, sie lächelte nur und sagte , indem sie sich erhob , um zu gehen , Anna fast in ' s Ohr : Sie sind ein Engel ! Nun noch eine halbe Umarmung mit der Fürstin , ein freundliches Nicken zu den Kindern , ein flüchtiges Ignoriren der Herren ... und die einflußreiche , kluge , aber vom Geschmack ihrer Umgebung ganz beherrschte Frau war dann endlich verschwunden . Siegbert hatte sich nur noch der flüchtigsten Notiznahme , Rudhard fast gar keiner mehr zu erfreuen gehabt . Man athmete auf . Anna , erlöst von einem Druck , umarmte jetzt erst noch einmal die Tochter ihrer Freundin .. Was wird die Brust leicht , sagte sie , wenn man nach einer zufälligen Annäherung an diese Hofatmosphäre wieder frei athmen kann ! Und doch meint es die Frau so gut ! Sie , liebe Fürstin , Sie müssen am Hofe als milder Stern aufgehen ! Sie sind jung und schön ! Ihnen wird diese Welt allerdings keinen Trost gewähren , aber doch Zerstreuung . Wenn Sie sich vorstellen lassen , schreiben Sie mir ' s ja ! Ich komme dann , erst Ihre Toilette zu bewundern . Darf ich mich darauf verlassen ? Die Fürstin sah lächelnd zu Rudhard hinüber , als wollte sie von ihm eine Ermuthigung zu irgend einer Antwort abwarten . Sie sind ein treuer , dankbarer Zögling , äußerte Anna sogleich diese Unentschlossenheit bemerkend . Sie hören noch jetzt auf Ihren Lehrer . Und Das dürfen Sie ! Vertrauen Sie dem erprobten Rudhard recht , wenn er auch Unrecht hatte , mir das Gethsemane der Trompetta gleich so rundweg mit dem garstigen Worte zu verurtheilen ... Rudhard kehrte sich nicht viel an diese gemüthliche Rüge , sondern meinte in seiner Art : In dieser Stadt , meine Liebe , muß man auf seiner Hut sein . Wir sind schlichte Naturkinder , kommen aus den Steppen und Haiden des Ostens und wollen uns recht gründlich hier Alles ansehen und erst prüfen , was sich uns zum Kaufe anbietet . Das Glänzende wird uns reizen , aber nicht bestechen . Die Wahrheit , die wir für ' s Leben eintauschen wollen , muß probehaltig sein ... Und wenn mein Freund da , Herr Wildungen , eine noch so schöne Zeichnung in das Gethsemane liefert , ich wittere in dem Album doch Das , was man Muckerei nennt . Er blieb dabei , wie Justus der Heidekrüger bei seinem Refrain über den Reubund . Die Kinder lachten über das komische Wort und die Frauen errötheten über den doch allzuderben , allzunüchternen Verstandesmenschen , der sich mit Anna , die ihm doch entgegenkam , nicht einmal über ein Wort versöhnen konnte ... Siegbert fühlte , daß es nun Zeit wurde , zu gehen . Er fürchtete ohnehin schon zu lange verweilt und Erörterungen beigewohnt zu haben , die für einen ersten Besuch bereits zu vertraut waren ... Die Sonne sank an dem Rand des Horizontes herab ... Er hatte es acht Uhr schlagen hören und gedachte seiner Verpflichtung , sich in der Brandgasse an der bezeichneten Stelle einzufinden . Die Fürstin forderte ihn mit größerer Wärme , als sie bisher gezeigt hatte , auf , sie bald wieder zu besuchen ... Anna von Harder aber wünschte ihm die Gunst aller Musen und die frohesten Stimmungen . Sie sprach dies Wort unendlich wohlwollend und gütig . Es lag Siegberten in dem Abschied von dieser Frau etwas , was ihm zu sagen schien : Wir sehen uns gewiß wieder und werden unsern gegenseitigen Werth noch besser kennen lernen ! Anna blieb . Siegbert trennte sich fast schwer von ihr . Die Kinder und Rudhard gaben ihm bis draußen das Geleite ... An dem Spalier der Seitenfront des Hauses , an dem man vorüber mußte , um in den Vorgarten zu kommen , stand der alte Bediente von Tempelheide mit