ihn bereit stand . Jetzt wandelte er mit seiner korbtragenden Magd den Weg voran , den auch unser leidendes Liebespaar zu gehen hatte . Der Nebel war endlich verweht , die Sonne sah wieder golden vom Himmel , es war ein angenehmer , klarer Tag , wenn auch etwas kühl . In der Heiterkeit der Lüfte war dem Küster der Gedanke zugeweht , nach so manchen Ängsten ein frohes und genügliches Mahl im Freien zu halten , da er sich auf der Hochzeit selbst , wie wir wissen , nicht zum vierten Teile satt gegessen hatte . Er bezweckte dabei zugleich , wie wir nachmals hören werden , die Erfüllung seines dritten Lebenswunsches , des Wunsches , der in dem Gespräche mit dem kupfernasigen Schirrmeister unausgesprochen blieb , weil das Gespräch damals leider nicht zum ruhigen Abschlusse gedieh . In solchen Gedanken schritt er denn also mit seiner Magd fürbaß . Die Magd konnte wegen des schweren Korbes nicht rasch gehen , er bestellte sie daher nach dem sogenannten alten Spritzenhäuschen , welches auf der Hälfte des Weges lag , und ging eilig voran , weil er unterweges in einem einzelnen Hause noch eine Verrichtung hatte . Zu der langsam nachwandelnden Magd gesellte sich aber , als ihr Herr ihrem Gesichte entschwunden war , ein zweiter Wanderer , der Schulmeister Agesel . Die Magd hatte wohl von den Einbildungen des Schulmeisters vernommen , da sie aber zu den mutvollen Personen ihres Geschlechts gehörte , so fürchtete sie sich nicht vor ihrem Begleiter , vielmehr war es ihr lieb , Gesellschaft zu finden . Der Schulmeister seinerseits war erfreut , die Magd zu finden , denn er wollte an ihren Herrn , nicht ihm ein Leid zuzufügen , sondern den Leugner von seinen gesunden Verstandeskräften zu überzeugen . Nachdem er im allgemeinen über diesen Punkt mit der Magd gesprochen hatte , sagte er zu ihr : » Es ist ja mein offenbarer Schaden und eine Sache , die mir mein ganzes Brot und den Kredit in der Bauerschaft verderben kann , wenn der Küster , der noch dazu ein halber Amtsbruder von mir ist , überall umherläuft und mich bei den Leuten anschwärzt . Deshalb muß ich ihn notwendig davon überzeugen , daß ich meine fünf Sinne beisammen habe . « » Natürlich « , versetzte die Magd . » Wenn mich einer eine Diebin schilt , so muß er auch hören können , warum ich keine Diebin bin . « » Nun also ! « fuhr der Schulmeister eifrig fort , » und heute muß es geschehen , denn die Gelegenheit kommt mir nie so günstig wieder . « » Wie das ? « fragte die Magd . » Wenn ich ihn in der Stadt aufsuche oder im Freien ansprenge , so reißt er aus , wie er mich nur erblickt . Hält er aber , wie Ihr mir sagt , im alten Spritzenhäuschen seine Mahlzeit ab , und ich trete mit meiner Rede unversehens in den Eingang , so muß er wohl Stich halten und alle meine Gründe anhören , denn es ist wider die Natur der Furcht , daß er gegen mich stürzen , mich überrennen und so das Freie gewinnen sollte . « Die Magd dachte einen Augenblick nach und sagte dann : » Da ist nur eines zu befürchten . « » Was ? « fragte der Schulmeister . » Daß er ein Fach an der anderen Seite ausschlägt und so durchbricht . Denn das Spritzenhäuschen ist sehr alt und verfallen und die Lehmwände haben überall große Löcher , zu denen der Tag einscheint , und wenn mein Herr in der Angst und Furcht gegen so ein Loch stürzt , so stehe ich nicht dafür , daß er die ganze Wand einrennt , denn , kriegt er die Manschetten , da ist mit ihm nicht zu spaßen . « » Deshalb müßt Ihr