und Lord Duncan sah sich ähnlich bewegt ; wir werden aus seinen Mittheilungen erfahren , wie viel Recht er dazu hatte . » Lassen Sie uns offen gegen einander sein , theure Gräfin , « sprach er endlich ; - » wir fühlen Beide , daß , was ich Ihnen zu sagen habe , schmerzliche und ewig theure Erinnerungen wecken wird . Aber wenn ich dennoch den Entschluß gefaßt habe , Sie auf diese Weise zu erschüttern , so geschieht es in dem festen Vertrauen , daß Ihnen , wie mir , eine Pflichterfüllung zu wichtig ist , um nicht das Opfer zu bringen , das ich jetzt fordere , indem ich Sie bitte , mich anzuhören . « Die Gräfin reichte ihm schweigend die Hand , die er fast knieend an seinen Mund drückte . Ihre blassen Lippen bebten in einer Empfindung , der sie keine Worte gestatten wollte ; aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung und hob mit ruhiger Fassung seine Mittheilungen an : » Als Reginald - aus seinem Vaterlande verjagt ward , suchte er das Vaterland seiner Mutter auf . Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft , und als er das Haus seines Onkels , des Herrn Lester in Yorkshire , betrat , zeigten sich schon Symptome der Krankheit , die ihn bald darauf danieder warf . - Sie haben oft von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehört ; er war in Wahrheit einer der Ausgezeichnetsten seines Standes . Er besaß eine reiche Probstei , und seine vornehme Familie , die den Vater aufgegeben hatte , suchte durch diese ansehnliche Pfründe den Sohn zu heben . Mehr , als sie ihm geben konnte , gab er sich selbst durch seinen würdigen Karakter ! Seine tiefe Gelehrsamkeit machte ihn zu einem gesuchten und geachteten Gegenstande ; er hatte auf der Universität den Doktorgrad erhalten , war Mitglied der ausgezeichnetsten , gelehrten Gesellschaften , und stand dadurch in den weitverzweigtesten Verbindungen . Eben so bedeutend war seine Gemahlin , eine Miß Eton , deren Vater Bischof in Kalkutta gewesen , und die ihrem Gemahle in jeder Beziehung gewachsen war . Nach dem Tode ihres Vaters hatte sie sich , als die Letzte ihres Namens , mit Herrn Lester vermählt , und nachdem sie mehrere Kinder verloren , blieb ihr nur Margarith , die jüngste Tochter , die Ihre Freundin ward , theure Gräfin ! « » Nur ein Mal habe ich mit Herrn Lester über Fennimor , seine unglückliche Schwester , gesprochen . Er war bis zu Reginald ' s Ankunft über ihr eigentliches Schicksal in Zweifel geblieben . Wie wir alle , mußte er sie rechtmäßig vermählt halten ; auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur glückliche Nachrichten von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes , die ihm Graf Leonin selbst machte , mit der schmerzlichen Trauer um ein zu früh aufgelöstes Glück . - Ob ihr Sohn , von dem jene Todesnachricht Nichts erwähnte , lebe oder der Mutter gefolgt sei , konnte Herr Lester nicht erfahren ; da alle seine Briefe von da an unbeantwortet blieben . So machte die Zeit , daß er jene Verhältnisse , als für ihn nicht mehr bestehend , nach und nach zu vergessen begann . Emmy Gray ' s Weigerung , nach England zurückzukehren , und die flüchtige Erwähnung seiner Tochter , bei ihrer Rückkehr aus Ardoise , über ihr wunderliches Leben , überraschte Herrn Lester nicht , da er Emmy von Jugend auf als finster und halsstarrig gekannt hatte , und John Gray , der auf der Jagd verunglückte und einen frühen Tod fand , kein Band mehr für sie war . Dies eine Mal , daß ich nach der Entdeckung , die ihm Reginald gemacht , den unglücklichen Bruder