der bloße Gedanke schon erfrischt mein Herz . Ja , Florentin , so soll es sein : ich rette Judith ! Das war ein guter Rat , alter Freund ! « Mit traulichem Händedruck schieden sie . Orest ging ins Hotel Meloni . Florentin rief Gaetano herbei , der sich als eine Art von allgemeinem Diener aller Bewohner des Palastes in irgend einer Bodenkammer angesiedelt hatte , mit Florentin aber schon seit den Revolutionsjahren her bekannt war . Florentin legte ein Goldstück auf den Tisch und sagte : » Gaetano ! zu welcher Stunde es auch sei , daß die Sigonra den Palast verlassen sollte , Du gehst ihr nach und bringst mir dann schleunigst Nachricht . Benimmst Du Dich klug , so erhältst Du dieses Goldstück . « Gaetano antwortete nur mit einem verschlagenen Blick und ging auf seinen Posten . - Judith sagte zu ihrer Kammerfrau , als sie dieselbe entließ : » Ich muß in aller Frühe ausgehen , Fanny ! Holen Sie mir den Schlüssel zur kleinen Pforte vom Portier und sagen Sie ihm zur Beruhigung , ich würde den Schlüssel nicht aus meinen Händen geben . Ich werde Sie nicht wecken , sondern mich allein ankleiden . « Fanny erfüllte ihren Auftrag , zog sich zurück und Judith war allein . Obzwar sie auch die vorige Nacht durchwacht hatte , so war sie in einer viel zu lebhaften geistigen Spannung , um körperliche Ermüdung zu empfinden . Auf der Schwelle der Wiedergeburt ihrer Seele trat sie so nahe an das übernatürliche Leben heran , daß dessen Kräfte ihr leibliches Leben überwogen . Wie eine Selige fühlt sie nicht dessen Druck . Sie versank in eine unaussprechliche Dankesfülle für die wunderbare Gnade , welche sie , die Jüdin , die Theatersängerin , das Weltkind , den zweifelnden Geist - ergriffen , und über eine Welt von Hemmnissen hinweg , gleichsam auf einen anderen Stern versetzt habe , auf welchem die Gesetze der heiligen Liebe herrschten . Sie ruhte so innig in der Gnade , daß sie auf Orest ' s Bekehrung und ein still glückliches Familienleben für diese holde Corona hoffte . Als die Stunde näher kam , kleidete sie sich bräutlich und festlich in weiße Seide , und einen Schleier von schwarzen Spitzen warf sie verhüllend um Haar und Schultern . Regina ' s Rosenkranz schlang sie als Armband um und küßte zärtlich das kleine Kruzifix , dies Zeichen der Gnade , des Heiles , der Versöhnung , unter das sie sich flüchtete , um es dann in ihr Herz aufzunehmen . Was Hyazinth von den ersten Christen gesagt hatte : » Begraben mit Christus ! « das klang durch ihre Seele . Es kann nicht anders sein , sprach sie zu sich selbst ; wer das Geheimnis der Erlösung erfaßt hat - nicht in seiner Tiefe und Größe , denn das vermag kein geschaffener Geist ! aber nach dem Maß seiner Erkenntnis ; für den muß es heißen : Liebe um Liebe , Opfer um Opfer , Kreuz um Kreuz . Gegenüber einer Gottesliebe ! die der menschlichen Natur eine himmlische Würde und Bestimmung gibt , um durch solche Gaben ihr Herz in den Himmel zu ziehen : da kann der Mensch , dem das Licht des Glaubens in der Seele sagt , nicht in seiner Selbstsucht und in seinen Leidenschaften bleiben . Er muß sie zu überwinden suchen , sie müssen absterben - am Kreuz . So wird er mit Christus gekreuzigt und begraben , um in übernatürlicher Weise mit Christus zu leben . - - Durch die Totenstille der ersten Frühe hörte Judith einen Wagen kommen . Sie sah nach der Uhr : es war gleich vier . Der Triumphzug meines Lebens beginnt , mit dir , für dich , zu dir , mein Erlöser ! mein Herr und mein Gott ! frohlockte ihr Herz . Sie hüllte sich in einen dunkeln Mantel , zündete einen kleinen Handleuchter an , nahm den Schlüssel und verließ ihr Zimmer . Als sie durch das ihrer Kammerfrau ging , sagte sie zu Fanny , die schlaftrunken auffuhr : » Schlafen Sie ruhig fort : in einigen Stunden bin ich wieder da . « Dann ging sie die Treppe hinab der kleinen Tür zu , hörte außerhalb ein leises Husten , schloß auf , fand Lelio und ging mit ihm durch das Seitengäßchen dem Wagen zu , der in einiger Entfernung vom Palast auf dem Korso hielt . Sie stiegen ein und fuhren gen Trinità dei Monti . Mit ihnen , auf dem Lakaiensitz - fuhr Gaetano . Er hatte gut aufgepaßt ! Als er das ferne Wagenrollen hörte , spitzte er die Ohren , und als er in Judith ' s Zimmern Türen sich öffnen und schließen hörte , verließ er seinen Wachposten auf der kleinen Treppe , um sich hinter einen Pfeiler des inneren Hofes zu stellen , indem er das Licht in seiner Blendlaterne verdunkelte . Kaum sah er Judith die Treppe hinabgehen und den Weg zur kleinen Tür einschlagen , so sprang er mit katzenhafter Behendigkeit und schnell die Umstände im Zusammenhang auffassend , in die Portierloge , ergriff den Schlüssel zum großen Eingang , schloß mit gewandter Behutsamkeit auf und wieder zu , und erreichte früher als Judith den Platz , wo der Wagen hielt Da drängte er sich in den Schatten einer vorspringenden Säule , und erst als der Wagen dahinrollte , sprang Gaetano ihn nach und schwang sich hinten auf . - - Als es vier Uhr schlug , trat Hyazinth in der Kirche Santa Maria dell ' anime zum Altar , um das heilige Meßopfer darzubringen . Er war so erschüttert und bewegt durch die verschiedenen Ereignisse , die in seiner Familie zusammentrafen , und die doch so scharfe Gegensätze bildeten , daß auch er wenig Schlaf gefunden hatte . Onkel Levin ' s und Regina ' s Tod gingen ihm schneidend durch ' s Herz . Ihnen hatte er auf Erden am nächsten gestanden ; mit Regina ' s und an Levin ' s Seele hatte sich seine Seele entwickelt ; Regina ' s Entschluß hatte den seinen gereift und über jede Schwankung und jedes Bedenken hinweg gehoben ; Levin ' s Vorbild zog ihn tief und immer tiefer in das geistliche Leben hinein . Mit ihr betrat er die Tempelschwelle und mit ihm wandelte er zum innersten Heiligtum . Und jetzt waren Beide auf einmal von der Erde verschwunden ! das geistige Band , das ihn mit Beiden verknüpfte , war so innig , daß ihm zu Sinn war , als müsse er ihr seliges Leben auf Erden führen - aber selig , wie der Mensch selig sein kann : nicht in den Wonnen und Freuden der überströmenden Liebe , sondern in ihren heißesten Opfern . Mehr denn je fühlte er sich entflammt zur unbedingten Hingebung seines Herzens , seiner Seele , seines Wesens an die leisesten Bewegungen der Gnade , und er flehte zu Gott , daß dieser himmlische Gnadenhauch ihn ebenso zu Orest wie zu Judith leiten möge . Daß Orest ' s Leidenschaft durch Judith ' s Verlust weder gebrochen noch besiegt sei , war für Hyazinth ganz klar . War es nicht schon ein Gnadenwunder , daß Judith zur Erkenntnis kam ! es konnte sich um so weniger sogleich für Orest wiederholen , als Beide einen ganz verschiedenen Standpunkt einnahmen . Sie war unwissend über die Dinge des Heiles ; er verschmähte sie - und dieselbe Offenbarung , welche Judith bis in ' s Herz hinein