den Tisch stützte . » Ich will Euch nun zum Abschied einen guten Rath geben , « sagte er mit seiner so eigenthümlich klingenden Stimme . » Thut Euch selbst den Gefallen und laßt die Geschäfte von der Art , wie das , worüber wir soeben verhandelt . In welchem Ruf Ihr in der Stadt und bei den Behörden steht , wißt Ihr selbst am besten ; die letzteren sind nun auf Euch besonders aufmerksam geworden , und die Polizei würde Euch heute Abend einen sehr unangenehmen Besuch geschenkt haben , wenn ich es nicht verhindert hätte . - Also nehmt Euch für die Zukunft in Acht ; wenn ich das nächste Mal komme , geschieht es nicht , um Euch zu warnen . « Bei diesen Worten wandte er sich nach der Thüre um und wollte das Zimmer verlassen ; doch blieb er plötzlich stehen und fragte : » Wer ist denn das ? « Meister Schwemmer , der mit zerknirschter Miene die Worte des Fremden angehört , blickte in die Höhe und sah den Buben , der sich hinter Richard unbemerkt in das Zimmer geschlichen hatte und bis jetzt ruhig an der Thüre stehen geblieben war . Er hielt seinen kleinen Körper gerade und aufrecht , schaute unbefangen in die Höhe und blickte den Mann im Mantel fest mit seinen blitzenden Augen an . Dabei hatte er ebenso wie dieser den linken Arm in die Seite gestemmt . » Das ist ein auffallendes Gesicht , « murmelte der Fremde und fuhr sich mit der Hand über die Augen . - » Dieser Blick ! Und die ganze Form des Kopfes . - Bei Gott ! seltsam . « - Er wandte sich rasch nach dem Hausherrn um und fragte : » Wem gehört dieses Kind ? « Dieser bückte sich demüthig und zog furchtsam die Achseln in die Höhe , als er entgegnete : » Ich weiß es nicht , Herr ; gewiß , ich weiß es nicht . « » Keine Lüge , Meister Schwemmer ! « - » Auf meine Seele , nein ! - Möge ich verderben , wenn ich nicht die Wahrheit sage . - Der Knabe wurde mir vor Kurzem durch eine Unterhändlerin gebracht , die ich nennen kann ; doch war auch das schon die zweite Hand , durch welche der Bube gegangen . « » Es ist möglich , daß Ihr diesmal nicht lügt , « erwiderte der Fremde mit einem sonderbaren Lächeln . » Ich will Euch was sagen , guter Meister Schwemmer : bis morgen Abend um sechs Uhr wünsche ich auf ' s Genaueste zu erfahren , wie die erste Hand heißt , die den Knaben in die zweite geliefert . - Habt Ihr mich verstanden ? « » Ja , Herr . - Soviel ich indessen weiß - « » Für jetzt nichts Weiteres ; ich mag keine Vermuthungen . - Also morgen Abend um sechs Uhr etwas , worauf ich mich verlassen kann ! - Wer bist du ? « wandte er sich an das Kind . » Das weiß ich nicht , « entgegnete der Knabe mit heller Stimme . » Ich kann dir nur sagen , daß ich Karl heiße , bei der alten Frau Fischer wohne und von hier fort will . « » So , du willst von hier fort ? - Also gefällt es dir da nicht ? « Das Kind blickte scheu um sich , und als es das Weib mit der rothen Nase nicht bemerkte , sagte es : » Ich mag nicht mehr bleiben ; sie sind so böse , namentlich das Weib mit der rothen Nase . Wir bekommen fast nichts zu essen , sie schlagen uns viel , und dann ist es drüben so arg kalt . « » Der legt ein gutes Zeugniß von Eurer Wirthschaft ab , « sprach der Fremde mit einem flammenden Blick . - » Aber es ist wirklich erstaunlich , « fuhr er ganz leise fort , » welche Aehnlichkeit ich da heraus finde , namentlich in den Augen ; ja sogar , wenn er spricht , die gleichen Bewegungen des Kopfes . - Aber das ist