dieses geopferten Engels sprach , wird mir unvergeßlich sein ! Er hatte damals schon jeden Gedanken an Genugthuung aufgegeben und rang mit seinem Schmerze um christliche Fassung und Ergebung ; aber es war ein Kampf , dem er so oft unterlag , als er davon zu sprechen wagte , und ich habe ihn niemals wieder dazu aufgefordert . « » Reginald wußte durch Emmy Gray ' s verhängnißvolle Mittheilung von dem Dasein seines Onkels und von dessen Aufenthalt . Er suchte ihn zu erreichen ; aber sein Diener brachte den todtkranken Jüngling bewußtlos in das verwandte Haus . Noch ahnte die edle Familie nicht , wen sie aufnahm , obwol Margarith augenblicklich in ihm den Jüngling wieder erkannte , den sie unter dem Namen Chevalier de Ste . Roche in Ardoise gesehen hatte ; dessen ungeachtet genoß er jede Pflege und die zarteste Theilnahme , die endlich den leidenden Zustand brach und ihn dem Leben zurückgab , das er nur noch mit Ergebung ertrug , von jedem frohen Gefühle des Glückes und der Jugend auf immer geschieden . « » Als er sich seinem Oheim entdeckt hatte , und die ereignißreiche Erzählung seines grausamen Schicksales das Herz dieses edlen Verwandten mit dem Unglücke seiner Schwester vertraut gemacht hatte , erfüllte Beide eine tiefe und gerechte Verachtung gegen die Familie Crecy-Chabanne , deren rechtmäßiges Oberhaupt durch so grausame und hartnäckige Verfolgungen , um jedes Vorrecht der bürgerlichen Gesellschaft betrogen , aus seinem Vaterlande vertrieben ward . - In Folge dieser Empfindungen , und von dem lebhaften Verlangen gedrängt , dieser Familie spurlos entzogen zu bleiben , willigte Reginald ein , den erlöschenden Namen seiner Tante anzunehmen ; - und er nannte sich von da an - Eton ! « Lord Duncan brach hier ab ; er sah das hinsterbende Lächeln auf dem Gesichte seiner edeln Freundin . Beide schwiegen . Langsam floß endlich Thräne auf Thräne aus ihren gesenkten Augen . Lord Duncan erhob sich , er wollte sich entfernen ; - aber ihre reine und erhabene Seele hatte schon gesiegt ; sanft streckte sie die Hand nach ihm aus . - » Bleiben Sie , theurer Freund ! « rief sie , unter stärker rinnenden Thränen - » o , ich weine mehr aus Freude , wie aus Schmerz ! So war sein Schicksal weniger traurig , als ich es erwarten mußte - so genoß er Liebe , treue Hingebung an der Seite der edelsten Menschen ! Ach , und er vergaß mich nie ; denn - sprechen Sie es aus - sein Vermächtniß war Elmerice ! « Gerührt unterbrach Lord Duncan den beruhigenden Erguß ihrer Gefühle nicht . Still und voll Ehrfurcht blickte er auf diese schöne , würdige , weibliche Erscheinung , die mit allen Zuständen Frieden schließt und ihnen ihren Stachel zu nehmen weiß . » Lord Duncan , « sagte sie nach einer kleinen Weile - » welches Licht giebt mir dieser Augenblick über mich ! Wie unwahr sind wir noch immer gegen uns - und neben welchen absichtslosen Täuschungen gehen wir her , als ob wir sie nicht sähen ! Was Sie mir jetzt aussprechen , ist die Ahnung der langen Vergangenheit , seit Margarith Lester mir in schüchternen Andeutungen ihre Liebe , ihre Vermählung mittheilte . Seit ich Elmerice sah , und aus ihren Erzählungen über ihren Vater Manches mir erschien , als ob eine liebe Hand den Schleier von einem unverwischlichen Bilde wegzöge - seitdem belebte sich diese Ahnung aufs neue ! O , Lord Ducan , nehmen Sie mein Bekenntniß an : selbst das schöne Antlitz meiner Elmerice rief theure Züge in mir zurück ; - und dennoch , dennoch hüllte ich mich schüchtern gegen die Wahrheit ein ! Aber