erschütterte , verleugnete Orest . Ach , und welcher Trotz , welche unsinnige Erbitterung gegen die Kirche ließ sich von Orest ' s zügelloser Aufregung gerade jetzt erwarten , da die Leidenschaft ihm immer vorspiegeln werde , die katholische Kirche habe ihm Judith geraubt . Sie war gerettet - aber er ! aber er ! seufzte Hyazinth ; wie ist sein Herz zu schmelzen , wie ist sein Wille geschmeidig zu machen ? was wird ihn zur Reue bringen ? was mit Gott versöhnen ? ach , er schwebt in solcher Gefahr einer immer wachsenden Verfinsterung durch Leidenschaft zu verfallen , daß sein nächster Schritt ihn in den Abgrund stürzen kann . O , daß er gerettet werde ! daß die Finsternis von ihm weiche ! daß er nicht in seinen Sünden dahin taumele , eine Beute des Bösen . O , daß ich mein Leben für ihn hingeben , mein Blut für ihn vergießen dürfte - welch ' seliges Opfer wäre das ! Er beschloß sogleich nach Judith ' s Taufe mit Orest zu sprechen , und damit der heilige Geist ihm das rechte Wort auf die Lippen legen , und keine sündige Unvollkommenheit von seiner Seite die Gnadenwirkung hemmen möge , empfing er mit größter Andacht das heilige Sakrament der Buße . Jeden Fehltritt , jede Schwachheit , jede irdische Regung , die seine zarte Gewissenhaftigkeit ihm als Versündigung gegen die göttliche Liebe vorführte - jede Unvollkommenheit in der Ausübung seines Amtes und jede Aufwallung von Ermüdung in seinem Beruf , wodurch er fürchtete , den heiligen Geist betrübt zu haben : Alles faßte er in demütiger , reuevoller Anklage zusammen und badete seine Seele fleckenrein in der reinigenden Kraft des Blutes Jesu , welche das Sakrament der Buße vermittelt . Und so erneuert im Geist und » angetan mit weißem Kleide , gewaschen im Blut des Lammes , « - trat er zum Altar , um die heiligsten Geheimnisse zu feiern , um die Gnaden des ewigen Opfers den beiden Seelen zuzuwenden , die ihm so nahe standen , und um sich selbst durch die heilige Kommunion zu einem nicht ganz unwürdigen Werkzeug der Vermittlung dieser Gnaden zu machen . Es war niemand in der Kirche außer Hyazinth ' s Beichtvater . Als dieser ihn vom Altar herabsteigen und zur Danksagung nach der Messe niederknieen sah , konnte er sich des Gedankens aus der Offenbarung nicht erwehren : Das ist einer von denen , die mit göttlichem Namen bezeichnet sind , die das Lied der Auserwählten singen und dem Lamm folgen werden , wohin immer es geht . Verabgründet in die selige Vereinigung mit seinem Gott , mit dem Liebhaber und Erlöser der Seelen , verharrte Hyazinth im Gebet , bis Lelio ' s Wagen vorfuhr und ihn abholte . Während hier die Engel wachten , schlief auch der böse Feind nicht . Ein taktmäßiges Klopfen an seine Tür weckte Florentin , der sogleich rief : » Gaetano herein ! « Dieser kam atemlos zurück , erzählte die Begebenheit und sagte schließlich : » Vor Trinità dei Monti hielten wir . Da stieg die Signora aus und der Herr , der ihr dabei behülflich war , sprach : Um fünf Uhr bringe ich den Herrn Abbate her . Sie ging in die Pforte , die sich schon geöffnet hatte ; er fuhr weiter und ich sprang die spanische Treppe hinab - und da bin ich ! « » Begleite mich in ' s Hotel Meloni , « sagte Florentin , der sich inzwischen angekleidet hatte . Sie eilten fort . Nach einer Weile fragte Florentin : » Gaetano , hat der Begleiter der Signora wirklich gesagt : Ich bringe den Abbate ? « » Sollte er etwas anderes