Haarkräuslerinnen , Bartscheerern , Garköchen und - Schweinhirten in eben dieselbe Linie stellt . Die gesunde Stadt , wovon anfangs die Rede war , und ihr Gebiet , wird also ( fährt er fort ) für alle diese Menschen sowohl als für die große Menge von allen Arten Thieren , die der Ueppigkeit zur Nahrung dienen , viel zu klein seyn ; wir werden sie sehr ansehnlich vergrößern und erweitern müssen , und da dieß nicht anders als auf Unkosten unsrer Nachbarn geschehen kann , welche dieß , wie natürlich , nicht leiden , und , wenn sie eben so habsüchtig und lüstern sind wie wir , sich das Nämliche gegen uns herausnehmen werden , was wird die Folge seyn ? Wir werden uns mit ihnen schlagen müssen , Glaukon ? oder wie ist zu helfen ? Wir schlagen uns , antwortet Glaukon ohne sich zu besinnen . Wir werden also , fährt Sokrates fort , ohne jetzt aller andern Uebel , die den Krieg begleiten , zu gedenken , unsre Stadt abermals erweitern müssen , um für ein ansehnliches Kriegsheer Raum zu bekommen ? - Glaukon hält dieß für unnöthig ; die Bürger , meint er , womit die Stadt bereits so ansehnlich bevölkert sey , wären zu ihrer Vertheidigung hinreichend . Aber Sokrates beweist ihm mit der unbarmherzigsten Ausführlichkeit , daß ein eigener Stand , der nichts anders zu thun habe als sich mit den Waffen zu beschäftigen , in einem wohlbestellten Staat ganz unentbehrlich sey . Er stützt sich hierbei auf einen Grundsatz , den er gleich anfangs festgesetzt hatte , da von den verschiedenen Professionen die Rede war , deren wechselseitige Hülfsleistung zu Befriedigung der gemeinschaftlichen Bedürfnisse die Veranlassung und der Zweck der ersten Stifter seiner Republik war ; nehmlich : daß jeder , um es in seinem Geschäfte desto gewisser zur gehörigen Vollkommenheit zu bringen , sich der Kunst oder Hanthierung , wozu er am meisten Neigung und Geschick habe , mit Ausschluß aller andern widmen müsse . Da nun Krieg führen , und alle Arten von Waffen recht zu gebrauchen wissen , unstreitig eine Kunst sey , welche viel Vorbereitung , Geschicklichkeit und Kenntniß erfordere , so würde es ungereimt seyn , wenn man dem Schuster verböte , den Weber oder Baumeister oder Ackermann zu machen , die Kunst des Kriegsmanns hingegen für so leicht und unbedeutend hielte , daß jedermann sie zugleich mit seiner eigentlichen Profession als eine Nebensache treiben könne . Es sollte dem guten Glaukon , wofern er nur die Hälfte seines vorhin so stark erprobten Witzes härte anwenden wollen , nicht schwer gefallen seyn , dieser Behauptung des Sokrates , und den Gründen womit er sie unterstützt , triftige Einwürfe entgegenzustellen : aber Plato hat noch so vielen und mannichfaltigen Stoff in diesem Dialog zu verarbeiten , daß er sich an das dramatische Gesetz , jeder Person ihr Recht anzuthun , so genau nicht binden kann ; und da die Rede nun einmal ( wiewohl bloß zufälligerweise ) von den Beschützern des Staats ist , aus welchen sein Sokrates die zweite Classe der Bürger seiner Republik bestellt : so fährt er sogleich in seiner erotematischen Methode ( wobei er uns mit den Antworten des Gefragten und dem unzähligemal wiederholten , tödtlich ermüdenden : » sagte ich , « und » sagte er , « fast immer hätte verschonen können ) fort , sich über die Naturgaben und wesentlichen Eigenschaften , die einem guten Soldaten unentbehrlich sind , vernehmen zu lassen . Ich gestehe , daß der Einfall , sich hierzu der Vergleichung des Staatsbeschützers mit einem tüchtigen Hofhunde zu bedienen , und zum Theil auch die Art wie er sich dabei benimmt , so völlig im Charakter und in der Manier des