armer Engel ? « » Durch die Arbeit ! « seufzte die Blinde . » Das Weben bei Nacht vertrugen meine Augen nicht , und weil sie mich so sehr schmerzten und das Licht nicht mehr ertragen konnten , löschte sie der liebe Gott lieber ganz aus . Seit ich blind bin , habe ich keine Schmerzen mehr . Auch das Leid Anderer rührt mich nicht , denn ich sehe ja nicht ihr Elend ! O ich sage Dir , Pink-Heinrich , eine größere Wohlthat als Blindheit kann es für den gefühlvollen Armen nicht geben ! Ihn quält nichts und doch hat Jeder Erbarmen mit ihm ! Unaufgefordert empfängt der Blinde Gaben , während andere elendiglich Darbende hart angelassen und unbeschenkt fortgewiesen werden ! Darum danke Gott , alter Freund , daß er mir das Licht der Augen genommen hat , als es Zeit war . Ich kann nun ruhig sein wegen meiner Zukunft und geduldig der Stunde harren , wo der Ewige mich rufen wird . « » Hat Euch Paul mein Schreiben eingehändigt ? « fragte jetzt Aurel , um diesen schmerzlichen Auftritt zu beendigen . » Ich bin dann begierig , Eure Meinung zu hören . « » Um uns mit Ihnen zu berathen , Herr Kapitän , sind wir Beide , Sloboda und ich , unverweilt mit Paul hierher gekommen . Es steht nicht Alles gut um Boberstein ! « » Von meinem Enkel erfuhren wir die Verirrung Martells , « sagte der alte Wende . » Wir vermuthen , daß eine böse List dahinter verborgen liegt . « » Dieser Ansicht bin ich ebenfalls , wackere Freunde , doch macht sie mir wenig Sorge . Martell ist ein sehr kräftiger Mann , den sein geistiger Stolz schon nicht untergehen läßt . Er schmachtet nach Vergeltung , und weil er diese nicht in der Art üben kann , wie er es vielleicht wünscht , geräth er auf Abwege . Mehr bekümmert mich das Verschwinden des Hamburger Trödlers ! Ihn müssen wir auskundschaften , sonst laufen wir Gefahr , unsere Absicht nur zur Hälfte zu erreichen . Habt Ihr eine Vermuthung , Heinrich ? « » Blos unbestimmte , Herr Kapitän . « » Laßt hören ! « » Bewahre mich der Himmel ! Was ich denke , erfährt gegenwärtig kein Mensch ! Aber ich bin der Meinung , Spione nach Boberstein zu schicken . « » Wollt Ihr selbst einen so schwierigen Posten übernehmen ? « » Hätte ich nur zwanzig Jahre weniger auf dem Rücken , so machte ich mir wohl den Spaß , aber jetzt , Herr Kapitän , jetzt bin ich doch etwas zu unzuverlässig geworden . Ein flinker Junge wie der Gilbert ist der rechte Mann dazu . « » Er ist zu leichtsinnig , zu verliebt ! « » Desto mehr wagt er , und einen Wagehals brauchen wir . Kann er auch zechen ? « » Wie ein Bacchus ! « » So ist er wie geschaffen zu dem Posten , den ich ihm zugedacht habe . « » Ihr wollt Martell einen Gefährten geben , nicht wahr ? « » Einen Gefährten und einen Spion zugleich ! Ein Bursche , der es mit dem Spinner und seinen Freunden aufnimmt , kann auch erfahren , wer den fremden Köhlern immer von Neuem den Geldbeutel füllt ! « Dies leuchtete Aurel ein , und nach kurzem Bedenken gab er seine Zustimmung . Unterdessen war es auch den vereinten Bemühungen Hertas und Elwirens gelungen , die Blinde zu beruhigen , indem sie nicht allein ihr selbst , sondern eben so bestimmt auch Leberecht und Eduard Obdach und Unterhalt zusicherten . Marie preßte Herta ' s Hände wiederholt an ihre Lippen , ohne Worte des Dankes für so viel Liebe und Theilnahme zu finden . Es erschütterte die gealterte , von tausend Stürmen durch ein sorgenschweres Leben gepeitschte Frau tief , daß sie am Ende ihres Erdenwandels wieder durch die Noth an dieselbe Bank gefesselt war , die sie vor mehr als vierzig Jahren ebenfalls nur zu ihrem traurigen Ruhesitz hatte