gesagt haben , Signor ? « » Hat er nicht vielleicht gesagt : den Jesuiten ? « » Kann sein , Signor ! ist nicht unmöglich . Abbate - Padre - das verwechselt man .... im Finstern . « - Kraft dieser Verwechselung .... im Finstern , trat Florentin in Orest ' s Zimmer und rief : » Auf , auf ! Judith ist so eben einer Zusammenkunft mit ihrem Jesuiten entgegen gefahren . Willst Du sie verhindern , so komm ' ! komm ' ! komm ' ! « » Ha , die Schlange ! und ich glaubte ihr ! « rief knirschend vor Wut und Verzweiflung Orest . » Lehre Du mich die Weiber kennen ! « höhnte Florentin . » Wo ist sie ? « » In einem Nonnenkloster - wie sich das von selbst für dergleichen Zusammenkünfte paßt . « » In einem Kloster ! « rief Orest stutzend . » Nun ja freilich ! das Institut vom Sacre-Coeur ist ja eine Jesuitenerfindung , um die Frauen aus der großen und vornehmen - und aus der reichen und vornehmseinwollenden Welt in ihre Schlingen zu bekommen . Dies ist vermutlich der Beichtvater von Trinità dei Monti . Dem muß man schon etwas zu Gefallen tun ! .... eine Hand wäscht die andere . « In diesem giftigen Ton , falsche und willkürliche Annahmen als unbestreitbare , anerkannte Wahrheiten hinstellend und ihnen Folgerung und Schluß gebend , welche der Gemeinheit und Bosheit der Erfindung entsprachen - redete Florentin fort und stachelte damit Orest ' s Leidenschaft zur wildesten Eifersucht auf . Als dieser nach seinem Pistolenkästchen griff , sagte Florentin mit einschneidender Parodie : » Vorwärts , vorwärts , Don Orestes - Deine Ehre ist verloren ! Vorwärts , vorwärts , stolzer Cid . « » Noch nicht verloren ! wo find ' ich ihn ! er soll mir Rede stehen ! « sagte Orest mit bebender Stimme . » Um fünf Uhr wird er zu Trinità dei Monti erwartet . Da müssen wir Schildwach stehen , und wenn er kommt « ..... - - » Ihn zwingen , in seinem eigenen Wagen mit mir in die Campagna hinaus zu fahren , und mir mit dem Pistol Rechenschaft zu geben ! « rief Orest . Sie stürmten den Monte Pincio hinauf , durch die tiefe Dunkelheit , die durch spärliche Reverbere mehr hervorgehoben , als eigentlich beleuchtet wurde . Überdas war ein feuchter Nebel in der Luft , der alle Gegenstände umhüllte und die Umrisse verwischte . » Wenn wir nur nicht zu spät ankommen , « sagte Orest , als sie am Ziele waren . Seine Aufregung war so heftig , daß er vom Scheitel bis zur Sohle zitterte , und sich an die Mauer lehnte , um Atem zu schöpfen . » Ruhig , ruhig ! « sagte Florentin ; » es fehlt noch ein Viertel an fünf Uhr . Er entgeht Deiner Rache nicht . « - Draußen das Toben der Hölle , drinnen der Vorschmack des Himmels ! Die Oberin und Corona empfingen Judith mit der Freude , welche auch die Seligen empfinden : Freude über eine gerettete Seele , die dereinst vor dem Throne Gottes in alle Ewigkeit seine Barmherzigkeit preisen und die Kraft des Blutes Jesu verherrlichen wird . Strahlend von dieser Freude , hatte Corona ihre ganze Schönheit und Jugend wiedergefunden . Sie war prächtig gekleidet , in glänzendweiße Seide , umwallt von Spitzen , überrieselt mit funkelnden Diamanten - wie man eben gekleidet zu sein pflegt , wenn man die heilige Ehre hat , ein Taufgelübde auszusprechen , dessen Erfüllung einer unsterblichen Seele zum ewigen Leben verhilft . Hier sprach freilich Judith selbst es aus ; aber gerade dieser Umstand machte die Feier noch rührender . » Die himmlischen Heerscharen schauen