sie sich noch bewege , und sogleich bemühte sie sich , ihr Hülfe zu verschaffen . Sie löste ihre Kleider , sie rieb ihr Schläfe und Pulse und näßte ihre Stirn mit kaltem Wasser . Bald erwachte die Alte ; aber sie war zu schwach , um sich erheben zu können , und hielt doch Elmerice ' s Hand fest in der ihrigen , als wolle sie sie verhindern , Hülfe herbei zu rufen . Als sie nach einiger Zeit die Sprache wieder erhielt , sagte sie : » Kind , laß uns allein , ich will bei Dir sterben ! Laß mich kein Gesicht mehr sehen aus der Welt , die sie getödtet hat - und halte Du sie Dir auch ab . Morgen bin ich wieder wohl , « fuhr sie fort , als sie die Thränen ihres Lieblings sah ; - » sei nur getrost , mein Engel , es ist so schön , wenn wir allein sind , da werde ich bald zu Kräften kommen ! « So blieb sie bis gegen Morgen , von Elmerice bewacht , im Lehnstuhle sitzen ; ihr Zustand erregte dieser große Besorgniß , da ein banges Keuchen eintrat , das den Ausbruch einer neuen Krankheit fürchten ließ . Gegen Morgen machte sie den Versuch , von Elmerice geführt , ihr Bett zu erreichen , aber es trat eine neue Ohnmacht ein , die den Rest ihrer Kräfte mitzunehmen schien ; denn von da an lag sie in bewußtloser Ruhe . Elmerice sendete nun Asta zu Veronika , und als diese sogleich mit ihr zurückkehrte , sprach sie gegen diese den Wunsch aus , daß sie den Marquis d ' Anville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten möge und der Marquise ihre Entschuldigungen überbringen , da sie Emmy nicht verlassen könne , und deren Ruhe durch Nichts gestört werden dürfe . Zu Allem bereit , beeilte sich Veronika , den Herrschaften aufzuwarten , die sie sämmtlich in der heitersten Laune beim Frühstücke antraf . Die Nachricht , die sie brachte , wurde mit der größten Theilnahme angehört , und der Marquis gab augenblicklich Befehl , daß ein reitender Bote sich nach dem Kloster aufmache . Dort konnte man den alten Arzt vermuthen , und , wenn er schon fort war , über seine weiteren Streifereien Auskunft erhalten . » Und muß man sich wirklich damit begnügen ? « rief die Marquise wehmüthig - » kann man dies liebe , uns so nah angehörende Wesen durch Nichts in dieser traurigen Lage unterstützen ? « » Sie wenigstens , theure Marquise , « erwiederte Veronika - » Sie wenigstens nicht ! Denn die alte Emmy ist in diesem Punkte hartnäckiger , wie irgend ein anderer Mensch . Doch habe ich Hoffnung , daß sie mich ertragen wird , und dann kann ich nicht allein unser liebes Fräulein unterstützen , sondern , wenn sie noch ausreichendere Hülfe bedarf , auch Sie davon in Kenntniß setzen . « Dies tröstete Lucile in Etwas , da sie schon anfing das lebhafteste Interesse für Elmerice zu empfinden und an dies Zusammenleben eine Hoffnung knüpfte , die seit der Bekanntschaft mit Elmerice sich beiden Ehegatten aufgenöthigt hatte . Die auffallende Aehnlichkeit derselben mit Fennimors Bilde , und die eben so auffallende Liebe der alten , menschenfeindlichen Frau zu Elmerice , hatte die Betrachtung geweckt , wie wenig sie eigentlich von Miß Eton wüßten ; wie sie in den Gesprächen der Tante eigentlich nie erfahren , welcher Abkunft sie sei , und stillschweigend angenommen , sie gehöre zu den vielen auswärtigen Freunden der Gräfin , mit denen diese durch Briefwechsel eine stete Verbindung zu erhalten wußte . Diese unzureichende Auskunft , mußten sie sich gestehen , war nicht absichtlich so gegeben ; sie war von Seiten der Tante gewiß nur eine Folge der Voraussetzung , daß