selber tadelte , gefiel es ihm , die Andern auch nicht verehrenswerth zu finden , und doch stieß ihn der Gedanke zurück , daß er sich bisher mit Wohlgefallen in einem Kreise bewegt haben sollte , der dieses Wohlgefallen , der die Achtung nicht verdiente , mit welcher Renatus den einzelnen Personen desselben sich angeschlossen hatte . Er hätte mehr erfahren , mehr wissen mögen , und scheute sich doch davor . Er ärgerte sich darüber , daß er sich der innerlichen Betrachtungen nicht entschlagen konnte , er fand es lächerlich , daß er sich Sorgen und Vorwürfe über sein Verhalten gegen Hildegard machte , daß es ihm weh that , von Seba , von Davide geringschätzig zu denken . Er wünschte sich den leichten Sinn , ja , den Leichtsinn seines Onkels . Was nutzten ihm seine strengen Grundsätze in einer Welt und in einer Gesellschaft , welche nicht auf solche Grundsätze erbaut war ? Er hatte sich , wie er meinte , in der That über die klösterliche Erziehung , die man ihm gegeben , zu beschweren , er paßte durch sie nicht einmal mit seinen Kameraden zusammen , gegen deren fröhliche , auf den Genuß gestellte Sorglosigkeit er sich bisher so verständig erschienen war . Was sollten ihm eine Tugend , eine Sittlichkeit , die ihn nur schwerfällig , die ihn pedantisch erscheinen ließen und die es ihm doch nicht ersparten , mit sich selbst in Zwiespalt zu gerathen und Andern wehe zu thun ? Er hätte nicht anders sein mögen , als seine Kameraden , er hätte ein glücklicher Verführer , wie sein Onkel sein , und sich in der Wärme seiner Erinnerungen sonnen mögen ! Aber man wird nicht mit Einem Male lasterhaft , wie man nicht mit Einem Male tugendhaft wird . Jedes Ding will gelernt und geübt sein , und mitten in dem Verlangen , einen Liebeshandel mit Davide anzuknüpfen und den Amerikaner aus dem Felde zu schlagen , überkam Renatus der Gedanke , was die arme Hildegard dazu sagen , davon denken würde ? Er seufzte um Hildegard und trachtete zugleich nach der Eroberung der schönen Jüdin und nach Triumphen auf dem Felde der Liebe . Daneben ärgerte er sich wieder über dieses haltlose Schwanken , über dieses Wollen und Nichtwollen , und unwillkürlich diesem Aerger Worte leihend , rief er halb für sich aus : Herkules am Scheidewege ist doch eine alberne Figur ! Der Graf wendete sich nach ihm um , und als habe er ihn nicht verstanden , fragte er , was er wünsche . O , rief Renatus , unsere ganze Unterhaltung ging mir durch den Kopf , und ich mußte mir sagen , daß die symbolische Figur des Herkules am Scheidewege albern sei ! Sehr albern , wiederholte der Graf , während er sich von seinem Platze erhob - und um so alberner , als die Dinge , welche man Tugend und Laster nennt , gar nicht so bestimmt zu trennen und weit näher mit einander verbunden sind , als man uns in der Jugend glauben machen möchte . Was ist Tugend ? Wo hört sie auf ? Wo fängt das Laster an ? - Hirngespinnste und Ammenmärchen , zum Besten einiger Wenigen erfunden ! - Er nahm eine Prise , ging auf dem weichen Teppiche des Zimmers auf und nieder und trat dann an das Fenster , durch dessen Scheiben er in die Straße hinaussah . Er hatte noch nicht lange so gestanden , als sich sein Neffe zu ihm gesellte . Der Graf hatte das erwartet , that aber , als beachte er es nicht . So ging eine Weile hin . Endlich klopfte er dem Jüngling auf die Schulter und sagte mit einladender Zutraulichkeit : Nun , heraus damit ! Was hat ' s gegeben ? Denn geschehen ist etwas , wobei Deine Weisheit und Tugend sich nicht zu helfen wissen ! Renatus