Fortschrittszeitung « und den hochconservativen » Botschafter « . Beide Mistblätter haben geschworen , meinen Dichternamen nie mehr zu erwähnen , weil ich mit den Herrn Redakteuren am Biertisch mehrfach Conflikte gehabt hätte ! ! Der Chef der » Privilegirten Fortschrittszeitung « will jedoch in weiser Schonung nie aus eigener Initiative etwas Bosartiges über mich bringen . Beileibe nicht aus Furcht , o nein ! Sollte aber ein anderes Blatt über mich herfallen , so wolle er es eiligst abdrucken . ( Aha ! ) So meldete , er einem » guten Freunde « neulich beim Skatspiel . Biedermann ! 13 ( schreibe : Dreizehn ) Bücher von mir hat es nun todtgeschwiegen , dies Blatt von ehernem Schlage ! Früher posaunte es mich allerdings mal als Zukunftsgenie aus . Nun , » andre Zeiten , andre Ansichten « - wie der Chef der » Berliner Tagesstimme « so schön zu sprüchwörteln pflegt . Bravo ! Giftiger Unrath bezeichnet , ja die Spur des Faulthiers , o gieriger Vielfraß , den man Presse nennt ! Löbliche Hunde ! Wollt ihr gütigst üben Um diesen Knochen des Skandals Gekläff ? » Nicht doch ! Todtschweigend beißt ihn in die Waden ! « Knurrt der erfahrene Scheeren-Chef . Dies Büchlein ich gehorsamst dedicire Den hochgeschätzten Scheerenschleiferein . Da ! Zum Todtschweigen reich ' ich euch den Bissen Und einen Fußtritt obendrein . Das Leben eitel ist und undankbar . Den Adler überkrächzt der Krähen Schaar . Gegängelt von bestochener Wichte Rath , Bestaunt der Pöbel , was die Ohnmacht that . Der Stümper bunte Jahrmarktsschilderein Sind blindem Unverstand ein Heiligenschrein . Der Tod jedoch gräbt aller Lüge Grab Und alle Schminke reißt er jählings ab . Der Mensch und jede Fälscherkunst vergeht . Das Werk alleine und die Kunst besteht . Die Schlachtendonner habt Ihr wohl gehört Von Königgrätz , von Sedan und von Wörth . Den Donner aber hören werd ' ich nicht , Der Euren Größenwahn in Stücke bricht . Diese Menschen machen alle aus mir , was sie wollen . Die Schufte sehen in mir einen Schuft wie sie selber , die Ideologen in mir einen Ideologen . - Sei nie deiner Brüder Tyrann , aber auch nie ihr Narr ! Ich aber bin zugleich ihr Tyrann und ihr Sklave , und oft ihr Hausnarr . Seltsames Räthsel ! Kein Wörtchen wird heut so üppig mißbraucht wie das Epitheton » vornehm « . Man redet ja am liebsten von dem , was man nicht ist und hat . » Ein vornehmer Charakter ! « » Wie vornehm diese Kritik gehalten ist ! « Derlei übersetzt man aus dem Literarischen ins ehrliche Deutsch : » Ein geriebener Virtuose der Lebensklugheit ! « » Ein schlaues Pröbchen händewaschender Interessenpolitik , die ihre Motive sorgfältig verschleiert ! « Wie ich von Herzen bedaure , daß ich in meinem berechtigten Grimm dem einzigen Wahlverwandten , den ich jemals fand , Karl Schmoller , so harte Dinge sagen mußte ! Und waren sie denn wirklich ganz gerecht ? Soll man sich wundern , daß ein so bedeutender Mensch in ewiger Wuth gegen alles Bestehende sich verzehrt ? Drückt ihn nicht wirklich die Noth , die grause Noth des Lebens ? Freilich merkt man ja nichts davon , denn er selber befindet sich äußerlich kreuzfidel . Doch wer kann ins Innere eines Menschen und hinter die Coulissen schauen ! Und im Grunde - leidet er nicht einfach an derselben Krankheit , die auch mich vergiftet ? Wenn mich meine höhere Bildung in Sphären erhebt , wo die Gemeinheit des Lebens mich nicht mehr erreichen kann , so wäre es unbillig , von ihm das Gleiche zu fordern . Er sieht sich nur als Urkrast in einen Knäuel niedriger und widriger Verhältnisse verstrickt , sieht um sich her die Büberei triumphiren und wird zerrieben im Kampf mit den schmutzigen Sorgen des Alltagslebens . Es ist wahr , über die Menschen