darauf , von welcher Seite man es sieht . Erhabener Stolz - Eitelkeit unbefriedigter Ruhmsucht - wie nahe hängt das zusammen ! Nein , Leonharts geistige Größe hatte zu moralischer Größe sich nie emporgeschwungen . Das höchste , das moralische Genie blieb ihm versagt . Wohl war ' s der Größenwahn des Genies , aber selbstüberhebender Größenwahn lallte auch hier . Die Krankheit des Jahrhunderts hatte auch ihn verzehrt , in ihm ihre herrlichste Beute gefunden . Sein Ich über alle menschlichen Schranken hinaus dem Schöpfer entgegenspreizen - das ist nicht Größe , das ist Großmannssucht . Die wahre Größe und die wahre Weisheit ist demüthig , weil sie es sein muß , ehrfürchtig dem Unerforschlichen sich beugend . Den Kampf an Jaboks Furth , Gott wider Mensch , besteht auch der stärkste Ringer nur mit verrenkter Hüfte . Wer Gott nur als Tyrannen anerkennt , der vom Gewaltthron niederglotzt auf den Freien , den er foltert , - der wird den Verborgenen nimmer schauen , der in Allem sich offenbarte , wird nie in inniger Gottverschmelzung den Weltumlauf vollbringen , wird nie sich freudig verbluten im heiligen Feuer der Lebensgemeinschaft mit Gott . Krastiniks Idol lag in Stücken . Das war kein Messias , das war ein schwacher sündiger Mensch wie alle , nur mit dem Zufall einer abnorm feinen Gehirnstruktur , vielleicht auch mit doppeltem Hirngewicht , wie sich bei Byron ' s phänomenal kleinem Schädel bei der Leichenobduction ergab . Das war alles . Höchstens seine innere Wahrhaftigkeit vor sich selbst , wie sie ja auch theilweise den verschwiegenen Blättern dieses Tagebuchs anvertraut , die unbestechliche Selbsterkenntniß erhob ihn über die Menge . Aber die rechte Selbsterkenntniß war es doch nicht . Denn die hätte ihn über sich selbst erhoben . Sich erkennen heißt Gott erkennen , aus dem menschlichen Nichts sich zum Ewigen hinüberretten in Demuth und Entsagung . Das alles wurde dem einsamen Denker nur halbbewußt und instinktiv klar . Er empfand es wie den Gnadenstoß , wie den Todesstreich seiner Geistesentwickelung . In dem Todten hatte er einen Uebermenschen und Heros gesehen , dessen Cultus er auch nach dem Tode mit der Pietät eines Jüngers bewahren durfte . Und nun lag dies Idol vor einer höheren Erkenntniß in Stücke gebrochen . Wo war hier der Kampf für eine große Sache ? Nur der Kampf für die kleine Sache des eigenen großen Ichs , das Durchsetzen seines Herrscherrechts , nur souverainer Egoismus , wenn auch erhabener Art , hatte dies dämonische Leben ausgefüllt . Und so hatte es denn an sich selbst die Strafe vollstreckt , die gerechte Strafe . Hänge Dein Herz nicht an Menschen ! Alles Vergängliche ist nur ein Gleichniß . - Krastinik barg sein Haupt in seine Hände und weinte bitterlich . Da - - wie , ein Telegramm aus Siebenbürgen , direkt » Bad Scheveningen « adressirt ? Was mochte das bedeuten ? - - Im Leben selbst überstürzen sich die Ereignisse so , daß man das Seltsam-Absichtliche des Zufalls kaum gewahrt . Aber dies war mehr als Zufall , das war Schicksalsfügung , wie so manches Frühere . Sein Bruder auf der Jagd mit dem Pferde gestürzt . Gefährliche Verletzung . Das sofortige Erscheinen Xavers wurde dringend erbeten . - - Was sollte er auch noch länger hier treiben ! Der Geistesarbeit hatte er ja Valet gesagt . Ja , die Phrenologie hatte gelogen , wie alles Andere auch . Auch sie ist Phrase und Humbug . Nur fort , fort von diesem Meere , dem Sinnbild der Ewigkeit , das ihn medusenäugig anstarrte . Und doch wie schwer , von ihm zu scheiden ! Wie schwer sich loszureißen , wenn man das Ewige angeschaut und den letzten Fragen ins Auge sah ! - - Das Meer hielt seine Siesta . Rings schillerten zahllose Sonnenpünktchen wie Myriaden goldener Mücken über der Tiefe . Freilich , so friedlich der glatte Spiegel , drunten in der Tiefe ist ' s fürchterlich . Da tobt der Kampf der