fuhr aus seinem Brüten auf , und innerlich von dem Einen Gedanken hingenommen , der ihn seit gestern nicht verlassen hatte , rief er , durch die plötzliche Anrede aufgeschreckt und überrascht : Beantworten Sie mir Eine Frage , Onkel ! ist dieser Tremann meines Vaters Sohn ? So gewiß , als Du selbst es bist ! entgegnete der Graf gelassen , der freilich irgend eine andere Anforderung erwartet hatte . Der junge Freiherr biß sich in die Lippe , seine Nasenflügel blähten sich im Stolz . Aber woher diese außerordentliche Freundschaft mit den Flies ? Woher das große Aufheben , das sie mit diesem - Menschen machen ? Spekulation ! lachte der Graf . Aber worauf , worauf ? Worauf ? Auf die Gunst des Zufalls , auf den diese Leute , denen es von ihren trödelhaften Anfängen inne wohnt , sich auf glückliche Zufälle zu verlassen , nie zu rechnen verlernen ! Der Graf hatte seinen Platz am Fenster verlassen und sich behaglich an dem Feuer niedergesetzt . Er war müßig und gut aufgelegt , es unterhielt ihn , die Aufregung seines Neffen nach Belieben zu erhöhen und zu dämpfen . Es ist übrigens ein eigenes Ding um dasjenige , was wir Zufall nennen , hob er nach einer anscheinenden Ueberlegung an . Man sollte ihm bisweilen eine Folgerichtigkeit , einen inneren Zusammenhang zutrauen , an gewisse Vorherbestimmungen glauben , wenn man überhaupt zum Glauben und damit zum Aberglauben Neigung hat . Ich zum Beispiel stehe anscheinend in einem geheimnißvollen Zusammenhange mit diesem Monsieur Tremann - oder Mannert , wie er eigentlich heißt . Er wird mir immer wieder in den Weg geführt , und es wird wohl schließlich meines Amtes sein , ihn - aus dem Wege zu schaffen , auf dem er nun auch Dich behindern zu wollen scheint . Renatus war sehr ernst geworden . Er nahm neben dem Grafen Platz und sagte : Wenn man an eine Vorherbestimmung glaubt , wie ich es nach den Lehren unserer Kirche und aus fester Ueberzeugung thue , so kann und darf man nichts in der Welt als ein bloßes Spiel des Zufalls ansehen ! Es berührt mich daher sehr eigenthümlich , daß mir eben heute die Nothwendigkeit aufgedrängt wird , mich mit diesem Sohne meines Vaters zu beschäftigen und auf die Vergangenheit meiner Eltern zurückzublicken , die - ich weiß das wohl - leider keine glückliche gewesen ist ! Aber in welcher Verbindung stehen Sie mit jenen Ereignissen , deren man gegen mich nie mit Offenheit erwähnte , die ich nur aus einzelnen Aeußerungen kennen und aneinanderreihen lernte ? Sie würden mir einen Dienst leisten , Onkel , wenn Sie mir alles mittheilen wollten , was Sie von jenen Verhältnissen wissen , die für mich ja von so entschiedener Bedeutung sind ! Die ganze Arten ' sche Pedanterie , die ganze Empfindsamkeit der guten Angelika ! rief der Graf . Nur schade , daß es nicht mit wenig Worten zu sagen ist , wie ich mit jenen Vorgängen zusammenhänge ! Gefühlvolle Seelen können etwas Verhängnißvolles , etwas Romantisches in der sehr prosaischen Geschichte finden , die nur durch die Ueberspannung Deiner Eltern zu einer Art von Wichtigkeit erhoben wurde ! Du wirst davon gehört haben , daß Dein Vater einer Jägerstochter , die ihm diesen Monsieur Mannert geboren hat , aus philanthropischer Laune eine Art von Erziehung hatte geben lassen ! Sie dankte ihm dieselbe , indem sie sich an dem Morgen , an welchem er zu seiner Hochzeit fuhr , ertränkte ! Ich weiß das ! bemerkte Renatus mit einem Seufzer . Es war allerdings ein lästiges Zusammentreffen ; aber Dein Vater nahm die Sache unbegreiflich schwer , noch schwerer