und ich konnte ihn füglich ebensowohl als ein körperliches wie als ein moralisches Übel betrachten . Die Heftigkeit des Zustandes wurde keineswegs durch das beschämende Bewußtsein gemildert , daß ich an dem eben verbannten Peter Gilgus einen drolligen Genossen besaß ; wie ich überhaupt nicht viel von der Meinung halte , physische oder geistige Leiden seien leichter zu tragen , wenn sie mit andern geteilt werden . War Gilgus auch in seiner Art von mir verschieden , so standen wir uns doch darin gleich , daß beide als arme Zuflüchtige in das Haus gekommen und mit dem Begehren nach der Tochter endeten . Der unzeitige Frühling hielt wochenlang an ; in den Gehölzen blühte schon der Zeidelbast , so daß ich am Weihnachtsabend , da ich nichts anderes hatte , eine Handvoll der roten duftenden Zweige auf den Bescherungstisch legen konnte . Es wurde übrigens nur den Angestellten und Dienstleuten beschert und ohne weitere Festlichkeit ; denn der Graf sagte , es zieme sich nicht , mit den Kirchlichen nur die Lustbarkeiten , nicht aber die Peinlichkeiten und die Andachten zu teilen . Als der Tisch geleert und das Volk abgezogen war , lag mein Strauß noch da . Dorothea ergriff ihn und sagte : » Wem gehört denn eigentlich die schöne Daphne ? Gewiß mir , ich seh ' s ihr an ! « » Wenn Ihnen die Jahrszeit nicht allzu verdächtig ist « , sagte ich , » so erbarmen Sie sich dieser zu früh gekommenen Sendboten ! « » Ei was , man muß das Gute nehmen , wie ' s kommt . Haben Sie Dank ; wir wollen die Zweige gleich ins Wasser stellen , sie sollen uns das ganze Haus durchduften ! « Dorothea war nicht nur an diesem Abend , sondern über die ganze Festzeit aufgeräumt und von lieblichster Laune , besonders am Neujahrstage , wo zum ersten Male , seit ich im Hause war , sich eine größere Gesellschaft zu einem Festmahle einfand . Nicht nur der Kaplan , sondern auch der Pfarrherr , der Arzt , ein Oberamtmann und einige Edelleute ! Jugendgenossen des Grafen , welche trotz seiner verpönten Gesinnungen ihm zugetan blieben , waren da . Selbst ein paar aufgeweckte ältere Damen kamen angefahren und verbreiteten sogleich den guten freien oder den freien guten Ton , der in gewissen Zeiten oft nur noch in der Gewalt der alten Frauen steht , die andere Tage gesehen haben und für sich nichts mehr fürchten noch hoffen . Es wurde nichts gesagt , was der einzelne nicht hören durfte , und doch auch nichts verschwiegen , was irgend mit wohlwollender Heiterkeit anzubringen war . Jeder fand seine Gelegenheit , ein Wort mitzusprechen , und keiner mißbrauchte sie , weil das Treffendere und deshalb scheinbar Neuere schon gesagt war , sofern einer darauf ausging , dergleichen zu leisten . Selbst der Kaplan übte seine Künste mit höflicher Mäßigkeit , und der Pfarrherr , ein rechtgläubiger , aber nicht bösartiger Katholik , zog von vornherein eine so generose Linie des allenfalls zu Dulden den um seine behagliche Person , daß die Überschreitung der Grenzwehr niemandem einfiel und sogar nicht einmal eine merkliche Annäherung versucht wurde . Ungeachtet dieses heitern Daseins nahm ich meine Zeit wahr , um mich für einmal zurückzuziehen , da ich durch mein Dableiben weder aufzufallen noch zu stören wünschte . Für den Augenblick etwas ruhiger geworden , begab ich mich in die alte Hauskapelle und machte mir dort einiges mit meinen Bildern zu schaffen , die halb eingetrocknet dastanden . Wie ich mich so in der Stille befand , kam mir plötzlich die Mutter in