Zwischenräume . Auch die Wissenschaften leiteten nicht so sicher ab . Mein Fleiß lenkte endlich die Aufmerksamkeit auf sich , man beförderte mich . Anfangs ging es langsamer , dann schneller . Nach dem Verlaufe von mehreren Jahren war ich in einer der ehrenvolleren Stellungen des Staatsdienstes , welche zu dem Verkehre mit dem gebildeteren Teile der Stadteinwohnerschaft berechtigten , und ich hatte die gegründete Aussicht , noch weiter zu steigen . In solchen Verhältnissen werden gewöhnlich die Ehen mit Mädchen aus ansehnlicheren Häusern geschlossen , welche dann zu glücklichem und ehrenvollem Familienleben führen . Mathilde mußte jetzt einundzwanzig oder zweiundzwanzig Jahre alt sein . Irgend eine Annäherung ihrer Eltern an mich hatte nicht statt gefunden , auch konnte ich nicht die geringsten Merkmale auffinden , wie unermüdlich ich auch suchte , daß sie sich nach mir erkundigt hätten . Ich konnte also unmittelbare Schritte zur Annäherung an sie nicht tun . Ich leitete also solche mittelbar ein , welche sie auf die gewisseste Art von der Unwandelbarkeit meiner Neigung überzeugten . Ich erhielt die unzweideutigen Beweise zurück , daß mich Mathilde verachte . Zu einer Verehelichung , wozu ihres Reichtums und ihrer unbeschreiblichen Schönheit willen sich die glänzendsten Anträge fanden , konnte sie nicht gebracht werden . Mit tiefem , schwerem Ernste breitete ich nun das Bahrtuch der Bestattung über die heiligsten Gefühle meines Lebens . Ich will Euch nicht mit dem behelligen , wie es mir weiter in meiner Staatslaufbahn erging . Es gehört nicht hieher , und ist Euch wohl im wesentlichen bekannt . Die Kriege brachen aus , ich wurde abwechselnd zu verschiedenen Stellen versetzt , große umfassende Arbeiten , Reisen , Berichte , Vorschläge wurden erfordert , ich wurde zu Sendungen verwendet , kam mit den verschiedensten Menschen in Berührung , und der Kaiser wurde , ich kann es wohl sagen , beinahe mein Freund . Als ich in den Freiherrnrang erhoben wurde , kam mein alter Oheim Ferdinand aus der Entfernung zu mir , um , wie er sagte , mir seine Aufwartung zu machen . Obwohl er meine Mutter vernachlässigt hatte , ja nach dem Tode meines Vaters durch seine Zurückhaltung beinahe hart gegen sie gewesen war , so nahm ich ihn doch freundlich auf , weil er in meiner Verlassenheit zuletzt der einzige Verwandte war , den ich noch hatte . Wir blieben seit jener Zeit mit einander in Briefwechsel . Es kamen wohl viele Menschen mit mir in Verbindung , und ich lernte manche Seiten der Gesellschaft kennen ; aber teils waren die Verbindungen Geschäftsverbindungen , teils drängten sich Menschen an mich , die durch mich zu steigen hofften , teils waren die Begegnungen ganz gleichgültig . Wie schwer mir aber meine Geschäfte wurden , wie sehr ich im Grunde zu ihnen nicht geeignet war , davon habe ich Euch schon gesagt . Ich war nach und nach beinahe ein alter Mann geworden . Da ich viel in der Entfernung lebte , wußte ich manche Beziehungen der Hauptstadt nicht . Mathilde hatte sich in etwas vorgerückteren Jahren vermählt . Der Friede wurde dauernd hergestellt , ich blieb wieder beständig in der Hauptstadt , und hier tat ich etwas , das mir ein Vorwurf bis zu meinem Lebensende sein wird , weil es nicht nach den reinen Gesetzen der Natur ist , obwohl es tausend Mal und tausend Mal in der Welt geschieht . Ich heiratete ohne Liebe und Neigung . Es war zwar keine Abneigung vorhanden , aber auch keine Neigung . Die Hochachtung war gegenseitig groß . Man hatte mir viel davon gesagt , daß es meine Pflicht sei , mir einen Familienstand zu gründen , daß ich im Alter von teuern Angehörigen umgeben sein müsse , die mich lieben , pflegen und schützen , und auf die meine Ehren und mein Name übergehen können . Es sei auch Pflicht gegen die Menschheit und den Staat . Auf meine Einwendung , daß ich eine Neigung gegen irgend ein weibliches Wesen nicht habe , sagten sie , Neigungen führen oft zu unglücklichen Verbindungen , Kenntnis der gegenseitigen Beschaffenheit und wechselseitige Hochachtung bauen dauerndes Glück . Trotz meiner gereifteren Jahre hatte ich in diesen Dingen noch immer sehr wenige Kenntnisse . Meine Jugendneigung , die so heftig und beinahe ausschweifend gewesen war , hatte kein Glück gebracht . Ich heiratete also ein Mädchen , welches nicht mehr jung war , eine angenehme Bildung hatte , vom reinsten Wandel war , und gegen mich tiefe Verehrung empfand . Man sagte , ich hätte reich geheiratet , weil mein Hauswesen ein ansehnliches war ; allein die Sache verhielt sich nicht so . Meine Gattin hatte mir eine namhafte Mitgift gebracht , aber ich hätte eine größere Gabe hinzulegen können . Da ich in meinem mäßigen Leben beinahe nichts brauchte , so hatte ich , besonders da ich einmal in höherer Stellung war , bedeutende Ersparungen gemacht . Diese legte ich in den damaligen Staatspapieren nieder , und da dieselben nach Beendigung des Krieges ansehnlich stiegen , so war ich beinahe ein reicher Mann . Wir lebten zwei Jahre in dieser Ehe , und in dieser wußte ich , was ich vor der Schließung derselben nicht gewußt hatte , daß nämlich keine ohne Neigung eingegangen werden soll . Wir lebten in Eintracht , wir lebten in hoher Verehrung der gegenseitigen guten Eigenschaften , wir lebten in wechselweisem Vertrauen und in wechselweiser Aufmerksamkeit , man nannte unsere Ehe musterhaft ; aber wir lebten bloß ohne Unglück . Zu dem Glücke gehört mehr als Verneinendes , es ist der Inbegriff der Holdseligkeit des Wesens eines andern , zu dem alle unsre Kräfte einzig und fröhlich hinziehn . Als Julie nach zwei Jahren gestorben war , betrauerte ich sie redlich ; aber Mathildens Bild war unberührt in meinem Herzen stehen geblieben . Ich war jetzt wieder allein . Zur Schließung einer neuen Ehe war ich nicht mehr zu bewegen . Ich wußte jetzt , was ich vorher nicht gewußt hatte . Liebe und Neigung , dachte ich , ist ein Ding , das seinen Zug an meinem Herzen vorüber genommen hatte . Ein Jahr nach dem Tode Juliens starb mein Oheim und setzte mich zu dem Erben seines beträchtlichen Vermögens ein . Meine Geschäfte wurden mir indessen von Tag zu Tag schwerer . So wie ich in früheren Zeiten schon gedacht hatte , daß der Staatsdienst meiner Eigenheit nicht entspreche , und daß ich besser täte , wenn ich ihn verließe : so wuchs dieser Gedanke bei genauerem Nachdenken und schärferem Selbstbeobachten zu immer größerer Gewißheit , und ich beschloß , meine Ämter niederzulegen . Meine Freunde suchten mich daran zu verhindern , und mancher , den ich als feste Säule des Staates kennen zu lernen Gelegenheit gehabt , und mit dem ich in schwierigen Zeiten manche harte Amtsstunde durchgemacht hatte , sagte eindringlich , daß ich meine Tätigkeit nicht einstellen sollte . Aber ich blieb