erwählen müssen . Nur waren die Gefühle , welche jetzt in ihr aufstiegen , Gefühle des Dankes , und trotz ihrer unheilbaren Blindheit mußte sie sich schweigend doch sagen , daß der Allmächtige sie wunderbar und gut geführt habe ! Mit einigem Geräusch erschienen jetzt die Knechte und Mägde , um ihr frugales Abendbrod gemeinsam zu verzehren . Aurel hatte nicht die Absicht , durch seine und der Frauen Gegenwart diese braven , arbeitsamen Menschen in ihrer Unterhaltung zu stören , und bot deshalb seiner Tante den Arm , um sie in ihre Zimmer zu geleiten . » Ich hoffe , Ihr und Euer alter Freund werdet den Thee mit uns trinken , « sagte er im Aufbrechen zu dem Maulwurffänger . » Gilbert wird ebenfalls erscheinen und so können wir ohne große Mühe gleich Alles ins Reine bringen . « Der Maulwurffänger schlug blinzelnd sein graues Auge zu dem Kapitän auf und sah ihn mit der schlauesten Miene an , die seine Gesichtszüge annehmen konnten . » Wollen der Herr Kapitän , daß ich oberländisch sprechen darf ? « sagte er lächelnd . » Ganz nach Belieben , braver Alter ! « » Nun dann bitt ' ich ganz gehorsamst um Urlaub , mein Herr Kapitän ! Die gnädige Gräfin und ihr wunderschönes Nichtchen verstehen zwar einen Thee zusammen zu brauen , wie ihn meine alte Zunge ihr Tage nicht geschlürft hat , aber ein richtiges Maulwurffängerabendbrod ist ' s denn doch nicht ! Da in dem Bauche des alten Kachelofens habe ich einen Topf überlaufen sehen , der ein genaues Viertel Erdbirnen enthalten mag , und der Duft von diesen lieben Knollen kitzelt mich noch in der Nase . Auch habe ich einen starken Apettit , vornehmlich auf eine nahrhafte , gut geschmalzte Mehlsuppe , wie sie dort auf dem Tische dampft . Finden Sie es also nicht gar zu grob und despectirlich , so bleibe ich mit sammt dem Alten da und seinem Enkel in der Gesindestube , helfe die Riesenschüssel mit dem schönen Reimspruche am Rande mit auslöffeln und schäle nachher der blinden Mutter dort einen Teller voll Erdbirnrn , was sie in ihren jungen Tagen oft aus purer Liebe mir ebenfalls gethan hat . Die mehligen Knollen schmecken mir noch einmal so gut , wenn die hübsche Marie die Schalen mit ihren kleinen dicken Fingern so appetitlich abzog . « Dies Lob des alten Mannes machte die Blinde lächeln . Zugleich ward sie aber auch gerührt von Pink-Heinrichs Anhänglichkeit , und die Hand gegen ihn ausstreckend , sagte sie : » Habt Dank , Alter ! Die blinde Mutter wird heut mit Euch zu Abend essen , und wenn auch ein paar Thränen aus ihren erloschenen Augen mit auf Euern hölzernen Teller fallen , Ihr werdet ihr deshalb doch nicht grollen . « Herta traten die Thränen in die Augen . Sie entzog Aurel ihren Arm , um in dem vorgehaltenen Taschentuche ihre Rührung zu verbergen . » Gelt , Herr Kapitän , Sie entschuldigen den Grobian von Maulwurffänger und lassen ihn in der alten räucherigen Erdfahrt , in die er von Rechts wegen gehört ? « » Gott segne Euch und Euer Mahl ! « rief Aurel bewegt . » Laßt es Euch so wohl schmecken wie in Euren besten Tagen ! Gilbert werde ich von Euch grüßen und auf seine Sendung vorbereiten . « Unter dem lauten und gemeinsamen Zuruf aller Dienstboten , die ihrer Herrschaft von Herzen gute Nacht wünschten , verließ Aurel mit Herta und Elwire die Gesindestube . Auf dem Wege nach dem Herrnhause fragte der Kapitän Elwire : ob er sie auf einige Minuten in ihrem Zimmer sprechen könne ? Das schöne Mädchen gab mit Herzklopfen ihre Einwilligung und Aurel beurlaubte sich für kurze Zeit bei seiner Tante , nachdem er sie in das uns bekannte Zimmer geführt hatte , wo die immer