hat er sich wahrlich nicht zu beklagen . Jeder suchte sich ihm dienstbereit zu zeigen , Jeder bewies ihm äußerste Geduld und nur seine empörende Brutalität verschuldete es , wenn man ihn fallen ließ . Seine Natur zwingt ihn förmlich , Jeden vor den Kopf zu stoßen und überall Unfrieden zu stiften . Er ist ein Sprengstoff , dessen Nähe man flieht . Doch wie erklärt sich alles das aus den Verhältnissen ! Muß es diesen Menschen nicht rasend machen , wenn dummdreiste Unfähigkeit über ihn wegtrampelt , wenn man nur an den Schlacken seiner formellen Unbehülflichkeit haften bleibt , statt in den inneren Kern seiner wilden Genialität zu dringen ? unglücklicher Mann , dessen düstern Groll ich mitempfinde , ob er auch wie ein rußiger Titane allein abseit steht und nie dem olympischen Donnerer sich beugt ! Er verkörpert gleichsam das Elementare des Irdisch-Thierischen , wie ich das Elementare des Transcendental-Dämonischen . Die Andern alle sind Schein-Puppen . Und die Hauptsache , bleibt eben doch immer , daß man überhaupt elementar sei , das Element eines wirklichen Seins in sich trage . Und darum , ob ich ihn auch hassen sollte , wurzelt in mir eine unzerstörbare Sympathie für diesen einzigen Wahlverwandten , diesen Bastard-Halbbruder meiner Wesenheit . Wer weiß , ob nicht trotzalledem in ihm unbewußt ein gleiches Gefühl schlummert ! Wohl erkenne ich , daß solche Naturen vulkanischem Granit vergleichbar sind : Das Feuer sprengt sie , aber schmelzt sie nicht . Mit all seinen Mängeln und Schwächen und Sünden kämpft er ja dennoch für sein gutes Recht . Das Recht des Werdens aus dem Recht des Seins . Man will , dieweil man muß , muß , weil man will . Ja , Recht , das Recht - du wunderbares Wort , so unergründlich wie die Ewigkeit ! Dies das Gesetz , nach dem die Sterne in vorbestimmter Ordnung schweben , - das gleich mächtig in jedem Einzelwesen wirkt , - das , wo das Chaos in die Schöpfung mündet , zuerst den Keimtrieb in die Welt gepflanzt : Sein Recht zu suchen und das klug gefundene Recht auch zu behaupten , fest und unbedingt , im Wirbeltanz der ringenden Geschöpfe . Und so denn , unter eines Schicksals rechtloser Last zusammenbrechend , fühlt man im Innern noch den wuchtigen Takt der Waage , die uns zur Selbsterfüllung aufwärts reißt . Den Auserkorenen ward immer früh bewußt das eherne Gesetz in ihrem Busen : Das Recht des Wollens ist das Recht des Sollens . Ich kann ihn nicht verdammen , diesen Schmoller . Das Recht der finsteren Notwendigkeit , das uns unwiderstehlich übermannt und dämonisch fortschleift auf ungemessener Wünsche Irrfahrt , bis ein letztes Riff ihm ein Ende setzt , - das wird in ihm doch triumphiren müssen . Der Stärkere hat Recht . Wohl ist er nur ein eitler Sclav der Selbsucht , falsch ist sein Recht und nackte Eigensucht sein Rechtsgefühl . So sollte er zähneknirschend von hinnen fahren und dem geborenen König die Herrschaft lassen . Die Herrschaft - hahaha ! Eine schöne Herrschaft , weiß Gott ! Nein , bleiben wir beim Realen ! So sollte es sein , so ist es nicht . Er ist stärker als ich , weil seine Roheit ihn knorrig erhält . Ich bin schwaches zartes Porzelan , ich zerspringe beim ersten Fall . Mit wehmüthiger Freude ahne ich , wie er das Gesindel noch zu Paaren treiben wird mit seiner Peitsche , wenn ich schon unter der Erde liege . Ich peitschte euch mit Ruthen , er aber wird euch mit Skorpionen züchtigen . Ich fühle es , lange geht ' s nicht mehr so fort mit mir , es geht zu Ende . Aber aus meinen Gebeinen wird erstehen ein Rächer . V. Seevögel umkreischten schrill ihre Nester , der Schaum klatschte an den stiebenden Sand , eine schwarze Ente schwang sich auf der glasigen Woge . Mit seiner Braut , der Erde , schien der Ozean zu schäkern . Er schmückte sie mit Muscheln . Bald ebbte er zurück , um ihren Reiz überschauend zu mustern , bald rollte er wieder zum Kusse heran . Krastinik lag am Strande , das Buch war ihm entglitten . Und statt seiner las er vom weißen Blatt des Dünensandes , der unter dem glühenden Sonnenstrahl zu knistern schien , die Gedanken-Arabesken ab , welche wie Schatten seines Geistes darüberhin huschten . Er schloß die Augen . Die Nacht der innern Stille umfing sein waches Hirn , jene Nacht , aus der allein sich Sterne empordrängen . Lang und sorgsam dachte er über das Gelesene nach , um sich über die Zweifel Rechenschaft zu geben , die ihn bedrängten . Wie ein Dom erhabener Stille , wölbten sich Meer und Aether ineinander . Wie das stille Murmeln altersgrauer Vergangenheit , wie das Zirpen von Heimchen in zerfallener Ruine , plätscherten sanft die Wogen . Aus dem Becher des Meergottes sprühte ihm ein gastlicher Willkommengruß schaumtropfend entgegen . Dem nach innen Schauenden war es , als ob der Geist seines todten Idols , dessen treuer » Heroen-Anbeter « er gewesen , lautlos über den Wassern schwebe und wandele über Meer und Land . Und eine Stimme , wie das Geräusch vom Flügelschlag eines Engels oder das Säuseln in Karmels Klüften , wie das Murmeln der Muschel , die sich nach der Mutterwoge zurücksehnt , - eine geheimnißvolle Stimme sang den versöhnenden Psalm : Wundersame Morgenfrühe , Dehnst die Seele mir so weit . All der Erde starre Mühe Löst die holde Einsamkeit . Sie umhüllt der Erde Schmerzen Wie ein lichtes Schleiertuch . Liebe wandelt still im Herzen Und Vergebung sei mein Fluch . Was vermag der Menschen Grollen , Allgerechter , gegen Dich ! Deinem Licht , dem liebevollen , Sonnengott , vertraue ich . Meine Sünden , meine Fehle Richten kannst Du nur allein . Denn Du schaust in meine Seele , In das Herz der Welt hinein . Wohl , diese Stimme sang das Hohelied einer wahren Versöhnung , einer Erhebung des Menschen aus irdischer Wirrsal , aus tiefer Ich-Not aufschreiend zur All-Liebe . Aber diese Stimme - tönte sie wirklich aus dem Geist des Verblichenen , oder tönte sie vielleicht aus des Nachtrauernden eigener Brust ? Zum ersten Mal begann dieses begeisterungsfähige Gemüth kritisch an sein Idol heranzutreten und sich objektiv darüber zu stellen . Warum schwang sich denn Leonhart zu solcher Versöhnung niemals auf ? ! Wenn heut einem großen Dichter nun einmal keine andere Wahl gelassen scheint , nun , so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules ! Warum verzichtete er nicht gänzlich auf solche flüchtigen Werthungen der äußern Geltungseitelkeit ? Warum schloß er sich nicht ab von der Welt und sank in majestätischem Schweigen , das Lächeln einer erhabenen Verachtung am den Lippen , ins Grab des Todtschweigens und der Verlästerung ? War er doch von zu grobem Metall für solche goldklare Feinheit Gesinnung ? Schopenhauer sprach das große Wort gelassen aus : Was sei alles Genie gegen vollkommene Güte des Herzens , welche Andern gegenüber jene grenzenlose Nachsicht übt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet . Von dieser Herzensgüte besaß Leonhart viel , aber noch lange nicht genug . Freilich , da sich die kindische Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt , wie in der sogenannten Litteratur , so bleibt es hier am schwersten , jene höchste Bethätigung der Herzensgüte zu üben - nämlich Gerechtigkeit , die sich auf den Standpunkt des Andern zu setzen und jene großen Gesichtspunkte zu bewahren weiß , vor welchen persönliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden . Auch ist es mit der » grenzenlosen Nachsicht « , die Schopenhauer als