über mein Auge , nicht die Hoffnung in meine Brust , und dieser Zustand muß sich ändern , sollte ich auch Jahre lang vor der Thüre einer Synagoge liegen , und mit meinem Rücken den Gläubigen zur Schwelle dienen1 . Aber selbst dann würde ich nicht wieder seyn , wie zuvor , wenn ich Dich nicht gerettet ; versiechen würde ich im Jammer , wie auch versiechen wird in Elend und Trostlosigkeit David , unser guter , allzu guter Vater . Dir gehört dann sein Tod ; und mein letzter Seufzer wird seyn Dein Werk ! « - » O schweige , schweige , grausamer Bruder ! « schluchzte Esther , trostlos die Hände ringend , » Du greifst fürchterlich mein Herz an , das doch nichts Böses wollte , das doch nur glücklich zu seyn begehrte ! Aber nicht Dein Tod , nicht der unsers Vaters komme über mich . Wie könnte ich die Freuden des Lebens finden , müßte ich mir vorwerfen , sie seyen erkauft durch das Eure . Nimmermehr ! Ich will seyn stark , stärker als mein Geschlecht , stärker als der Mann selbst , der nicht freiwillig abläßt von dem , was er liebt . « - » Dann segne Dich Jehovah ! « entgegnete Ascher freudig : » O gehe mit mir , Schwester , wiedergefundne Tochter Abrahams und Jakobs . Noch besitze ich Geld und Gut , zu fristen unsre Tage . Komm , theile mein bescheiden Loos , tröste mich in meiner Buße , in meiner Reue ; halte bei mir aus , und der Herr wird uns wiederschenken den Vater , dessen Schmach und Elend gewißlich nur eine Folge ist meiner Missethat . « - » Ein Lebewohl , - das Letzte , werde ich doch dem Freunde bringen dürfen ? « - » Nein , nein ! « herrschte Ascher : » Fliehe die glatte Zunge aus Midian , fliehe den Mund , der Dich bethörte . Ein Hauch der Schlange reicht hin , Dich und uns Alle zu verderben . Du mußt mir folgen ! O , warum ist die Nacht schon dunkel geworden ? Warum leuchtet nicht die Sonne ? Gleich müßtest Du gehen mit mir . Aber morgen , morgen , so wie es Tag wird , folge mir ! « - » Du brichst mein Herz und meine Gefühle , wie Binsen ! « rief Esther schmerzlich : » Aber , mag ich doch das Opfer seyn , daß der Herr nicht zürne , und daß es den Meinen wohl gehe auf der Erde ! - Ich will mir denken , Er sey mir untreu geworden , während ich doch meineidig werde gegen ihn . Ich will mir denken , daß er in den Tagen , wo ich für ihn zitterte , ein Opfer der Vehme gefallen sey ; aber werden diese Gedanken mich beruhigen ? Werden sie nicht entsetzliche Geißeln und Stacheln seyn , um zu zerfleischen mein Inneres ? Mein Bewußtseyn erhalte mich aufrecht , und mein hochgelobter Gott , der mich geschaffen . In seinem heiligen Namen , - Bruder - ich folge Dir ! « Fußnoten 1 Eine ehemalige Büßungsart der Juden . Sechstes Kapitel . Du bist ein hartgesottener Sünder ! Schiller ' s Fiesko . Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem , was in seiner Abwesenheit vorgegangen war . Mit der Freude eines Liebenden , der auf sein nahes Glück hofft , hatte er aus den Kaufläden der Stadt das Schönste und Beste zusammengelesen , um seine Liebe damit zu zieren , und es vermag der Mensch keine größre Seligkeit zu fühlen , als er , da er am folgenden Abend am Forstgehege anlangte , und klopfenden Herzens sich der Hütte näherte . Dort saß eine weibliche Gestalt , harrend , nachdenkend , wie es ihm schien , und ihr schmuckloses Gewand war wie Esther ' s anzusehen . Der Jüngling verdoppelte seine Schritte , - er flog der Theuern entgegen ; - und sie war es nicht . An ihrer Statt begrüßte Regina den Betroffenen , und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne , Zähren in ' s Auge . - » Mein Gott ! « stammelte Dagobert : » mein gutes Fräulein ! Ihr hier ? Genesen , aber allein ? Was verkündet mir diese Stille ? diese Bewegung in Euerm Antlitze ? Wo ist Esther ? « - » Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen ; « entgegnete Regina halblaut und schüchtern ; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck , da sie den jungen Mann fast bewußtlos hinsinken sah . Kaum vermochte sie alsdann seinen stürmischen Fragen Genüge zu leisten . Sie erzählte , so gut ihre eigne Erschütterung es zuließ , wie sie heute in aller Frühe zum Wald gekommen , um sich des schönen Morgens zu freuen , da die Krankheit sie so lange in der Kammer daheim gehalten ; wie Esther ihr in Begleitung eines finstern Mannes - aber sonst ohne Geleit , schon fern von dem Hüttenpfade begegnet , - wie sie bestürzt das Mädchen angeredet habe , und nach Dagobert gefragt . O mein holdes Fräulein , hatte Esther gesprochen : sagt ihm , der heute vergebens sich dieser Stätte nahen wird , - sagt ihm mein letztes , herzliches Lebewohl . Sagt ihm , daß Ben David uns wohlmeinend getäuscht , daß mein Bruder mich errettet aus der Sünde , in die ich unschuldig fast gerathen wäre ; daß ich meinen Gott nicht verläugnen darf , aber ewig ihn , mein Heiligenbild , im Bußen tragen werde ; ... daß er mich beklage , sich aber dennoch meines Sieges freuen möge , und ... setzte Regina verschämt hinzu ; in der Liebe einer Andern , Bessern glücklich sey . « - Keine Schilderung von Dagobert ' s Gefühlen . Nach langem Kampfe sich mühsam erhebend , seufzte er : » Nun dann ! so ist er vorbei der schöne Traum , der mich beglückte . So ist dahin , was ich in meinen Nächten gesonnen , warum ich im Sonnenlichte gekämpft , wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend . Der Aberglaube , eines Bruders finstre Glaubenswuth reißt Alles zusammen , was ich , dem Verhängniß zum Trotz erbaute ; den Tempel meines Glücks . In Gottes Namen also . Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden ; aber , daß sich also löste , was so eng verbunden wurde , daß die holde Fessel so schnöde gesprungen ; ... das thut mir weh , und darum wird diese Wunde nimmer vernarben . O , welche Menschen ! Mein Vertrauen also zu täuschen ! Ben David lügt mir ein Glück , das ich kaum ahnte , ... sein Sohn entreißt es mir , und Esther reißt sich kalt von allen Banden los , die sie an mich schlossen : Wehe mir ! « - » Ach , mein guter , trauriger Junker ! « sprach Regina tröstend und legte ihre Hand auf die Seine , und heftete ihren Taubenblick auf sein düstres Auge : » wer sagte denn , daß sie kaltsinnig schied , deren Flucht euch bekümmert ? Heiße Thränen weinte sie , und darum .... ich will Euch gestehen , daß ich sie vorher nicht liebte ... darum aber gewann sie meine Theilnahme im Augenblick der Trennung . « - » Wenn Ihr sie gekannt hättet ! « klagte der Jüngling : » Tugendhaft und rein war sie , wie Ihr , mein Fräulein . Eine Seltne in dem Kranz der Frauen , die Einzige in den Reihen ihres Volks , das geadelt wurde durch ihren Besitz . O , diese Hütte hier ! eine Kapelle sollte man auf ihre Stätte bauen , weil die Liebliche durch kurze , allzukurze Frist hier verweilte . « - » Ihr sprecht ja nicht wie ein Christ ! « sagte Regina mit lächelndem Vorwurf : » ich sollte böse auf Euch werden , wenn ich nicht die Vertraute Eurer Liebe geworden wäre . Ach , mein Antheil an ihr ist mir schlimm bekommen . Der garstige Ammon hat heute der Mutter Alles auf ' s Kleinste berichtet , denn er fürchtete die Folgen ; und Mütterlein hat mich gescholten , und gesagt , es zieme sich für ein Edelfräulein nimmer , um solche Abenteuer zu wissen , und sie werde mir verbieten , je den Wald wieder zu besuchen . « Dennoch bin ich ihrer Wachsamkeit entgangen , denn Ihr mußtet ja erfahren , wie Alles kam , und ich wäre gestorben hätte ich Euch in Ungewißheit lassen müssen . » Nehmt Ihr Theil an mir , holde Dirne ? « fragte Dagobert weich und dankbar . - Regina wurde roth , entzog ihm ihre Hand , und sagte ausweichend : » Wenigstens wollte ich ' s gern ertragen , daß mein Mütterlein mich schmält , könnte ich Euern Schmerz nur wenden . Ich liebe traurige