in das Dorf und betrat das Pfarrhaus , um beim Kaplan Zuflucht zu suchen , angeblich aber um meine Abreise anzukündigen . Ich fand ihn essend am Tische sitzen , über den die Nachmittagssonne wegschien . » Ich esse hier mein Vesperbrötchen « , sagte er , » wollen Sie nicht mithalten ? « » Ich danke « , erwiderte ich ; » wenn Sie es erlauben , so will ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten ! « » Das sind mir junge Leute heutzutage « , sagte der Hochwürdige , » das hat ja gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr ! Na , die Gedanken sind auch danach , da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und wieder nichts ! « » Seit wann sind Hochwürden so materialistisch ? « » Verwechseln Sie mir nicht das Erschaffene mit dem Unerschaffenen , unseliger Adept , und nehmen Sie Platz ! Ein Schluck Bier wird Ihnen mindestens nicht zu schwer sein ! « So beschäftigte er sich eifrig weiter mit der großen Schüssel , die vor ihm stand . Dieselbe enthielt die Anhängsel und Profilstücke eines frischgeschlachteten Schweines , die Ohren , die Schnauze und den Ringelschwanz , alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend . Er pries das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zartheit und Unschuld und trank einen tüchtigen Krug goldenbraunen Bieres dazu . Als ich etwa zehn Minuten dagesessen hatte , klopfte es an der Türe , und Dorothea trat , nur von dem schönen Hunde begleitet , anmutig und höflich herein , schien aber ein klein wenig befangen zu sein . » Ich will die Herren nicht stören « , sagte sie , » und wollte nur den Herrn Kaplan bitten , heute abend bei uns zu sein , da Herr Lee morgen fortreist . Sie sind doch nicht abgehalten ? « » Gewiß werde ich kommen ! « erwiderte der Pfarrer , der sich schon wieder gesetzt hatte und seine angenehme Arbeit fortsetzte , » bitte , mein Liebster , holen Sie doch einen Stuhl für das gnädige Freulein ! « Das tat ich mit großem Eifer und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch , mir gerade gegenüber . Dorothea dankte mit freundlichem Lächeln und sah bescheiden vor sich nieder , indem sie Platz nahm . Nun war ich doch glückselig , da ich in der wohnlichen und sonnigen Priesterstube ihr gegenübersaß und sie sich so gutmütig und still verhielt . Der Kaplan sprach essend und immer allein , und wir brauchten ihm nur zuzuhören , indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Manne auf Schüssel , Hände und Mund des Hochwürdigen starrte . » Ach , der arme Hund , wie es ihn gelüstet ! « sagte Dortchen , » essen Sie dies auch , Herr Kaplan , oder erlauben Sie , daß ich es ihm gebe ? « Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen , das sich manierlich auf dem Rande der Schüssel darstellte . » Dies Sauschwänzchen ? « sagte der Kaplan , » nein , mein Fräulein , das können Sie ihm nicht geben , daß eß ich selber ! Warten Sie , hier ist etwas für ihn ! « und er setzte dem lüsternen Tier einen Teller vor , in welchen er allerhand Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte . Dortchen und ich sahen uns unwillkürlich an und mußten lächeln , weil die ungetrübte Freude des Geistlichen an dem bescheidenen Gegenstande uns erheiterte . Auch der Hund , der sich begierig mit seinem Teller unterhielt , vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute Stimmung . Dortchen streichelte ihm den Kopf , als ich eben mit der Hand über seinen glänzenden Rücken fuhr , und als sie achtlos Gefahr lief , mir mit ihrer Hand zu begegnen , zog ich die meinige höflich zurück , wofür