möglich ? - Bei Gott ! es könnte sein . Nun , wenn Jemand der Sache auf die Spur kommen könnte , so wäre ich der Mann dazu . - Du sprachst vorhin von einer Frau Fischer ; getraust du dir vielleicht das Haus , wo sie wohnt , aufzufinden ? « » Das ist gewiß nur ein falscher Name , den man dem Knaben gesagt , denn - « wagte Meister Schwemmer sich in das Gespräch zu mischen . Doch machte ihn ein Blick des Anderen plötzlich verstummen . » Von hier werde ich das Haus schwerlich finden , aber wenn man mich auf den Platz bringt , wo das schöne Schloß steht - ich habe da viel gespielt und die Soldaten gesehen - da glaube ich wohl , ich würde das Haus finden , wo die gute Frau Fischer wohnt . « - Dies sagte der Knabe mit einer freudigen Erregung , wobei seine Augen strahlten . » Nun gut , « erwiderte der Fremde , » den Versuch wollen wir morgen machen ; und du siehst mir gerade so aus , als wenn du zu halten im Stande wärest , was du versprichst . - Willst du mit mir gehen ? « » Gern ! gern ! « rief das Kind , und eine tiefe Röthe flammte auf seinem Gesichte auf . » Aber doch wohl noch lieber zu deiner Frau Fischer ? - Oder bliebst du gern beständig bei mir ? « Der Knabe besann sich einige Sekunden , dann warf er einen Blick auf den Meister Schwemmer und das Weib , das unter der Küchenthüre erschienen war , um sogleich wieder zu verschwinden . Hierauf antwortete er : » Zuerst möchte ich wohl die Frau Fischer wieder sehen , um ihr zu sagen , daß sie mich hier nicht todtgeschlagen , dann möchte ich aber zu dir kommen und bei dir bleiben . - Ich bin gewiß überzeugt , du hast auch Waffen zu Haus - Säbel oder Pistolen oder auch nur ein Messer . « » Und wozu das ? « » Damit ich mich wehren kann , wenn sie mich wieder fortbringen wollten . - Ja , hätte ich nur an dem Abend mein kleines Gewehr gehabt , das hat ein ganz spitzes Bajonnet , oder hätte mir Einer ein Messer gegeben . « - Bei diesen Worten ballte er seine kleinen Hände und erhob sie drohend gegen das Nebenzimmer . Der Fremde betrachtete ihn einen Augenblick lächelnd , und , wie es schien , mit großem Wohlgefallen . Dann legte er die Hand vor die Augen und sprach wie zu sich selber : » Bei dem Anblick dieses Knaben treten blutige Bilder aus meiner Jugend lebendig hervor . Ganz so stand ich da , nur mit dem Unterschiede , daß ich wirklich ein Messer in der Hand hielt . - Eigenthümlich ! « Darauf ging er mit raschen Schritten an das Fenster , blickte hinaus und murmelte : » Richtig ! Mathias ist nicht mehr da . Ich wußte es ja . « - Er wandte sich hierauf an den Meister Schwemmer und sagte : » Ist Jemand im Hause , der das Kind heute Nacht in den Fuchsbau bringen kann ? « » Der Sträuber wird noch da sein , « entgegnete der Hausherr ; und dann rief er in ' s Nebenzimmer hinein : » Geh ' , such ' den Sträuber , er muß sich noch im Haus befinden . « Darauf vernahm man , wie das Weib die Küche verließ und wie sie kurze Zeit nachher mit Jemand im Gange flüsterte . Der Fremde lehnte sich ruhig wartend an den Tisch , und Meister Schwemmer blickte mit der demüthigsten Miene von der Welt nach der Stubenthüre , die sich jetzt langsam öffnete . Herr Sträuber trat ein und blieb , den Hut in der Hand haltend , mit gesenktem Kopfe am Eingange stehen . » Ah ja , Herr Sträuber ! - Der Beste der Besten ! « sagte der Fremde , unverkennbar mit tiefer Verachtung . - » Sie sind mir als Begleiter dieses jungen