unerschüttert . Ich zeigte meinen Austritt an . Der Kaiser nahm ihn wohlwollend und mit übersendeten Ehren an . Ich hatte die Absicht , mir für die letzten Tage meines Lebens einen Landsitz zu gründen , und dort einigen wissenschaftlichen Arbeiten , einigem Genusse der Kunst , so weit ich dazu fähig wäre , der Bewirtschaftung meiner Felder und Gärten und hie und da einer gemeinnützigen Maßregel für die Umgebung zu leben . Manches Mal könnte ich in die Stadt gehen , um meine alten Freunde zu besuchen , und zuweilen könnte ich eine Reise in die entfernteren Länder unternehmen . Ich ging in meine Heimat . Dort fand ich meinen Schwager schon seit vier Jahren gestorben , das Haus in fremden Händen und völlig umgebaut . Ich reiste bald wieder ab . Nach mehreren mißglückten Versuchen fand ich diesen Platz , auf dem ich jetzt lebe , und setzte mich hier fest . Ich kaufte den Asperhof , baute das Haus auf dem Hügel , und gab nach und nach der Besitzung die Gestalt , in der Ihr sie jetzt sehet . Mir hatte das Land gefallen , mir hatte diese reizende Stelle gefallen , ich kaufte noch mehrere Wiesen , Wälder und Felder hinzu , besuchte alle Teile der Umgebung , gewann meine Beschäftigung lieb , und machte mehrere Reisen in die bedeutendsten Länder Europas . So bleichten sich meine Haare , und Freude und Behagen schien sich bei mir einstellen zu wollen . Als ich schon ziemlich lange hier gewesen war , meldete man mir eines Tages , daß eine Frau den Hügel herangefahren sei , und daß sie jetzt mit einem Knaben vor den Rosen , die sich an den Wänden des Hauses befinden , stehe . Ich ging hinaus , sah den Wagen , und sah auch die Frau mit dem Knaben vor den Rosen stehen . Ich ging auf sie zu . Mathilde war es , die , einen Knaben an der Hand haltend und von strömenden Tränen überflutet , die Rosen ansah . Ihr Angesicht war gealtert , und ihre Gestalt war die einer Frau mit zunehmenden Jahren . Gustav , Gustav , rief sie , da sie mich angeblickt hatte , ich kann dich nicht anders nennen als du . Ich bin gekommen , dich des schweren Unrechtes willen , das ich dir zugefügt habe , um Vergebung zu bitten . Nimm mich einen Augenblick in dein Haus auf . Mathilde , sagte ich , sei gegrüßt , sei auf diesem Boden , sei tausend Mal gegrüßt , und halte dieses Haus für deines . Ich war mit diesen Worten zu ihr hinzugetreten , hatte ihre Hand gefaßt , und hatte sie auf den Mund geküßt . Sie ließ meine Hand nicht los , drückte sie stark , und ihr Schluchzen wurde so heftig , daß ich meinte , ihre mir noch immer so teuere Brust müsse zerspringen . Mathilde , sagte ich sanft , erhole dich . Führe mich in das Haus , sprach sie leise . Ich rief erst durch mein Glöckchen , welches ich immer bei mir trage , meinen Hausverwalter herzu und befahl ihm , Wagen und Pferde unterzubringen . Dann faßte ich Mathildens Arm und führte sie in das Haus . Als wir in dem Speisezimmer angelangt waren , sagte ich zu dem Knaben : Setze dich hier nieder und warte , bis ich mit deiner Mutter gesprochen und die Tränen , die ihr jetzt so weh tun , gemildert habe . Der Knabe sah mich traulich an , und gehorchte . Ich führte Mathilde in das Wartezimmer und bot ihr einen Sitz an . Als sie sich in die weichen Kissen niedergelassen hatte , nahm ich ihr gegenüber auf einem Stuhle Platz . Sie weinte fort ; aber ihre Tränen wurden nach und nach linder . Ich sprach nichts . Nachdem