und lebhaft auf den Gebieter zuschreitend . » Wie blaß , wie angegriffen sehen Sie aus , Herr am Stein ! Gewiß , Ihnen ist nicht wohl ! Sie müssen sich bei dem unfreundlichen Wetter in der wüsten ungastlichen Haide erkältet haben ! Ihre Stirn ist wahrhaftig ganz kalt und doch fühle ich das heftige Klopfen ihrer Pulse ! Wie geht es Ihnen , armer Mann ? « Und Bianca legte sanft schmeichelnd ihre weiche warme Hand auf die Stirn des Grafen , der unter dieser magnetischen Berührung in süßen Schauern erbebte . » Sehe ich denn wirklich so angegriffen aus , gutes Kind ? « erwiederte er lächelnd . » Nun , wenn dies der Fall ist , so mag die Ursache davon wohl anderswo zu suchen sein , als in meiner heutigen , allerdings angreifenden Waldreise . Wäre ich aber auch zum Tode krank , von solchen Engelslippen bedauert , von so theilnehmendem Auge angeblickt , würde ich alsbald genesen ! Theure Bianca , eine Berührnng Ihrer Hand hat tausendmal mehr Wunderkraft , als alle Arzneien der Welt ! Wissen Sie , schönes Kind , daß Sie heut entzückend sind ? « » Gefalle ich Ihnen ? « fragte die Verführerin zurück , indem sie die vergoldete Tasse des Grafen mit der aromatischen Flüssigkeit füllte und dabei einen halb verschleierten Blick auf ihn warf . » Meine Gespielinnen behaupteten immer , weiß kleide mich nicht vortheilhaft . Es soll mir einen zu farblosen Teint geben . « » Offenbarer Neid gefallsüchtiger Mädchen ! Ich finde , daß keine Farbe besser zu dem glänzenden Schwarz Ihrer Haare paßt , als dieses durchsichtige silberweiße Gewebe ! Und welche Einfachheit ! Welcher Geschmack ! Man sollte glauben , Sie hätten Jahre lang die Kunst der Toilette auf der Bühne studirt , so meisterhaft finde ich Ihren Anzug den Regeln des guten Geschmackes angepaßt ! « » Da machen Sie mir ein sehr zweideutiges Compliment , gnädigster Herr , « versetzte Bianca schelmisch . » Wir armen Mädchen halten uns immer für geborene Genies , was Geschmack anbelangt , und da uns die Natur so stiefmütterlich ausgestattet hat den Männern gegenüber , so sind wir ja schon gezwungen , unsern Geschmack zu bilden , um mittelst einiger Bänder , Spitzen und Haarwickel die Mängel vergessen zu machen , die uns in so abhängiger Stellung erhalten . « » Ich kann Ihnen die Versicherung geben , schöne Muthwillige , daß wir Männer nicht so scharfsichtig sind , die gerügten Mängel bei Ihrem Geschlecht zu entdecken ! Wir finden im Gegentheil nur Vollkommenheiten , von denen wir gefesselt , entzückt , zur Leidenschaft hingerissen werden ! « Bianca nippte mit großer Zierrlichkeit ihren Thee , wobei sie nicht unterließ , häufig zu Adrian aufzublicken und ihre schönen Zähne aus dem feuchten Purpur ihrer vollen Lippen hervorglänzen zu lassen . Jetzt schob sie ihren Sessel um einen Schritt näher an den Lehnstuhl Adrians , und indem sie ihren bloßen vollen Arm auf die purpursammetne Lehne desselben legte und ihre zarten Finger mit dem Rosabande spielen ließ , das ihre Taille umschlang , sagte sie naiv : » Wie muß nur das sein , gnädiger Herr , wenn man von Leidenschaft hingerissen wird ? « Ihre schwarzen Augen ruhten bei dieser verführerischen Frage mit so innigem warmen Ausdruck auf Adrian , daß diesem fast die Sinne vergingen . Er suchte sich indeß zu mäßigen und fragte das verführerische Mädchen seinerseits : » Hat Ihnen denn noch kein Mann eine Neigung abgewinnen können ? « » Ich bin allen hübschen und artigen Männern immer gut gewesen , wie Brüdern , aber Liebe oder gar Leidenschaft habe ich nie für einen empfinden können . Es muß das bei mir ein Fehler des Herzens sein , da ich lebensgern einmal wissen möchte , wie man empfindet , wenn man liebt ! « » Wahrhaftig , Bianca ? « » Ganz im Ernst , Herr am Stein ! Ein Mädchen , das so allein , so ganz einsam in der Welt dasteht , wie ich , hat wahrhaftig kein beneidenswerthes Loos gezogen ! Man täuscht , man betrügt uns und macht uns zuletzt unglücklich ! « Ein paar Thränen stürzten in Bianca ' s Augen . Sie zupfte zerstreut an ihrem Kleide und wußte dadurch geschickt ihren wunderhübschen Fuß zu enthüllen , den ein feiner durchbrochener Strumpf kaum bedeckte . Diesen reizenden Fuß stellte sie jetzt absichtlich auf ein niedriges Tabourett , das Adrian immer neben sich stehen hatte , um ebenfalls bisweilen seine Füße , in denen er oft Anfälle podagrischer Schmerzen fühlte , darauf ruhen zu lassen . Sie bewegte das zierlich gebildete Füßchen so kokett in dem schmalen Atlasschuh , daß Adrians Herz heftiger zu schlagen begann . Die unmittelbare Nähe des schönen , von dem feinsten Spitzengewebe umflatterten Armes wirkte so verführerisch auf ihn , daß er ihn bebend mit brennenden Lippen küßte . » O bitte , gnädigster Herr ! « sagte Bianca , den Arm zurückziehend . » Eine solche Huldigung könnte mich ja eitel machen ! Man küßt , so viel ich aus Büchern und Erzählungen weiß , nur vornehmen Damen , Gräfinnen und Prinzessinnen die schönen Hände . Arme Mädchen , wie ich , müssen sich solche Aufmerksamkeiten verbitten . « » Von der Hand zum Munde ist nicht aus der Welt , Sie lieber Schalk ! « erwiederte Herr am Stein . » Und da Sie nach Ihrem eigenen Geständniß noch gar nicht wissen , wie man liebt , so will ich Ihnen für Ihre kleine Bosheit die Ahnung dieser Empfindung beibringen ! « Und mit gewandtem Arm unrschlang Adrian Bianca ' s vollen Körper , zog sie an sich und drückte heiße , flammende Küsse auf ihren Mund . Zitternd und erröthend entwand sich das reizende Mädchen der heftigen Umarmung des Grafen , indem sie ihn zürnend anblickte . » Gnädigster Herr , « sagte sie , die klare Stirn kraus zusammenziehend , » wäre ich Ihnen nicht Dank schuldig , so würde ich Ihnen ernsthaft zürnen . Es ist nicht recht von Ihnen , meine Unerfahrenheit so arglistig zu benutzen ! « Sie stand auf und schenkte in einer wo möglich noch koketteren Stellung abermals Thee ein . Dabei kehrte sie dem Grafen halb den Rücken zu , so daß die Flamme der Astrallampe ihren vollen Schein über sie ausgoß und die anmuthigen Rundungen ihrer classischen Formen durch die leichte Gewandung deutlich erkennen ließ . » Aber Bianca ! « rief Adrian aufgeregt . » Sie befehlen , Herr Graf ? « sagte die Schöne und wendete , schon wieder schelmisch lächelnd , ihr volles Gesicht mit den tanzenden schwarzen Locken gegen ihn . » Schelten Sie mich , lachen Sie mich aus , nennen Sie mich einen Thoren , ja mißhandeln Sie mich , wenn Sie wollen , nur dulden Sie es , daß ich Sie lieben darf , Bianca ! « rief Adrian leidenschaftlich , indem er den Sessel , welchen Bianca inne hatte , näher an seinen Sitz zog . Diese sah ihn mit großen Augen verwundert an , nur auf ihren Lippen spielte ein schalkhaftes Lächeln . Sie reichte ihm die gefüllte Tasse , stäubte mit ihren gestickten Taschentuche einige Krumen feinen Weißbrodes aus den Falten des Kleides , und setzte sich zutrauensvoll wieder neben den leidenschaftlich