einem Shawl auf dem Arm und wartete seiner Herrin .. Vor dem Thorweg stand die alte Kutsche , die Hackert so verspottet und eine Karrete genannt hatte ... Nun , sagte Siegbert zu dem Alten in gelb und blauer Livrée - es war derselbe , der ihm den Wein gereicht - nun , es fehlte doch vor acht Tagen nichts an dem Silberzeug auf dem Tische in Tempelheide ? Der Alte horchte hoch auf und verstand nicht gleich . Als Sie mir den Wein gebracht hatten ! Wissen Sie noch ? sagte Siegbert mit Nachdruck , um das Gedächtniß des Alten zu stärken . Ah ! jetzt verstand der und sagte : Nein , nein , Alles ist richtig gewesen ! Bitte ! bitte ! Siegbert ging nach dieser ihm und Hackerten gewordenen Genugthuung wohlgemuth vorüber ... Wie er eben an der Ecke der Seitenfront war , fiel von oben aus einem Fenster eine Hand voll frischester Blumen über ihn her .. Sie kamen von Jemand , den man nicht sah . Die Kinder riefen : Olga ! ohne daß diese sichtbar wurde .. Siegbert raffte sich eine weiße Rose von den Blumen auf und sah empor , um zu danken ... Es war aber Niemand da , den er dankend noch grüßen konnte .... An der Pforte versicherte er Rudhard , daß er sich ihm außerordentlich verpflichtet fühle für die Einführung in diesen interessanten Kreis , morgen schon hoffe er mit seinem Bruder verständigt zu sein , um ihm , wenn es ginge , das Geheimniß des Bildes einzuhändigen . Welches Bildes ? fragten die Kinder . Das Ihr bei Herrn Wildungen zeichnen lernen sollt ! sagte Rudhard und während die Kinder darüber ihre Freude aussprachen , setzte dieser hinzu : Ich hoffe , daß wir uns auch über diesen Unterricht verständigen werden . Siegbert mochte nicht widersprechen . Seine Rose betrachtend , antwortete er lächelnd , um nur der Erörterung auszuweichen : Freundlicher kann man , um wiederzukommen , doch wol nicht gemahnt werden ? Mit diesen Worten zog er die Pforte zu und trat mit beschleunigten Schritten seinen Rückweg in die Stadt an ... Vor einem , ungeachtet es erst dämmerte , doch glänzend erleuchteten Hause - dem der Schwester Anna ' s - hätte er unter vielen glänzenden Wagen , die vor dem gußeisernen Gitter auf der Chaussee warteten , auch einen , der dem Justizrath Schlurck gehörte , leicht heraus erkennen müssen ; doch war er zu bewegt , um jetzt auf Dinge zu achten , die um ihn her vorgingen .. Gerade durch die sich mühsam ausweichenden zur großen Soirée beim Intendanten heranrollenden , eleganten Wagen mußte er hindurch ... Hätte er aufgeblickt , würd ' er bekannte Menschen genug wahrgenommen haben , die alle zu Paulinen ' s Festabend fuhren ... Auch Melanie ! Er sah aber nicht auf . Er sah auf die weiße Rose , die eben erst frisch gebrochen schien , denn noch war sie feucht von der Abendluft oder durch die erquickende Hand des Gärtners , der die Beete Abends netzte ... Er gedachte der andern Blumen , die er auf dem kleinen Rasen am Hause hatte liegen lassen , er hätte fast umkehren und sie sich noch holen mögen . Was Blumen ! sagte er aber zu sich selbst und raffte sich gewaltsam aus seinen Träumen auf . Es war die höchste Zeit , zur rechten Stunde in die entlegene , verrufene Brandgasse und dort das Haus Nr. 9 zu kommen , wo ihn das Wiedersehen des Bruders und die erneute Bekanntschaft Fritz Hackert ' s erwartete . Ende des dritten Buches . Viertes Buch Erstes Capitel Zwei unverstandene Seelen Nicht hundert Schritte von der bescheidenen ländlichen Wohnung der Fürstin Adele Wäsämskoi entfernt lag die uns schon bekannte reizende Villa der Geheimräthin Pauline von Harder zu Harderstein . Gegen die