Hause der Aeltern eben jetzt sein Bruder Melchior mit der Familie zu Tische geht ... Er wußte , daß es heute seit einem Jahrhundert dort Klöße , gekochte Birnen und Speck gab ... So nach der Rechtfertigung des Pfarrers mit Darreichung des Handschlags vom Bruder sogleich empfangen zu werden , verlangte er nicht . Dazu war der Berg zwischen ihnen zu hoch gewesen . Aber ein kurzes : » Stephan , du bist ' s ? « ein aufrichtiges , ehrliches , deutsches : » Ja , Melchior , ich bin ' s ! « ein Schweigen von Seiten Melchior ' s und ein Deuten blos auf den Mittagstisch und die Worte : » Willst mithalten ? « ... mehr verlangte Stephan nicht ... mehr bedurft ' es auch nicht zur Aussöhnung . Endlos ist das Volk in Verstandesdingen , in Herzensdingen kurz . Seligmann aber , alle Sorgen , die sich noch an den Fund des Portefeuilles aus der Kutte des Mönches Sebastus knüpften ( eines Portefeuilles , das einem Manne gehörte , an dem sich rächen zu wollen auch ihm sein erstes Gelüst gewesen ) abschüttelnd auf die Weisheit , hochherzige Besonnenheit und Beredsamkeit Veilchen ' s stieg in das Souterrain der Villa , wo neben dem französischen Koch , Herrn Jülien aus Paris , Regine waltete , die der jungen Madame Fuld ihre Aeltern mitgegeben hatten , um dafür zu sorgen , daß sie den Zusammenhang mit den Vorschriften des Talmud nicht zu sehr dem vornehmen Weltleben ihres Gatten opferte . Waren keine Gäste da , so hatte Regine den Oberbefehl und duldete am Kalbsbraten keine Butter , am Rehbraten keinen Rahm , nimmermehr Aale , nimmermehr die Verwechselung der Geschirre je nach dem Inhalt , der drinnen gewesen - und wie die Vorschriften eines Glaubens lauten , der die Grundlage unsers eigenen ist . Seligmann lächelte sanft , die Freude Reginens zu sehen , daß sie einen » Vetter « ihrer Herrschaft oben kennen lernte , wenn auch nur hier unten im Souterrain des Kellers ... Der Rehbraten , sagte allerdings der Koch streng abweisend , sein erst dann zu dividir , wenn er zurückspazir ' de la Table ! ... Aber Seligmann war es nicht um den Rehbraten , sondern nur um die Ehre zu thun . Er wartete den Gang der Ereignisse ab . Das freundliche Plauschen der alten Wienerin weckte ihm allmählich wieder die frohe Musik seiner Seele . 12. Nun von Viertelstunde zu Viertelstunde ein neuer Gast ... Zuerst der Bruder Moritz ... Er war der Aeltere , trat aber gegen seinen repräsentativeren Bruder zurück . Fast vierzig Jahre alt , mochte er sich nicht mehr verheirathen . Er hatte eine pessimistische Auffassung des Lebens , während Bernhard , Geldsachen ausgenommen , mehr zum Optimismus neigte ... Moritz brachte die ihm gestern Abend anonym zugeschickte Caricatur . Glücklicherweise brachte er auch den Humor mit , daß er das Befremden und den entrüsteten Unwillen seines Bruders nicht vermehrte ... Der stille und sanfte Alois Effingh hatte sie beide darstellen lassen , wie sie mit einem Heiligenschein von Dukaten um den Kopf standen , der eine in der Hand mit einem Modell einer neuen Kirche , der andere mit einer Kerze und mit dem Rauchfaß . Darunter stand die Unterschrift : » Alles fürs Geschäft ! « Für die Kirche , sagte Moritz , tröste uns die neue Eisenbahn in Belgien , deren Actien wir in Deutschland emittiren ! Und für die Dukaten um den Kopf tröste uns unsere amsterdamer Berechnung vom letzten Ultimo ! Louis Philipp läßt die Curse fallen , weil die Kammern zusammentreten . Um die Debatten über die Thronrede nicht zu grob werden zu lassen , kitzelt er ein bischen den französischen Nationalstolz durch den Schein , daß es Krieg gibt . Bernhard versicherte sich , daß Moritz wenigstens die Caricatur vor seiner Frau geheim hielt ... Gott , wie zärtlich ! Warum soll sie unsere