aufgeregten Grafen . » Wenn ich nun thörigt genug wäre , Ihre in einem Moment der Aufregung gesprochenen Worte für wahr zu halten , « sagte Bianca , indem sie ihren Kopf so gegen den Grafen beugte , daß eine ihrer glänzenden Locken fast dessen Lippen berührte , » wenn ich solch eine Thörin wäre , dann würde ich mich wahrscheinlich in Ihre Arme werfen und , wenn ich im Herzen auch nichts für Sie fühlte , Ihnen eine glühende Leidenschaft heucheln . Ich bin aber weder so albern noch so eingebildet , und deshalb erlaube ich mir denn , Ihnen auf das Freundschaftlichste für die mir zugedachte Ehre zu danken und sich vor der Hand noch mit meiner vollkommensten Achtung und innigsten Freundschaft zu begnügen ! Sind der gnädigste Herr damit zufrieden ? « Wieder ruhten Biancas Augen mit unbeschreiblichem Liebeszauber auf Adrian , während jeder Zug ihres lieblichen Gesichtes nur dankbare Ergebenheit ausdrückte . Der wunderbaren Macht dieses Blickes erlag der Graf . Die lange schwarze Locke erfassend rief er mit gepreßter Stimme : » Bianca ! Geliebte Bianca , habe Mitleid mit einem Unglücklichen ! « Bianca lächelte noch reizender und beugte sich , da sie das tändelnde Zupfen Adrians an ihrer Locke schmerzlich empfand , so über ihn , daß der Graf ihren nur halb bedeckten wallenden Busen erblicken mußte . » Haben Sie lieber Mitleid mit nur , Sie raufen mich ja ! « » Ich sterbe , Bianca ! « » Vor Liebe ? Behüte Gott ! Man sagt ja immer , die Liebe belebe , das Auge der Geliebten sei die Sonne , in deren Licht der Liebende die Seligkeiten und Wonnen des ewigen Lebens empfinde ! Nun , ich dächte , dieses Auge wäre Ihnen doch jetzt nahe genug ? Oder muß ich Sie mit meinen Blicken versengen ? « » Könnt ' ich sterben in Deinen Armen , Grausame ! « stammelte der Graf , die erfaßte Locke des schönen Mädchens immer fester um seine Finger schlingend . » Jahrtausende des verheißenen jenseitigen Lebens wollte ich dafür opfern ! « » Pfui , gnädigster Herr , wer wird einem sterblichen Geschöpfe zu Liebe solche Lästerungen ausstoßen ! Aber bitte , entlassen Sie die arme Gefangene , die mich noch zwingen wird , mein Gesicht mit dem Ihrigen in Verbindung zu bringen ! Sie thun mir wahrhaftig weh , Herr Graf ! « » Sprich , daß Du mich lieben willst , Bianca ! Versprich , meine Geliebte , mein Weib zu werden ! Alles was ich besitze , soll Dein sein ! ... Nur verstoße , verschmähe mich nicht ! « Und Adrian preßte seinen Mund wie ein Rasender auf den klopfenden Busen Biancas . Satanischer Freudenglanz strahlte in diesem Moment aus den Augen der schönen Sünderin . Secundenlang ließ sie den vor Liebe und Wollust zitternden Grafen in ihren Reizen schwelgen , dann entriß sie ihm die festgehaltene Locke und sprang , ihn von sich stoßend , zurück . Adrian wollte ihr folgen . » Keinen Schritt , mein Herr , oder ich muß nach Hilfe rufen ! « sagte Bianca mit einer Stimme , die vor Entrüstung zitterte und von Thränen des Zorns gedämpft ward . » Es ist abscheulich , ein schwaches Mädchen auf so hinterlistige Weise festzuhalten und mit Küssen fast zu ersticken . - Ich werde Ihnen nicht mehr Gesellschaft leisten , bis Sie sich gebessert und mir durch einen Schwur gelobt haben , nie wieder meine Freundschaft so unwürdig zu mißbrauchen . Schlafen Sie wohl , gnädigster Herr , und verzeihen Sie Ihrer armen Dienerin , daß Sie Worte an Sie richten muß , die ihrer Stellung nicht zukommen ! Allein Nothwehr kennt keine