vollkommene Herzensgüte rühmt , immer ein eigen Ding , da durch sie ja nichts gebessert wird . In der Kunst wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen . Wer das Große und das Kleine , das Genie und Talent , das Talent und Nichttalent gleichmäßig » anerkennt « , versündigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem Guten . Kann man es also Leonhart verdanken , wenn er manchmal heftig und zufahrig draufschlug ? Jaja , die Herzensgüte ! So rührend jene Phrase im Munde eines großen Mannes wirkt , dessen eigene Herzensgüte so mäßig entwickelt schien , so darf man dies Augenblicks-Aperçu doch wohl nicht ernst nehmen . Wiegt Passive Herzensgüte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Bethätigung wahren Talents ? Auch wenn letzteres scheinbar zerstörend auftritt . Nun ja , das wohl . Aber Herzensgüte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich selbst - mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen ? Und wäre das nicht ein Ziel , aufs innigste zu wünschen ? Steigt diese Güte wirklich bis zu einem hohen Grade , so tritt sie freilich stets produktiv auf , wie bei Christus und Buddha , da sie die Lüge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet . Genie ist Initiative . Allerdings muß das Glück nachhelfen . Der bloße Mann der That ist ja bloß der Sklave der Außenwelt , aber der Denkerschöpfer ist darum noch lange nicht Herr der Außenwelt . Seine Studirstube mag ihm als der Archimedische Punkt erscheinen , von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt . Doch die Außenwelt stört eben wie jener römische , Legionär die Kreise des Archimedes und schlägt ihm den Kopf ab . Ohne Glück und Erfolg erlahmt die Initiative des Genies . Aber lag nicht auch in Leonharts Initiative eine selbstbetrachtende Absichtlichkeit ? Wäre er naiv fürbaß , geschritten , so würde die Initiative auch frischer , und ursprünglicher herausgesprudelt sein . Der kommt am weitesten , welcher nicht weiß , wohin er geht - sagt Oliver Cromwell . Gewiß lag etwas Zielbewußt-Heroisches in Leonharts Leben . Krastinik kannte es aus der umfassenden Darlegung seines Freundes genau , der freilich immer an sich unleugbare Thatsachen noch pessimistisch färbte . Seit frühster Kindheit war dieser Mensch von dem Bewußtsein seines Dichterberufes durchdrungen gewesen . Seit seinem dreizehnten Jahre durchkostete er eigentlich die gleiche Bitterniß , wie jetzt am Ende seiner kurzen überreichen Laufbahn . Als Knabe umgeben von kindischer Roheit und Dummheit , einfältige Holzköpfe als » Lehrer « über sich , ihr werthloses Kanderwälsch dem feurigen Adlergeiste aufpfropfend , dessen ironisches Lächeln diese Bildungs-Hauswurstiaden aus überlegener Höhe verhöhnte . Als Jüngling die geckenhafte Unreife halbwüchsiger Krafthuber um sich her , über sich die Weisheit wohlpatentirter Weltautoritäten , die seine hohe Ueberlegenheit ebenso durchschaute . Als Mann um sich her die Rotte der Streber und Aftertalente , über sich immer noch die hohlen Gesetze der bestehenden Gesellschaft , die er verachtete . Immer , wachsend mit den Jahren , weit voraus und weit über den momentanen Dingen , also stets entfernt von dem Verständniß der Mitwelt . Allerdings kam es ihm zu Statten , daß er stets und immer das Ziel fest vor Augen hielt , sich zum Dichter auszubilden . Mit beispielloser eiserner Zähigkeit , die in ihm den echtpreußischen Berliner kennzeichnete , ließ er nie auch nur einen Augenblick sein Arbeitsstreben los . Die grünen Jungen , die über ihn salbaderten , wären vielleicht mit staunender Ehrerbietung scheu bei Seite gewichen , hätten sie , je klar anschaulich dies bewunderungswürdige System vor Augen gehabt , wo