voraussichtlich auch noch das ganze Flies ' sche Vermögen erbt , hat andere Ansprüche zu machen und kann einen besseren Mann bekommen , als einen Menschen ohne Familie , einen Abenteurer . - Renatus ! rief Hildegard , ihr Erschrecken unter einem erzwungenen Lachen verbergend - Du thust ja wirklich , als ob Davide unter einer Schaar von Edelleuten und Grafen nur zu wählen hätte ! Du vergissest wohl , daß sie eine Jüdin ist ! Durchaus nicht ! Sie würde nicht die erste Jüdin sein , die einen Edelmann geheirathet hat ! entgegnete er ihr . Nun , vielleicht entschließest Du Dich selbst dazu ! sagte Hildegard mit bitterem Spotte , da sie ihre Bewegung nicht mehr bemeistern konnte und zuversichtlich glaubte , es bedürfe eben nur eines solchen Wortes , um Renatus , dem der Gedanke an eine nicht standesmäßige Heirath gar nicht kommen konnte , zur Besinnung zu bringen . Aber sie verfehlte ihren Zweck , denn Renatus , der seit gestern Abend nur darauf gewartet hatte , einen Ableiter für seinen Unmuth zu finden , und der , wie alle in der Kindheit verwöhnten Menschen , selbstsüchtig genug war , auch Andere leiden sehen zu wollen , wenn er selber litt , sagte gleichmüthig : Es wäre vielleicht das Gescheiteste , was ich thun könnte , und Davide ist schön genug dazu . Kaum war das Wort aber von seinen Lippen entflohen , so bereute er es , denn Hildegard brach in Thränen aus und wendete sich von ihm ab . Das konnte er nicht gut ertragen . Sie hatten als Kinder und auch später wohl bisweilen einen Streit mit einander gehabt , indeß Hildegard hatte dann immer mit der Bemerkung , daß sie die Aeltere und Verständigere sei , eingelenkt und nachgegeben . Er dachte , sie solle das auch heute thun , und er war bereit , sie dann um Verzeihung zu bitten und zu versöhnen . Er vergaß nur , daß sie jetzt in einem andern Verhältnisse zu einander standen , daß die einstige Jugendfreundin sich jetzt als seine Erwählte betrachtete und daß die Liebe oft weniger nachsichtig als die Freundschaft ist . Er wartete eine Weile , er rief Hildegard bittend bei ihrem Namen , sie achtete aber nicht darauf . Sie wollte ihn gründlich fühlen lassen , was er ihr gethan hatte , sie wollte sich auch satt weinen , denn sie mußte sich eingestehen , daß er sie absichtlich quäle und verwunde . Renatus seinerseits stand am Fenster , trommelte mit den Fingern leise auf dem Fensterbrette und überlegte , wie lange er warten solle . Das dauerte eine kleine Zeit , sie dünkte ihn jedoch lange , und als er sich eben anschicken wollte , fort zu gehen , weil er Hildegard nicht daran gewöhnen mochte , mit ihm die Unversöhnliche zu spielen und zu schmollen , trat sie an ihn heran und legte ihre Hand auf seine Schulter . Er wendete sich um und blieb betroffen stehen - Hildegard sah häßlich aus , wenn sie weinte . Sie war überhaupt nicht regelmäßig schön , sie hatte nur schöne Farben und den Jugendreiz , der blonden Mädchen eigen ist . Aber wie bei allen Blondinen vertrugen ihre Züge das Weinen nicht . Ihre feine Haut erschien fleckig , ihre Augenlider geröthet und ihre Gesichtszüge zeigten sich durch die Betrübniß so erschlafft , daß Renatus sich nicht darein finden konnte . Es that ihm leid , daß sie sich entstellte , er sagte ihr , daß sie Unrecht habe , so empfindlich zu sein und einen Scherz so übel aufzunehmen , aber er konnte sich nicht entschließen , sie mit einem Kusse , wie er wohl sonst gethan hatte , zu versöhnen . Sie kam ihm alt vor , und sie war ja auch älter , als er . Weil sie ihn sonst stets nachgiebig und weich gesehen hatte , hielt sie sich jetzt zurück ; sie glaubte sich dies schuldig zu sein . Renatus aber fand sich durch diese geflissentliche Zurückhaltung in seiner Unzufriedenheit mit der Geliebten nur bestärkt . Er blickte sie noch einmal an - ihr schmollender Mund mißfiel ihm mehr und mehr ; er begriff nicht , wie er sie jemals hübsch gefunden haben könne , nicht , was er bisher neben ihr gefühlt hatte . Er war sich räthselhaft . Das peinigte ihn . Er wendete sich ab , nahm Hut und Säbel und sagte , daß er gehen müsse . Sie hielt ihn nicht zurück . Er reichte ihr kühl die Hand , sagte ihr kühl ein Lebewohl und war verschwunden , ehe sie noch recht wußte , was geschehen sei . Sie wollte ihm nacheilen , als er das Zimmer verlassen hatte ; er erwartete das auch , sah sich nach ihr um und war doch froh , als er sie nicht erblickte . Sie ging an ' s Fenster ; aber heute wählte er nicht die entgegengesetzte Seite der Straße , wie er sonst zu thun pflegte , um von ihr noch einen Gruß , noch einen Blick zu erhalten . Sie sah hinaus , es kam ihr alles so leer vor und es lag ihr alles , was geschehen war , so fern , so weit ab von gestern , so weit ab von diesem Augenblicke ! Auch ihr war es , als sei sie viel älter geworden , als habe sie viel erlebt , viel erfahren , als sei Renatus schon sehr lange fort ! Sie seufzte , faltete die Hände und erschrak , als der Ausruf : Er ist ein Mann , und Dulden ist des Weibes Loos ! über ihre Lippen glitt . Wie kam sie zu diesem Ausrufe , zu diesem Gedanken ? - Sie weinte bitterlich . Renatus hingegen war froh , als er sich auf der Straße fand . Hildegard ' s Gefühlsweichheit und ihre Thränen hatten ihm Angst gemacht . Er wünschte nicht , dergleichen öfter zu erleben , er freute sich , daß er sich so fest gezeigt hatte . Es ward ihm ganz leicht um ' s Herz , als der frische Wind ihm durch die Locken wehte . Die Luft in den Zimmern der Gräfin war ihm heute durch die Resedatöpfe und den Potpourri so beklemmend gewesen ! - Sporenklirrenden Trittes einherschreitend , ließ er den Schleppsäbel geflissentlich auf dem Pflaster anschlagen , er zog im Gehen den Säbel spielend halb aus der Scheide und stieß ihn wieder hinein . Jede Bewegung dünkte ihn eine Lust , und mit einer wahrhaften Genugthuung sagte er sich , daß ihn nichts auf der Welt verpflichte , sich um Hildegard ' s Empfindlichkeit und Empfindsamkeit zu kümmern , da er ja noch völlig frei , noch völlig ungebunden sei . Freiheit und Ungebundenheit hatten seit gestern , er wußte selbst nicht wodurch , einen hohen Reiz und Werth für ihn gewonnen , und er konnte sich es nicht verhehlen , sein Oheim hatte Recht gehabt : es lag etwas Bedenkliches in seiner Freundschaft mit den Rhodens , etwas , wovor er sich zu hüten hatte . Er war im Allgemeinen weit entfernt , die Ansichten des Grafen Gerhard zu theilen , nur das Eine mußte er ihm zugestehen - ein Menschenkenner war der Graf , und Welterfahrung hatte er . Zwölftes Capitel Fast um dieselbe Zeit , in welcher Renatus die Wohnung der Gräfin verließ , stand Paul vor der niedrigen Thüre eines Zimmers , das in einem