Eine schmuke Dirne wäre mir lieb , wenn gleich nur eine Jüdin . Wir hätten sie aus dem Bette gestohlen . « - » Wie erfuhrst denn Du ? « fragte Leuenberg . » Ich kam zu vertrödeln meine gewonnene Habe zu Dürning , « antwortete der Jude : » und dem Gesindel im Hofe erzählte der alte Ammon , der Forstwart , die ganze Begebenheit . Der Schurke werde krumm , lahm und taub , weil er mir gestern hat abgewehrt , und heut von den Dingen erzählt , die schon vorbei waren . Noch dachte ich zu erwischen den jungen Frosch , und ihm zu werfen einen Stein zwischen die Füße , aber auch diesen entzog mir der Fürst der Finsterniß . Verdammt und vermaledeit ; und ich ruhe doch eher nicht , bis ich mich blutig gerächt habe an dem Wicht ohne Bart. « - » Traum ; ich möchte wissen , welcher von uns sich über den Fant nicht zu beklagen hätte ? « fragte Veit von Leuenberg ungestüm : » Hat er mir nicht Schimpf und Schmach angethan zu Neufalkenstein ? Hat er nicht die Freilassung der gefangenen Hunde ertrotzt , und dadurch dem Henker das Zeichen gegeben , unsern Bechtram abzuthun . « - » Ja wahrhaftig , bei meinem Eide ! « fügte Hornberg , wild drohend , hinzu : » Soll mich doch tausend Ewigkeiten hindurch der Teufel mit Pech und Feuer laben , wenn ich die Hinterlist dem Buben nicht vergelte . « - » Und ihm allein gebührt nicht Vergeltung ! « eiferte Leuenberg , sich erhebend : » die ganze Sippschaft ist mir zuwider Opperment und Krötengift . Der alte , schäbige , schmutzige Filz ; die nichtswürdige Grete , die all adlich Blut verläugnet hat , um zu dem Spießbürger zu kehren ; der kleine Wechselbalg sogar , der Hans , der , bei Gott , nichts Anders ist , als ein Bastard von Mutter und Sohn , und endlich vor Allem der Abschaum von Niederträchtigkeit ; Wallrade , an die ich , moosiger Bursche , mich noch vergaffen mußte , Dank sey es ihren Teuselskünsten , und die alsdann mich selbst anklagte , ich hätte ihr und dem Pfaffen durchgeholfen ; dem verdammten Pfaffen , der uns verrieth . Ich hätte meinen Hals hergeben dürfen , hätte mich nicht mein holdseliges Schwesterlein mit ihren Kleinodien ausgelöst . Wenn ich den Streich der spitzbübischen Schlange je vergesse , so will ich schon jetzt um Haut und Haar seyn . « - » Wie gewonnen , so zerronnen , « spottete Hornberg : » Mit Deiner Schwester war ' s eine verworrene Geschichte . Sie hatte sich aus ihres Mannes Haus geflüchtet , und in Deinen Arm geworfen , wie Du uns zum mindesten gesagt . Und dennoch geberdete sie sich untröstlich , und dennoch gieng sie freiwillig zurück ? « - » Laß ' die verdrießlichen Tage dahinten ! « fiel Veit ein , dem diese Fragen unangenehm wurden : » ich wollte nur sagen , daß ich hasse , was Frosch heißt , meine eigne Schwester nicht ausgenommen ; und ein Fest sollte es für mich seyn , die ganze Brut auf einem Holzstosse sich verzappeln zu sehen , mindestens durch einen Dolch niedergeworfen . Ein Kinderspiel für einen Blutzapfer , wie der , der hier vor uns sitzt , wäre er nicht so erbärmlich ungeschickt geworden , daß das morsche Leben eines Weißkopfs noch einen stichfesten Panzer gegen seinen Stachel abgibt . « - Zodick , der bis jetzt , halb dem Gespräche zuhörend , halb in sich hinein brütend , auf einem Steine gesessen hatte , die Hände auf den Knien , und das teuflisch lauernde Gesicht vorgebeugt wie ein tief nachsinnender Mann , richtete sich bei diesen Worten rasch auf , und sagte : » Ihr habt gut reden von Ungeschick , edler Herr . Doch das Gedibber allein führt nicht zum Zweck . Versucht ' s einmal selbst , oder besser , folgt dem Rath , den ich Euch gebe . Es kommt mir bald vor wie Schofel und Jammer , wenn man sein Messer zuckt auf einen Einzigen , der