ich liebe dies theure Kind so zärtlich , so hingebend , wie ich nur vermocht hätte , wenn mir die Wahrheit aufgedeckt gewesen wäre ; und all meine Einrichtungen für ihre Zukunft nach meinem Tode , gestalteten sich so , wie es der Witwe Reginald ' s - mein schönster Titel blieb dies immer - zukam ! O Mylord , wie froh bin ich , sagen zu können : ich war vor Ihrer Ankunft entschlossen , nach Ste . Roche zu gehen ; und nicht alle meine Pflichten habe ich aus kränklicher Schonung meines verwöhnten Gefühles vernachläßiget . « » Reginald « - hob hier Lord Duncan an - » kannte Sie so genau , theure Freundin , daß er gerade so , wie es geschehen ist , den Gang Ihrer Empfindungen voraussetzte . Nicht ich sollte Elmerice begleiten ; und da seine Gemahlin ihn überlebte , sollte auch diese erst der Tochter nach Frankreich folgen ! Elmerice sollte alle Nachrichten über sein Leben ahnend in Ihnen vorbereiten , und wir nur hinzutreten , um das zu geben , was Ihnen dann noch fehlen würde . « » So fahren Sie fort , « sagte Franziska d ' Aubaine mit Fassung . Aber sie stützte ihr Haupt mit der Hand und entzog ihr Gesicht , damit dem Lord die Zeichen ihres tief erregten Gefühles beschämt verhüllend . Mit einer edlen Schonung erzählte Lord Duncan weiter : » Nachdem Herr Lester zu einiger Fassung zurückgekehrt war , richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf seinen unglücklichen Neffen und bemühte sich , ihm eine Stütze zu werden . Sie begreifen , mit welcher Liebe und Bewunderung er den reich angebauten Geist , das edle Herz desselben erkennen lernte ; wie stolz er im Laufe der Zeit auf ihn ward und wie er ihm seine achtungsvollste Freundschaft schenkte . « » Doch sein und Reginald ' s dringendstes Verlangen , einen Wirkungskreis , eine Thätigkeit zu finden , scheiterte wiederholt an Reginald ' s zerstörter Lebenskraft . Sein Aufenthalt in der Bastille , die er unter den heftigsten Seelenleiden , nach einer kaum überwundenen Krankheit , ohne die nöthige Pflege bewohnen mußte , hatte eine hartnäckiges Siechthum veranlaßt , das ihn viele Jahre nach einander zu derselben Zeit aufs Krankenlager warf und endlich die Aerzte zu dem Ausspruche nöthigte , daß die Luft in England diesem Zustande nachtheilig werde . Doch konnte Reginald in jener Zeit nicht an seine Abreise denken ; denn sein geliebter Oheim verlor nach kurzem Krankenlager die würdige Gefährtin seines Lebens . « » Auf ihrem Sterbebette vertraute sie Reginald die Liebe ihrer Tochter und sagte ihm , sie wünschte , daß er sie heirathe ; denn Margarith mache keinen Anspruch an seine Liebe , die er ja doch niemals für ein anderes weibliches Wesen werde empfinden können - Margarith werde wie seine Schwester ihm zur Seite bleiben , seine schwankende Gesundheit stützen und das Leben ihm liebevoll erleichtern . Doch verbat sie sich jede Zusicherung des erschrockenen Reginald und verließ bald darauf die Welt . « » Von da an lernte unser Freund erst Margarith kennen ; denn bei ihrer ersten Bekanntschaft in Ardoise hatte Reginald keinen Raum gehabt für die Wahrnehmung einer anderen weiblichen Erscheinung ; aber er näherte sich ihr mit dem Wunsche , durch sein Vertrauen sie von den Gefühlen abzulenken , die erregt zu haben , ihm Kummer machte . Aber seine Annäherung hatte andere Folgen ! Jetzt erst trat hervor , was Margarith bisher bescheiden ihm entzogen , daß sie noch immer die Freundin , ja , die Vertraute der Gräfin Franziska war - daß ihre Liebe mit der seinigen um den Rang stritt , und sie das