Hinterhause derselben Straße im dritten Stockwerke gelegen war . Auf sein Klopfen rief man : Herein ! und ein mittelgroßer , sehr schmächtiger Mann erhob sich von dem Tische , an welchem er schreibend gesessen hatte . Er trug einen hechtgrauen , altmodischen Ueberrock , eine Kniehose und Weste von schwarzem Tuche , und selbst den Puder und den kleinen , steifen Zopf , der ihm fest und gerade am Hinterkopfe saß , hatte er gegen die veränderte Sitte beibehalten . Alles an ihm und in seinem Stübchen trug das Gepräge peinlicher Genauigkeit und Ordnungsliebe . Lineal und Papierscheere , Federn und Bleistift lagen wie nach dem Zirkel abgemessen auf dem Tische , das Wasserglas war mit einem rundgeschnittenen Papier bedeckt . Um den Käfig des Hänflings , der reich mit frischem Vogelkraut behängt war , fanden sich Papierstreifen durch das Gitter gezogen , damit der Vogel das Futter nicht verstreuen könne ; selbst unter die kleine , irdene Vase , in der einige Weidenzweige mit ihren grauen Blüthenkätzchen sich im Sonnenscheine entfalteten , war ein zierlich zurecht geschnittenes Papierblatt gebreitet , und Paul bemerkte mit Vergnügen , daß das Gesicht des schon bejahrten Mannes , der ihn empfing , eben so ruhig und friedlich aussah , wie das Stübchen , welches er bewohnte . Auf seine Frage , wie es ihm ergehe , antwortete der Greis : Gut , gut , lieber Herr Tremann . Wie sollte es mir anders ergehen , da Sie so gütig für mich sorgen ? Ich habe ja alles , was ich brauche , und das müssen Sie sagen , ein so hübsches , sonniges Zimmer habe ich nicht gehabt , selbst nicht , als wir das Stockwerk im Flies ' schen Hause noch ganz allein bewohnten . Er schob bei den Worten für Paul einen Stuhl an das Fenster , machte ihn aufmerksam , wie der Schnee in der letzten Nacht geschmolzen sei , wie in den Gärten , auf die er aus seiner Wohnung hinunter sah , sich an einzelnen Stellen schon der Rasen über dem befreiten , braunen Boden neu zu färben beginne , und sagte dann : Wenn ich so hinunter blicke und dann wieder hinauf nach dem Himmel , und habe solch einen schönen , weiten Horizont vor Augen , so denke ich immer nur mit Schrecken an die Arbeitsstube , in der ich in meinen sogenannten guten Zeiten meine Tage hingebracht habe , und ich frage mich , wie ich sündiger Mensch jetzt nur ein so ruhiges Leben und es in meinen alten Tagen noch so gar gut auf Erden haben kann . Denken Sie , daß Sie es durch Ihre Güte für mich verdient haben , meinte Paul . Ja , freilich , das muß ich mir denken , wenn mich nicht drücken soll , was Sie für mich thun . - Er schwieg einen Augenblick und sagte dann : Ich weiß nicht , was aus mir geworden wäre , hätte Gott Sie nicht zur rechten Zeit mir als einen Helfer in der Noth gesendet . Nicht wissen , wo man sein Haupt zur Ruhe legen soll , und nicht wagen , sich mit seinem grauen Kopfe vor den Menschen , die man gekannt hat , sehen zu lassen , weil man es mit Schimpf und Schande beladen , weil man im Zuchthause gesessen hat - das ist gar zu schrecklich , gar zu schrecklich , lieber Paul ! Er senkte dabei sein Gesicht in seine Hände ; aber als der Andere ihn ermahnte , diese trüben Gedanken von sich fern zu halten , meinte der Alte , es thue ihm gut , sich einmal aussprechen zu dürfen . Sehen Sie , rief er , indem er sich erhob und aus der