doch nur ein Sandkorn ist in der Welt . Das thut auch nur ein verworfner Jude um ein Paar Groschen willen , oder ein Paar Lumpen , Handel damit zu treiben . Für edle Herren wie Ihr , ist ' s schöner und muthiger und frecher , zu schneiden hinweg ganze Geschlechter , wie die Sichel auf dem Felde die Garben . Ich bin ein Hund gegen Euch . Ihr sagt ' s , und ich will mich hüten , anders zu denken . Aber der Hund hat jetzt gleich Schicksal mit dem Herrn . Einer ist vogelfrei , wie der Andre . Laßt uns darum erklären Allen den Krieg , weil Alle ihn führen gegen uns . Der alte Frosch sterbe nicht allein , aber mit ihm sein Haus , und mit diesem ganz Frankfurt , und Verderben sey über seinen Bürgern und ihrem Geschlecht . « - Die beiden Männer sahen den Juden staunend an , und Hornberger sagte endlich : » Beim Stern und beim Kreuz und beim Hammer ! Kerl ! Du faselst , oder Du hast da einen Streich ausgesonnen , wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat , und wie er selbst in meinem frischen , kecken Hirn sich nicht gefunden hatte . « » Diether und all ' die Seinen ? ganz Frankfurt sammt seinen Männern , Weibern und Kindern ? « fragte Leuenberg neugierig , und die Begierde nach Mord , Brand und Beute leuchtete aus seinen aufflammenden Augen : » Rede , Jude ! rede ! zögre nicht . « - » Die Wildniß hat Ohren wie der Hund , « meinte Zodick : » in einsamer Kammer spricht sich ' s besser von solchen Dingen . Zudem ist ' s schon dunkel geworden , und kühl weht die Nachtluft . « - » Ich spür ' s wohl an meines Schädels Verletzung ; « erwiederte Leuenberg , schmerzhaft nach der Wunde greifend : » aber ich weiß hier nirgends in der Runde ein sichres Wirthshaus für uns . « - » ' s wird wohl am besten seyn , die Nacht unter ' m Mantel zuzubringen , « setzte Hornberg bei : » der Teufel traue in diesen ersten Tagen nach Bechtram ' s Hinritt dem Frieden ! « - » Ei , nicht doch ; « schmunzelte Zodick : » als Ihr kommen wollt mit mir , will ich Euch führen , wo Euch niemand sucht , und im Fall des Suchens , niemand findet . Ein prächtig Haus , und sicher wie im Schooße Abrahams , soll mir Gott helfen . « - » Nun , so hol der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft ; « rief Leuenberg , und machte sich auf die Beine . » Vordem schlief ich , that ' s Noth , unter meinem treuen Gaule . Der ist nun dahin , - entschlafen wie die einäugige Muhme . Gott tröste sie beide , und bescheere uns ein Strohlager und einen wärmenden Trunk . Sollen wir aber dem Hundsjuden da so unbedingt trauen ? setzte er zu Hornberg gewendet hinzu . « - » Warum nicht ? « lachte dieser mit gewohnter Rohheit : » ' s war sein eigner Schade . Denn mein Messer schlitzt ihm den Bauch auf , ehe ein Verräther uns ergreift . « - » Gott foll hüten ! « entgegnete höhnisch der Jude ! » Hab ' ich doch meinen Leid zu lieb , und meine Herren und Freunde . Wandert herzhaft mit mir : ich kenne auch hier die Schliche , und unsre Leute sind überall ! « Siebentes Kapitel . Schnell ist der Pfeil , schneller die Rache , am schnellsten die Reue . Pers . Sittenspruch . » Du kommst allein , mein Sohn ? « fragte Diether staunend und freundlich zugleich , als Dagobert zu ihm hereintrat in ' s Gemach , wo er mit Frau Margarethen in völliger Eintracht saß , den kleinen Hans auf seinen Knieen . Dagobert bejahte stumm , reichte seinen Eltern die Hände , warf einen prüfenden Blick auf Margarethen , und küßte den Knaben . - » Sieh , « begann Diether wieder und liebevoll : » sieh , das freut mich ; ich läugne es nicht . Es ist erfüllt worden , warum ich Gott in meinen letzten Nächten gebeten habe . Du hast muthig eine unziemliche Leidenschaft bekämpft , deren Gegenstand