Fuge in Fuge griff , wo sich die frühsten Anfänge der Knabenjahre mit fünfzehn späteren Arbeitsjahren innerlich verknüpften . Das Räthsel seiner » überreizten Fruchtbarkeit « löste sich freilich dann sehr klar . Ausgestattet mit einem erstaunlichen Gedächtniß , ohne Gleichen an Arbeitslust und vor allem an Ordnungssinn , einem Hauptattribut des Genies , thürmte er unablässig das schwindelnd hohe Gebäude seines umfassenden Geisteslebens Stein auf Stein . Eigentlich war und blieb er stets gleich groß . Seine Jugendgedichte und Jugenddramen in einem Alter , wo man sich höchstens für » Räuber und Indianer « und Coopers Lederstrumpf erwärmt , mußten geradezu unglaublich genannt werden . Die historischen Essais in seinem Schubfach gab er später zur Zeit seines Glanzes als neuste Beiträge heraus , ohne daß Jemand ahnte , der dreizehnjährige Leonhart rede zu ihm ! Alles war hier anders als bei den Durchschnittstalenten . Ein solches , wie etwa der überfruchtbare Paul Heyse , spielert wohl als Primaner reizend geleckte Nippsächelchen und Märchen zurecht , um sich darob als junger Goethe bestaunen zu lassen . Aber gerade das , womit man der albernen Welt sofort imponirt , die gefällige Form , mangelte diesem wahren Genie , wie jedem Großbeanlagten , anfänglich vollkommen . Wenn er sich quälte , lyrische Liedchen nach bekanntem Muster zu pfeifen , mißlangen sie gänzlich . Von der Großartigkeit seiner gedanklichen . Conception verstand natürlich ein zum Urteil herangezogener Kunsthandwerker ebensowenig , wie von der unabgeklärten , aber genialen Gestaltungskraft seiner Charakteristik . Es wäre ein Glück für ihn gewesen , wenn er wie so mancher Dilettant , auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit sechszehn Jahren hätte publizieren können . Denn in diesen stak wenigstens der wirkliche ganze Leonhart , der halbflügge Genius , so daß alles Philistergenörgele immerhin hätte zugestehen müssen , für einen Knaben seien diese Versuche einfach unerhört . Aber so gut wurde es ihm nicht . Niemand verstand das Bahnbrechende in diesen seltsam bizarren Sachen und so überwand er sich denn endlich , etwas » Liebliches « zu fabriziren , um einen Verleger zu finden . Mit der Publikation dieses minniglichen Opus ( er zählte mittlerweile achtzehn Jahre ) begann nun die endlose Aergerkette seiner öffentlichen Laufbahn . Die Einzelheiten , welche er als besondere Tabelle gebucht hatte , wirkten allerdings vernichtend für die gänzliche Unfähigkeit der » Kritik « , das Ungewöhnliche zu begreifen , und der stumpf apathischen Welt , Perlen statt ihrer Trog-Kartoffeln zu verdauen . Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand , um sich her den Schein im Galakleid . Wohl mochte er rufen mit dem größten aller Dichter : » Müd alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode . Zu sehn , wie wahre Kraft von hinkender Schwäche entwaffnet , wie der Kunst die Zunge gefesselt von falscher Autorität , wie Narrheit als Doktor die Weisheit curirt . « Nun ja , das alles mochte wohl als wahr gelten , vom Standpunkt der äußeren Gerechtigkeit . Aber liegt nur hierin die immanente Gerechtigkeit der Dinge , von der Gambetta sprach ? Bleibt nicht der Werth und das Ideale in sich selbst Sieger ? - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - An einsam moosigem Gestein verträumte der Müde den Abend . Wie die Sonne wild verblutete ! Ueberm Meer ein Flammenmeer . Ein Scharlachbaldachin auf goldnen Strahlenschnüren schien langsam droben hinzuschweben . Dann wieder schien eine Stadt aus Purpurwolken den Rand des Horizontes zu schmücken . Leichte feuchte Wassernebel kräuselten sich , emporsteigend . Roth überhaucht wie gefrorenes