nahm sie Deine Mutter . Es ist am Ende Jeder nur für die berechenbaren Folgen seiner Handlungen , nicht für das Unberechenbare verantwortlich , was sie in Unvernünftigen erzeugen . Dein Vater empfand Gewissensbisse , machte sich Vorwürfe , Deine Mutter fand es nöthig , sie mit ihm zu tragen und zu theilen , Euer vortrefflicher Caplan wußte solche Stimmungen zu benutzen . Man gelobte den Bau einer katholischen Kirche , weil eine Jägerstochter die Geliebte ihres Herrn gewesen war ; und weil eine lutherische Magd sich das Leben genommen hatte , machte Deine Mutter , machte eine Gräfin Berka sich zur Katholikin . - Ich war damals sehr jung und Zeuge davon , wie man die Ertrunkene suchte , und ich verstand die Logik der darauf folgenden Ereignisse nicht ; aber ich bekenne Dir , daß ich sie auch heute noch nicht verstehe . Begreife Du sie , wenn Du kannst ! Deine Mutter wollte den Bastard nicht in ihrer Nähe wissen ; man vertraute ihn also meiner jetzigen Haushälterin , der Kriegsräthin , zur Erziehung an , die im Flies ' schen Hause wohnte , und ein neuer Zufall brachte mich in demselben Hause in ' s Quartier . Ich war es , der auch mit einer ganz zufälligen Aeußerung in dem Knaben die Erinnerung an seine Mutter , an seinen Vater weckte , und wie des Burschen Aehnlichkeit mit Deinem Vater mir seine Abkunft augenblicklich verrathen hatte , so machte die übertriebene Zärtlichkeit , die man für den fremden Knaben im Flies ' schen Hause an den Tag legte , mir bald klar , daß man gesonnen war , sich das Geheimniß , welches man Deinem Vater bewahrte , gelegentlich bezahlen zu lassen . Seba vor Allen schien eine ganz besondere Liebe für den Knaben zu haben , der beständig um sie war , und das machte ihn mir nicht lieber , denn Seba war damals jung und schön , ehrgeizig und phantastisch , abenteuerlich und zärtlich - und leichtgläubig , wie die Weiber alle . Er hielt inne , lächelte und sagte dann , die Augen fest auf seinen jungen Gast gerichtet : Du hast vorhin mit einer Erkenntniß , die ich Dir gar nicht zugetraut habe , die Fabel vom Herkules am Scheidewege eine Albernheit genannt . Die meisten dieser Mythen sind Albernheiten : auch die Fabel vom Tantalus ist eine solche . Keine reife Frucht entzieht sich der durstenden Lippe , aber tausend reife Früchte welken , weil sich Niemand findet , der sie bricht . Es ist lächerlich , von verführten Weibern zu sprechen ! Sie unterliegen immer nur der eigenen Begehrlichkeit , der eigenen Phantasie ! Wie reife Früchte warten sie am Baume sehnsüchtig auf den Durst des vorübergehenden Wanderers , um bei der leisesten Berührung ihm in die Hand zu fallen . Nun , ich ging vorüber mit dem Durste der heißen Jugend , und - die schöne Seba fiel mir ohne all mein Zuthun in die Hand ! Onkel ! rief Renatus mit nicht zu verbergendem Widerwillen , weil seine Reinheit und Rechtschaffenheit vor solcher geflissentlich zur Schau getragenen Sittenlosigkeit zurückschreckten . Aber der Graf gehörte zu jenen Wüstlingen , die es belustigend finden , Andere erröthen zu machen , wenn sie selber zu erröthen verlernten , und als habe er den abwehrenden Ruf des jungen Mannes nicht vernommen , fuhr er gleichmüthig zu erzählen fort . Wir rückten an demselben Tage , an welchem Seba sich mir ergeben hatte , in das Feld . Ich erhielt einige Briefe , klagend , bittend , drohend und beschwörend , wie eine Jede sie schreibt . Ich beantwortete sie nicht . Jahre vergingen , ich glaubte die Schöne längst getröstet , wähnte das Abenteuer längst begraben