stille , gemüthliche Abendunterhaltung , der Siegbert Wildungen wie durch die seltsamste Überraschung des Zufalls in jenem von Rudhard etwas despotisch beherrschten Kreise beigewohnt hatte , bildete den auffallendsten Gegensatz die Vorbereitung der glänzenden Soirée , die Pauline von Harder in aller Eile noch für den Abend » improvisirt « hatte ... Die Geheimräthin verfügte über einen gewissen Kreis , den sie zu jeder Stunde des Tages , wie es in ihrer raschen Sprache hieß , » zusammentrommeln « konnte . Ein Besuch wie der der d ' Azimont , eine Bekanntschaft wie die der gefeierten allgemein bewunderten Schönheit Melanie Schlurck , mußte ihre nothwendige » Staffage « haben und soviel sie auch veranlaßt war , beide Frauen nur allein zu genießen , die kleinen » Etablissements « fehlten in ihren Sälen nicht , um mitten im rauschenden Gewühle sich ungestört allein zu fühlen und sich » auszusprechen « . Der Eifer , mit dem die Geheimräthin , unterstützt von der Gesellschaftliebenden und für ihr Alter sehr zerstreuungssüchtigen alten Charlotte Ludmer , diesen Abend in aller Eile » arrangirt « hatte , wurde noch angespornt durch ein Billet des Justizrathes ... Franz Schlurck schrieb nicht nur , daß seine Tochter sich hochgeehrt fühlen müsse , in die Nähe einer so vornehmen Dame dringen zu dürfen , sondern fügte noch hinzu , daß er im Stande sein würde ihr recht angenehme Dinge mitzutheilen und sie sich darauf verlassen könnte , schon am morgenden Tage im Besitz des verlorenen Bildes zu sein , dessen Spuren er entdeckt und auch gefunden hätte , daß es mit diesem Bilde eine geheimnißvolle Bewandtniß haben müsse . Er fühle , daß es Zeit zum » Handeln « würde ... Dieses Billet kam freilich gerade mitten in eine sehr verdrießliche häusliche Scene hereingebrochen , die sie und die Ludmer mit der Excellenz aufführten ... Die » junge Excellenz « hatte sich in der That erst gegen Mittagszeit eingefunden und verrieth so sehr alle Kennzeichen eines bösen Gewissens , daß die beiden Frauen ( denn auch die Ludmer nahm sich von selbst die Freiheiten heraus , die Pauline durch ihre Stellung behaupten durfte ) in einen grimmen Zorn geriethen und ihm » kindische Streiche « vorwarfen , über die er beichten sollte . Der Geheimrath machte eine sehr verblüffte Miene . Er legte sich aufs Leugnen und blieb bei den Versicherungen seines Diensteifers und der in dem Möbelwagen deshalb absichtlich zugebrachten Nacht mit aller Hartnäckigkeit eines Schulknaben , der den alten Satz der Jesuiten : Si fecisti , nega ! mit einer solchen Sicherheit durchführt , daß die Lehrer selber an ihm irre werden und von seiner Unschuld aufs vollkommenste überzeugt sein müssen . Excellenz gestanden den Verlust des Bildes ein , bekannten sich aber für völlig » unschuldig « und drohten mit einer Untersuchung , die sie schon auf ' s Nachdrücklichste gegen den Hohenberg ' schen Justizdirector von Zeisel hätten einleiten lassen . Kurt Henning Detlev Harder zu Harderstein vertröstete die Frauen damit , daß sie ohne Zweifel bald sehr klar sehen würden ... Wie gesagt , da die Geheimräthin den Brief von Schlurck empfing , so ließ sie die » Bétisen « ihres Gatten so » hingehen « und schenkte ihm nach dem scharfen Verhör , in dessen Klemme er mit Zittern gesteckt hatte , mit dem Bedeuten , er sollte die nähere Unterhandlung mit Herrn von Zeisel ihr nur allein überlassen - Pauline war diese Weisung , die ihrem Gemahl genug auffiel , der Fürbitte schuldig , die Schlurck für seinen Freund von Zeisel am Morgen erhoben hatte - endlich die Freiheit . Bei Tische wurde wenig gesprochen . Pauline hatte der Gedanken zu viele zu verarbeiten und Alles , was Herr von Harder etwa Neues brachte , z.B. das allgemeine Aufsehen , das die Erkrankung des Prinzen Egon machte , die Ankunft der d ' Azimont , die Aussicht auf ihre Beziehungen zur Fürstin Wäsämskoi , die Schwankungen des Ministeriums , die Wahlen , der Reubund , die drohenden Zerwürfnisse zwischen der Stadt und der Regierung und das schlimme Beispiel , das daraus für die Provinzen entstehen würde , alle diese Anspielungen , in denen sich Excellenz , die sonst nur von ihren Schlössern und Gartenanlagen , den Dienstvergehen der Castellane und Inspectoren , den Angebereien der Subalternen und ihren Ersparnissen in der Verwaltung ihres » Ressorts « sprachen , heute wahrhaft erschöpften , um seine Gemahlin heiter zu stimmen und zu versöhnen , diente nur dazu , in ihr Gemüth Stacheln und Dornen zu drücken . Sie sah da ja , daß so Vieles sich ereignete , was ohne sie Bestand hatte , ohne sie sich angelegt hatte und historisch entwickelte ! Ernst und Franz hätten ihr nach Tisch beinahe auch einen unerwarteten Ärger bereitet . Denn eben wollte sie sich vor ihrer Toilette noch im grünen Boudoir ein wenig durch leichten Schlummer stärken , als diese beide an sie herantraten und um die Erlaubniß baten , heute Nacht den großen Fortunaball mitmachen zu dürfen . Sie schmähte sehr gegen diese Vergnügungssucht ihrer Leute , tadelte den Ort , wo man Bediente ihrer Stellung nicht antreffen sollte und konnte sich erst für halb und halb einverstanden erklären , als Franz mit schlauer Miene sagte : Excellenz , es wird ein großer Ball . Tausend Billets sind verkauft . Man macht Bekanntschaften . Die Wandstabler ' s kommen auch ... Schon oft hatten die Leute der Geheimräthin von diesen drei Geschwistern Wandstablers erzählt , die sich auf den Volksbällen für die Zurückhaltung schadlos hielten , die sie bei aller Freiheit doch im Hotel des Fürsten von Hohenberg beobachten mußten . Auf diese Erinnerung hin , sagte Pauline von Harder , wolle sie den Abend noch einmal auf die Sache zurückkommen ... Damit legte sie sich ein wenig zur Ruhe , ohne indessen wahre Stärkung in einem kurzen Schlafe zu finden . Sie träumte zu lebhaft . Nadasdi , der Held ihres unglücklichen Romans , erschien ihr in dem verhängnißvollen Schlafrock , in dem dieser weichherzige Magyar soviel Thränen vergossen haben sollte ! Jedesmal , wenn ein großes Ereigniß sie beschäftigte , erschien ihr Nadasdi in seinem Schlafrock ... Sie nahm ein kleines homöopathisches Streukügelchen zur Beruhigung und war froh , daß sie auch für den Abend Herrn Sanitätsrath Drommeldey geladen hatte ... Sie bedurfte , wenn Schlurck nicht etwas sehr Entscheidendes brachte , wirklich der ärztlichen Berathung . Gegen sechs Uhr begann dann die Toilette und heute gewählter , als seit lange ... Während die Ludmer die oberen Salons hatte öffnen , mit frischen Blumen garniren lassen , die Kerzen auf den Kronleuchtern untersuchen , vervollständigen , die Wandlampen schon am hellen Tage zur Probe anbrennen ließ , nebenbei den Thee , das Eis und die Confitüren nach der Ordnung des Servirens angab , die ihr für heute die zweckmäßigere schien , schmückte sich die Geheimräthin mit den frischesten Farben . Sie wählte heute einen leichten Seidenstoff , weiß und roth gestreift . Ihrem stolzen Semiramishaupte gab sie etwas von ihrer eigenen und Heinrichson ' s Erfindung , eine Art biblischen Turbans , wie man sich etwa Rebecka denken mochte bei Eliezer ' s Gruße am Brunnen . Dies weiße Kashemirgewinde , stolz und frei getragen , stand ihr gar stattlich . Das eine Ende des Bundes , mit goldenen Fransen , hing schwer über die rechte Schulter herab , die natürlich , wie die ganze Büste , sehr stark weiß geschminkt wurde , um durch eine große umständliche » Florgeschichte « , die wiederum ganz patriarchalisch , jedoch mehr im Stile der Hagar , als sie mit Ismael in die Wüste zog , um Nacken und Hals geschlungen wurde , blendend hindurchzuschimmern . Die magern Arme hatten sich derselben Prozedur des Puderns zu unterwerfen . Sie waren , ein seltenes Wagniß , heute ganz frei und wurden mit den schwersten Armbändern behängt . Wenn sie mit einer leichten , wellenförmig gerundeten Bewegung des rechten Oberarmes ganz wie in Gedanken einmal an das hängende Ende ihres Turbans fuhr und die goldenen Troddeln , schwerer wiegend , hin- und herschwankten , so gab das einen ganz hübschen Effect , den der elegante Maler Heinrichson oft bewundert und erklärt hatte , ihn sich für ein Bild zu merken , das er noch einst von dem Antonius und der Cleopatra malen wollte . In dieser Tracht , die ihr wirklich viele » Frais « verursachte , nämlich die Mühe der Überlegung und die moralische Mühe einer ihr gar nicht mehr » geläufigen « Eitelkeit , stieg denn gegen sieben Uhr Frau von Harder in ihre oberen Zimmer ... Sie durchmusterte sie und fand sie noch nicht gelüftet genug . Es war ihr heiß in dem sommerlichen Abend geworden . Der Maraboutfächer mußte die Glut ihrer Stirn kühlen , die leider zu roth , zu roth , ach zu roth war ... Sie haßte eigentlich diese oberen Appartements , der Überzahl ihrer Spiegel wegen . Welche Verschwendung , sagte sie oft , an dieser verleumderischen indiscreten Composition ! Und noch an jedem Spiegel waren zwei Wandleuchter und jeder Wandleuchter mit mindestens drei Kerzen angebohrt ! Aber sie mußte diese Zimmer und nicht den Gartensalon wählen ; denn hier nur gab es Nischen zu traulichem Zwiegespräch , zeltartig drapirte Alkoven mit Tapetenthüren zu kleinen Cabineten mit Divans , die unter Blumen versteckt waren . In einem dieser Zelte , das später von einer herabhängenden Ampel matt erleuchtet werden konnte , prüfte sie , wie wol ihr Anzug gegen den Hintergrund abstechen würde ... Pauline war geschmackvoll von Natur und nur durch ihre üppige Phantasie manchmal etwas zu überladen . Aber darin zeigte sie sich als Virtuosin , daß sie niemals in großer Gesellschaft erschien , ohne nicht ihre Toilette nach dem Farbenton der Zimmer einzurichten , in welchen sie erscheinen sollte . Sie besann sich regelmäßig , wenn sie eingeladen war , in welchem Zimmer die Gesellschaft sie begrüßen würde und wählte darnach die Farbe ihrer Kleider . Es war ihr schon geschehen , daß sie bei der Trompetta , die einmal nach Vollendung eines Albums , das sie für arme Überschwemmte herausgegeben hatte , alle Dichter einlud , deren Beiträge das Album füllten , ein neues wunderschönes grünes Kleid nur unter der Bedingung anzog , daß sie der Trompetta erst ein Sopha mit ceriserothem Sammet überzogen schicken durfte . Die Trompetta hatte nämlich nur dunkle Möbel und sträubte sich sehr , besonders vor einigen frommen Lyrikern , sich auch auf ceriserothen Sammetmöbeln betreffen zu lassen . Die Geheimräthin kam aber nur unter dieser Bedingung , daß sie ihr grünes Kleid auf rothem Sammet zeigen durfte . Si non e vero ... man erzählte es wenigstens . Eben noch prüfte Pauline den Effect ihres hellen biblischen Costüms gegen das dunkelblau mit Gold drapirte Zeltgemach und erfreute sich