kleinen Herrn da nicht der Liebste ; aber man nimmt , was man hat . - Hören Sie mich an ! « Der Andere war auf diese ziemlich laut gesprochenen Worte augenscheinlich zusammengefahren und wagte es nicht , den Kopf zu erheben ; er drehte nur seine Augen in die Höhe und erwiderte mit leiser Stimme : » Ich höre . « » Sie gehen also mit diesem Kinde auf dem geradesten Wege nach dem Fuchsbau ; doch verstehen Sie mich wohl : auf dem geradesten Wege , halten auch nirgendwo an und sprechen mit Niemand , Sie schauen gerade vor sich hin und lassen mir das Herumgaffen bleiben ; es könnte Aufsehen erregen , und ich kenne Sie . - Nehmen Sie sich aber ja in Acht , Herr Sträuber , « fuhr er in lauterem Tone fort , » daß Sie von dieser Instruktion nicht eine Idee abweichen ; es könnte Ihnen schlecht bekommen . - Im Fuchsbau wird Mathias sein ; ihm übergeben Sie den Knaben , er soll ihn für heute Nacht anständig unterbringen . Morgen erhält er meine Befehle . « » Und mit dem soll ich gehen ? « fragte das Kind . » Nur eine kleine Strecke , « erwiderte bestimmt der Fremde . - » Also Gott befohlen ! Morgen wirst du zu deiner Frau Fischer kommen oder vielleicht zu einem Herrn , der es gut mit dir meint . « - Damit reichte er ihm die Hand , und der Kleine folgte seinem Führer , der bereits in den Gang hinaus getreten war . Der Fremde trat an die Thüre und schaute ihnen nach , wie sie durch die Hausflur dahin gingen . - » Ich empfehle Ihnen den geradesten Weg , Herr Sträuber , « wiederholte er nochmals und setzte lächelnd hinzu : » Mit dem Kinde werden Sie keinen Versuchungen ausgesetzt sein , denn es ist ja ein Knabe und trägt keine Ohrringe . « Sobald die Tritte der Beiden draußen im Hofe verhallt waren , schlug der Fremde sein Mantelende wieder über die rechte Schulter , nickte dem Meister Schwemmer leicht mit dem Kopfe zu und verließ ebenfalls das Haus . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Am gleichen Abend hielt Graf Fohrbach mit Arthur ein Rendezvous in dem Kaffeehause auf dem Kastellplatze . Beide Freunde hatten sich schon mehreremal in ihren Wohnungen verfehlt und sich schriftlich diese Zusammenkunft gegeben . Sie waren längere Zeit in einem hinteren Zimmer allein gewesen und hatten eifrig mit einander gesprochen . Der Gegenstand dieser Unterredung , den der geneigte Leser wohl errathen wird , war für den Grafen so wichtig , daß er es sogar vergessen hatte , Arthur zu fragen , wie er am Neujahrsabend in jener uns ebenfalls bekannten Angelegenheit für ihn gehandelt und welches Resultat seine Unterredung mit der jungen Dame gehabt habe . Die Beiden verließen nun das Kaffeehaus und schritten in fortgesetztem Gespräch über den Kastellplatz dahin . » Also sein Gesicht konnten Sie damals nicht sehen ? « fragte der Graf . » Nein , das war unmöglich , wie ich Ihnen schon sagte , « erwiderte Arthur , » denn er hatte den Mantel dicht um den unteren Theil des Gesichts geschlungen . « » Aber die Stimme glaubten Sie wirklich zu erkennen ? « » Ich glaube nicht , daß ich mich darin täusche : es war die des Barons . Nur sprach er die Worte anders aus , als es sonst seine Art ist ; er redete kräftig , energisch , ja befehlend . « » Es ist kein Zweifel , « entgegnete Graf Fohrbach nach einer längeren Pause ; » es mußte dieselbe Person sein . - Aber haben Sie je eine so furchtbare Geschichte erlebt ? - Was kann und wird Alles daraus entstehen ? Denken Sie sich den Skandal , wenn dieser Mann , der in der Gesellschaft nach allen Richtungen seine Verbindungen angeknüpft hat , plötzlich von der Hand des Gerichtes erfaßt wird ! - Das muß in unseren Kreisen Verletzungen zurücklassen , die schwer zu heilen oder zu verwischen sind . Aber vor allen Dingen , lieber Arthur , denken Sie ja daran , was Sie mir vorhin versprochen - die tiefste Verschwiegenheit über Alles , was ich Ihnen mitgetheilt . Wenn wir je zu einem Ziele gelangen können , so ist das nur möglich , wenn wir mit der größten Behutsamkeit vorgehen . Man darf darüber nicht athmen . « » Gewiß nicht , Graf Fohrbach ; und Sie werden das von mir überzeugt sein . « » Das wissen Sie ja , lieber Arthur ; sonst hätte ich Ihnen nicht das Ganze so ohne allen Rückhalt anvertraut . - Sie gehen nach Hause ? « » Ja , ich muß . - Und Sie ? « » Ich werde noch einen Besuch machen . - Aber lassen Sie sich ja bald bei mir sehen . « » Schon morgen . Wie Sie wissen , hatte Seine Excellenz der Herr Kriegsminister die Gnade , mich zu Spiel und Thee einladen zu lassen . « » Richtig ! da sehen wir uns ja . - Also , gute Nacht ! « » Gute Nacht ! « Damit trennten sich die beiden Freunde ; Arthur ging links , der Graf nach rechts gegen die Polizeidirektion hin , in deren Nähe er seinen Wagen warten ließ . Wie wir wissen , war es bereits vollkommen dunkel geworden , doch brannten überall die Gaslaternen ; und namentlich hier , wo es viele Laden und Magazine gab , war die Straße fast taghell beleuchtet . Graf Fohrbach ging gedankenvoll seines Weges und sah nur zuweilen in die Höhe , um einen Blick in die hellerleuchteten Gewölbe zu werfen oder um hie und da Jemand auszuweichen . So kam er in die Nähe der Polizeidirektion , als zu seiner Rechten aus einer engen Gasse , die an der Seite dieses großen Hauses bei den Hintergebäuden und Gärten desselben vorbeilief und in eine andere Straße mündete , zwei Männer hervortraten , bei deren Anblick er plötzlich seinen raschen Schritt mäßigte , ja in der nächsten Sekunde wie angefesselt stehen blieb . - Der Eine dieser beiden Männer war der Baron Brand . Ja , er konnte sich nicht täuschen : es war sein Gang , seine Haltung , seine ganze Figur . - Und auch die Stimme ; denn jetzt sprach er einige Worte zu dem Anderen , der neben ihm ging . Dieser war aber ein Polizei-Kommissär in voller Uniform . Der Graf war so überzeugt , den Baron zu erkennen , daß er ihn zu jeder anderen Zeit angerufen hätte . Und jetzt - nein , da war keine Täuschung möglich - jetzt war er sicher , daß dies auch derselbe Mann sei , den er in jener Nacht aus dem Fuchsbau hatte heraus kommen sehen . Die Beiden gingen unterdessen im gewöhnlichen Schritte dahin und hatten bald die Thüre der Polizeidirektion erreicht . Dort blieben sie stehen ; der Mann im Mantel reichte dem Anderen die Hand , worauf der Kommissär eine tiefe Verbeugung machte und dann an der Treppe stehen blieb , jenem nachblickend , welcher in eine Seitenstraße einbog und verschwand . » Heute wäre es eine günstige Gelegenheit , ihm zu folgen , « dachte Graf Fohrbach , indem er rasch vorwärts eilte . » Es ist noch eine ziemlich frühe Stunde ; ich rufe seinen Namen , und da wollen wir sehen , ob er anhält und mir Rede steht . « - Doch kam ihm im nächsten Augenblicke ein anderer und , wie er glaubte , besserer Gedanke . Er hatte mit zwei Schritten die Treppe der Polizeidirektion