Lage nicht kennen lernen ? erwiderte Moritz . Dabei mußte er gewähren lassen , daß ihm Bernhard sein an Louis Philipp ' s » ehrliche Leute « und deren Politik erinnerndes rothes Bändchen etwas weiter aus dem Knopfloch zog ... In der Stadt drüben , fuhr Moritz fort ( er that dabei sogar dem Bruder den Gefallen , sich im Spiegel zu besehen ) , müssen wir uns isoliren und unsere Kraft nur in Paris , London und Amsterdam suchen ! Dann der mittlere Bürgerstand und der kleine Mann gewonnen und wir lachen diese altfränkischen Buchhalter aus mit ihren großen dicken liniirten Strazzen , die von Jahr zu Jahr hinten mehr leere Seiten zeigen werden . Beide waren einig darüber , daß der Spott nur von der tonangebenden mercantilen Jugend der wohledeln Stadt , von Piter und dessen Freunden kommen konnte . Sie verließen das Haus und gingen den schattigen Partieen des schönen Gartens zu und sprachen von den Anträgen Wenzel ' s von Terschka ... Es war von einer großen Lotterie die Rede , in der die Standesherrschaft Dorste-Camphausen allenfalls verspielt werden konnte ... Terschka hatte selbst aus seiner Heimat diese dort übliche Form für Geldspeculationen großer , selbst fürstlicher Häuser anempfohlen ... Neue Anmeldungen hinderten die Fortsetzung dieses Gesprächs ... Bernhard ging , eine kürzlich in Belgien bei Negociirung eines großen Eisenbahnanlehens der Städte Lüttich und Namur gemachte Bekanntschaft aus Spaa , den Baron von Binnenthal zu empfangen ... Die Physiognomie des Barons misfiel Moritz . Gerade darin zeigte er seinen Pessimismus , daß er beständig des Bruders Sucht nach vornehmen Bekanntschaften bekämpfte , die allerdings nicht selten mit Geldverdrießlichkeiten endeten ... Ich weiß nicht , mit was für Leuten du dich ziehst ! flüsterte er dem Bruder zu . Aergerlich wies dieser auf den aus der heißen Küche jetzt zurückgekommenen und in den entferntesten Hecken des Gartens fast auf den Zehen spazieren gehenden Seligmann und sagte : Schnorrer willst du ? Da hast du einen ! Sich wendend empfing er dann wieder eine neue Meldung ... Herr von Binnenthal war inzwischen zu Madame Fuld getreten ... Ein junger Dandy war es , der bei seinen vielen Reisen im Ausland seine deutsche Muttersprache verlernt zu haben schien und bei den einfachsten Begriffen stockte , um sie zuletzt englisch oder französisch vorzubringen . Moritz flüsterte seiner Schwägerin ( die in der Mitte des Gartens in der schattigen Rotunde eines mit vier Eingängen durchbrochenen Rebenspaliers , auch hier auf gußeisernen , mit Polstern belegten Stühlen , anmuthsvoll die Honneurs machte und durch die Strahlen eines von Blumen umzogenen Springquells aus der Ferne gesehen , in ihrem wassergrünen seidenen Kleide , fast einem Grandville ' schen Naturgeist , einer personificirten Libelle ähnlich sah ) nach einigen Beobachtungen des Herrn von Binnenthal brummend die Bemerkung zu : Ich weiß nicht , dieser Baron hat immer das Deutsche an den Stellen vergessen , wo man eben erwartet von ihm einen Gedanken zu hören ! Frau Bernhard Fuld sprach jedoch holdseligst mit dem Baron , ohne sich im mindesten von der grämlichen Kritik des Schwagers stören zu lassen . Wieder klingelte die große Pforte des Eingangs . Wieder eine Anmeldung » aus der Pairskammer « , wie Moritz sagte , der im Geiste mehr in Paris , als in Drusenheim zu leben schien . Diese neuen Ankömmlinge wurden vor Bewunderung der Villa gleich vorn gefesselt . Terschka und Binnenthal unterhielten die Wirthin und Moritz horchte und studirte vor sich hin und auf dem Gartenboden , wie es schien , nur Botanik . Herr von Binnenthal hatte allerdings alle Eigenthümlichkeiten der Weinreisenden . Er konnte mitten in eine Phrase über die von