geschäftige Emma ihre Gebieterin empfing . Mit niedergeschlagenen Augen begrüßte Elwire ihren Vetter . Auch Aurel war ein klein wenig befangen , da er heut nicht seinen gewöhnlichen , scherzhaft kecken Ton anstimmen wollte , in den er gern bei ungenirter Unterhaltung mit jungen Mädchen verfiel . » Liebe Elwire , « sagte er nach einigen unbedeutenden Fragen , die das kluge Mädchen gewiß belacht hätte , wäre sie nicht eben so befangen gewesen , wie Aurel . » Liebe Elrwire , ich erbat mir die Erlaubniß zu diesem Gespräch unter vier Augen , um von Ihren schönen Lippen mein Schicksal zu erfahren . « » Glauben Sie , daß ich wahrsagen kann ? « fiel Elwire mit einem reizenden Anflug von Uebermuth ein . » Emma hat mir nie Unterricht gegeben in der Kunst , aus den gemalten Herzen auf Kartenblättern die Geheimnisse in den Herzen der Menschen zu errathen . « » Sie spotten , Elwire ! Ist es möglich , daß Sie mich so gar nicht verstehen , daß ich Ihnen ein Fremder geblieben bin ? « Auf diese mit sichtbarer innerer Bewegung gesprochenen Worte senkte Elwire den Kopf und seufzte . » Bitte , sprechen Sie ! « sagte sie kaum hörbar , aber unendlich sanft und zärtlich . » Ja , das sind Sie , das ist wieder die schüchterne Taube , die sich duckend an meine schützende Brust flüchtete und an dieser wieder zum Leben erwachte ! - Wozu viele Worte machen , theure Elwire , wozu in langen nichtssagenden Tiraden die heiligsten Empfindungen des Herzens profanisiren , wenn es doch so einfach , so natürlich ist , durch einen einzigen Blick , einen herzlichen Händedruck sich zu verständigen ! Sie kennen mich zur Genüge , meine schöne Cousine , um längst zu wissen , daß ich ein Feind aller Umschweife bin . Ich liebe ein gerades , offenes Wesen , ein klares bestimmtes Wort . Ein solches Wort will ich jetzt an Sie richten , indem ich die Bitte hinzufüge , mir durch ein eben so gerades Wort zu antworten . Wollen Sie ? « Elwire ließ ihre Hand , welche Aurel ergriffen hatte , in der seinigen und schlug ihre großen sanften Augen zu ihm auf . Sie sprach nicht , aber ihr Blick sagte dem Kapitän , daß sie seinen Wunsch erfüllen werde . » Wir dürfen hoffen , « suhr Aurel fort , » daß binnen wenigen Monden dieser anscheinend so verwickelte Proze ? , der uns hier zusammengeführt hat , sein Ende erreicht . Ich bin keineswegs in Sorge oder nur zweifelhaft über seinen Ausgang , denn Alles , was zur Bildung eines gerechten Urtheils , selbst im Sinne unserer höchst unvollkommenen Gesetze nöthig war , ist beinahe im Uebermaße vorhanden . Alle aufgefundenen Documente sind als ächt von Zeugen beschworen worden und so hat denn unser altes sündhaftes Geschlecht eine Anzahl von Verwandten bekommen , die späterhin nach Maßgabe des Richterspruches Antheil haben werden an unsern Gütern . Ich weiß aus den Berichten unseres Anwaltes , daß dieser Spruch sehr bald erfolgen wird und muß , und bin schon jetzt hoch erfreut darüber , da viele Menschen durch ihn glücklich , wohl nur ein Einziger unglücklich werden wird . Daß dieser Einzige grade mein ältester Bruder ist , schmerzt mich tief , ich nehme es aber als eine gerechte Schickung der Vorsehung hin , die verjährte Frevel und Vergehungen so oft in eigenthümlicher Weise bestraft . Wäre Adrian genügsam , hätte er sein Herz nicht verstockt , so würde er die Armen mit Brüderarmen umschlingen und sich mit uns freuen ! Er will es nicht , darum walte das Schicksal ! - Ich rufe Ihnen dies jetzt ins Gedächtniß zurück , weil ja auch Sie an dem gemeinsamen Glück Antheil haben werden . Wollen Sie diesen Antheil allein , für sich , getrennt von Andern genießen ? « » So lange meine geliebte Tante lebt , werde ich mich nicht von ihr trennen ! « » Unter keiner Bedingung , Elwire ? Wirklich unter keiner ? - Sie seufzen ! Ach geben Sie diesem Seufzer Worte ! Lassen Sie Ihr Herz sprechen , wie das meinige zu Ihnen spricht ! Knüpfen Sie Ihr Schicksal an das meinige ! « Aurel fühlte die Hand Elwirens in der seinigen zittern , aber sie schwieg , den Blick zu Boden gesenkt . Mit gedämpfter Stimme fuhr Aurel fort : » Ein Wort , Elwire , ein einziges Wort genügt , um mich glücklich zu machen ! Können Sie dieses Wort nicht aussprechen , so dürfen Sie versichert sein , daß Kapitän Aurel nicht eine zweite dringende Bitte an Sie richten wird ! Nur jetzt , in diesem geheiligten Augenblick gestatten Sie , daß ich Ihnen einmal sagen darf : ich liebe Dich , theure Elwire ! « Aurel drückte heftig ihre Hand an seine Lippen und heftete wieder fragend sein brennendes Auge auf die liebliche zarte Gestalt . » Elwire ! « bat er . » Ist es denn so schwer , sich zu entscheiden ? Laß mich in Dein Auge schauen ! In ihm will ich lesen , ob über meinem zukünftigen Dasein der Azurbogen eines sonnigen Himmels schweben soll ! « Da erhob Elwire zögernd ihr schönes Haupt , die Blicke begegneten sich und jauchzend sanken sie einander in die Arme . » Ewig Dein ! « hauchte Elwire , als Aurel die bebende Braut wieder aufrichtete . » Möchte es mir nur auch vergönnt sein , Dir ein kleiner lichter Stern am Himmel Deines Lebens zu werden ! « Lächelnd schloß ihr Aurel den lieblichen Mund durch einen Kuß . » Zu Herta ! « sagte er . » Die Großmutter muß ihre kleine verliebte Nichte doch ein wenig schelten , daß sie unter ihren Augen mit dem schelmischen Gott Amor geheime Zwiesprach gepflogen hat . « Elwire lächelte jetzt ebenfalls schelmisch , hüpfte leichten Fußes am Arme Aurels in Herta ' s Zimmer und ließ sich von dem Kapitän der liebreichen Tante als Braut vorstellen . » Hat sie doch endlich geplaudert , der liebe Schalk ? « sagte Herta , legte die Hände der Liebenden in einander und gab ihnen ihren großmütterlichen Segen . Als gleich darauf Gilbert eintrat und die Verlobung erfuhr , schnitt er ein sehr verdrießliches Gesicht , das sich indeß sehr bald wieder aufheiterte , da er den Auftrag erhielt , am nächsten Tage nach Boberstein abzureisen . » Das ist höchst gescheidt von dem Kapitän , « sagte er nach eingenommenem Thee . » Heirathen mag ich zwar nicht , aber lieben muß ich wieder . Und dazu ist Bianca die passendste Person ! « Viertes Kapitel . Das Erwachen der Nemesis . Es schlug neun auf der Fabrikuhr . Die Nacht war finster , die Luft still . Das gewöhnliche Brausen der Haide erstarb in einem kaum bemerkbaren Säuseln und Flüstern . Als der letzte Glockenschlag verhallte , stieß die Fähre vom Lande und durchschnitt langsam die trägen schwarzen Gewässer des See ' s , der große schwere Eisschollen in Menge trieb . Auf dieser Fähre kehrte Adrian von seinem heimlichen Besuche im Raubhause zurück . Es war derselbe Abend , an dem wir die blinde Marie auf dem Zeiselhofe begrüßt haben , beinah dieselbe Stunde , in welcher Aurel Elwiren seine Liebe gestand . Adrian holte tief und seufzend Athem , als er den Lichtschein am Ufer der Insel durch die Jalousien schimmern und im Wasser des Sees sich wiederspiegeln sah . Auf diesen kleinen flimmernden Lichtpunkt heftete er sein Auge , als liege in dem schwankenden Flämmchen ein unwiderstehlicher Zauber . Die blendenden Reihen der erleuchteten Fenster der Fabrik zogen ihn heut nicht an . Wie kam es , daß Adrian sein hohles Auge unter