sie mehr wüßten ; von ihrer Seite jugendlicher Leichtsinn oder Zerstreutheit , welche sie an der Ungekannten nur das Interesse nehmen ließ , daß ihr Umgang die geliebte Tante beglückt hatte . Jetzt , wo der neu erweckte Wunsch , Nachkommen des unglücklichen Reginald zu entdecken mit Elmerice ' s auffallender Erscheinung zusammenfiel , beschlossen sie , bei der Tante den näheren Verhältnissen derselben nachzufragen . Armand wollte sich mit Leonce darüber berathen , und dieser oder er selbst sollte nach Ardoise zurückkehren und Nachrichten von der Gräfin Franziska einholen , sobald ihre Gäste sie verlassen hätten . - » Außerdem wird es Zeit , « - sagte Armand - » daß wir Leonce zur Erklärung und zu einem berechtigten und öffentlichen Verhältnisse mit Margot bringen ; denn sichtlich ist die Gemüthsbewegung , in der er sich seit gestern befindet , durch Margot unschuldiger Weise veranlaßt , deren unbefangenes Herz aber sicher nicht interessirt war . « » Nun , « rief Lucile - » auch ich sah ihn gestern Abend , als ich am Fenster des Vorsaals Luft einathmete , ganz außer sich , wie es mir schien , auf dem alten Hofe des Theophim auf und nieder stürzen ; und als ich ihn diesen Morgen damit necken wollte und ihm sagte , ich hätte geglaubt , er habe Emmy Gray entführen wollen , bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus seinen düsteren Augen , und die Röthe bestieg seine Stirn , wie ein Feuerzeichen , was Kampf bedeutet ! Ich hielt mir die Augen zu , als ob ich mich fürchte , und doch war mir innerlich bei dem Scherze nicht wohl zu Muthe ; denn ich ahnte , daß Etwas Ernstes ihn quäle . « » Er ist , fürchte ich , eifersüchtig auf Guiche , « sagte Armand ; - » und was mir auffallend ist und ich fast unzart nennen möchte , ist , daß Guiche seine Neigung für Margot kaum verbirgt . Als wir gestern die alten Zimmer verließen , blieben sie weit zurück ; - Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem Treppensaale zu thun , und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem Zimmer der Gräfin Bussy . Erst folgte ihnen Leonce , und wie mir schien , schon mit sehr übellaunigem , wenigstens auffallend blassem Gesichte ; plötzlich aber stürzt er außer sich zurück - die Treppe hinab - ohne mich zu sehen , obwol ich eben erst aus dem Banket-Saale trat , wo ich mit dem Hausverwalter einige Verabredungen getroffen und ihn in dieser Zeit durch die offene Thüre beobachtet hatte . « » Ja , « rief Lucile - » jetzt erinnere ich mich ! Die Anderen hielten es für eine gewöhnliche Galanterie , wie wir sie an Leonce kennen : wir waren nämlich voran gestiegen und schon im unteren Flure , da rief Mademoiselle de la Beaume laut nach Miß Eton , die wir eben vermißten ; und in demselben Augenblicke schrie ich laut auf , weil irgend ein Bewohner dieses feuchten Raumes über meinen Fuß schlüpfte . Das hatte Leonce gehört . Was ist geschehen ? rief er , die Treppe hinauf stürzend ; - wo ist Miß Eton ? Sie stand fast erschrocken neben ihm , und er rief nun : Lucile , ich erkannte Ihre Stimme ! Aber er war so außer sich , daß wir ihn alle auslachten und ich gleich dachte : weder diese fremde Miß Eton , noch Dein Schrei bringt ihn so außer Fassung ! « » Ich zögerte an der Treppe , mit den Domestiken sprechend , « fuhr Armand fort - » um Margot abzuwarten . Da sie aber so wenig , wie Guiche erschien , trat ich in das Zimmer , in welches sie verschwunden waren ; da standen Beide in lebhaftem Gespräche , und eben riß Margot ihre Hand