sie mich schnell mit einem halben Lächeln anblickte . Am offenen Fenster wehten die Vorhänge , sachte von der Luft bewegt , und vor demselben tanzte ein Schwarm schimmernder Mücklein in der Sonne , die einzelnen kaum erkennbar , mit einer Hast und Leidenschaft durcheinander , als ob sie die Kürze der ihnen verliehenen Frist gekannt hätten , die sich vielleicht nach halben Stunden berechnete . In diesem Augenblick wurde der geistliche Herr von der Haushälterin abgerufen , um an Stelle des abwesenden Pfarrers einem vorbeschiedenen unfriedfertigen Ehepaar Audienz zu erteilen . » Das muß doch immer gezankt haben , es ist ein Graus mit diesen Eheleuten ! « rief der über die Störung ungehaltene Zölibatär ; » räumt den Tisch ab , Therese , ich esse nachher nicht mehr ! « Damit lief er nach dem Studierzimmer des Pfarrers , ohne uns zu verabschieden , und wir waren so veranlaßt , an dem weißgedeckten Tische sitzen zu bleiben ; denn die Wirtschafterin nahm bloß Schüssel und Teller mit und ließ das Tuch liegen . Ich blickte wortlos auf die runde weiße Fläche , die , von der jungen Sonne beleuchtet , zwischen uns glänzte . Das Wort » Eheleute « , das der Geistliche zuletzt ausgesprochen , klang gleichsam noch in der Luft , da niemand sprach ; denn auch Dortchen saß schweigend da , die Hand auf den Kopf des Hundes gelegt , der mit seinem Schmause auch fertig war . Das verfängliche Wort klang aber nicht mit seinem Zusammenhange nach , sondern erweckte mir die Vorstellung von zwei Leutchen , die glücklich in häuslicher Abgeschlossenheit am Tische sich gegenübersitzen . Es war , als ob das weiße Rund sich mit Bildern des Glückes belebte , und es ergriff mich ein tiefes Leiden um Dortchen , da es mir beim Himmel nicht möglich schien , daß sie anders als an meiner Seite glücklich und zufrieden alt werden könne . Mit einem Seufzer richtete ich die feucht werdenden Augen auf und sah erschrocken , wie Dortchens Augen mit Teilnahme auf mir zu ruhen schienen , während den geschlossenen Lippen ein weicher , nicht unfreundlicher Ernst den schönsten Ausdruck gab und das Haupt nachdenklich sich leicht seitwärts neigte . Auch nachdem ich aufgeblickt , veränderte sie Haltung und Ausdruck nicht sofort , und erst als ihre Augen auch einen feuchtern Glanz bekamen , nahm sie sich zusammen . Das Bild dieses Augenblickes ist mir auch geblieben gleich dem stillen Glanz eines Sternes , den man einmal in ungewöhnlich klarer Luft leuchten sah und niemals vergißt . Ich rang nach Worten , um das Schweigen zu unterbrechen , und Dortchen , mit dem gleichen Bestreben schneller fertig , öffnete eben den Mund , als die Wirtschafterin des Pfarrhauses wieder eintrat und nicht mehr wegging , da sie sich berufen fühlen mochte , die junge Herrschaftsdame zu unterhalten . Es dauerte nicht lang , so kehrte auch der Kaplan von seinem Geschäft zurück , das er rascher erledigt , als er gehofft hatte , und da sich nun ein haushälterisches Gespräch abzuspinnen begann , benutzte ich die Gelegenheit , grüßte und entfernte mich , um mein volles Herz hinauszuflüchten . Dortchen sah mir nach und rief mir zu , ich möge doch nicht zu spät im Schlosse erscheinen . Nach einigem Herumstreifen gelangte ich an die Stelle , wo ich bei meiner Ankunft aus dem Walde herausgetreten war und die abendliche Regenlandschaft mit dem Gute und der alten Kirche erblickt hatte . Ich ging auf die Kirche zu und in dieselbe hinein , und da ein altes Mütterchen darin kniete und ihr Gebet murmelte , schlich ich hinter ihr weg in eine Art Krypta , welche den ältesten