Schläuche um die Ecke gingen und keiner die Sachlage übersah . Heinrich ging still an dem Städtlein vorüber voll Nachdenken über dies wunderbare Gesicht . Dann rief er mit allem Feuer , dessen sein ausgehungertes und erfrorenes Leibwerk noch habhaft war » Dies ist das Geheimnis ! O wer allezeit auf rechte Weise zu sehen verstände , unbefangen mitten in der Teilnahme , ruhig in edler Leidenschaft , selbstbewußt , doch anspruchlos , kunstlos und doch zweckmäßig ! Ich will nun aber doch gehen und noch irgend etwas Lebendiges lernen , wodurch ich unter den Menschen etwas wirke und nütze ! « Also ging er darauf zu , als ob die nächsten hundert Schritte ihn dahin bringen könnten , und die einfache Sehnsucht nach der Heimat verwandelte sich nun in schönste Hoffnung und gewichtige Entschlüsse , also daß Heinrich , da er ganz im Unstern war und verlassen als ein Bettler im Unwetter dahintrieb , sich selbst erhöhte und wenigstens vor sich selbst gute Figur machte . Neuntes Kapitel Jedoch hielten diese moralischen Lebensgeister den Wanderer kaum noch ein Stündchen aufrecht , worauf , als es Abend wurde , seine Kräfte endlich nachzulassen begannen und er merkte , daß er in keinem Falle die Nacht hindurch gehen könne . Die leibliche Not , Schwäche , Hunger und Kälte , machten sich jetzt so vermehrt und unmittelbar geltend , daß Heinrich gänzlich jener Niedergeschlagenheit und Ratlosigkeit anheimfiel , welche durch den Ärger noch erbittert wird , daß ja keine Rede davon sein könne , etwa umzukommen oder unterzugehen , und also das schlechte Abenteuer nur eine entbehrliche Vexation sei . Doch raffte er sich noch einmal zusammen und behauptete dem guten Mute mit verzweifelter Kraftanstrengung die Oberhand . Er war jetzt aus einer Waldstraße getreten und sah ein breites Tal vor sich , welches ein großes Gut zu enthalten schien ; denn schöne Parkbäume , die eine herrschaftliche Dächergruppe umgaben , wechselten mit den Waldungen ab , und zwischen weiten Wiesengründen und Feldern lag eine weitläufige Dorfschaft zerstreut . Zunächst vor ihm sah er ein katholisches Kirchlein stehen , dessen Türen offen waren . Er trat hinein , wo es schon ganz dämmerig war und das Ewige Licht wie ein Stern vor dem Altar schwebte . Die Kirche schien uralt zu sein , die Fenster waren zum Teil gemalt und die Wände sowie der Boden mit adeligen Grabsteinen bedeckt . » Hier will ich die Nacht zubringen « , sagte Heinrich zu sich selbst , » und unter dem Schutze der allerchristlichsten Kirche austrocknen und ausruhen . « Er setzte sich in einen dunklen Beichtstuhl , in welchem ein stattliches Kissen lag , und wollte eben das grüne seidene Vorhängelchen vorziehen , um augenblicklich einzuschlafen , als eine derbe Hand das Vorhängelchen anhielt und der Küster , der ihm nachgegangen , vor ihm stand und sagte » Wollt Ihr etwa hier übernachten , guter Freund ? Hier könnt Ihr nicht bleiben ! « » Warum nicht ? « sagte Heinrich . » Weil ich sogleich die Kirche zuschließen werde ! Gehet sogleich hinaus ! « erwiderte der Küster . » Ich kann nicht gehen « , sagte Heinrich , » laßt mich hier sitzen , die Mutter Gottes wird es Euch nicht übelnehmen ! « » Geht jetzt sogleich hinaus ! Ihr könnt durchaus nicht hierbleiben ! « rief der Küster , und Heinrich schlich trübselig aus der Kirche , während der Küster rasselnd die Türen zuschlug und um die Kirche herumging . Heinrich stand jetzt auf einem Kirchhof , welcher durchaus einem schönen und