sehr lieb gehabt - und gemäß dieser Liebe - hatte ich mir die Zukunft ausgemalt . Das ist nun vorbei .... Sie dürfen mir glauben , meine Buße wird kein Gaukelspiel sein . « Tränen traten in ihre Augen ; aber sie schüttelte sie von den Wimpern und rief : » Heil mir ! ich darf das Kreuz umfangen ! « » Nein ! « rief Orest , » wirf es weg ! es kostet Dir Tränen ! « » Es hat meinem Erlöser sein Blut gekostet : ich behalte es ... und ich hoffe , Orest , es kommt der Tag , wo auch Sie es annehmen werden . « Er hub bitter zu lachen an . Judith machte eine Bewegung , in den Salon zu gehen . Er stürzte ihr in den Weg und rief : » Barmherzigkeit ! verlaß mich nicht .... nicht so plötzlich .... nicht gleich ! Versprich mir das ! « » Ich verspreche nichts , Orest , ich weiß ja selbst noch gar nicht , was aus mir wird . « » Ha ! « rief er , » Du weißt es nicht - aber ein anderer wird es wissen ... Dein Priester , nicht wahr ? Der soll über Dich bestimmen , und Du , der Unabhängigsten eine , willst ihm folgen , wie ein unmündiges Kind ! Liebst Du ihn denn so grenzenlos ? « » Man muß gewiß eine grenzenlose Liebe zu Gott haben , « entgegnete sie sanft , » um auf Kundgebung des göttlichen Willens zu harren , wenn man gerne einen raschen Entschluß fassen möchte . « » Mich zu verlassen - schon heute - nicht wahr ? « rief er in fürchterlicher Aufregung . » Nein , « sagte sie , » heute nicht .... gewiß nicht . Und jetzt begleiten Sie mich in den Salon . « Er folgte ihr . Aber er ging hindurch und zu Florentin . Die Taufe Judith hatte an Lelio sagen lassen , sie wünsche am Nachmittag die Katakomben von St. Sebastian in seiner Begleitung zu besuchen und sie werde ihn abholen . Um zwei Uhr empfahlen sich die Leute , die bei ihr waren , und ihr Wagen fuhr in die Einfahrt an die Treppe . Als sie mit Madame Miranes hinabgehen wollte , stürzte Orest ihr aus Florentins Zimmer leichenblaß und aufgeregt entgegen und rief : » Wohin , Judith ? .... wohin ? « » Nach den Katakomben . Wollen Sie uns nicht begleiten ? « erwiderte Judith . » Nein , ich danke Ihnen ! ich kann nicht ! aber wann kommen Sie wieder ? « » Gegen sechs Uhr , zur Eßstunde . « » Gut ! « sagte er und trat in Florentins Zimmer zurück . » Was fehlt dem Grafen Orestes ? er sieht zum Erschrecken aus , « sagte Madame Miranes . » O ! er ist sehr zu beklagen ! « seufzte Judith . Da Madame Miranes die unterirdischen Expeditionen , wie sie sie nannte , und den Qualm der Pechfackeln verabscheute , so ließ sie sich von ihrer Tochter zu einer Bekannten bringen , so daß Judith zu ihrer größten Freude mit Lelio allein war und ihm ungestört alles mitteilen konnte , was seit gestern ihr begegnet war und was sie unwiderstehlich zum Entschluß drängte . » Hab ' ichs Ihnen nicht prophezeit ! « rief er frohlockend ; » durch das Auge der Welt erkennen Sie die göttliche Wahrheit . « » Ja , « sagte Judith mit einem Anflug von Traurigkeit , der noch der gefallenen Natur angehörte ; » ja , die Erkenntnis des Göttlichen erheischt Bekenntnis . Kein edles Herz verleugnet seine heiligsten Überzeugungen ... denn kein edles Herz lügt . Aber Lelio , es kostet mich mein Erdenglück . Ich spreche das nicht gegen Graf Orestes aus , denn er würde darauf fußen , um mich zu bestürmen - und das ist vergeblich , also vermeid ' ich es . Aber ich gestehe es , ich hab ' mich so daran gewöhnt , in ihm ein treues , zärtliches Herz zu besitzen und in der Verbindung mit ihm die Befriedigung meiner Ansprüche an das Leben zu erhoffen , daß mir vor dem Schutthaufen graut , in den die Erkenntnis der göttlichen Offenbarung mein Schicksal verwandelt . Mir ist zu Sinn , als habe ein Wetterstrahl einen hohen festen Turm zu Boden geschmettert . « » Den stolzen Turm irdisch-selbstischen Glückes ; ja , Signora , das ist ganz richtig und das zeigt uns an , daß wir ein anderes Glücksgebäude aufführen sollen , als ein solches , welches zusammenbricht , wenn die Wahrheit in unseren schwülen Horizont hinein wetterleuchtet . Den irdischen Schmerz werden Sie mit Ihrem kräftigen , unter dem Kreuz sich heiligenden Herzen tapfer durchkämpfen und in diesem Kampf zu der beseligenden Gewißheit gelangen , daß Befriedigung des Herzens ohne Sünde , und Befriedigung der Vernunft ohne Irrtum hienieden nirgends als in der christlichen Kirche gefunden werden kann . In dem Kampf stehen Sie nicht allein ! er ist keine Ausnahme ; er ist allgemein gültiges Gesetz . Millionen vor Ihnen , neben Ihnen , nach Ihnen bestehen ihn . Darum heißt die Kirche auf Erden : die streitende . Sie streitet nicht bloß im allgemeinen gegen den Geist des Irrtums , der Sünde und Verkehrtheit auf jedem Gebiet der menschlichen Vergesellschaftung , sondern jedes ihrer Kinder hat diesen Streit für seine Person , oft bis aufs Blut , immer bis aufs Mark , fortzusetzen .... sobald es nicht dem Siegespreis entsagt . Dieser Streit entwickelt heroische Tugenden , bildet heroische Seelen , christliche Seelen , die mit Christus die Welt überwinden , weil Christus in ihnen lebt , mit seinem Fleisch , mit seinem Blut , und ihnen seine göttliche Natur mitgeteilt hat , indem er die menschliche Natur annahm . Teure Judith , es ist nicht der Mühe wert , das Leben zu durchkämpfen , wenn es auch nur wäre , um die Wonne zu kennen , daß wir uns nicht auf uns selbst , sondern auf unseren göttlichen Kampfgenossen zu verlassen haben ? O Judith ! die Menschen wollen immer so hoch hinaus und wollen immer die ganze Welt zu ihren Füßen sehen ; und auch Sie wollten es . O , wenn doch die Menschen die wahre Erkenntnis ihrer Hoheit und das Bewußtsein ihres göttlichen Geschlechtes hätten , dann würden sie in Wahrheit die Welt zu ihren Füßen - nämlich als etwas so geringes sehen , daß ihre Freuden nicht eines Lächelns - ihre Schmerzen nicht eine Träne wert sind . So haben es auch die Martyrer verstanden , die in den Katakomben ruhen . Sie waren meistens im Heidentum aufgewachsen , oft in den glücklichsten , glänzendsten Verhältnissen . Da rührte die Gnade ihr Herz an , sie erkannten die Wahrheit , sie legten ihr Zeugnis für sie ab ; und wo ? auf der Folterbank , auf dem Scheiterhaufen , vor den wilden Tieren . So stark waren sie in dem Gott , an den sie glaubten , auf den sie hofften , den sie liebten . « » Ach Lelio ! « rief Judith , » mir kommt die Welt zuweilen wie eine Arena voll wilder Tiere vor und gewiß hat die christliche Seele in ihr manches Martyrium zu bestehen , das der Siegespalme würdig ist . « » Gott Dank dafür ! « sagte Lelio . » Es wäre ja sehr traurig , wenn uns die Martyrer nichts übrig gelassen hätten . « Dann teilte er ihr mit , was Hyazinth und Corona hinsichtlich der Tauffeierlichkeit abgemacht hatten , und setzte hinzu , er werde sie