doch zu allgemeiner und weitaussehender Natur , und ihr Bestes ist ihre ideelle Anregung geblieben , die sie denn auch in reichem Maße gegeben haben . Marwitzens Gefangenhaltung hatte im Juli 1811 stattgefunden . Mehr gehoben als gedemütigt war er nach Friedersdorf zurückgekehrt , voll des Gefühls , einen guten Kampf gekämpft zu haben . Mit gerechtem Selbstbewußtsein schrieb er später die Worte nieder : » Ich genoß seitdem eine weit verbreitetere Achtung und ward von allen Erbärmlichen geflohen als einer , in dessen Nähe man sich leicht verbrennen kann . « So kam der Winter 1812 auf 1813 . Die französische Armee war vernichtet , und Marschall Macdonald , der das abgetrennt operierende zehnte Korps kommandierte , hatte ausgerufen : » Où est la grande armée ? La grande armée , c ' est le dixième corps . « Die berühmte Kapitulation von Tauroggen war geschlossen ; Alexander von der Marwitz , der jüngere Bruder , der damals in Potsdam lebte , brachte die Nachricht in fliegender Eile nach Friedersdorf . » Jetzt oder nie ! « Beide Brüder waren einig , daß ein rasches und entschiedenes Parteiergreifen die Vernichtung des kaiserlichen Heeres , den Sturz Napoleons notwendig im Gefolge haben müsse ; aber man war auch einig darin , daß es zweifelhaft sei , ob man in Berlin zu einem entschiedenen Parteiergreifen sich entschließen werde . Der jüngere Bruder drang in den älteren , Schritte zu diesem Zwecke zu tun , rasche Entschlüsse zu fördern , die Schwankenden fest zu machen . » Du mußt nach Berlin , zu – Hardenberg . « Marwitz stutzte . Der Bruder aber fuhr mit siegender Beredsamkeit fort : » Dies ist kein Moment der Abwägungen ; eile ! Hardenberg ist bestimmbar und in einem ehrlich , in seinem Hasse gegen Frankreich . Vielleicht bedarf es nur eines Anstoßes . Schon dein Erscheinen nach der unwürdigen Behandlung , die du von ihm erfahren und die du mit Würde getragen , wird einen tiefen Eindruck auf ihn machen . Es muß wirken . Viel ist gewonnen , sobald du mit eingreifst . « Marwitz ging wirklich . Er ließ sich melden und trat ein . Diese merkwürdige Begegnung mit seinem alten Gegner hat er selbst beschrieben . » Ich