Grenzen ! Gute Nacht ! « Dies » gute Nacht ! « klang bereits wieder so verlockend , so sanft und süß , daß Adrian bei diesem Sirenentone wüthend aufsprang und die zürnende Schöne um Vergebung flehend abermals in seine Arme schließen wollte . Allein Bianca war schon hinter der Thür verschwunden und das Vorschieben des Riegels verhinderte wenigstens im Augenblick jede Verfolgung . Adrian war sehr unzufrieden mit sich . Er beehrte sich mit allen möglichen Ehrennamen , die ihm einfielen , und ging dabei aufgeregt im Zimmer auf und nieder . Sein Blut kochte , seine Adern hämmerten , die Aufreizung seiner Nerven hatte den höchsten Grad erreicht . » Dies Mädchen ist ein Dämon , eine Zauberin , die mir atomweise Herz und Seele zerpflückt ! Und ich liebe sie ! ... Ich liebe sie wie ein Wahnsinniger ! - Wenn ich sie gehen , sie sprechen höre , stockt mein Blut in den Adern ; wenn ich sie sehe , habe ich keinen andern Gedanken , als nur sie , nur ihren Besitz ! ... Wenn sie lächelt , wie unendlich liebreizend ist sie dann ! Wenn sie spricht , wie scherzen alle Grazien um die Liebliche , Anbetungswürdige ! - O es ist seliger Genuß , um sie zu sein , aber auch Höllenqual , in ihrem Blick sich sonnen und diese Wunderaugen nicht küssen zu dürfen ! - - Nicht lieben können . - Welch Mädchen von ihrem Alter , mit solchem Körper begabt , fühlte nicht die Regungen der Liebe in der Nähe eines Mannes , der sie anbetet ! - Aber gewiß , Bianca liebt mich , muß mich lieben , nur mag sie es mir nicht gestehen ! - Sie ist klug und will sich gesichert sehen , ehe sie meine Leidenschaft erwiedert ! Sie wird an Magnus und Herta denken - und den Sohn gleicher Handlungen für fähig halten ! ... O Gott , o Gott ! ... Aber das ist vorüber , längst vorüber ! Hinunter , feuchter Schatten , in Dein Grab ! Bianca lebt , ich liebe Bianca und sie muß mein sein , und sollte ich ein Verbrechen begehen . « Mit fest an die Stirn gedrückten Fäusten blieb Adrian mitten im Zimmer stehen , so daß der Spiegel seine ganze Gestalt zurückwarf . Sein Blick erfaßte das Spiegelbild und er schrak zusammen . » Ha , bin ich bleich und verfallen ! « sagte er niedergeschlagen . » Ich werde von Tage zu Tage elender , ich fühl ' es , aber ich kann sie nicht aus den Gedanken bringen ! ... Wenn nur die Nächte nicht wären - diese qualvollen , endlosen Nächte ! ... Oder wenn nur ihr holdes Bild mich umschwebte und mir nur einmal des Nachts die schmachtende Lippe mit dem Hauche ihres Göttermundes kühlte ! ... Aber jenes Schattenbild , jenes elende Geschöpf , das ich verachte , es verdrängt immer dies Kind des Himmels und erstickt mich mit seinen kalten Umarmungen ! « Vom See herüber erklang jetzt ein lautes schrilles Pfeifen , dem ein matteres , dem Echo ähnliches , antwortete . Adrian in seine Gedanken vertieft achtete nicht darauf . » Ich muß sie zu versöhnen suchen , « fuhr er fort , » denn ich fürchte , daß ich sie wirklich beleidigt habe . - Sie ist gut , ein unschuldiges , liebes Kind - sie wird mir vergeben und mir gewiß wieder Gesellschaft leisten ! ... Ich aber will mich mäßigen , alle meine Gefühle verbergen und mich erst ihrer Neigung versichern , bevor ich sie mit neuen Liebesanträgen bestürme ! ... Könnte ich nur auch der Leidenschaft gebieten , sich in keinem Blick , in keiner Bewegung zu verrathen ! « Ein zweites Pfeifen , diesmal um Vieles näher , machte die Fensterscheiben schrillen . Adrian schien auch dieses nicht