nur als unsre Tochter aufgenommen worden wäre , um Dir einen Beweis unsrer ausserordentlich Liebe zu geben , nicht aus Neigung unsers Herzens , da wir in der Jüdin , selbst wenn sie die Taufe empfangen , nur die nicht mit Rechten unserm Kreise Angehörige sehen können . « » Ja , « setzte Margarethe bei , die ihr Auge vor dem Dagobert ' s niedergeschlagen hatte , nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob ; » bester Sohn ; obgleich ich Euer Glück von ganzer Seele wünsche , so ist mir ' s , wie meinem Herrn genehm , daß Ihr der hebräischen Magd entsagt habt . Mit unserm Verlangen stimmt es überein . Was mein Herr noch ferner auf den Herzen trägt , überlasse ich ihm selbst , zu erklären gegen Euch . « - » Was ferner , mein Vater ? « fragte Dagobert sanft . - » Deine Stimne gibt mir Muth ; « erwiederte Diether : » es möge Dir nicht grausame Willkür scheinen , was ich von Dir jetzt fordre . Lege es aus Rechnung meines durch manchen Fehl betrübten Herzens , das recht innig und aufrichtig Friede schließen möchte mit dem Himmel . Deiner Mutter Gelübde , ... Sohn , ... laß mich nicht vollenden . Der Eid , den sie gethan , ist nicht gelöset , denn des Papstes Brief verliert die Kraft , so bald er nicht mehr das Recht besitzt , zu lösen . Also spricht der würdige Vater Reinhold , also spricht der gelehrte Dechant des Doms , Herr Herdan ; darauf dringt Dein Ohm , der Prälat , - Pater Johannes selbst , der sehr zu Deinem Vortheil neigt , zuckt hiebei die Achseln . Ich weiß keinen Weg zu finden aus der Gewissensangst , die mich belastet , und der Dechant hat schon geäußert , er wolle an den bischöflichen Stuhl berichten .... « - » Nicht doch , mein Vater , « unterbrach ihn Dagobert gelassen und heiter : » der würdige Herr mag diese Mühe sparen , wie Ihr die Sorge , nach Worten zu suchen , die Eure Absicht aussprechen sollen , ohne mir wehe zu thun . Nicht Ihr , nicht Herdan , nicht Reinhold , nicht einmal der Ohm , die Hauptquelle dieser Einwirkung der Kirche ... keiner von ihnen fügt mir dadurch ein Leides zu , sondern ihre Worte sind aus meiner Seele genommen . Ja , mein Vater : ich will Priester seyn , und will den Bischof um die Weihen bitten , sie mir nicht aufdringen lassen . « - » Sohn ! Dagobert ! « rief der Vater entzückt , so schnell am Ziele zu seyn : » ist es möglich , daß ich recht hörte ? Du wolltest ? wahrlich , Du bist mehr als ein gewöhnlicher Mensch , und gränzest an den Heiligen , der dort - Dein Ebenbild - von der Wand herab uns zulächelt . « - Dagobert warf schnell den Blick auf das Gemälde , welches den heiligen Georg in seinen Zügen darstellte . Seine Bescheidenheit hatte nie geahnt , daß dieses Bild ihn selbst vorstelle , und er erröthete . Dann verneigte er sich vor Margarethen , und redete : » Ehrsame Frau , Euer Befehl schuf jenes Bild , und ich muß Euch herzlich um Vergebung bitten . Ich dachte , vom Haus geschieden , in schlechterm Andenken bei Euch zu stehen . - Ihr jedoch , mein Vater , preiset allzusehr mein schwach Verdienst . Ich bin kein Heiliger , begehre auch nicht , es zu seyn ; aber wohl ein gehorsamer Sohn und ein Mensch , der allein seyn will mit Vergangenheit und Gegenwart . Es bleibt dabei , mein Vater . Morgen , heute noch spreche ich mit Pater Johannes über diese Sache , oder mit Reinhold , wenn Ihr meint . Ich liebe raschen Entschluß , und denselben rasch zu vollführen . « - » Geh ' , wohin Dein Herz Dich zieht ; « versetzte Diether : » die Mutter wird vom Himmel herab Dich segnen , und Dein Bruder Johannes Deiner Tugend huldigen . Ich gehe , um den Dechant und den Vater Reinhold von Deinem freien Willen zu unterrichten . Im Barfüßerkloster wartet meiner ohnehin eine