wohlgepflegten Garten glich , indem jedes Grab ein Blumenbeet vorstellte , die Gräber zwanglos und malerisch gruppiert waren , hier ein einzelnes großes Grab , dort ein solches nebst einem Kindergräbchen , dann eine ganze Kolonie kleiner Kindergräber , dann wieder eine größere oder kleinere Familie großer Gräber und so fort , welche alle in verschiedenem Charakter bepflanzt und mit Blumen besetzt waren . Die Wege waren sorgfältig mit Kies bedeckt und gerechet und verloren sich ohne Scheidemauer unter die dunklen Bäume eines Lustwaldes , große Ahornbäume , Ulmen und Eichen . Es hatte etwas zu regnen nachgelassen , doch tröpfelte es noch ziemlich , indessen gegen Abend ein schmaler feuriger Streifen Abendrot auf den Hügeln lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf . Heinrich sank auf eine zierliche Gartenbank unter den Gräbern ; denn er vermochte kaum mehr zu stehen . Nun kam ein schlankes weibliches Wesen unter den Bäumen hervor mit raschen leichten Schritten , welches eine schwarzseidene Mantille trug , reiche dunkle Locken lustig im Winde schüttelte und mit der einen Hand die Mantille über der Brust festhielt , indes die andere Hand einen leichten Regenschirm trug , der aber nicht aufgespannt war . Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen , ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten . Hie und da kauerte sie nieder , warf ihr Schirmchen auf den Kiesweg und band eine flatternde Rose frisch auf oder schnitt sich mit einem Scherchen eine Blume ab , worauf sie wieder weitereilte . Heinrich sah , erschöpft wie er war , diese schöne Erscheinung wie einen Traum vor sich hinschweben und dachte nicht viel dabei , obschon sie ihm einen angenehmen Eindruck machte , als der Küster wieder hinter der Kirche hervorkam und Heinrich abermals anredete . » Hier könnt Ihr auch nicht bleiben , guter Freund ! « sagte er , » dieser Gottesacker gehört gewissermaßen zu den herrschaftlichen Gärten , und kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben . « Heinrich antwortete gar nicht , sondern sah teilnahmlos vor sich hin . » Nun , hört Ihr nicht ? Auf ! Steht in Gottes Namen auf , guter Freund ! « rief der Küster etwas lauter und rüttelte den Müden an der Schulter , wie man etwa einen Betrunkenen aufmuntert . In diesem Augenblicke kam jenes Frauenzimmer zur Stelle und hielt ihren zierlichen Gang an , um dem Handel neugierig zuzuschauen . Diese Neugierde war so kindlich und gutmütig , und zugleich war die ganze Erscheinung , welche Heinrich die schönäugigste und anmutigste Person dünkte , die er je gesehen , von so unverhohlener , natürlicher und doch kluger Freundlichkeit , daß er von dem Anblick ein neues Leben gewann , sich schnell aufrichtete und eine höfliche Verbeugung vor ihr machte . Aber indem er seinen nassen Hut schwenkte , fiel derselbe gänzlich zusammen , und er hielt den übel aussehenden wie ein schlechtes Symbol in der Hand . So stand er denn auch gar über und über mit Schlamm und Kot bedeckt vor der schönen Person , die ihn aufmerksam betrachtete , und er schlug höchst verlegen die Augen nieder und schämte sich vor ihr , indessen er doch ein wenig lächeln mußte , denn er gedachte sogleich wieder des unglückseligen Römer , welcher ihm einst den vor der schönen Nausikaa sich schämenden Odysseus poetisch erklärt hatte . Oh , dachte er , da es noch hie und da eine Nausikaa gibt , so werde ich auch mein Ithaka noch erreichen ! Aber welch närrische