Band werden würde , das ihn mit dem einzigen Glücke seines Lebens in Verbindung erhalten könnte . Sie waren von da an unzertrennlich ; - und wie er fühlte , daß er die Neigung des edeln Mädchens , statt sie zu verringern , gesteigert habe , bot er ihr seine Hand an und wiederholte ihr , was sie wußte , daß er ihr kein Herz zu geben habe . « » Schon damals kannte ich seine Anwesenheit in England ; Herr Lester hatte mir ausführlich sein Schicksal mitgetheilt . Zu derselben Zeit wiederholten sich die Versuche des Grafen Leonin , Reginald auszuforschen ; da , nach dem im Kloster erfolgten Tode der alten Marschallin , wahrscheinlich sein Verlangen erwachte , sich den Sohn wiederzugewinnen . Auch ich bekam Aufforderungen und ich gestehe , daß ich es versuchte , meinen Einfluß auf Reginald zu benutzen , um ihn für die Vortheile dieser Stellung empfänglich zu machen . Aber ich fand ihn unerschütterlich . Das Andenken an seine gekränkte Mutter vertrat jeden Weg der Versöhnung mit seinem Vater , an den er zwar ohne Haß dachte ; aber sich doch völlig unfähig fühlte , in ein kindliches Verhältniß zu ihm zu treten . « » Ueberdies war er verheirathet - er durfte Nichts mehr hoffen , und er verachtete Rang und Stand , der zu so vielen Verbrechen Anlaß gegeben , mit einer fast an Haß grenzenden Bitterkeit . « » Gleich nach der geräuschlosen Hochzeit folgten sie mir nach Schottland , welches Herr Lester lebhaft wünschte , da die geforderte Luftveränderung noch immer verschoben worden war ; und bei mir , in Leithmorins Bergen , in den grünen Thälern mit ihren zahllosen Quellen erfrischte sich die Lebenskraft unseres theuren Freundes . Dessen ungeachtet führte ihn sein Pflichtgefühl zu Herrn Lester zurück ; denn er errieth die immer verhehlten Wünsche seines liebevollen Weibes , die nur mit Sorge den alternden Vater allein wußte ; auch brachte Reginald in Wahrheit bessere Lebenskräfte mit und überhob seine Familie für einige Jahre der Sorge für sein Leben . Er bereitete sich in dieser Zeit vor , einen Ankauf in England zu machen , der ihm eine würdige Thätigkeit sicherte , als der plötzliche Tod seines Schwiegervaters und die erneueten Nachforschungen des Grafen Leonin ihn diesen Plan aufgeben ließen , und seine Freundschaft für mich ihn bestimmte , sich nach Schottland zurückzuziehen . « » Hier lebte er bis zu seinem Ende in der innigsten Gemeinschaft mit meiner Familie und theilte seine Zeit in die Kultur seines kleinen Gutes und die Erziehung seiner einzigen Tochter - unserer Elmerice ! « » Doch erwachte nach der ersten Vernarbung seiner schweren Seelenwunden eine tiefe Sehnsucht nach dem schönen Frankreich , seinem berühmten Vaterlande , in ihm ; und es gehörte sein festes Abschließen mit dem Leben dazu , um ihn davon entfernt zu halten . Als er aber seine Kräfte sinken sah und sich selbst nur zu richtig ein frühes Ende prophezeihte , erwachte ein Gedanke in ihm , der seine letzten Jahre erheiterte - Ihnen nach seinem Tode seine Tochter und Gemahlin als ein Vermächtniß zu übersenden , und Elmerice auf dem Boden einheimisch werden zu sehen , den er dennoch am liebsten sein Vaterland nannte - und durch Sie das theuerste Andenken seines Lebens ! « » Was hätte Margarith nicht in ihrem edeln , von ihr angebeteten Gatten verstanden ? Wo wäre ihr Antheil je ausgeblieben , wenn er ihn zu erwecken suchte ? Die Erziehung Elmerice ' s nahm von da an diese vorbereitende Wendung , und sie ward in Schottland schon eine Bürgerin Frankreichs . « » Doch eben so fest suchte