frohlockend auf Sie herab - und unsere Regina und Onkel Levin , « sagte Corona , indem sie Judith freudig umarmte ; » heute ist ein großer Festtag da droben . « Neben der ernsten Judith mit ihrer tragischen Schönheit , stand Corona in ihrer zarten Lieblichkeit , wie der Schutzengel , der ein edles Menschenbild umschwebt . Und so sprachen sie auch zusammen : Judith voll tiefer Sehnsucht nach dem Frieden der Erlösung ; Corona aus dem stillen Frieden heraus , den die demütige Kreuztragung verleiht . Da fuhr ein Wagen heran . Beide riefen : » Er kommt ! « » Ha , da kommt er ! « rief auch Orest . » Ich zwing ' ihn gleich , mit mir fortzufahren ! « Er riß die Pistolen aus dem Kasten und stürzte zur Klosterpforte . Der Wagen hielt , Hyazinth sprang heraus und Orest ihm entgegen , indem er rief : » Nicht herein ! fort mit mir ! auf der Stelle fort . « Als Hyazinth die Stimme seines Bruders erkannte , glaubte er , daß dieser Judiths Taufe verhindern wolle , und ahnungslos über dessen eigentliche Absicht , stieß er ihn mit eisernem Arm zurück und wollte der Pforte zuspringen , welche eben von inwendig aufgeschlossen wurde . Als Orest das hörte und nun fürchtete , sein Todfeind werde ihm feig entfliehen , warf er sich ihm in den Weg , und mit dem wütenden Aufschrei : » So stirb , Du Elender ! « drückte er die Pistole auf ihn ab . Hyazinth sank zu Boden und seufzte : » Jesus Maria ! « In demselben Augenblick rief Lelio : » Graf Orest , es ist Ihr Bruder ! « Und da die erschreckte Pförtnerin nicht öffnete , setzte er hinzu laut rufend : » Licht ! um Gottes Barmherzigkeit ! Licht ! « Sie öffnete . Der volle Strahl ihres Lichtes fiel auf Hyazinth , der lang ausgestreckt am Boden lag . » Hyazinth ! Hyazinth ! « schrie Orest mit heiserer Stimme und irrem Blick . » Er ist tot ! « sagte Lelio , der neben dem Entseelten kniete . » Hyazinth .... vergib mir .... mein Gott ! « stammelte Orest , setzte die Pistole in den Mund , drückte ab und sank zur Erde . Dies alles fiel mit furchtbarer Geschwindigkeit in ein paar Minuten vor . Die Oberin erschien voll Entsetzen an der Pforte , als eben Lelio mit Hilfe des Kutschers Hyazinth hineintrug . Die Kugel hatte ihn mitten durch ' s Herz getroffen , und ohne Kampf , fast ohne Schmerz hatte er sein Leben ausgehaucht . Der milde Ernst , der seinem Antlitz einen so engelhaften Ausdruck gab , ruhte in der vollen Majestät eines unerschütterlichen Friedens auf seiner marmorweißen Stirn . Dann wurde Orest gebracht . Der Unglückselige lebte , aber die gräßliche Verwundung machte ihn fast besinnungslos vor Schmerz . Er konnte nur wimmern , sprechen nicht . Für den Auftritt , der mit Judith und Corona erfolgte , gibt es keinen Ausdruck . Sie begriffen das Ereignis gar nicht ; Lelio konnte ihnen ja nur den letzten Akt mitteilen und Orest war sprachlos . Daß Florentin dabei gewesen , wußte niemand . So wie der erste Schuß fiel , war er die spanische Treppe hinab geeilt . Aller Wahrscheinlichkeit nach war jetzt ein verruchter Jesuit oder jesuitischer Dunkelmann weniger auf der Welt ! er suchte sich an diesem Gedanken zu freuen ; aber das Gewissen wollte es nicht zulassen . Bei dem zweiten Schuß floh er entsetzt von dannen . Da war Unheil geschehen ! Ist nicht meine Schuld .... nicht meine Schuld ! wiederholte er vor sich selbst halblaut , um die stumme Sprache des Gewissens zu übertäuben . Aber seine Pulse klopften wie