Odysseen sind dies im neunzehnten Jahrhundert christlicher Zeitrechnung ! Diese Betrachtung dauerte aber nur einen Augenblick , und die liebliche Jungfrau sagte inzwischen zu dem unholden Kirchendiener » Was gibt es hier mit diesem Manne ? « » Ei , gnädiges Fräulein ! « erwiderte der Küster , » weiß Gott , was dies für ein Heide mag sein ! Er will durchaus in der Kirche oder auf dem Kirchhof einschlafen ; das kann doch nicht geschehen , und wenn er ein armer Landfahrer ist , so schläft er gewiß besser im Dorf in irgendeiner Scheune ! « Die junge Dame sah den Heinrich an und sagte freundlich » Warum wollen Sie durchaus hier schlafen ? Lieben Sie die Toten so sehr ? « » Ach , mein Fräulein « , sagte Heinrich , indem er ziemlich furchtsam aufblickte , » ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastgeber der Erde , die keinen Müden abweisen ; aber wie ich sehe , so sind sie von den Lebendigen auch in dieser Hinsicht arg bevormundet und wird ihre Intention stets ausgelegt , wie es denen gefällt , die über ihren Köpfen dahingehen ! « » Das sollen Sie nicht sagen « , erwiderte lieblich lachend das Fräulein , » daß wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten ! Wenn Sie sich nur erst ein bißchen ausweisen wollen und sagen , wie es Ihnen geht , so werden Sie uns Lebendige hier schon als leidliche Leute finden ! « » Was meine Herkunft betrifft « , antwortete Heinrich und blickte sie jetzt sicher und ernsthaft an , » so bin ich sehr guter Leute Kind und eben im Begriff , sosehr ich kann , zu laufen , wo ich hergekommen bin . Ich bin aus der Schweiz , und seit mehreren Jahren habe ich als Künstler in der Hauptstadt dieses Landes gelebt , um zu entdecken , daß ich eigentlich kein Künstler sei . Dabei erging es mir übel , und ich begab mich ohne alle Mittel , wie ich ging und stand , auf den Heimweg , um mich zu bessern . Ich wünsche und hoffe aber , unbemerkt und ohne irgend den Menschen unterwegs auf- und lästig zu fallen , nach Hause zu kommen . Ich wollte ungesehen und unbemerkt in dieser Kirche die Nacht zubringen , da es so abscheuliches Wetter ist , und in aller Stille am Morgen wieder weiterziehen . Wenn hier ganz in der Nähe irgendein Vordach oder eine Hütte ist , denn weiter kann ich nicht mehr , so befehlen Sie , daß man mich dort ruhen läßt und tut , als ob ich gar nicht da wäre , und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden sein . « Das Mädchen besann sich eine kleine Weile , den Fremden ansehend , und sagte dann mit unveränderter Freundlichkeit » Sie kommen mir zwar ganz fremd vor ; doch wollt ich wetten , daß Sie jener junge Schweizer sind , der vor sechs Jahren mit uns in dem Gasthöfe zusammentraf , einige Stunden von hier , und der dann mit meinem Papa weiterfuhr nach der Residenz ! Erinnern Sie sich nicht mehr des kleinen Hündchens , welchem Sie Kuchen gaben über den Tisch ? « Heinrich sah jetzt das hochgewachsene schöne Frauenzimmer , das zwei- bis dreiundzwanzig Jahre zählen mochte , erstaunt an . Das also war jenes liebliche und freundliche Mädchenkind , und welch artiges Wunder , daß eben jetzt bei seinem traurigen Abzug aus Deutschland das gleiche Wesen in reifer Vollendung ihm entgegentreten mußte , das ihn bei seinem pompösen Einzug als angehende Grazie begrüßt hatte ! Und wie wohlbestellt mußte dies Wesen im Gemüte sein , da es jene wahrhaft wohlgezogene Höflichkeit des Herzens besaß , welche auch das Gleichgültigste und Vorübergehendste