zu hören , denn er zündete mit zitternder Hand ein Licht an und schritt nach der Thür . » Wenn ich mich schon jetzt als ein Reuiger bei ihr melde , « sprach er , » dann wird sie mir um so lieber vergeben , weil ihr dies ein Beweis von meiner Gutmüthigkeit und Nachgiebigkeit sein muß ! Schmollt sie aber dennoch , dann werde ich sie morgen durch ein kostbares Geschenk zur Vergebung zwingen . Reichen Gaben hat noch kein Mädchen widerstanden . Gutes Glück , das Du mir so lange treu geblieben bist , verlasse mich auch ferner nicht ! « So sprechend verließ Adrian sein Wohnzimmer und ging mit unhörbaren Schritten bis zu Bianca ' s Thür . Er horchte eine Zeit lang , ob er Geräusch in dem Zimmer vernehme , da sich aber kein Laut hören ließ , klopfte er leise an die Thür . Nichts regte sich , selbst nach mehrmaligem Klopfen blieb Alles still . Nun wagte Adrian , Bianca ' s Namen zu flüstern und um Einlaß zu bitten . Allein auch darauf erhielt er keine Antwort und seufzend sah er sich genöthigt , den Rückzug auzutreten . » Sie muß schon zur Ruhe gegangen sein , « sagte er sich selbst beruhigend . » Ich werde ihrem Beispiele folgen und von ihrem entzückenden Engelslächeln träumen . « Bianca schlief aber nicht . Sie hatte die schlürfenden Schritte des herzlosen Mannes wohl vernommen und mit Entzücken sein Bitten und Seufzen gehört . Die Uhr schlug elf , kurz nachdem Adrian ihre Thür wieder verlassen hatte . Sie bereitete sich nunmehr auf das nächtliche Rachewerk vor , das sie sich ersonnen . Den reizenden Schmuck der Abendtoilette abwerfend , legte sie ein verschossenes leichtes Kattunkleid an , das sie zum Andenken an ihre unglückliche Schwester aus deren Nachlaß behalten hatte . Dann löste sie ihr reiches langes Haar , feuchtete es ein wenig mit Wasser an und wirrte es durch einander , daß es verworren und ungleich ihre ganze Gestalt bis weit über die Hüften herab umfloß . Das todtenbleiche Mädchen sah in diesem verwilderten Anzuge eben so schön als furchtbar aus . Ihr dunkles Auge blitzte vor Lust nach Rache , die stolzen Lippen öffneten sich und ließen beide Reihen ihrer tadellosen Zähne sehen . Ueber eine halbe Stunde ging Bianca unruhig , aber so behutsam , daß Niemand ihre Schritte hören konnte , im Zimmer auf und nieder . Manchmal blieb sie auch stehen und warf einen Blick in den Spiegel , worauf sie wild die feuchten Locken schüttelte und ihre Wanderung durch ' s Zimmer fortsetzte . Nun sah sie nach der Uhr , und da sich kein Laut im ganzen Hause regte , eilte sie ohne Licht durch die ihr bekannte Reihe der Gemächer bis an Adrian ' s Zimmer . Sie öffnete es behutsam und fand es leer , ohne Licht . Die Thür zum Schlafzimmer war nur angelehnt . Dahin schlich sie , lauschte , lauschte lange und hörte , daß Adrian in unruhigem Schlafe röchelte . Wie ein erzürnter Geist flog sie auf schwebenden Sohlen zurück , zündete eine Blendlaterne an und löschte die Wachslichter . Dann stieß sie nochmals das Fenster auf und hustete . Es ward ihr in gleichem Tone geantwortet und aus dem Schatten der Nacht kam mit langen Schritten eine hohe Gestalt auf das Haus zu . Bianca wartete die Annäherung des unheimlichen Gastes nicht ab , sondern ergriff die Blendlaterne , hüpfte damit die breite Treppe hinunter , die mit weichen Teppichen belegt war , und empfing an der Hausthür den bereits eingetretenen nächtlichen Besuch . » Haben Sie die Thür wieder verschlossen ? « fragte das wild blickende