Herzklopfen an jenen irrlicht trüben Lichtschimmer heftete , der spielend auf dem Gewässer gaukelte ? Um diesen geheimnißvollen Zauber zu begreifen , müssen wir die prächtige Wohnung des Fabrikherrn betreten und uns in dieser etwas genauer umsehen . - Hier kommen wir in ein kleines behagliches Zimmer , dessen Wände mit blauen Tapeten ausgeschlagen sind . Ein reiches Möblement gibt diesem wohnlichen Zimmer jenen fesselnden Reiz , den wahrer Comfort immer mit sich führt . Vor einem hohen und breiten , in kostbaren Goldrahmen gefaßten Spiegel brennen auf zwei dreiarmigen Leuchtern starke Wachskerzen und gießen ihr volles stilles Licht über eine weibliche Gestalt aus , die auf gesticktem Sessel in einem blendend weißen Kleide kniet und eben damit beschäftigt ist , in ihr prächtiges schwarzes Haar eine purpurrothe Camelie zu befestigen . Die schönen glänzenden Flechten sind am Hinterhaupt in einen einfachen geschmackvollen griechischen Knoten verschlungen , und nur um die Schläfe und die feinen Ohren ringeln sich einige lange Locken . Dieses Mädchen ist Bianca , die ihre Abendtoilette macht . Die zarten Hüllen des weißen Kleides mit den kurzen Aermeln , die ein breiter Spitzenbesatz umflattert , zeigen ihren schlanken und doch edlen Wuchs auf das Vortheilhafteste und erhöhen die natürliche Anmuth des schönen Geschöpfes noch durch ihre ausgesuchte Einfachheit , in welcher ein Kenner die raffinirteste Koketterie erblicken würde . Bianca betrachtet sich lange im Spiegel , läßt die starken schwarzen Locken so lange durch ihre Finger laufen , bis sie die marmorweißen vollen Schultern berühren , welche das weit ausgeschnittene Kleid nicht verhüllt . Um den schlanken Hals trägt sie ein Collier von ächten Perlen , deren reines Wasser gegen den zarten Glanz der sammetnen Haut nicht aufkommen kann . Es ist ein Geschenk Adrians , Bianca aber findet heut Abend , daß Nacken , Hals und Brust ohne diesen kostbaren Schmuck verführerischer sind , und so legt sie es denn mit kaltem Lächeln wieder in die Sammetkapsel , der sie es entnommen hat . Nun verläßt sie den Sessel , ergreift einen der Leuchter , erhebt ihn bis zur Höhe ihrer Achseln , und den Blick immer fest auf den Spiegel richtend , dreht sie sich langsam im Kreise um sich selbst . Bei diesem koketten Spiel stahl sich der Strahl des Lichtes durch die halbgeöffnete Jalousie und hüpfte verlockend , gleich einer dämonischen Flamme vor der rauschenden Fähre her , welche den Herrn am Stein nach der Insel trug . Bianca machte ihrem Spiegelbilde mit reizendem Lächeln eine graziöse Verbeugung , setzte den Leuchter wieder fort und schlang ein rosaseidnes Band gürtelartig um ihre schlanke Taille . Erst nachdem dies geschehen war , erklärte sie mit stolzem Kopfnicken ihre Toilette für beendigt , schritt bedächtig durch mehrere Gemächer , bis sie Adrians Wohnzimmer erreichte , wo sie Alles zum Abendtisch ordnete . Dann zog sie sich zurück und ging , die Hände über dem klopfenden Busen gefaltet , sinnend im Zimmer auf und nieder . Bald darauf hörte sie die befehlshaberische Stimme Adrians . Sie erbebte leis und ein fulckelnder Blitz schoß aus ihren großen schwarzen Augen . Ihre schwellenden Lippen zuckten und ein Zug bitteren Hohnes , ja tiefer Verachtung verunstaltete auf einige Secunden ihr tadellos schönes Gesicht . Lauschend blieb sie an der Thür stehen , die Stirn in ihre linke Hand stützend , an deren kleinem Finger ein Brillantring blitzte . Als sie sich überzeugt hatte , daß ihr Gebieter nach seinem Zimmer gegangen sei , zog sie ein zusammengefalteles Blatt aus dem Busen , schlang schnell eine bereit liegende Schnur darum , an welcher ein Schlüssel hing , öffnete eben so rasch Fenster und Jalousie und warf Beides unter dreimaligem Husten hinaus . Bald darauf schlüpfte hinter der Scheuer , auf deren Tenne Adrian die verhungerten Kinder ausgestellt hatte , eine dunkle hohe Gestalt hervor , schlich behutsam nach dem Hause und ergriff das weiße Papier , das Bianca absichtlich ruckweise am Boden flattern ließ . Als sie es in den rechten Händen wußte , ließ sie die Schnur fallen , der nächtliche Gast verschwand wieder hinter der Scheuer und Bianca schloß behutsam ihr Fenster . Wieder trat sie vor den Spiegel , um sich von ihrem Liebreiz zu überzeugen . Sie sah jetzt weit bleicher aus , als zuvor , allein diese Blässe that ihren Reizen keinen Abbruch , sondern machte sie eher noch verführerischer . Selbst ihr Lächeln , das nichts weiblich Sanftes an sich hatte , und nur wie eine Maske über die ursprünglich reinen Züge geworfen war , konnte durch die Eigenthümlichkeit des spöttischen Ausdruckes bezaubern , in dem sich Schallhaftigkeit und Laune höchst anmuthig umarmten . Fast erschöpft lehnte sich Bianca jetzt an den Divan und wartete ruhig , bis sie Adrians Schritte vernahm . Vor diesem Tone schauderte sie zusammen , ob vor Wonne oder Entsetzen würde schwer zu entscheiden gewesen sein , denn ihr Blick blieb kalt , ihre Miene ruhig . Sie ergriff abermals einen der Armleuchter , und indem sie das Zimmer verließ , sprach sie flüsternd zu sich selbst : » Nun , Gott der Rache , sende mir Deine schrecklichen Engel , daß ich ihn züchtigen mag , wie er es verdient hat ! « Und mit dem süßesten , verführerischsten Lächeln verschämter Liebe trat sie in Adrians Zimmer . - Der Herr am Stein war sehr zufrieden mit seiner jungen schönen Haushälterin . Bianca war fleißig , sorgsam , accurat und die Aufmerksamkeit selbst . Besser war Adrian nie bedient worden , delicater hatte er nie gespeist . Und was ihm besonders gefiel , war , daß Bianca selbst die Stelle eines Dieners versah und ihm eigenhändig die Speisen reichte . Dabei erschien sie täglich in geschmackvoller Kleidung , immer einfach und immer reizend . Zwar bat Adrian das schöne Mädchen , es möge die Aufwartung seinen Bedienten überlassen und Theil nehmen an seinem Mahle ; wie dringend er aber auch bat , Bianca ließ sich nicht dazu bewegen . Sie wisse gar wohl , was ihr zukomme , behauptete sie mit dem allerschelmischsten Blick ihrer leidenschaftlichen Augen , und wenn der gnädige Herr nur zufrieden sei mit ihren Leistungen , so würde sie mit dem größten Vergnügen als Dienerin ihm während der Mahlzeit Gesellschaft leisten . - Von diesem Entschlusse war Bianca nicht abzubringen , so große Mühe sich Adrian auch gab . Sie legte ihm vor , wenn er es wünschte , sie setzte sich auch auf Verlangen neben ihn und unterhielt ihn munter plaudernd mit allerliebsten Geschichten . Dabei benahm sie sich so unbefangen , wie ein unschuldiges Kind von funfzehn Jahren . Sie streifte mit ihren warmen bloßen , runden Schultern beim Darreichen einer Schüssel Adrians Wangen , daß der sinnlich erregte Mann von der elektrischen Berührung des schönen Mädchens zitterte , oder sie beugte sich mit zur Seite geneigtem Kopf zu ihm herab , mit Mund und Augen zugleich eine Frage an ihn richtend , wobei der arme Mann nothwendig seine Blicke auf den weißen klopfenden Busen der schlauen Verführerin richten mußte , der die zarten Bande , die ihn gefesselt hielten , zu sprengen drohte . Schon beim ersten Besuche Bianca ' s war Adrian in das Netz dieses unendlich