nicht vergißt und jedem Menschenantlitz , so ihr einmal begegnet ist , ein freundliches unverhohlenes Gedächtnis entgegenbringt ! Diese höfliche und aufmerksame Gemütsgegenwart erwärmte und belebte den Durchnäßten sichtlich und gab ihm einen guten Mut zu sich selber , da ein so preiswertes und zierbegabtes Gewächs seine Person der Wiedererkennung würdigte . » O sicher erinnere ich mich « , sagte er errötend , » aber ich würde Sie doch nicht wiedererkannt haben ; denn Sie sind soviel größer geworden ! « Bei diesen Worten errötete sie auch ein weniges , aber sehr unverfänglich und nur insofern , als sie fühlte , welch einen rosigen Glanz die Erwähnung der märzlich flimmernden und schimmernden Mädchenflegeljahre über eine Großgewordene verbreitet , die man lange nicht gesehen . Dann sagte sie aber mit herzlicher Bekümmernis » Ach Gott ! Sie müssen also nun auf so traurige Weise wieder in Ihre Heimat kehren ? « » O das hat gar nichts zu sagen « , erwiderte Heinrich lachend , » ich bin bereits auf dem Wege wieder ganz munter geworden und habe es nun gut vor , wenn ich nur erst dort bin ! « » Kommen Sie nun jedenfalls mit mir « , sagte das Fräulein , » mein Papa ist den ganzen Tag weggewesen , und bis er nach Hause kommt , will ich es über mich nehmen und Ihnen ein vorläufiges Unterkommen anbieten in meinem Gartenhause ; ich bin versichert , daß er sich wohl Ihrer erinnert und Sie nicht fortlassen wird diese Nacht ! Kommen Sie nur , gleich unter diesen Bäumen treibe ich so den ganzen Sommer und Herbst mein Wesen , und Ihr , Küster , folgt uns als dienstbare Begleitung , zur Strafe , daß Ihr diesen Herrn so ungastlich behandelt ! « Heinrich war zu schwach , als daß er sich hätte bedenken können , ob er der Einladung Folge leisten wolle oder nicht ; auch machte dieselbe einen so herzlichen und unbefangenen Eindruck auf ihn , daß er der Schönen gern folgte und , so rasch er noch vermochte , neben ihr hinmarschierte , sich einzig nach einer Ruhestelle und etwas Wärme sehnend , indessen der Küster ganz verblüfft und mißtrauisch hinter dem Paare herging . Es hatte endlich ganz zu regnen aufgehört , der feste Boden unter den großen alten Bäumen war fast gänzlich trocken , und in das prächtige Dunkel , in dem sie jetzt gingen , leuchteten nur zwischen den Stämmen der feurige Abendstreif und im Hintergrunde die erhellten Fenster eines Park- oder Gartenhauses . In diesem befand sich ein kleiner Saal , der nur durch eine Glastür vom Parke getrennt war , und in dem Saale brannte ein helles Kaminfeuer ; als sie eingetreten , rückte das Frauenzimmer einen Stuhl zum Feuer und forderte Heinrich auf , sich auszuruhen . Ohne Verzug setzte er sich und schämte sich noch eine Weile seines schlechten Aussehens ; die junge Dame schien das zu bemerken und stellte sich voll Mitleid vor ihn hin , indem sie sagte » Sagen Sie doch , Herr - wie heißen Sie denn ? « » Heinrich Lee « , sagte er . » Herr Lee , geht es denn Ihnen ganz schlecht ? Ich habe keinen rechten Begriff davon ; Sie sind doch am Ende nicht so arm , daß Sie auch nichts zu essen haben ? « Heinrich lächelte und sagte » Es hat nicht zum mindesten etwas zu bedeuten , wie ich Ihnen sage , aber im Augenblick ist es allerdings so ! « Er erzählte ihr hierauf mit wenig Worten sein Abenteuer , worauf sie die Hände zusammenschlug und rief » Herr Gott ! aber warum tun Sie denn das ? Wie können Sie sich so der Not aussetzen ? « » Nun , mit Absicht hab ich