den Sinn , welche in der fernen Heimat saß und nicht wußte , wo ich war , indessen es mir hier wohlerging . Längst hätte ich ihr nun Nachricht geben können und sollen , da sich die Umstände ja für einmal tröstlich verändert hatten ; daß ich es dennoch immer verschob , geschah aus unklar ineinanderfließenden Ursachen . Erstlich hielt ich allerdings meine Angelegenheiten nicht mehr für so sehr wichtig und besprechenswert , seit ich aus der Not erlöst war ; dann dachte ich wieder , durch die Freude einer unvermuteten Ankunft alles gutzumachen , bis wohin die kurze Spanne Zeit , gegenüber den verflossenen Jahren , nicht mehr in Betracht käme ; endlich aber scheute ich mich unbewußt , bei dem jetzigen innern Zustande irgendeinen Laut von mir zu geben , zumal die geheime Selbstliebe trotz aller gegenteiligen Gedankengänge und Vorsätze sich doch nicht eingestehen wollte , daß jede Entscheidung undenkbar sei . Als ich nun in einiger Ruhe dies Wirrsal beschaute , faßte ich doch den Entschluß , die stille Stunde zu benützen und der Mutter zu schreiben , wo ich sei , wie es mir gehe und daß ich bald heimkehren werde . Zu diesem Zwecke ging ich nach dem Gartenhause hinüber , wo ich etwas Bücher und Schreibzeug liegen hatte . Auf dem Wege dahin bemerkte ich , daß die Gesellschaft sich in dem wie im Frühlingslichte ruhenden Park erging ; das konnte mir als merkwürdiges Bild eines Neujahrstages und meines Aufenthaltes gleich zum Eingange des Briefes dienen . Kaum war ich aber in meinem Zimmer oder Schlafsälchen angelangt , so klopfte es , und Röschen die Gärtnerin erschien in der Sonntagstracht der Landesgegend vom zierlichsten Schnitte ; die wollene pelzverbrämte Jacke trug sie der warmen Luft wegen nur am Arme , so daß die Brustbekleidung von grüner Seide mit ihren silbernen Häkchen und Knöpfchen den Wuchs des hübschen Mädchens um so feiner zeichnete . Ein kleines Gehäube , von schwarzem Samt und Spitzen zusammengesetzt , bekleidete den Ausgang der starken goldenen Zöpfe , von denen der eine wie aus Übermut über die Schulter nach vorn gezogen war und mit der Jacke auf dem Arme lag . Sie war von Seite des Fräuleins an mich abgesandt mit der Aufforderung , sogleich nebst der Botin zu ihr zu kommen und den Frauenzimmern den Ort zu zeigen , wo ich den blühenden Zeidelbast gefunden habe . Das Mädchen lächelte artig und schalkhaft bei seiner Verrichtung , seines vorteilhaften Aussehens wohlbewußt ; der schöne Anblick saß mir auch fest im Auge , doch nahm ich denselben lediglich zugunsten der Herrin , deren Schönheit ich ihn zurechnete . Ohne Zögern ließ ich liegen , was ich vorgehabt , und eilte mit dem Mädchen durch Bäume und Herrschaften nach dem Kirchhofe , wo Dorothea wartete . » Wo stecken Sie denn ? « rief sie mir entgegen ; » wir wollen noch mehr von dem blühenden Zeiland suchen , das kann man nicht alle Neujahrstage . Überdies sind wir die einzigen jungen Leute hier und dürfen uns auf unsere Weise auch ein bißchen des Lebens freuen ! « Sie ergriff somit meinen Arm , und wir gingen , von Röschen begleitet , nach dem Buchenwald , den wir in acht oder zehn Minuten erreichten . Der Waldboden war trocken wie im Sommer , und sobald wir ihn betraten , fing Dortchen an zu singen , und zwar ein wirkliches Volkslied und im Tone , wie das Volk selber singt , treuherzig und selbst mit den kleinen Schnörkeln verziert , die jenes anzuhängen pflegt . Röschen fiel alsbald mit der zweiten Stimme ein , etwas tief und