mir einen Gefallen tun , Mädchen « , sagte der Schulmeister . » Und welchen ? « fragte die Küstermagd . » Tretet vor das größte Loch auf der anderen Seite , und lehnt Euch gegen die Wand , damit wenigstens die Hauptgefahr des Entrinnens abgewehrt wird , denn daß er auch Euch umrennen sollte , ist nicht wahrscheinlich , weil Ihr eine robuste Person seid . « » Ich will das recht gerne tun « , versetzte die Magd , » denn seinem Nebenmenschen muß man helfen , wo man kann . « Nachdem dieses sinnreiche Gespräch zwischen dem Schulmeister und der Magd soweit gediehen war , wurde auch noch verabredet , zu welcher Zeit der Anschlag gegen den Küster ausgeführt werden sollte . Der Schulmeister sagte der Magd , daß er sie in der Nähe des Spritzenhäuschens vorangehen lassen und sich verstecken wolle , bis sie ihm ein Zeichen gebe , daß es für ihn Zeit sei , hervorzubrechen und mit seinem Amtsbruder ein Wort der Verständigung zu reden . Nach diesen Verabredungen gingen die beiden Personen ihres Weges weiter . Einige Zeit lang blieb nun die Straße ganz still und einsam . Dann aber erhob sich ein auffallender Lärmen die Felder hindurch , welche sie zu beiden Seiten begrenzten . Die jungen Bursche , welche das Hochzeitgefolge gemacht hatten , waren nämlich noch in irgendeinem Kruge versammelt gewesen , um einen Nachtrunk zu halten , denn der Bauer kann eine Lustbarkeit , wenn sie auch mit allen Anhängen vorüber ist , immer noch nicht schließen . Im Kruge war nun unter sie eine Kunde gedrungen , daß der junge Fremde etwas Unrechtes habe ausgehen lassen . Was es gewesen sei , darüber lauteten die Nachrichten verworren oder schwiegen auch wohl ganz . Nach einigen Berichterstattern sollte er das Schwert weggenommen haben , nach anderen ausfallend gegen den Hofschulzen gewesen sein , ein dritter kam der Wahrheit näher , indem er erzählte , der Fremde habe die Heimlichkeit droben am Freistuhle in Unordnung gebracht . Es genügte ihnen aber überhaupt nur zu hören , daß ein Fremder irgendein Unrecht begangen habe , um ihre schon erhitzten Köpfe noch mehr zu entflammen . Die meisten hatten ihre Gewehre noch bei sich , in mehreren der Läufe staken sogar noch Schüsse . An Pulver fehlte es auch nicht und in seiner Aufregung begann nun der Haufen , nachdem er viel getrunken hatte , durch die Gegend zu schwärmen , ohne eine eigentlich feindselige Absicht , aber doch gefährlich in seiner planlosen Leidenschaft , wenn dieselbe durch den geringsten Anreiz zum Ausbruche gebracht wurde . Sie schossen ihre Gewehre ab , luden wieder , lärmten und schrien . Zwischen diesen Trupps von drei , vier , fünf Menschen , die näher oder ferner die Straße umschweiften , kam nun unser verdüstertes Paar einhergegangen . Lisbeth ging auf der linken Seite der Straße , Oswald auf der rechten und zwischen ihnen war die ganze Breite des Weges . Um nichts auch verminderten sie dieselbe , wenn ein lärmender Trupp mit drohender Gebärde links oder rechts an ihnen vorüberstreifte , oder ein Schuß fiel , der , wie man am Pfeifen der Kugel merkte , durch einen schlimmen Zufall leicht das Verderben hätte bringen können . Schweigend , bleich , ohne sich irren zu lassen , ging das einander entfernte Paar seinen Weg durch diese Bedrohungen und Schrecknisse hindurch und nur , wenn an Lisbeths Seite sich ein lärmender Trupp zeigte , oder ein Schuß fiel , sah sich Oswald besorgt nach ihr um , warf aber , wenn er bemerkte , wie sie ohne seines