Schublade seines Tisches ein in schwarzes Leder gebundenes Büchelchen hervornahm , ich denke immer an Sie , und weil ich sonst gar nichts für Sie thun kann und immer nur von Ihnen anzunehmen habe , so schreibe ich hier in das Buch , das ich mir eigens dazu habe binden lassen , alle die guten Lehren ein , die ich mir aus meiner verkehrten Handlungsweise abgenommen habe , und das soll einmal Ihr Erbe sein , obschon Sie meiner guten Lehren wahrlich nicht bedürfen . Es will doch aber Jeder gern etwas zu geben und zu hinterlassen haben . Er hielt Paul das Buch hin ; es hatte einen vergoldeten Schnitt , der Titel war wie eine Festgabe in schönster Frakturschrift geschrieben und trug unter der reichverzierten Ueberschrift : » Erfahrungssätze und Sinnsprüche « , auf der ersten Seite als erste Lehre die Worte : » Gib nie einem Weibe Gewalt über Dich , denn des Weibes Herz ist verkehrt und sein Thun und Treiben eitel ! « Herr Weißenbach schien großes Gewicht auf diesen Ausspruch zu legen . Wenn Sie wüßten , sagte er , wie oft ich mir das in meinem Unglücke vor die Seele gehalten habe ! Und ich war nicht am unglücklichsten , als das Geheimniß meiner Verschuldigung entdeckt , als die Untersuchung gegen mich eingeleitet und mein Urtheil erst gesprochen war , als ich die Untreue , mit welcher ich die mir anvertraute Kasse angegriffen hatte , im Gefängnisse büßte . - Er blätterte in seinem Buche , zeigte dann mit dem Finger auf die betreffende Stelle und rief : Sehen Sie , da steht es : » Ehre annehmen mit dem Bewußtsein , sie nicht zu verdienen , thut einem Rechtschaffenen sehr wehe ! « - Und ich kann mir das sagen und Sie werden mir das bezeugen , lieber Tremann , ich war ein rechtschaffener Mann . Ich bedurfte nicht viel , ich war zufrieden , wenn ich ruhig bei meinen Acten saß , wenn ich meine Pflicht that ; aber ich hatte einem Weibe Gewalt über mich gegeben , einem jungen , einem schönen Weibe , als ich kein Jüngling mehr war , und ich traute einer Delila ! Ich traute , ich folgte ihr und ihren verführerischen Rathschlägen , weil ich ihrem klugen Kopfe und ihren beredten Worten mehr , als meiner Einsicht und meinem warnenden Gewissen glaubte ! Das soll man nicht thun , soll man nicht thun ! Paul hatte viel Nachsicht mit dem alten Manne ; aber er fand es endlich doch nöthig , seinen Erzählungen und Herzensergießungen ein Ende zu machen , indem er ihn bat , sich der Gedanken an seine Schuld , an seine Cassation und an seine Frau zu entschlagen . Der Alte versicherte , daß er dies auch thue . Nur wenn sie hier war , setzte er hinzu , wenn sie einmal wieder hier war , dann wurmt und brennt ' s mich wieder , dann wacht Alles wieder auf - und heute ist sie dagewesen ! Was wollte sie ? fragte Paul . Nichts , nichts , lieber Herr Tremann . Seit sie bei dem Grafen ist , hat sie nichts von mir verlangt , sie hat ' s ja nun bei dem vollauf . Aber weßhalb kam sie denn , sie pflegte doch nichts ohne Absicht , nichts umsonst zu thun ? meinte Paul , der seine Abneigung gegen die Kriegsräthin nicht verhehlte . Der Alte sah sich schüchtern um und sagte : Daß ich die Wahrheit sage , sie kam Ihretwegen ! Meinetwegen - und wie das ? Was will sie von mir ? Gewiß , lieber Paul , ich wollte sagen : lieber Herr Tremann , versicherte der Kriegsrath , dieses Mal hatte sie keine Absichten , dieses Mal meinte sie es gut . Sie fragte , ob ich noch immer Arbeit hätte , ob Sie mir noch das Monatsgeld gäben , woher ich die Arbeit hätte , was ich für Sie schriebe ? Ich zeigte ihr die Auszüge , die ich für Sie aus den Zeitungen machen muß ; sie besah sich das alles , denn sie versteht sich auf dergleichen , und als sie schon im Fortgehen war , drehte sie sich noch einmal um und sagte : » Der Paul hat uns zwar schmählich verlassen und ist eigentlich an Allem schuld , denn wenn er bei uns geblieben wäre , würde Alles anders geworden und wir nie in die Verlegenheit gerathen sein . Da er Dich aber in Deiner Noth und in Deinem Alter wenigstens nicht verläßt - denn ich brauche ihn nicht , ich weiß mir selbst zu helfen - und da ich Dir seinen Beistand auch nicht entzogen sehen mag , so sage ihm , er solle machen , daß er von hier fortkomme , und zwar je eher , desto lieber ! Sag ihm das , und ich verlangte keinen Dank für meinen guten Rath ! « Und damit ließen Sie sich genügen ? Sie erkundigten sich nicht , was diese Weisung , diese Warnung zu bedeuten habe , worauf sie sich beziehe ? Der Alte sah ihn verlegen an . Sie wissen , was meine Laura nicht sagen will .... Er brach ab ; Paul drang nicht weiter in den alten Kriegsrath . Er stand vielmehr auf , händigte dem Greise die Pension , die er ihm seit dessen Freilassung zahlte , für den nächsten Monat aus , sagte , daß er sich dieselbe aus dem Flies ' schen Comptoir für die nächsten Monate holen möge , und wie er in dem Bureau des Staatskanzlers von einem der Sekretäre die Zusage erhalten habe , daß man Herrn Weißenbach auch ferner mit Copisten-Arbeit beschäftigen werde . Dann nahm er seinen Hut und wollte sich entfernen , aber der Kriegsrath hielt ihn zurück . Er hatte offenbar noch etwas auf dem Herzen , das er sich zu sagen scheute , und Paul ermunterte ihn dazu mit der Frage , ob er noch irgend etwas wünsche . Der Alte sah ihn scheu und bittend an . Sie haben so viel für mich gethan , lieber Herr Tremann , sprach er endlich und ich danke Ihnen , daß Sie sich so für mich verwenden ! ich thue mein Möglichstes , Ihrer Fürsprache Ehre zu machen , aber ... Nun was denn ? Aber könnten Sie mir nicht etwas zu rechnen schaffen ? rief der Alte , und er sah so hell dabei aus wie ein Liebender , der endlich sein lange beabsichtigtes Geständniß anzubringen vermochte . Etwas zu rechnen ? Aber was soll das sein ? Weßhalb eben etwas zu rechnen ? Sie haben ja Arbeit genug ! Ja , Arbeit , aber kein Vergnügen , keine Freude ! rief der Alte . Solch ein Blatt , das ich abschreibe , steht vor mir und rückt und rührt sich nicht ; es ist mein Herr , ich bin sein Sclave , ich darf nichts zu- , nichts abthun , jeder Buchstabe ist mein Meister . Aber Zahlen , die commandire ich , die füge ich zusammen , die vermehre und vermindere , die verbinde und theile ich , die sind meine Geschöpfe . Und wie schön sieht es aus , solch ein Cassabuch , wie stattlich , wie majestätisch , wenn die Stellen unten sich auf jeder Seite mehren , wenn es in die Tausende , in die Hunderttausende geht ! - Er hielt ein wenig inne , als schäme er sich dieser Aufwallung , und sagte dann ganz leise und bewegt : Ich war sehr glücklich damals , als in meinem Hauptbuche das Soll und das Haben sich noch wohl vertrugen , als ich noch mit ruhigem Stolze