wahren Sokrates ist , daß Plato ihn vielleicht eher seinem Gedächtniß als seiner Nachahmungskunst zu danken haben könnte . Es kommen solcher Stellen hier und da in diesem Werke mehrere vor , die , in meinen Augen , gerade das Gefälligste und Anziehendste darin sind . Nur Schade daß Plato es auch hier nicht lassen kann , dem reinen Sokratischen Gold etwas von seinem eignen Blei beizumischen . Oder dünkt es dich nicht auch , Eurybates , daß der witzige Einfall , dem Hunde ( außer der Stärke , Behendigkeit , Wachsamkeit , Zornmüthigkeit und der sonderbaren Eigenheit , die ihn von den eigentlich sogenannten wilden Thieren unterscheidet , daß er seinen anschnaubenden beißigen Naturtrieb nur gegen Fremde und Unbekannte ausläßt , gegen Heimische , Hausfreunde und Bekannte hingegen sanft und freundlich ist ) - sogar noch ein philosophisches Naturell zuzuschreiben , dünkt es dich nicht , daß dieser Einfall eher dem Aristophanischen Sokrates , als dem , den wir gekannt haben , ähnlich sieht , und bloß dazu da ist , um die Aehnlichkeit zwischen einem guten Hund und einem braven Kriegsmann , der , nach Platon , schlechterdings auch Philosoph seyn muß , vollständig zu machen ? Wenigstens ist der doppelte Beweis , warum sowohl der Soldat als der Hund Philosoph ist , so ächt Platonisch , daß ich mir ' s nicht verwehren kann , dir diese Stelle , zu Ersparung des Nachschlagens , von Wort zu Wort vor Augen zu legen ; wär ' es auch nur , damit du mir nicht etwa einwendest , Sokrates habe diesen Einfall nur scherzweise vorgebracht . Sokrates . Dünkt es dich nicht , daß ein künftiger Wächter und Beschirmer des Staats zu dem jähzornigen Wesen , das ihm nöthig ist , auch noch von Natur Philosoph seyn müsse ? Glauk . Wie so ? ich verstehe nicht , was du damit sagen willst . Sokr . Auch das kannst du an den Hunden ausfindig machen ; es ist wirklich etwas Bewundernswürdiges an diesem Thiere . Glauk . Und was wäre das ? Sokr . Sobald der Hund einen Unbekannten erblickt , fängt er an zu knurren und böse zu werden , wiewohl ihm jener nichts zu Leide gethan hat ; den Bekannten hingegen bewillkommt er , nach seiner Art , aufs freundlichste , wenn er gleich nie etwas Gutes von ihm empfing . Ist dir das noch nie als etwas Wundernswürdiges aufgefallen ? Glauk . Ich habe bisher nie besonders darauf Acht gegeben ; die Sache verhält sich indessen wie du sagst . Sokr . Gleichwohl scheint dieser Naturtrieb etwas sehr Feines und ächt Philosophisches an ihm zu seyn . Glauk . Warum das ? Sokr . Weil er einen freundlichen und feindlichen Gegenstand durch nichts anders unterscheidet , als daß er jenen kennt , diesen nicht kennt . Wie sollte er nun nicht lernbegierig seyn , da er das Heimische von dem Fremden bloß durch Erkenntniß und Unwissenheit unterscheidet ? Glauk . Es kann wohl nicht anders seyn . Sokr . Ist aber ein lernbegieriges und ein philosophisches Naturell nicht ebendasselbe ? Glauk . Doch wohl ! Sokr . Warum sollten wir also nicht kecklich auch in dem Menschen setzen , daß er , um gegen Hausgenossen und Bekannte sanft und gutartig zu werden , Philosoph und lernbegierig seyn müsse ? Glauk . So setzen wir ' s denn ! - Und ich , meines Orts , setze , daß diese Manier zu philosophiren eine eben so unphilosophische als langweilige Manier sey , wiewohl nicht zu läugnen ist , daß wir ihr wenigstens ein gutes Drittel dieses dickleibigen Dialogs zu danken haben . Nachdem also Sokrates auf diese sinnreiche Weise herausgebracht und zum Ueberfluß nochmals wiederholt hat , daß ein Beschützer seines idealischen Staats , um seiner Bestimmung aufs vollkommenste zu