Terschka angeregte Schönheit der alten belgischen Bauten eine Zwischenrede mit der Wendung einwerfen : » Meine gnädigste Frau , dieses weniger ! « Oder Frau Bettina , wie sie statt Betty dem seit einigen Jahren erschienenen Briefwechsel Goethe ' s mit dem Kinde zu Liebe genannt wurde , ungeduldig über die draußen gefesselten Gäste , wollte einen Schmetterling haschen . Es mislang ihr und Baron Binnenthal nannte diese kleine graziöse Unterbrechung , die der schönen Frau allerliebst stand : » Eine verfehlte Speculation ! « Als er einige male , wetteifernd mit dem immer gefallsamen Terschka , der aus dem : » Küss ' die Hand ! « gegen Frau Bettina nicht herauskam , von » schiefgewickelten « Ideen sprach , erregten diese Ausdrücke wol bei beiden großes Gelächter , Moritz jedoch hatte auf der Lippe , seinen Bruder Bernhard zu fragen , ob dieser in dem Eifer nach Vornehmheit vergessen hätte , sich den Paß des Herrn von Binnenthal zeigen zu lassen . Und dabei bekam Moritz wahrhaft Mitleid mit dem armen Seligmann , der sich hinter den äußersten Stachelbeerhecken versteckte und je mehr Menschen kamen , ganz gegen das Naturell seines Stammes , desto weiter sich zurückzog . Immer größer und größer wuchs die Zahl der Connexionen . Nun sah man , daß man in Homburg und Baden-Baden die Liebenswürdigkeit selbst gewesen war . Jeder , der auf seiner Rückreise den schönen Strom berührte , war aufmerksam gemacht worden , die Villa im Enneper Thale zu besuchen ... So auch ein Herr von Guthmann mit Gattin ... So auch zwei englische Ladies , die mit Ponies an fuhren und mit Mappen kamen , um nach Tisch vielleicht noch die Gegend aufzunehmen ... So auch ein großer » Exporteur in Landesproducten « aus Hamburg mit zwei Schwestern ... Bernhard gerieth in eine gegen seine sonstige blasirte Haltung immer mehr zunehmende Aufregung . In dieser gab er sogar den Bedienten den Befehl , den so » lauernd schleichenden « Seligmann ganz aus dem Garten zu verweisen . Moritz machte zu alledem den Beobachter und bemerkte bereits Manches . Z.B. als das von Guthmann ' sche Ehepaar in den Garten getreten war ... Herr von Binnenthal entfaltete gerade ein Brillantfeuerwerk von » famosen « oder » schaurigen « Thatsachen aus dem Badeleben Ostendes und Scheveningens und hatte auf die Frage des Herrn von Terschka , ob Herr von Binnenthal auch ein Schwimmer wäre , wieder die geistreiche Antwort gegeben : » Dieses weniger ! « - als seine Blicke des Herrn von Guthmann ansichtig wurden und vom Momente an verstummte Herr von Binnenthal . Moritz konnte diese auffallende Beobachtung um so mehr machen , als ihn Frau von Guthmann interessirte ; eine seine graziöse Erscheinung war es , nicht mehr ganz jung , aber von gefälligem Eindruck und einem ohne Zweifel im Salon gebildeten Benehmen . Als sie selbst mit einem jener Misverständnisse , die in Gesellschaft mit neuen Bekanntschaften oft vorkommen , sich selbst in ein längeres Gespräch mit Herrn von Binnenthal eingelassen hatte und erst allmählich erkannte , daß sie sich an ihr ebenbürtigere Persönlichkeiten hätte wenden müssen , stand doch Herr von Guthmann lange genug allein , um über den Eindruck , den auch ihm Herr von Binnenthal zu machen schien , von Moritz beobachtet zu werden . Dies schien der Eindruck des höchsten Erstaunens zu sein . Offen sprach Herr von Guthmann zu Moritz seine feste Ueberzeugung aus , in jenem jungen Manne einen gewissen Oskar Binder wiederzuerkennen , der - Nun freilich nahm er Anstand , die Antecedentien eines Mannes offen anzugeben , der hier in solchem Kreise bei Rittern der Ehrenlegion verweilen konnte und von Pferden , Hunden und von Güterankäufen sprach . Daß auch ihm der Makel anklebte , auf eine nicht