Teil des Gebäudes und einen halbdunklen Raum bildete , dessen romanische Fenster zur Hälfte vermauert waren . In diesem Raum waren im Laufe der Zeit eine Menge Gegenstände untergebracht worden , die ihn verengten . Vorzüglich tat dies ein Grabmal von schwarzem Kalkstein , auf welchem ein langer Ritter ausgestreckt lag , die Hände auf der Brust gefaltet . An seiner Seite , auf dem Rande des Sarkophages , stand eine fest verschlossene und verlötete Büchse von Bronze in Form einer kleinen Urne , zierlich gegossen und ziseliert und mit einer schlanken Kette vom nämlichen Metall an dem Brustharnisch des steinernen Ritters befestigt . Nach der Überlieferung enthielt die Büchse das einbalsamierte und vertrocknete Herz des Beigesetzten , und das Gefäß wie die Kette war gänzlich oxydiert und schillerte grünlich im Zwielicht der Krypta . Das Grabmal aber gehörte einem burgundischen Ritter an , der gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts , von wilder und unsteter , aber ehrlicher Natur , von allerhand Unstern und Frauenmißhandlung verfolgt , durch die Länder geirrt war und bei den Vorfahren des Grafen hier seine letzte Zuflucht gefunden hatte , wo das Herz dann endlich an einem letzten Verrate gebrochen sein sollte . Das Grabmal hatte er sich selbst gestiftet und den einsamen Platz dazu ausgebeten ; die Gruft des gräflichen Geschlechtes war schon damals in die größere Kirche verlegt worden . An das Herz in der Büchse knüpften sich verschiedene Sagen , die vom Volke erzählt wurden , wie zum Beispiele der » verliebt Burgauner « verordnet habe , sein Herz solle so lang auf seinem Grab angebunden bleiben , bis lebendig oder tot eine gewisse Dame komme und es in das Vaterland heimhole , und geschehe es nicht , so sollte sie sowenig die ewige Ruhe finden , als er sie zu finden hoffe ; ein jedes andere Weibsstück aber , so die Büchse mit dem Herzen in die Hand zu nehmen sich erdreiste , soll gehalten sein , dieselbe dreimal zu küssen und drei Vaterunser zu beten , sonst werde der verliebt Burgauner ihr die Hand lahm machen oder ein Knie brechen und dergleichen . Solche Überlieferungen mochten auch bewirkt haben , daß die Kapsel samt der Kette sich so lange Zeit an Ort und Stelle erhalten hatte . Dem romantischen Denkmale gegenüber saß ich in einem dunklen Winkel zwischen ausgedienten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften und überließ mich den Gedanken über die bevorstehende Trennung , die um so trauriger waren , als ich in dieser letzten Stunde mir sagen mußte , bei aller Abenteuerlichkeit des Erlebten werde das Glück schwerlich so weit gehen , mir auch noch mit einer Eroberung so glänzender Art aufzuwarten , wie sie mir im Sinne lag . Zu dieser planen Einsicht drängte mich die Not des entscheidenden Augenblickes , und hiezu gesellte sich die Beschämung Über die kindische Art , in die ich verfallen , sofort nach dem Glänzenden zu greifen . Mit solchen Gefühlen ringend , suchte sich dann die versöhnte Neigung , die , nichts für sich hoffend , nur dem Geliebten zugetan sein will , emporzuarbeiten , soweit sie nicht auch wieder eine verkleidete Begehrlichkeit war ; kurz , ich brachte dergestalt die Zeit in der Dämmerung der Krypta zu , bis ich von der äußeren Kirche her ein Getrippel leichter Schritte und zugleich weibliche Stimmen vernahm . Aufhorchend erkannte ich sie als Dorotheas und Röschens Stimmen . Die Mädchen schienen diesmal nicht zu lachen , sondern angelegentlich etwas zu beraten . Doch bald dauerte ihnen der Ernst zu lang ; denn sie kamen über die paar