andre Pflicht . Der Mönch , der mir von Wallrade Kunde brachte , ist genesen , und soll meinen Dank empfangen . Reinhold , der ihn in der Krankheit oft gepflegt , betheuert , der Mann sey nicht Priester , sondern von ritterlicher Herkunft , wie er aus Worten vernommen , die seinem Munde in der Hitze des Fiebers entwischten . Wie dem auch sey , - ob eine Ordensregel , ob Unglück oder ein Gelübde den Mann in diese Kutte zwang ; ich will ihm vergelten , so gut ich ' s vermag ; denn er war mir ein froher Bote , und seine Botschaft darf nichts gemein haben mit meinem Zwiste mit Wallraden , « - » Wallrade ! die Unglückliche und Unselige ! « rief Dagobert theilnehmend aus : » Wo ist sie ? sicher nicht in diesem Hause , denn ich sehe , hier wohnt endlich her Friede . « - » Ja wahrlich ! « bekräftigte Diether , mit einer herzlichen Umarmung seines Weibes : » Der kühne Gang zum Bannstein hat Margarethen gereinigt in meinen Augen , wie ein heiliges Feuer . Sie ist eine wackre Hausfrau , eine biedre Mutter , und pflegt mit voller Liebe den Knaben , der uns fast so schnöde verloren gegangen wäre , durch die Schlange , meine Tochter ; durch mein eignes Kind ! Ha , diese That hat mich empört , wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen hätte , der sie in jenes Edelmanns Arme führte . Gott schütze ihr unglücklich Kind , das , wer weiß , auf welchem Strom des Lebens jetzo schwimmt , aber sie , die nichtswürdige Tochter und Mutter , will ich nicht mehr wiedersehen , kein Wort mehr von ihr hören . Möge sie in dem Hause der Reuerinnen , wohin sie sich grollend zurückzog , Reue lernen und Gefühl . Ich bin mit ihr fertig . « - » Ach , lieber Herr , « seufzte Margarethe : » bezwingt doch diese Unversöhnlichkeit . Bedenkt , in welchen Jammer uns Eure Härte ohne Gottes Beistand gebracht haben würde . « - » O sieh , sieh , Dagobert ! « sprach Diether entzückt : » sieh diesen beleidigten Engel , der für die Beleidigerin bittet . Ich lese in Deinen Augen gleiche Wünsche , aber , um nicht weich zu werden , entziehe ich mich lieber Euern Bitten , bis ich kälter und ruhiger geworden bin . « - Er ging rasch hinaus , und Dagobert sagte kopfschüttelnd : » Der Vater gleicht einem gewandten Gesellen , der auf der Mummerei Tag und Nacht vorstellt . Argwöhnisch und gehässig in einer Stunde , - entzückt und das Vertrauen selbst in der andern . Ich sehe , nur ein guter Schiffer vermag sicher durch dies trügliche Meer zu steuern . Euer Schifflein jedoch , meine Mutter , geht hohl und einer Klippe zu . « - » Sprecht ; « fuhr er zu der Verlegnen , sich herabneigend , fort : » Sprecht doch , ehrsame Frau ! Wie mögt Ihr doch in lügendes Schweigen der Wahrheit vorziehen , die sich überall Bahn bricht : Noch , wie ich höre , weiß mein Vater nichts von dem falschen Johannes . Und ich bat Euch doch so sehr ! Soll ich denn reden an Eurer Statt ? Und muß ich es nicht vielmehr ? « - » Vater Reinhold rieth mir zu schweigen ; « antwortete die Betroffene ängstlich : » Seine Klugheit .... « - » Sucht hinter Eurer Lüge die eigene - wohlgemeinte - zu verbergen , mit welcher er Euern Leumund rettete ; « unterbrach sie Dagobert : » aber , ihn trifft nicht der Blitz , der Euer Haupt nicht verfehlen würde , erführe mein Vater durch andre Zungen , was sich begeben . Verachtet doch endlich die Winkelzüge . Ihr habt mich einst sehr geliebt , Ihr liebt mich noch ; wie eine treue Mutter den frommen Sohn , denke ich . Thut mir doch zu Liebe jenes Geständniß , daß Euch süße Früchte tragen wird . Thut es bald , denn die Zeit verrauscht , und jeder Tag könnte Euch unrettbar verderben . Überlegt , und laßt mich , - kehr ' ich wieder , - Euch entschlossen finden . « - Kurze Zeit , bevor Dagobert aus seines Vaters Hause ging , um sich zu seinem geliebten Lehrer Johannes zu begeben , hatte der Herr von der Rhön , von den Schmerzen des heftigen Fiebers erstanden , das Barfüßerkloster verlassen , um zu lustwandeln im Strahle des sommerlich leuchtenden Tages , neue Kräfte zu gewinnen , und seine wunderliche Lage genau zu bedenken . Schon im einsamen Krankenzimmer des Klosters hatte er gehört , daß Diether ' s Tochter zurückgekehrt war aus der Haft des räuberischen Bechtrams , der ein blutiges Ende gefunden . Er lenkte unwillkürlich halb , und dennoch halb von Sehnsucht getrieben , seine Schritte nach Diether ' s Wohnung . Er umschlich sie einigemale , und lugte empor zu den Fenstern des Hauses , um vielleicht Wallraden zu gewahren , einen Anlaß , sie zu sprechen , zu suchen , um von ihr zu hören , wo sein Knabe , - die einzige Hoffnung seines Lebens , sey . Freilich mahnte ihn öfters die innere Stimme , der Arglistigen , die seine Feindin geworden war , nicht blindlings zu vertrauen ; freilich beschlich ihn die Furcht , sie möchte ihn - nun sie in Freiheit , - täuschen , wie sie schon oft gethan , allein - nach dem Strohhalme greifend , wie ein Schiffbrüchiger , treibend auf wallender See , sehnte er sich dennoch nach dem Anblicke der Gehaßten . Ihr Antlitz , so widerlich es ihm geworden , war das Ziel , nach welchem seine Blicke suchten , allein vergebens war sein Bemühen . Die Fensterflügel alle standen offen , um die balsamische Luft in das dunkle Gebäude zu lassen ; jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu erspähen . Ein freundliches Gesicht , - Margarethens , - neigte sich wohl öfters aus den Bogen ; kein anderes war aber zu schauen . Seiner Fassung nicht vertrauend , um unvorbereitet in das Haus , unter die Augen der Unversöhnlichen , oder ihres Vaters , des strengen Mannes zu treten , kehrte er seufzend , sein Vorhaben auf günstigere Zeit verschiebend , den Mauern , in welchen Wallrade , das Unglück seines Lebens , geboren wurde , den Rücken , und ging weiter , ohne ein bestimmtes Ziel sich zu stecken . An den Hütten vorüber , in welchen Bettlerrotten ihr unverschämtes Gewerbe trieben , und in Horden die Vorübergehenden anfielen1 , schritt er gedankenvoll dem Rauerberge zu , um von dannen an den Mainstrom zu gelangen ; nicht die Aussicht über den Fluß zog ihn dahin ; wohl aber die schmerzliche Lust , die Fluthen wogen zu sehen , in welchen sein geliebtes Weib , sein theures Kind zu Grunde gegangen waren . Wie er nun so dahin ging , dieser verlornen Lieben im Innersten wehmüthig gedenkend , so strich eine junge Betteldirne an ihm vorüber , die ein Kind auf dem Arme hielt , und dem Mönchsgewand eine fromme Verneigung schenkte . Als wie durch eine Fügung gezwungen , drehte Bilger den Kopf nach ihr , und indem er das Kind gewahrte auf ihren Armen , schlug wie ein Donnerstreich der Gedanke durch sein Gehirn : Rudölf ! dieses Kind ! ist ' s nicht das Deine ? - Und zu stehen befahl er der Dirne , und auch ihre Züge waren ihm bekannt , als wie aus früher , dämmernder Zeit . - » Wer bist Du , Maid ? « stammelte er betroffen , und hielt die Bettlerin mit zitternden Händen fest : » Wer bist Du , Unglückliche , und wessen ist dies Kind ? « - Seiner heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kaputze von seinem Haupte , und sein Antlitz erschien im Sonnenlichte , - der bestürzten Magd so schrecklich und drohend , daß sie aufschrie : » Um aller Heiligen Willen ! Herr von der Rhön ! Ihr seyd ' s ? O welche Freude ! « - » Kunigund ! « stammelte er , wie von einem neuen Fieberanfall geschüttelt : » Antworte mir .... antworte ! dieses Mädchen ! « - » Ist das Eure , Herr ; « erwiederte Gundel , sich vor ihm auf die Kniee werfend : » verzeiht , vergebt , Herr , ich wußte nicht , daß Ihr zu Frankfurt ; ich fürchtete mich .... mich schreckte der Kerker . Bettelnd hab ' ich meine und des Kindes Tage gefristet , um nur Frau Wallradens Rückkehr zu erwarten . « - » Wallrade ? « rief Bilger entsetzt , indem er das schreiende Kind , das den Vater in der rauhen Hülle , entstellt von Blässe und verwildertem Varte , nicht erkannte , auf seinen Arm riß : » Wallrade ? ich entsinne mich . Welch fürchterliches Licht ! Sie nannte mir das Kind todt ! « - » Todt ? « fragte befremdet Kunigunde : » Todt ? ach nein , lieber Herr ! « - » Des Kindes Mutter jedoch ? ... « - fuhr Bilger mit steigender Angst und Hoffnung fort . - » Auch sie lebt , guter Herr ! « betheuerte Gnudel . - » Abschaum der Hölle ! « schrie von der Rhön in heftigster Bewegung : » Niederträchtige Wallrade ! Wo ist mein Weib , wo ? sprich , Dirne , sonst ist Dein Ende da ! « - » Ich schwöre , daß ich es nicht weiß , Herr , « entgegnete Gundel schluchzend und die Hände ringend : » hätte ich den sonst nicht der Mutter ihr Kind gebracht , das nur mich allein hatte in der Welt ? Ach , Herr , Wallrade ist böse , und ich berene mit blutigen Thränen , daß ich um ihre Frevel weiß . Euer Sohn , o Herr ! ... « - » Nachher von meinem Sohne ! « donnerte von der Rhön : » nachher ! jetzt aber , von ihr , der Lügnerin ! Wo finde ich sie ? wo ? « - » Erst gestern hab ' ich ihren Aufenthalt erfahren , « antwortete Gundel schnell : » die Äbtissin der Reuerinnen ist ihre Freundin , und sie wohnt darum im Hause der weißen Frauen . « - » Der Teufel im Hause der Buße ? « fragte von der Rhön mit wilden Zornesflammen im Gesichte : » Wenn ich sie finde , wenn ich sie treffe ! ... « - Mit diesen Worten enteilte er , das Kind auf dem Arme , dem Kreise von neugierigem Pöbel , der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte , und stürtzte mit der Hast eines Wüthenden der Mainpforte zu . - » Um Gottes und Christi Willen ! « jammerte Gundel , nachrennend . : » Ihr stürtzt Euch in ' s Verderben , Herr ! Hört mich ! hört ! « - Aber so wie ihr Geschrei , - das eines schwachen Weibes fruchtlos verhallte unter dem Toben der Menge , also war überhaupt nicht mehr aufzuhalten das Rad des Unglücks , das vom Zufalle entfesselt worden war , und nun zerschmetternd daherrollte . Der Stifterin alles Übels nahte ihre verhängnißvolle Stunde , denn sie begegnete , wenige Schritte von der Pforte dem Rasenden , der wie ein böser Geist an sie heranstürmte . - » Willkommen , Ungeheuer ! « rief er ihr zu , daß sie entsetzend vor ihm wich , und sich an ihre Begleiterin festhielt : » Kennst Du dies Kind ? Kennst Du mich ? und soll ferner noch Dein schändlich Lügengewebe bestehen ? Wo ist die Mutter dieses Kindes ? « » Gott der Barmherzigkeit ! « flüsterte erschrocken Wallradens Begleiterin , und das Fräulein schrie : » Kommt Willhild , kommt ! befreit mich von dem Tollgewordenen ! « - » Wo ist dieses Kindes Mutter ? « brüllte der Verzweifelnde , und schleuderte sie mit mächtiger Faust zurück : » In dem Strome ? Lüge ist ' s ! darum bekenne , oder fürchte das Äußerste , Höllengespenst ! « - » Der Mensch will mich ermorden ! « jammerte Wallrade , verblassend und bebend an allen Gliedern : » Willhild ! helft mir von dannen ! « - » Ermorden ? ja bei Gott ! « donnerte Bilger : » Nicht leben sollst Du , wenn Du nicht auf der Stelle bekennst ! « - Vor seinen fürchterlichen Blicken wich die Menge zurück , die das Schauspiel umbraußte . Wache von der Pforte näherte sich nun , um auf Willhild ' s durchdringendes , Geschrei Ruhe zu stiften . Bilger stürzte jedoch mit der Wuth