entsprechen , die verschiedenen Tugenden eines edeln Haushundes in sich vereinigen , und auf alle Fälle so philosophisch und zornmüthig , behend und stark seyn müsse als der stattlichste Molosser16 , - wirft er die Frage auf : was man ihnen , um sie zu möglichst vollkommnen - Staatshunden zu bilden , für eine Erziehung geben müßte ? Eine Untersuchung , welche , wie er meint , nicht wenig zur Auflösung des Problems , wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in einem Staat entstehe , beitragen würde . Adimanth bekräftigt dieses letztere sogleich mit großem Nachdruck , ohne daß man sieht warum ; denn daß er , so gut wie der Verfasser des Dialogs selbst , vorausgesehen haben könnte , wie dieser dem Discurs forthelfen werde um zu dem besagten Resultat zu gelangen , ist nicht wohl zu vermuthen . Sokrates gibt zu verstehen , diese Untersuchung dürfte sich ziemlich in die Länge ziehen , meint aber doch , daß dieß kein Grund sey die Sache aufzugeben , zumal da sie gerade nichts Besseres zu thun hätten . Adimanth ist , wie sich ' s versteht , dazu willig und bereit . Wohlan denn ! was für eine Erziehung wollen wir also unsern Staatsbeschützern geben ? Es dürfte schwer seyn eine andere zu finden , als die schon längst erfundene , nämlich die Gymnastik für den Körper , die Musik17 ( in der weitesten Bedeutung dieses Wortes ) für die Seele . - Auf Musik und Gymnastik also schränkt sich auch in der Platonischen Stadt , deren Einrichtung uns beschäftigt , das ganze Erziehungswesen ein ; aber beide sind freilich in dieser ganz etwas anders als in unsern üppigen und von bösen Säften aufgeschwollnen ungesunden Republiken . Die Ausführung dieses Satzes nimmt den ganzen beträchtlichen Rest des zweiten Buchs und ein großes Stück des dritten ein ; und wiewohl der heftige Ausfall gegen unsre epischen und dramatischen Dichter nur eine Episode ist , und nicht in gehörigem Ebenmaße mit dem Ganzen stehen möchte , so ist sie doch ( außer ihrer Zweckmäßigkeit für die Absicht unsers Philosophen ) als ein für sich selbst bestehendes Stück betrachtet , bis auf eine oder zwei die Musik im engern Verstande und die nachahmenden Künste betreffende Stellen , so vortrefflich ausgearbeitet , und in jedem Betracht so unterhaltend , lehrreich und zum Denken reizend , daß ich versucht wäre , sie , mit der Rede Adimanths ( wovon sie gewissermaßen die Fortsetzung und vollständigere Ausführung ist ) für das beste des ganzen Werks zu halten , wenn ihr der Discurs über die Gymnastik nicht den Vorzug streitig machte . Wie ich höre ist ihm die Strenge , womit er vornehmlich den Homer und Hesiodus für wahre Verführer und Verderber der Jugend erklärt , und die tiefe Verachtung , womit er von der mimischen Kunst der dramatischen Dichter und Schauspieler spricht , zu Athen sehr übel genommen worden . Ich kann es euch nicht sehr verargen , daß ihr euch für eine eurer vorzüglichsten Lieblings-Ergötzungen und für dramatische Meisterstücke , auf die ihr stolz zu seyn alle Ursache habt , mit Faust und Fersen wehrt . Aber zwei Dinge , lieber Eurybates , wirst du doch bei ruhiger Ueberlegung nicht in Abrede seyn können : erstens , daß Plato in dem ziemlich alten Gebrauch der meisten Griechischen Völkerschaften , ihre Kinder die Gesänge Homers und Hesiods als heilige , von den Musen eingegebene Bücher ansehen zu lehren , und ihnen aus diesen , mit rohen pöbelhaften Begriffen und Gesinnungen , abgeschmackten Mährchen , und zum Theil sehr unsittlichen Reden und Thaten der Götter und Göttersöhne angefüllten alten Volksgesängen , in einem Alter wo das Gemüth für solche Eindrücke