es gerade nicht getan « , sagte er , » da es aber einmal so ist , so bin ich sogar sehr froh darüber ; sehen Sie , man lernt an allem etwas und hat manchmal sogar die besten Früchte daran . Für Frauen sind dergleichen Übungen nicht notwendig , denn sie tun so immer , was sie nicht lassen können ; für uns Männer aber sind immer so recht handgreifliche Exerzitien gut , denn was wir nicht sehen und fühlen , sind wir nie zu glauben geneigt oder halten es für unvernünftig und verächtlich . « Das gute Mädchen hatte indessen ein kleines Tischchen herbeigeholt und vor ihn hingestellt , auf welchem einiges Essen stand . » Hier steht zum Glück « , rief sie , » noch fast mein ganzes Essen ; ich ließ es mir hierher bringen , da ich heute allein war , und essen Sie wenigstens sogleich etwas , bis mein Papa zu Hause kommt und für Sie sorgt . Geht sogleich nach dem Hause , Küster , und holt eine Flasche Wein , sogleich , hört Ihr ? Die Brigitte wird sie Euch geben ! Trinken Sie lieber weißen Wein oder Rotwein , Herr Lee ? « » Roten « , sagte er . » So sagt der Brigitte , sie solle Euch von Papas Wein geben ! « rief sie dem Küster noch nach . Dann zog sie tüchtig an einer Klingelschnur , worauf ein ländlich gekleidetes feines Mädchen herbeigelaufen kam , welches des Gärtners Tochter war und den essenden Heinrich neugierig betrachtete ; denn dieser hatte sich sehr andächtig über ein Stück kalten Rehbratens hergemacht , wunderte sich jedoch bald , daß er gar nicht soviel zu essen vermochte , als er zuerst gedacht , und er legte bald die zierlichen Eßwerkzeuge hin und vermochte jetzt erst recht nicht mehr zu essen , als er bemerkte , daß es wohl diejenigen des Fräuleins selbst waren , die man ihm im ersten Eifer vorgelegt hatte . Er fand sich in einer sonderbaren Lage und wünschte doch lieber wieder auf dem nächtlichen Wege zu sein , um frei und frank seinem Lande zuzuschreiben . Denn es schnürte ihm irgendeine Befangenheit das Herz zu , und es war ihm , als ob er besser getan hätte , alles darauf ankommen zu lassen und unter Gottes freiem Himmel zu bleiben . Er nahm die kleine silberne Gabel , welche fast noch eine Kindergabel war und schon viele Jahre gebraucht schien , noch einmal in die Hand und betrachtete sie , und als er sah , daß der Name » Dorothea « höchst sauber in kleiner gotischer Schrift darauf graviert war , legte er das Instrumentchen so schleunig wieder hin , als ob es ihn gestochen hätte , und es erwachte plötzlich ein heftiger Stolz in ihm , wenn er sich dachte , daß man nur im geringsten etwa meinen könnte , er hätte sich etwas zugute darauf getan , mit dem allerliebsten Leibbesteck dieses schönen und vornehmen Fräuleins zu essen , und zwar so wie gestohlen , durch die Gunst eines Versehens . Sie hieß also Dorothea , und die Gärtnerstochter nannte sie auch soeben mit diesem Namen , während sie selbst Apollönchen genannt wurde . Die beiden Mädchen hatten sich an einen großen viereckigen Tisch zurückgezogen , der in der Mitte des Saales stand , und sprachen dort mit halblauter Stimme miteinander , als ob sonst niemand zugegen wäre ; denn es schien deutlich , daß Dorothea einstweilen das Ihrige getan glaubte und sich einer gemessenen Zurückhaltung ergab ; aber in derselben war sie unbefangen und anmutig , daß Heinrich nur in um so größere Verlegenheit geriet und er , der eben noch kaum seine Glieder zusammenhalten konnte , alsogleich von der Opposition besessen ward , in welche ein