er zu der damaligen Zeit alle Bestimmungen so zu ordnen , daß Elmerice über das eigentliche Schicksal ihres Vaters stets in Ungewißheit bliebe und ihrer Familie auf immer entzogen . Wir Alle waren durch die heiligsten Eide gebunden , dies von ihr abzuhalten . Ein Brief an Sie , theure Gräfin , flehte Sie um dieselbe Zusage an ; denn er fühlte eine Art eifersüchtigen Zürnens , wenn er sich das herrliche Kind , auf das er mit Stolz und Entzücken blickte , in den Händen einer Familie dachte , die vielleicht mit zweifelnder Miene auf ihre Vorzüge sehen und ihnen die volle Berechtigung weigern könnte . « » Ein späteres Ereigniß jedoch , das ich Ihnen zu einer anderen Zeit mittheilen werde , veränderte in etwas diese hartnäckigen Bestimmungen ; - sie sollten nur so lange Geltung behalten , als das Lebensglück dieses geliebten Kindes nicht wesentlich darunter litte . Ich bekam Erlaubniß , seiner Tochter in Jahresfrist nach Frankreich zu folgen , selbst die Verhältnisse zu prüfen , in die sie alsdann getreten sein würde und den Umständen gemäß nachgiebig zu sein , oder das Geheimniß über ihre Geburt fortbestehen zu lassen , wenn die Lage der Sache sich seinen Anforderungen nicht entsprechend zeigte . « » So war die Reise hierher ein alter Beschluß , ein Versprechen sogar ; aber sie ward durch die Nachrichten , die Marie Duncan von Elmerice erhielt , beschleunigt . Um mit dem geliebten Kinde im sicheren Zusammenhange zu bleiben , hatte ich in beiden Mädchen die Idee erregt , für einander eine Art Tagebuch zu schreiben , und bei der Liebe , die Elmerice zu mir hatte , ward es mir nicht schwer , die Erlaubniß der Theilnahme an demselben zu erhalten . Ich schrieb selbst in dem Tagebuche meiner Tochter - und Elmerice beantwortete dies ; ungesucht erfuhr , ich so , was ihr begegnete , und behielt eine Uebersicht , die mich leiten mußte , wenn ich früher , als das Jahr abgelaufen war , es nöthig finden sollte , meine Reise anzutreten . Dies schien mir jetzt der Fall , seitdem sie durch eine jener wunderbaren Fügungen , die wir uns vielleicht sehr mit Unrecht gewöhnt haben , Zufälligkeiten zu nennen , zu dem eigentlichen Brütheerde ihres Schicksals gelangt ist ! Emmy Gray , die , wie eine Nemesis über ihrer Rache wachend , das gekränkte Leben zu erhalten wußte , hat sogleich den verwandten Zug mit Fennimor Lester erkannt , ihr deshalb Liebe und Vertrauen geschenkt , ihre Ahnungen in ihr niedergelegt und sie mit dem harten Schicksale ihrer Großmutter und ihres Vaters bekannt gemacht . Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes eine tiefe Schwermuth , die sie dem Leben absterben läßt ; denn sie will die Vorzüge der Geburt , die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zustehen würden , niemals gelten lassen , da sich so viele Verbrechen an deren Raub knüpfen . Ja , sie fürchtet vor Allem , das Andenken ihres Vaters zu beleidigen , wenn sie das zu besitzen trachtete , was er nicht zu besitzen vermochte . « - » O meine Elmerice , « unterbrach hier Franziska d ' Aubaine ihren Freund - » wie würdig bist Du , seine Tochter zu sein ! « - » Die Anwesenheit des Marquis d ' Anville , den sie als Ihren Verwandten kennt , theure Gräfin , hat diesen Vorsatz nur befestigt . Wie sollte sie ein Eigenthum besitzen wollen , das in diese Hände übergegangen ist ? Dagegen hält sie es für eine heilige Pflicht , bei Emmy Gray auszuhalten , die von der Aehnlichkeit lebt , die Elmerice mit Fennimor hat , und nach so langer , trostloser Vereinsamung durch den