derb , so daß es klang , wie wenn zwei gesunde Landmädchen durch den sonntäglichen Wald gingen . Natürlich waren es von den wehmütigen Liebesgeschichten , die sie eine nach der anderen anstimmten und andächtig zu Ende führten , ohne daß Dortchen meinen Arm fahrenließ , bis ein rötlicher Glanz uns anzeigte , daß einige Sträucher der gesuchten Pflanze in der Nähe waren ; denn die sinkende Sonne streifte durch die Buchenstämme und traf die blühenden Zweige der Daphneen , wie Dortchen sie mit dem botanischen Titel nannte , der mir unbekannt gewesen . Sie jauchzte fröhlich auf , und beide Mädchen liefen sogleich hin , von den narkotisch duftenden Zweigen die schönsten zu brechen , während ich mich auf den Stamm eines gefällten Baumes setzte und ihnen zuschaute , mit Wohlgefallen jeder ihrer Bewegungen mit den Augen folgend . Als sie ihre Ernte gehalten , ging Röschen weiter , noch mehr Sträucher aufsuchend , und das Mädchen verlor sich allmählich hinter den Bäumen . Dorothea hingegen kam und ließ sich bei mir nieder , indem sie mir ihren Blütenstrauß unter die Nase hielt . » Ist es nun nicht hübsch hier « , sagte sie , » und sind Sie nicht froh , daß wir Sie aus Ihrem Schlupfwinkel geholt haben ? « » Ich wollte an meine Mutter schreiben « , antwortete ich . » Haben Sie ihr denn nicht schon früher auf den heutigen Tag einen Neujahrsbrief geschickt ? « » Ich habe ihr noch nicht geschrieben , seit ich hier bin ; sie weiß gar nicht , wo ich lebe ! « » Sie weiß es gar nicht ? Wie können Sie so was tun ? « Ich blickte seitwärts und kratzte mit den Fingern ein kleines Moosgärtlein weg , das auf der silbergrauen Rinde des Stammes saß . Dann sagte ich , daß ich einen so langen Aufenthalt nicht vorhergesehen und endlich gedacht hätte , die Mutter um so froher zu überraschen , wenn ich schließlich selber käme . » Das muß ich sagen « , rief sie , » morgen müssen Sie aber schreiben , ich leid es nicht länger ! Wer ein solches Mütterchen hat , sollte seinem Schöpfer danken ! Wissen Sie , daß Ihr Buch aussieht wie ein Herbarium ? Überall , wo mir etwas Freude machte oder wo ich Ihnen gern die Leviten gelesen hätte , legte ich ein grünes Blatt oder Gras hinein . Es liegt in meinem Sekretär eingeschlossen . Mehr als einmal , wenn ich von Ihrer Mutter las , dachte ich : Könntest du doch bei einem solchen Mütterchen mit unterkriechen , die du keines gekannt hast ! Aber morgen wird geschrieben ! Sie müssen auf meinem Zimmer schreiben , und ich geh Ihnen nicht von der Seite , bis der Brief fertig und zugemacht ist , und wenn Sie folgsam sind , so schreib ich selbst noch einen Gruß mit hinein ! « » Das wird doch nicht wohl angehen ! « sagte ich . » Warum denn nicht ? O gefrorner Christ ! Warum denn nicht ? Darf ich Ihre Mutter nicht grüßen ? Und wollen Sie nicht schreiben ? « Statt zu antworten , arbeitete ich fleißig weiter an der Ausreutung des Moosfleckes ; denn das eiserne Abbild Dortchens drehte sich in meinem Herzen um , während ich neben dem Urbilde saß , was es sonst nie tat , und es war , als ob es mit furchtbarem Druck der schweren Eisenhände sich gegen die Wände seiner dunklen Behausung stemmte . Indessen ergriff sie meine Hand und wiederholte mit leiserer Stimme : » Warum wollen Sie nicht ? Oder soll ich für Sie schreiben , gleichsam in Ihrem Auftrage ? Nein , das geht auch nicht ! Aber diktieren will ich Ihnen , was ich denke , daß es der Mutter Vergnügen macht , und Sie brauchen bloß nachzuschreiben ! Nun ? « Eh ich aber antworten konnte , war Röschen mit einer ganzen Schürze voll Märzglöckchen herbeigesprungen , die sie gefunden , und es war Zeit , zum Schlosse zurückzugehen . Dortchen ließ das Gespräch fallen . Sie nahm auf dem Rückwege meinen Arm nicht wieder , ging aber dicht neben mir her . Plötzlich sagte sie : » Röschen , leih mir deine Jacke , wenn du sie nicht brauchst ! Es fängt doch an , mich zu frösteln ! « Röschen reichte ihr das Kleidungsstück ; es fand sich aber , daß es für den höhern Wuchs der Dorothea zu klein und eng war , so daß sie es nicht anziehen konnte . » Wollen Sie sich nicht meines Rockes bedienen ? « sagte ich mit unbeholfenem Scherze , und sie antwortete : » Nein , in Ihrer Haut mag ich nicht stecken , Sie kalter Fisch ! « Ins Schloß zurückgekehrt , hatte sie dem Tee vorzustehen , der noch eingenommen wurde , und nachher der Verabschiedung der einzelnen Gäste beizuwohnen . Als ich mit dem Grafen und dem Kaplane noch bei einem Glase Punsch zusammensitzen mußte , kam sie , gute Nacht zu wünschen . Sie legte dem erstern den Arm um die Schultern und sagte scherzhaft weinerlich : » So eine Adoptivtochter fahrt doch ein elendes Leben ! Nicht einmal ihrem Vater darf sie einen Kuß geben , wenn sie zu Bett geht ! « » Was fällt dir ein , du Närrchen ? « sagte der Graf lachend ; » das geht allerdings nicht und würde sich nicht schicken ! « Hier wendete sich das Eisen wieder in meinem Herzen und drückte mich jämmerlich die ganze Nacht . Dazu fing es an , mir den Hals zuzuschnüren , und ich konnte nicht anders Luft bekommen als durch den Ausbruch einer Tränenflut und erbärmlichen Schluchzens , zum ersten Mal in meinem Leben wegen Liebessachen . Der Unwillen über diese Schwachheit vermehrte das Übel , so wie auch die unliebsame Entdeckung , daß durch die wahre Leidenschaft , als welche ich die Geschichte ansah , die Freiheit der Person und jede vernünftige Selbstbestimmung verlorengehe , mich elend machte . Als es endlich Tag wurde , war der falsche Lenz vorüber , und es fiel ein mit Schnee vermischter Regen . Dortchen sagte , als ich im Schlosse erschien , nichts mehr vom Schreiben , und ich selbst vermochte erst recht nicht , mich daranzumachen . Eine abermalige neue Erfahrung war der Widerwillen gegen das Essen , welchen aus solchen Ursachen zu empfinden ich nie für möglich gehalten hätte . Denselben zu verbergen , damit er nicht auffiel und weil er ein trübseliges Aussehen mit sich brachte , kostete die größte Mühe , und alles das in einem Alter , wo ich doch auch kein Konfirmand mehr war . Auch bedauerte ich , diese schöne brotsparende Leidenschaft nicht zur Zeit meiner Hungersnot besessen zu haben , wo sie mir die besten Dienste geleistet hätte . Diese realökonomische Observation hinwieder nicht der Dorothea zu ihrer Belustigung mitteilen zu dürfen , drückte mir fast das Herz ab . Dortchen dagegen schien nicht übel aufgelegt und sogar mit jedem Tage besser , ohne sich stark um mich zu kümmern . Sie machte Geldstücke wie Kreisel über den Tisch tanzen , brachte Kinder herbei und setzte ihnen Papiermützen auf die Köpfe , ließ auf dem Hofe Hunde apportieren , und was dergleichen unschuldige Schwänke mehr waren , und alles dünkte mich unergründlich merkwürdig , reizvoll und bestrickte mich . Alle die kleinen Teufeleien verrieten täglich heller eine ursprüngliche Anmut und Beweglichkeit des Gemütes und zeigten mit federleichten Wendungen , daß sie tausend Nücken unter den Locken