in der Frühe um vier Uhr abholen . » Aber heimlich ! aber in aller Stille ! « sprach Judith . » Ich weiß nicht warum - allein ich schwebe in zitternder Angst , daß Graf Orest auf den Einfall kommen könnte , meine Taufe zu hindern - mich gewaltsam fortzuschleppen . « » Solche Ängste hat man immer , wenn man der Erfüllung eines großen Glückes , eines heißersehnten Wunsches nahe ist , « erwiderte Lelio beruhigend . » Das Menschenherz weiß instinktmäßig , daß das Glück auf Erden äußerst flüchtig ist ; da fürchtet es denn leer auszugehen . « » Nein , « entgegnete Judith , » meine Angst entspringt aus Angst um Orest . Er sieht das Sündhafte unseres Verhältnisses nicht ein ; er fühlt sich tötlich verletzt und bei seiner unbezähmbaren Leidenschaftlichkeit liegt es nahe , Rache nehmen zu wollen . Möge sie mich treffen .... aber als Christin . « » Ah ! Sie möchten auch Martyrin werden und wegen Ihres freudigen Glaubensbekenntnisses Verfolgung und Tod zu leiden haben ! « rief Lelio heiter . » Seien Sie getrost , Judith : das Leid wird Ihnen nicht fehlen ! dies prophezeie ich abermals und mit großer Sicherheit . Machen wir ernst mit Gott : so macht er ernst mit uns . In dem Maß , wie wir ihn lieben , legt er uns Kreuze auf . « » Und meine Natur hat einen solchen Abscheu gegen das Leid ! « rief sie . » Art der Natur überhaupt , « entgegnete Lelio gelassen , » und bleibt auch ihre Art. Der heilige Johannes Chrysostomus bezeugt es , indem er schreibt : Die Gnade ändert nicht unsere Natur , wohl aber unseren bösen Willen ; er will Ihnen damit sagen : Die Gnade gibt dir die Kraft , Gott zu lieben und durch diese Liebe den Willen , das Kreuz - diesen Ausdruck für die Quintessenz jedes edlen Leidens - demütig anzunehmen . « » Ich werde pünktlich um vier Uhr bereit sein , « sagte Judith ; » aber Sie dürfen nicht vorfahren , sondern lassen den Wagen in einiger Entfernung auf dem Corso halten und kommen dann zu Fuß an die kleine Pforte , wo ich auf Sie warte . « » Diese Heimlichkeit hat ja in der Tat etwas Ähnlichkeit mit jener Zeit , wo die heidnische Verfolgung wütete und wo die Christen sich zur Feier des heiligsten Meßopfers und zum Empfang der Sakramente bei nächtlicher Weile in den Katakomben versammelten , ja sogar zeitweise in ihnen lebten . Die Verfolger kannten weder die Ein- und Ausgänge dieses unterirdischen Labyrinthes , noch die Wege und Stege innerhalb desselben ; und so wurden die Grabkammern der Toten zugleich die Wohnstätte der Lebenden . Mancher , der in den Katakomben das Bad der Wiedergeburt im Blut Jesu empfangen hatte , verließ sie nur , um in der Arena sein Blut für das Bekenntnis eines Glaubens zu verspritzen , dessen höchste Gnade , Vergebung der Sünden und Teilnahme am eucharistischen Opfer , ihm soeben geworden war . « Sie durchwandelten die Katakomben , die sich unterhalb der Kirche von St. Sebastian befinden - diese dunkeln , kellerhaften , unregelmäßigen Gänge , die zuweilen eng und niedrig , zuweilen breit und hoch fortlaufen , und in deren Wände sich die zugemauerten Grabnischen der Christen befinden , welche diese unzugängliche Stätte zu ihrem Dom und zu ihrem Gottesacker machen mußten , weil die heidnische Welt sie nicht auf der Erde dulden wollte . » Wie ist es möglich , an der göttlichen Stiftung der Kirche zu zweifeln , wenn man die Geschicke der ersten Jahrhunderte