Gedanken befriedigt ist , daß sie die rechtmäßige Erbin Fennimors in Ste . Roche eingesetzt hat , und ihr diese die Augen zudrücken wird . Elmerice fügt sich allen ihren Phantasien ; sie trägt Fennimors Kleidung sogar , um der armen Alten die höchste Illusion zu gewähren . « » So , liebe Gräfin , denke ich , kann es nicht länger bleiben ! Wir müssen dem edeln Kinde , das es so wohl verdient , jetzt völliges Vertrauen schenken . Sie theilt Emmy ' s Ueberzeugung ; denn , wenn sie auch aus ihrem Leben keine Gewißheit hinzufügen kann , widerspricht doch auch Nichts ihren Annahmen ; und daß Miß Lester ihre Mutter , ward bestätigt durch ihre Vermuthungen , die auch Emmy sehr natürlich erklärt hat . « » So ist denn jetzt noch mehr , wie früher , meine Ueberzeugung bestätigt , daß auch ich nach Ste . Roche muß , « sagte die Gräfin d ' Aubaine ; - » denn ich werde am besten all die kleinen Schranken durchbrechen können , die zu großes , gegenseitiges Zartgefühl dieser Angelegenheit nachtheilig werden ließ . Ich habe natürlich wenig von den Gesinnungen des Marquis d ' Anville über diesen Gegenstand gehört ; da meine lieben , nur zu gütigen Verwandten Alles in Schweigen hüllten , was auf diese schmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweisen vermochte . Doch erfuhr ich , daß er nach Reginald selbst oder nach dessen Verwandten eifrig forschte - und daß er darin nicht glücklich war , ist mir durch Ihre Mittheilungen erklärt . « - » Ja ! « sagte Lord Duncan - » hier ist sein letzter Brief ; er ist aus Ste . Roche datirt und läßt keinen Zweifel über seine uneigennützigen Gesinnungen . Ich habe ihm geantwortet , wie er es verdient - und ihn auf meine baldige Ankunft verwiesen . Doch müssen wir wohl überlegen , was wir mit Elmerice wollen ; wird es ein Glück sein , sie in ihre Rechte einzusetzen ? « » Das steht in Gottes Hand , Lord Duncan , « - sagte die Gräfin warm ; - » wir haben ein Unrecht gut zu machen - wir dürfen nicht weiter fragen , da das Nächste klar vor uns liegt ! Die spätere Frage ist nicht so sehr , wie es erscheinen will , an Aeußerlichkeiten gebunden . Nehmen wir Elmerice den Druck ab , der durch ihre halbe , gekränkte Stellung entstanden ist , und erwarten wir voll Vertrauen und Achtung , wie sie selbst mit ihrem schönen Willen dann eine würdige Haltung behaupten wird . « - » Der Marquis d ' Anville , « hob nach einer Pause Lord Duncan an - » hat einen Bruder « - » Fürchten Sie Nichts von diesem ! « unterbrach ihn die Gräfin schnell . » Leonce ist allerdings nicht reich - und ich weiß , daß d ' Anville beschlossen hatte , durch die Art , wie er den Nachlaß des Grafen Leonin jetzt zu theilen dachte , diesen Mangel auszugleichen . Doch tritt der Fall ein , daß Leonce mit der Tochter meines Bruders fast so gut wie verlobt ist und diese ihm Reichthum bringen wird , da Graf d ' Aubaine nur zwei Kinder hat . « Schnell stand hier Lord Duncan auf und trat mit einer sonderbaren Heftigkeit auf den Balkon hinaus . Die Gräfin war jedoch zu sehr in den angeregten Empfindungen vertieft , um es zu bemerken ; Lord Duncan ward freundlich und mit dankbaren Worten von ihr entlassen , da er ihr bis zur Abendtafel Ruhe zu gönnen wünschte , und diese Zeit den erinnerungsreichen Plätzen um Ardoise widmen wollte . Doch müssen wir gestehen , daß er die Gräfin d ' Aubaine mit viel geringeren Hoffnungen für das Glück der von ihm so väterlich geliebten Elmerice verließ , und oft hören wir ihn wiederholen : » Reginald , Reginald , Deine Nachgiebigkeit