und vergessen , aber ich hatte die eigensinnige Beharrlichkeit der Juden nicht in Anschlag gebracht , die , wie gesagt , jeden Zufall zu benutzen weiß und der kein Umweg zu weit ist , wenn er nur früher oder später zum Ziele zu führen verspricht . Mich zu rühren hatte Seba nicht vermocht , mich zu bestimmen hatten sie und die Ihrigen keine Möglichkeit , aber mich überlisten und durch Ueberraschung gewinnen zu können , hatten sie nicht aufgegeben . Sie wußten von unseren und von den Verhältnissen Deiner Eltern durch den Architekten , der Euch die Kirche baute , durch Euren Amtmann , dem Flies die Mittel an die Hand gab , sich die Verlegenheiten Deines Vaters zu Nutze zu machen , was sie zu wissen wünschten , und mehr als das . Arglistig stellte man Deiner armen , kranken Mutter den ihr verhaßten Bastard gegenüber , und als die Aermste zusammenbrach , da war der Menschenliebe und der Dienstfertigkeit , der Rücksicht und der Hingebung für sie kein Ende . Unter dem Scheine der höchsten Uneigennützigkeit erschlich sich Seba die Freundschaft und das Zutrauen Deiner Mutter . Als ihre einzige , als ihre beste Freundin führte Angelika , als ich eben zu einem Wiedersehen mit den Meinigen angekommen war , die edle Seba bei meiner Mutter ein , und diesen Augenblick benutzte die schöne , erhabene Seele , ihre Geständnisse zu machen und von mir die Herstellung ihrer Ehre zu verlangen , die sie mir sehr freiwillig geopfert hatte . Renatus konnte diesen Ton nicht ertragen . Es schnürte ihm die Brust zu , es klopfte ihm in allen Adern , er erhob sich wie im Schrecken . Er hätte das Fenster öffnen mögen , obschon der Wind , der sich inzwischen erhoben hatte , die Scheiben klirren machte . Auch der Graf hatte sich erhoben , aber er ging gemächlich auf und nieder und pfiff leise das damals sehr beliebte Lied vom schönen Dunois durch die Zähne . Jeder Mann , sagte er nach einer Weile , spielt zwischen drei Frauenzimmern in einer solchen Lage eine abgeschmackte Rolle . Die arme , sterbende Angelika schwamm in Thränen und hätte mir am liebsten die schöne Seba sofort angetraut ; meine Mutter wollte Seba überreden , mir zu verzeihen , was sie mir gar nicht zu verzeihen hatte - und ich that das Einzige , was mir bei einer derartigen Scene und Ueberrumpelung zu thun übrig blieb : ich ließ sie alle gewähren ! - Ich gönnte Deiner Mutter die Zeit , sich auszuweinen und das Vertrauen und die Freundschaft zu bedauern , welche sie Seba gewährt hatte . Ich ließ meiner Mutter die Zeit , zu begreifen , daß sie überlistet worden sei , und Seba Zeit und Freiheit , sich zu entfernen , was sie denn auch schließlich that . - Aber , rief er mit fester Stimme und mit einer Erbitterung , welche gegen die spöttische Leichtigkeit sehr abstach , in der er bis dahin gesprochen hatte - aber ich habe es ihr nicht vergessen , daß sie mich gezwungen hat , vor meiner Mutter und meiner Schwester als ein Angeklagter da zu stehen ! Ich habe es ihr nicht vergessen und vergeben , daß sie meine Mutter , die Gräfin Berka , dahin brachte , sich mit einer Bitte vor ihr zu erniedrigen - und sie hat es mir , sie hat es uns allen eben so wenig vergessen und vergeben , daß sie ihre Geständnisse unnöthig und vergebens vor uns abgelegt hat ! Durch Dich und Deine Unschuld hofft sie zu erreichen , hofft sie , uns zu vergelten , was sie sich , was sie uns schuldig zu sein meint ! Daher die große Freundschaft , welche man Dir im Flies ' schen Hause beweist , daher die Annäherung an die Rhodens , mit der sie sich das