los , die , wie es mir schien , Guiche zwischen den seinigen hielt . Die kleine Unvorsichtige war bei meinem Anblicke ganz außer Fassung ; ich gab ihr den Arm und führte sie hinab . Wir schwiegen aber Beide ; es schien mir , sie war sehr beschämt ; Guiche folgte uns gar nicht und traf erst später bei der Gesellschaft ein . - Von da an ist Leonce aber nicht wieder zu erkennen , und ich muß ihn auffordern , offen mit mir zu reden . Er ist von den Verhältnissen des Grafen Guiche zu gut unterrichtet , als daß er nicht im Stande sein sollte , ihn von seinem unvorsichtigen Werben um Margot abzuhalten . Graf Guiche steht nämlich in diesem Augenblicke sehr unangenehm zur Familie d ' Aubaine . Margots Bruder ist mit Guiche bei demselben Regimente , das Bussy kommandirt ; eine Abtheilung dieser garde du corps hat den Dienst in Versailles ; eine der tausendfältigen Kleinigkeiten , von denen man angenommen hat , daß sie die Ehre eines Offiziers verletzen , glaubt d ' Aubaine von Guiche erfahren zu haben . Diese Dinge dürfen sich nie entkräften , selbst nicht an der innigsten , treuesten Freundschaft ; denn in diesem Verhältnisse waren Beide und eben aus Montreal von einem Besuche bei Margots Eltern zurück gekehrt . Es mußte also Blut fließen ; und obwol Leonce sich bemühte , sie zu versöhnen , forderte doch d ' Aubaine das Duell . Da Vardes sein Sekundant war , ward Leonce der Sekundant von Guiche , und leider ward d ' Aubaine gefährlich verwundet . Du kannst Dir den Zorn Deines Onkels denken , wie er die Nachricht von der Gefahr seines einzigen Sohnes bekam , und wie aufgebracht er auf Guiche war , dem er in der Partheilichkeit des Schmerzes allein die Schuld zuschob ! Jetzt erholt sich der junge Mann und Leonce sucht Guiche mit dem alten Grafen zu versöhnen ; da er den Ersteren sehr liebt und alle Schuld d ' Aubaine giebt . Doch hat er selbst , als Sekundant des Gegners , den Zorn Deines Onkels zu erfahren gehabt ; obwol ich nicht denken kann , daß dies bei dem alten Herrn einen nachtheiligen Einfluß auf unsere Wünsche ausüben wird . « » Nun , dann kann ich auch nicht glauben , daß sich Guiche um Margot bemüht ! « rief Lucile ; - » denn dann kennt er Leonce ' s Wünsche und wird bloß Margot ' s Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewinnen wollen . « » Wir können das abwarten ! « rief Armand ; - » doch muß ich mich gegen Leonce erklären - es erregt zu sehr meine Ungeduld . « - Diese Erklärung fand sich jedoch nicht . Die Geselligkeit und Leonce ' s sichtlicher Wunsch , Armand zu vermeiden , hielt die Brüder entfernt . Es war überhaupt eine Störung wahrzunehmen . Zwar waren die Kostüms fertig und bereits angelegt ; aber Elmerice ' s Verschwinden , die traurige Veranlassung desselben hatte die Lustigkeit gelähmt , die man erst von diesem Maskenscherze erwartete . Es war , als ob mit ihrem Ausscheiden sich die Berechtigung dazu vermindert habe , und Mademoiselle de la Beaume erschien am zweiten Morgen in ihrer gewöhnlichen Kleidung und versicherte , sie habe die ganze Nacht von ihrer Toilette Fieber gehabt ; denn Katharina von Medicis habe ihr in Person Unterricht geben wollen , sich ihrem Kostüme gemäß zu betragen , und da habe sie zusehen müssen , wie sie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Hölle eingerichtet habe . - So erschienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern und niederhängenden Locken , die ihnen allen auffallend schön kleideten . Die Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt , und die Damen wurden auch nur gelegentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert . Indessen traf am anderen Mittage die Nachricht ein , der alte Arzt sei angekommen und bereits in den Zimmern der Mistreß Gray . D ' Anville stellte an der äußeren Thüre des Thurmes sogleich einen Diener auf , der den alten Herrn zu ihm führen sollte , wenn er von der Kranken zurückkomme ; und wir überlassen Alle dieser Erwartung , um zu erfahren , was sich indessen an einer anderen Stelle für diese besonderen Verhältnisse vorbereitete . Die Gräfin d ' Aubaine war , nach der Abreise ihrer jungen Freunde von Ardoise , mit der uneigennützigen Ruhe , die der Hauptzug ihres geläuterten Karakters war , zu ihrem einsamen Leben zurückgekehrt . Lebhaft angeregt durch die Erscheinungen der geistigen Welt , die sie aus ihrer gesicherten Ruhe mit antheilvollen Blicken verfolgte , nahmen die Zusendungen aller in Paris entstehenden , neueren Schriften ihre Zeit ausreichend in Anspruch - wenn wir noch hinzufügen , daß sie das geistvolle Resumé der ihr daraus erwachsenden Betrachtungen mit absichtslosem Fleiße , sich selbst zur Prüfung , in schriftlichen Aufsätzen sammelte . Doch behielt sie nach Außen den vollständigsten Antheil für alle ihr näher gerückten Verhältnisse , und unter ihnen standen ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am nächsten , gegen welche sie sich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen , mit dem die Aeltern sie ihr als Vermächtniß übergeben hatten . Die zärtliche Freundschaft , die das junge , anziehende Wesen ihr eingeflößt , gab ihr eine genaue Kenntniß ihres feinen , leicht verletzlichen Sinnes , und ließ sie über die zweifelhaften Verhältnisse , in denen sie sich jetzt befand , eine berechtigte Unruhe empfinden . Doch hoffte sie noch immer , durch die Anwesenheit der Marquise d ' Anville in Ste . Roche , einen ausreichenden Schutz für ihren Liebling annehmen zu dürfen , und fühlte sich schmerzlich getäuscht , als sie die Nachricht zurück erhielt , wie bestimmt Elmerice sich jeder Gemeinschaft mit ihr entzogen habe , wie fest diese neuen Verhältnisse sie zu fesseln schienen . Sie hatte darüber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer Jugend um Auskunft über Emmy Gray . Aber es war ein undeutliches Bild , was sie vorfand , und weniger hatte die Zeit dies bewirkt , als die damalige Zerstörung ihres Geistes , und daß nach ihrer Genesung die ganze traurige Begebenheit wie mit heiligen Siegeln in dem Munde Aller verschlossen war , die sie umgaben . - Was sie darüber später erfuhr , war ihr durch Madame St. Albans mitgetheilt , die durch ihren Besuch , wie durch die Erwähnung der Nähe des Klosters Tabor , sie wieder zu einigem Antheile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefrischt hatte , die sie mit ihren übrigen Schmerzen fest hielt und aus denen sie jetzt einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice schöpfte . Die finstere , feindselige Stimmung , die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug , war für die Gräfin eine Ursache mehr , ihre junge Freundin als ein Opfer ihres Mitleidens anzusehen ; und wie sie diese weit getriebene Theilnahme mindern solle , das war der Gegenstand ihrer Ueberlegungen . Sie entwarf hierzu in einem Tage mehr Pläne , als ihr ganzes übriges Leben aufzuweisen hatte , nur immer wieder verworfen oder verändert durch ihr großes Zartgefühl . Die Furcht , mit einer Autorität aufzutreten , die