Lebewesen , Einer frißt den Andern . Ein Bild der menschlichen Gesellschaft , die ja auch nur ein Abbild des Thierreiches . Die Felsblöcke , träge in der Brandung badend , glichen versteinerten Robben . Einer trug eine Wallroßftirn , ein Anderer eine Alligatorschnauze . Auf einem Steine , der von Wellen fast ganz umspült , stritten Sonne und Meer um die Herrschaft . Bald wurde der trockene Flecken in der Mitte der Steinspitze überschäumt , bald vergrößerte er sich sogar durch die jede Nässe verzehrende Leuchtkraft der Sonne . So kämpft in einer Seele , die von den Wogen des Lebens überschüttet , warme Lebenslust mit naßkalter Erstarrung . In der Ferne hüpften die Sprungwellen unablässig an einer Sandbank empor und über sie hin schwammen die Butterflecke der Sonne , wie Fettaugen auf einem Suppenteller . Der eigenthümliche Geruch des Seetangs ( wie ein erotisches Excrement des selbstverliebten Meeres ) mischte sich dem Salz-Ozon . Ein enteilender Dampfer ließ über die spiegelglatte Fläche das nachschleppende Silberband seiner Furche hingleiten . Ueber dem Ufer-Wald stand ein Regenbogen und eine Möve flitzte wie ein weißer Pfeil darunter hin . Die Segel der grünen Boote hoben sich goldgelb von der hellblauen Fläche ab , die wie in einer Waschschüssel teich-ruhig lag . Grüne Wasserstreifen zeichneten sich langgezogen in die windstille Fluth . Die Wolken bekamen einen matten Ton , goldgelb flimmerten die Dünenhügel , wie mit einer Bernsteinlasur überhaucht von der sinkenden Sonne . Es dunkelte . Laubumkränzte Kähne kehrten heim mit Musik und Lampions von einer Ruderwettfahrt . Feuerwerk stieg auf , Meerleuchten verklärte die dämmernde Ferne . Ein Dampfer draußen auf dem offenen Meer spritzte sein elektrisches Licht in trichterförmigem Strahl weithin , als bespritzte eine Gießkanne weite Rasenflächen . Ernstes feierliches Meer ! Wie du in Mondscheinnächten die Erde umwallst , so wallt ums weite All mit Fluth und Ebbe das große Weltgeschick . Wie mit Schlüsseln von lauterem Gold schien der Mond das Geheimniß der Tiefe zu erschließen . Wollustweich wie Brüste flossen die wölbigen Wellen . Drunten klagen Osterglocken , wo eine bunte Welt versunken ruht . Doch nur der vernimmt die Glocken , wer auf Erden heimwehkrank . Blast , Winde , blast und , Fluthen rollt ! Die Meerfei drunten im krystallenen Schloß lispelt verführend : Wie so süß ist der Tod ! Wolkenrappen spannten sich an den Wagen des Sturms , der langsam heraufzog . Dies allgewaltige Meer alleine böte Raum , um die Unermeßlichkeit einer unirdischen Sehnsucht zu betten . Grenzenlos wie eines Genius Gedanken schäumen die heiligen Wogen . Was tobst du , Sturm , was brüllt ihr hinauf zu den Sternen o Wogen ? Was seid ihr gegen den Sturm in eines Menschen Brust ! Ihr kommt und geht , eine verschlingt die andere , in ewigem Auferstehen ringt ihr zu nie gefundenem Ziel . Warum , wozu ? Warum immer neue Zeiten und neue Wesen , lärmend und brandend , bis daß sie in Schaum zergehen ? Der wechselnde Strom des Lebens braust hinab in die ewige Leere und wir versinken mit unsrer Zeit in dem einen , dem ewigen Grab . VI. Der Rheindampfer ( einer der letzten der Saison ) fuhr rheinaufwärts . Die Wandeldekoration der Burgen und Kirchen glitt vorüber . Schon wurde Lorch passirt . Krastinik mußte bald einsam am Stern promeniren , da er die naiven Sonntagsreisenden des Dampfers nicht vertragen konnte . Einen Vielgereisten peinigt manchmal das Geschwätz von Neulingen , wie prahlende Unwissenheit . Fahren Berliner nach Heringsdorf oder Misdroy übers Haff , so glauben sie eine ansehnliche Seereise zu machen und vergleichen dabei die Ostseedampfer mit den Dampfern auf dem Vierwaldstätter See , um durch diesen unmöglichen Vergleich ihre Vielgereistheit darzuthun . Aehnlicher Austausch ungeheurer Erfahrungen schwirrte auch hier hin und her , so