sitzen hatte . Wenn nun erst die offene , klare Herzensgüte , was man so die Holdseligkeit am Weibe nennt , uns gewinnt , so bringt uns nachher , wenn wir in unserer Einfalt entdecken , daß die Geliebte nicht nur schön und gut , sondern auch gescheit und beweglich ist , die fröhliche Kinderbosheit des Herzens vollends um Ruhe und Verstand ; und so ging auch mir ein neues Licht auf , und es befiel mich ein heftiger Schreck , nun gewiß nie wieder ruhig zu werden , da ich gerade dies kurzweilige Frauenleben niemals mein nennen könne . Denn wenn die Liebe nicht nur schön und tief , sondern auch recht eigentlich kurzweilig ist , so erneut sie sich selbst in jedem Augenblick das bißchen Leben hindurch und verdoppelt den Wert desselben , und nichts macht trauriger , als ein solches Leben möglich zu sehen , ohne es zu gewinnen ; ja die allertraurigsten Leute sind die , welche glauben , das Zeug dazu zu haben , recht lustig zu sein , und dennoch traurig sein müssen aus Mangel an guter Gesellschaft . So dachte und fühlte ich damals , weil ich nicht wußte , daß es wichtigere und dauerhaftere Dinge in der Welt gibt als jene jugendliche Kurzweil . Da das schöne Wesen mir mit jedem Tage anders und unbegreiflicher erschien , obgleich sie immer dieselbe war , so verlor ich zuletzt alle Unbefangenheit des Verkehrs , und um die Heilung meiner Krankheit zu versuchen , zog ich mich wie ein Einsiedler in die Wildnis zurück ; d.h. unter dem Vorgeben , die Gegend , Land und Leute recht anzusehen , fing ich an , bei jeder Witterung , gut oder schlecht , den Tag im Freien zuzubringen . Ich hielt mich aber meist auf den waldigen Höhen auf , unter alten Tannenbeständen oder in verlassenen Köhlerhütten , ohne menschliche Gesellschaft , was schon aus dem Grunde gut war , weil ich , immer nur mit dem einen Gegenstande beschäftigt und die Herrschaft über mich selbst vergessend , laut zu denken und zu sprechen begann , besonders mit der Klage über den schmählichen Druck , der mir wie eine fremde Krankheit angeworfen war und den ich hundertmal mit der Hand wegzuwischen suchte . » Ist diese Teufelei also die wirkliche Liebe ? « sagte ich eines Tages laut vor mich hin , als ich unter Bäumen einsam hockte und über das Land wegblickte . » Habe ich nur ein Stück Brot weniger gegessen , als Anna krank war ? Nein ! Habe ich eine Träne vergossen , als sie starb ? Nein ! Und doch tat ich so schön mit meinen Gefühlen ! Ich schwur , der Toten ewig treu zu sein ; dieser Lebendigen aber Treue zu schwören wäre mir nicht einmal möglich , da sich das ja von selbst versteht und ich mir nichts anderes denken kann ! Wenn diese schwer erkranken oder gar sterben sollte , würde ich dann imstande sein , dem Ereignis so aufmerksam zuzusehen und es gar zu beschreiben ? O nein , ich fühle , es würde mich brechen und die Welt verfinstern ! Und welch ein praktischer Kerl bin ich dennoch gewesen , als ich so platonisch , so ganz nach dem Schema liebte und ein grüner Junge war ! Wie unverschämt hab ich da geküßt , die Kleine und die Große , zum Morgen- und Abendbrot ! Und jetzt , da ich so manches Jahr älter bin und ein Stück Welt gesehen habe , wird es mir schon bang , wenn ich nur daran denke , diese schöne und gute Person zu unbestimmter Zeit irgendeinmal küssen zu dürfen ! « Dann starrte ich wieder in die Luft hinaus ; doch kaum waren einige Minuten vergangen , während welcher ich neugierig eine Wolke oder einen Gegenstand am Horizont oder ein