Stufen herunter in die Krypta gehuscht , und Dorothea rief : » Komm , Röschen , wir wollen wieder einmal den verliebten Ritter besehen ! « Sie stellten sich vor das Grabmal und schauten dem steinernen Manne neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht . » O Gott ! ich fürchte mich « , flüsterte Röschen und wollte entfliehen . Dortchen aber hielt jene fest und sagte laut : » Warum denn , Närrchen ? Der tut niemand was zuleid ! Sieh , wie es ein guter Kerl ist ! « Sie nahm das erzene Gefäß in die Hand und wog es bedächtig in derselben ; aber plötzlich schüttelte sie es , so stark sie konnte , auf und nieder , daß das eingetrocknete Etwas , das seit vierhundert Jahren darin verschlossen lag , deutlich zu hören war und die Kette dazu klang . Dortchen atmete heftig ; da ein Strahl des Tages auf ihr Gesicht fiel , sah ich , wie dasselbe die Farbe wechselte und von einer rosigen Röte in Marmorblässe überging . » Höre die Klappernuß , wie sie raschelt ! « rief sie , » da , klappre auch damit ! « Sie drückte dem zitternden Röschen das Gefäß in die Hände ; aber es tat einen Schrei und ließ das Herz fallen , und Dortchen fing es mit aller Gewandtheit auf und ließ es abermals klappern . Ich , von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten , schaute ganz erstaunt dem Spiele zu . Wart , du Teufel ! dachte ich , dich will ich schön erschrecken ! Schnell trocknete ich die nassen Augen , stieß einen hohlen Seufzer aus und sprach mit einer traurigen Stimme , die ich gar nicht sehr zu verstellen brauchte , in älterm Französisch : » Dame , s ' il vous plaist , laissez cestuy cueur en repos ! « Mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Krypta und der Kirche wie besessen , Dortchen voraus , welche mit einem schwungvollen Satz über die Stufen und die Schwelle der Kirchentüre hinaussprang , schneebleich , aber immer noch lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte , bis sie zu ihrer Ruhebank kam und sich auf dieselbe warf , was ich alles durch eines der Fenster beobachten konnte , das ich rasch erklettert hatte . Dortchen , deren Gesicht fast die Farbe ihrer weißen Zähne hatte , lehnte sich zurück , die Hände um das Knie geschlungen , und Röschen rief : » Du großer Gott , es hat gespukt ! « » Jawohl , es spukt , es spukt ! « sagte Dortchen und lachte wie eine Tolle . » Du Gottlose ! Fürchtest du dich denn gar nicht ? Klopft dein Herz nicht schrecklicher , als das tote Herz dort geklappert hat ? « » Mein Herz ? « antwortete Dortchen , » ich sage dir , es ist guter Dinge ! « » Was hat es denn gerufen ? « fragte Röschen , die immerfort beide Hände an ihr eignes Herz hielt und abwechselnd prüfte , ob sie noch beweglich seien ; » was hat das französische Gespenst gesagt ? « » Fräulein , hat es gesagt , wenn es Euch gefällt , so nehmt dies Herz und macht es zu Euerem Nadelkissen ! Geh wieder hin und sag , wir wollten uns bedenken ! Geh , geh , geh ! « Sie sprang auf , als ob sie die hübsche Dienerin wirklich nach der Kirche zurückschieben wollte , umhalste sie aber unversehens und drückte ihr heftige Küsse auf die Wangen . Dann verschwanden beide unter den Bäumen . Eine gute Weile später stieg ich auch aus meinem Schlupfwinkel hervor , um die letzten Dinge zu besorgen , die noch übrig waren . Ich ging in das Parkhaus und stellte die Reisefertigkeit vollständig her ; richtig war der Schädel beim Packen des Koffers wieder vergessen worden , weshalb ich nochmals Raum schaffen mußte . Zuletzt war auch er untergebracht , und zwar als die einzige Habseligkeit