Ansehen einer gesellschaftlichen Stellung zu geben suchen , die Dich sicher machen soll , daher die lächerliche Deutschthümelei , mit der sie ihr Judenthum maskiren ! Darum mußte der Bastard Deines Vaters , der so gescheit gewesen war , sich aus dem Staube zu machen , zurückberufen und Dir als ein Bewerber um Davide in den Weg gestellt werden ! Auf Deine Unerfahrenheit , auf Deines Vaters Lage ist dabei gebaut ! Ich durchschaue den ganzen Plan , so weit und vorsichtig er auch angelegt ist ; und wie wenig die Meinigen und Dein Vater dies von mir zu fordern haben , ich werde für sie , für Dich , für uns alle handeln ! Die nöthigen Schritte dazu sind bereits gethan ! Man weiß es , daß dieser Tremann unter falschem Namen hier ist , daß er nach allen Seiten Verbindungen hat , die ihn verdächtigen , sein Eintritt in die Geschäfte des alten Wucherers , des Flies , verdächtigt diesen ebenfalls ! Man ist aufmerksam auf alles , was in dem Hause vorgeht . Und da sie sich so geflissentlich in den Vordergrund drängen , da dieser Tremann sich uns so unberufen in den Weg stellt , fühle ich mich , wie ich Dir vorhin sagte , auch berufen , sie mit ihrem neuen Günstlinge sammt und sonders aus dem Wege zu schaffen und unschädlich zu machen ! Dann ist Davide frei , und .... Der Graf hielt plötzlich inne , denn der Diener öffnete einladend die Thüre des Nebenzimmers , in welchem die Mahlzeit den Grafen und seinen Gast erwartete . Als hätten sie bis dahin die heiterste Unterhaltung gepflogen , so leicht und freundlich bot der Oheim seinem Neffen den Arm ; aber Renatus konnte sich nicht überwinden , sich auf ihn zu lehnen , er that als bemerke er es nicht . Zorn , Scham , Empörung und Niedergeschlagenheit wechselten ihre Herrschaft in dem jungen Manne ab und ließen ihn zu keinem festen Gedanken , zu keinen klaren Vorstellungen kommen . Er kannte mit einem Male die Welt nicht wieder , in der er lebte . Sie starrte ihm unheimlich entgegen wie eine liebe , heimisch vertraute Landschaft , welche man plötzlich durch grell gefärbte , entstellende Gläser betrachtet . Er wußte , daß die Mittheilungen , die ihm durch diesen Erzähler aufgedrungen wurden , keine zuverlässigen und keine reinen sein konnten , aber er vermochte nicht zu unterscheiden , was Wirklichkeit , was Täuschung , was unabsichtliche , was geflissentliche Entstellung sei , und nur die Ansicht setzte sich unabweislich in seiner Seele fest , daß sein Vater nicht wohlgethan habe , ihn mit der Flies ' schen Familie in Berührung zu bringen und ihn dadurch mit Personen zusammen zu führen , deren Stand und Gewerbe sie zu vielerlei Nachgiebigkeiten und Läßlichkeiten nöthigten und deren Sitten- , Rechts- und Ehrbegriffe also weit von denen eines Edelmannes abliegen mußten . Es kränkte ihn , daß diese Leute von seinen Familienverhältnissen in vieler Beziehung besser unterrichtet waren , als er selbst ; er schämte sich bei dem Gedanken , daß er sich zu Seba so hingezogen gefühlt , daß er sie , die Entehrte , die sich seiner Familie aufdringen wollen , seine Freundin genannt habe , daß sie die Freundin seiner Mutter gewesen sei . Sein Name , seiner Eltern Ehe , sein Vaterhaus , Alles schien ihm wie von einem Gifte angehaucht zu sein , und während gestern die bürgerliche Freiheit seines Bastardbruders ihm ein unbestimmtes Verlangen nach Ungebundenheit eingeflößt hatte , während er noch am Vormittage ein Verlangen nach ungewöhnlichen und abenteuerlichen Erlebnissen in sich gehegt , sehnte er sich nun plötzlich in den Kreis jener