Blut schien sich die ruhige Fluth zu dehnen , ruhig wie das Todte Meer , das wie Eisenöfen raucht , wo ihren Saft die Palme gerinnen fühlt . Das Todte Meer mit seinem giftigen Qualm - ja , dem gleicht das Leben der großen Welt und der großen Stadt . Und das Rothe Meer - ja , durchs Rothe Meer muß man hindurch , wenn man zum gelobten Lande will . Aber die Feuersäule des Genies , die den Weg weist - wo lodert sie ? ...... Die Lectüre dieses Tagebuches wirkte niederdrückend . Das Herz krampfte sich zusammen vor diesem Aufwühlen aller geheimen Schreckensmächte , die unser Dasein unterhöhlen . Gewiß kann solch ein Grimm als ehrwürdig , als ein heiliger Zorn erscheinen . Von ihm werden die großen Männer zu welterschütternden Thaten hingerissen . Man liebt einen guten Hasser . Es ist der Haß gegen die Feigheit und Falschheit der Welt . Die Hindus beten die Brillenschlange , die Hagin den Tiger an . Die Chinesen opfern im Sturm dem Drachen der Tiefe , statt ihr Schiff zu lenken , und lassen sich als Gefangene lieber pfählen , statt tapfer zu fechten . Ewig verehrt die stumpfe Herde Fetische . Aber der vom göttlichen Hauch Beseelte wird wieder und immer wieder seinen Wormser Protest aus der Klause von Ermenonville , aus dem Erker der Wartburg , von der Insel Ufenau treu bis zum Tod den unfehlbaren Päpsten dieser Welt entgegenschleudern : » Ich hab ' s gewagt ! - Ich kann , nicht anders , Amen . « War Leonhart ein solcher Geist , war es ein heiliger Zorn , der ihn beseelte ? Wohl darf man fürchten , nein . Und schlägt dieser Wahrheitsdrang des » Entrüstungs-Pessimismus « nicht manchmal ins Manierirte , Krampfhafte um ? Schneidet er nicht Grimassen scheuer Lüsternheit , wirft er nicht Togafalten des Weltschmerzes ? Ibsen ist ja so verlogen , daß er die Verlogenheit der Menschen stets noch ins Unwahre übertreibt Etwas davon stak auch in Leonhart ' s griesgrämiger Skepsis . Während dieselbe die naturentstellenden Schönpflästerchen hinwegzuschwemmen suchte , fehlte es ihr selbst nicht ganz an Schminke . Echtes Gefühl und falsche Empfindelei zu unterscheiden , fiel manchmal schwer . Gleichwohl suchte man ja hier umsonst nach der Zwiebel , welche die schönen Zähren entlockt , wie bei moschusduftigen Flennern . Ueber diese harten bizaren Züge , welche ein wahrer Schmerz verzerrt , rannen wirkliche Thränen . Aber verwischten sich nicht vor dem absichtlich kurzsichtigen Mikroskopauge des Dichters hier allmählich die Unterschiede von Vernunft und Narrheit ? Und wenn er auch elementare Naturlaute lallte , warum fand er niemals Noten auf dem Instrument seines umfassenden Geistes für morgenfrische Glücksbegeisterung ? Freilich , wo sollte die auch herkommen in einer Zeit , die nur feiles Gesindel heranzüchtete ? Ja , es blieb wahr , wie man es drehen und wenden mochte , dieser Grimm war an sich gerecht . Die Verzweiflung hatte ihn geboren . Der Ekel an seiner jämmerlichen Umgebung , dem » Collegen « -Gesindel , in das ihn sein vermaledeiter Beruf verstrickte , mußte sich einmal Luft machen . Und was er an Klagen und Anklagen vorgebracht war ja an sich gerecht . Allein , seiner grausamen Ironie fehlte gänzlich das Wohlwollen . Und somit erhob er sich nur wenig über den allgemeinen Menschenhaß eines Schmoller . Gewiß gehörten sie Beide , Löwe Leonhart und Tiger Schmoller zu der adeligsten Rasse , der Rasse der Naubthiere . Aber wie sah es denn mit dem Charakter dieses unerbittlichen Zuchtmeisters selber aus , der so lieblos seine Geißel schwang über Gerechte und Ungerechte ? Ueberall spürte man mit Trauer , aber nicht immer mit Mitleid , wie der Schatten des Wahnsinns diesem grellen Irrlichteln näher rückt . Er wüthete endlich auch gegen