ich eine Miwisserin habe , bei der mein Geheimniß wie im Sarge ruht - « » Man wird auf uns aufmerksam werden , daß wir uns so lange absondern . « - » Sie haben Recht , und ich die Beruhigung , daß , wenn ich plötzlich verschwinden sollte - Ihr Verdacht mir nicht wie ein ängstlicher Schatten auf der Heerstraße nachschleppt - « » Um Gottes Willen , meinen Sie , daß Sie diese Nacht schon verschwinden müssen ? « - » Ich meine nichts , ich weiß nichts ; ich sollte meine Lippen verfluchen , daß sie zum Verräther wurden , aber mir ist wohl zu Muthe , wohl wie einem Kinde , das seinen ersten Fehltritt beichtete . Nein , nein , es war wohl nur die Angst , erpresst durch Ihre Drohung . « - » Warum stürzen Sie sich in diese Lage ? « - » Warum bin ich ein Mensch ? « - » Reißen Sie sich los - wenn es sein muß , reisen Sie auf der Stelle fort ! « - » Ich lebte nur für Andere . - Nein , nein , ich weiß es , ich bin nöthiger hier . Ich will für Andere leben - sein Sie unbesorgt - Nur um etwas Geduld flehe ich noch - o , könnten Sie in mein Inneres blicken - Pflichten hier , Pflichten dort , Verlockungen - aber - sein Sie überzeugt , als Mann , als Sieger werde ich daraus hervorgehe « . - » Man kommt . « - » Ein Freundesrath - « » Ich werde Sie nicht bemerken , wenn Sie verschwinden . « - » Heiter ! meine Freundin . Es war sehr gut , daß Sie herkamen , aber Sie kamen als Trauergestalt . Sie freuten sich des Eindrucks . Um des Himmels Willen , mit Geistererscheinungen darf man nicht spielen . Fort die Trauer , einige bunte Bänder , stimmen Sie ein in den frivol geistreichen Ton . Man muß mit ihnen tänzeln , die Gargazin hat Recht . Sie hat erkannt , daß Sie hassen . Das kann schlimm werden . Werfen Sie die Maske ab , nicht hastig - lassen Sie sich allmälig erheitern durch die liebenswürdige Gesellschaft . Da bringt man Ihnen eine Karte , nehmen Sie , spielen Sie , mit wem Sie wollen , es sind Alles Puppen ; aber nicht zerstreut . « Die Eitelbach präsentirte jetzt der Geheimräthin eine Karte : » Wollen Sie ? « - » Mit dem größten Vergnügen . « - » Ihnen präsentire ich keine Karte , denn Sie mogeln , sagt mein Mann . « Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrath vorüber , der scherzhaft die Finger nach einer Karte gespitzt hatte . - » Sie wird immer schöner , « sagte eine Stimme hinter dem Legationsrath . » Kann man schöner werden , wenn man eine vollkommene Schönheit ist , « entgegnete Herr von Schadow . Vierundsechszigstes Kapitel . Der verlorene Sohn und die heilige Magdalene . Das Spiel war zu Ende . Die Geheimräthin hatte allein gewonnen , und bedeutend . Sie war gesprächig , sehr liebenswürdig gewesen . Jetzt sah sie neben sich nur verdrießliche Gesichter . Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb , legte man es ihr als Freude über den Gewinnst aus , den die andern Mitspieler berechneten . Sie war rasch aufgestanden , um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen . Es war hoch gespielt worden . Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren . Er zankte sich mit seinem vis-à-vis um einige Points . Die Wechselreden wurden jetzt so anzüglich , daß die Baronin Eitelbach die Herren bitten musste , sich zu menagiren . Der Kammerherr warf dem Andern einen maliciösen Blick zu , den Jener , den Stuhl heftig fortrückend , durch ein Murmeln erwiederte : wer krumm ginge , könne auch nur krumm handeln . Der Kammerherr gehörte zu Denen , welche das Glück haben , zuweilen taub zu sein . Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet : » Mehr habe ich nicht ; mein Mann muß zahlen . « - » Das geht immer so , wer Glück in der Liebe hat , « sagte der Baron , verdrießlich die lange Börse ziehend . » Ich verbitte mir alle Gemeinplätze , « hatte sie erwidert . Er wollte nicht glauben , daß sie so viel verloren haben könnte , als sie angab , sie warf ihm den Bêtezettel hin , er rechnete , wollte zanken , es war aber Niemand mehr da , mit dem er zanken konnte . Indem er die Geldstücke hinwarf , zischelte er der Baronin etwas ins Ohr . Sein Auge begleitete dabei den Rittmeister . Sie ward hochroth , stand rasch auf und warf ihm mit einer Replik einen verächtlichen Blick zu , um ihm darauf den Rücken zu kehren . Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung . Überhaupt schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie , welche vorhin geherrscht , etwas zerrissen . Ein erwarteter Gast war noch nicht da . Der Duft der Speisen drang schon verlockend aus den Souterrains , aber es - sollte noch gewartet werden ; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen . Einigen Herren schien dies sehr unangenehm . Man fragte , ob er denn überhaupt kommen werde ? Jemand meinte , die Anwesenheit des Geheimraths Lupinus dürfe Seine Hoheit schwerlich locken . Ein besternter Herr entgegnete lächelnd : » Das würde wohl nicht der einzige Gegenstand sein , der einem Königlichen Prinzen hier nicht verlockend vorkäme . Man muß gestehen , wenn man die Société überfliegt , daß unsere gute Prinzessin mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat . « » Sie liebt die Quodlibets , aber das Kostüm ist gewählt , « sagte die Almedingen . Herr von Fuchsins spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit dem zweiten Lupinus an . Die Hofdame hatte davon reden gehört , sie wusste auch , daß man bei Hofe choquirt gewesen , sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren können , und war so begierig wie der Besternte , es zu erfahren . Man zog sich in eine Fensternische zurück . » Eine der Plaisanterien Lombards , die gar nichts auf sich gehabt hätte , wenn nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf , die unter einem entsetzlichen Eklat platzte . Ihnen ist bekannt , daß Seine Königliche Hoheit Lust bekamen , sich in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen . « » Was er nur in all den Gesellschaften sucht ! « sagte die Almedingen . » Man sagt , den Geist , den er - an einem andern Ort nicht finden kann . Ob es ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt , lass ' ich auf sich beruhen . Die Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt , in dem noch Niemand durchfiel . Nur eine schwarze Kugel war in der Urne , die sich seltsamerweise bei jeder Aufnahme findet . Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber , und äußerte , er möchte wohl Den kennen , der ihn aus der geehrten Gesellschaft hinaus ballotiren wolle . Lombard , der bei sehr guter Laune war , ärgerte sich gerade über den Geheimrath , der zu eifrig eine farcirte Fasanenbrust tranchirte , auf die er vielleicht selbst reflektirt hatte . Er flüsterte mit ernsthafter Miene , die Augen auf Lupinus gerichtet , dem Prinzen etwas ins Ohr , und die Achseln zuckend , schloß er halb laut : er ist sonst ein braver Mann , man begreift nicht , wie er dazu gekommen ist . Der Prinz starrte lachend den Regenten der Vogtei an . und wenn er es nicht selbst bemerkte , so flüsterten seine Nachbarn es ihm ins Ohr . Nun hätten sie den unglücklichen Geheimrath sehen sollen . Ein Schauspiel für Götter , wie er auffuhr , Messer und Gabel fallen ließ , kreideweiß , der Stuhl hinter ihm fiel nieder . Man kann buchstäblich sagen , die Augen gingen ihm über , und die Stimme versagte ihm . Er wehte sich mit den Händen Luft zu . Endlich brach es los . Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen , sah er alle Augen auf sich gerichtet , und der Prinz hatte die Grausamkeit , mit dem Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren . Nun , meine Damen und Herren , die Beredtsamkeit des Geheimrath Lupinus mögen Sie sich denken . Nachdem er die Wolken der unerhörten , fürchterlichen Verleumdung zu zerstreuen gesucht , kam er auf sein theures Ich zu sprechen , natürlich französisch , welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das Königliche Haus sich gesäugt . Nach vielen Endlich - Aber - Rückfällen - Wiederholungen - gerieth er in eine Art dithyrambischen Schwunges , und aus der Kehle oder der Brust kam ein Lobgesang auf das Königliche Blut , das so rein und heilig , wie es im Herzen pulst , durch alle Glieder stieße , daß jeder Tropfen davon reiner sei , wie der Purpur des Morgenrothes . - Alle sahen auf den Prinzen , der bis da mit unveränderter Miene den Mann angeschaut - er mochte eine Viertelstunde gesalbadert haben - als er rasch aufstand , das gefüllte Glas in die Hand nahm und die Lippen öffnete . Ringsum gespannte , bange Erwartung . Mais - riefen Seine Königliche Hoheit , - eine kleine Pause -c ' est assez ! - Kein Wort weiter . Sie stürzten das Glas runter , stampften es auf den Tisch und konversirten mit ihrem Nachbar weiter über die Trüffelpastete . « Der Besternte , einem fremden Hofe angehörig , schwellte sichtlich von einem innern Behagen , das er zu verbergen sich Mühe gab , während die Hofdame erblasst war : » Entsetzlich ! Und - ? « » In der Gesellschaft war eine Todtenstille , Jeder sah auf seinen Teller . « - » Und der unglückselige Prinz ? « - » Aß mit großem Appetit . Vielleicht dachte er nach , ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls werth war . Lupinus saß , was man in Berlin sagt , wie übergossen . Er ließ alle Schüsseln vorübergehen . « - » Unglaublich ! « riefen beide Zuhörer , jeder dachte etwas andres . » Daß solch ein Mensch sich nicht vernichtet fühlt , « sagte die Almedingen . » Weshalb , meine Gnädigste ? « - » Weil er die Ursach war , daß ein Prinz von Geblüt sich selbst vergaß . Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte , ich wüsste doch nichts anderes , als daß ich mir das Leben nehmen müsste . « - » Die Gewissen sind verschieden , « entgegnete Fuchsius . » Das ist eine wunderbare Gabe Gottes . Herr Lupinus gehört zu der großen Klasse Menschen , die man wie die Frösche mit Keulen in den Sumpf stampfen mag , sie stecken die Köpfe doch wieder raus . « Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger dem Gespräche zuzuhören . Als sie gegangen , sagte der Besternte : » Mich dünkt , zu dieser Klasse gehört die Majorität der Menschen . « Der Regierungsrath erwiderte : » Wenigstens , wenn die Keulenschläge , die sie täglich empfangen , sie zur Besinnung ihres Unwerths brächten , wäre die Welt eine andere , als sie ist . « Die Nachricht lief um , der Prinz werde gar nicht kommen . Es seien Depeschen vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen , darauf er zu Hofe berufen . » Und sie lässt noch nicht serviren ! « seufzte ein Präsident , die Uhrkette ziehend . Die noch nicht serviren ließ , hatte während dessen die Goldstücke vom Spieltisch eingesammelt und , nachdem sie dieselben in Papier gewickelt , in den Pompadour der Geheimräthin gleiten lassen . » Wollen Sie mich bestechen ? « - » Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen , daß Sie meinen Abend durch ihre Heiterkeit geschmückt . « - » Ich bin schon belohnt durch den Genuß , den mir Ihre Pikturen gewähren . Von wem ist dieser verlorene Sohn ? « - » Von einem Spanier . Ein Ribera , sagt man ; Einige wollen gar von Murillo . Betrachten Sie diese Schwielenhaut , diese Kruste von Schmutz , man sieht ordentlich die verschiedenen Lager , auf denen er sich gewälzt . « - » Ich bewundere nur das Gesicht . Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung , aber wie glüht das Auge ! « - » Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand . « - » Wie blaß , bemerken Sie , Erlaucht , bei dieser Beleuchtung . Ich möchte eher an den jungen Bovillard erinnert werden . « - » In der That . Die schwarzen Brauen , auch im Kinn . - Warum ist diese herrliche Parabel nicht weiter geführt ? Wir sehen nur die Vaterfreude . Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlorenen entgegen breitete , wie viel rührender wäre die Geschichte . « - » Sie könnte auch aus Verzweiflung verloren , vielleicht die Magdalene selbst geworden sein . « - » Da hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen . Wenn man die zwei Rahmstücke ausschnitte , wäre es ein Bild . Dieselbe Größe , dieselbe Färbung . « - » Überraschend ! Worauf Sie mich aufmerksam machen ! « - » Erlaucht haben viele Magdalenbilder ! Wohin ich sehe - « » Hier Battoni , da Correggio ; da ist auch ein Murillo - den liebe ich weniger - dort ein Carlo Dolce , ein Vau der Werff , Guido Reni . Von geschickten Malern kopirt ; ich gab ihnen meist selbst Anleitung . « » Seltsam . « sagte die Geheimräthin , » ich erinnere mich keiner Magdalene von Raphael . « » Der divino maëstro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben ! Für mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes . Leben wir nicht Alle der Erde näher , keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit , athmet die Nelke nicht ihre Würze , fühlt unsere Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt vom Duft der Nachtschatten ! Die Marien bewundern , die Magdalenen begreifen wir . Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt , müsste es , dünkt mich , die Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein ! wenn die heilige Magdalene ihn sanft um uns schlingt , o , wie anders , wie gern würden wir uns von ihr heben lassen , schweben durch die Wolken , die sich öffnen , denn sie flüstert uns Balsamworte zu : auch ich kannte Deine Schmerzen und Deine Wonnen . Für mich ist die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe . « - » Hat sie denn wirklich geliebt , « sagte die Geheimräthin . » Mich dünkt , ihre Art von Liebe konnte nicht zum Glauben führen ! « - » Weil sie changirte ? « - » Ja , wäre sie eine Sultanin gewesen , die ihre Lieblinge sich wählte und entließ , um endlich ihr Ideal zu finden . Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen . Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht , um alle die fortzulieben , die mit Seufzern und Schwüren kamen , mit Betheuerungen und Gluth , die Lieder und Geld zu ihren Füßen streuten , und gähnend fortgingen , um nicht wieder zu kommen ? Vielleicht ward sie auch gemißhandelt , und von denen , die sie wirklich zu lieben geglaubt ; ihre edelsten Empfindungen , wenn sie sich zu äußern wagten , wurden verspottet . Und das durch Monden , Jahre wiederholt . Solchen Fonds von Erfahrungen hinter sich , Täuschungen darf man es nicht mehr nennen , erwarten wir von ihr etwas anderes als Verachtung , Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht ! Ich könnte sie mir denken als eine Intriguantin , welche ihre Lust darin findet , die Männer gegen einander zu hetzen , als ein Brandstifterin , eine Semiramis , eine Amazonenkönigin , die die Brandfackel in Lander und Städte wirft - « » Vielleicht auch als Brinvilliers - das ist das richtige Argument des Verstandes , meine theure Frau . Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüth - Was ist Ihnen ? « » Nichts - ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen . « » Die Liebe sucht nichts , die Liebe findet Alles , « fuhr die Fürstin mit süßer Stimme fort . » Wer nur ein Ohr dafür hat , nicht muthwillig es schließt , wo der Spring unter der grünen Tiefe rauscht , aus Furcht , daß er zu furchtbar vorbricht . O , die Thörichten ! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach ! Wo Alles sich findet , was sich nur suchen will , gehen sie wie Wachspuppen einander vorüber . « » Mich dünkt , Adelheid und der junge Bovillard thun das auch . « - » Kinder , die Versteck spielen . « - » Ich glaubte , sie in Feuer und Flammen zu finden . « - » Im hellen Zimmer jagen , im dunkeln fangen sie sich . « - » Mamsell Alltag ist blaß . « - » Unter den vielen Geschminkten . « - » Der Marmorausdruck ihres Gesichts - « » Geliehen , theuerste Frau ! Was das arme Kind sich Mühe giebt , ihr Gefühl uns zu verbergen , die tausend Nadelstiche , die das kleine Herz durchbohren ! Solche widernatürlichen Affekte rächen sich . « - » Aber eine mütterliche Freundin , wie Erlaucht , wird der Leidenden zu Hülfe kommen . « - » Da darf kein Fremder helfen wollen . Wahr und wahrhaftig nicht . Die Natur findet ihren Weg und die Knospe bricht auf , wenn die Blume reif ist . « » Schade nur , wenn das arme Mädchen sich wieder täuschte ! « sagte die Lupinus nach einer Pause . - » Wie meinen Sie das ? « - » Der junge Herr von Bovillard ist zwar , was man nennt , in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht , aber - ein Sort kann er ihr doch nicht machen . Ich glaube schwerlich , daß man ihm eine Anstellung gäbe , wie jetzt die Dinge stehen . Sein Vater hat auch nicht mehr den früheren Einfluß . Der alte Alltag würde mit der Mariage ebensowenig zufrieden sein . « Ein vornehmes Lächeln schwebte um die Mundwinkel der Fürstin : » Daran habe ich wirklich nicht gedacht . « - » Hat Ihre Majestät noch das Verlangen . Adelheid zu sehen ? « - » Die Königin hat wirklich an Anderes zu denken . Da fällt mir ein , in der Magdalena , die hier die Arme , nach Ihrer glücklichen Entdeckung , dem verlorenen Sohn entgegen hält , findet Schadow Ähnlichkeit mit unserer Adelheid . « Die Geheimräthin lorgnettirte : » Der Schnitt des Gesichtes , aber - ich mochte eher eine Verwandtschaft mit der Comteß Laura entdecken . « - » Wie sein wieder Ihr Blick , Sie sind eine geborene Kunstkennerin . Merkwürdig , Laura ist fast ganz so kostümirt . Wir wollen die schönen Mädchen uns herrufen , um zu entscheiden , wer ein näheres Anrecht darauf hat , eine Heilige zu werden . « Die schönen Mädchen waren nicht im Magdalenen-Zimmer . In dem Kabinet hinter den Feuerlilien stand Adelheid , an derselben Thürpfoste , wo die Comteß gestanden ; fast in derselben Stellung , auch sie blickte durch die Thürritze , theilnahmlos . zerstreut , wenn Vorübergehende sie anredeten . Die Gargazin und die Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an . Es war nicht Zeit mehr zu seinen Beobachtungen . Das war kein eitles Spiel einer Koketten , die auf neue Eroberungen sinnt , die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmückt und , in der Phantasie ihr eigen Bild malend , sich fragt : » wirst du ihm so gefallen ? « Sie athmete nicht , sie zitterte nicht , aber der Rand des Blumentisches , den sie krampfhaft fasste , hätte , wenn er Empfindung gehabt , einen eiskalten Druck empfunden . Sie wusste nicht , daß ihr Lockenbund sich gelöst und eine Flechte , sie entstellend , auf die Seite fiel , sie fühlte den Boden unter sich brennen , und ihr war eiskalt zu Muthe ; nur schoß es zuweilen glühend heiß durch die Adern , und gegen die Augen drängte es wie ein Strom , der einen Ausweg sucht , aber die Wächter haben die Schleusen zugezogen . Die Gargazin drückte die Hand ihrer Begleiterin und flüsterte ihr ins Ohr : » Die Knospe bricht ; heute entscheidet es sich . « Zu mehr war nicht Zeit . Gruppen drängten sich um einige spät Angekommene . Prinz Louis kommt nicht , lautete die eine Botschaft . Ein Zweiter wusste von der eingelaufenen Nachricht : der französische Kaiser habe Distrikte und Orte am Rhein besetzt , die unzweifelhaft zu Preußen gehörten , und mit dem Übermuth der Reunions-Kammern sie für französisches Staatsgut erklärt . Der Ministerrath war nach dem Palais berufen . Man hatte auch Generale in äußerster Erhitzung dahin stürzen sehen . Einige wollten wissen , man werde über Nacht dem französischen Gesandten die Pässe zustellen . Die Fürstin rief nach dem Geheimrath Johannes von Müller . Er war nicht mehr in der Gesellschaft ; schon vor einer halben Stunde war er abberufen . Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimräthin : der Herr Geheimrath befinde sich in heftigem Fieber und phantasire , indem er wunderbare Namen anrufe . » Will denn Alles heut den schönen Abend uns stören ! « Die Geheimräthin war nicht der erste Gast , welcher Abschied nahm . Die Geheimräthin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt . Ihr sei , versicherte sie , als wenn ein furchtbares Gewitter , ein Erdbeben im Anzuge sei . » Um so größer war Ihre Gefälligkeit , den ganzen Abend die Heitere gespielt zu haben - « Dafür hatte die Fürstin sie weiter begleitet , als die Etiquette forderte , vielleicht billigte : » Ich möchte von Ihnen den Muth lernen , wie man bei einem Erdbeben lächelt . « Die Fürstin lächelte aber nicht , als sie zurückkehrte , man konnte vielmehr ein leichtes Schaudern bemerken : » Ich hoffe , es war das erste und letzte Mal . « Ein Vertrauter , wie Wände und Möbel es sind , vor denen man nichts verbirgt , aber sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen , ein russischer Kavalier hatte den Herzenserguß gehört und wagte darauf zu antworten : » Warum behandelten Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit ? « - » Weil ich sie fürchte , « hatte die Fürstin dem Möbel erwidert , » weil - ich muß Wandel fragen . « » La table est servie ! « meldete der erste Kammerdiener . Auch Wandel war verschwunden . Der erste Gast war jetzt der Präsident , die vornehmeren waren fort : » Es wird doch auch diesmal nur blinder Lärm gewesen sein ! « sagte die Fürstin . - » Gewiß , « entgegnete der Präsident , indem er ihr respektvoll den Arn : reichte . » Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden , und wir können - « » Ruhig essen , Herr Präsident . Meine Herren führen Sie die Damen , unsere Ordnung ist zerrissen - wie es sich findet . « Die Ordnung war zerrissen , die Tischgänger wurden gepaart , wie Niemand es erwartet hatte . Wir haben Louis Bovillard in dieser Soirée nur einmal ins Auge gefasst , und auch da nur durch die Vermittelung anderer Augen . Vielleicht verloren wir nichts . Den vernichtenden Titanenhumor , der ihn für Viele interessant machte , ließ er nur noch selten spielen . Was gehörte er in die Gesellschaft ? War er doch auch vielleicht entwichen in einem langen Siechthum ! Was der Strömung der Zeit angehört , wird heut von ihr auf der Woge hoch getragen , daß es die Wolken ansprützt , um morgen im Abgrund zu versinken . Der Kothurn , den wir heut bewundern , morgen belächeln wir ihn . So liefert die Tragödie von gestern immer Stoff zur Komödie von heute . Louis Bovillard sahen wir durch die Thürritze als Träumer . Im Kostüm des englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt . Die jungen mochte er nicht verletzen wollen , denn er war plötzlich ein anderer geworden . Er war in ihrem Kreise voll Laune , Witz , liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh , aufmerksam auf jede Neckerei , die er in dem Tone wiedergab , von dem sie ausging.Was hatte ihn so verwandelt ? Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen Gesichtszüge , die Adelheid ihm zeigte ? Man kann ja nicht immer in einer Gesellschaft den Träumer spielen , sonst wird man langweilig ; und Adelheid mochte das auch denken , denn nichts verrieth , daß sie sich über diese Veränderung wunderte . Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des Klaviers . Aber Louis musste längst vergessen haben , um was er am Instrumente saß . Er träumte wieder , denn er hatte sich in Akkorde vertieft , die wohl zu einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck passten , aber nicht zu der harmlosen Situation aus der jüngsten Reichard ' schen Oper , noch zu den Scherzen des Suchens nach der Musik . Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt ? denn sie war allmälig verschwunden vor den dumpfen , langaushallenden Tönen , die er den Tasten entlockte . Nur Eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben , und als er die Phantasie mit einem Tonschlage schloß , der wie ein tief aufseufzender Meeresstoß gegen das Eis brach , respondirte ein Ton der Bewunderung aus ihrer Brust . » Das war zu göttlich ! Eigentlich verdiente es einen Kranz ! « Comteß Laura war aufgesprungen , und ehe der Fortepianospieler es sich versah , fuhr ihr weicher Arm um seine Schulter und steckte das Bouquet feuriger Nelken , das sie in der Schürze getragen , rasch ihm an die Brust . Als er den Arm fassen wollte , um den Dank auf die Hand zu hauchen , war die Nymphe entschlüpft . Das Unglück aber wollte , das die Zipfel ihres garnirten Tuches an seinen Rockknopf sich genestelt . Das Tuch war lang und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne , daß sie an ihn gefesselt war . » Sie zerreißen mein Tuch . « Er zog sie langsam an sich . » Was wollen Sie ? « - » Sie strafen , daß Sie entfliehen wollten . « Sie musste ihr Tuch mehr lieben , als die Strafe fürchten , sonst hätte sie doch das Tuch losgelassen und wäre entflohen . Als er ihr jetzt entgegensprang , um sie zu strafen , erschreckte ihn nicht ihr leichter Schrei , mit dem sie dem strafenden Arm sich zu entwinden suchte , sondern - eine Erscheinung . Adelheid stand zwischen der Thür und ihm , die Hand ans Herz gepresst , als fühle sie einen Schmerz , blaß , mit Geisteraugen , wie eine Bildsäule . » Meine Herren , schnell den Arm der Damen ! « riefen mehrere Stimmen , als durch die offene Thür der Zug zum Speisesaal vorüberging . » Sans gêne , Jeder wer ihm zunächst steht . « Ob er , ob die Comteß das Tuch vom Knopfe losgenestelt , wissen wir nicht , aber es musste losgemacht sein , denn Bovillard fand kein Hinderniß mehr , als er der ihm Nächststehenden den Arm öffnete . Es machte sich von selbst , es ging nicht anders , ohne einen Verstoß . Es war Adelheid , die der Strom auf ihn zudrängte , während er die Comteß fortschob . Auch sie musste , sie stand ihm zu rechts . Aber sie weinte . Eigentlich bebte nur ihre Brust . » Ihre Schlussakkorde - es war mir , als ob - als ob etwas sprang - « » Darf ich ? « rief die näselnde Stimme des Baron Eitelbach zur Comteß , ohne sich tief zu neigen . Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an , und steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem » qu ' importe ! « Es machte sich auch von selbst . Es waren die letzten Gepaarten . Drei Paare folgten einander zu Tisch , von denen Keiner am Abend erwartet , daß der Zufall ihn zu dem Andern führen würde . Die zwei sahen wir eben ; ihnen voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach . Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter . Fünfundsechszigstes Kapitel . Ein belauschtes Intermezzo . Im Vorzimmer des neuen Ministers stand Walter van Asten . Es war Vieles vorgefallen , was diese Audienz , um die er nicht nachgesucht , immer wieder aufgeschoben hatte . Der Minister war einmal zum Könige berufen gewesen , eine dringende Konferenz hatte sich ein ander Mal in die Länge gezogen . Man hatte ihm hinaus sagen lassen , es thue dem Minister sehr leid , aber um ihm seine Zeit nicht zu rauben , werde Excellenz ihm einen andern Tag bestimmen lassen . Am heutigen war Walter mit frohem Herzen aus dem Hause gegangen . Nicht weil ein entfernter Bekannter , der sich plötzlich seinen Freund nannte , heut Morgen zu ihm gestürzt war , mit der frohen Kunde , die er vom Schwager des Bruders eines Kanzleibeamten gehört , daß derselbe seine Brochüre auf dem Arbeitstisch des Ministers liegen gesehen . Seine Schrift hatte Walter fast vergessen . Was war es jetzt Zeit zu Organisationen . Es war kein anderer Impuls in ihm . als die Lust des Atoms , sich aufzulösen