erwägt ! « rief Judith , nachdem Lelio ihr Einzelheiten über die Grausamkeit der Verfolgung und die Standhaftigkeit der Martyrer mitgeteilt hatte . Was nur irgend zerstörend und auflösend wirkt : die Macht des Thrones , der Haß des Unglaubens , der Druck der Masse , die Verachtung der sogenannten Gebildeten - alles wälzt sich auf sie und zwar mit den gewalttätigsten und giftigsten Mitteln . Aber sie wich keiner Gewalt und jedes Gift schied sie aus - und mit demselben Glauben , mit dem sie in die Katakomben hineingegangen war , ging sie nach drei Jahrhunderten aus ihnen hervor . So etwas ist ohne die Leitung des heiligen Geistes und ohne die Gründung auf eine übernatürliche Basis ganz unmöglich . Mir däucht , es müßte sich jeder , der guten Willens ist und diese Geschicke bedenkt , zu ihr bekehren ; denn nur in ihr ist er auch objektiv sicher , die Lehre zu besitzen , welche die ersten Christen geglaubt haben , weil ein Lehrgebäude , das auf übernatürlichem Felsen ruht und vom heiligen Geist in Unantastbarkeit erhalten wird , notwendig ein unfehlbares sein muß - und das Unfehlbare ist ewig unveränderlich ; während es doch ganz unmöglich ist , von einem menschlichen Lehrsystem so etwas zu glauben oder zu behaupten . Ich finde diese Unveränderlichkeit der Lehre in einer veränderlichen Welt , deren Strömungen ja auch auf die menschlich-schwachen Glieder der sichtbaren Kirche nicht ohne Einfluß sind - etwas so Göttliches , ein solches Wunder über alle Wunder , eine solche Beglaubigung als himmlische Stiftung , daß ich eher Florentins rohe Negation aller göttlichen Offenbarung begreife , als Orests Vorschlag , eine Offenbarung außerhalb der katholischen Kirche anzunehmen . Jener sagt : es gibt keine objektive ewige Wahrheit , denn meine Sinne empfinden sie nicht , und mein Verstand verwirft sie . Gut ! das ist der Ausdruck der gefallenen Natur in höchster Potenz , auf der äußersten Stufe der Brutalität . Aber Orest ! welche Verwirrung des Verstandes und Verirrung der Vernunft , um die ewige Wahrheit irgendwo anders zu suchen oder zu glauben , als dort , wo der Weltheiland sie niedergelegt hat . Ach , Lelio ! was wird aus Orest werden ! « » Gram um unsere irrenden Brüder - das ist katholisch , teure Judith , « entgegnete Lelio . » Den werden Sie nicht los bis zu Ihrem letzten Atemzug und umso weniger , je mehr Sie die Kirche als Wunder aller Wunder Gottes erkennen und in dem eucharistischen Christus , den sie liebend und anbetend im süßen hochheiligen Opfer auf ihren Altären hegt , die Besiegelung dieses Wunders umfassen . Die Kirche , die den eucharistischen Christus besitzt - ist die ewig lebende Stiftung der göttlichen Liebe , denn ihr Mittelpunkt ist sein ewig lebendiges , wahrhaft und wesenhaft gegenwärtiges Herz . Und weil sie das ist und das hat , so ist sie - und nur sie ! für alle Zeiten der Welt ihrer Fortdauer gewiß und ihr - nur ihr ! gehört die Zukunft an . Das wußten die alten todesfreudigen Martyrer . Der eucharistische Christus war der Nerv ihres Lebens , ihres Todes . Sie starben mit ihm für uns . Sie glaubten nicht im Stande zu sein , die namenlosen Schrecknisse der vervielfältigten Folterqualen aushalten zu können , wenn sie nicht zuvor mit ihm durch die heilige Kommunion sich vereinigt hatten . Daher wendeten die Anverwandten und die Priester alle Mittel an , die