erreicht , welche der Kommissär soeben langsam hinauf stieg . Graf Fohrbach bot ihm laut einen guten Abend . Der Beamte wandte sich plötzlich um , und als er beim hellen Lichte der Gaslaterne den Adjutanten Seiner Majestät erkannte , machte er schon auf der obersten Stufe eine tiefe Verbeugung und stieg eilig und mit großer Höflichkeit die Treppen herab , da er wohl bemerkte , daß ihn der Graf erwartete . » Euer Erlaucht haben irgend einen Befehl für mich ? « fragte er verbindlich . » Das nicht , Herr Kommissär , « erwiderte der Adjutant . » Würde mir das auch nicht erlauben ; doch wenn Sie mir eine Frage beantworten könnten , wäre ich Ihnen sehr dankbar dafür . « » Mit dem größten Vergnügen . « » Wer war jener Herr , der eben mit Ihnen ging und Sie vor wenigen Augenblicken verließ ? « Der Polizei-Kommissär rieb sich die Hände und lächelte pfiffig , worauf er sagte : » Das ist eigentlich eine Art Dienstgeheimniß , welches aber Euer Erlaucht mitzutheilen ich mich nicht zu geniren brauche . Jener Herr , der im Mantel , - ich gebe Euer Erlaucht mein Ehrenwort , daß ich seinen Namen nicht einmal weiß , - aber unter uns gesagt , « - damit hielt er die rechte Hand an eine Seite des Mundes und flüsterte dem Grafen in ' s Ohr : » Er ist einer der Sekretäre Seiner Excellenz des Herrn Präsidenten , und gehört zur geheimen Polizei . « » Zur geheimen Polizei ? « sprach der Graf im Tone des höchsten Erstaunens . » Es ist so , Euer Erlaucht . - Aber nicht wahr , das bleibt ganz unter uns ? « Einundsechzigstes Kapitel . Die Soirée des Kriegsministers . Wenn bei Seiner Excellenz dem Kriegsminister große Soiréen stattfanden , was im Laufe des Winters mehrmals vorkam , so wurden hiezu die unteren Apartements des palastähnlichen Hauses , die sonst immer verschlossen waren , geöffnet . Sie bestanden aus einem großen Tanzsaal mit Nebenzimmern zu allen möglichen Zwecken ; hier konnten die Tänzer ausruhen , dort konnten Mütter und andere Anverwandte sich einer angenehmen Konversation hingeben und doch mit einem einzigen Blick den Ballsaal und somit ihre Töchter und Schutzbefohlenen übersehen . Etwas entfernter von der rauschenden Musik waren Konversations- und Spielzimmer , sowie auch ein Gemach , dessen schwere eichene Tische mit Albums aller Art und illustrirten Werken überladen waren . Wie wir bereits wissen , verband der kleine Wintergarten das Haupthaus mit dem Hintergebäude , wo der junge Graf Fohrbach wohnte . An solchen Abenden aber wie der heutige war nicht blos der Blumengarten geöffnet , beleuchtet und zum Eingang von Gästen eingerichtet , sondern das Apartement des jungen Grafen mit Ausnahme des Schlafzimmers in die ganze Reihe hinein gezogen , und es wurde hier gewöhnlich soupirt . Wenn man nun vor Beginn der Soirée durch die ganze Zimmerreihe dahin schritt , wo die hohen Wachskerzen soeben angezündet waren und der Glanz ihrer Lichter noch durch keinen Staub getrübt wurde , wo die Blumen in den Ecken und auf den Tischen noch in ihrer ganzen Frische prangten , wo sich die Möbel der verschiedenen Zimmer und Salons noch in jener gut berechneten Unordnung befanden , die dem Auge so wohl thut , wenn die reine Atmosphäre noch versüßt war durch den Duft der Blumen und Gesträuche aus dem geöffneten Wintergarten , - so mußte man sich gestehen , daß dies Apartement , wenn auch wohl in der Größe und Ausdehnung manchem andern nachstehend , doch an