besonders motivirte Weise Bankrott gemacht zu haben und mit der geschiedenen Frau eines angesehenen Mannes , gegen deren Aufführung die sprechendsten Beweise an Ort und Stelle vorlagen , sich von Weib und Kind entfernt , dann diese Frau und mit ihr den selbstgegebenen Adel geheirathet zu haben , um ein speculatives Leben in den Bädern zu führen - das war allein der Anstand , der Herrn von Guthmann verhinderte , offener mit der Wiedererkennung seines frühern Commis hervorzutreten . Seine Frau führte mit diesem gerade eine liebenswürdige und höchst charmante Causerie , ganz noch als wenn sie in seinem Bazar stünde und unter Scherz und Bewunderung der vorgelegten Stoffe , sicher nur infolge angeborener Kleptomanie , ein Packet Spitzen escamotirte . Moritz bemerkte den Schrecken , der auf den Gesichtszügen des Herrn von Binnenthal immermehr platzzugreifen anfing ... Diese so interessanten Bekanntschaften wuchsen immermehr ... Bernhard ' s neue Existenz strahlte im Lichte der edelsten Gastlichkeit . Man hatte im ersten flüggen Drange des Bestrebens , ein Haus zu machen , jeder persönlichen Berührung , selbst einer Frage am Cursaal zu Baden-Baden , ob diese oder jene Pièce nicht von Beethoven wäre ? und der Antwort der Nachbarin ( zufällig Meta Carstens , die mit Bruder und Schwester ihre zweijährliche Ferienreise machte ) : » Jewoll ! 1 ) Die C-Moll-Symphonie ! « - dann bei einer Kritik des Fünf-Uhr-Diners ( hamburger beibehaltene alte Gewohnheit ) und der Bewunderung der aufgetragen gewesenen Erbsen ( die sie rühmende war Sophie Carstens ) eine Ausdehnung zur Einladung , auf der Rückreise das Enneper Thal zu besuchen , gegeben . Frau Bettina liebte die Natur , die Musik , die schönen Künste und sogar die Freundschaften noch ebenso , wie Bernhard bereits nur noch die Livreen , die Pferde , die Hunde und die großen Namen liebte . Nach den Honigmonaten klärt sich das . Jetzt ist die Gärung noch etwas bunt . Zu dem Commis mit fünf Jahren Correction , zu dem bankrotten Rentier und seiner neuen Gattin , dem weiblichen Vidocq , zu den Ladies , die die Töchter eines Porterbierbrauers in London waren , kam Nikolaus Carstens , seinerseits höchst unschuldigerweise hier ein großer Exporteur genannt , theilweise jedoch mit größerm Rechte als Münzenkenner und halber Gelehrter gefeiert . Er bedurfte der ganzen Würde , die ihm seine weiße , große , in der Hitze nicht eben kühlende Halsbinde gab , um die Aeußerungen seiner Schwestern über eine gewisse von ihnen bewohnte Villa vor dem Dammthorwalle mit Besonnenheit zu unterstützen . Wir bedauern nicht verweilen zu dürfen bei der Anmuth der Wirthin , die ganz wie ein verkörperter Tropfen vom heutigen Frühthau noch nachblinkte . Sie einen Diamanten zu nennen , deren sie einige Dutzende auf Brust und Händen trug , wäre zu kalt von uns . Sie ist das Leben selbst , der Frühling , der lachende , die Sonne , die glühende . Wie ist das im Glück geboren und erzogen ! Sie hat soeben bei dem Wandeln hinaus auf den nun heute zu ihrer kindlichsten Freude erworbenen halbwüsten Acker und Weinberg , dessen Höhe jedoch das schönste Panorama bot , eines der kostbaren Bänder , die sie auf dem schönsten Arme von der Welt trug , verloren - Moritz tadelte gleich , daß sie deren zu viel trug und nannte es ein gefährliches Unterbinden der Pulsadern - beim Zeigen und Bewundernlassen dieser Armringe war einer von ihnen verloren gegangen ... eben kam der Verlust zur Sprache ... eben bei der Debatte über das Verhältniß irgendeines neuen wiener Componisten zu Beethoven , einer Zusammenstellung , über deren Ketzerei Meta Carstens vor Aufregung fast plattdeutsch sprach und dabei Brillanten und Rheinkiesel in geistvolle Vergleichung