Gesichter nicht . Seh ' ich jedoch Euch in Gram versunken , so möchte ich flugs mit Euch weinen , ob es vielleicht Euern Kummer lindern möchte . « » Lindern ? gewiß ! « rief Dagobert : » Die Thränen der Unschuld , die des allerreinsten Gefühls sind Lebensbalsam für den Trauernden . Ja , mein wunderholdes Mägdlein ; die Zuversicht , .. das gläubige Vertrauen auf eine helle Zukunft , diese heilige Schrift , die in Euern Augen zu lesen ist , klar und deutlich , wie das Licht der Sonne , ... sie gibt mir Trost , und Muth zu leben , ... muß ich auch allein auf meiner Bahn zu Ende wandeln . « - » Allein ? « fragte Regina neugierig : » wie meint Ihr das ? « - » Ich werde nimmer um eine Jungfrau minnen ; « versetzte Dagobert : » einsam bleiben , und allein , keinen Herd mir bauen , keine Hütte , sondern flüchtig seyn und unstät . « » Um Gottes willen nicht ! « rief Regine : » Nur das , ehrsamer Junker , das thut nicht . Viel Hundertmale hörte ich meine Mutter sagen , ein Hagestolz hätte nicht Freude und nicht wahre Lust am Leben , er besäße nicht einmal ein Herz für seinen Hund ; und ich will ' s glauben , lieber Herr . Da ist der Vetter Schwarzbach , und der Ohm von Miltenberg , vor denen mir schon bang wird , wenn sie unser Haus betreten . Da geht ' s Treppe auf , Treppen ab , mit beschmutzten Stiefel und ungekämmten Bärten , mit Halloh und Hassah durch Feld und Wald , und nur dem Becher wird ein freundlich Gesicht gemacht , und Frauen hingegen beständig ein scheeles . Zu solchem Leben seyd Ihr nicht gemacht , guter Herr . Ihr seyd so freundlich , und wart so froh , daß es Schade wäre , wenn Euch einer Jüdin Verlust zum Trübsinn brächte . « - » Anmuthige Regina ! « erwiederte Dagobert : » wollte der Himmel , die Sachen stünden noch wie am verwichnen Ostertage . Damals glaubte ich mich noch frei , und Euer Liebreiz nur allein hätte mir eine Fessel anlegen können . « - » Ach nicht doch ! « kicherte das Edelfräulein verneinend , und hielt die Hände vor das geschämige Antlitz . Indem trat , von Ammon begleitet , die Frau von Dürningen an den Eingang des Geheges . » Regina ! « rief sie ernst , und Dagobert eilte , das erschrockne Mädchen zu der Mutter zu führen . - » Ich danke Euch Eure Gegenwart nicht , Junker ; « sagte die Edelfrau , » da ich nun - zu spät nur - durch Ammon erfahren habe , was mir meiner Tochter Mund verschwieg . Ihr habt unedel genug die Eitelkeit meiner Tochter mißbraucht , um einer Dirne von schlechten Herkommen und ungewissem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen ; und Ihr versucht ' s vielleicht , jetzt noch die Leichtgläubigkeit der unerfahrnen Jungfrau zu verführen , da Euers Herzens Lieb Euch untreu geworden . Ich bin ein Weib , und kann , ohne männlichen Schutz , mit dem Manne nicht rechten , wie sich ' s gebührte . Thut mir jedoch die Liebe , so schnell als möglich mein Eigenthum zu meiden . « - » Euer Mißtrauen , gestrenge Frau , betrübt mich ; « antwortete Dagobert gelassen : » ich weiche jedoch gerne aus Euerm Eigenthume , in welchem ich das meines Herzens verlor , um Eurer fleckenlosen Tochter ferner keinen Kummer zu verursachen . Habt Dank , Fräulein , für das , was Ihr an Esther und mir gethan , und belehrt , überzeugt Eure Mutter eines Bessern , damit sie nicht aufhöre , mich zu achten , wie einen Ehrenmann . « - Schweigend verneigte er sich und verschwand . - Seinen quälenden Gefühlen konnt ' er jedoch nicht entgehen , wie den strafenden Blicken der argwöhnischen Mutter . Viele Male hielt er auf seiner Straße inne , und überlegte bei sich selbst , ob er zurück gen Frankfurt kehren solle , - ob er es versuchen werde , Esther ' s Spur zu finden . Gegen diesen letzten , von keinem Hülfsmittel unterstützten Versuch sträubte sich sein Stolz . » Ward ihr ' s so leicht , von dir zu scheiden ohne Frage , ohne Wahl und Lebewohl , « sagte dieser , » so laß