von denen , die ich einst aus der Heimat in die Fremde mitgenommen hatte . Darum war mir auch , als ich es recht bedachte , die arme Scherbe erst jetzt wert ; lange Jahre schon hatte sie in der heimatlichen Erde gelegen , dann mit mir die Kammer geteilt und , wenn auch als ein stummes Geräte , meine vergangenen Tage gesehen , und so kehrte ich wenigstens nicht ganz vor der alten Ausstattung entblößt zurück . Dies verrichtet , begab ich mich zum Grafen , die Unterredung mit ihm zu halten , die durch die letzten Stunden meines Hierseins sowie schon von der Pflicht der Dankbarkeit gefordert wurde . Er wollte aber jetzt nichts von solchen Verhandlungen wissen , sondern bestand darauf , mich abermals nach der Hauptstadt zu begleiten und Zeuge zu sein , wie ich es mit meinen Bildern anfangen und es mir ergehen würde . Man müsse verhüten , sagte er , daß ich nicht schon nach dem ersten Anlaufe wieder einen Trödler aufsuche . Das wäre nicht zu befürchten , antwortete ich , weil ich ja nun reich genug wäre , die Bilder für einstweilen zu behalten und mit nach Hause zu bringen , wo sie sogar Zeugnis über die Art , wie ich die Zeit verbracht , ablegen könnten . Nichts da , meinte er , in der Kunststadt müßten sie ihre Wirkung tun , sonst habe mein bevorstehender Entschluß nicht die rechte Grundlage . Vom Grafen hinweg ging ich auf die Terrasse , wo ich die kurze Zeit bis zur Stunde der abendlichen Zusammenkunft zubringen wollte . Auf einem Tische des dahin führenden Gemaches stand eine Schüssel mit feineren Zuckersachen , wie man sie in buntes Papier zu wickeln und mit allerlei Sinnsprüchen oder sogenannten Devisen zu begleiten pflegt . Dorothea hatte die Gewohnheit , dergleichen Naschwerk selber zu wickeln und statt der gewöhnlichen trivialen Reimereien gute Sinngedichte , Distichen und Liederstrophen einzulegen , welche sie aus allen möglichen Dichtern und verschiedenen Sprachen zusammensuchte . Sie ließ ganze Sammlungen solcher Zierlichkeiten auf Bogen drucken , die man nach Bedürfnis zerschneiden konnte , und besaß das Talent , jeweilig eine so artige Auswahl zusammenzubringen , daß die Gesellschaft beim Nachtische durch anmutig heitere oder witzige und spitzige Vorstellungen oder auch beides abwechselnd nicht selten in angeregte Stimmung versetzt wurde . Auch trieb sie allerhand Schwank , indem sie oft zwei Zeilen aus verschiedenen Dichtern zusammenfügte , und man glaubte , Bekanntes zu lesen , indessen die neue Wendung , der entgegengesetzte Sinn , welchen das Unbekannt-Bekannte ergab , die Leser in die Irre führte . Einen Vorrat dieses so zubereiteten Naschwerkes , in einem Körbchen von Silberdraht geordnet , das sie beim Gebrauche noch mit Blumen schmückte , hielt sie jederzeit bereit und bot es bei gegebener Veranlassung selbst herum . Mir sagte die Spielerei eigentlich nicht sehr zu ; doch hielt ich sie aus verliebter Rechtgläubigkeit , wo nicht für großartig , mindestens für verzeihlich und liebenswürdig , wie man ja immer froh ist , kleine Mängel an geliebten Personen zu finden , um sie nur ohne Verzug verzeihen und sogar mitlieben zu können . Jetzt war Dortchen offenbar beschäftigt , ein solches Körbchen neu zu füllen , und wahrscheinlich von der Arbeit unerwartet abgerufen worden . Da ich mich durch den Auftritt in der Krypta und den bevorstehenden Abschied freier fühlte als sonst und mir nichts daraus machte , von der Zurückkehrenden betroffen zu werden , setzte ich mich an den Tisch und besah mir , was Dorothea heute betrieb . Sie hatte in der Tat schon eine gute Zahl süßer