zierlicher Eleganz , Geschmack und Lieblichkeit gewiß weit und breit seines Gleichen vergeblich suchte . Namentlich machte es dem jungen Grafen vieles Vergnügen , seinen ersten großen Salon , der an das Gewächshaus stieß , immer wieder auf neue Art zu dekoriren und einzurichten . Heute nun schien er eine Fortsetzung des Wintergartens zu sein , und wenn man hinein trat , so glaubte man in ein großes Gewächshaus zu kommen . Alle Ecken waren mit dichten Gebüschpartieen besetzt , von welchen sich nach verschiedenen Seiten hin Blumen und Sträucher in das Zimmer hinein zogen , so daß sie dasselbe in eine ganze Menge kleiner Pflanzenkabinete abtheilten . Diese nun waren auf das Mannigfaltigste möblirt ; hier bot eins Platz für zehn und zwölf Personen , dort vielleicht für fünf und sechs , weiterhin aber sah man recht lauschige Plätzchen , wo nur ein einsamer Sopha oder zwei Fauteuils standen , wie geschaffen zu einem heimlichen Zwiegespräch . Einen Kronleuchter hatte der Salon nicht ; er würde auch die ganze Wirkung dieses künstlichen Gartens zerstört haben . Zwischen den Blumenpartieen , namentlich aber am Ende derselben , standen kleine Postamente und auf diesen Lampen , welche über die Pflanzen emporragten oder zwischen ihnen durchschimmerten . Die Kugeln dieser Lampen waren mit künstlichen , gemachten und transparenten Blumen umgeben , die nun aus dem dunkeln Grün magisch hervorleuchteten , hier ein Bouquet riesenhafter , glühender Rosen darstellend , dort einen Strauß anderer sanft schimmernder Blüthen , oder weiterhin eine Partie weißer , glänzender Lilien . Auch zu Anfang des Balles , wo sich Alles in den vorderen Zimmern befand , war hier ein recht heimlicher , anmuthiger Aufenthalt . Da hörte man aus weiter Entfernung das Murmeln der Stimmen , die Akkorde der Tanzmusik , oder , wenn diese einen Augenblick schwieg , das sanfte Plätschern der Springbrunnen in dem anstoßenden Wintergarten . Doch ließen sich wenige Gäste hier nieder ; man spazierte nur hindurch , um die schönen Arrangements zu bewundern und zog sich hierauf wieder nach dem vorderen Theile des Apartements zurück , weil dort Tanz und Spiel zu finden war , und weil , wie Jedes wußte , der zierliche Salon des jungen Grafen für die allerhöchsten Herrschaften so zu sagen reservirt war , wohin sich diese auch häufig mit einzelnen auserwählten Vertrauten zurückzogen . Wenige Minuten nach acht Uhr hatte übrigens das ganze Apartement am heutigen Abend den Reiz der Einsamkeit und auch schon theilweise der Frische verloren und diente nur noch zu dem Aufenthalt eines wahrhaft fabelhaften Glanzes , der sich in seinen Räumen ausbreitete . Vor dem Tanzsaale empfing der Kriegsminister die hohen Herrschaften , wobei der alte Herr mehrere tiefe Verbeugungen machte , die bald mit vertraulichem Gruß und einigen freundlichen Worten erwidert wurden , bald auch nur mit einem steifen und sehr vornehmen Nicken des Kopfes , je nachdem man damit eine größere oder kleinere Gnade andeuten wollte . Nachdem so der allgemeine Empfang vorüber war , zu welchem sich Alles , was auf das Recht bemerkt zu werden Anspruch machen konnte , in den Vorzimmern und dem Eingang des Tanzsaales zusammengedrängt hatte , lösten sich die Anwesenden in einzelne Gruppen auf , die hohen Personen hielten in den verschiedenen Zimmern ihre kleinen oder großen Cercles , die jungen Herren und Damen folgten der rauschenden