größten Geldsummen auf , um in den Kerkern , wo die Verurteilten schmachteten , das heilige Meßopfer zu feiern und ihnen den Leib des Herrn zu spenden . Und wir , Judith , wir ihre Nachfolger in der grausigen Arena der Welt , wie Sie sagen , wir sollen ja auch Martyrer am Herzen werden , indem wir ihm durch die Flammen der heiligen Liebe alles Ungöttliche und Irdische langsam , langsam , lebenslang ausbrennen lassen . Wir sind ja auch Gefangene im Kerker des Leibes , Verurteilte zum Tode , Verurteilte , die zuvor Meere von Trübsal und Drangsal durchschwimmen müssen und immer Kopf und Herz höher behalten müssen , als ihre Wellen und Fluten . Was gibt uns dazu den Nerv und den langen Atemzug ? der eucharistische Christus ! Er bevölkerte die alte Welt mit Martyrern und die späteren Tage mit Martyrern - immer mit der Art , die am meisten die Verherrlichung Gottes förderte . Und so wird es bleiben bis zum Ende der Zeiten ; denn die heilige Liebe , Judith , ist ein Martertum und muß es sein , weil sie am Kreuz geboren ist und vom Herzen Jesu sich nährt . « » Wie göttlich wird das Leben im Licht des Glaubens ! « rief Judith entzückt . Ihr zusammengekrümmtes , staubumwölktes Herz erhob sich gerade und frisch vor der Gnadenluft , die vom göttlichen Opfer auf dem Altar sie anwehte . Jeder edle Instinkt ihrer Seele und jeder hohe Aufflug ihres Geistes fand Maß , Schwung , Ziel . » Ich habe , « fuhr sie fort , » nicht die leiseste Ahnung , wie sich mein ferneres Leben gestalten und auf welchem Punkt unseres Erdballs ich mein Zelt aufschlagen werde ; ich muß brechen mit meinen Freunden und Freuden , mit meinen Beschäftigungen , ja , mit meinem Talent , damit ich tot für Orest sei ; aber ich weiß eines : der gräßliche Druck ist von meinem Herzen genommen , unter dem ich erlag , der sich unter allen Formen und Gestalten auf mich wälzte , den Stempel des Todes auf alle Erscheinungen prägte und der in dem Gedanken liegt : ich finde nichts , was der Mühe des Lebens wert ist ! Ich glaube , Lelio ! und nun kann ich leben ! « Er fragte sie , ob sie gesonnen sei , den Vorschlag der Oberin anzunehmen und in Trinità dei Monti zu bleiben . Sie antwortete : » O hätte ich jemand , der sich außerhalb all meiner tumultuarischen Verhältnisse befände und gleichsam von Oben herab in sie hineinblickte und zu mir spräche , wie von Oben herab : dem wollte ich folgen ! Ich bin bis jetzt immer sehr schnell zu irgend einem Entschluß gekommen . Ich ging nur mit mir selbst zu Rat , und je nachdem eine Sache mir zusagte oder nicht , entschied ich mich für oder gegen sie . Allein wenn ich bedenke , wohin ich auf diese Weise geraten bin und daß unser höchstes Opfer darin besteht , unseren egoistischen Eigenwillen zu opfern : so sehne ich mich nach erleuchteten Ratschlägen , die mich über das Richtige und das Beste aufklären und denen ich vertrauend folgen dürfte . « » So heiligt man sich ! « erwiderte Lelio . » Ja , das Leben im Licht des Glaubens ist göttlich , Judith ! doch nicht , weil es unserem Geist göttliche Geheimnisse zu betrachten gibt , nicht , weil es unser Herz durch göttliche Gefühle beflügelte ; das alles ist Genuß , Heiligung nicht ! sondern weil es uns gottähnlich machen und in all die Tugenden einführen soll , die der Gottmensch von Bethlehem bis Kalvaria geübt hat und die sich in dem einen Wort