eine Zeit vergangen war , quollen ihre Tropfen sparsamer und weniger aus den Augen , und endlich trocknete sie die letzten mit ihrem Tuche ab . Wir saßen nun schweigend da und sahen einander an . Sie mochte auf meine weißen Haare schauen , und ich blickte in ihr Angesicht . Dasselbe war schon verblüht ; aber auf den Wangen und um den Mund lag der liebe Reiz und die sanfte Schwermut , die an abgeblühten Frauen so rührend sind , wenn gleichsam ein Himmel vergangener Schönheit hinter ihnen liegt , der noch nachgespiegelt wird . Ich erkannte in den Zügen die einstige prangende Jugend . Gustav , sagte sie , so sehen wir uns wieder . Ich konnte das Unrecht nicht mehr tragen , das ich dir angetan habe . Es ist kein Unrecht geschehen , Mathilde , sagte ich . Ja , du bist immer gut gewesen , antwortete sie , das wußte ich , darum bin ich gekommen . Du bist auch jetzt gut , das sagt dein liebes Auge , das noch so schön ist wie einst , da es meine Wonne war . O ich bitte dich , Gustav , verzeihe mir . O teure Mathilde , ich habe dir nichts zu verzeihen , oder du hast es mir auch , antwortete ich . Die Erklärung liegt darin , daß du nicht zu sehen vermochtest , was zu sehen war , und daß ich dann nicht naher zu treten vermochte , als ich hätte näher treten sollen . In der Liebe liegt alles . Dein schmerzhaftes Zürnen war die Liebe , und mein schmerzhaftes Zurückhalten war auch die Liebe . In ihr liegt unser Fehler , und in ihr liegt unser Lohn . Ja , in der Liebe , erwiderte sie , die wir nicht ausrotten konnten . Gustav , ich bin dir doch trotz allem treu ge blieben , und habe nur dich allein geliebt . Viele haben mich begehrt , ich wies sie ab ; man hat mir einen Gatten gegeben , der gut , aber fremd neben mir lebte , ich kannte nur dich , die Blume meiner Jugend , die nie verblüht ist . Und du liebst mich auch , das sagen die tausend Rosen vor den Mauern deines Hauses , und es ist ein Strafgericht für mich , daß ich gerade zu der Zeit ihrer Blüte ge kommen bin . Rede nicht von Strafgerichten , Mathilde , erwiderte ich , und weil alles andere so ist , so lasse die Vergangenheit , und sage , welche deine Lage jetzt ist . Kann ich dir in irgend etwas helfen ? Nein , Gustav , entgegnete sie , die größte Hilfe ist die , daß du du bist . Meine Lage ist sehr einfach . Der Vater und die Mutter sind schon längst tot , der Gatte ist eben falls vor langem gestorben , und Alfred - du hast ihn ja recht geliebt - Wie ich einen Sohn lieben würde , antwortete ich . Er ist auch tot , sagte sie , er hat kein Weib , kein Kind hinterlassen , das Haus in Heinbach und das in der Stadt hat er noch bei seinen Lebzeiten verkauft . Ich bin im Be sitze des Vermögens der Familie , und lebe mit meinen Kindern einsam . Lieber Gustav , ich habe dir den Knaben gebracht - - wie wußtest du denn , daß er mein Sohn sei ? Ich habe deine schwarzen Augen und deine braunen Locken an ihm gesehen , antwortete ich . Ich habe dir den Knaben gebracht , sagte sie , daß du sähest , daß er ist wie dein Alfred - fast sein Ebenbild - , aber er hat niemanden , der so lieb mit ihm umgeht , wie du mit Alfred umgegangen bist , der ihn so liebt , wie du Alfred geliebt hast , und den er wieder so lieben könnte , wie Alfred dich geliebt hat . Wie heißt der Knabe ? fragte ich . Gustav , wie du , antwortete sie . Ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten . Mathilde , sagte ich , ich habe nicht Weib , nicht Kind , nicht Anverwandte . Du warst das einzige , was ich in meinem ganzen Leben besaß und behielt . Lasse mir den Knaben , lasse ihn bei mir , ich will ihn lehren , ich will ihn erziehen . O mein Gustav , rief sie mit den schmerzlichsten Tönen der Rührung , wie wahr ist mein Gefühl , das mich an dich , den besten der Menschen , wies , als ich ein Kind war , und das mich nicht verlassen hatte , so lange ich lebte . Sie war aufgestanden , hatte ihr Haupt auf meine Schulter gelegt , und weinte auf das innigste . Ich konnte mich nicht mehr beherrschen , meine Tränen flossen unaufhaltsam , ich schlang meine Arme um sie und drückte sie an mein Herz . Und ich weiß nicht , ob je der heiße Kuß der Jugendliebe tiefer in die Seele gedrungen und zu größrer Höhe erhebend gewesen ist als dieses verspätete Umfassen der alten Leute , in denen zwei Herzen zitterten , die von der tiefsten Liebe überquollen . Was im Menschen rein und herrlich ist , bleibt unverwüstlich , und ist ein Kleinod in allen Zeiten . Als wir uns getrennt hatten , geleitete ich sie zu ihrem Sitze , nahm den meinigen wieder ein und fragte : Hast du noch andere Kinder ? Ein Mädchen , welches mehrere Jahre älter ist als der Knabe , erwiderte sie , ich werde dir dasselbe auch bringen , es hat ebenfalls die schwarzen Augen und die braunen Haare wie ich . Das Mädchen behalte ich , den Knaben lasse , weil du so gütig bist , um dich leben , so lange du willst . Er möge werden wie du . O ich hatte kaum geahnt , wie hier alles werden wird . Mathilde , beruhige dich jetzt , sagte ich , ich werde den Knaben holen , wir werden mit ihm freundlich sprechen . Ich tat es , trat mit dem Knaben an der Hand herein , und wir sprachen mit dem Kinde und abwechselnd unter uns noch eine geraume Weile . Ich zeigte Mathilden hierauf das Haus , den Garten , den Meierhof und alles andere . Gegend Abend fuhr sie wieder fort , um in Rohrberg zu übernachten . Den Knaben sollte sie der Verabredung gemäß wieder mit sich nehmen , ihn ausrüsten und vorbereiten , und ihn , wie sie es für gelegen halte , bringen . Wir blieben von dem Augenblicke an in Briefwechsel , und als eine Zeit vergangen war , brachte sie mir Gustav , der noch bei mir ist , sie brachte mir auch Natalien , die damals im ersten Aufblühen begriffen war . Eine größere Gleichheit als zwischen diesem Kinde und dem Kinde Mathilde kann nicht mehr gedacht werden . Ich erschrak , als ich das Mädchen sah . Ob in den Jahren , in denen jetzt Natalie ist , Mathilde auch ihr gleich gewesen ist , kann ich nicht sagen ; denn da war ich von Mathilden schon getrennt . Es begann nun eine sehr liebliche Zeit . Mathilde kam mit Natalien öfter , um uns zu besuchen . Ich machte ihr in den ersten Tagen den Vorschlag , daß ich die Rosen , wenn sie ihr schmerzliche Erinnerungen weckten , von dem Hause entfernen wolle . Sie ließ es aber nicht zu , sie sagte , sie seien ihr das Teuerste geworden und bilden den Schmuck dieses Hauses . Sie hatte sich zu einer solchen Milde und Ruhe gestimmt , wie Ihr sie jetzt kennt , und diese Lage ihres Wesens befestigte sich immer mehr , je mehr sich ihre äußeren Verhältnisse einer Gleichmäßigkeit zuneigten , und je mehr ihr Inneres , ich darf es wohl sagen , sich beglückt fühlte . Ein freundlicher Verkehr hatte sich entwickelt , Gustav hatte sich an mich gewöhnt , ich an