daß der finstre Weltbummler es wie eine Beleidigung empfand , die glückliche Unschuld der harmlosen Reisenden neben seinen ( doch auch noch recht jungfräulichen ) Reisekenntnissen dulden zu müssen . Denn es bleibt doch immer wahr : Wer am meisten erlebte , schweigt . Die Sonne ging zur Rüste . Alle Ferngläser richteten sich nach der Seite des Niederwalds , wo die Bildsäule der Germania den Rheingau bewacht . Eine kleine Musikbande , die an Bord gekommen war , spielte die Wacht am Rhein . Patriotische Gespräche wurden laut , man erwog den nahenden europäischen Krieg und seine Chancen . Jemand zog eine Zeitung vom gestrigen Tage aus der Brusttasche , woselbst unser großer nationaler Sänger , Regierungsrath Adalbert von Alvers , seinen Gefühlen in einigen kurzen Strophen » Rheinfahrt « Luft gemacht : Die ehernen Waffen blitzen In scheidender Sonnenglut Und über der Berge Spitzen Rieselt es hin wie Blut . Die Burgen starren wie Drachen Wildzackig in die Flut , Als wollten sie bewachen Niflung ' s versunkenes Gut . Hei , Gold der Nibelungen , Dich hob der Enkel Stahl . Der Tiefe ward entrungen Der alten Krone Strahl . Doch Hunnenstürme brausen Von Ost und West zumal . Noch muß der Balmung sausen Durch Feinde ohne Zahl . Während er schweigsam , die Hände auf dem Rücken , unter den Reisenden stand und ihre Gefühle theilte , ergriff den Grafen plötzlich die Einsicht , daß er ja gar nicht unter sie gehöre ! Er hatte sich im letzten Jahre so gänzlich prussificirt , in Deutschthum eingelebt , daß ihm seine Nicht-Zugehörigkeit gar nicht mehr in Erinnerung lag . Jetzt aber mußte er ja seine Entfremdung fühlen , jetzt wo er auf der Heimreise zum fernsten Ende des » Globus von Ungarn « eilte . Also auch dies Idol wurde ihm entrissen ; sein Adoptiv-Vaterland , in das er sich eingelebt , wie in sein eigenes , wandte ihm langsam den Rücken . Glückliche große Nation ! Durch nichts vom Glück begünstigt , nur durch eigene Kraft zur Größe gelangt ! Und als Symbol an ihrer Spitze den auferstandenen Barbarossa , den kaiserlichen Greis , der alle Geschicke Deutschlands von 1806-70 in sich durchkämpft . Und je älter er wurde und je schwerer seine Bürde , um so milder und gütiger wurde sein väterliches Gemüth . Wohl war er davon durchdrungen , daß er seine Krone direkt von Gottes Gnaden trage , mehr , als einem Sohne der Aufklärungszeit gestattet sein mochte . Aber dies Bewußtsein , daß er ein Gotterkorener , unterschied sich wenig von dem Bewußtsein jedes Heroen , daß ihm eine würdevolle Mission beschieden sei . Denn nicht zu vererben noch gähnend abgelehnten Rechten schien ihm die Krone , sondern neu zu erwerben und zu verdienen durch treue Pflichterfüllung des Thronberufes . Demüthig fühlte er sich nur als ein Gefäß der göttlichen Gnade und jeder persönliche Größenwahn lag hinter ihm in wesenlosem Scheine . Würdig und züchtig , ein Kriegsmann des Allerhöchsten , in makelloser Vornehmheit stand er auf seines Thrones Stufen , die Hand wohlwollend ausgestreckt zum Schirm des Schwachen . Das kleine durchdringende Auge unter der hochgewölbten breitknochigen Stirn und die langgedehnte Nase erinnerten an das größte und weiseste der Thiere , welches die indischen Arier als Gottkönig des Thierreichs verehrten : den Elephanten . Dem Grafen traten wahrhaftig Thränen in die Augen , als er zu dieser stillen Majestät echten Manneswerthes , der sich aus den Schlacken und Beschränktheiten seiner Jugend zu immer höherer Reinheit und Größe der Gesinnung emporrang , mit kindlicher Ehrfurcht aufsah . Welch ein Beispiel für fieberhaft tobenden Größenwahn ! Hier war einmal ein Mensch , selbstgewiß und selbstbewußt , aber nie in Selbstvergötterung verstrickt , unentwegt voll gläubiger Demuth , voll frommer dankbarer Verehrung der unbekannten Mächte , die ihn und die Seinen so weise geführt . Es dunkelte . Wie