sie zu edel und uneigennützig war geltend zu machen , wenn sie nicht durch wirkliche Nothwendigkeit erzeugt ward , machte , daß sie bis zu dem Gedanken gelangte , selbst nach Ste . Roche zu gehen , um durch ihre Nähe Elmerice , die sich ihr sicher nicht entziehen konnte , zu zerstreuen , ohne sie ganz der Theilnahme für ihre alte Freundin zu berauben . Aber dieß war freilich ein großer Entschluß , den die edle Franziska trotz der Aufopferungen , deren sie fähig war , doch nicht ohne eine große , innere Bewegung fassen konnte , und von dem sie eben so lebhaft wünschte , er möchte ihr erspart werden . Denn Ste . Roche war der Markstein ihres irdischen Glückes ! Ste . Roche hatte das unschuldige und tugendhafte Dasein des einzigen Mannes , den sie je geliebt , auf immer zerstört ! Wenn sie dorthin dachte , schien es ihr ein riesiges Grabmal , das Alles bedeckte , was ihr je an irdischem Besitze gehörte , - und dennoch kam der Gedanke immer wieder ; denn nur ihrem Pflichtgefühle räumte sie eine ausschließliche Herrschaft über sich ein und schon erließ sie einzelne Fragen an Lorint über den Bestand der Reiseequipagen , welche die ganze Dienerschaft in Erstaunen setzten , da die Gräfin seit zehn Jahren das Schloß nicht verlassen hatte . - In einem jener zierlichen Blätterklosets , welche die Gartenkunst des damaligen Jahrhunderts bestrebt war , mit möglichster Täuschung der Natur abzuringen , ruhte die Gräfin d ' Aubaine und sah durch den hohen Bogen des grünen Eingangthores eine große , schnurgrade gepflanzte Allee riesenhoher Platanen entlang , die mit einem malerischen Prospekte auf das Schloß endete , als sie Monsieur Lorint gewahrte , der mit den weiß seidenen Strümpfen , dem gestickten Scharlachrocke und der kleinen weißen Stutzperücke , eine kleidende Staffage dieser einsamen Blätterarchitektur ward . Als er näher trat , bemerkte sie den Glanz des silbernen Tellers in seiner Hand und war nun gewiß , er brächte ihr Briefe . Sie hoffte aus Ste . Roche - und stand auf , um , ihm entgegengehend , sie früher in Empfang nehmen zu können . Der alte , etwas korpulente Herr beeiferte sich bei dieser Bewegung seiner angebeteten Gebieterin , sie so schnell , als möglich , zu erreichen , und bald stand er , ganz außer Athem , mit dem reich belegten Teller vor der Gräfin . » Zwei Briefe von meiner Nichte ? « rief die Gräfin . - » Ja , Euer Gnaden , durch zwei sich schnell folgende Boten ; außerdem befindet sich noch ein Courier anwesend , der Euer Gnaden eine fremde Herrschaft anzumelden kömmt . « - » Nun , und wenn ? « sagte die Gräfin zerstreut und , schon in den ersten Brief ihrer Nichte vertieft , kaum Lorint ' s Worte beachtend . Lorint schwieg daher , sich vor das Kloset zurückziehend . Mit welcher Freude nun auch die erste , begeisterte Erzählung der Marquise von der Bekanntschaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhältnissen derselben , das zärtliche Herz der Gräfin erfüllte , da Lucile , von Empfindungen der Bewunderung überströmend , ihrer schnell erweckten Zuneigung mit Ausdrücken erwähnte , die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fanden - so wurde diese Freude doch eben so rasch niedergeschlagen und in Besorgniß verwandelt , als sie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten Mistreß Gray und Elmerice ' s schnelles Zurückziehen erfuhr . » Mein Gott , « sagte sie lebhaft - » das geht nicht mehr so ! Ich muß dennoch zu ihr ; - mein armes , theures Kind , ich kann Dich nicht