ihn , und aus der Gewöhnung war Liebe entstanden . Mathilde gab Rat in meinem Hauswesen , ich in der Verwaltung ihrer Angelegenheiten . Nataliens Erziehung wurde oft zwischen uns besprochen , und Schritte getan , die wir verabredet hatten . Und in der gegenseitigen Hilfeleistung stärkte sich die Neigung , die wir gegen einander hatten , die nie verschwunden war , die sich zu einem edlen , tiefen , freundlichen Gefühle gebildet hatte , und die nun offen und rechtmäßig bestehen konnte . Ich hatte wieder jemanden , den ich zu lieben vermochte , und Mathilde konnte ihr Herz , das mir immer gehört hatte , unumwunden an mein Wohl und an mein Wesen wenden . Nach einer Zeit wurde der Sternenhof verkäuflich . Ich schlug Mathilden den Kauf vor . Sie besah das Gut . Seiner Nachbarschaft mit mir willen und schon seiner Linden willen , die sie an die großen Bäume auf dem Rasenplatze vor dem Hause in Heinbach erinnerten , war sie zu dem Kaufe geneigt . Auch hatte der Sternenhof überhaupt große Ähnlichkeit mit dem Hause in Heinbach , war an sich eine sehr angenehme Besitzung , und gab Mathilden für den Rest ihres Lebens einen festen Punkt und einige Abrundung ihrer Verhältnisse . Also wurde er erworben . Um dieselbe Zeit ließ ich in meinem Hause die Wohnung für Mathilden und Natalien herrichten . In dem Sternenhofe war viel Arbeit , bis alles zur gefälligen Wohnlichkeit geordnet war . Und auch nach dieser Zeit wurde beständig geändert und umgewandelt , bis das Haus so war , wie es jetzt ist . Und selber jetzt , wie Ihr wißt , wird dort wie hier gebaut , befestigt , verschönert , und es wird wohl immer so fortgehen . Die Rosen , dieses Merkmal unserer Trennung und Vereinigung , sollten vorzugsweise auf dem Asperhofe bleiben , weil es Mathilden lieb war , daß sie dieselben dort gefunden hatte . Jede Rosenblütezeit verlebte sie bei mir , sie liebte diese Blumen außerordentlich , pflegte sie , und konnte sich freuen , wenn sie mir eine Art , die ich noch nicht hatte , zubringen konnte . Dafür ließ ich ihr in ihrem Schlosse die Geräte machen , die ihr so viel Vergnügen bereiten . Gustav wurde von Tag zu Tage trefflicher , und versprach , einmal ein Mann zu werden , woran seines Gleichen Freude haben sollten . Natalie wurde nicht bloß schön und herrlich , sondern sie wurde auch im Umgange mit ihrer Mutter so rein und edel , wie wenige sind . Sie hatte das tiefe Gefühl ihrer Mutter erhalten ; aber teils durch ihr Wesen , teils durch eine sehr sorgfältige Erziehung ist mehr Ruhe und Stettigkeit in ihr Dasein gekommen . Zwischen Mathilden und mir war ein eigenes Verhältnis . Es gibt eine eheliche Liebe , die nach den Tagen der feurigen , gewitterartigen Liebe , die den Mann zu dem Weibe führt , als stille , durchaus aufrichtige , süße Freundschaft auftritt , die über alles Lob und über allen Tadel erhaben ist , und die vielleicht das Spiegelklarste ist , was menschliche Verhältnisse aufzuweisen haben . Diese Liebe trat ein . Sie ist innig , ohne Selbstsucht , freut sich , mit dem andern zusammen zu sein , sucht seine Tage zu schmücken und zu verlängern , ist zart , und hat gleichsam keinen irdischen Ursprung an sich . Mathilde nimmt Anteil an jeder meiner Bestrebungen . Sie geht mit mir in den Räumen meines Hauses herum , ist mit mir in dem Garten , betrachtet die Blumen oder Gemüse , ist in dem Meierhofe und schaut seine Erträgnisse