reinen Empfindungen zurück , in welchen er bis dahin so friedlich und so unbeirrt geathmet und gelebt hatte . Die Tagesereignisse , die Stadtneuigkeiten , die Erzählungen aus der Gesellschaft der französischen Hauptstadt , mit denen der Graf sich und ihn bei Tische unterhielt , fesselten die Theilnahme seines Neffen nicht . Die gewählten Speisen , die feurigen und feinen Weine reizten des Jünglings Gaumen nicht . Er war schweigsam und ernsthaft in sich versunken , denn das Bild , das er am Morgen als eine Albernheit verspottet hatte , das Bild des Herkules am Scheidewege , drängte sich ihm abermals und jetzt in einem anderen Lichte auf . Auch er stand auf der Grenze zwischen zwei Welten , an einem Scheidewege , auch er hatte eine Wahl zu treffen zwischen den Verlockungen des Lebens und den Ueberzeugungen und Ehrbegriffen , in denen er erzogen und erwachsen war und die für alle Zeit die Handlungen eines wahren Edelmannes leiten mußten . Und noch ehe man sich von dem verschwenderischen Mahle erhob , war seine Wahl getroffen . Statt ihn zu verführen , hatte die Charakterlosigkeit des Grafen ihn zur Besinnung und zu sich selbst gebracht . Renatus bereute , was er seit gestern gedacht , gethan ; er war entschlossen , sich für immer von einem Kreise loszusagen , in welchem so niedrige Elemente sich verbergen konnten , und er hätte viel darum gegeben , hätte er auf den Lebensweg seines Vaters mit derselben Zufriedenheit zurückblicken können , wie auf denjenigen , den er bis gestern selbst zurückgelegt hatte . Es war nie ein unedler Gedanke in sein Herz gekommen und - er wollte seine Seele rein erhalten . Er war stolz auf seine Sittenreinheit wie auf seinen alten Adel ; er wollte durch seinen Edelmuth die Schwäche seines Vaters sühnen und vergessen machen , er wollte in sich das vollkommene Vorbild eines Edelmannes darstellen ; und weil die Jugend ihr augenblickliches Wollen sich gern als eine That anrechnet , sah er bald mit einem mitleidigen Selbstgefühle , ja , endlich mit stolzer Verachtung auf seinen Oheim , auf den Mann herab , dessen Menschen- und Weltkenntniß ihm vor wenig Stunden noch beneidens- und bewundernswerth erschienen waren . Renatus ' Haltung hob sich an seinen guten Vorsätzen , er gewann seine Fassung wieder . Er nannte es in seinem Innern gut und nützlich , die Nachtseiten des Lebens in solcher Weise kennen gelernt und einen Blick in die verborgen gehaltenen Geheimnisse seiner Familie und seines Hauses gethan zu haben , den er sich zu Nutze zu machen beschloß . Daß er Seba nicht wiedersehen , das Flies ' sche Haus nicht wieder betreten , die Gräfin Rhoden bestimmen müsse , mit Seba zu brechen , um Hildegard vor jeder Berührung mit derselben ein für alle Mal zu sichern , das verstand sich ganz von selbst . Er fühlte sich plötzlich berufen , die Zügel in die Hand zu nehmen und für Alle , die ihm nahe standen , einzutreten . War er doch der Freiherr von Arten , auf dessen Schultern die Verantwortung für die Ehre dieses Namens schon jetzt und in der Zukunft ruhte ! Und er war jung genug , an die Dauer des Augenblickes zu glauben und mit der Kraft einer augenblicklichen Erhebung und Begeisterung , Vergangenheit und Zukunft umfassen und umgestalten zu wollen . Er sann darüber nach , wie er , noch ehe er sich heute von seinem Onkel trennen würde , diesem die Entschlüsse kund geben könne , die er gefaßt , wie er ihm , ohne ihn zu beleidigen , deutlich machen könne , daß sie beide auf einem völlig verschiedenen Standpunkte ständen , daß sein