verführerischen Geschöpfes gerathen , wie wir wissen . Das heitere , verschämte , naive Mädchen hatte ihn so gefesselt , daß er bei sich beschloß , ihr nach Beendigung des Prozesses seine Hand zu reichen . Daß Bianca einen solchen ihr gemachten Antrag ausschlagen könne , daran dachte er nicht . Er selbst glaubte sich noch rüstig und liebenswürdig genug , um einem schönen Mädchen ohne Namen und Vermögen Liebe einflößen zu können . Auch verlangte er nicht Unmögliches oder nur Seltenes . Eine stille Neigung , ein freundliches Anschmiegen , ein aufmerksames Eingehen auf seine Wünsche zog er in jeder Hinsicht aufreibender Leidenschaftlichkeit und quälender argwöhnischer Eifersucht vor , womit liebende Mädchen so gern den leidenschaftlich geliebten Mann peinigen . Leider aber passirte Adrian bei aller Verstandeskälte im Umgange mit Bianca selbst das Unglück , daß er sich mit aller Leidenschaft , deren die Sinne fähig sind , in seine jugendliche Haushälterin verliebte . Und Bianca , das schuldlose Kind , merkte gar nichts von dem Unglück , das sie angerichtet hatte ! Immer lächelnd , immer guter Laune , täglich in reizenderem Costüme umschwebte die schalkhafte Sirene den stolzen Fabrikherrn und gab auf all seine Fragen die scherzhaftesten Antworten ; erröthete , wenn er ziemlich verständlich auf die Gefühle anspielte , die sie in ihm erregte , und wehrte schüchtern , aber standhaft jede vertrauliche Liebkosung ab mit der ernsthaften Bemerkung , dergleichen schicke sich nicht ! - Gleich darauf war sie aber schon wieder die alte verführerische Fee , die mit geübter Kunst und diabolischer Sicherheit ihre tödtlich treffenden Liebespfeile auf das unbewachte Herz ihres unglücklichen Opfers abschoß . Durch dieses schlaue Betragen erreichte Bianca in unglaublich kurzer Zeit ihren Zweck . Es war wohlüberdachter Plan bei ihr , den Verführer und Mörder ihrer armen Schwester bis zum Wahnsinn in sich verliebt zu machen , ohne die geringste Hoffnung auf Gegenliebe in ihm aufkommen zu lassen . Sie wußte im Voraus , daß ihr dies vollkommen gelingen würde , und deshalb rüstete sie sich mit dem ganzen Scharfsinn weiblicher List aus , um Schritt vor Schritt langsam und sicher ihr Opfer zu umgarnen . Adrian widerstand Bianca ' s meisterhaft geheuchelter Zärtlichkeit , die jedoch immer die Zärtlichkeit eines schuldlosen Kindes von höchster Anmuth blieb , nicht einen Tag , er widerstand ihr um so weniger , als er das reizende Mädchen zu seiner Gattin erheben und durch Freundlichkeit sich ihm geneigt machen wollte . Darum überhäufte er sie schnell mit kostbaren Geschenken und ließ sie ahnen , was er für sie fühlte . Ihr scheues Zurückschrecken bei solchen Andeutungen war ihm freilich nicht angenehm , da es ein längeres Bewerben in Aussicht stellte . Täglich , oft stündlich von Bianca bis zu dem höchsten Gipfel sinnlicher Erregung gereizt , berührt von ihren vollen Armen , gestreichelt von ihren Händen , den süßen Athem ihres Mundes auf seinen Lippen fühlend , überall von ihr unrschwebt , gerieth Adrian in einen fieberhaft exaltirten Zustand , der ihn leiblich und geistig verzehrte und schnell aufzureiben drohte . Er verfiel zusehends , seine Augen sanken zurück in ihre braunen Höhlen , in denen sie wie gefesselte Tiger lagen und grollend unheimliche Gluthblicke auf Jeden warfen , der ihm nahte . Am Tage war dieser Zustand noch zu ertragen , denn dann weidete sich der unglückliche Liebende an seiner grausamen Zauberin , aber des Nachts erreichte die Pein der rasenden Leidenschaft , die sich seiner bemächtigt hatte , die größte Höhe irdischer