an , geht in das Schreinerhaus und betrachtet , was wir machen , und sie beteiligt sich an unserer Kunst und selbst an unsern wissenschaftlichen Bestrebungen . Ich sehe in ihrem Hause nach , betrachte die Dinge im Schlosse , im Meierhofe , auf den Feldern , nehme Teil an ihren Wünschen und Meinungen , und schloß die Erziehung und die Zukunft ihrer Kinder in mein Herz . So leben wir in Glück und Stettigkeit gleichsam einen Nachsommer ohne vorhergegangenen Sommer . Meine Sammlungen vervollständigen sich , die Baulichkeiten runden sich immer mehr , ich habe Menschen an mich gezogen , ich habe hier mehr gelernt als sonst in meinem ganzen Leben , die Spielereien gehen ihren Gang , und etwas Weniges nütze ich doch auch noch . « Er schwieg nach diesen Worten eine Weile , und ich auch . Dann fuhr er wieder fort : » Ich habe das alles mitteilen müssen , damit Ihr wißt , wie ich mit der Familie in dem Sternenhofe zusammenhänge , und damit in dem Kreise , in welchen Ihr nun auch tretet , für Euch Klarheit ist . Die Kinder wissen die Verhältnisse im allgemeinen , ein näheres Eingehen war für sie nicht so nötig wie für Euch . Ich wünsche nicht , daß Ihr gegen Eure künftige Gattin Geheimnisse habt , Ihr könnt Natalien mitteilen , was ich Euch sagte , ich konnte es , wie Ihr begreifet , nicht . Über Nataliens Zukunft sprach ich oft mit Mathilden . Sie sollte einen Gatten bekommen , den sie aus tiefer Neigung nimmt . Es sollte die gegenseitige größte Hochachtung vorhanden sein . Durch beides sollte sie das Glück finden , das ihre Mutter und ihren väterlichen Freund gemieden hat . Mathilde hat in Begleitung des alten Raimund , der seitdem gestorben ist , große Reisen gemacht . Sie hat auf denselben dauerndere Ruhe gesucht , und auch gefunden . Sie hat sie in der Betrachtung der edelsten Kunstwerke des menschlichen Geschlechtes und in der Anschauung mancher Völker und ihres Treibens gefunden . Natalie ist dadurch befestigt , veredelt und geglättet worden . Manche junge Männer hat sie kennen gelernt , aber sie hat nie ein Zeichen einer Neigung gegeben . Sogenannte sehr glänzende Verbindungen sind auf diese Weise für sie verloren gegangen . Ich hätte auch große Sorge gehabt , wenn ich unter unseren jungen Männern hätte wählen müssen . Als Ihr zum ersten Male an dem Gitter meines Hauses standet , und ich Euch sah , dachte ich : das ist vielleicht der Gatte für Natalien . Warum ich es dachte , weiß ich nicht . Später dachte ich es wieder , wußte aber warum . Natalie sah Euch , und liebte Euch , so wie Ihr sie . Wir kannten das Keimen der gegenseitigen Neigung . Bei Natalien trat sie anfangs in einem höheren Schwunge ihres ganzen Wesens , später in einer etwas schmerzlichen Unruhe auf . In Euch erschloß sie Euer Herz zu einer früheren Blüte der Kunst und zu einem Eingehen in die tieferen Schätze der Wissenschaft . Wir warteten auf die Entwicklung . Zu größerer Sicherheit und zur Erprüfung der Dauer ihrer Gefühle brachten wir absichtlich Natalien zwei Winter nicht in die Stadt , daß sie von Euch getrennt sei , ja sie wurde von ihrer Mutter wieder auf größere Reisen und in größere Gesellschaften gebracht . Ihre Gefühle aber blieben beständig , und die Entwicklung trat ein . Wir geben Euch mit Freuden das Mädchen in Eure Liebe und in Euren Schutz , Ihr werdet sie beglücken , und sie Euch ; denn Ihr werdet Euch nicht ändern , und sie wird