des wirkungsvollsten Abhubes ihrer Figur von der dunklen Umgebung , als ein Wagen vorfuhr und durch das offenstehende Portal gleich in das Haus einlenkte . Daß eine Dame leicht und behend vom schnell herabgelassenen Tritte herunter und auf die Strohdecken sprang , die unter dem Unterbau des Hauses vor der Eingangspforte ausgelegt waren , sah Pauline nicht ; sie sah nur das Einlenken des Wagens in die geöffnete Gartenthür , ahnte aber wer es war , ließ sich nicht erst anmelden , wer kam , sondern ging der Kommenden entgegen . Sie war vollkommen darauf vorbereitet , daß sich ihr die Gräfin d ' Azimont mit einem Strom von Thränen an die Brust warf ... Welch ein Gegensatz zwischen zwei Geschwisterpaaren ! Drüben die ruhige , fast phlegmatische Adele Wäsämskoi im Kreise ihrer Kinder , geregelt und bevormundet von einem einfachen , strengen , mathematisch geordneten , praktisch bürgerlichen deutschen Verstandesmenschen ; hier diese wilde leidenschaftliche Halbpariserin , die schon auf der Treppe so laut schluchzte , daß die Ludmer die erstaunten Bedienten entfernen mußte ! ... Drüben die weiche , sanftmüthige Anna von Harder , die ihren Lebensberuf in der Pflege eines wunderlichen Greises , in milden Werken der Liebe und der prunklosen Ausübung der Musik fand und noch in diesem Augenblicke die bescheidene Sorgfalt ihres Herzens gegen ihr fast ganz fremde Menschen walten ließ ; hier ihre Schwester , im blendendsten Schmuck , ebenso leidenschaftlich , nur äußerlich kälter , wie ihr Besuch , den sie nicht am kleinen Theetisch , am dampfenden Comfort , unter einem Akazienbaum , an einer Wand beschattet von wildem Weine empfing , sondern in das blau- und golddrapirte Zelt führte , auf einen Divan , hinter Camelien und rankenden Gewächsen , die sich um die schweren bronzenen Stäbe des Zeltes und die herabhängenden goldenen Quasten ringelten . Helene d ' Azimont war klein und zart . Woher sie schöner war , als ihre ältere Schwester , konnte man kaum begreifen , wenn man fast denselben Schnitt des Gesichtes entdeckte . Es war dieselbe Bildung der Formen und doch von unendlich verschiedener Wirkung . Das Ensemble an der Gräfin war reizend , die Linien unendlich harmonischer , ihre Verbindung belebt und voll Anmuth . Sie ließ sich , obgleich der Fürstin ganz ähnlich , doch mit dieser kaum vergleichen . Jede Bewegung der Helene d ' Azimont war Leben . Die langen Augenwimpern zitterten , der schöne kirschrothe Mund bebte , die wie Emaille glänzenden Zähne zeigten sich unwillkürlich , wenn die Lippen wie vom Schmerze offen standen . Die Form des Halses , des Nackens , die Wölbung der Hüften , Alles war zwar klein , zwar zierlich , aber doch schlank und von regelmäßiger Harmonie und voll und fleischig , trotz des Kummers , der doch an ihr nagte . Das Auge blau und im Nu so groß geöffnet , daß es unter den schwarzen Wimpern wie eine leuchtende Krystallkugel aufzugehen schien . Die ganze Schwärmerei einer italienischen Sternennacht lag in diesem Auge , wenn es sich öffnend starr den Blick festhielt und den Gegenstand , auf den es fiel , fast in sich aufsaugend verzehrte . Das schwarze Haar lag im einfachen Scheitel dicht und glänzend über der kleinen Stirn . Wäre diese Stirn ein wenig größer gewesen , man hätte das Bild einer religiösen Denkerin , einer entzückten Schwärmerin gehabt . Da sie aber klein , von dem Scheitel beschattet war , so versinnlichte sie nur das Gemüth , die Leidenschaft , die gleichsam völlige Abwesenheit alles Nachdenkens . Die Liebe schien der Glaube dieser Frau zu sein ; die