kömmt zu spät ! « In dieser Zeit hatte Elmerice an dem Krankenlager ihrer alten Freundin trübe Stunden ! Sie konnte sich nicht verhehlen , daß ihr Leiden ernster Art war und vielleicht das letzte ihres Lebens sein werde . Aber der Gedanke , Emmy zu verlieren , war ihr in einem Augenblicke , wo sie dieselbe als ihre einzige Stütze ansah , fast unerträglich . Mit leidenschaftlicher Angst erwartete sie daher den alten Arzt , und als er endlich ankam , eilte sie ihm mit einem so gesteigerten Grade von Schmerz entgegen , daß er sie erstaunt anblickte und , während er ihre Hand wie blos freundschaftlich drückte , doch heimlich und schnell den Zeigefinger an ihren Puls legte , um ihren Gesundheitszustand zu ergründen . Mußte er nun auch ihre Bewegung auf ihre Theilnahme allein schieben , überzeugte ihn doch der Zustand der Alten , daß die größte Besorgniß für dieselbe vorhanden sei . Er hatte kaum den Wunsch , ihr ein Medikament zu geben ; da ein ruhiges Einschlafen der gänzlich abgelaufenen Lebenskräfte zu erwarten stand . Um sie jedoch der armen Elmerice , die sie fortwährend für ihr letztes Lebensglück erklärte , so lange wie möglich zu erhalten , verordnete er ein Mittel , welches die Fieberbewegungen aufheben sollte . Es war Elmerice nicht gelungen , sich den übrigen Schloßbewohnern ganz zu entziehen ; die Pforte , die einst Emmy Gray mit so eifersüchtiger Strenge bewachte , schien Schloß und Riegel verloren zu haben , und es blieb Elmerice keine Schutzwehr in ihren Verhältnissen , da von Pflege der Alten fast nicht die Rede sein konnte ; indem ihr stiller , träumerischer Zustand kein Symptom zeigte , das einen thätigen Beistand erfordert hätte . Die Damen wurden durch diese Beobachtung ermuthigt , der liebenswürdigen Miß Eton ihre Besuche zu machen , und besonders schien der Marquis d ' Anville es seit einiger Zeit von seiner Gemahlin zu fordern ; er selbst zeigte sich jeden Morgen vor Elmerice ' s Thür , um von Asta zu erfahren , wie ihre Gebieterin geschlafen habe . Er hatte lange Unterredungen mit dem alten Arzte - sendete Boten nach Paris , die ihm Papiere brachten , die er mit dem alten Herrn bei verschlossenen Thüren zu prüfen schien , und dennoch erfuhr Niemand etwas Bestimmtes von ihm ; und Alles , was er seiner jungen Gemahlin mittheilte , war der achtungsvolle Brief des Lord Duncan , der seine Ankunft verhieß . Man hatte an einem der nächsten Tage so eben die Tafel aufgehoben und schweifte durch den schönen Audienzsaal der Königin Katharina , um in dem Burggarten die freie Luft zu genießen , als die gegenüberliegenden Flügelthüren sich plötzlich öffneten , und , ohne vorhergehende Meldung einige Fremde eintraten , unter denen sich eine Dame auszeichnete , deren hohe , schlanke Gestalt von langen , schwarzen Gewändern umflossen war , und deren Gesicht ein Schleier den Anwesenden entzog . Sie ging schnell den Anderen voraus und blieb dann stehen - ihre Hände ausstreckend , als verlange sie , daß man sie ergriffe . Der Marquis und Lucile traten ihr auch schnell entgegen , und in demselben Augenblicke schlug sie den Schleier zurück . Mit einem Schrei des Entzückens stürzte Lucile in ihre Arme , während Alle jetzt die Tante Franziska d ' Aubaine erkannten , und Margot , der Marquis , Leonce - ganz außer sich vor Freude und Entzücken - Sich mit dem Ungestüme kindlicher Berechtigung um sie drängten . Wie war das Herz der Gräfin dazu geschaffen , einen solchen Moment der Liebe zu fühlen und die rührenden Beweise derselben durch die holdesten