brachte ... Nun allgemeine Bewegung ; aber die junge Frau sagt : Bitte ! bitte ! Lassen Sie doch nur ! ... Die Bediente springen ... Terschka ist schon überall ... Bernhard bittet um alles in der Welt , den Fall leicht zu nehmen ... Bettina nimmt den Fall wirklich schon leicht ... Man kehrt unverrichteter Sache zurück , das Armband ist nicht zu finden ... Und jetzt kommt es erst heraus , daß es das schönste war , dasselbe , das Frau von Guthmann so lange bewundert hatte ... Moritz fixirt Herrn von Binnenthal ... aber ein Graf Dammhirsch - wirklich das einer von sechzehn Ahnen , aber blos Traineur und Besitzer von zwei alten magern , schnellfüßigen , ihn ernährenden Stuten - verbürgt die Ehrlichkeit der Gegend ... Doch die Masse der Spazierfahrer und Ueberlandgänger ! ... Enfin tranchons le mot ! ruft Bernhard . Tranchons le rostbeaf ! sagt Moritz , mit Anspielung darauf , daß man auch allenfalls Hunger haben könnte ... Das Ding kostete mindestens sechzig Friedrichsdor ! flüsterte er ; aber Bettina sprach schon wieder von Musik und vertheidigte den neuen Componisten und bewunderte Thalberg ' s Tremolo . Die Stimmung war allerdings ein wenig gedrückter geworden und nur die Naivetät der Engländerinnen belebte sie wieder durch ihr Entzücken über die Gegend . Bernhard sah sich nun nach Seligmann um , den er aus dem Garten verwiesen hatte , ja sogar von der Eingangspforte der Villa weg , wo der gute Vetter sich nützlich zu machen den Einfall bekam und den Schlag der Wägen öffnete , wenn die Bediente nicht sogleich zugegen waren . Jetzt hätte der nach dem Armband suchen können . Er bereute fast , vor einer Viertelstunde zu ihm gesagt zu haben : Seligmann ! Ich werde Ihnen doch einen Hut mit Tressen geben , ein Bandelier und einen Stock , wenn Sie durchaus hier den Portier machen wollen ! Man konnte nicht leugnen , Seligmann trug die Farbe seines Stammes in seltener Treue . Dazu kam seine unendliche Glückseligkeit , die unverkennbare , fast verwandtschaftliche Freude , andere im Augenblicke gleichfalls so glückliche Menschen hier begrüßen und aus dem Wagen helfen zu können mit seinen allerdings schon etwas von der Hitze stark mitgenommenen gelbseidenen Handschuhen . Indessen hatte er sein Vergehen vollständig eingesehen und da die gute Regine mit der Unterstützung des Koches noch ausschließlich zu thun hatte und ihm selbst der Duft von Speisen , die ihm noch so lange vorenthalten bleiben sollten , doch ein zu lebhaftes Andringen zu seinen Geruchsorganen verursachte , so zog er es vor , einstweilen noch und da leichte Wolken die heiße Sonne zu bedecken anfingen , die Villa zu verlassen und noch ein wenig auf Drusenheim zuzuspazieren , zu sehen vielleicht , ob Stephan Lengenich bei seinem Bruder Speck , Klöße und Birnen aß . Eben das eiserne Thorgatter der Besitzung auf das sanfteste zurücklehnend hörte er Säbelklappern und traute seinen Augen nicht , den Major Schulzendorf mit seinem Wachtmeister Grützmacher aus Kocher am Fall dahertraben zu sehen ... Ja , sie waren es ! ... Wie die Rosse dampften ! ... Wie die Schnurrbärte der Reiter vom Kalkstaub der Landstraße so marsch- und manövermäßig gefärbt waren ! .. Der Gruß der Nachbarn aus Kocher am Fall that ihm so wohl , wie wenn sie ihm Grüße von der Hasen-Jette und vom David mitbrächten . Ei , Seligmann ! Schlag , wie kommen denn Sie hierher ? rief ebenso erheitert Major Schulzendorf und ritt etwas langsamer . Ja , aber Sie , Herr Major ? Von drüben ? Zwölf Stunden weit ? Dienstgeschäfte ! ... Bedeutungsvolle Pause ... Grützmacher spricht natürlich kein Wort , wenn der Chef redet ... Dieser wollte weiter ... Apropos ! hielt er plötzlich sein Roß an . Seligmann ! Wissen Sie hier keine