schwankendes Reis zu meinen Füßen betrachtete , so kehrten die Gedanken wieder zu ihrer alten Last zurück ; denn das eiserne Bild erlaubte nicht , daß sie länger anderswo spazierengingen . Als ich eines Abends einen steilen Klippenpfad hinunterstieg , trat ich in der traurigen Zerstreutheit fehl und torkelte wie ein Sinnloser über die Felsen , daß ich nicht wußte , wie ich unten ankam , und mich zu meiner Kränkung und Beschämung ziemlich verletzte . Ein anderes Mal saß ich im Feld auf einem verlassenen Pfluge , der in der abgebrochenen Ackerfurche stand , und machte wohl ein sehr betrübt dummes Gesicht ; denn ein vergnügt grinsender Feldlümmel , der mit einem irdenen Selterskrüglein , das ihm am Rücken hing , dahergeschlenkert kam , stand vor mir still , gaffte mich an und begann endlich unbändig zu lachen , indem er sich mit dem Ärmel über Mund und Nase fuhr . Schon das arme Krüglein tat mir in den Augen weh , da es so stillvergnügt und unverschämt von der Schulter dieses Burschen baumelte , der wahrscheinlich seinen Vespertrunk darin mitgeführt hatte . Wie konnte man ein solches Krügelchen herumtragen , als ob es kein Dortchen in der Welt gäbe ? Da der grobe Gesell nicht aufhörte , dazustehen und mir ins Gesicht zu lachen , stand ich auf , trat weinerlich und leidvoll auf ihn zu und schlug ihn dergestalt hinter das Ohr , daß der arme Kerl zur Seite taumelte ; und eh er sich wieder fassen konnte , prügelte ich all das Weh auf den fremden Rücken und zerschlug auch seinen Krug , daß mir die Hand blutete , bis der Feldlümmel , welcher glaubte , der Teufel sei hinter ihm her , sich aus dem Staube machte und erst aus einiger Entfernung anfing , mit Steinen nach mir zu werfen . Nach dieser humanen Heldentat ging ich langsam davon , schüttelte den Kopf und seufzte über soviel Herzeleid , das in der Welt sei ! Von solcher Aufführung selbst angegriffen , dachte ich nicht , mich daran aufzureiben , sondern suchte den Weg , mich aus dem Irrsal zu befreien . Ich musterte und verglich alle Umstände , um feststellen zu können , daß ich nicht der Mensch sei , eine Neigung wie diejenige Dortchens erwecken zu können . Was dem einen recht , ist dem andern billig ! und : Wie du mir , so ich dir ! sind zwei goldene Sprüche auch in Liebeshändeln , wenigstens für sonst verständige Menschen , und die beste Kur für ein krankes Herz ist die unzweifelhafte Gewißheit , daß sein Leiden nicht geteilt wird . Nur eigensinnige und selbstsüchtige Verfassungen laufen Gefahr , sich aufzulösen , wenn sie von denen nicht geliebt werden , die ihnen gefallen . Aber was hätte sein können und nicht geworden ist , macht unglücklich , und der Trost hilft nicht , daß die Welt weit sei und hinter dem Berge auch noch Leute wohnen ; nur das Gegenwärtige , was man kennt , ist heilig und tröstlich . Nachdem ich nun ausgemacht hatte , daß Dortchen nicht an mich denke , ward ich etwas ruhiger und begann zu ratschlagen , ob ich zum Danke für ihre Liebenswürdigkeit ihr die Sache entdecken wolle oder nicht . Ich gedachte im ersten Falle , gelegentlich , eh ich abreiste , ihr lachend und manierlich zu gestehen , welchen Rumor sie mir angerichtet , und sie zugleich zu bitten , sich nicht darum zu kümmern ; denn nun sei alles wieder gut und ich wohl und munter . Auf der anderen Seite aber tauchte die Besorgnis auf , ein derartiges Geständnis möchte doch als schlaue Liebeswerbung angesehen werden und mich in ein schiefes Licht bringen , der Geliebten