Beistandes in diesen Gefahren sich bedürftig zu zeigen , fürder schritt , einen Blick des schmerzlichsten Zornes dann nach der anderen Seite der Felder . Ungefähr eine halbe Stunde mochten sie in diesem Lärmen und Schießen gegangen sein und wirklich mußte der Himmel über ihren Häuptern wachen , denn sonst hätte gewiß die Hand irgendeines der berauschten Schützen den Lauf des Gewehres in verhängnisvoller Richtung angeschlagen . Da sah Oswald in einiger Entfernung auf einem freien Platze unter Bäumen vor sich einen Haufen von wohl zwanzig Bauern , die sämtlich mit Gewehren bewaffnet waren . Augenscheinlich lauerten die wilden Menschen , deren Reden und Schwadronieren schon von weitem sich hören ließ , ihm auf . Er erschrak . An sich dachte er nicht , nur an Lisbeth , wie er sie ungefährdet dem rohen Haufen vorüberbringen möchte . Es kam ihm in dieser Not ein Gedanke und da ihm nichts Besseres einfallen wollte , so beschloß er sein Heil mit dem zu versuchen , was ihm eben eingefallen war . Rasch ging er voran und mutig auf den Haufen zu . Zuvorderst stand ein langer junger Kerl in blauem Kittel , der sein Gewehr drohend durch die Luft schwang und ihm wie der Anführer der übrigen vorkam . An diesen beschloß er sich mit seiner Kriegslist zu wenden , die auf dem uralten Grundsatze des Herrschens durch Teilung beruhte . Er begrüßte daher den Menschen so freundlich , als seine Stimmung es ihm gestatten wollte und bat ihn , mit ihm zur Seite zu treten , da er ihm notwendig etwas im geheimen zu sagen habe . Der Mensch sah seine Kameraden fragend an , folgte aber doch dem Ersuchen . - » Ihr scheint mich hier nicht durchlassen zu wollen « , sagte Oswald zu ihm , so daß es die übrigen nicht hören konnten . Wirklich versperrten sie die ganze Straße . - » Nein « , sagte der Mensch , » denn Sie haben was begangen . « - » Ja , das habe ich auch « , erwiderte Oswald , » und es tut mir herzlich leid , aber es läßt sich doch noch ein Wort darüber reden , und zu Euch muß ich das sprechen , denn Ihr seid der einzige Nüchterne und Verständige von der ganzen Kompanie da . « - » Ja , der bin ich « , erwiderte der lange Bauer und taumelte . - » Also nur her das Wort , denn ein Wort muß der Mensch mit sich reden lassen , absonderlich , wenn er vernünftig angesprochen wird . « » Ihr seht doch da das Frauenzimmer ? « sagte Oswald . - » Die sehe ich « , versetzte der Bauer . - » Nun , diesem jungen Frauenzimmer habe ich versprochen , sie eine Strecke zu geleiten , und dagegen könnt Ihr nichts haben . « - » Nein , dagegen kann man nichts haben « , sagte der Bauer . » So laßt mich sie also begleiten , bis wohin ich es ihr versprochen habe und dann kehre ich hieher zu Euch zurück , und bringe mit Euch meine Sache an diesem Platze in Ordnung « , fuhr Oswald fort.- » Das müßt Ihr nun den anderen verdeutschen , denn Ihr seid der einzige Nüchterne und Verständige von der ganzen Kompanie da . « Der lange Bauer , der gerade noch so viel Verstand besaß , um gegen den Reiz der Eitelkeit empfindlich zu sein , wandte sich stolz zu seinen Genossen um und rief in einem hochfahrenden Tone : » Macht Platz da dem Herrn ! « - » Was ! « versetzte der Haufen ; » bist du geck ? « - » Macht Platz da , ihr betrunkene Bagage « , rief der einzige Nüchterne und Verständige noch lauter . - » Selbst Bagage ! « schrien die anderen und einer rief : » Ich glaube , der hat Tollbeeren gefressen ! « - » Ich will dir die Tollbeeren an den Hirnkasten