unverdorbener junger Mensch solchen Erscheinungen gegenüber gerät , als müßte er sich seiner Haut wehren , wo niemand denkt , ihn in Unruhe zu versetzen . Doch ließ er sich nichts ansehen , und da der Wein inzwischen gekommen war und Apollönchen ihm eingeschenkt hatte , wobei sie ihn im Fluge und mit kritischen Äugelein musterte , trank er binnen kurzem ein großes Glas voll aus und sah nun dem Treiben der Frauenzimmer zu . Die Gärtnerstochter stand bei der Herrntochter , welche am Tische saß , und indem sie kurzweilig und vertraulich plauderten , half jene dieser in ihrer Hantierung und reichte ihr , was sie bedurfte . Der große Tisch war ganz mit Gegenständen bedeckt , worunter vorzüglich allerlei Gefäße und Gläser hervorragten , welche sämtlich mit Blumen angefüllt waren , die im Wasser standen . Meistens waren es Spätrosen , und die Sträuße , große und kleine , befanden sich im verschiedensten Zustande , so daß man sah , daß es die Ergebnisse vieler Tage waren und auch der älteste Strauß noch mit Liebe erhalten und gepflegt wurde , so hinfällig er auch aussah . Da Heinrich sah , daß die heutigen Blumen vom Kirchhofe sogleich in ein Glas gestellt worden , so vermutete er , daß alle Blumen von den Gräbern herrührten , und dachte sich , die Schöne müsse eine liebevolle Freundin und Pflegerin der Toten sein , was ihr um so mehr Reiz verlieh , als sie eine Gräfin und die draußen Liegenden sämtlich Bauern und Untertanen waren . Außerdem lagen auf dem Tische noch eine Menge späte Feldblümchen , verwelkt oder noch leidlich frisch , und wunderschöne purpurrote oder goldene Baumblätter , allerlei Prachtexemplare , wie sie jetzt von den Bäumen fielen , und noch andere solche Herbstputzsachen aus Wald und Garten , welche über den ganzen Tisch gestreut waren , so daß die Dame für die Gegenstände , mit denen sie sich beschäftigte , fortwährend Raum schaffen und das bunte Blätterwerk mit liebenswürdigem Unwillen wegstreifen mußte . Vor ihr lag eine große offene Mappe , welche ganz mit Bildern und Zeichnungen gefüllt schien , welche auf stattliche Bogen grauen Papieres zu heften ihre Arbeit war , daß sie geschützt und mit einem anständigen Rande versehen wurden . Heinrich sah sie von seinem Sitze aus verkehrt ; doch erkannte er , daß es landschaftliche Studien waren , indessen sie ihn wenig rührten , da die Zeit dieser Dinge schon wie ein Traum hinter ihm zu liegen schien ; vielmehr empfand er einen Widerwillen , hier auf dergleichen zu stoßen , was ihm soviel Täuschung und Leidwesen bereitet hatte . Apollönchen schnitt , nach Dorotheas Anweisung , das graue Papier zurecht , je nach dem Maße des Studienblattes , mit einer niedlichen Schere , und beide benahmen sich dabei , als ob sie Leinwand vor sich hätten und eine Aussteuer zuschnitten . Apollönchen fuhr mit der Schere hastig und rasch vorwärts , wie sie es beim Zeuge gewohnt war , welches von selbst reißt dem Faden nach , und sie machte desnahen viele Risse und Krümmungen in das Papier , und dasselbe schrumpfte sich stellenweise auf jene unangenehme Weise auf der Scherenklinge zusammen , wenn man zu unvorsichtig durchfährt , so daß das emsige Mädchen fortwährend mit den Fingerchen zu glätten , Zu seufzen und zu erröten hatte . » Ei , ei , Kind ! « sagte Dorothea , » du machst mir ja ganz gefranste Ränder zu meinen herrlichen Bildern ! Ich will wetten , daß der Papa unsere sämtliche Arbeit kassiert und sich endlich selbst dahintermacht , die