weiches Wachs ist , die erste Bildung zu geben - daß , sage ich , Plato in diesem Gebrauch eine der allgemeinsten und wirksamsten , wiewohl bisher unbemerkt gebliebenen , Ursachen der eben so ungeheuren als unheilbaren Sittenverderbniß unsrer Republiken aufgedeckt hat ; zweitens , daß es demungeachtet , bei der Verbannung unsrer sämmtlichen Musenkünstler aus seiner idealischen Republik , seine Meinung nicht war noch seyn konnte , daß die Athener und die übrigen Griechen eben dasselbe thun sollten . Bei uns und an uns ist nichts mehr zu verderben ; wir sind wie Menschen die in einer schlechten Luft zu leben gewohnt sind ; unsre Dichter , Schauspieler , Musiker , Tänzer und Tänzerinnen , Maler und Bildner mögen es treiben wie sie wollen , in Republiken wie Athen , Korinth , Milet , Syrakus und so viele andere ( meine ziemlich üppige Cyrene nicht ausgenommen ) , können sie nichts Böses thun , dem nicht auf diese oder jene Weise das Gift entweder benommen oder durch einwickelnde und mildernde Arzneimittel Einhalt gethan würde . In Athen oder Milet ist wenig daran gelegen , ob die Leyer drei oder vier Saiten mehr oder weniger hat . Aber in einem Staat , dessen Verfassung und Gesetzgebung auf rein sittliche Grundsätze gebaut wäre , und wo also die ganze Lebensweise der Bürger , alle ihre Beschäftigungen und Vergnügungen , ihre gottesdienstlichen Gebräuche , Feste und gemeinschaftliche Ergötzlichkeiten , vor allem aber die Erziehung ihrer Jugend mit jenen Grundsätzen in der richtigsten Harmonie stehen müßten : da würde allerdings die kleinste Abweichung vom Gesetz und vom guten alten Brauch , auch in Sprache , Declamation , Rhythmus , Gesangweisen , Tonfällen , Zahl der Saiten auf der Leyer und Cither , und dergleichen , wo nicht ganz so viel als Plato meint , doch sehr viel zu bedeuten haben ; und wenn die Spartaner , die vor dreißig Jahren ein so strenges Decret gegen die eilfsaitige Lyra des berühmten Sängers Timotheus18 ergehen ließen , dem Geist der Gesetzgebung ihres Lykurgs in allen andern Stücken so getreu geblieben wären , so würden sie , anstatt sich den Athenern dadurch lächerlich zu machen , den Beifall aller Verständigen davon getragen haben . Daß Plato durch seine auf die strengste Moral gebaute Theorie der musischen und mimischen Künste , wenn man - anstatt ihre unmittelbare Beziehung auf seinen idealischen Staat zum Gesichtspunkt zu nehmen - sie als einen allgemeinen Kanon für Dichter , Maler , Musiker u.s.f. betrachten wollte , im Grund alle Poesie und die sämmtlichen mit ihr verwandten Künste rein aufhebt ; daß seine Einwendungen gegen die künstliche Nachahmung aller Arten von Charaktern , Gemüthsbewegungen , Leidenschaften und Handlungen ( sie mögen nun löblich oder tadelhaft , der Nachfolge oder des Abscheues würdig seyn ) keine scharfe Untersuchung aushalten ; und daß eine Ilias von lauter vollkommen weisen und idealisch tugendhaften Menschen , wie er sie haben will , ein kaltes , langweiliges und wenigstens durch seine Eintönigkeit unausstehliches Werk seyn würde , wer sieht das nicht ? Und wie könnt ' es anders seyn , da er den Künsten einen falschen Grundsatz unterschiebt und das Sittlichschöne zu ihrem einzigen Gesetz , Zweck und Gegenstand macht ? Aber alles , was er behauptet , steht an seinem Platz , sobald wir es in seine Republik versetzen . Seine Jünglinge sollen an Seel ' und Leib ungeschwächte , unverdorbene Menschen bleiben ; sie sollen » nichts lernen was sie künftig wieder vergessen müssen ; « sie sollen nichts sehen noch hören , nichts denken noch treiben , als was unmittelbar dazu dient , sie zu ihrer Bestimmung vorzubereiten . Sie sollen von Kindesbeinen an auf alle mögliche Weise zu jeder Tugend gewöhnt werden , und ungeziemende , ungerechte , schändliche Dinge nicht einmal dem Namen nach kennen . Sie sollen von der Gottheit das würdigste und Erhabenste denken ; sollen angehalten werden immer die Wahrheit zu sagen , und Lügen als die häßlichste Selbstbeschimpfung zu verabscheuen ; sollen immer nüchtern , mäßig und enthaltsam seyn , der Wollust und dem Schmerz keine Gewalt über sich lassen , ihren Mitbürgern hold und gewärtig und nur den Feinden des Staats fürchterlich , in Gefahren zugleich vorsichtig und muthvoll , kaltblütig und entschlossen seyn , immer bereit , Leben und alles ihrer Pflicht aufzuopfern , ohne weder den Tod für sich selbst zu fürchten , noch sich beim Ableben der Ihrigen unmännlich zu betragen . Zu allem diesem wird man freilich ( wie Plato seinen Sokrates sehr ausführlich mit Stellen aus der Ilias und Odyssee belegen läßt ) durch das Lesen unsrer Dichter und durch die Beispiele , Maximen und pathetischen Declamationen unsrer Tragödien nicht gebildet ; wohl aber kann es nicht fehlen , daß sie in jungen Gemüthern Eindrücke und Vorstellungen hinterlassen , die das Gegentheil zu wirken geschickt sind . Nehmen wir also dem Schöpfer einer Republik , die bloß dazu erschaffen ist uns zum Urbild der Gerechtigkeit und sittlichen Vollkommenheit zu dienen , nicht übel , daß er unsre Dichter mit eben so weniger Schonung von ihren Gränzen abhält , als alle andern Künstler und Werkleute des Vergnügens und der Ueppigkeit ; in einem Staat , der in Ansehung aller körperlichen Bedürfnisse und sinnlichen Genüsse auf das schlechterdings Unentbehrliche eingeschränkt ist , findet sich kein Platz für sie . Sokrates geht nun in der Erziehung seiner Staatsbeschützer von der Musik als der Bildung der Seele zur Gymnastik oder Ausbildung , Uebung und Angewöhnung des Körpers über . Alles was er über diesen Gegenstand sagt : die scharfe Censur , die er bei dieser Gelegenheit über die Lebensweise der Vornehmen und Reichen zu Syrakus , Korinth und Athen ergehen läßt , alles was er über die Diätetik überhaupt , über die Vorzüge der ächten Aesculapischen Heilkunst von der heutzutage im Schwange gehenden , und über die Analogie der Profession des Richters ( den er als eine Art von Seelenarzt betrachtet ) mit der Kunst des eigentlich sogenannten Arztes , vorbringt , - mit Einem Wort die ganze reichhaltige und vielseitige Behandlung dieser Materie ist in jedem Betracht unübertrefflich schön und wahr . Alles darin ist neu , selbst gedacht , scharfsinnig , und doch zugleich so klar einfach und auf den ersten Blick einleuchtend , daß der Leser fast immer seinen eigenen Gedanken zu begegnen glaubt . Ich habe nichts darüber hinzuzusetzen , als daß der göttliche Plato , wenn er immer auf diese Art philosophirte , in der That ein Gott in meinen Augen wäre ; und daß , wofern die Athener und wir andern alle durch Lesung und Meditirung dieses Discurses nicht weiser und besser werden , die Schuld bloß an uns liegen wird . Ich zweifle nicht , daß Plato durch den Ausfall über die dermalige Heilkunst in ein gewaltiges Wespennest gestochen hat . Eure Hippokratischen Aerzte , welche sich den Reichen so unentbehrlich zu machen und von ihrer Ueppigkeit und Schwelgerei so viele Vortheile zu ziehen wissen , werden ihm nicht vergeben , daß er ihnen die Geschicklichkeit , einen baufälligen Körper recht lange hinzuhalten und ihre Kranken des langsamsten Todes , der ihrer Kunst möglich ist , sterben zu lassen , d.i. gerade das , worauf sie sich