fackeltragende Gnomen tanzten Lichter an beiden Ufern umher . Krastinik saß allein , neben sich als einzige Genossin eine Flasche Aßmannshäuser . So heftig er jeden Rückfall in Dichterei verschworen , unwiderstehlich quoll ihm von bebenden Lippen das Lied : Ich bin so allein , so ganz allein Auf der weiten Welt . Gleichgültig rauscht vorüber der Rhein , Gleichgültig gleißt der Sternenschein Vom Himmelszelt . Ich bin so allein , so ganz allein Und mein Herz ist voll . Verkannt und unverstanden sein , O nagende plagende Seelenpein , O bittrer Groll ! Ich bin so allein , so ganz allein , In die schweigende Flut Ueber Bord verschütt ' ich den letzten Wein Und schütt ' in Gedanken hinterdrein Mein letztes Blut . Leiden sollst Du , Menschensohn , leiden , bis die Pulse stocken . Und doch will man nicht leiden . Wozu dies Alles , wozu sich immer erneuen in der Erscheinungen Flucht ? Denn ahnen wir nicht , daß wir einst gewesen , daß wir schon lange begraben sind ? Unfaßbare Erinnerung einer Seelenwandrung . Ein lüsterner Falter , gaukeln wir alle unsterblich im flüchtigen Schein . Sind wir das Ewige , das immer neu von Hülle zu Hülle flattert ? In der uferlosen Fluth des Seins untergehn und weiterwogen - - mit allen Welten ruhen im Schooße des Alls - mit Vergangenheit und Zukunft lichtgewobene Brücken schmieden - das allein heißt Unsterblichkeit . Nach dem unsagbar Einen mag Dich die Sehnsucht umsonst berücken , doch ruhe in Dir selbst ! Wie lange dauert ' s und Todesruhe drückt ihr bleiches Siegel auf Deine fiebernde Stirn . Schein ist alles Wesen und stumm verlacht uns das Schicksal . Drum trage auch Du in starrem Schweigen das ewige Einerlei . Schweig und stirb ! Halte den Mund und arbeite ! » Fähnrich , wenn Er stirbt , so sterbe Er ruhig ! « Wenn Du also denkst , dann werden alle Winde , alle Wellen Dich grüßen , die Dich einst als Jüngling mit frommem Schauer durchwogt , und brüderliche Sterne erhellen Dir das alte Märchenland der Sehnsucht . Unser Leben ist selbst nur ein Sinnbild des Welträthsels , das sich langsam aus chaotischem Urschlamm der Sinneserregungen zum hellen Bewußtsein aufringt . Drum , Dichterherold , streue Deine Verse wie Samenkörner , die der Wind in weite ungeahnte Fernen führt ! Die Ernte feiern wir drüben , wenn nicht hier . Drum dresche weiter ! Und siehst Du auch keinen Spiegel Deiner Strahlen , entzünde stets aufs neu der Weisheit Lampe ! So lange ein Acker bleibt , ziehe breit und fest des Fortschritts Furche mit brennender Pflugschar ! - - Aber wenn man nun kein Dichter ist , kein Denker , kein Seher , und dennoch dasselbe Gefühl des Ewigen in sich trägt , ohne ihm artikulirte Laute zu leihen , was dann ? Verfehltes Leben ! Das Schwanken des Lebensschiffes endet nie und die Seekrankheit des Pessimismus hebt immer von neuem an . Nur der sturmgehärtete Seemann schwingt sich furchtlos in den gefährlichen Raaen . Nur eine eigenthümliche Hoheit der Willenskraft , nämlich ideale Kampflust , macht furchtlos und fest , wie die feiende Feder des Simurgh den Rustem vor jeder Fährniß schützt . Gewann er denn nicht lange schon die Einsicht , daß künstlerische Thätigkeit für Höherdenkende ein entehrender Humbug und nur für technische Kunsthandwerker erfreulich sei ? Im Wirken solcher Art Befriedigung suchen , das lag ja heut lange hinter ihm . Ihm däuchte , sein kurzes Herumplätschern im litterarischen Sumpf sei wohl nur ein wüster Traum gewesen . Was für ein Gackern und Schnattern und Truthahn-Kollern , mein Gott ! Auch gegen Leonhart wurde er jetzt ungerecht durch natürliche Reaction , während » dem großen Todten « immer noch Weihrauchdämpfe aus den Spalten aller bedruckten öffentlichen Meinung nachqualmten . Es giebt eine stürmische Vergötterungsmanie selbstsüchtiger Jüngerschaft , die an Petrus ' Zweifelzorn darüber erinnert , daß Christus sich nicht