Sachen zu ordnen ! « » Ach du ! « sagte jene , » mach du ' s doch besser mit diesem vertrackten Papier ! Sieh , du klebst ja alle die Landkarten krumm auf den Bogen , daß sie ganz windschief dastehen ! « » Ach , so schweig doch « , sagte Dorothea weinerlich , » ich weiß es ja schon ! Es sind aber auch gar zu große Dinger , man kann sie ja gar nicht ordentlich übersehen ! « » Was nur daran zu sehen ist ? « sagte Apollönchen , » zu was braucht man sie denn ? « » Ei , du Aff ! zu was ? zum Nutzen und Vergnügen ! Siehst du denn nicht , wie hübsch dies aussieht , alle diese lustigen Bäume , wie das kribbelt und krabbelt von Zweigen und Blättern und wie die Sonne darauf spielt ? « Apollönchen legte die Arme auf den Tisch , neigte das Näschen gegen das Blatt und sagte » Wahrhaftig ja , es ist wirklich hübsch und so schön grün ! Ist dies hier ein See ? « » Ein See ! o du närrisches Wesen ! « rief die andere und lachte mit dem vergnügtesten Mutwillen , » dies ist ja der blaue Himmel , der über den Bäumen steht ! Seit wann wären denn die Bäume unten und das Wasser oben ? « » Geh doch « , sagte diese schmollend , » der Himmel ist ja rund , und dies Blaue hier ist viereckig , gerade wie der neue Weiher hinter der Mühle , wo der Herr die Linden hat drum pflanzen lassen . Und gewiß hast du das Bild verkehrt aufgemacht ! Kehr es nur einmal um , dann ist das Wasser schon unten , und die Bäume sind oben ! « » Ja , mit den Wurzeln ! « sagte Dorothea noch immer ladend , » dies ist ja nur ein Stück vom Himmel , du Kind ! Guck einmal durchs Fenster , so siehest du auch nur ein solches Viereck , du Viereck ! « » Und du Dreieck ! « sagte Apollönchen und schlug der jungen Herrin mit der flachen Hand auf den Nacken . Plötzlich hielt diese aber an sich und legte bedenklich den Finger an den offenen Mund , als ob ihr etwas sehr Wichtiges einfiele ; denn auf dem Blatte , das sie jetzt in die Hand genommen , war zwischen den Bäumen ein Stück von einer helvetischen Alpenkette zu sehen . Heinrich war über den lieblichen vibrierenden Modulationen des Mädchengezwitschers sanft eingeschlafen , und er hörte im Schlafe jetzt einen jener unartikulierten , aber metallreichen Frauenausrufe , welche so ergötzlich klingen , wenn sie von etwas überrascht oder halb erschreckt werden . Sie war nämlich plötzlich auf den Gedanken gekommen , da die Zeichnungen offenbar aus der Schweiz herrührten , daß am Ende Heinrich der Urheber derselben sein dürfte , und weil der Zufall schon soviel getan , so schien es ihr sogar gewiß , und sie ging mit der Lebhaftigkeit darauf los , welche solchen Wesen eigen ist , wenn sie ein unschuldiges und argloses Abenteuer herbeifahren mögen . Sie stand jetzt vor dem inzwischen fest Eingeschlafenen und hielt den großen Bogen vor ihn hin , indem sie die beiden oberen Ecken zierlich gefaßt , wie eine Kirchenstandarte . Sie rief ihn beim Namen , worauf er sogleich erwachte ; aber er war schon so schlaftrunken von der Müdigkeit , daß er die ersten Augenblicke nicht wußte , wo er war . Er sah nur ein schönes Wesen vor sich stehen , gleich einem Traumengel , der ein Bild vor der Brust hielt und mit freundlichen Sternaugen über dasselbe herblickte . Voll traumhafter Neugierde beugte er sich vor und starrte auf das Bild , bis ihm erst die Landschaft mit den Bäumen und Schneefirnen bekannt vorkamen und er dann auch seine Jugendarbeit erkannte . Dann sah er in das vom Feuer beglänzte Gesicht hinauf , und auch