eines Tigers auf den Anführer der Söldner und entriß ihm gewaltsam die blanke Waffe . Sie in einem leuchtenden Kreise schwingend , schreckte er die Knechte von sich , und verdoppelte Wallradens Angst , an welche er die vorige Frage wiederholte , außer sich vor Zorn und Grimm . Da gewahrte Willhild den Junker Dagobert , der , von der heulenden Gundel geleitet , sich durch das Volk drängte , und schrie , was sie vermochte , nach Hülfe , und nach seinem Schutz . - » Erbarme Dich meiner , Bruder ! « wimmerte Wallrade , vor dem Wüthenden zurückweichend . - » Du schweigst ? « stammelte dieser : » So stirb , Verfluchte ! - Und mit einem gewaltigen Schwertstoß auf die Brust der Feindin warf er sie in den Staub , daß sie , schwer blutend und ächzend zusammenfiel , ohne ferneres Zeichen des Lebens . - « » Zeter ! « schrie der Haufe und fuhr weit zurück vor dem Herrn von der Rhön : » Ein Mord ! Genade der Armen Gott ! Ein Mord ! - Wer bist Du , Entsetzlicher ! « rief Dagobert , der die in seinen Arm Gesunkne , Willhild und Gundel überließ . Der Herr von der Rhön war beim Anblick der Verletzten und der Ströme ihres Bluts wie gefühllos geworden , und dieser Schreck gewann ihm die Herzen des Pöbels , und Dagobert ' s Mitleid , der seinen Mann plötzlich erkannte , und wie von einem Gespenste berührt , zurücktaumelte . - » Herr von der Rhön ? « schrie er : » Unglücklicher ! Abscheulicher ! was habt Ihr gethan ? « - » Stoßt mich nieder , « antwortete ihm Bilger wie bewußtlos , und die triefende Klinge entfiel seiner Hand . - » Das walte Gott ! « versetzte Dagobert schaudernd : » Dort naht schon die zurückkehrende Wache , Schöffen an der Spitze . Euer Blut komme nicht über mich , flieht ! « - » Flieht ! flieht ! « schrie die Menge : » Flieht , unglücklicher Vater ! Nach der Freistadt , nach der Freistadt ! fort , fort ! « - » Wo ? wo ? « stotterte Rhön , in dem die Lust zum Leben wieder erwachte . - » Nach dem deutschen Hause ! « raunte ihm Dagobert in das Ohr , und stieß ihn in das Gewühl des Volks , das dem bewußtlos Fliehenden geräumigen Platz machte . - » So versorgt Ihr mein Kind ? « entgegnete der arme Vater , und im Nu hatte es Dagobert schon auf seinen Armen gezogen . Bilger entfloh , so schnell , als seine Füße es erlaubten und die unbequeme Tracht . Das Mitleid der aus den Häusern laufenden Bürger bahnte ihm den Weg . » Laßt ihn durch ! « riefen einige Stimmen : » er ist ein armer Mörder ! « - » Zu den deutschen Herren mit ihm ! « riefen wieder andre . » Haltet die Wache auf ! « schrieen die Kühnsten , Meister und Knechte der Metzgerzunft , und schleuderten Steine , Äxte und dergleichen Dinge mehr den eifrig Nachsetzenden zwischen die Beine . Am Brückenthore wollten die Söldner den Mönch nicht durchlassen . Metzgerfäuste stießen sie zurück . Zweie von der handfesten Schifferzunft packten den ermatteten Bilger bei den Händen , nahmen ihn in die Mitte , und rannten mit ihm , schnell wie der Wind , über die Brücke . Wagen sogar mußten ausweichen , und aus den Fenstern des Deutschherrenhauses wurde der Auflauf gesehen . Eifersüchtig , ihr heiliges Vorrecht zu üben , gaben die Obern Befehl , die Thüre weit zu öffnen . Bilger nahte dem Ziele , aber auch die Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihm zurück . Auch sie machten sich durch Hellebardenschläge und Rippenstöße Luft und freien Weg , und ihre Hände berührten schon die Kutte des Unglücklichen , als er die Schwelle des deutschen Hauses erreichte , und athemlos darauf zusammen sank . » Rühre nur die Mauer an , armer Mann ! « riefen ihm Mitleidige zu , und seine matte Hand erfaßte einen Stein der Pfortensäule , als der Schöffe anlangte , ihn in Haft zu ziehen