der Kanaille mit Donner und Blitz enthülle ! Solche Jünger und Jüngerinnen transfiguriren sich ihren Meister so zurecht , bis sie vor lauter selbstloser Bewunderung recht selbstsüchtig raisonniren , sobald der Meister mal nicht den Anforderungen ihrer schrankenlosen Begeisterung genügt . Dem Bedürfniß der Jünger gehorsam , muß er immer auf dem Quivive stehn , um beliebige Messiasthaten zu verrichten . » Und der König absolut , wenn er uns den Willen thut . « Gott schütze ihn vor seinen Freunden , mit seinen Feinden wird er schon selber fertig . Drum sah jetzt Krastinik , nachdem ihm die Schuppen von den Augen gefallen und er sein umgekehrtes Damaskus gefunden , nur einen genialen Charlatan und krankhaften Bramarbaseur , wo er einen verzerrten großen Mann bedauern sollte . Mochte ihm Leonharts ewige Selbstbetrachtung widerlich geworden sein , er vergaß darüber dessen Umgebung , das scheußliche Ungeziefer des modernen Kunstproletariats . Entweder Parnassauer , die es für ihr heiliges Recht halten , auf Kosten der ehrlichen Arbeit faul zu schlampampen und ihre Unfähigkeit fortzumästen - oder Macher , die ihr kleines Dichtergeschäft in hellen und dunkelen Stoffen wie die Goldne Hundertzehn annonciren . Krastinik wußte ja , wie nur verzweifelte Nothwehr den Unglücklichen dazu trieb , seine Schöpferruhe zu opfern , um mit der Peitsche die Zöllner und Wucherer aus dem Tempel zu jagen . Wozu also jetzt sein posthumer Groll über die Selbst-Herabschraubung seines Idols , das im Tagesgetümmel sich herumraufte , sich mit Koth bespritzen ließ und selbst mit Kothballen um sich warf ? » Graf « Leonhart hätte das ja gewiß nicht nöthig gehabt und seine hehre Mission ohne Furcht und Tadel erfüllt . Seine Fehler waren die Früchte seines niedergedrückten Lebens und seiner berechtigten Menschenverachtung , seine Tugenden waren sein eigen . Doch diese Reaction eines neuen Standpunktes diente als heilsame Krisis . Das Stadium der persönlichen Hero-Worship war hiermit endgültig überwunden . VII. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Seit acht Tagen saß Graf Xaver Krastinik , der neugebackene Vormund des unmündigen Majoratsherrn , auf dem Schloß seiner Väter . Die gänzliche Umwandlung seiner Lebensverhältnisse überraschte ihn kaum mehr . So märchenhaft reich an Schicksalsschlägen war sein früher so eintönig ruhiges Leben in den letzten zwei Jahren verflossen , daß die Nachricht , welche ihn in Siebenbürgen empfing , ihn kaum befremdete . So eilig er dem Heimruf gefolgt , war er zu spät gekommen . Sein Bruder hatte bei dem Sturz mit dem Pferde so schwere innere Verletzungen davongetragen , daß er drei Tage darauf starb , ein kraftstrotzender Mann in der Blüthe seiner Jahre . Da er seit Jahren Wittwer , setzte sein Testament naturgemäß seinen Bruder zum Vormund der beiden hinterlassenen Kinder Graf Koloman und Comtesse Julie ein . So überkam Xaver die Verantwortung und Pflicht , den ausgedehnten Familienbesitz noch neun Jahre als Vormund zu verwalten . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Neun Jahre hier verbauern ! Es fiel ihm unendlich schwer , sich an diese Aussicht zu gewöhnen und sich auch nur für ' s erste behaglich einzurichten . Das Gefühl der Behaglichkeit läßt sich nicht erzwingen : Es ist einfach da oder nicht . Ein ganz gesunder Mensch fühlt die Existenz selbst als Genuß . Durch andrer Warnung wurde noch nie ein Mensch gebessert . Man muß sich selbst erziehn , indem man aus eigner Erfahrung für alle Dinge bezeichnende Formeln findet . Die Strafe der widerwärtigen Abhängigkeit von Außendingen bleibt niemals aus . Nur das Innere bleibt fehlerlos , während die Außenwelt unaufhörliche Fehler birgt . Geistige Arbeit scheint einzige Rettung , indem sie ganz über die Außendinge hinweghilft . Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden ! Denn diejenige des ästhetischen Dilettantismus entwürdigt einen männlichen Geist . Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften , wozu die alte wurmstichige Bibliothek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu gewähren schien . Allein , nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des vorigen , Anfang dieses Jahrhunderts , hatte man dieselbe bereichert und so fand er denn hauptsächlich französische und englische Werke dieses Genres aus der Blüthezeit der ersten Periode des modernen Materialismus , während die spätere Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glänzte . Er studirte die Encyclopädisten , das berühmte » System der Natur « Holbachs und » Ueber den Geist « von Helvetius . Gedanken ? Eine Fähigkeit , Eindrücke zu empfangen und sich derselben hinterher zu erinnern , welche wir mit jedem thierischen Lebewesen gemein haben . Das Gedächtniß , vielleicht die wichtigste Grundlage höheren Geisteslebens , muß als ein bloßes Organ Physischer Empfindung und das Urtheil auch nur als Empfindung betrachtet werden . » Juger n ' est proprement que sentir . « Was sind also Pflicht , Tugend und all diese schönen Worte ? Man prüfe ihr Verhältniß zu den Sinnen , inwieweit sie physische Lust erregen . Laster und Tugend sind also nur das Ergebniß unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen Reizbarkeit für Schmerz und Lust . Nur so entstand der Sinn für Gerechtigkeit , indem aus Schmerz und Lust das Gefühl des allgemeinen Interesses erwuchs , welches man schützen wollte . Freundschaft erklärt sich nur aus dem Interesse , unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Theilnahme zu mindern . Den Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergnügens , respektive wegen anderer Vergnügungen , die man aus seinem Besitz erhofft . Das Gute um des Guten willen zu lieben ist eine Chimäre , das Böse um des Bösen willen zu wollen ist unmöglich . Was wir sind , dazu macht uns nur die Außenwelt . Aehnlich die Analyse der menschlichen Fähigkeiten , welche Condillac in seiner Abhandlung » Ueber die Empfindungen « versucht . Empfindung sei nichts als Eindruck äußerer Einwirkungen . Reflexion sei nur Sensation , ein Kanal der Vorstellungen , welche aus den Sinnen allein sich herleiten . Unsere Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung , die uns dieser Gegenstand erregt . Und Vergleich zweier Gegenstände ist nur doppelte Aufmerksamkeit , nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit , also ist das Urtheilen , was bereits im Prozeß des Vergleichens liegt , auch nur das Aufmerken einer Empfindung . So entsteht das Gedächtniß als ein ungeformter sinnlicher Eindruck und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedächtniß her , indem erstere das Abwesende als gegenwärtig empfindet . Daraus folgt dann der überraschende Schluß : Die Eindrücke der Außenwelt auf uns verursachen nicht die Geistesthätigkeit , sondern die Eindrücke selber sind diese Geistesthätigkeit . Dies sind die Lehren , welche einerseits zur Befreiung der Menschheit von verrotteten Mißbräuchen , andrerseits zur rohen Entfesselung der Materie trieben . Die völlige Unterordnung der sogenannten Innenwelt unter die Außenwelt drängte zur ausschließlichen Vergötterung der Natur , also zum Studium und zur alleinigen Herrschaft der Naturwissenschaften . Nicht das Wahre , Gute und Schöne suchte man zu erforschen , sondern Wärme , Licht und Electricität . Diese heilige Dreieinigkeit erschien als der neue Gott begriff , zu dem man betete . Die Gesetze der Strahlung , der Wärmeleitung , der doppelten Brechung , der Polarität des Lichtes , die Undulationstheorie , wurden gefunden . Diese Entdeckungen über unsichtbare Theile der Natur blieben freilich bis heute in gewissem Sinne unvollkommen . Denn das Geheimniß scheint schwer zu lösen , ob dieselben eine