zusammendrängen : demütiger Gehorsam .... Gehorsam aus Liebe ! Dies himmlische Wort will die Welt nicht verstehen . Das ist ihre Krankheit , ist die tiefe Wunde , an der sie ihre besten Kräfte verliert : sie will nicht gehorchen , keiner Autorität , keinem Gesetz . Der Grund , weshalb die heilige Kirche so viel Feinde und Gegner hat , ist freilich zuerst die Heiligkeit ihrer Lehre und ihre Bestimmung , die Seelen zur Heiligkeit zu führen ; allein der nächste Grund ist : Abneigung gegen den Gehorsam , die in Folge einer verkehrten , auf materialistischen Grundsätzen beruhenden Erziehung , unsere Welt von oben bis unten zerwühlt und verstört . Die Kirche aber lehrt unermüdlich Ehrfurcht vor rechtmäßiger Autorität - und muß es tun , weil Christus es getan hat , als er sprach : Gebt dem Kaiser , was des Kaisers ist , und Gott was Gottes ist . Heutzutage hat weder Kaiser noch König den Mut , zu den Völkern zu sagen : Gebt dem Kaiser , was des Kaisers ist . Die revolutionären Bewegungen , die seit einigen Generationen Europa erschüttern , und fort und fort vom Partei-und Faktionsgeist aufgestachelt und angespornt werden , haben eine solche Hefe von Unbotmäßigkeit in der Gesellschaft zurückgelassen , daß Kaiser und König nur mit vielen Umschweifen und unter mancherlei Schmeicheleien zu verstehen geben : die rechtmäßige Herrschaft sei zu respektieren - Schmeichelei , für welche sich der eine und andere durch Gewalttat , Heuchelei und Tyrannei zu entschädigen weiß . Immer müssen sie darauf gefaßt sein , daß die Revolution , trotz aller Vorsicht , ihnen antworte . Nun kommt die Kirche und sagt zu diesem unbotmäßigen Geschlecht , das Kaiser und König einschüchtert , höchst bestimmt und ohne alle Verbrämung : Gebt dem Kaiser , was des Kaisers ist , nämlich Gehorsam ; das ist euere Schuldigkeit ; und sagt weiter , zu Fürsten und Völkern , als eine Erläuterung dieses Gebotes : Und gebt Gott , was Gottes ist ! Sie fürchtet sich nicht vor Hohnlachen und Achselzucken , nicht vor Steinwürfen , Dolchstichen , Höllenmaschinen , Revolutionen . Sie hat ihre Vorschule hier in den Katakomben gemacht . Sie spricht , nach dem Ausdruck der heiligen Schrift , wie jemand , der Gewalt hat ; und ich weiß es ja leider ! aus Erfahrung : die ruhige Würde , welche dies Bewußtsein gibt und welche charakteristisch für das Wesen der Kirche ist , flößt dem Revolutionär einen namenlosen Ingrimm ein , denn mit denjenigen irdischen Majestäten , die sich seinem Wunsch gefügt und Szepter und Krone , ihm zu Lieb ' , nicht mehr von Gottes Gnaden haben , hofft er recht bald fertig zu werden . Aber ob mit dieser geistigen Majestät , die von Gottes Gnaden den heiligen Hirtenstab führt - das ist ihm im Grunde seines Herzens höchst zweifelhaft ; und wenn er ihren Untergang so laut ausposaunt , wie wir das erleben : so tut er das hauptsächlich , um sich selbst in seinen Hoffnungen zu bestärken . Der Gehorsam ist ein ewiges Gesetz für jede gute Erziehung . Eivilisation ist die gute Erziehung der menschlichen Gesellschaft ; folglich bedarf auch sie jenes ewigen Gesetzes und der Ausübung desselben . Da nun die Kirche , und sie allein ! es aufrecht hält , so ist sie die Bannerträgerin , welcher die Civilisation folgt - wie sie das genügend bewiesen hat , seitdem sie die Katakomben verließ - und ihren Feinden bleibt nichts übrig , als sich in