länger verlassen ! Vielleicht that ich es schon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt , das Deine Eltern in mich setzten . - Sorgt , Lorint , « sagte sie , sich zu ihm wendend - » daß wir morgen abreisen können ; ich werde nach Ste . Roche zu meiner Nichte gehen ! « Lorint verbarg sein Erstaunen , welches ihm das Blut in das Gesicht trieb , durch eine tiefe Verbeugung . » Ich komme nach dem Schlosse zurück , « fuhr die Gräfin fort , da Monsieur Lorint noch immer stehen blieb - » richtet vorläufig das Nöthigste zu meiner Abreise ein . « » Zu Befehl , Euer Gnaden ! « erwiederte Lorint ; - » ich wollte nur unterthänigst an den Courier erinnern , der auf Antwort harret ! « » Ein Courier ? « sagte die Gräfin überrascht , da sie jetzt erst die Nachricht hörte - » ein Courier aus Ste . Roche ? « » Nein , Euer Gnaden , ein Courier , der eine fremde Herrschaft anmeldet , welche sich aber nur der Frau Gräfin selbst nennen will , und über die der Bursche keine Auskunft zu geben weiß , da er von dem nächsten Posthause kömmt , wo die Herrschaft erst vor wenigen Stunden eintraf und ihn absendete , um die Anwesenheit Euer Gnaden zu erfragen und diese allgemeine Meldung zu machen . « » Das ist sonderbar , « sagte die Gräfin ; - » ich muß aber dennoch Bekannte annehmen , obwol ich kaum weiß , wer sich dieser eigenen Form bedienen könnte . Doch darf dieser Besuch keinen Einfluß auf meinen Entschluß haben . Besorgt zu morgen meine Equipagen und sagt dem Courier , ich wäre im Begriffe abzureisen , doch bis morgen bereit , Jeden willkommen zu heißen . « » Auch , glaube ich , können dies Euer Gnaden ohne Bedenken , « fuhr Lorint mit der Vertraulichkeit alter Domestiken fort ; - » denn die Herrschaft ist , dem Aufwande nach , mit dem sie reist , von hohem Range . « » Wir werden dies erwarten , « sagte die gütige Gräfin lächelnd ; - » gebt die nöthigen Befehle zu ihrer Aufnahme ! « Doch lange noch blieb sie allein in der schönen Einsamkeit , die sie umgab ; sie vertiefte sich in die Mittheilungen ihrer Nichte und suchte sich dadurch in ihrem Vorhaben zu stärken , das sie , bei aller pflichtgetreuen Festigkeit ihres Sinnes , dennoch mit einem geheimen Bangen erfüllte , über das sie nicht Herr zu werden vermochte . Wie Viel sich an diese Empfindungen anreihen mochte , was von der Zeit und ihrem starken Willen verdeckt lag , wäre auf dem schönen , früh gealterten Gesichte zu verfolgen gewesen , obwol es die feine Hand , welche das denkende Haupt stützte , halb verbarg . So mochte die Zeit schnell an ihr hin gestrichen sein , und vielleicht hatte sie selbst die Abreise und mehr noch den angekündigten Besuch bereits vergessen , als sie die Stimme von Monsieur Lorint vernahm , der , dicht vor dem Eingange des grünen Gemaches stehend , einige unterthänige Worte murmelte . Sie zog die Hand von ihrem Angesichte und sah hinter Lorint eine hohe , männliche Gestalt stehen , und an ihrer Seite eine jüngere , weibliche , die Beide der Gräfin völlig fremd erschienen und sie an ihre erwarteten Gäste erinnerten . Sogleich erhob sie sich , und mit ihrem edeln und gewinnenden Anstande nahete sie sich den Fremden , die Monsieur Lorint versucht hatte , ihr vorzustellen . Wer hätte sich nicht in dem Augenblicke , als sich die hohe , leichte Gestalt , so würdig von den reichen Falten des schwarzen Kleides umhüllt , ihnen nahete , sagen müssen : sie habe die unverwüstliche Schönheit der Seele , deren Dasein wir beim ersten Blicke empfinden , und die