viereckiger Täfelchen in glänzendes Papier eingeschlagen und in das Körbchen gelegt ; als ich nachschaute , was für eine Art von Versen und Epigrammen sie bereithielt , fand ich ein Büschel kleiner , auf zartes grünes Papier gedruckter Zettel , auf welchen allen dasselbe und einzige Gedichtlein zu lesen war : Hoffnung hintergehet zwar , Aber nur , was wankelmütig ; Hoffnung zeigt sich immerdar Treugesinnten Herzen gütig ; Hoffnung senket ihren Grund In das Herz , nicht in den Mund ! Wo ich das kleine Papierbüschel sachte auseinanderschlug ( es war von einem grünseidenen Bändchen zusammengehalten ) , überall blickten mir diese einfachen , treuherzigen und doch so aufregenden Worte entgegen . Vorsichtig griff ich das eine und andere der bereits fertigen Täfelchen aus dem Körbchen , machte es ein wenig auf und fand in jeder Hülle das gleiche grüne Liedchen . Es klang mir wie der tröstende Ruf einer Wachtel im einsamen Feld oder der leis anschwellende und traulich abbrechende halbe Gesang einer Drossel in der Tiefe des Waldes . Da meines Wissens heute keine größere Gesellschaft da war , die einen Nachtisch erheischen konnte , so mußte die Absicht von Dortchens diesmaligem Einfall einer zukünftigen Gelegenheit vorbehalten sein , die mir ein Geheimnis war . Plötzlich ließ ich alles liegen und schlüpfte auf die Terrasse hinaus , wo ich mich auf einen Stuhl warf und mit nachdenklichen Seufzern die noch übrige Zeit verbrachte . Es dauerte nicht lange , so erschien Dortchen mit einigen jungen blaßroten Rosen , die sie ohne Zweifel im Treibhause geholt , und mit einem brennenden Handleuchter , weil die Dämmerung begann , zur Dunkelheit zu werden . Sie setzte unbesorgt ihre Arbeit fort , packte noch ein halbes Dutzend Zucker- und Vanillestücke und dergleichen mit den Zetteln zusammen und summte dazu mit halber Stimme mehrmals die zwei Zeilen : Hoffnung hintergehet zwar , Aber nur , was wankelmütig , bis sie mit dem letzten Stücke auf den Schluß übersprang : Hoffnung senket ihren Grund In das Herz , nicht in den Mund ! und denselben mit weiß Gott welcher Melodie und etwas lauter in den tiefsten Tönen verklingen ließ , deren ihre Stimme fähig war . Dann barg sie rasch den ungebrauchten Rest der feinen Zettelchen in einer Tasche ihres Kleides , besteckte das Körbchen mit den Rosen und eilte mit der ganzen reizenden Veranstaltung , den Leuchter zur Hand nehmend , aus dem Saale , und ich hatte dem lieblichen Tun durch eines der hohen Fenster zugeschaut , freilich von den Florbehängen desselben halb verhüllt . Die vergnügliche Stimme des Kaplans ließ sich hören ; ich säumte nicht , über die Terrassenstufen hinunter- und ihm entgegenzugehen , und betrat in seiner Gesellschaft wieder das Haus und die Räume , in welchen die Abende zugebracht wurden . Mit diesem künstlichen Umwege verhütete ich , daß Dortchen irgendwie ahnen könne , ich wisse das sonderbare Geheimnis ihres Körbchens . Als wir nun zu viert am Tische saßen , verlief die Zeit mir nur allzu schnell ; denn die Eigenliebe erfreute sich an dem Wohlwollen , welches meine Person zum Gegenstande der letzten Unterhaltung machte , und die Gewißheit , daß ich wirklich zum letzten Male Dortchens Gegenwart genieße , verkürzte die Stunden um das Doppelte . Der Graf meinte , er habe sich an meine Gesellschaft gewöhnt , und wenn es sich nur um ihn handelte , so ließe er mich noch lange nicht ziehen ; der Kaplan aber rief nein , ich müsse gehen , damit ich , was er sicher hoffe , durch die Luftveränderung und in meinem schönen Vaterlande die verlorenen