aber einen trüben Tag bereiten . Ich verfiel daher wieder in ein unruhiges und trauriges Nachsinnen , ob ich es tun solle oder nicht , bis zuletzt es mir doch möglich schien , mit unbefangenem Vertrauen ihr durch offene Darstellung des über mich gekommenen Ungewitters , unter Scherz und Lachen , eine kleine Erheiterung zu gewähren , die sie wohl verdiene , und mir zugleich die verlorene Ruhe zu verschaffen . Und zwar nahm ich mir vor , es sofort zu tun . Es war eben Sonnabend und das gute Wetter auch für den kommenden Tag in Aussicht . Ich beschloß daher , den Sonntagmorgen mit seinem stillen Glanze zu der verwegenen Verhandlung zu benutzen , heut aber mich nicht mehr sehen zu lassen , um nicht durch neue Eindrücke irre zu werden in meinen Vorsätzen . Der Morgen geriet auch auf das schönste ; ein wirklicher Vorfrühling lachte mit seinem wolkenreinen Himmel durch alle Fenster , und ich war trotz einiger süßen Bangigkeit doch guter Dinge , da ich meiner baldigen Freiheit und Erlösung von der schmählichen Beklemmung entgegensah und mir einbildete , nichts anderes erreichen , zu wollen . Und dennoch beruhte die ganze süße Aufregung , in welcher ich mich feiertäglich herausputzte und fortwährend auf neue Scherze sann , die ich in die bevorstehende Plauderei verflechten wollte , auf dem Selbstbetruge , mit dem ich mir verbarg , daß mich nur der Wunsch beseelte , mit Dorotheen wohl oder übel von Liebe zu sprechen . Aber es fand sich , daß sie schon am Sonnabend meilenweit weggefahren war , um eine Freundin zu besuchen , daß sie von dort nach der Residenz gehen und überhaupt mehrere Wochen abwesend sein werde . Damit war alle meine Hoffnung zunichte und der blaue Himmel in meinen Augen schwarz wie die Nacht . Das erste , was ich tat , war , daß ich wohl zwanzigmal den Weg vom Gartenhaus nach dem Kirchhof hin und zurück ging und mich dabei auf die Seite des Pfades drückte , an welcher Dortchen mit dem Saume ihrer Gewänder hinzustreifen pflegte . Aber auf diesen Stationen brachte ich nichts heraus , als daß das alte Elend mit verstärkter Gewalt wieder da war und die Vernunft wie weggeblasen . Das Gewicht im Herzen war auch wieder da und drückte fleißig darauf los . Der Graf hatte die ganze Zeit über seiner einzigen Leidenschaft , der Jagd , gelebt und war daher wenig zu Hause geblieben . Jetzt schien er der Sache etwas müde zu sein und begann mich wieder aufzusuchen . Er fand mich in der Kapelle , da ich keinen Grund mehr hatte , in die Wildnis zu laufen , und hier am einsamsten war . » Wie steht ' s denn mit den Bildern , Meister Heinrich ? « sagte er , mir auf die Schulter klopfend , » rücken sie vor ? « » Nicht sonderlich ! « erwiderte ich kleinlaut und trübselig . » Es eilt ja nicht , Sie sind uns noch lange willkommen ! Dennoch seh ich Ihnen am Gesicht an , daß es gut ist , wenn Sie von der Sache mit guter Manier bald frei werden . « Du triffst es besser , als du weißt ! dachte ich und machte mich plötzlich mit so grimmiger Entschlossenheit an die Arbeit , daß ich vor Ablauf von drei Wochen mit den Bildern fertig war . Während sie zum Trocknen an der Luft standen , bestellte ich beim Tischler die Kisten , in denen sie nach der Hauptstadt gesendet werden sollten . Dann stellte ich einige Streifereien an , um nicht stilliegen zu müssen , und als ich eines Abends spät nach Hause kehrte , sah ich vom Garten aus Dorotheens Zimmer erleuchtet . Mit dem Schlaf , den ich während der letzten fleißigen Tage