sich auch nicht ändern . Gustav wird einmal den Sternenhof , und was dazu gehört , erhalten ; denn das Haus ist Mathilden so lieb geworden , daß sie wünscht , daß es ein Eigentum ihrer Familie bleibe , und daß die kommenden Geschlechter das ehren , was die erste Besitzerin darin niedergelegt hat . Gustav wird es tun , das wissen wir schon , und seinen Nachfolgern die gleiche Gesinnung einzupflanzen , wird wohl auch sein Bestreben sein . Natalie erhält von mir den Asperhof mit allem , was in ihm ist , nebst meinen Barschaften . Ihr werdet mein Andenken hier nicht verunehren . « Mir traten die Tränen in die Augen , da er so sprach , und ich reichte ihm meine Hand hinüber . Er nahm sie und drückte sie herzlich . » Ihr könnt hier auf dem Asperhofe wohnen , oder in dem Sternenhofe , oder bei Euren Eltern . Überall wird Platz für Euch zu machen sein . Ihr könnt auch Euern Aufenthalt abwechselnd zwischen uns teilen , und das wird wohl wahrscheinlich der Fall sein , bis sich alle unsere Verhältnisse dem neuen Ereignisse gemäß gerichtet haben . Die Schriften bezüglich der Übertragung meines Vermögens an Natalien werden ihr nach der Vermählung eingehändigt werden . So lange ich lebe , erhält sie einen Teil , den Rest nach meinem Tode . Wie Ihr mit dem , was sie jetzt empfängt , gebaren sollt , darüber wird Euer Vater die beste Belehrung geben können . Er wird wohl mit mir auch darüber sprechen . Natalie erhält auch nach ihrer Vermählung den Teil , der ihr aus dem Nachlasse ihres Vaters Tarona gebührt . « » Ist Nataliens Name Tarona ? « fragte ich . » Habt Ihr das nicht gewußt ? « fragte er seinerseits . » Ich habe Mathilden immer die Frau von Sternenhof nennen gehört , « antwortete ich , » bin mit Mathilden und Natalien nirgends zusammen gewesen als im Sternenhofe , Asperhofe und Inghofe , und da wurden beide stets bei ihrem Vornamen genannt . Weitere Forschungen stellte ich gar nie an . « » Mathilde ließ geschehen , daß sie nach dem Sternenhofe geheißen wurde , der Name war ihr lieber . So mag es wohl gekommen sein , daß Ihr keinen andern gehört habt . Für Gustav wird die Erlaubnis zur Führung dieses Namens nachgesucht werden . « » Aber die Tarona , erzählte man mir , sei gerade in jenem Winter , an welchem ich Natalien in der Loge gesehen habe , nicht in der Stadt gewesen « , sagte ich , und dachte an Preborn , welcher mir diese Tatsache mitgeteilt hatte . » Ganz richtig , « erwiderte mein Gastfreund , » wir sind auch nur zur Aufführung des König Lear hingefahren . Ich war in der Loge hinter Natalien , habe Euch aber nicht gesehen . « » Ich Euch auch nicht « , antwortete ich . » Natalie hat uns von dem jungen Manne erzählt , der ihr im Schauspielhause aufgefallen sei , « erwiderte er , » aber erst nach langer Zeit konnte sie uns eröffnen , daß Ihr es gewesen seid . « » Habe ich Euch nicht einmal im Winter in der Stadt nach der Wiedergenesung des Kaisers , mit Euren Ehrenzeichen geschmückt , fahren gesehen ? « fragte ich . » Das ist möglich , « antwortete er , » ich war in jener Zeit in der Stadt und an dem Hofe . « » Nun , mein sehr lieber junger Freund , « sagte er nach einer Weile , » ich habe Euch von meinem Leben erzählt , da Ihr einer der Unseren werden sollt , ich habe zu Euch von meinem tiefsten Herzen geredet , und jetzt enden wir dieses Gespräch . « » Ich bin Euch Dank schuldig , « antwortete ich , » allein all