Ideale wiederfinde . Lachend versetzte ich , nach gewissen Weissagungen meiner Träume werde ich jedenfalls zu neuen Ideen kommen , und ich erzählte von der kristallenen Treppe , in deren Stufen die Ideen in Gestalt kleiner Frauensleutchen schliefen . Der Kaplan wunderte sich hierüber und guckte mich immer verdutzter an , als ich fortfuhr , jene Ausgeburten des Schlafes in unglücklicher Zeit zu schildern ; denn hiemit bewies ich ihm , daß ich im Schlafe noch toller , das heißt idealischer sein könne nach seinen Begriffen als er im Wachen . Ich erzählte von der Brücke der Identität , von dem Goldregen , den ich auf dem fliegenden Pferde gemacht , und wie ich über das Kirchendach heruntergepurzelt und endlich in Trübseligkeit vor dem mütterlichen Hause gestanden sei , nachdem mir dasselbe erst wunderbar in die Augen geglänzt habe . Da ich von dem feurigen Extraweine , welchen wir tranken , etwas vorlauter Laune geworden , schmückte ich diese Dinge noch mit manchen Zutaten und Hirngespinsten aus und endigte zuletzt wie ein Märchenerzähler , der dem Volke seinen blauen Dunst vorgemacht . » Der hat ja ein Maul wie eine laufende Schuld ! « sagte der Kaplan , in seiner Verwirrung über die großartige Flunkerei zu dem gröblichen Volksausdrucke greifend ; denn ich schien ihm arg ins Handwerk gepfuscht zu haben , indem ich ein wirklich Erlebtes schilderte , das doch ein Nichts , ein Traum war ; der Graf sagte : » Diese Beredsamkeit haben wir allerdings bisher an unserm Freunde nicht entdecken können ! Ist es aber nun geschehen , so hindert mich nichts , mir zu denken , daß ich sie eines Tages zu ernsteren Dingen verwendet sehe . Wir wollen auf unser aller gute Zukunft anstoßen ! « Er schenkte die Gläser voll , und wir ließen dieselben zusammenklingen , ohne daß ich mich jedoch bemühte , über den Sinn seiner Worte klarzuwerden ; denn ich sah unversehens Dorothea mit dem rosengeschmückten Körbchen herankommen . » Auch ich will einen Spruch tun « , sagte sie , als sie mir zur Seite stand ; » aber ich überlasse die Abfassung dem Zufall dieses wohlbekannten Orakelkorbes ; nehmen Sie sich ein Bonbon heraus , nur eines , aber vorsichtig und bedächtig ! « Ich sah erstaunt und fragend zu ihr auf ; denn ich wußte ja , daß in jedem der zierlichen Paketchen der gleiche Spruch lag . » Welches raten Sie mir denn zu nehmen ? « fragte ich mit innerer Bewegung ; allein gleichmütig erwiderte sie : » Ich darf mich nicht dareinmischen , wenn das Orakel wirken soll ! « » Soll ich dieses nehmen ? « » Ich weiß nicht ! « » Oder dieses ? « » Ich sage nichts , weder ja noch nein ! « » So nehm ich dieses und bedanke mich schönstens ! « rief ich , indem ich das Papierchen öffnete und Dortchen rasch das Körbchen zurückzog . » Nun , was steht darin ? « rief der Kaplan , über welche Frage ich froh war , da ich die Verse kaum vernehmbar vorzutragen vermochte . Ich gab ihm den Zettel mit der Bitte , denselben selbst zu lesen . Das tat er mit gutem Ausdruck . » Ein ganz schöner Spruch ! « sagte er ; » damit können Sie zufrieden sein ; er beruht auf einer frommen und getreuen Weltanschauung , dergleichen nicht mehr allzu häufig ist ! Aber nun , Gnädigste ! reichen Sie mir das Körbchen auch dar , und lassen Sie mich sehen , was ich als Dableibender erhalten werde ! « Er griff begierig nach dem Körbchen . Sie versetzte aber : » Nächsten Sonntag dürfen Sie etwas zum Dableiben auswählen , Hochwürden ! Heute bekommt nur der , welcher geht ! « Damit eilte sie weg und verschloß das Körbchen sorgfältig in einem Schranke . Als am