an dem Körper , der wie ein durchsichtiger , aber farbloser Schleier den Geist umgiebt , keinen größeren Verfall zuläßt , als die Verflüchtigung der Jugendreize ! Der Fremde schien , von ähnlichen Betrachtungen bewegt , ihren vollen Anblick genießen zu wollen ; denn er blieb in derselben Entfernung vor ihr stehen und ließ sie in ihrer ganzen edeln Erscheinung auf sich zu kommen ; aber sein großes Auge , das unter starken , schwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete , sagte ohne Worte : ich bewundere Dich ! Der Fremde zeigte eine sichere , würdevolle Haltung ; die Schönheit eines alten Mannes , der sich seiner Jugend ohne Erröthen erinnern darf . Sein weißes Haar hob sich noch voll um die freie Stirn , und die Feinheit der schönen , griechischen Nase verstärkte den edeln Ausdruck seines Kopfes . Er war über der gewöhnlichen Größe , ohne Korpulenz , in reicher , einfacher Tracht , die aber nicht die der französischen Mode war ; seine ganze Erscheinung flößte Achtung und Vertrauen ein . An seiner Seite stand eine junge , weibliche Gestalt , die fast andächtig ihre sanften Augen auf die Gräfin d ' Aubaine gerichtet hielt und eins der zarten , blonden Mädchen war , an deren materielle Existenz wir kaum Glauben fassen können . Die Gräfin gewann die von uns dargelegte Ansicht mit einem Blicke ihrer klugen , erfahrenen Augen ; und in der angenehmen Erwartung , einen Namen zu hören , der dieser interessanten Erscheinung entspräche , nahete sie sich mit jener verbindlichen Miene , welche die Frage ausdrückt , die der Mund noch zurückhält . » Madame , « sagte der Fremde , jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend - » ich erkannte Euer Gnaden augenblicklich wieder , obwol so viel Zeit zwischen diesem und unserm letzten Beisammensein liegt , daß mein einst schwarzes Haar Zeit hatte , mich zum Greise zu stempeln ; - auch damals genoß Lord Duncan-Leithmorin Gastfreundschaft in Ardoise , und Gräfin Franziska d ' Aubaine war die Heilige , die er anbetete . « » O , Lord Duncan , « rief Gräfin d ' Aubaine - » Sie führt in Wahrheit Gottes besondere Güte zu mir ! Stets konnten Sie der Freude gewiß sein , die Ihre Ankunft hier erregen mußte ; und doch ist sie niemals erwünschter gewesen , als gerade jetzt , wo sie fast zur Nothwendigkeit geworden ist ; und in dem Augenblicke , wo ich Sie sehe , fühle ich erst recht die Wohlthat , die mir Ihr Rath gewähren wird . « » Das habe ich fast erwartet , Frau Gräfin , « erwiederte Lord Duncan ; - » und dennoch thut mir Ihre offene , gütige Erklärung darüber unendlich wohl ; denn sie hebt den letzten Zweifel , der mich noch beunruhigen konnte . An Sie bin ich nun in jeder Hinsicht verwiesen , da Sie selbst meine Sendung anzuerkennen scheinen . « » Lassen Sie mich erst diesen Engel begrüßen ! « rief jetzt die Gräfin , deren Augen schon längst auf das holde Wesen an seiner Seite geblickt hatten . » Marie Duncan sehnte sich , Ihre Hand zu küssen , « sagte der Lord und führte das erröthende Mädchen zur Gräfin , die ihr die Arme entgegenstreckte und sie zärtlich an ihre Brust drückte . » Freundin meiner Elmerice , weißt Du , daß sie mir mütterliche Rechte einräumte ? Willst Du mir einen ähnlichen Antheil gönnen ? « » Ach , Madame ' , « rief Marie , seelenvoll zu ihr aufblickend - » möchte ich ein so großes Glück verdienen lernen ! « » Aber Du findest Deine Elmerice nicht ! « fuhr die Gräfin fort . - » O , Lord Duncan , werden Sie nicht Rechenschaft von mir fordern und mich