Pferde ? Herr Major , wollen Sie wechseln ? Wechseln ! Kaufen ! Kaufen ! Seligmann besann sich ... Vielleicht war ein Geschäft zu machen . Der Major drängte ... Sie haben was , Seligmann ! Kommen Sie uns doch nach ! In den Palmbaum , heißt ja wol das Wirthshaus ? Zu Befehl , Herr Major , zu Befehl ! Wie wir wissen , war der Major ein berühmter Pferdehändler . Seligmann durfte annehmen , daß diese Aufforderung vollkommen ernst gemeint war . Grützmacher , der erst dicht neben seinem Chef ritt , sich jetzt aber drei Schritte zurückhielt , bestätigte mit einer eigenthümlichen Ironie in dem sonnenverbrannten , wie mit Speck und Staub überstrichenen Antlitz die Gelegenheit zu einem Geschäft . Und sein Brauner sogar schien den Seligmann zu erkennen . Er machte einen so gewaltigen Satz , daß ihm Grützmacher ' s Säbel fast an seine Vatermörder streifte . Na , na , Landsmann ! sagte Grützmacher zum Gaul und beruhigte ihn . Die eigenthümliche Ironie des seinem Chef Nachsprengenden verstand der Nachbar des Wachtmeisters zu Kocher am Fall auf den ersten Blick . Seligmann sagte sich : Gewiß ist blos ein Pferd dienstuntüchtig geworden ! Nun wird er eine Reise von zwölf Stunden und sogar über den Strom hinweg unterwärts mit der diessenbacher Fähre machen ! Nebenbei werden ein paar Wagenpferde für Herrn von Ingelheim , ein paar Ackerpferde für den Grafen Grafenberg , ein Reitpferd für dessen Herrn Sohn beschafft . Oder wär ' s noch etwas Anderes ? setzte er in sinnendem Selbstgespräch , aber nachfolgend hinzu ... Seligmann verstand sich auf die Zeit ... Ihm selbst lag der Streit der Guelfen und Ghibellinen seit gestern centnerschwer auf dem Herzen , so leicht auch nur ein einziger grüner Streifen Tuches von einem Jagdrock wiegt . Im Palmbaum fand er dann den Major , der bereits , wie er erzählte , heute sieben bis acht Pferde behandelt und theilweise schon erstanden hatte . So aufmerksam Schulzendorf dann zuhörte und sich Namen und Ortschaften notirte , wo Seligmann noch einige junge , tüchtige Pferde wußte , auch eines ganz in der Nähe auf einige hundert Schritt , so fand er den Major doch nicht in der Stimmung , den Duft des Stalles sogleich wieder einzuathmen , sondern erst vor allen Dingen den eines tüchtigen Mahles . Im Palmbaum gab es eine leidliche Table-d ' hôte . Das Gewühl von Menschen , die sich noch an der mit jedem neuen Gast mehr verdünnten Suppe und an ausgekochtem Rindfleisch mit Salzgurken satt aßen , war heute so groß , daß Seligmann plötzlich auf einen ihn selbst überraschenden Gedanken kam . Wie - dachte er ; wenn - überlegte er ; prächtig ! - beschloß er . Der Major war an der Villa vorübergeritten und hatte bei seinem außerordentlich seinen norddeutschen Spürsinn ( die Guelfen räumen den Ghibellinen vorzugsweise eine größere Feinheit der Geruchsnerven ein ) Seligmann beneidet , als dieser sich rühmte , dort zu diniren . Selbst wenn es nur Kugel-Schalet gab , wußten ja Grützmacher und er , daß der Major solchem Geruch manchmal selbst bei Jette Lippschütz nicht widerstehen konnte . Selbst unter deren Dach sah man ihn oft eintreten am Freitag Abend mit der feinsten Nase , die nur je jenseits der Elbe zum spürenden Organ alles Guten und Schönen sich ausgebildet ... Ueberhaupt sechsunddreißig Landdragoner standen unter dem Trefflichsten . Jeder von ihnen wußte , daß ein so tüchtiger Chef nur zum Wohle des Vaterlandes geboren werden konnte , und eine dies bezeugende Kleinigkeit , nämlich zu seinem Geburtstage - bezeugte auch an ihnen wieder , so arm sie waren , ein gutes Herz . Schulzendorf nahm jeden Hasen , auch wenn er geschenkt war . Und nun gar erst der Pferdehandel ! Sechzig Thaler kostete nun so eine tüchtige Mähre von einem