sich selbst und prophezeite mit heiserem Gelächter seine Anlage zur Geistesstörung . Eine alte Erfahrung lehrt , daß die Welt nur als ein Spiegel dient : Was herein schaut , schaut heraus . Das Ich selbst giebt allein die Auffassung des All . Ein guter Mensch entdeckt überall gutmüthige Züge , ein schlechter überall nur bewußte oder unbewußte Schlechtigkeit . War nicht Leonharts und Schmollers wüthende Misanthropie gerechtfertigt , da sie von sich selbst aus urtheilen mußten ? Eine Gesellschaft , die aus lauter solchen Naturen bestände , möchte sich wohl bald genug untereinander zerreißen . Erreichen diese Gallenergießungen nicht manchmal einen Grad , der bereits anfängt , dem albernen Lallen des Irrsinns zu ähneln ? Pathologisch gesprochen , rumort der Wahnsinn in dieser Menschenverachtung , die in letzter Instanz unbändigem Größenwahn entspringt . Indem ein solcher Halbgott die Menschen wie aufzuspießende Insekten angrinst , wird er selber ein Halbthier . Schnellt der grauenhafte Wuthschrei einer aus Rand und Band gerathenen Weltverzweiflung nicht auf ihn selber zurück ? Hört man in diesem gräßlichen Gelächter nicht den Widerhall des eigenen bosheitgetränkten Gemüthes ? Unablässig geheizt von dem Brand eines grenzenlosen Hasses und dennoch von gleichmäßiger kaltblütiger Härte , arbeitete diese Denkmaschine rastlos fort . Doch glich ja die in Leonhart kochende Bitterkeit gar wenig dem kannibalischen Gebelfer eines Schmoller , dessen wuthschäumender Biß vergiftete wie der eines tollen Hundes Fauchte Jener wie ein schwarzer Panther , dies häßlichste unzähmbarste aller Raubthiere , dessen gelbe Schwefelaugen man aus der Finsterniß der Käfigecke in nimmersatter Mordlust funkeln steht , - so brüllte Leonhart wie ein Löwe . Aber auch ihm fehlte des Löwen Majestät , des Leoparden Grazie . Gepeinigt von jenem Magenkrampf galleüberfüllter Bestien , letzte er seine stachlige Zunge im Blut der Opfer . Ergriff ihn die rasende Wuth seiner Weltverzweiflung , so zerriß er die ganze Heerde und soff Blut , bis er berauscht niedertaumelte . Er wollte Blut sehen , das Zerreißen selbst war seine Lust . Und sein Tatzenhieb vergiftete zugleich die Wunden , die er schlug , wie des Tigers Klaue ein Gift verbergen soll . Lag nicht in dem ewigen Gejammer und Weltanspucken Leonharts eine unmännliche Schwäche verborgen ? Das Leben ist ja kein Liebeslied , sondern ein Schlachtgesang . Das Genie findet fortwährend das Ei des Columbus . Warum nicht hier ! Hätte er doch lieber alles Unedle deterministisch aus Abstammung , Erziehung und Umständen erklären sollen ! Faßte er nicht alles gleich von der schlimmsten Seite auf und nahm stets die schlechtesten Motive an , welche vielleicht ja unbewußt mitspielten , aber noch nicht als wirkliche bewußte Infamie aufgefaßt werden brauchten ? Krastinik überlas nochmals das Urtheil des Tagebuchs über Schmoller . Er lächelte . Nie hatte er Leonharts Vorliebe für diesen Mann bis zu solchem Grade begreifen können . Der aristokratische Instinkt lebte noch zu mächtig in ihm . Er sah in Jenem nur den echten Litteraturvertreter des Socialismus . So wie der freche Maurergeselle sich alleine » Arbeiter « nennt , als ob andre Leute vom Müßiggang lebten , und den Begriff der geistigen Arbeit nicht zu fassen vermag , dabei aber von Gleichheit und Menschenrechten schnapsfaselt , - so blickte dieser Arbeiterdichter im Dünkel seiner Bornirtheit auf alles herab , was nicht mit dem Modethema des Tages , der sogenannten socialen Frage , zusammenhing . Der Größenwahn des Socialismus ins Litterarische übersetzt . So hatte der Graf stets geurtheilt , obschon er dem großen Talent Schmollers Gerechtigkeit widerfahren ließ . Doch