Mädchen . » Fest und sicher . « » So kommen Sie , doch ziehen Sie zuvor Ihre harten Schuhe aus ! « Hand in Hand mit dem Fremden erstieg sie die Treppe und geleitete ihn bis vor Adrians Zimmerthür . Hier erst öffnete Bianca die Laterne und ließ ihr volles Licht auf den Fremden fallen . Es war Martell , der Spinner . Dieser Arme zeigte jetzt hohle , tief eingefallene Wangen , sein finster blickendes Auge brannte wie in Fieber , und ein leichtes Zittern war an seinen Händen zu bemerken . » Sind die Köhler heut wieder bei Ihnen gewesen ? « fragte Bianca . » Nein , « versetzte Martell düster und verstimmt , » ich habe mich allein behelfen müssen , aber es ist nicht das ! Man wird nur mürrisch davon . « » Ich sage Ihnen , Martell , sein Sie auf Ihrer Hut ! Man will nicht Ihr Bestes , man beabsichtigt , Sie zu Grunde zu richten ! « » Das ist nicht mehr nöthig , « erwiederte der Spinner . » Ich bin schon so sehr zu Grunde gerichtet , daß es ganz gleichgiltig ist , ob es einen Tag früher oder später zu Ende geht . Und überdies zerstreuen mich die beiden lustigen Schälke und machen mir zum ersten Male , seit ich denken kann , das Leben leicht . Dafür bin ich ihnen dankbar und deshalb trinke ich mit ihnen , so lange die Haut über diesen Knochen zusammenhängt . - Aber Sie , Bianca , was haben Sie vor ? Welch Schauspiel wollen Sie mir bereiten ? « » Leise , Martell , damit wir nicht gestört werden ! « - Bianca hob sich auf ihre Zehen und flüsterte dem gebeugt neben ihr stehenden Spinner zu : » Vor einiger Zeit habe ich Ihnen feierlich das Versprechen gegeben , den Entsetzlichen , den ein grausames Geschick zu Ihrem Bruder und Zwingherrn gemacht hat , nach Kräften zu bestrafen . Sie haben ihm Rache geschworen , müssen aber die Zeit abwarten , wie Sie sagen , um sie auch üben zu können . Ich bin glücklicher , denn meine Rache hat bereits begonnen ! Ich lud Sie ein , mich in dieser Nacht zu besuchen , und schleuderte Ihnen zu diesem Behufe den Hausschlüssel nebst Angabe der Stunde zu , wo dieser Besuch am leichtesten zu bewerkstelligen wäre . Ihr wiederholtes gellendes Pfeifen sagte mir , daß Sie meines Winkes gewärtig seien . Die Stunde ist gekommen . Haben Sie Muth , Zeuge der Rache eines Mädchens zu sein , an dessen Familie sich dieser schleichende Satan freventlich vergangen hat ? « » An seinen Qualen werd ' ich mich weiden . Ich lechze nach seinem Blut , nach seiner Seele , obwohl er mein Bruder ist ! Denn , sehen Sie , schönes Fräulein , mein liebster Junge ist von seinen Maschinen zerrissen worden und hat elendiglich umkommen müssen , weil ihn der Chirurg auf seinen Befehl schlecht curirte . Er starb am Brande . Dafür leide der Elende im ewigen Feuer der Hölle ! « » Verhalten Sie sich ganz ruhig und Sie sollen mit Zittern schauen , daß Adrian leidet ! « Bianca schloß die Laterne und Beide umfloß dichte Finsterniß . » Halten Sie sich nur fest an meine Hand ! Im Zimmer waltet spärliche Dämmerung . « Geführt von dem rachedurstigen Mädchen trat Martell in das Schlafgemach seines gräflichen Bruders . Die nur halb geschlossenen Jalousien ließen gerade so viel Licht eindringen , daß man nach einiger Zeit alle Gegenstände des mittelgroßen Zimmers wie von leichtem Nebel verschleiert erkennen konnte . Auf breitem , mit seidenen Decken und schwellenden Kissen reich erfüllten Bett lag Adrian in tiefem Schlummer . Er ruhte auf dem Rücken , die linke Hand war überrücks geworfen und