sie . Sie hat deine Liebe nicht verstanden , oder war ihrer nicht würdig . « - Und dennoch flüsterte sein Herz im nächsten Augenblicke : » Ach , freilich hat sie dich verstanden , so wie auch du ihre Liebe , die heilige , tadelreine verstehst . Freilich war sie deiner würdig , und auch in der Ferne wird sie ' s bleiben . Und hierauf dachte er an das Vaterhaus , an den Vater , der ihm wieder lieb geworden , an die reuige Mutter , an den kleinen Hans , und den biedern gelehrten Johannes , und er fühlte , daß außer der Liebe noch das Leben Ansprüche an ihn , und Pflichten für ihn habe , und daß daheim nur das heilende Kräutlein - vielleicht auch nur - wachsen möchte , seiner Seele Wunden zu sänftigen . Gegen alle Weltgegenden breitete er daher seine Arme aus , als wollte er die Verlorne damit an sein Herz ziehen , und wäre sie am äußersten Ende der Welt . Ihren Namen rief er laut und oft in die Luft hinaus und himmelan ; dann waffnete er sich mit neuem Muthe , und wandte sich nach der Vaterstadt , ... nicht ein Vergessender , sondern ein in seines Herzens Muth und zuversichtlicher Kraft Getrösteter . « Er hatte kaum den Scheideweg verlassen , der ihm die Straße frei ließ nach Friedberg und weiter in ' s Land , oder nach dem Mainstrome , als eine leise Stimme , hinter einem Haselbusche hertönend , fragte : » Aber Veit ! warum fendest Du dem Schurken nicht einen Pfosten nach - oder in Ermanglung - einen guten derben Stein ? « » Ei , laß mich doch , Leuenberg , « antwortete der Hornberger ; denn die beiden Ehrenmänner waren ' s , die hinter dem Busche lagen : » ich bin noch müde , wie ein kolleriges , Pferd , das seinen Meister gefunden hat . Der scharfe Ritt schon hatte mich angestrengt , und Du , guter Geselle , warst in eine verdammt schlechte Sippschaft gerathen , deren Arme nicht von Wachs gewesen sind . Sag ' mir doch , wie kamst Du unter das Gelichter ? « » s ' hat weiter kein Bedeuten , « entgegnete Leuenberg , » und mein wunder Schädel schmerzt mich dermaßen , daß ich nicht viel reden mag . Seit ich von Neufalkenstein wegging , hat mich tausend Noth verfolgt . Wie hab ' ich ' s bereut , daß ich dem ängstlichen Doring folgte , der von der Burg ausriß , als hätten ihn schon die Häscher der Stadt beim Helmkragen . Der Taugenichts ging seine Wege , ich die meinigen . Auf der Gelnhäuser Burg hatte ich nichts zu leisten , nichts zu thun , und schlug mich hieher , wo ich auf dem Anstand herumlungerte , ohne ein glücklicher Schütze zu seyn . Ein Paar arme Bauern , nicht der Mühe werth , sie zu durchsuchen , - das war Alles , was die Heerstraße bot . Doch halt ! bald hätt ' ich ' s vergessen : einen Schelm bot sie auch : den rothen Juden Zodick , oder wie der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde . « - » Ho ! « fiel der Hornberger ein : » wie schön ! Friedreich , mein Pathchen ! Was treibt der hier herum ? « - » Der Gauner stiehlt auf eigne Faust , zu Fuß zwar , wie ein rechter Dieb , « versetzte Leuenberg , » allein dem hebräischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit günstiger , als mir außer dem Feld und Holz . Gestern hat er einen Reifenden geplündert , und heute den Plunder zum Verkauf getragen . Hier wollt er sich einfinden , sagt ' er . Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her , bis der verdammte Wechsler daher fuhr , in dessen Gefolge ich eben so wenig nassauische Reitersknechte vermuthet hätte , als den Tod , und den ich also blind und thöricht angriff . Wie mir ' s erging , weißt Du so gut wie ich , denn ohne Dein Hinzukommen wäre ich jetzt steif und starr . Hab ' Dank , daß Du mich hieher geschleppt hast ; ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen , wenn ich meinen guten Klepper , den die Hunde niederstießen , wieder lebendig machen könnte , oder wenigsten das Blut jenes breitmäuligen Junkers gesehen hätte , der