mochte nun Leonharts mildere Auffassung die richtige sein , - warum wandte er sie denn nur Schmoller gegenüber an ? Warum sah er nicht die Gebrechen der dii minorum gentium mit gleich verzeihendem Auge ? Gewiß ein zugleich ekelhaftes und komisches Schauspiel , diese Krämpfe der Ohnmacht , die sich ihres Nichts nicht bewußt werden will und alles besser könnte , wenn sie nur Zeit hätte . Oder diese idealen Pumpiers , die jeden » Collegen « , der nicht grade verhungert , als reichen Filz verschreien , wenn er ihnen nicht die Mittel zum faulen Schlampampen bieten will . Und doch - von » Lumpen « zu reden ist leicht . Aber wieviel bittre Scham , wieviel Erröthen vor sich selbst , wieviel Qual gekränkten Stolzes , welche Reue um gefallene Ehre mag heimlich solch ein Lump- und Pumpleben begleiten ! Und wie natürlich erscheint der verzehrende Neid gegen den , der nicht nur größer , sondern auch in glücklicheren Verhältnissen ! Recht wohl kann die Raserei herostratischer Neidwuth sich mit der tiefen und reinen Läuterung weihevollen Schmerzes in anderer Hinsicht verbinden . Denn widerspruchsvoll ist der Menschengeist . Drum will auch alles Menschliche so verstanden und entschuldigt werden . Warum empfand Leonhart nicht selbst das harte Loos nach , das Loos der Edelmann und Haubitz ? Nachdem man sich von Kindesbeinen an als geheimer Agent Apollos weihepriesterlich gespreizt , nun plötzlich zu entdecken ( - denn , ohne es zu gestehen , besitzt der Neid ja Argusaugen für das Größere - ) , daß ein Anderer von dem trügerischen Apollo noch viel bedeutendere Vicekönigs-Vollmachten erhielt ! Das scheint gleichsam ein Betrug des Schicksals , ein Verrath der Muse , und sich dafür zu rächen , blieb als letztes Labsal dem Ex-Minister des Parnaß ! Warum entbehrte denn Leonhart dieses humoristischen Mitleids ? Allerdings darf man sich nicht verhehlen , daß Jeder sich selbst der Nächste ist . Steuert man daher nicht den zügellosen Orgien neidgelben Größenwahns , so verzögert sich die Erkenntniß der Wahrheit , an der man sich somit durch lässiges Zusehen versündigt . Und hier handelte es sich freilich nicht um die Person des Dichters , sondern in ihm um die Zukunft der Poesie . Man konnte Leonhart gewiß nicht verwehren , daß er sich deren erwehrte , die seinem Dichterthum ans Leben wollten . Aber er hätte denn doch - das Recht ihm zugestanden , daß er selbst lebe - den Satz der Humanität mehr beherzigen sollen : » Die Andern wollen auch leben . « Die sprüchwörtliche Antwort darauf » Je ne vois pas la nécessité « ziemt sich für einen Weltmann , aber nicht für einen Prediger des Idealen . Wohl kennt die Welt keinen andern Prüfstein des Werthes , als den Erfolg . Wer früher über einen Alvers spöttelte , gehörte jetzt gewiß zu seinen lautesten Schmeichlern . Was manche » Unabhängige « an Leonhart benörgelten , das beräucherten sie ja jetzt schon nach seinem Tode . Denn die Menschen sind zwar sehr beschränkt und sehr boshaft , doch nicht so sehr , daß sie nicht zu Sinnen kämen , wenn ihnen das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt . Gewiß , der Mannesstolz vor Fürstenthronen wird immer verdächtig , wenn er sich an Könige- ohne -Land richtet . Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu gerathen , wenn seine » Judasse « , wie er das charakteristisch im Vertrauen Krastinik gegenüber nannte , ihm als sauertöpfische » Aufrichtigkeit « angebliche Wahrheiten ins Gesicht warfen , die er als hohl und wesenlos erkannte . Kurz , wohin der Graf auch blicken , wie auch immer er sich das Bild seines todten Idols vergegenwärtigen mochte , überall fand er jetzt Kleinliches und Schwächliches . Alles in der Welt hat zwei Seiten ; es kommt