Hämmer , und Schweißtropfen standen auf seiner kalten Stirn ; ein namenloses Grauen überfiel ihn - das entsetzlichste , was es auf Erden gibt - das Grauen vor sich selbst . Fort ! zu Rita ! zu Rita ! rief er . Wer war Rita ? ein schönes elendes Weib - Gaetano ' s Frau ! Lelio schickte sogleich den Wagen nach einem Wundarzt , der schleunig kam und auch einen Verband anlegte , doch gleich erklärte , der Verwundete werde schwerlich den Tag durchleben und das sei zu wünschen wegen seiner folternden Schmerzen . Auch der Hausgeistliche war gerufen , aber vergeblich , wie es schien , da Orest nicht bei Besinnung war . Corona kniete neben ihm , gefoltert wie er , aber von Mitleid und von Seelenangst . » Betet , betet ! « sagte sie zu einigen Ordensfrauen , die mit größter Schnelligkeit ihm ein Lager bereitet und den Entseelten in ein anderes Zimmer getragen hatten ; o betet vor dem Sanktissimum , daß er nur eine Minute zum Bewußtsein gelange , und mit einem Akt der Reue vor dem ewigen Richter erscheine . « » Es knieen schon zwei Schwestern in dieser Intention vor dem Sanktissimum , « entgegnete die Oberin ; » und die Messen , die heute gelesen , und die heiligen Kommunionen , die empfangen werden , wollen wir sämtlich dafür aufopfern . « » Gott vergelts ! « sagte Corona ; » denn ich ... ich kann nicht beten .... ich ächze nur ! « Es war ein Jammer sie zu sehen mit diesem Ausdruck von Seelenangst um den Sterbenden , ihr prächtiger Anzug mit seinem Blut überströmt , die Spitzen zerrissen , Handschuhe und Taschentuch blutig am Boden . Sie dachte nicht an Felicitas , nicht ihren Vater und Uriel rufen zu lassen . Sie dachte nur daran , daß hier eine Seele in der vollen Ungnade Gottes von der Erde abscheiden könne . So weit gingen Judith ' s Gedanken nicht . Sie machte es gerade umgekehrt , wie Florentin . Meine Schuld ! meine Schuld ! seufzte sie in stumpfer Trostlosigkeit . Mord und Selbstmord - meinetwegen ! zwiefache Mörderin ! Sie fiel aus einer Ohnmacht in die andere . Der Gegensatz zwischen der heiligen Feier , zu der sie aus allen Kräften ihres geistigen Wesens hinstrebte und verlangte - und dieser blutigen Tragödie war so gewaltsam , so unerwartet , daß sie von diesen Schrecknissen aus ihrer hohen Spannung herausgerissen und bis zur Ohnmacht übermannt wurde . Über diese Bilder des Jammers brach der Tag an , sanken die Nebel , ging die Sonne golden auf . Nichts änderte sich in Orest ' s Zustand . » Wenn doch Pater Bonaventura käme - oder für ihn betete , « sagte eine Laienschwester zu dem Hausgeistlichen , der mit Lelio und Corona das Sterbebett bewachte . » Wer ist das ? « fragte Corona . » Ein frommer Kapuziner , den man sehr verehrt , und zu dessen Fürbitte man viel Vertrauen hat , « entgegnete der Geistliche . » Ich hole ihn ! « rief Lelio . » Der Wagen ist noch immer bereit . « Er eilte hinaus und fuhr eilig zum Kapuzinerkloster auf dem Platz Barberini am andern Ende von Rom . Ein weiter Weg ! In dumpfer Angst harrte Corona . Jede Minute erschien ihr wie eine Ewigkeit , und wie manche Minute mußte vergehen ! Judith schleppte sich auf den Knien zu Corona . » Hassen Sie mich ! « sagte sie tonlos . » Es wird mir ein Trost sein , so verabscheut zu werden wie ich es verdiene . « » Die christliche Seele haßt nie , « erwiederte Corona . » Wie könnte ich hassen so bitterer Todesnot gegenüber . « - Endlich kam Lelio und mit ihm Pater