Worte und Liebkosungen zu erwiedern ! » Doch schon zu lange , « rief sie , sich heiter lächelnd losmachend - » genieße ich eigenmächtig das Glück , Euch wiederzusehen . Ich komme nicht allein - ich bringe einen alten Freund mit mir - Lord Duncan-Leithmorin und Lady Marie , seine Tochter ! « Der Marquis erfüllte nun mit der liebenswürdigen Courtoisie , die ihm eigen und so wohlkleidend war , die Pflichten des gastfreundlichsten Willkommens , und Lucile unterstützte ihn mit ihrer bezaubernden Anmuth , während die Gräfin d ' Aubaine von dem übrigen Kreise begrüßt ward , der eben so entzückt war , wie ihre Verwandten , der seltenen Erscheinung der hochgefeierten Gräfin Franziska theilhaftig werden zu können . Mademoiselle de la Beaume war eine alte Jugendbekannte von ihr - die Eltern der Gräfin Guiche waren ihr befreundet - Graf Bussy hatte sie als Knaben oft gesehen - den schönen Grafen Guiche aber , zu Aller Ueberraschung , aus der Taufe gehoben ! Genug , es entstand ein Freudentaumel um die hohe , edle Frau , die eine so kindliche , naive Heiterkeit zeigte , daß Jeder Muth gewann , ihr sein Herz zu Füßen zu legen . » Und dennoch begreife ich mein Glück nicht , theure Tante ! « rief Lucile . - » Sie reisend ? Sie wo anders , als in Ardoise ? Es scheint mir ein Traum , und ich fürchte zu erwachen ! « » Dies Mal nicht , meine theure Lucile ! « sagte die Gräfin . » Ich habe in vollem Ernste meine schwerfällige Ruhe aufgegeben , um bei Euch zu sein ; doch gestehe ich ein , ich suche außer Euch noch meinen lieben Flüchtling - meine theure Elmerice auf , und zähle auf Euren Beistand , sie uns für immer wiederzugewinnen ! « » O gelänge Dir doch , theure Tante , was wir nicht zu erreichen wußten , ohne eine Art von Zwang gegen ihr tiefes , rührendes Pflichtgefühl auszuüben ! Doch Dir wird sie nicht widerstehen - und dann wird unserem Glücke Nichts fehlen ! « » So laßt mich sogleich zu ihr , « sagte die Gräfin und erhob sich . - » Doch will ich nicht gemeldet sein - ich will ihr Herz überraschen . « Wem hätte nicht Alles , was die Tante Franziska beschloß , das Beste geschienen ! Ihre Liebesfülle , von so viel Einsicht und tiefem Menschenblicke unterstützt , brachte einen sich immer wiederholenden Segen über Alles , was sie ergriff . Jeder war im voraus überzeugt , ihr könne Nichts mißlingen ; und nur die Ehrfurcht für ihre Ruhe machte , daß man ihre Einmischung so selten begehrte , da sie dieselbe nie versagte , und ihr doch die schüchterne Zurückhaltung anzufühlen war , die sie immer erst mit ihrer Menschenliebe überwinden mußte ; da sie die Meinung Anderer über sich nicht theilte , sondern geneigt war , sich unpassend und unzureichend für die an sie gerichteten Wünsche zu halten . - Elmerice saß an dem Bette der schlummernden Alten . In ihrem Herzen war eine solche Fülle von Schwermuth , daß sie ihr Beschäftigung schien und sie über die trostlose Unthätigkeit täuschte , in welche diese Stimmung sie stürzte , den Trübsinn nährend , der nichts wollte , als ein stetes Nachdenken über die Schmerzen ihrer jungen Brust . Wie seufzte sie , daß ihr Leben noch lang sein sollte ; - da es doch , wenn das schwache Wesen vor ihr versunken sei , für Keinen mehr Werth haben werde ! Sie schauderte bei dem Gedanken , diese stille Welt , in der sie so viel Anklang für ihr leidendes Herz gefunden hatte , vielleicht bald verlassen zu müssen , unberechtigt - wie sie Allen erscheinen mußte - hier um eine Stelle für ihr Grab zu bitten . Genug , sie gestaltete in sich