Zärtlichkeit das einzige Bekenntniß ihres Herzens . Wir wissen , daß Helene d ' Azimont dreißig Jahre zählt . Eine gewisse schwellende Rundung ihrer Formen war die einzige Bestätigung dieses Alters . Sonst glaubte man ein Kind vor sich zu haben , eine zum ersten Male ins Leben tretende Jungfrau , voll Vertrauen , Dreistigkeit , angeborener Sicherheit . Wie dies Auge rollte ! Wie diese Brust wallte ! Pauline konnte sie ohne Hemmniß an die Flordraperie ihres Halses drücken , denn Helene war so einfach gekleidet ! Sie war schwarz vom Kopf bis zur Sohle . Man sah , daß es nicht ihre Absicht war , heute bis zur Gesellschaft zu bleiben . Und doch blendete die Weiße ihrer Haut unter den schwarzen Flören wie der schönste Schmuck ! Sie trug an dem runden , vollen Arme lange schwarze Florethandschuhe . Um den Hals funkelte wol ein Collier von Brillanten , aber dies schwarze Florchiffü über dem Flechtenneste und halb dem Scheitel der Haare , dieser Kopfputz mit den einfach in den Nacken herabhängenden Spitzenzipfeln war so wenig auf gesellschaftlichen Reiz berechnet , daß man an die Ächtheit der Thränen glauben mußte , unter denen sie ausrief : Da haben Sie mich denn , Pauline ! So komm ' ich von Paris , so sehen Sie in mir die Verzweifelnde , die Sterbende um einen Sterbenden ! Helene , ist die Gefahr so groß ? fragte Pauline halb wie zitternd . Egon stirbt ! Egon wird dieser Erde nicht mehr angehören ! Ich bitte Sie , Freundin ! Ein junger , kräftiger Mann ! Wir haben keine Epidemieen . Ärzte umstehen sein Lager . Sie selbst - Ich , Pauline ? Ich ? ... Ihr wißt es ja Alle ! Wo ich hinblicke , hat ja die Welt kein Mitleid für mich , nur lachende boshafte Augen ! Die Menschen , die Bäume , die Vögel in der Luft lachen ! Verstoßene , verlorene Helene , ruft mir ja jedes Atom , jedes Stäubchen zu , über das ich ohnmächtig hinschwebe ! Zwei Jahre des seligsten Glückes sind ja vernichtet , geschändet - o was sag ' ich geschändet ! Egon ! Was du thust ist wohlgethan . Tritt mich mit deinen Füßen , verstoße mich , morde mein Herz ! Nur stirb mir nicht ! Lebe ! Lebe ! Lebe ! Helene lag schluchzend auf dem Sopha ... Pauline mußte sich , selbst wenn sie der kältesten Fassung fähig war , von einem solchen Ausbruch wildester Verzweiflung erschüttert fühlen . Sie hatte seit einiger Zeit in einer Welt gelebt , die sich um sie her immer mehr erstarrte ; sie hatte früher in dieser Weise selbst geliebt , selbst empfunden . Aber jetzt nach so vielen Verknöcherungen und Versteinerungen ihrer nächsten Lebensbedingungen war ihr diese Scene fast wie Traum aus ihrer frühesten Jugendzeit . Die fünfundzwanzig Jahre , die sie mindestens vor der jungen verzweifelnden Frau voraus hatte , fühlte sie einen Augenblick nicht ; sie konnte das Zittern ihrer Hand nicht unterdrücken , konnte nicht von ihren Lippen wegwischen , daß sie einen Augenblick bebten . Sie dachte an Heinrich Rodewald und ihre Jugend ... Helene , sagte sie nach einer Pause allmäliger Sammlung , Helene , Sie sehen mich voll gerührtester Theilnahme , aber auch voll Überraschung . Ich weiß so wenig von Dem , was Sie betrifft . Ich hoffte dieser Tage durch einen Besuch bei Ihrer Schwester - Schweigen Sie von dieser Schwester ! rief Helene , und in die zarte Erscheinung fuhr plötzlich eine so elastische Beweglichkeit , eine so aufschnellende zornige Erregung , daß man die in Liebe zerflossene Weiblichkeit kaum wiedererkannte . Der Mund und das Kinn traten entschlossen hervor und die Augen blitzten von einem wilden , trotzigen Feuer . Schweigen Sie , rief sie , von dieser Heuchlerin , dieser lieblosen Moralistin ! Für die glühendsten Schilderungen meines Glückes , die ich ihr nach Odessa schrieb , hat sie mir im Tone einer Predigt geantwortet . Wenn sie mich tadelte , daß ich für Belcotti schwärmte , mit Addington tändelte , die Leiden des polnischen Volkes mit dem jungen lithauischen Flüchtling Bardansky verwechselte , o , alle diese Vorwürfe waren gerecht und ich nahm sie mit schwesterlicher Liebe hin . Aber endlich schrieb ich ihr , ich trenne mich von d ' Azimont , ich liebe , ich liebe zum ersten male , ich liebe , wie ein Weib lieben soll , ein Weib , das fühlt , ein Weib , das da ahnt , in ihr ruhe das Geheimniß der Schöpfung . Als ich ihr schrieb : Der , den ich liebe , ist ein Gott und seinen Namen nennen die Irdischen Egon Prinz von Hohenberg , und als sie mir auch darauf Moral , ewig Moral und immer Moral predigte , sehen Sie Pauline , ich habe geschworen , wer mir das Kleinod meines Lebens beschmutzt , mir die Sonne verdunkeln will , die ich anbete und mögen alle Priester der Erde sagen , die Anbetung der Sonne wäre Heidenthum ... ich könnte den Dolch erheben und jeden Lästerer meiner Religion durchbohren , sei ' s ein Bruder , sei ' s eine Schwester und diese Schwester existirt nicht mehr für mich . Pauline gedachte der Zeiten , wo sie auch mit Dolchen spielte ! Wäre sie eine Philosophin geworden , so hätte sie gelächelt ; aber sie lächelte nicht . So wild war zwar nicht ihr Haß gegen Anna , wie Helenens Haß gegen die Fürstin Wäsämskoi , aber sie erwärmte sich daran , doch wieder einmal auf dem Bereiche der Herzensgeltendmachungen etwas Kraftvolles , etwas Titanisches zu erleben . Sie jubelte , jene halb wahnwitzige Sittenlogik anerkannt zu sehen , in der sie früher selbst gedacht , dann geschrieben hatte und in deren ohnmächtigen letzten Trümmern sie sich absterbend verzehrte . O sie stand auf ! Sie hielt diese Sprache der Liebe nicht aus , ohne dafür mehr zu haben als bloße einfache Zustimmung ! Sie wurde jung , indem sie auf-und abschritt und Helene , selig über Paulinens Erschütterung , umschlang sie und zog sie zu sich unter die Camelien und fuhr , ihre Hand festhaltend , fort : Nichts von Adelen , Pauline ! Sie wohnt hier in der Nähe , ich weiß es . Ich kenne sie nicht . Ich schrieb es soeben schon an d ' Azimont nach Paris . Er wird meine Meinung billigen ; er ist sehr gut und was an ihm das Beste ist , er liebt , wie ich , den Charakter ! Wie geht es denn Desiré ? fragte Pauline . Recht übel ! bemerkte Helene . Desiré d ' Azimont war ihr kränkelnder Gatte . Wie lange ist es her , daß wir zum letzten male hier waren ? fuhr Helene fort . Vor drei Jahren ; sagte Pauline . Haben sich seine Übel verschlimmert ? Desiré ist recht krank . Man fürchtet für ihn . Seine Corpulenz wird beunruhigend . Die Mutter gibt ihn auf und Sie wissen , böse Augen sehen weiter , als die Augen guter Menschen . Keine Veränderung in den alten Verhältnissen ? Nur noch gesteigerter ! Die Mama ist förmlich eine Megäre und foltert mich . Desiré ' s himmlische Güte schützt mich allein . Sie will die Scheidung vor Desiré ' s Tode und Desiré , der Egon wahrhaft liebt - In der That ? O Desiré bleibt sich gleich . Desiré ist ein Philosoph . Er gefällt sich darin , wie Seneca zu sterben . Ich weiß nicht , ob ich ihn für größer halten soll als ... Warum stocken Sie ? Darf ich denn unbefangen über Desiré sprechen ? Helene ! Sie liebten ihn , Pauline , und waren glücklich , als er mich wählte . Sie drückten mich vor elf Jahren an Ihr Herz und nannten mich