Bauer z.B. hier im Enneper Thale ; dann hat man einen guten Freund , Grützmachern z.B. , die gute treue brave jüterbogker Seele macht so ein Thier » rittig « , setzt Leib und Leben , Frau und Kinder daran , das wilde Jungblut zuzureiten , und nach sechs Wochen nimmt es dann der beste aller Könige für achtundachtzig Thaler . Bei sechsunddreißig Pferden , die wie alle Pferde nur zu oft nicht einschlagen , kommt der Fall der Erneuerung und ein Gewinn von achtundzwanzig Thalern per Stück sehr häufig vor . Wollte man aber darum den Major anklagen , daß er im Dienste lässig gewesen ? Nimmermehr ! Er strafte wie einer ! Er machte Abzüge wie einer ! Er lächelte stets so scharf , so sarkastisch , so liebevoll mephistophelisch , aber zuweilen konnte sein Inneres auflodern , wie wenn seine Väter nicht geborene niederlausitzer Tuchmacher , sondern ( nach Shakspeare ) » von Deukalion her erbliche Fürstendiener « gewesen wären . Er vergaß keine Titulatur nach oben , aber wehe dem , der eine von unten vergaß ! Um zu zeigen , wie ein Chef Untergebene behandeln müsse , duldete er nimmermehr , daß Grützmacher von den Schreiben , die aus dem Landdragoneramte an untergeordnetes Volk gingen , den Streusand wegblies . Kreuzhimmeltausendsakkerment ! fluchte er trotz Niemeyer und Knapp , bei denen er noch in Halle Theologie studirt hatte , wenn Grützmacher von einem Bescheid an einen Dorfrichter oder an eine kleine Stadtgemeinde den Streusand wegblasen wollte ! ... Diese Bagage muß wissen , mit wem sie zu thun hat ! ... Aber nach oben hin war dann Schulzendorf auch um so mehr die schuldigste Devotion selbst ... In dieser Weise zeigte sich jene Gesinnung , die niemand schärfer durchschaute als Procurator Nück , wenn er nachdenklich seinen Frack mit dem goldenen Sporn betrachtete , oder Michahelles , wenn er zum Kirchenfürsten sagte : » Eminenz ! Erst nur gewisse Fürsten gewinnen und in dreißig Jahren wird dann aus dem Schoose des Protestantismus selbst heraus eine Bewegung entstehen , der man getrost es commandiren kann , Rom auf halbem Wege entgegenzugehen ! « Auch Seligmann wollte einen starken , kräftigen Staat , hielt es aber für politische Weisheit , wenn an Ort und Stelle in manchen Dingen nachgegeben und sich accommodirt wurde und vor seinen beiden Vettern glaubte er keine größere Genugthuung zu haben , als wenn er ihnen den Major zu Tische führte . Mit Hochherzigkeit reinigte er den auf diese Eröffnung hin erst laut auflachenden , dann aber gar nicht abgeneigten Gönner vom Staub der Landstraße . Seit gestern Mittag unterwegs hatten Uniform und Knöpfe , Degenkoppel , Stiefel und Sporen gelitten . Mit Grützmacher ' s Hülfe wurde das Werk der Adonisirung glücklich vollendet und lachend sich zurückversetzend in die Zeiten der Campagne und den viel minder rücksichtsvollen Besuch manches flandrischen Meierhofs und manches burgundischen Edelsitzes , billigte er nach Seligmann ' s Rath als passendste Anknüpfung den Pferdehandel und die Besichtigung einiger stattlichen Mecklenburger , die im Stalle des Besitzers von Drusenheim neu angekauft standen ... Man verließ den Palmbaum , wo Grützmacher mit einem seiner loyalsten , aber vielsagendsten Blicke zurückblieb . Gerade war die Gesellschaft der Villa auf einer erneuten und auf Veranlassung der » in solchen Dingen pedantischen « Damen Carstens das Armband suchenden Promenade begriffen . Nachdem schon lange vor aufsteigenden Nebeln die Sonne verschwunden war , begann es etwas zu tröpfeln . Wie die Gesellschaft , von dieser unerwarteten Wendung der Sonntagslust überrascht und auf eiligem Rückweg begriffen , mit gespannten Sonnenschirmen da und dort aus dem Grün auftauchte , ging Schulzendorf , sich einen