materielle Existenz haben oder ob sie bloß Zustände andrer Körper sind . Die Verbindung von Kraft und Materie , welche anfangs der dynamischen Theorie von Leibnitz im Weg zu stehen schien , schließt an sich die Existenz einer Materie ohne kräftegebende Eigenschaften aus . Hier zeigt sich allerdings die Unmöglichkeit , daß die Struktur des menschlichen Gehirnorganismus ausreicht , um solche immateriellen Begriffe zu begreifen . Hier steht er gleichsam einer Innenwelt der Außenwelt gegenüber . Unerschrocken warf sich daher der französische Geist nunmehr auf die greifbaren Theile der Natur . Die Chemie experimentirte sich neue Gesetze zurecht , welche die Eigenschaften der Natur beherrschen , durch das Studium der molecularen Zusammensetzung der Atome . Auch über diesen wichtigsten Zweig moderner Wissenschaft suchte sich Krastinik zu belehren , wo er über Lavoisier , den Gründer der wahren Chemie , Aufschlüsse fand - betreffs der Oxydation der Körper und ihrer Verbrennung , sowie der Function der Nahrungsmittel - , welche ihn zu dem heutigen Stand der Chemie - betreffs der Verbindung chemischer und elektrischer Gesetze - hinüberleiteten . Damals gewann auch die Geologie ihren ungeheuren Aufschwung , die Wissenschaft der örtlichen Gesetze , der terrestrischen Einrichtung der Massen . Buffon entnahm aus Anregungen von Leibnitz und Descartes die Vorstellung von der Centralhitze , welche schon die Pythagoräer und Zoroaster geehrt . Dann kamen eine Reihe von Geologen , welche den Begriff des allgemeinen Wechsels auf der Erdoberfläche darthaten , jenen ewigen Fluß der Dinge , von welchem schon Herakleitos der Dunkle sprach . Jetzt begann man die organischen Ueberbleibsel zu studiren . Man erkannte den Zusammenhang der Existenz der fossilen Thiere mit den Medien , in welchen sie gefunden wurden . Der große Cuvier verband die Forschung über die unorganischen Veränderungen der Erdoberfläche mit derjenigen über die organische Veränderung der Thiere , die auf dieser Oberfläche gelebt . Die Deutschen hatten die primären ( Gneis ) , die Engländer die secundären Formationen untersucht , die Franzosen entdeckten die tertiären Strata , in welchen man bereits Säugethiere , die dem gegenwärtigen Zustande ähnlich , fand . Die angeblichen Patriarchenknochen und Hünengebeine wurden als Reste fossiler Thiere dem Studium der Anatomie unterworfen . Und jetzt verbreitete sich die allgemeine Verehrung Darwins , die Lehre von der unbeirrten regelmäßigen Entwickelung . Hier erschloß sich dem Geiste des einsamen Gottsuchers ein so unendlicher Horizont , daß er erschauernd und gleichsam athemlos innehielt . Erst allmählich begann er jetzt , an der leitenden Hand neuster Forscher , die . ganze Größe dieser Wahrheiten zu erfassen . Die Astronomie ist längst im Stande , wichtige planetarische Ereignisse viele Jahre vorherzusagen . Und werden nicht einst unsre Vorhersagungen in andern Dingen ebenso genau eintreffen , sobald die gesammte Wissenschaft ähnlich fortschritt ? Gleichförmige Regelmäßigkeit in allen Naturbewegungen - welch ein unergründliches Gebiet der Spekulation ! Lange ehe Menschen waren , lange ehe dieser Planet sich geformt , herrschte die gleiche unerfaßliche Ordnung . Nun drang auch die Zoologie durch vergleichende Anatomie in das Zellengewebe des menschlichen Organismus ein und gründete erst die eigentliche Physiologie , wozu nunmehr auch die Botanik beitrug . Man erkannte das Doppelleben des Menschen , das organische und das animalische . Ersteres , welches er mit der Pflanze gemein hat , bedingt Erschaffung und Zerstörung , nämlich : Verdauung , Circulation , Ernährung - Ausathmung , Ausdünstung , Verbrennung . Von dem Thierleben aber leitet er Bewegung , Gefühl und Urtheil her , d.h. Bewußtsein . Die Organe dieses thierischen Lebens sind absolut symmetrisch und sämmtlich doppelt , die