schmiegte sich fest geballt an seinen mit dünnem Haar bedecken Scheitel . Das feine weiße Hemd entblößte zur Hälfte den Arm und war auch auf der stark behaarten Brust weit gelüftet . Vor dem Bett breitete sich ein pupurrother Teppich aus . Zu Füßen des Lagers stand ein sehr bequemer Polsterstuhl . Auf diesen deutete Bianca , indem sie Martell zuflüsterte : » Setzen Sie sich und geben Sie Acht , ohne einen Laut hören zu lassen ! « Nun stellte sich das schöne Mädchen dicht neben Martell , legte ihre Hände gefaltet über den Busen und richtete ihre beiden dunkeln Augen unverwandt auf den schlummernden schwer athmenden Grafen . Es ist bekannt , daß der Blick des Menschen , fest auf einen Schlummernden geheftet , eine geheimnißvolle magnetische Kraft ausübt . Diese Kraft steigert sich bis zum Wunderbaren , wenn dem Magnetiseur ein starker Wille zu Gebote steht . Noch gewaltiger und überraschender ist die Wirkung , wenn zwischen zwei auf solche Weise mit einander in Rapport tretende Personen Bande der Verwandtschaft oder leidenschaftliche Zuneigung obwalten . Bianca kannte Adrians leidenschaftliche Liebe zu ihr , sie wußte , daß er Tag und Nacht nur an sie dachte , von ihr träumte , und sie hatte das grausame Experiment , das sie mit kaltblütiger Ueberlegung jetzt zu Martells Genugthuung wiederholen wollte , schon mehrmals mit gutem Erfolge versucht . Bianca wollte Adrian nicht aus seinem unruhigen Schlummer wecken , sie wollte ihn durch ihre starren Blicke und die starke Kraft ihres Willens nur im Schlafe magnetisiren und ihr Bild in seiner geängstigten Seele aufsteigen lassen , um diesem sodann ein anderes , entsetzlicheres unterzuschieben . Dieses grausame Experiment gelang ihr bewunderungswürdig . Schon nach wenigen Minuten hob sich die Brust des Schlummernden unter schmerzlichem Stöhnen . Er bewegte das bleiche , schweißtriefende Haupt und die Lippen öffneten sich zu flüsterndem Gespräch . » Grausame ! « stöhnte Adrian . » Warum diese Dolchspitzen in Deinen Blicken ? ... Sie verwunden ... mein Herz ... sie schneiden tief ... tief in das Mark ... meiner Gebeine ! .. Sieh ... Du kannst lächeln ... o wie süß lächeln ! ... Nun kommst Du ... näher ... nun fühle ich ... Deinen warmen ... Athem ... Dein Busen ... klopft an meiner Brust ... o welche Wonne ! ... Ha , Gespenst ... Fort , fort ! ... « Adrian wand sich convulsivisch auf seinem Lager , während Bianca lautlos , kalt , mit entsetzlicher Entschlossenheit und verstärktem Willen tiefer und immer tiefer , gleich einer grauen Riesenschlange , sich über das Bett des Unglücklichen beugte , ihre langen aufgelösten feuchten Haare darüber breitend , bis sie die Brust des Träumenden berührten . Ihr Hauch traf seine Lippen , seine Augen , und unbewegt fuhr Bianca fort , ihre schrecklichen Blicke auf den Gefolterten zu heften . » Therese , « wimmerte der Träumende , » noch immer verfolgst Du mich ? ... Willst Du mir ... denn nie ... vergeben ? ... O diese brennenden Locken ! ... Wie sie glühen ! ... Wie sie mich umlohen ... wie Flammen ... der Hölle ! ... Nein , ich will nicht ... diese triefende Hand ! ... Diese blauen , schaudernden Lippen sollen ... mich nicht berühren ... Bianca ! O rettender , heiliger , geliebter , süßer Engel ... verscheuche ... erwürge ... dies Gespenst ! ... « Bianca warf ihre Haare zurück und erhob sich etwas , doch ohne ihre Augen von dem Röchelnden zu verwenden . Mit der Hand winkte sie Martell , daß