nächsten Vormittag der Graf und ich bereits in dem bequemen Reisewagen saßen , sagte Dorothea , die uns beiden schon die Hand gegeben und jetzt plötzlich nochmals zum Wagen trat : » Nun ist doch etwas vergessen ! Ihr grünes Buch , Herr Heinrich , liegt noch in meiner Verwahrung ! Soll ich es rasch holen ? « » Laß nur ! « sagte mein Reisegefährte ; » es hält uns zu lange auf ; wenn er uns , wie zu hoffen , bald schreibt , so können wir ihm das Buch wohlbehalten nachsenden , nicht so ? « Ich nickte nur froh aufatmend meine Zustimmung , da mit dem Buche ein Teil meiner selbst in der unmittelbaren Nähe Dortchens zu bleiben schien . » Ich will es in sicherm Verschluß halten , und es soll ihm nichts geschehen ! « , sagte sie und winkte mir , während wir wegfuhren , mit vollem freundlichem Blicke zu . Damals habe ich das schöne Wesen dennoch zum letzen Mal in meinem Leben gesehen . Vierzehntes Kapitel Die Rückkehr und ein Ave Cäsar Zwei breite Goldrahmen , im voraus bestellt , waren fertig , als wir in der Stadt ankamen , die wir nun zum zweiten Male gemeinschaftlich besuchten . Mein Beschützer machte sich sofort daran , den Einfluß zu benutzen , der ihm der Titel und auch seiner Person wegen in unverfänglichen Dingen nicht verkümmert war ; die Bilder hingen deshalb nach wenigen Tagen im besten Lichte der Ausstellungsräume , in welchen ich einst so ungeschickt und dunkel aufgetreten . Sie waren freilich keine Meisterwerke , aber auch nicht gehaltlos und konnten ebensowohl einen Fortschritt als den Stillstand begrenzter Fähigkeit in sich bergen , das ewige Ausruhen von einem einmaligen Anlaufe , wo der Anläufer in sich gegangen ist und am Wegbord der goldenen Mittelstraße , der vielbegangenen , sitzen bleibt . Zu meiner Verwunderung hingen auch jene zwei kleinen Bilder daneben , die von mir dem israelitischen Schneider und Gemäldehändler um ein Kleid überlassen worden . Der Graf hatte sie , da er von der Sache wußte , aufgestöbert und aus dritter Hand an sich gebracht . Jetzt waren sie mit Zetteln verziert , worauf das stattliche Wort » Verkauft « geschrieben stand . Diese List des Grafen erweckte ein günstiges Vorurteil für die ganze kleine Sammlung der vier Stücke , und in dem nächsten Kunstbericht einer verbreiteten großen Zeitung war ihrer schon in einigen aufmunternden Zeilen gedacht , wenn auch nicht mit sehr zutreffenden Worten . Kurz , nach wenigen Tagen meldete sich ein bedeutender Kunsthändler , welcher die deutschen Malerschulen bereiste , um ganze Bildersammlungen für entlegene Hinterländer zu erwerben . Durch diesen Käufer , der meine Bilder zu bescheidenem Preise anzukaufen hoffte , würde mein Name den Zusatz » Mitglied der X ' er Schule « erhalten haben , eine Ehre , die ich mir nicht hätte träumen lassen . Der Graf jedoch meinte , die Bilder müßten an einen Liebhaber und nicht an einen Handelsmann verkauft werden und er sei einem solchen bereits auf der Spur . Nach abermals einigen Tagen aber übergab mir der Kustos der Ausstellung einen für mich aus dem Norden angekommenen Brief . Er war von Erikson , welcher schrieb : » Lieber Heinrich , ich lese eben in der dortigen Zeitung , die ich meiner Frau wegen halte , daß Du noch dort bist und vier Arbeiten ausgestellt hast , zwei kleine und zwei größere . Wenn Du für die einen oder andern noch keine Bestimmung weißt , so überlasse mir eines der beiden Paare und schick es mir ; ich zähle darauf ! Den Preis setze auf anständigem Fuße und nicht zu schüchtern an ; denn Du mußt wissen , daß es mir gut geht . Ich habe den Stand unsers