auf die langen , schlanken Zahlenreihen blicken konnte ; und - ich würde hier in dieser schönen , stillen Stube recht glücklich sein , wenn ich wieder etwas zu rechnen , wenn ich wieder die schönen Zahlenreihen zur Gesellschaft und vor Augen hätte ! Es ist das Einzige , was mir zu meinem Glücke und zu meiner Zufriedenheit fehlt ! Paul konnte nur mühsam sein mitleidiges Lächeln verbergen ; er versprach dem Alten , an seinen Wunsch zu denken , und als dieser ihm die Thür öffnete , um ihn hinaus zu lassen , fragte er : Wer geht denn bei dem Grafen Berka ein und aus ? Wissen Sie das zufällig ? Meistentheils Franzosen , entgegnete der Kriegsrath . Ein Baron von Castigni kommt alle Tage . Meine Laura sagt , es sei ein verbindlicher und feiner Mann . Aber auch von den Würtembergern und Westfalen besuchen ihn viele Officiere , und in den letzten Monaten ist auch der junge Freiherr von Arten öfter bei dem Herrn Grafen zu Tische gewesen . Heute ißt er , glaube ich , allein mit ihm . Paul hörte das ohne Entgegnung an und schied von dem Alten mit dem wiederholten Versprechen , an die Erfüllung seiner Wünsche denken zu wollen ; aber die Frage , was die Warnung der Kriegsräthin zu bedeuten habe , beschäftigte ihn doch mehr , als er es dem Greise zu zeigen für angemessen fand , denn sie traf mit den Bemerkungen zusammen , welche auch Herr von Werben ihm in dieser Beziehung gemacht hatte . Da er nicht dazu neigte , seine Person und seine Thätigkeit höher , als es recht war , anzuschlagen , fiel es ihm auf , daß man überhaupt von französischer Seite auf ihn aufmerksam geworden war . Seine Geschäfte waren nicht größer , nicht bedeutender gewesen , als die mancher anderer Kaufleute , seine Reisen hatten an und für sich auch nichts Auffallendes , und der Verkehr , welchen er zwischen den heimischen und den im Auslande lebenden Vaterlandsfreunden vermittelt hatte , war mit solcher Vorsicht behandelt worden , daß er nicht wohl verrathen sein konnte . Den Grafen Gerhard , über dessen Verhältniß zu Seba er nicht im Zweifel war , hatte er seit seiner Kindheit nicht wieder gesehen . Er trug auch kein Verlangen danach , dem von ihm in jeder Beziehung verachteten Manne aufs Neue zu begegnen , und mit dem Herrn von Castigni , mit dem er jetzt im Flies ' schen Hause freilich beständig zusammentraf , hatte er keine Unannehmlichkeit gehabt . Die einzige peinliche Berührung hatte gestern zwischen ihm und Renatus Statt gefunden ; damit konnte aber die Warnung der Kriegsräthin , die ohnehin von älterem Datum war , nichts gemein haben , und es blieb ihm auf diese Weise also kein Anhalt für seine Vermuthungen . Da man sich jedoch unter der obwaltenden französischen Gewaltherrschaft auf jede Art von Spionage und Angeberei gefaßt halten mußte , so war es ihm erwünscht , mit seinen Angelegenheiten so weit vorgeschritten zu sein , daß seiner Abreise nicht mehr viel im Wege stand . Dreizehntes Capitel Während dessen war Renatus bei seinem Onkel angelangt , und da der Graf es liebte , sich noch zu den jungen Leuten zu zählen , von ihm mit einer fast kameradschaftlichen Heiterkeit empfangen worden . Er wußte bereits von Castigni , der in der Frühe bei ihm gewesen war , daß sein Neffe den letzten Abend im Flies ' schen Hause zugebracht hatte , und warf lächelnd die Frage hin , wie ihm denn der