wiedergefunden , war es nun abermals aus , obgleich ich noch nicht wußte , daß sie wirklich da war . Am Morgen erschien Röschen und berief mich zum Frühstücke , welches ihrer Ankunft zu Ehren gemeinsam eingenommen werde . Als ich ins Schloß kam , erklang ihre Stimme durch das Haus ; sie spielte und sang wie eine Nachtigall am Pfingstmorgen , und alles war voll Leben und Fröhlichkeit ; nur ich war traurig und einsilbig , da das Scheiden nun doch vor der . Türe stand . Sie schien aber nichts davon zu merken , sondern trieb allerlei Mutwillen , der mich immer wieder aufregte und verwirrte ; dabei wandte sie sich immer an andere und brauchte vorzüglich das dienstfertige Röschen als Trägerin und Gehilfin ihrer Possen . Als dieses gelegentlich ein kleines Silberlachen hören ließ , das ich auf meine düstere Laune bezog , lief ich dem Mädchen nach , packte es und faßte es in den Arm , indem ich mit der anderen Hand sein Köpfchen festhielt . » Wer wird hier ausgelacht , und was willst du denn , du Gänseblümchen ? « rief ich . Das blühende Kind zappelte und sträubte sich , lachte aber fort . Unversehens hielt es still und flüsterte mir ins Ohr : » Lassen Sie uns doch lachen ! Das gnädige Fräulein ist so vergnügt und zufrieden , daß sie wieder da ist ! Wissen Sie warum ? « Als ich das schlimme Geschöpf verblüfft und errötend freiließ , legte es mir die Hand auf die Schulter und lispelte weiter : » Sie war so traurig die ganze Zeit , denn sie ist verliebt ! Wissen Sie , in wen ? « Ich fühlte das Herz beinah stillstehen und sagte tonlos : » Nun , in wen denn ? « » Ein Rittmeister bei den Kürassieren ! « hauchte sie nun ganz leise , » himmelblaue Tracht , schneeweißer Mantel , Stahlharnisch und hoher Silberhelm , ein geschwungener Kamm darauf , und das Ganze schön wie ein Hektor , sagt sie , obgleich unser schwarzer Hund so heißt ! « Damit sprang sie davon und eilte der Herrin nach , die schon vorher entschlüpft war . Ich merkte freilich , daß Scherz getrieben wurde ; allein die Schilderung eines schönen Reiteroffiziers bekam mir an sich schon nicht gut in solchem Zusammenhange . Glücklicherweise langten die Kisten für die Bilder an , welche sofort eingepackt wurden . Ich schlug selbst die Nägel in die Deckel , daß die Kapelle von den zornigen Schlägen widerhallte ; denn mit jedem Schlage nahm ich mir gewisser vor , am nächsten Tage fortzugehen , und so dünkte es mir , als nagle ich den eigenen Sarg zu . Aber nach , jedem Schlage schallte ein klangreiches Gelächter oder ein fröhlicher Triller von den Korridoren und Treppen her , die Mädchen jagten hin und wider und schlugen Türen auf und zu . Das bewirkte , daß ich in meine Gartenwohnung ging und gleich auch den Reisekoffer packte , den ich samt neuem Inhalt bei meinem letzten Aufenthalt in der Residenz gekauft hatte . Als ich damit fertig war , ging ich höchst schwermütig , aber gefaßt ins Freie und nach dem Kirchhofe ; dort setzte ich mich auf Dortchens Lieblingsbank und hoffte , sie werde etwa herkommen und ich wenigstens noch einige Minuten bei ihr sitzen können ohne Bosheit noch Gefährde , um sie nochmals recht anzusehen . Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde herangerauscht , aber von der Gärtnerstochter und dem schwarzen Hektor begleitet . Da entfernte ich mich eiligst , im Glauben , sie hätten mich noch nicht gesehen , und lief hinter die Kirche . Als ich dort die Mädchen wieder sprechen und lachen hörte , ging ich in der Verwirrung