Versuch , sich den Anschauungen seines Onkels zu nähern , ein vergeblicher gewesen sei , und daß es also für sie in Zukunft gerathen sein dürfte , einander zu vermeiden . Aber der Widerspruch zwischen den Erzählungen des Grafen und den Gedanken und Empfindungen , welche sie in Renatus erzeugten , fing diesen allmählich poetisch zu dünken an . Es reizte ihn , sich in solcher Weise geistig von seiner zufälligen Umgebung befreien , seine Seele bis zu religiösen Empfindungen erheben zu können , während er die nöthigen Entgegnungen auf die ganz weltlichen Reden und Fragen seines Onkels nicht schuldig blieb ; und er war mitten in diesem poetischen Selbstgenusse , als die Meldung von der Ankunft des Herrn von Castigni ihn störte , der als ein vertrauter Freund des Hauses dem Diener auf dem Fuße folgte . Wichtige Nachrichten , ich bringe wichtige Nachrichten ! rief er dem Grafen zu , während dieser den Franzosen nöthigte , an der kleinen Tafel Platz zu nehmen , und der Diener ihm ein Glas hinsetzte . - Rüsten Sie Sich zum Aufbruche , mein Herr Baron ! Non più andrai far fallone amoroso ! wie viel Thränen es auch kosten mag , fügte er scherzend hinzu . Der Marschbefehl für die preußischen Truppen ist ertheilt , und Mademoiselle Davide wird sich mit uns armen Civilisten genügen lassen müssen , bis die jungen Helden wiederkehren , um der Schönen ihre Lorbeeren auf ' s Neue zu Füßen zu legen . Er durfte nach dieser Aeußerung eine eben so leichte Entgegnung erwarten und sah Renatus deshalb verwundert an , als derselbe mit einer gewissen Empfindlichkeit die Bemerkung machte , daß Mademoiselle Davide ihn weder Thränen kosten , noch Thränen um ihn weinen könne , da sie gar kein Interesse an einander nähmen . Dann erhob der Jüngling sich von der Tafel , wozu die Nachricht von der Marschordre ihm die erwünschte Veranlassung lieferte . Der Graf , welcher es sich leicht gedacht hatte , Renatus für sich zu gewinnen und ihn zu einem Werkzeuge seiner Rache zu machen , ahnte , daß er sich darin betrogen habe , und war der Zerstreutheit seines Neffen ohnehin müde geworden . Er versuchte also nicht ihn zurückzuhalten . Das Gespräch bewegte sich noch eine kurze Zeit um die Tagesnachricht ; Renatus sprach die Hoffnung aus , auf dem Marsche auch zu seinem Vater nach Richten kommen zu können , und der Graf gab ihm dann mit scherzenden guten Lehren das Geleit . Als sie die Thüre des Nebenzimmers erreichten , so daß Castigni ihre Worte nicht mehr vernehmen konnte , sagte Renatus ernst und feierlich , indem er stehen blieb : Ich habe noch etwas auf dem Herzen , ehe ich scheide . Sie haben vorhin feindliche Gesinnungen gegen den Kaufmann Tremann ausgesprochen . Ich bitte Sie , Onkel , geben Sie dieser Abneigung , die ich übrigens mit Ihnen theile , keine Folge . Es dünkt mich unserer nicht würdig , uns mit diesem Manne zu beschäftigen . Es ist nicht seine Schuld , daß er existirt , und Ehre ist für Unsereinen von seines Gleichen nicht zu holen . Ich für meinen Theil bin fertig mit ihm und seinem ganzen Anhange , da der Feldzug es mir möglich macht , mich ohne Aufsehen von Bekanntschaften zurückzuziehen , in die ich niemals gerathen sein würde , hätte man sich früher die Mühe genommen , mich zur rechten Zeit über jene Personen aufzuklären . Ich danke Ihnen , daß Sie dieses heute gethan haben . Meiner Verschwiegenheit sind Sie gewiß , und somit , Onkel , leben Sie wohl ! Der Graf nahm die ernste Anrede leichthin auf , und Renatus eilte von dannen , zufrieden , daß er mit dieser Fürsprache