am meisten einbilden , zum Vorwurf , und beinahe zum Verbrechen macht . Natürlicherweise ist ihre Partei , da alle Schwächlinge , Gichtbrüchige , Engbrüstige , Wassersüchtige und Podagristen von Athen auf ihrer Seite sind , wo nicht die stärkste , doch die zahlreichste ; und wie sollten sie ihm je verzeihen können , daß er unmenschlich genug ist , zu behaupten : sie und alle ihresgleichen könnten für die allgemeine Wohlfahrt nichts Besser ' s thun , als sich je bälder je lieber aus der Welt zu trollen ; und die Heilkunst mache sich einer schweren Sünde gegen den Staat schuldig , wenn sie sich so viele Mühe gebe , ungesunden Menschen ein sieches , ihnen selbst und andern unnützes Leben auch dann zu verlängern , wenn keine völlige Genesung zu hoffen ist . In der That hat diese Behauptung etwas Empörendes ; und es mag wohl seyn , daß nur ein sehr gesunder , der Güte seines Temperaments und seiner strengen Lebensordnung vertrauender , auch überdieß außer allen zärtlichern Familienverhältnissen isolirt lebender Philosoph so vielen armen Sterblichen , die mit allen ihren Uebeln , doch das erfreuliche Licht der Sonne gern so lang ' als möglich athmen möchten , ein so unbarmherziges Todesurtheil zu sprechen fähig ist . Ich hoffe Plato selbst werde sich erbitten lassen einige Ausnahmen zu machen ; indessen müssen wir auch nicht vergessen , daß alles , was er seinen kerngesunden alten Sokrates über diesen Punkt sagen läßt , mit unverwandter Rücksicht auf seine Republik gesagt wird , wo sich freilich alles anders verhält als in den unsrigen . In den letztern lebt jeder Mensch sich selbst und seiner Familie , dann erst dem Staat ; in der seinigen lebt er bloß dem Staat , und sobald er diesem nichts mehr nütze ist , rechnet er sich nicht mehr unter die Lebendigen . Er verhält sich also zum Staat , wie der Leib zur Seele . Die Seele ist der eigentliche Mensch ; der Leib hat nur dadurch einigen Werth , und darf nur insofern in Betrachtung kommen , als er der Seele zum Sklaven und Werkzeug gegeben ist . Es ist daher ( wie Sokrates etwas , so er vorhin selbst gesagt hatte , berichtiget ) nicht recht gesprochen , wenn man die Musik allein auf die Seele , die Gymnastik allein auf den Leib bezieht . Beide dienen bloß der Seele , und die Gymnastik findet in seiner Republik nur insofern Platz , als sie den Körper zu einem rein gestimmten , diese Stimmung festhaltenden , und mit einer von den Musen gebildeten Seele immer rein zusammen klingenden Instrument derselben macht . Eben darum wäre sehr übel gethan , die Gymnastik von der Musik oder diese von jener trennen zu wollen ; die Musik allein würde nur weibische Schwächlinge , die Gymnastik allein sogar aus Knaben von der edelsten Art nur rohe gewaltthätige Halbmenschen ziehen : aber so , wie Plato es vorschreibt , verbunden und eine durch die andere getempert19 , bilden sie » den ächten Musiker und Harmonisten , der beide Benennungen in einem unendlich höhern Grad verdient als der größte Saitenspieler . « Was meinst du nun , Glaukon ( fährt Sokrates fort ) , sollten wir , wenn uns die Erhaltung unsrer Republik am Herzen liegt , nicht immer gerade einen solchen Mann zum Vorsteher derselben nöthig haben ? - Mit dieser leichten Wendung führt er uns zu der dritten Classe seiner Staatsbürger , nämlich zu den Archonten oder obrigkeitlichen Personen , deren die beiden ersten benöthigt sind , wenn diese unwandelbare Ordnung , Harmonie und Einheit in der Republik erhalten werden soll , in welcher ihr Wesen besteht , und wodurch sie sich von allen unsern ungesunden , baufälligen und ihrer Zerstörung , langsamer oder schneller , entgegen eilenden Republiken unterscheidet . Was er hier von dieser obersten Classe seiner Staatsbürger überhaupt , und von dem Obervorsteher oder Epistaten des ganzen Staats sagt , ist zwar nur ein bloßer , mit wenigen Pinselstrichen entworfener Umriß , wovon er sich die Ausführung stillschweigend vorbehält ; aber auch in diesem entwickelt sich alles so leicht und schön , ist alles so richtig gedacht , in so zierliche Formen eingekleidet , und erhält durch überraschende Wendungen einen so eigenen Zauber von Genialität und Neuheit , daß man ihm Tage lang zuhören möchte , wenn er sich in dieser Sokratischen Manier zu philosophiren so lange erhalten könnte . Um so auffallender ist es , wenn wir seinen Sokrates , den wir eine geraume Zeit lang so verständig , wie ein Mann mit Männern reden soll , reden gehört haben , sich plötzlich wieder in den Platonischen verwandeln , und in eine andre Tonart fallen hören , welche wir ( mit aller ihm schuldigen Ehrerbietung gesagt ) uns nicht erwehren können , unzeitig , seltsam , und , mit dem rechten Wort gerade heraus zu platzen , ein wenig läppisch zu finden . » Wie wollen wir es nun anstellen ( fragt er den Glaukon ) , um vornehmlich die Archonten unsrer Republik , oder doch wenigstens die übrigen Bürger , eine von den gutartigen Lügen glauben zu machen , von denen wir oben ( als die Rede von den Fabeln und Lügen der Dichter war ) ausgemacht haben , daß sie zuweilen zulässig und schicklich seyen ? « - Glaukon , den diese unerwartete Frage vermuthlich eben so stark vor die Stirne stieß als uns , kann sich nicht vorstellen , was für eine Lüge Sokrates im Sinne habe . - » Sie ist nichts Neues , « versetzt Sokrates ; » denn sie stammt schon von den Phöniciern her20 , und hat sich , wie die Poeten mit großer Zuversichtlichkeit versichern , vor Zeiten an vielen Orten zugetragen . In unsern Tagen ereignet sich freilich so etwas nicht mehr , und ich weiß nicht , ob es sich künftig jemals wieder zutragen dürfte . « - Es muß etwas Seltsames seyn , daß du so hinterm Berge damit hältst , sagt Glaukon . - » Wenn du es gehört haben wirst , « antwortet Sokrates , » wirst du finden daß ich Ursache hatte , nicht gern damit herauszurücken . « - Sag ' es immerhin und befürchte nichts . - » Nun so will ich ' s denn sagen , wiewohl ich selbst nicht weiß , wo ich die Kühnheit und die Worte dazu hernehme . « Nachdem er durch diesen dramatischen Kunstgriff die Erwartung seiner Zuhörer aufs höchste gespannt hatte , mußte ihnen doch wohl zu Muthe seyn als ob sie aus den Wolken fielen , da er fortfuhr : » Vor allem also will ich mich bemühen , die Archonten meiner Stadt und die Krieger , und dann auch die übrigen Bürger dahin zu bringen , daß sie sich einbilden , alles was bisher mit ihnen vorgegangen und die ganze Erziehung , die wir ihnen gegeben haben , sey ein bloßer Traum gewesen . Dagegen sollen sie glauben , sie selbst sammt ihren Waffen und allem ihrem übrigen Geräthe seyen wirklich und wahrhaftig im Schooß der Erde gebildet , genährt und ausgearbeitet worden ; und erst , nachdem sie in allen Stücken fertig und vollendet da gestanden , habe die Erde , ihre Mutter , sie zu Tage gefördert . Demnach sey es ihre erste Pflicht , das Stück Erde , welches sie bewohnen , als ihre Mutter und Erzieherin zu betrachten , jeden feindlichen Anfall von ihr abzuhalten , und alle ihre Mitbürger , ebenfalls Kinder derselben Erde , als ihre Brüder anzusehen . « - Nun begreif ' ich freilich , sagt Glaukon , warum du mit einer so platten Lüge so verschämt zurückhieltest . - » Da hast du wohl Recht , « versetzt Sokrates ; » aber höre nun auch den Rest des Mährchens . Ihr alle ( werden wir nun , die Fabel fortsetzend , zu ihnen sagen ) , so viele euer in dieser Stadt leben , seyd Brüder ; aber der Gott , der euch bildete , vermischte den Thon , den er dazu nahm , mit ungleichartigem Metall . Bei denjenigen von euch , die zum Regieren tauglich sind , mischte er Gold unter den Thon , daher sind sie die geehrtesten von allen ; zu denen , die er für den Soldatenstand bestimmte , Silber ; Kupfer zu den Ackerleuten und Eisen zu den übrigen Handarbeitern . Da ihr nun alle zu einer und eben derselben Familie gehört , so zeugt zwar meistens jeder seines gleichen ; doch geschieht es auch wohl zuweilen , daß sich aus Gold Silber , und dagegen aus Silber Gold , und eben so auch Kupfer aus Silber , oder Gold aus Kupfer erzeugt , und so weiter . Diesem zufolge macht der Gott , euer Schöpfer , den Regierern zur ersten und wichtigsten Pflicht , die Kinder , die unter euch geboren werden , genau zu untersuchen , mit welchem von den besagten vier Metallen ihre Seelen legirt sind , und wofern ihnen selbst kupfer- oder eisenhaltige geboren würden , sie ohne Schonung , wie es ihrer Natur gemäß ist , in die Classe der Handwerker oder Ackerleute zu versetzen ; hingegen , wofern diese letztern einen gold-oder silberhaltigen Sohn erzeugten , solchen in die Classe der Regierer , oder der Vertheidiger der Republik zu erheben ; und dieß einem Orakel zufolge , welches dem Staat den Untergang ankündigt , wofern er je von Kupfer oder Eisen regiert würde . « Was sagst du zu diesem Ammenmährchen , Eurybates ? Sollte der göttliche Plato wohl eine so verächtliche Meinung von seinen Lesern hegen , daß er für nöthig hält , uns von Zeit zu Zeit wie kleine Knaben mit einem Fabelchen in diesem kindischen Geschmack zufrieden zu stellen , weil er uns nicht Menschenverstand genug zutraut , eine männlichere Unterhaltung , wie z.B. die unmittelbar vorhergehende , in die Länge auszuhalten ? Wenn er es ja für dienlich hielt , zu mehrerem Vergnügen der Leser den Ton zuweilen abzuändern , wie konnt ' er sich selbst verbergen , daß nur Kinder , die noch unter den Händen der Wärterin sind , an einem so platten Mährchen Gefallen haben könnten ? Oder sollte er vielleicht die geheime Absicht , die ihm Schuld gegeben wird , wirklich hegen , die Ilias aus den Kinderschulen der Griechen zu verdrängen , und diesen Dialog bloß darum mit so vielen Fabeln und allegorischen Wundermährchen gespickt haben , um desto eher hoffen zu können , sich selbst dereinst an die Stelle des verbannten Homers gesetzt zu sehen ? Beinahe muß man auf einen solchen Argwohn verfallen ; zumal wenn man die sonderbare Hitze bedenkt , womit er sich an mehrern Stellen dieses Werkes mit einer sonst kaum begreiflichen Ausführlichkeit beeifert , den sittlichen Einfluß der Werke unsrer Dichter auf die Jugend in das verhaßteste Licht zu stellen . Wie dem auch seyn mag , immer ist es lustig genug , zu sehen , wie er seinen Sokrates vorbauen läßt , daß die Leser sein Phönicisches Mährchen nicht für so ganz einfältig und anspruchlos halten möchten als es aussieht . - Weißt du wohl ein Mittel , läßt er ihn den Glaukon fragen , wie man unsre Leute dieses Mährchen glauben machen könnte ? Sie selbst nicht , antwortet Glaukon , aber wohl allenfalls ihre Söhne und Nachkommen und die andern Menschen der Folgezeit , sollt ' ich denken . Ich merke wo du hinaus willst , versetzt Sokrates ; es könnte doch immer dazu gut seyn , sie desto ernstlicher besorgt zu machen , daß die Absicht des Orakels erreicht werde ; - nämlich