Taten und Worten des Hasses zu erschöpfen . Ihre Feinde sind alle , welche jenem ewigen Gesetz nicht gehorchen wollen , nicht das Leben in der Zeit als eine Erziehung für das ewige Leben betrachten wollen . Auf dem Punkt steht der arme Graf Orestes . Daß Sie , Judith , aus allen Elementen der Rebellion und der Gegnerschaft , in Ihnen und um Sie , heraustreten - und daß Sie das süße Joch des Gehorsams aus Liebe frei annehmen , beweist einmal wieder , wie keine Seele ihr zu fern , zu fremd , zu empörerisch , zu unbändig ist , um nicht ein Reis des himmlischen Ölbaumes , Christus , auf diesen Wildling zu verpflanzen . « » So wird man ein Christusträger ; nun verstehe ich es , « sagte Judith . » Wir nennen es Kreuzträger , « entgegnete Lelio lächelnd . » In der Kreuztragung erscheint Christus uns am leidenvollsten und am demütigsten . Es ist billig , daß die dankbare Liebe sich ihm in dieser Gestalt verähnliche . « » Wie schön ist das Kreuz ! « rief Judith ; » es setzt einen Dämpfer auf das Instrument unserer Seele , damit alle Töne in Milde zusammen- und dahinfließen . « » Ja , ja ! das Kreuz ist ein vortreffliches Werkzeug der Abtötung ! « rief Lelio . » Kann auch nicht anders sein , da Gott selbst es dazu erfunden hat . « - - Judith ahnte , daß das christliche Leben neue Horizonte vor ihr entrollen werde . Sie freute sich , gerade am Vorabende der hehren Feier , welche sie dem mystischen Leib Christi einverleiben sollte , in den Katakomben gewesen zu sein . » Möchte ich hier die Liebe der Martyrer eingeatmet haben , « sagte sie , als sie die erhabene Stätte verließen . Am Abend waren sehr viele Menschen bei ihr . Das war ihr lieb ! nun brauchte sie nicht viel zu sprechen . Doch nahm sie sich zusammen , um sich nicht allzu sehr ihren Gedanken hinzugeben , denn Orest beobachtete sie scharf . Er sah finster wie die Nacht aus und fieberhafte Unruhe gab sich in seinem Äußern kund . Als man um Mitternacht auseinanderging , wollte Judith auch Orest entlassen , aber er sagte : » Ich bitte um einen Augenblick Gehör , Judith , und um Beantwortung einiger Fragen . « Sie neigte zustimmend ihr schönes Haupt . » Werden Sie heute wieder eine nächtliche Exkursion machen ? « fragte er . » Da Sie , wie es scheint , Florentin als Spion brauchen , « sagte sie kalt , eingedenk ihrer Begegnung , » so hätte er Ihnen mitteilen müssen , daß ich um sieben Uhr ausgegangen und um acht Uhr heimgekehrt bin . « Orest freute sich , trotz Florentins hämischen Warnungen , über diese Auskunft . Er konnte es nicht lassen , an Judiths Aufrichtigkeit zu glauben . Er fragte weiter : » Werden Sie meinen Bitten Gehör geben und sich nach einem akatholischen Ritus taufen lassen ? « » Nein . « » Warum nicht ? « » Weil Christus , der Erlöser , in der katholischen Kirche ist und ich ihn nicht verleugnen kann . « » Und wir sollten getrennt werden ? « » Gott will es . « » Der Priester will es ! « fuhr Orest mit einem schneidenden Lachen auf . » Hat je ein Mensch meinen Willen bestimmt ? « fragte sie kalt . » Welche Pläne für die Zukunft haben Sie ? « » Gar keine . « » Und das soll man glauben ? « Judith schwieg . Orest wiederholte nach einer Pause : » Und das soll ich glauben ? « » Das hängt von Ihnen ab . Ich sage die Wahrheit . « » Werden Sie mir zu entfliehen suchen ? « » Ich bin nicht Ihre Gefangene , daß ich wüßte ! Aber