geben ! « erwiderte der Lange und schoß sein Gewehr ab , zwar nur in die Luft , indessen gab dieser Knall das Zeichen zu einer allgemeinen Schlägerei . Denn einige stürzten auf den Schießenden zu und rannten dabei andere über , die , hiedurch beleidiget , sich zu rächen entbrannten , der Verwirrung ihrer Sinne aber nicht die Überrennenden angriffen , sondern dritte Unschuldige , welche sich am fernsten von dem Streit gehalten hatten . So war bald jeder , ohne daß er wußte wie ? mit einem Gegner versehen ; alles balgte sich herum , Ohrfeigen , Püffe , Stöße regnete es , wenn auch nicht vom Himmel ; dazwischen platzten die Gewehre ab , die aber zum Glück hier alle nur mit Pulver geladen waren , und es gab eine wilde Kampf- und Blutszene ( denn schon manche Wange und Nase war aufgeschlagen ) , welche sich von der Straße nach dem angrenzenden Kornfelde wälzte , weil die Schwächeren zufällig an dieser Seite gestanden hatten und sich dorthin zurückzogen , um wenigstens auf Garben und Mandeln zu einer weicheren Niederlage zu gelangen . Als Oswald seine List selbst über die Erwartung hinaus gelungen und den Platz frei sah , winkte er Lisbeth , die in einiger Entfernung ängstlich stillgestanden hatte . Scheu ging sie über den Platz , ohne sich nach der Schlägerei umzusehen , und als sie einige hundert Schritte von dort außer dem Bereiche dieser Roheiten war , erwartete sie ihren Beschützer . - » Ich habe Ihnen Dank zu sagen für Ihren Beistand « , sprach sie , als Oswald sich ihr genähert hatte . - » Nicht den geringsten « , versetzte er . » Ich würde mich jedes Frauenzimmers angenommen haben , mit welchem ich desselben Weges gegangen wäre . « - Sie wandte sich von ihm ab und er von ihr und beide gingen in der früheren Weise weiter . Eine halbe Stunde von dort lag das alte Spritzenhäuschen . Dieses kleine Gebäude war unter den Streitigkeiten zweier Bauerschaften darüber , welche dasselbe zu erhalten habe ? verfallen und darauf hatten sich die beiden Bauerschaften neue Spritzenhäuser erbauen müssen . Die Wolken des Himmels schauten durch die Öffnungen im Dache und die Lüfte des Feldes fuhren zur Türöffnung hinein und zu den Löchern in dem lehmernen Fachwerke wieder hinaus . - In diesem luftigen Lusthäuschen hatte der Küster sein Mittagsquartier aufgeschlagen , um eine recht vergnügliche Mahlzeit zu halten , nach welcher sein Sinn mit einem besonderen Verlangen stand . Er saß auf altem Holzwerk , welches sich dort noch hatte vorfinden lassen ; vor ihm war eine Serviette ausgebreitet , auf welche die Magd nun Brot und Fleisch legte , auch eine Flasche Wein stellte , die man ihm auf besonderes Wünschen vom Oberhofe hatte mitgeben müssen , weil er seiner Versicherung nach am Hochzeittage der Furcht vor dem Schulmeister wegen zu keinem ordentlichen Schlucke gekommen war . Die ganze Zurüstung dieses ländlichen Mahles ließ der Küster mit einem feierlichen Schmunzeln geschehen . Er weidete sich wie es schien an den großen Augen der Magd , welche nicht begriff , warum ihr Herr , der , wenn er sonst im Freien etwas verzehrte , ein Stück Brot ohne viele Umstände aus der Tasche aß , zu dieser Mahlzeit so schwerfällige Vorbereitungen machen ließ . Nachdem alles Eßbare aufgesetzt worden war , und die Magd ein Glas Wein eingeschenkt hatte ( denn auch ein Glas war vom Oberhofe leihweise mitgegeben worden ) , teilte der Küster seiner Dienerin ein Stück Brot und Fleisch zu und fragte sie dann , bevor