Folterqualen . Adrian fiel in einen traumdurchrasten Schlaf , der ihm in tausend bunten Gestalten immer und immer Bianca ' s liebreizende Gestalt vorführte , und zwar in so lockender Schöne , daß ein Verschwinden dieses lächelnd an ihn heranschwebenden Bildes dem furchtbarsten Seelenschmerz gleichkan . Und doch wiederholte sich dieser höllische Zauber unzählige Male immer von Neuem in jeder Nacht , und dem Unglücklichen war es nicht einmal vergönnt , die Locken seiner süßen Peinigerin zu küssen , wie viel weniger , sie an sein stürmisch klopfendes Herz zu reißen und an ihrem Busen , in ihren Küssen die Gluth zu kühlen , die ihn verzehrte ! Kühl und ernsthaft wie am Tage enlschlüpfte sie ihm auch im Traume , um sogleich wieder ihr gaukelndes Liebesspiel anzufangen und mit immer schrecklicheren Zaubern den Gefangenen auf ewig zu binden . Diese göttlichen Träume voll süßer Höllenqualen wechselten ab mit jenen düstern Erscheinungen , die Adrian seit seiner Krankheit häufig im Schlafe verfolgten , wie wir wissen . Auf diese Weise glich sein Leben seit Bianca zu ihm gezogen war , einer nie endenden Folter . Er mußte sich dies selbst gestehen , aber schon hatte ihn die grausame Schöne so ganz mit ihren diabolischen Zauberfäden umsponnen , daß er lieber diese Qual fort erdulden und sie immer um sich wissen , als ohne sie in vielleicht ähnlicher Pein fortleben wollte . Der schlauen , ihren Plan mit wahrhaft entsetzlicher Consequenz verfolgenden Bianca blieb diese Verwandlung ihr Gebieters kein Geheimniß . Nur Adrian gegenüber that sie , als sähe und ahne sie nichts . Als sie bemerkte , daß der Graf nach Tische auf seinem Zimmer kurze Zeit zu schlummern versuchte , schlich sie auf den Zehen bis an die Thür , legte ihr Ohr an das Schlüsselloch und horchte gespannt , ob er vielleicht im Schlafe spreche . Sie hatte sich nicht getäuscht . Sobald der Schlaf Adrians Augenlider schloß , öffneten sich vor den Blicken seiner Seele die Pforten der Pein und nach wenigen Tagen wußte Bianca , daß unter allen Gestalten , die um den Schläfer schwebten , sie selbst und ihre verstorbene Schwester am häufigsten wiederkehrten . Da flog ein glänzendes Lächeln rachsüchtiger Freude über die schönen Züge des Mädchens , und die kleine Hand ballend , schwor sie , dem Verhaßten noch schrecklichere Qualen zu bereiten . Die Folter des Unglücklichen sollte in dieser Nacht beginnen ! Um ihren Zweck zu erreichen , hatte sich Bianca mehr wie je mit allem Liebreiz geschmückt und keine der vielen kleinen Toilettenkünste verschmäht , die liebenden Männern so gefährlich werden . Als sie nun die Rückkunft des Grafen hörte und die Klingel desselben vernahm , begab sie sich , wie wir wissen , nach seinem Zimmer . Adrian hatte , ermüdet von der beschwerlichen nächtlichen Fahrt durch den morastigen Wald , bereits sein Hauslkeid angelegt und es sich in dem behaglichen Zimmer bequem gemacht . Auf Bianca ' s Befehl war der runde Tisch schon gedeckt und mit Allem versehen , was zu einem reichlichen Abendimbiß erforderlich war . Sie selbst hatte nur für Bereitung des Thees Sorge zu tragen , und den Grafen , wie er es seit Kurzem gewohnt war , in ihrer anmuthigen und graziösen Weise zu bedienen . Heiter lächelnd trat die Sirene Adrian entgegen , grüßte ihn mit zierlicher Verbeugung , wußte aber auch sogleich ihren so eben noch überaus muntern Zügen einen Ausdruck der Bestürzung und Sorge zu verleihen , welcher den Grafen vollkommen täuschte . » Mein Gott ! « rief sie mit geheucheltem Schrecken aus , ihr Arbeitskörbchen neben die singende Theemaschine setzend