es wird gut sein , daß sich ein Stückchen Land oder Meer zwischen uns lege . « » Denken Sie nur nicht an heimliche Flucht ! « drohte er . » O , « seufzte sie aus tiefster Brust , » ich denke an nichts , als das Gewand der heiligmachenden Gnade in der Taufe für meine Seele zu erwerben ! « » Also Sie denken nicht daran , sich heute oder morgen auf die Flucht zu begeben ? « Judith besann sich und sagte : » Nein . « Es schien ihr am geratensten , vorderhand in Trinità dei Monti zu bleiben . » Also noch ein paar Tage der Hoffnung ! « rief Orest . » Schweige ! « setzte er hinzu , als sie eine verneinende Bewegung machte ; » o schweige ! so lange ich Dich sehe , hoffe ich . « - - Er ging zu Florentin , teilte ihm das lakonische Gespräch mit und sagte zuletzt : » Sie hat also noch keinen Plan für die Zukunft ; das tröstet mich . Vielleicht kann ich sie dennoch gewinnen . « » Du bist einzig mit Deinem hyperkindlichen Vertrauen ! « rief Florentin , der außer sich vor Erbitterung bei dem Gedanken war , daß seine zwiefachen Hoffnungen als Demokrat und freier Denker an Judiths Übertritt zur katholischen Kirche scheitern sollten . » Kennst Du denn nicht die Art der Frauen ? sie lügen nicht und sagen Dir doch nicht die Wahrheit , die Du wissen willst . « » Deine Erfahrungen mögen Dich zu dieser Behauptung drängen , « entgegnete Orest verächtlich . » Judith ist anders . « » Judith ist ebenso ! « sagte Florentin mit kaltem Cynismus . Er war sittlich so tief gesunken , daß er jeden Glauben an edle Gesinnung und reine Absicht verloren hatte . » Judith hat keinen Plan für ihre Zuknuft gemacht - versichert sie Dir . Gut ! es mag sein . Aber sei fest überzeugt : der Priester - natürlich ist es ein Jesuit ! hat längst seinen Plan gemacht und darauf muß sie eingehen , die Unglückliche ! Dazu wird sie durch die Tortur der Beicht gezwungen . « » Mit dem Unsinn bleib ' mir vom Halse ! « rief Orest . » Ich gehe nicht zur Beicht , weil ich nicht will . Aber Tortur und Zwang in sie hineinzulügen ist über allemaßen dumm und lächerlich . Mit solchen Behauptungen kannst Du nur im Feuilleton schlechter Zeitungen Glück machen . « » Hat Judith nicht gesagt , es sei der Wille Gottes , daß Ihr euch trenntet ? - oder ähnliche Floskeln ? « fragte Florentin äußerst gleichgültig gegen Orests Vorwurf , da er zu gemein geworden war , um noch Schamgefühl zu besitzen . » Das hat sie . « » Da nun Gott unmöglich in höchsteigener Person ihr diesen Willen ausgesprochen haben kann , so muß es ja der verruchte Jesuit gewesen sein ; denn sonst redet ja niemand in diesem Sinn zu ihr . Und da sie entschlossen ist zu dieser Trennung , so mußt Du doch einsehen , daß der Jesuit mehr Macht über sie hat , als Du , trotz Deiner langen , glühenden , treuen Liebe . Es ist entsetzlich , dies Reich der Unterwelt in das schöne frische Leben eindringen zu sehen ! « » Es ist entsetzlich ! « rief Orest , in seine Verzweiflung zurückfallend ; » schauderhaft und entsetzlich ! « » Ist es noch möglich , die herrliche Judith für Dich zu retten , so reiße sie um jeden Preis von jenem Jesuiten los . Schieß Dich mit ihm , schlage Dich mit ihm auf Tod und Leben .... « - » Ah ! mit Wonne ! « rief Orest feurig . » Aber tut das ein Jesuit ? « » Versteht sich - wenn man ihm gründlich zu Leibe geht . « » Ah ! ich schöpfe Atem , ich lebe auf ! ein Pistolenduell !