für Tremann die ersten Schritte auf dem Wege gethan hatte , von dem fortan nicht wieder zu weichen , er sich heute ein für alle Mal gelobt hatte . Vierzehntes Capitel Als Renatus seine Wohnung betrat , fand er seinen Burschen bereits damit beschäftigt , die für den Feldzug bestimmten Effecten auszusondern und zu packen . Renatus freute sich dessen , denn er sehnte sich , fortzukommen . Wie man die erhitzten , müden Glieder in eine frische , kühle Flut zu tauchen begehrt , so wünschte er die Erfahrungen der letzten vierundzwanzig Stunden in frischen , ermuthigenden Erlebnissen zu vergessen , und mit wahrer Sehnsucht richteten seine Gedanken sich in die Zukunft , in eine Zukunft , die er selber sich rein und schön und frei zu gestalten hoffte . Nicht in der Todesstunde seiner Mutter , da sie ihn mit frommem Wunsche gesegnet , nicht an dem Tage , an welchem der Freiherr von ihm bei dem Abschiede aus dem Vaterhause das Gelöbniß gefordert hatte , daß er sich seines Namens und Hauses würdig machen wolle , hatte Renatus sich so ernst und in sich gefestet empfunden , als heute ; aber es war die Weihe jener Momente , welche in ihm nachwirkte und ihn sich selbst versprechen ließ , was er denjenigen gelobt hatte , die er freilich jetzt nicht mehr als seine Vorbilder zu betrachten vermochte . Er beklagte seine Mutter , er bedauerte die Charakterschwäche seines Vaters , er pries sich glücklich , den Caplan zum Lehrer und Führer gehabt zu haben , er segnete die einsame , sittenstrenge Erziehung , die ihm zu Theil geworden und die er noch wenig Stunden vorher als ein Unglück anzusehen geneigt gewesen war , und es fiel ihm gar nicht ein , wie schnell eben im Laufe des letzten Tages seine Empfindungen und Gedanken sich gewandelt und mit einander gewechselt hatten . Er hielt eben noch immer jede seiner Stimmungen für die Folge einer neu gewonnenen Erkenntniß und jede solche Erkenntniß für die einzig richtige und abschließende ; das ist eine Eigenschaft der Jugend , welche beschränkten Geistern aber lebenslang eigen bleibt und es ihnen möglich macht , alle ihre Irrthümer im besten Glauben an die Unumstößlichkeit ihres Rechtes zu begehen . Der Freiherr hatte , im Geiste der Zeit , welcher er angehörte , sich selbst genügen , und von dem Momente ab , in welchem er die Rechte seines Standes angefochten sah , sich in diesen Rechten , in seinem Ansehen und in seiner äußern Würdigkeit behaupten wollen . Das erkannte und begriff der Sohn , aber seine Erziehung hatte ihm , wie er meinte , ein höheres , ein idealeres Ziel vor Augen gehalten , und nie hatte ihm dies heller entgegen geleuchtet , als eben jetzt . Nicht allein um die äußere Würdigkeit war es ihm zu thun ; er wollte in seiner Person , in seiner Handlungsweise es bestätigen , daß der Edelmann in sich den Begriff der Ehre reiner bewahre und darstelle , als die anderen Stände , daß er eine edlere Kaste sei , welche eben deßhalb sich einer strengen Ausschließlichkeit befleißigen müsse . Das hatte , wie Renatus meinte , sein Vater außer Acht gelassen , das hatte auch seine Mutter nicht genug beherzigt , und eben deßhalb hatte auch er jetzt auf dem Punkte gestanden , in unpassenden Verbindungen zu unangemessenen Handlungen verleitet zu werden . Ein Schreckbild war ihm in der Gestalt des Grafen zur rechten Stunde entgegen getreten . Er dankte seinem Schutzgeiste dafür , daß es einzulenken noch Zeit für ihn , noch nicht zu spät war , daß er sich noch vorwurfslos aus Umgebungen befreien konnte , in denen sein Name nicht