Günstling dieses Hauses , der sogenannte Tremann , gefallen habe . Sie kennen ihn also auch ? fuhr Renatus auf , während das Blut ihm zu Kopfe stieg . Der Graf bejahte dies in einer Weise , die darauf berechnet war , sich dasjenige , was er wußte , abfragen zu lassen , und er erreichte auch seine Absicht , denn Renatus fiel ihm mit dem Ausrufe in die Rede : So sagen Sie mir , Onkel , wo war der Mensch bis jetzt und wie kommt er in das Haus ? Der Graf zuckte die Schultern . Hast Du noch nicht bemerkt , mein Lieber , wie zufällig die Gesellschaft sich bei solchen Leuten , die um jeden Preis ein Haus zu machen wünschen , zusammensetzt ? Ich könnte Dich mit gleichem Rechte fragen : Wie kommst Du dorthin ? wüßte ich nicht , daß Flies von Alters her der Geschäftsmann Deines Vaters war , und Dein Vater hat seine eigenthümlichen Wege , die zu kreuzen nicht meines Amtes ist . Er that , als wolle er von dem Gegenstande abbrechen ; indeß Renatus war damit nicht gedient , und da er geneigt war , sich der Einsicht seines Onkels heute mehr als sonst zu fügen , weil er heute einen Beweis von der Menschenkenntniß desselben gewonnen zu haben meinte , sagte er : Sie selber haben ja früher die Flies gekannt , und es dünkt mich , fügte er in einer ihm fremden , leichtfertigen Weise hinzu , mit der er sich dem gewöhnlichen Tone des Grafen anzupassen suchte , und es dünkt mich , Sie müssen in dem Flies ' schen Hause mehr als nur eine Einquartierung gewesen sein , denn Seba weicht stets aus , wenn ich von Ihnen spreche ! In welchem Verhältnisse standen Sie zu ihr ? Der Graf lachte hell auf , Renatus machte ihm in seiner steifen Leichtfertigkeit einen komischen Eindruck , aber er ließ ihn nicht merken , daß dieses Lachen nicht der Frage , sondern dem Frager galt , und entgegnete : In dem einzigen Verhältnisse , in welchem Unsereiner zu einem Judenmädchen stehen kann ! Um ihre Bekehrung zum Christenthume , das sagst Du Dir wohl selber , war mir ' s nicht wesentlich zu thun ! Renatus hatte bei der Art seiner Frage auf eine solche Antwort gefaßt sein müssen , doch war sie ihm widerwärtig . Er fand nicht gleich die Entgegnung , die er zu geben für nöthig hielt ; der Graf ließ ihm auch nicht die Zeit , sie erst lange zu suchen . Ein eigener Gedanke , Dich in das Haus zu schicken ! Eine wunderliche Weise , in welcher man Dich überhaupt für den Feldzug für das Leben vorbereitet hat , für diesen Krieg Aller wider Alle ! sagte er plötzlich . Aber das vergessen sie in ihrer Weisheit ! Sie lassen Euch in die Welt gehen , ohne Euch die Gefahren zu zeigen , die Euch drohen , ohne Euch vorsichtig zu machen , mit nichts ausgestattet als mit Eurer Unschuld und Begehrlichkeit , und dann wundern sie sich , wenn Ihr wie die Drosseln in der ersten Schlinge und an der ersten rothen , reifen Beere hängen bleibt , die Euch in den Weg kommt ! Arme Gräfinnen und reiche Juden , das ist alles Eins : feine Vogelsteller , die ihre Vögel kennen und ihr Garn zu legen wissen , jeder auf seine Art - und Ihr fallt dann auch hinein - Jeder auf seine Art ! Ja , leider ! rief Renatus unwillkürlich . Leider ? Was weißt Du davon ? fragte der Graf , der bis dahin im Zimmer umhergegangen war , vor seinem Neffen Fuß fassend . Renatus zögerte zu antworten . Er wußte , daß der Graf nicht der Mann war , die Neigung