jugendlichen Schneller gebend , dem Wirthe entgegen und über die Mecklenburger hinweg erfüllte sich alles aufs trefflichste . Es war in der Ordnung , daß man dem Major die herrlichen Thiere , die Stallungen , die kostbaren Futterbehälter , die Porzellankrippen zeigte ... es war in der Ordnung , daß man ihn dringend bat zu bleiben . Seligmann , entzückt über ein sogar ganz freundliches Zunicken seines Vetters Bernhard Fuld , stieg triumphirend in die Küche . Jetzt waren alle Gäste mehr als vollzählig beisammen und nur einer fehlte noch ... Schleudere deinen Bannstrahl , Paul genannt der Vierte ! Kanonische Regel , verhänge deine entschiedensten Strafen ! Ein Priester im Hause , ja sogar am gedeckten Tische eines Juden ! ... Dennoch öffnete sich die Thür und der Pfarrer trat ein , in gewählter Sonntagskleidung , in schwarzer Weste , schwarzen Handschuhen ... der praktische Mann war bei seinem Patronatsherrn - die Auslegung des Bullariums hat ihre eigenthümlichen Geheimnisse . Wir schildern nicht den geschmackvollen Eßsaal mit bunten Fenstern , die die Gesichter grün , die Suppe roth , die Löffel blau erscheinen ließen . Wir schildern nicht den runden Tisch mit seinen Herrlichkeiten . Wir schildern nicht die galonirten Diener , die mit gründlich einstudirter Ruhe serviren . Wir schildern nicht diese scheinbar granitne Sicherheit , die Bernhard über die Folge der Gänge , das Abnehmen der Teller und Präsentiren der Weine zur Schau trägt , während sein scharfes Auge stechend auf eine etwas laut niedergesetzte Schüssel oder eine zur Erde fallende Gabel gleitet . Als es Gemüse gab , riefen die beiden Hamburgerinnen einstimmig ihrem Bruder zu : Nikolaus ! Junge Erbsen ! Das Gespräch wurde Schmetterlingsflattern , obgleich Engländerinnen immer gründlich sind . Am Lurleyfelsen werden sie sicher die Fußtapfen der Lurley gesucht und am Mäusethurm die Löcher der Mäuse gezählt haben , die jenem Hatto von Mainz einst das Leben nahmen . Was aber auch nur angeregt wurde , alles zündete vorzugsweise bei Meta und Sophia , die , wenn sie auch stets mit den verklärtesten und schönsten Stellen und Excerpten ihrer Tagebücher beschäftigt waren , doch von jeder Speise zweimal nahmen . Wie plastisch und sozusagen objectiv wurde von ihnen eine jede Lebensäußerung behandelt ! Selbst wenn sie nur ein wenig Salz verlangten oder sich vom Nachbar ein Glas Wasser erbaten , geschah es im Vollgenusse dieser höchst merkwürdigen , aber behaglichen Situation . Der Pfarrer ist einer jener Urmenschen , die an jeder Stelle das thun , was die Lage der Dinge gerade mit sich bringt . Ebenso gut wird er einen wohlbereiteten Salmen zu würdigen wissen , wie eine eingestandene Sünde . Das ist die beste Menschenart , die bei jedem Ding sich auf dem Platze weiß ... Schweigsam waren nur geworden Moritz der Pessimist , Binnenthal , Herr von Guthmann , selbst Frau von Guthmann ... das Armband wirkte doch drückend ... Dagegen war Terschka ein Matador . Hufbeschlag mit Schulzendorf , Stangen- oder Kandarenreiten mit dem Grafen Dammhirsch , Percussionsflinten mit einem Jagdjunker , Zukunft der österreichischen Finanzen mit einem Herrn Bendixen aus Frankfurt , Drainage und alte Münzen mit Herrn Carstens , Rouge et Noir mit Herrn von Guthmann , Caramboliren beim Billard mit Binnenthal , Musik mit Miß Arabella , Malerei mit Miß Julietta , das von Liebig eben entdeckte Conserviren junger Gemüse in Blechbüchsen mit den Damen Carstens - allem und jedem steht dieser Wunderbare zur Rede ... Und nur mit der Frau vom Hause spricht er von Wien und lacht mit ihr vertraulich über die ganze übrige Welt . Die Wiener und Wienerinnen haben das . In der Fremde gehören sie alle einer geheimen Conspiration an