Tanzmusik , die alten Excellenzen und sonstigen Würdenträger zogen sich in die Spielzimmer zurück , und jene Eingeladenen , deren schwarze Fräcke schon mehreren Moden siegreich widerstanden , deren weiße Westen etwas zu kurz , die Handschuhe dagegen etwas zu lang waren , tapezierten die Wände , standen , in der Absicht , auffallend bescheiden und schüchtern zu sein , Jedermann im Wege , traten sich gegenseitig auf die Füße , machten vor jedem Stern einen tiefen Bückling , wobei sie nicht selten von hinten mit einer alten Dame sehr unangenehm karambolirten , und schwammen im Allgemeinen für sich und Andere sehr unerquicklich auf der Woge dieses glänzenden Lebens dahin , bis sie endlich von der gewaltigen Fluth in ein entferntes Nebenzimmer geschleudert wurden , um hier in irgend einer Ecke ruhig zu warten , bis sie mit Anstand verschwinden konnten ; oder um ein paar Stunden lang mit großer Geduld und Ausdauer verschiedene Albums zu durchblättern , wobei sie sehnsüchtige Blicke auf die Uhr warfen und schmerzliche auf ihre Füße , deren Hühneraugen unter den engen Schuhen von Glanzleder entsetzlich brannten und schmerzten . Im Uebrigen war jetzt der Ball vollkommen en train ; man tanzte , man lachte , man spielte , man unterhielt sich , und dabei rauschten Kleider und Bänder , glänzten Diamanten , Perlen und Sterne , glühten frische Wangen und funkelten schöne Augen . Der geneigte Leser wird in dem Gewühle hier und in allen Theilen des Apartements viele seiner Bekannten wieder finden : in dem Spielzimmer die Excellenzen , denen er im königlichen Vorzimmer begegnete , hier aber ihrer würdevollen Mienen sowie der Uniform entkleidet , und dagegen angethan mit dem schwarzen Frack , der weißen Weste , über welcher das breite , farbige Ordensband glänzt ; - sowie auch den Herrn von Dankwart , der sich bemüht in alle Karten zu schauen , über das Spiel im Allgemeinen zu sprechen , oder hie und da gute Rathschläge im Einzelnen zu ertheilen , die ihm aber höchstens einen erstaunten Blick eintragen . Im Tanzsaale finden wir den Major von S. , der , obgleich über die Jahre des Tanzens schon fast hinüber , sich doch neulich auf heute Abend zu einem Walzer verpflichtete , ein Leichtsinn , den er nun im Schweiße seines Angesichtes abbüßen muß ; den nunmehrigen Regierungsrath Eduard von B. , der es an der Zeit findet , sich gründlich unter den Töchtern des Landes umzuschauen ; - sowie auch abermals den Herrn von Dankwart , der ohne selbst zu tanzen , über diese Kunst im Allgemeinen sehr gründlich abspricht und einzelnen jungen Damen Rathschläge ertheilt , die aber bei den Schönen und Gesuchten ein vornehmes Achselzucken , bei den Bescheidenern und minder Hervorragenden ein leichtes mitleidiges Lächeln hervorbringen . In den entfernteren Zimmern , an den Tischen mit den Albums sehen wir jene Herren mit den altmodischen Fräcken , Beamte des kriegsministeriellen Departements , junge , noch schüchterne Offiziere und Künstler ; - sowie auch wieder den Herrn von Dankwart , der hier als Protektor und Kritiker auftritt , sich so hoch streckt , als es seine kleinen Beine erlauben , die Nase gewaltig erhebt und mit großer Bescheidenheit versichert , wenn auch seine Anwesenheit in hiesiger Stadt im Allgemeinen noch von keinen großen Folgen gewesen sei , so müsse er sich doch selbst zugestehen , daß sein Urtheil , sein Lob und Tadel auf dem Gebiete der Kunst