zu würdigen , welche ihn mit seiner Jugendgespielin verbunden und der er sich in der letzten Zeit mit so viel Hingebung und Wärme überlassen hatte . Er wußte eben so gut , daß er heute absichtlich ein Unrecht gegen Hildegard begangen habe und daß er dieses steigere , indem er den Grafen in das Vertrauen ziehe ; aber er konnte mit Zuversicht darauf rechnen , von demselben wegen dieses Unrechtes nicht getadelt zu werden , er durfte vielmehr hoffen , Aufmunterung zu erhalten , wo er selber sich Vorwürfe machte , und weil er in jedem Betrachte unzufrieden mit sich war , verlangte sein abhängiges Wesen nach Lob , gleichviel , von wem ihm dieses komme oder worauf es sich beziehe . Trotzdem fand er es schwerer , als er sich ' s gedacht hatte , von seinen guten Gewohnheiten , von den Ehr- und Anstandsbegriffen zu lassen , in denen er erzogen und aufgewachsen war , und dem scharfen Auge seines Onkels ausweichend , entgegnete er , um Zeit zu gewinnen : O , von mir ist nicht die Rede , und Sie , Onkel , Sie können derartige Erfahrungen doch nicht gemacht haben ? Ihr Glück bei den Frauen ist ja noch sprüchwörtlich im Regimente ! Der Graf nahm eine ernste Miene an . Ich habe mich , sagte er , über die Frauen nicht zu beklagen gehabt , weil ich frei zu bleiben und zu schweigen verstand und weil ich dasjenige zu vergessen weiß , woran ich nicht erinnert zu sein wünsche . Gehe hin und thue ein Gleiches , fügte er lächelnd hinzu , und sie werden , wenn sie nicht Deines Lobes voll sind , doch ausweichen , wenn man von Dir spricht ! Wie Seba ! fiel Renatus , der sich erinnerte , wie er sich vorher eben dieses Ausdruckes bedient hatte , dem Oheim , als habe er eine Erleuchtung erhalten , lebhaft in die Rede . Wie Seba thut , wenn man von Ihnen spricht ! Der Graf ließ den Ausruf unbeantwortet . Erst nach einer geraumen Pause sagte er : Wenn die Frauen ihre Vergangenheit so ganz und gar vergessen , geben sie uns das Recht wieder , derselben zu gedenken . Es ist belustigend , zu hören , wie geläufig die großen Worte : Deutschthum , Jungfräulichkeit und Tugend dieser Gesellschaft und allen diesen Frauen geworden sind , wie sie einander stützen und tragen , weil die meisten von ihnen auf schwachen Füßen stehen , und wie alle doch nur den Einen Zweck der Selbstsucht verfolgen : einen Mann zu bekommen oder die Ihrigen an den Mann zu bringen . Nur schade , daß man ' s merkt ! - Ich sagte Dir neulich : Nimm Dich mit den Rhoden ' s in Acht ! Die Warnung war vielleicht vom Ueberfluß , denn auf die blonde , schmachtende Unschuld hast Du ' s wohl nicht abgesehen ! Ich sage Dir heute , vielleicht mit größerem Rechte : Sieh ' Dich mit den Flies , mit Seba vor ! Sie könnte für Davide zu erlangen wünschen , was ich ihr zu gewähren trotz ihrer Zuvorkommenheit nicht für angemessen fand , und sie gehört zu denen , die vielleicht großes Spiel für Andere zu spielen lieben , nachdem sie die Partie für sich verloren haben ! Er ging an seinen Schreibschrank , setzte sich vor demselben nieder und suchte anscheinend etwas unter seinen papieren . Renatus war es äußerst unbehaglich zu Muthe . Er wußte seinem Oheim für diese Mittheilungen keinen Dank , obschon er selber sie hervorgerufen hatte , dennoch reizten ihn die Andeutungen , die halben Aufschlüsse , welche derselbe ihm machte . Weil er sich