er selbst anbiß , was sie wohl davon denke , daß er sich hier so häuslich niederlasse und sein Mittagsessen im Freien halte ? » Ja , was soll ich davon denken ? « erwiderte die Magd . - » Ich denke , es gibt hin und wieder kuriose Einfälle , die dem Menschen anwehen , wie der Wind . « » Du denkst das vermutlich nur , Gudel , weil wir uns hier im Winde befinden , der allerdings einigermaßen stark durch das Spritzenhäuschen hindurchzieht . Nicht ein bloßer kurioser Einfall ist es von mir , im Freien hier mir gehörig decken zu lassen , sondern lange hatte ich mir vorgenommen und nur immer nicht der Gelegenheit dazu habhaft werden können , einmal Hochzeitfreude ohne den lästigen Zwang , den mir mein Stand auferlegt , zu genießen . Es war dieses mein dritter und größter Lebenswunsch . Denn wohl mag mancher , der draußen umherschleicht , den Küster beneiden , daß er sich an der Hochzeittafel so vollstopfen kann , wie jener denkt , weil er nahe der Schüssel sitzt , und ihm unter den ersten stets präsentiert wird . Aber die Bürde des Amtes beachtet der oberflächliche Urteiler nicht ! Keinen beschäftigteren Mann gibt es wohl auf einer Hochzeit als den Küster . Denn erst muß er singen und dann muß er beten und über Tische die Augen allerorten haben , seinen zierlichen Spaß anbringen zur rechten Zeit und in rechten Einschnitten , und abtrumpfen , wer sich zu mausig macht und ermuntern , wer wie ein Tuckmäuser dasitzt . Während dieser Amtshandlungen ißt und trinkt nun zwar ein Küster , was er kann , aber auch nur gleichsam pflichtmäßig schlingt er alles hinunter , ohne rechtes Gefühl von Speise und Trank . Weshalb ich sagen darf , daß mir von den mehreren hundert Hochzeiten , denen ich beigewohnt habe , wenig Erinnerung verblieben ist . Nun aber muß es nach meiner Überzeugung eine der schönsten Empfindungen sein , in voller Seelenruhe und in dankbarer Erhebung zu Gott , dem Geber alles Guten , zugleich der Festesspeise und Tränkung froh zu werden , zu genießen und dabei der feierlichen Gelegenheit zu denken , bei welcher man genießt , des Tages , an welchem ein von Gott selbst gestifteter Stand sich begründet . Diese aus Erbauung und Wohlgeschmack zusammengesetzte Empfindung hätte ich gern schon lange einmal gehabt , konnte aber wie gesagt auf den Hochzeitschmäusen selbst nie dazu gelangen . Als ich nun im Oberhofe vorgestern durch gerechte Furcht vor einem Rasenden um alle Hungersstillung gebracht wurde , erkannte ich plötzlich den Finger Gottes und entschloß mich sogleich zu diesem meinem heutigen Hochzeitnachschmause , den ich denn auch bei noch frischer Erinnerung an Predigt , Lied , Orgelspiel , abgelegt die Last meines Amtes , abgestreift die Fessel des Ranges , hier unter Gottes freiem Himmel ( denn das Dach des Spritzenhäuschens will wenig sagen ) in der schönen gemischten Empfindung zu halten denke , welche , wie ich deutlich verspüre , währenden Redens bereits in mir aufgestiegen ist . - Wolltest du mich aber fragen , Gudel , warum ich nicht zu Hause nachspeise so wäre dieses eine unnütze Frage . Denn abgesehen von der Kurrende , welche heute zu mir gelaufen kommt , um die Büchse zu überreichen , und welche mir alle Gedanken vertreiben würde , so fehlt mir überhaupt zwischen meinen vier Pfählen bei dem Reden meiner Ehefrau jegliche Einbildungskraft , und sie würde nur gemeines Essen sein , diese Hochzeitspeise , welche ich dort zu mir nähme . « Die Magd hatte von der langen Rede