des pflanzlichen Lebens hingegen außerordentlich verschieden und an sich einzeln . Das Pflanzenleben schläft nie in uns . Die doppelten animalischen Organe aber gestatten uns zu ruhen und abzuwechseln , und gerade hierdurch verbessern und entwickeln sich allmählich die Functionen , vom ersten Naturschrei des Kindes bis zur ausgebildeten Gedankensprache . Selbst die Mineralogie drang jetzt zu den glänzendsten Resultaten vor , indem sie sich mit der Geometrie verknüpfte und alle Abweichungen der Symmetrie der mathematischen Berechnung unterwarf . Die wunderlichsten Formen erschienen von jetztab als natürliche Entwickelungsfolgen . So giebt es also in keinem Reich der Natur die Möglichkeit einer Unordnung und alles , was geschieht , steht unter festen Gesetzen . Und dies Prinzip mußte man nun wohl oder übel auch auf das Geistige an wenden . Die Abweichungen des menschlichen Geistes , z.B. der Wahnsinn und das Genie , werden von eben so unfehlbaren Gesetzen bestimmt , als der Zustand der todten Materie . Unter gewissen Bedingungen tritt das Phänomen des Genies oder des Wahnsinns unausbleiblich ein . So wird man das Materielle und Immaterielle im zwanzigsten Jahrhundert im Studium zu verknüpfen lernen , wovon wir heute noch entfernt sind . Der Zusammenhang dieser naturwissenschaftlichen Forschungen mit der socialen Empörung , welche man die Große Revolution nennt , lag aber klar vor Augen in der allgemeinen Sehnsucht nach Verbesserung und Unzufriedenheit mit der früheren Stagnation . Wie und zeigen sich nicht genau die gleichen Symptome heut am Ende des neunzehnten Jahrhunderts ? Wenn im siebzehnten Jahrhundert Baco , Descartes und Newton die wechselnden Erscheinungen auf bestimmte Prinzipen von Ordnung zurückführten und das achtzehnte Jahrhundert diese gefundenen Prinzipien auf das materielle Universum im Ganzen anwendete , so versuchten die großen deutschen Denker diese Prinzipien auf die Geschichte des menschlichen Geistes auszudehnen und zu vollständigen Allgemeinbegriffen über den Fortschritt des Menschengeschlechts zu gelangen . Allein , dies gelang ihnen nur unvollkommen oder gar nicht , weil sie die Anregung in Herder ' s » Philosophie der Geschichte « , historische Drehungsgesetze zu entdecken , oberflächlich vernachlässigten . Sie wandten sich völlig der rein metaphysischen Spekulation zu und verließen das neubegründete philosophische Geschichtsstudium , welches sie zu pragmatischer Spezialgeschichtsschreibung und nüchterner Quellenforschung herabdrückten . Und doch sollte es der Endzweck jeder Forschung sein , aus Vergangenem die Zukunft vorherzusagen . Große Ereignisse entspringen keineswegs aus kleinen Ursachen , wenn auch vielleicht aus kleinen Bedingungen . Ereignisse der Menschengeschichte unterwerfen sich denselben Bedingungen wie Chemie und Geologie . Jede Erscheinung muß verursacht werden durch etwas , was in ihr vorgeht oder was außer ihr vorgeht . Ersteres muß sich durch ihre Zusammensetzung , letzteres durch ihre Lage erklären lassen . Selbst die geheimnißvollen großen Lichtkräfte , welchen in der Menschengeschichte wohl gewisse immanente Ideen entsprechen , wird man so analysiren können . Wenn der englische Denker Locke noch die abgesonderte Existenz einer Reflexionskraft behauptete , durch welche die Sinneseindrücke benutzt würden , so gingen die schottischen Denker , welche jene denkwürdigste Epoche des Menschengeistes zeitigte , schon so weit , eine sittliche Anlage jedes Menschen als ursprüngliches Prinzip anzunehmen . Schon bald wurden diese deductiven Transcendentalisten verdrängt durch die Gründung der politischen Oekonomie . Adam Smith stellte den Satz auf , daß die Gesetze , nach welchen wir unser Betragen richten , nur durch Beobachtung des Betragens anderer erlangt werden . Wenn wir einsam lebten , könnten wir weder Verdienst noch Recht