Bonaventura . Als er eintrat , riefen Corona und Judith : » Herr Ernest ! « - und es war , als empfänden sie einen inneren Trost durch seine Ankunft . Lelio hatte ihn bereits von dem ganzen Vorfall und den betreffenden Personen in Kenntnis gesetzt . » Retten Sie seine Seele ! « flehte Corona . » Wo so viel fromme Seelen schon beten und mit Gottes Gnade Erhöhrung finden werden , da ist mein unwürdiges Gebet recht unnütz , « sagte er demütig . Die Pförtnerin trat ein und meldete , daß Corona ' s Kammermädchen höchst beunruhigt Nachfrage um die Gräfin halte . Niemand wisse , was aus ihr geworden sei , und der Herr Graf habe so eben den Diener nach dem Hotel Meloni geschickt . » O mein unglücklicher Vater .... bringen Sie ihm die Schreckenskunde ! « seufzte Corona zu Pater Bonaventura gewendet . » Vor einem solchen Auftrag darf man zittern , « sagte er und ging zu Graf Damian . Nicht zehn Minuten verstrichen und er kam mit dem unglücklichen Grafen zurück , der gebrochen , wie ein siebzigjähriger Greis , vom sterbenden Orest zum entseelten Hyazinth wankte . Bald darauf kam auch Uriel , beängstigt durch die Nachfrage nach Corona im Hotel Meloni und durch die Aussage des Portiers , daß Graf Orestes gegen fünf Uhr morgens mit einem Herrn , der ihn abgeholt , das Hotel verlassen habe . Die Gruppe der Leidtragenden war vollständig . Aber Felicitas fehlte . » Sie soll kommen , « sagte Corona , » sie soll eintreten in die Schule des Lebens - in ' s Leiden . « » O Raserei der Leidenschaft ! « sagte Ernest ; » in Wölfe und Tiger verwandelt sie die Seelen , welche bestimmt waren , Lämmer des guten Hirten zu sein . « Als Felicitas kam und sich angstvoll in die Arme ihrer Mutter warf , schlug Orest seine blutigen geschwollenen Augenlieder auf . Corona seufzte beseligt : » Gott Dank ! ach , lieber Orest , kennst Du uns ? « Seine Augen blickten : » Ja ! « Er konnte weder sprechen , noch den Kopf bewegen ; das ganze Untergesicht war zerschmettert . Alle traten zu ihm heran klagend , fragend , tröstend . Er konnte nichts tun , als mit bittenden Augen sie ansehen und einen mühseligen Versuch machen , seine Hände zu falten . In einem Winkel des Zimmers , ihr Gesicht auf einem Stuhl verbergend , niemand beachtend und von niemand beachtet , lag Judith . Jetzt schleppte sie sich an ' s Bett und sagte : » Graf Orestes , können Sie mir vergeben ? « Bei dem Ton ihrer Stimme fuhr er zusammen , schloß die Augen und machte eine sanfte Handbewegung . » Er verzeiht mir und will mich nicht sehen : so muß es sein ! « sagte sie , küßte Corona ' s Hand und begab sich in das andere Zimmer zu Hyazinth ' s Leiche . » Willst Du das heilige Bußsakrament empfangen ? « fragte Corona zärtlich über Orest gebeugt . Er bejahte es in seiner Weise , und man ließ Pater Bonaventura allein bei ihm . Durch die Fragen , welche dieser ihm mit einer Präcision vorlegte , die es möglich machte , sie durch Pantomimen zu beantworten , stellte sich die Beruhigung heraus , daß Orest keinen Mord , am wenigsten einen Brudermord beabsichtigt - sondern im Wahnwitz der Leidenschaft den ersten - in besinnungsloser Verzweiflung den zweiten Schuß getan habe . Da Orest kaum je eine solche Reue und Aufrichtigkeit bei dem Empfang des Bußsakramentes gehabt haben mochte , als eben jetzt mit dem gewissen Blick auf sein nahes Ende , so war diese letzte Beicht vielleicht die beste seines ganzen Lebens . Die