dieses kam ihm so bekannt vor , und doch wußte er nicht , wo er es schon gesehen , denn das , was er zehn Minuten zuvor erlebt , lag seinem verwirrten Zustande in ein dunkles Vergessen entrückt . Nun zweifelte er nicht länger , daß er mitten in einem jener Träume sich befinde , die er in jener Stadt geträumt , und daß er wiederum auf jener langen und bezauberten Heimreise begriffen sei . Er hielt die Erscheinung für ein neckendes verklärtes Bild seiner Jugend , das ihm nur erschienen sei , um wieder zu verschwinden und ihn in tiefer Hoffnungslosigkeit zu lassen . Seine Gedanken hielt er für jenes sonderbare Bewußtwerden im Traume , er fürchtete zu erwachen und das schöne Bild zu verlieren , und als er wieder auf die sorgsam gemachte , stille und unschuldige Landschaft blickte , entfielen Tränen seinen Augen . Jetzt hielt er sich für erwacht und suchte das Kopfkissen , um das Gesicht hineinzudrücken und den Traum bequemlich auszuweinen ; da er aber kein Kissen fand , fuhr er verwirrt empor , schaute sich um , erwachte jetzt wirklich , und sah durch seine Tränen das Bild doch noch immer dastehen . Dorothea , welche ihn erst vergnügt und munter zur Rede stellen wollte , war sogleich verstummt und sah ergriffen dem seltsamen Wesen zu , so daß sie sich eine Weile nicht zu rühren vermochte und in ihrer reizenden Stellung verharrte . Als Heinrich aber sich inzwischen gesammelt und mit wachen Sinnen den Bogen ergriff und betrachtete , sagte sie gerührt und teilnahmvoll » Sind diese Sachen nicht von Ihnen ? « - » Gewiß « , erwiderte er voll Verwunderung und trat an den Tisch , wo er sein ehemaliges Eigentum in schönster Eintracht beisammen sah , alles , was er zu dem alten Trödelmännchen getragen hatte für ein Almosen . Er freute sich höchlich , die Sachen wiederzusehen , obgleich sie nicht mehr sein waren , und wühlte begierig darin herum ; sie kamen ihm vor , als ob sie ein anderer gemacht hätte , und wie so alles wieder beisammen war , was er nach und nach verloren und seinem jetzigen Wesen so fernab lag , auch da er nichts mehr von diesen Dingen hoffte , so fand er jetzt , daß ein ganz bestimmter und schätzbarer Wert in der Sammlung lag , und freute sich , dieselbe in so lieblichen Händen zu sehen . » Welch ein Zufall ! « sagte er , » wie kommen Sie denn nur dazu ? « » Das ist köstlich , köstlich ! « rief sie und klatschte voll Freude in die Hände , » einzig , sage ich ! Nun sollen Sie uns aber auch willkommen und in aller Ordnung aufgenommen sein ! Noch sind Sie ganz durchnäßt und jämmerlich zuwege ; zuerst müssen Sie sich durchaus trocknen und warm ankleiden , und nehmen Sie nicht übel , daß ich sogleich einige Vorkehrungen treffe ! Bleibe so lange hier , Apollönchen , daß dem ärmsten Herrn Lee niemand was zuleide tut ! « sagte sie scherzend und eilte fort . » Himmel ! « sagte Heinrich , als sie fort war , » das setzt mich aber in die größte Verlegenheit . « » O machen Sie sich gar nichts daraus , mein Herr ! « erwiderte das freundliche Mädchen und verneigte sich ganz anmutig , » der Herr und das Fräulein Dorothea tun immer , was ihnen beliebt und was recht ist . Wie sie es tun , so meinen sie es auch und sind auch gar nicht wie andere Herrschaften ! Überdies wird sich der Herr ganz gewiß verwundern und freuen über diese Begebenheit ; denn als er vor längerer Zeit die Bilder aus der Residenz brachte , hat die Herrschaft sie wochenlang alle Tage nach Tisch betrachtet , und die Mappe mußte