für einen schlechten Haushalter erklären , da ich den mir anvertrauten , köstlichen Schatz von mir ließ , schutzlos in fremde , unheimliche Verhältnisse übergehend ? « » Nein , meine theure Gräfin ! « erwiederte Lord Duncan ; - » ja , eben diese augenblicklichen Verhältnisse des von mir väterlich geliebten , theuern Mädchens sind die Veranlassung , daß ich nach Frankreich kam ; - und wie ich ohne Ihren Rath , Ihren Beistand keinen Schritt vorwärts thun kann oder will , so muß ich einräumen , daß Sie mich eben so nöthig haben werden ; und da ich Ihre Reisepläne schon kenne , denke ich , wir reisen , wenn Sie mich gehört haben , später zusammen . « » O , gern , gern ! « rief die Gräfin , nachdenkend und bewegt ; denn jetzt fühlte sie , Lord Duncan müsse wichtige Mittheilungen zu machen haben , und in dem augenblicklichen Verhältnisse seines Mündels mehr sehen , als sie , die ihre Sorge nur auf die Gemüthsstimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte . Hoch athmete sie bei diesem Nachdenken auf . Wie viele Jahre waren schonend an ihr hingezogen , und heute ward ihre Erinnerung für die Vergangenheit geweckt - und wie lebhaft durch Lord Duncan ihr Gefühl angeregt , den sie als Freund Reginald ' s kannte , und dessen Bekanntschaft die glücklichste Zeit ihres kurzen Jugendlebens umschloß ! Lord Duncan errieth die Bewegung seiner edeln Freundin und suchte sie von ihren Empfindungen abzulenken . Die Gräfin verstand schnell seine wohlmeinende Absicht ; man trat den Rückweg nach dem Schlosse an , und hier Alles geschickt und schnell vorbereitet findend , führte die verbindliche Wirthin ihre Gäste selbst in die schönen , wohnlichen Gemächer , ihnen nach einer eiligen Reise die erwünschte Ruhe gönnend . Erst zur Tafel fanden sich die Gäste wieder bei der Gräfin d ' Aubaine ein , und Lord Duncan füllte diese Zeit der Unterhaltung mit Erzählungen über sein Familienleben , das , der Gräfin fremd , ihre ganze Theilnahme in Anspruch nahm Doch hörte sie fast mit Schreck , daß Lord Astolf , der jüngste Sohn des Lord Duncan , bereits verlobt sei , und wie sich die junge Marie darauf freute , Elmerice mit dieser Nachricht zu überraschen . Denn noch immer glaubte sie , ihr Liebling trage eine unglückliche Neigung zu jenem Jünglinge , und seit lange hatte sie sich gewöhnt , die Schwermuth derselben dieser Ursache Schuld zu geben . Lord Duncan hatte die Gräfin um eine ungestörte Unterredung gebeten ; man hob die Tafel deshalb zeitig auf , und da Marie Duncan alle Plätze kennen lernen wollte , von denen das Tagebuch ihrer Elmerice so lebhafte Schilderungen enthielt , hatte die Gräfin dafür gesorgt , daß das sanfte Reitpferd , welches Miß Eton zuweilen gebrauchte , der jungen Lady zugeführt wurde . Der alte Förster von Ardoise und ein völlig zuverlässiger Reitknecht bekamen den Auftrag , Miß Duncan zu allen Punkten hinzuführen , welche die junge Dame nennen würde . Nachdem man das junge , heiter lächelnde Mädchen mit ihrem Gefolge hatte abreiten sehen , führte die Gräfin d ' Aubaine ihren Gast nach dem abgelegenen , grünen Kabinet , welches wir bereits kennen ; und als sie in den offenen Balkonthüren , die einen begrenzten Blick in die einsamsten Baumpartien des Gartens darboten , Platz genommen hatten , trat eine Pause ein , in der Beide sich zu beherrschen suchten . Die Gräfin fühlte , sie würde mit Lord Duncan nicht zusammen sein können , ohne durch gemeinschaftliche Erinnerungen den wunden Punkt in ihrer Brust zu berühren ,