schon außerordentliche Früchte getragen . - » Man fürchtet sich vor mir , « sagte er , » man weiß , wie ich nur das Gute schätze , aber dem Mittelmäßigen streng entgegen trete ; man muß es anerkennen , daß ich die Aufmerksamkeit der Frau Herzogin auf manches bisher unbekannte Talent gelenkt , und daß ich so zu sagen Künstler erzogen habe , die es noch zu etwas Großem bringen werden , wenn sie wie bisher meinen Winken und Rathschlägen Folge leisten . « Im Wintergarten finden wir einige Hofdamen , die plaudernd auf- und abgehen , bald vor dieser Blumengruppe , bald vor jener bewundernd stehen bleiben , während sie häufig ausrufen : » Charmant ! - köstlich ! - deliciös ! « - die dabei ihre weißseidenen Roben sehr in Acht nehmen , damit sie nicht an irgend ein nasses Blatt streifen , und die Alle mit dem Fächer wedeln , sobald Eine die Bemerkung macht , in dem Saale sei es unerträglich heiß ; - sowie auch den unvermeidlichen Herrn von Dankwart , der über Blumenzucht im Allgemeinen spricht , auch recht anerkennend über den Gärtner des Kriegsministers urtheilt , im Einzelnen aber die bündige Erklärung abgibt , daß , obgleich hier viel für Blumenzucht geschähe , die hiesigen Gewächshäuser doch keinen Vergleich aushalten könnten mit denen , die er zu Haus verlassen , und daß , ohne ungerecht zu sein , was Pflanzen und Blumen anbetreffe , hier sich gegen dort wie Sibirien zu Italien verhalte . Im Salon des jungen Grafen ist dieser selbst und nimmt freundlich und bescheiden die ausschweifenden Lobsprüche einiger alten Hofdamen in Empfang , die ihn versichern , so etwas Magnifikes und wirklich Graziöses noch nie gesehen zu haben ; - sowie auch der Herr von Dankwart , der lächelnd hinzu tritt , und dem Grafen vertraulich auf die Schulter klopfen will . Es bleibt jedoch bei dem Versuche , denn Graf Fohrbach macht eine entschieden rückgängige Bewegung , von einem sonderbaren Blicke begleitet , was aber den Herrn von Dankwart durchaus nicht abzuschrecken scheint ; denn er nähert sich abermals , reibt seine Hände , und sagt , indem er sich auf den Fußspitzen wiegt : » Bei Gott ! dieser gute Graf hat etwas gelernt . Gestehen Sie , Ihnen hat der Salon der Fürstin X. bei uns vorgeschwebt und Sie haben den hiesigen darnach gebildet , aber wirklich mit vielem Geschmack und Eleganz . Wahrhaftig , Graf Fohrbach , Ihr Geist ist ein dankbares Feld für Bemerkungen , die man Ihnen gelegentlich macht ; Sie haben da meine Idee mit den transparenten Blumen vortrefflich benützt , - in der That , vortrefflich benützt . Nur wissen Sie , was ich hie und da noch besser gemacht hätte ? - Zwischen dem Grün hindurch ein Bouquet Wachskerzen . Ich versichere Sie , der Glanz der Lichter zwischen den Blättern macht eine fabelhafte Wirkung . So war es auch bei der Fürstin X. , das allein haben Sie vergessen . « So plauderte Herr von Dankwart unermüdlich fort und eilte dabei mit außerordentlicher Beweglichkeit , ohne auf seine Reden irgend eine Entgegnung abzuwarten , zu den verschiedenen Gruppen wo er Wachslichter angebracht zu haben wünschte , und als er sich endlich wieder zu der Gesellschaft umdrehte , bemerkte er , daß Alle das Zimmer verlassen hatten bis auf eine alte Gräfin , die ihm mit wahrer Bewunderung zuzulauschen schien , denn sie war von der Frau Herzogin sehr abhängig und erhielt durch die Hand des Herrn von Dankwart vertraulicher Weise manche Unterstützung