er sich langsam bis an die Thür zurückziehen solle . Adrian ' s Gesichtszüge trugen die Spuren der furchtbarsten Seelenschmerzen , aber gebannt von dem dämonischen Auge des schönen Mädchens konnte er die qualvollen Bande des Schlafes nicht abschütteln , den Geisterarmen des Traumes , unter dessen Umarmungen er litt , nicht sich entwinden . » Tödte mich ! « flehte er wimmernd , » nur diese Blicke ... bohre nicht in meine jammernde Seele ! ... Ich war nicht Schuld ... an Deinem Tode ... « » Elender ! Selbst im Traume noch lügt er ! « flüsterte Bianca verächtlich und wich , Martell folgend , Schritt vor Schritt nach der Thür zurück . » Ha ... Gott Lob ... Gott Lob ... das Gespenst ... zerrinnt ! ... Ich lebe ... wieder ... Ich fühle meine Pulse wieder schlagen ! ... O des Jammers ! « Mit einem stöhnenden Schrei fuhr Adrian wild auf vom Lager . Seine Augen waren noch auf Bianca gerichtet , die in diesem Augenblick an der Thür verschwand . Ihren Schatten erhaschte der erwachende Graf , und beide Hände heulend über sein Gesicht drückend , warf er sich zurück in die Kissen und wimmerte : » Barmherziger Himmel , es ist wirklich ihr Geist , der mich peinigt ! der mich noch wahnsinnig machen wird ... « Geräuschlos und schweigend , wie Bianca den Spinner die Treppe heraufgeleitet hatte , führte sie ihn wieder hinunter . Auf der Flur öffnete sie abermals ihre Blendlaterne . Alle Fibern ihres schönen Gesichtes zitterten , aber sie lächelte . » Nun , Martell , gefällt Ihnen diese Art Rache ? « fragte sie mit einem Zuge teuflischer Schalkheit um den jetzt bleich gewordenen Mund . » Sie ist eines Weibes würdig , « erwiederte Martell . » Dünkt Ihnen diese Art , sich an seinem Todfeinde zu rächen , allzu grausam ? « » Nein , schönes Fräulein ! Sie gefällt mir blos nicht . « » Warum , mein Freund ? « » Weil der Bestrafte bewußtlos leidet . « » Haben Sie sein Stöhnen gehört , seine Worte vernommen , sein krampfhaftes Beben gesehen ? Und nennen Sie das bewußtlos leiden ? « » Sobald er erwacht , glaubt er , ein böser Traum hat ihn gequält , oder hält es für Alpdrücken ! Es bleibt immer nur ein vorübergehender Spuk . « » Aber ein Spuk , der sich allnächtlich wiederholt ! Der Tag beginnt ihm nur zu scheinen , damit er sich während seiner Dauer vor den höllischen Schrecknissen der Nacht fürchtet ! Wäre dies aber auch nicht der Fall , so peinigte ihn doch seine Liebe zu mir . « » Er - Adrian liebt Sie ? « » Ja , mein Freund , « lächelte Bianca und strich sich die wilden Locken aus der Stirn , » er liebt mich bis zur Tollheit und ich bin so freundlich , ihn immer noch verliebter in mich zu machen . Das gibt mir größere Gewalt über ihn , und daß ich diese auf die denkbarste Weise zu benutzen verstehe , haben Sie gesehen ! Sie könnten künftighin Theil nehmen an meiner Rache ! « » Nein , Fräulein ! Ich will lieber warten , bis ich ihn wachend quälen kann , das ist männlicher ; gegen wache Qual kann er sich , wenn er Kraft und Muth besitzt , vertheidigen . « » Wie Sie wünschen , mein Freund ! Aber nicht wahr , Martell , mein Wort hab ' ich gehalten und die Schwester , die seinetwegen frewillig aus dem Leben ging und mich um Tugend und Ehre brachte , gerächt , wie nur ein Weib es kann ? « » Ich muß Sie bewundern , ohne Sie loben zu können . « » Gute Nacht denn , mein Freund ! Sinnen Sie alsbald nach , wie Sie den Wachenden züchtigen wollen , ich will indeß fortfahren , den Schlafenden auf die