heilige Wegzehr konnte man ihm wegen seiner Verstümmelung nicht reichen . Allein die letzte Ölung stärkte ihn zu dem grausigen Todeskampf , den er zu bestehen hatte . Gegen Abend war er verschieden und , wie zu hoffen war , in der Gnade Gottes . Judith hatte schon vorher durch Pater Bonaventura die Nottaufe empfangen und war dann in einem bewußtlosen Fieberzustand in ihren Palast zurückgebracht und durch Lelio ihrer Mutter übergeben worden . Sie schwebte sechs Wochen lang zwischen Leben und Tod . Das Leben siegte und die Gnade auch : nach ihrer Genesung wurde aus der Judith eine Thaïs . Der letzte Windecker Im Koliseum am Fuß des Kreuzes saß Uriel . Der glühende Sonnenuntergang tauchte den rötlichen Travertinstein der Riesenruine in flammendes Rot . Sie sah aus wie in Blut gebadet . Die stillen , dunkeln , unbeweglichen Cypressen - diese Bäume der Trauer und der Gräber - schauten von Monte Cölio , durch die gebrochenen Arcaden des Koliseums melancholisch in die Arena hinein und auf den stillen Kämpfer , der dort in den Tiefen seines Herzens eine Geisterschlacht bestand . Auf dieser Stätte verhauchte der heil . Ignatius Bischof von Antiochien , unter den Zähnen der Löwen seine Seele ; der heilige Greis , der diejenigen , die ihn retten wollten , anflehte : » Laßt mich ein Nachfolger der Leiden meines Gottes sein ! « Zu dieser Stätte und mit diesen Worten hatte Levin Uriel gesendet , und Uriel betrachtete sie als ein Vermächtnis des seligen Greises , der ihn so sehr geliebt und so gut gekannt hatte . Sollte er es nun im vollen Umfang annehmen ? das war sein Kampf . Der Zug der Seele , die innere Stimme , das Verlangen des Geistes trieben ihn dazu an ; aber die Natur wehrte sich . Der himmlische Mensch sehnte sich nach der unbegrenzten Hingebung an das vollkommenste Opferleben unter den evangelischen Räten ; der irdische Mensch entsetzte sich vor einem solchen Opfer . Die furchtbaren Erschütterungen der letzten Zeit , verbunden mit diesem inneren Kampf , prägten sich durch den Ausdruck tiefen Leidens in seinen Zügen aus . Mit geschlossenen Augen , die bleiche Stirn in die Hand gestützt , saß er am Fuß des Kreuzes - dieses wunderbaren , armseligen , hölzernen Kreuzes , welches als eine Reliquie von Golgatha , in seiner Unscheinbarkeit das ganze Koliseum überragt . Wie in inneren Gesichten zogen Bilder auf Bilder durch Uriels Seele . Er sah die geheimnisvollen Gnadenströme , welche vom Kreuz ausgehen ; er sah die Gottestaten , welche in den Menschenschicksalen still sich erfüllen ; er sah aber auch den Widerstand des Menschen gegen Gnade und Heil und wie gerade in seiner Familie die Gegensätze so schroff auseinander gingen . Über ein halbes Jahrhundert war der gottselige Priester , Onkel Levin , der geistige Mittelpunkt der Familie , der Ruhepfeiler des Hauses gewesen , aus dessen Fülle sie alle schöpfen , von dessen Reichtum sie alle zehren , an dessen Kraft sie alle sich lehnen konnten . Er war so recht der Priester , den Gott der Welt gibt als seinen » Helfer und Mitarbeiter « , wie der Apostel Paulus sagt , und der kein anderes Streben kennt , als die Welt geheiligt an Gott zurückzugeben . Die einen entsprachen seinem Streben ; die andern nicht . Zu glänzender Blüte entfaltet sich in Regina Gnade und geheiligter Wille , Gottestat und eigene Mitwirkung . Ihr Einfluß zog die ganze Familie , jeden in seiner Art , zum Gnadenleben ,