ihres Brotherrn wenig oder nichts verstanden . Sie dachte nur an den Schulmeister , von dem ihm eine Überraschung bevorstand und fragte den Küster : » Mögt Ihr jemand lieber vor Tische sprechen , oder nach Tische , Herr ? « » Ich weiß nicht , wie du auf diese Frage kommst , Gudel « , versetzte der arglose Küster . » Indessen , da du einmal fragst , so antworte ich : nach Tische spreche ich niemand gern , wie du weißt , sondern liebe zu schlummern . « » Wohl , so will ich draußen auch mein Stück Brot und Fleisch verzehren « , erwiderte die Magd ohne allen logischen Zusammenhang . Sie ging aus dem Spritzenhäuschen , stellte sich an die durchlöcherte Wand und winkte dem Schulmeister , der sich in der Nähe schon versteckt aufgestellt hatte . Leise schleichend näherte sich der Schulmeister dem Spritzenhäuschen . Auch er hatte eine Rede vorbereitet , fast so lang als die des Küsters gewesen war . Sie begann so : » Herr Amtsbruder , es ist endlich Zeit , verjährten Irrtümern zu entsagen . Der Mann soll den Mann erkennen , wie er ist , das ist Mannespflicht . Schämen soll der Mann sich nicht , erkannten Irrtümern zu entsagen . Blicken Sie in das Herz eines Mannes , welcher Ihrer Freundschaft nicht unwürdig ist , stoßen Sie einen Mann nicht von ihrer Brust zurück , welcher an derselben zu ruhen recht herzlich sich sehnt ! « - Nach diesem Erregung des Gefühls bezweckenden Eingange wollte er durch eine klare Auseinandersetzung auf den Verstand des Verstandesleugners wirken . Jenen Eingang still für sich wiederholend schlich er zum Spritzenhäuschen , worin der andere eben , auch durch seine Rede zu einer Art von erbaulichem Seelentaumel gesteigert , das erste Stück Rindfleisch in die Hand genommen hatte . In diesem Augenblicke hörte der Küster hinter der Wand neben der Türöffnung mit sanfter Stimme sagen ( denn der Schulmeister wollte seine Erscheinung stufenweise vorbereiten ) : » Herr Amtsbruder , es ist endlich Zeit , verjährten Irrtümern zu entsagen ... « Er kannte die Stimme - » geronnen fast zu Gallert durch die Furcht « saß er da , das Stück Rindfleisch starr erhoben haltend vor dem geöffneten und doch nicht zufassenden Munde , ein mitleidswürdiges Bild ! Aber eine schwache Hoffnung im letzten Winkel seines Herzens flüsterte ihm zu : » Nein , es ist nicht möglich , es muß eine Täuschung sein , so hart kann dich der Herr nicht strafen . « - Doch da erschien in der Türöffnung das Entsetzliche , die Harpyie , die nun abermals auch diese Nachmahlzeit besudeln wollte , das Haupt der Gorgone wurde sichtbar , wirklich stand der tolle Kerl , der Agesilaus , in der Türe , diesmal sogar mit einem Knotenstocke bewaffnet ! Aufsprang der Küster , schleuderte dem Feinde , was er in der Hand hatte , in das Antlitz , nämlich das Rindfleisch , und stürzte schreiend nach dem hinteren Teile des Häuschens , sich gegen die lehmerne Wand drückend und mit Augen , die fast aus ihren Kreisen schossen , nach seinem Gegner starrend . Der Schulmeister , von dieser Unvernunft erzürnt und von dem Wurfe mit dem Rindfleische auf das empfindlichste beleidigt , verlor nun alle Geduld . Mit den Worten : » Wenn du verfluchter Kerl nicht hören willst , so sollst du fühlen ! « sprang er , den dicken Knotenstock schwingend , in das Häuschen auf den Küster zu . Unfehlbar würde er diesen jetzt für seine Meinung , er sei rasend , wie ein Rasender abgestraft haben , wenn nicht die Verzweiflung den Küster gerettet hätte . Hatte derselbe vorher geschrieen , so brüllte er nunmehr . Brüllend griff er mit der Faust durch ein Loch der Lehmwand hinter sich und faßte die Magd , welche außen wacker gegengestemmt stand , in den Schopf . Die Magd , welche sich so schmerzlich berührt fühlte , vergaß nun auch ihre Aufgabe , die Wand zu halten ; sie zerrte sich vielmehr mit aller Kraft ihres starken Leibes von der Wand ab , um der Faust aus dem Schopfe quitt zu werden . Dadurch wurde der Küster , der sich an diesem letzten Strohhalme in seiner äußersten Not , an einem menschlichen , mitfühlenden Wesen , krampfhaft festhielt , gegen die Lehmwand heftiger gepreßt . Die Lehmwand leistete unter solchem Drucke keinen längeren Widerstand , sondern brach zusammen und der Lehm überschüttete den Küster scheußlich gelb von oben bis unten , so daß er aussah , wie ein König der gelben Erbsen ; indessen wurde er von der Magd , an deren Schopfe er gleichsam wie ein Geschleifter hing , in das Freie gerissen und erhielt nur einen Schlag über die Nase vom Schulmeister . Der genotängsteten Magd glückte es endlich , den Brotherrn mit Zurücklassung eines Haarbüschels in seiner Hand abzuschütteln und der Küster stürzte draußen immer brüllend zu Boden . Die Magd sprang von dannen , der belehmte und nasenblutende Küster raffte sich nun auf und sprang ihr nach , und der Schulmeister , dem sein wohlgemeinter Verständigungsversuch so übel geraten war , rasete in seiner blinden Wut , wie Ajax in die Herde , in das schuldlose Mahl des Entsprungenen . Er zerriß die Serviette , trat die Fetzen mit den Füßen , schleuderte die Weinflasche gegen einen Stein und warf Brot , Fleisch , Hühner , Eier , Salz , Kuchen nach allen vier Winden , kurz , er benahm sich ganz so , als sei er der , wofür er irrtümlich gehalten wurde . Eine so traurige Wendung erbaulicher Eßgedanken bereitete dem Küster seine ausnehmende Feigheit . Zwölftes Kapitel Aus dem Tode Leben Aber dieser abgeschmackte Vorfall brachte an einer anderen Stelle eine tragische Wirkung hervor . Lisbeth war auf ihrem Wege gerade dem Spritzenhäuschen gegenüber angekommen , als das Gebrüll des Küsters in demselben erscholl . Was nun die erhitzten Bauern mit ihrem gefährlichen Schießen nicht über sie vermocht hatten , das bewirkte das Geschrei der Feigheit ; sie entsetzte sich , floh vor dem Orte , wo jener furchtbare Ton dröhnte , und stürzte , wie von einem dunkelen Triebe geleitet , bewußtlos in die Arme Oswalds , die sich ihr entgegenbreiteten . Er fühlte die Geliebte abermals an sich ruhen , wenn auch nur aus Angst , aber dieser neue plötzliche Übergang von einem zum anderen entfesselte die Dämonen in ihm , die schon seit zwei Tagen an ihrem Gefängnisse gerüttelt hatten . - Das alte Übel , welches Schmerz , Angst , Zorn , körperliche Anstrengungen , selbst das Übermaß der Freude an seinem Liebestage , in ihm emporgewühlt , brach kläglich aus . Mit einem Schrei faßte er an seine Brust . Mit einem zweiten Schrei stieß er Lisbeth fast zurück . » Ich hab ' s gedacht , mein Blut , da ist es ! « ächzte er und ein dunkler Purpurstrom quoll aus seinem Munde . Er taumelte und sank auf eine Rasenerhöhung . » O mir ! Ich ersticke - « waren seine letzten Worte , denn es folgte ein zweiter Anfall des grimmigen Übels . Sein Gesicht war wie eines Toten Antlitz . Im ersten Augenblicke war Lisbeth über das Zurückstoßen erschrocken gewesen . Aber was wollte dieser Schreck gegen das Entsetzen bedeuten , als sie das Blut ihres Lieblings sah ? - Ja , ihres Lieblings ! Sein Ächzen , sein Blut , sein Totenantlitz gab ihr augenblicklich den Liebling zurück . Vergessen war der Lügner , nur der sterbende Geliebte lag vor ihr . Mit einem Rufe , in dem sich Zärtlichkeit , Jammer und die alleräußerste Besorgnis zum herzzerreißendsten Tone mischten , stürzte sie zu ihm nieder und sah ihm mit dem Blicke der innigsten Verzweiflung in die müden und erloschenen Augen . Weinend und wimmernd legte sie ihre unschuldigen Finger auf seine Lippen , als könne sie damit den furchtbaren Blutstrom hemmen . Noch immer sandte die in ihren Tiefen versehrte Brust einzelne Tropfen nach , obgleich die Gewalt des Übels bereits gebrochen zu sein schien . Keiner Befleckung an Händen und Kleid achtete sie , sie , die Reine , Reinliche . Sie rief heftig und mit lauter Stimme : » Gott ! Gott ! Gott ! « als müsse Gott ihr helfen , denn auf Erden wußte sich das unglückliche Mädchen keinen Rat . Unwillkürlich war sie in die Kniee gesunken . So entstand dem Kranken eine Ruhestätte für sein Haupt auf ihrem Schoße , denn sie hatte sich mit dem Leibe rückwärts gebeugt , um ihm die Lage bequem zu machen . Er lag auf dem Rücken , seine Augen waren geschlossen , seine Wangen völlig farblos . Matt und kalt hingen die Arme in das Gras hinunter ; in welchem liebliche Vergißmeinnicht blühten , gleichsam ein Blumenspott über den Jammer der Menschen . Sie aber hatte ihm um Haupt und Brust ihre Arme gebreitet in der allerzärtlichsten und sanftesten Weise . Traurig schaute sie in sein Gesicht , soviel sie vermochte . So ruhte er ganz von ihr umfangen und an sie gelehnt im Heiligtume jungfräulicher Liebe und Bekümmernis ! Sie wußte nicht , was sie tun sollte , ihm seinen Schmerz zu erleichtern , sie hätte zur Qelle werden mögen , zum umspülenden Bade , wenn das ihm Linderung zu verschaffen vermocht hätte . Schluchzend fragte sie ihn , ob er auch so bequem ruhe ? und bat ihn dann inständigst nicht zu antworten , weil ihm das Sprechen schaden könne . In der Tiefe dieser Not empfand sie den heißesten Drang sich mit ihm zu verständigen . » Ach « , schluchzte sie , » mein Oswald , vergib mir doch nur und fühle , daß du nicht sterben darfst ! O mein Gott , du mußt ja nicht sterben , mußt ' s nicht , denn was sollte dann aus mir werden , wenn du stürbest ? Nicht wahr , Oswald , du stirbst nicht , du tust mir das nicht zuleide ? Ach , kannst du es mir denn so übelnehmen , daß ich ein ordentliches Mädchen bleiben will ? Siehst du , mein Oswald , deine Frau mußte ich werden , deine ehrliche Frau und sonst nichts weiter ! Denn wäre ich auf deine Schlechtigkeit eingegangen , Oswald , da hätte ich mich auch an dir versündigt und hätte dich mit zum Bösewicht werden lassen , und das darf die Geliebte nicht ; nicht einen Flecken darf sie auf ihren Freund kommen lassen . Denn das ist eine schlechte Liebe , die nur den anderen herzen und küssen will , wie es auch sei , nein , daß das Leben des Liebsten rein bleibe und unbefleckt und unverworren , das ist die wahre Liebe , und die habe und hege ich im Herzen zu dir , mein Oswald , wie sie nur ein Mädchen haben und hegen kann , ja gewiß , so ist es . Und habe sie gehabt und gehegt immerdar , wie ich nun wohl fühle , obgleich ich mich vor dir versteckte . Stürbest du hier auf der Stelle , Oswald , und ich könnte dich retten durch Unrecht , doch täte ich es nicht , das sage ich dir frei heraus . Denn