Deiner Trägheit verdankt , daß ihm sein erbärmliches Leben geblieben ist . Oder war ' s etwa eine gewisse Ängstlichkeit , die Dich zurückhielt ? Willst Du Reu und Leid machen ? und hat Dich das , was Du in Frankfurt saht , auf ernsthaftere Gedanken gebracht ? « - » Möglich wär ' s schon gewesen , beim Donuer ; « hieß des Hornberger ' s Antwort : » Dich hätt ' ich an meiner Stelle sehen wollen . Ich ritt ganz ruhig und verkappt in der Stadt ein , und kaufte mir die Dolchklinge hier . Da nun die Gassen wimmelten von neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Thore zuwälzte , konnte ich mich nicht enthalten , nach der Ursache zu fragen . Der verdammte Räuber , der alte Bechtram von Vilbel , wird gerichtet ; gab mir der Krämer zur Antwort , und ich hätte ihm dafür die Rippen durchbohren mögen . Aber , so entsetzt ich auch war , von der Kunde , den , den ich wo möglich zu befreien gekommen war , auf dem Wege zum Tode zu finden , ... dabei mußte ich seyn und es mit ansehen , kostete es mir auch selbst den Hals . O , welch bedauerlich Schauspiel , Freund Leuenberg ! Du hättest sehen müssen , wie unser wackrer alter Ritter daherschritt in den Stricken der Soldknechte , die er einst angeführt hatte . Donner und Strahl ! so weh mir dieser Anblick that , so war ich dennoch hoch entzückt , zu sehen , wie er noch den alten Trotz und die ritterliche Würde auf seiner Stirne festhielt , vor welcher sie Krämerlümmel die Augen niederschlagen mußten . Und so blieb er auch bis zum Ziele . Vor dem Thore auf dem Anger war ein schwarzes Tuch ausgebreitet , und auf demselben ließ man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher . Ich hätte ein Gewitter seyn mögen , um über die abscheulichen Rathsschnauzen herzufallen , die so steif und hölzern dem Bechtram das Urtheil wieder vorlasen , als ob sie im Recht säßen , und der von Vilbel im Unrecht . Und dennoch hatte er sie Gefangenen losgegeben , und folglich ward ihm von treubrüchigen Hunden das Leben abgesprochen . Mit diesem letztern war ' s auch bald vorbei . Ein Rottmeister brachte ein Tuch heran , um dem Sterbenden die Augen zu verbinden , ... aber tausend Hagelwetter ! der Bube kannte unsern Alten nicht , welcher das Tuch verweigerte und die Augen muthig offen hielt , unterm Schwert des Henkers , das schon blitzte , und nach welchem die in unzähliger Menge versammelten Reichsstädter schielten , wie abgestandne Fische , denn das Gesindel fürchtet sogar die Klinge , die es selbst aber noch mein Unstern wollen , daß , während ich also in Zuschauen und grimmiger verhaltner Wuth versunken , auf meinem Gaule hielt , und hervorragte über den Pöbel an der Erde , ... daß Bechtram das Auge zu mir empor hob , und trotz meines falschen Bartes mich erkannte . Unwillig rief er aus , mir winkend : Hoho ! Hornberger ! Du hier , und ich muß sterben ? Hilf ! - Im selben Nu siel sein Kopf , aber alle andre Köpfe drehten sich nach mir , der ich meinem Gaule wüthend die Spornen gab , um mich aus dem Strudel zu arbeiten , der um mich her summte , wie ein Schwarm wilder Bienen , und mir kein bessres Schicksal verhieß , blieb ich in seiner Mitte hängen . Halt auf ! halt auf ! schrie es um mich her , und manche kecke Faust griff zu nach meinem Zügel ; ich aber , nicht faul , hieb mit der Peitsche um mich her wie ein toller Mann , und habe manchen Spießbürger gezeichnet , daß er ewig an den wilden Hornberger denken wird . Reiter hinter mir drein ... Steine durch die Luft ... und ich voran wie die Windsbraut , und narrte sie hinter mir her bis an die Warte . Dann streckte ich dem Lumpenpack die Zunge heraus , und ritt gemächlicher durch Feld und Flur und Saat , bis ich in Deine Händel fiel . Aber geschworen hab ' ich ' s , heute wenigstens keiner Christenseele ein Leid zu thun , weil mich des armen Bechtram ' s Tod doch sehr bestürzt gemacht , und deßhalb ließ ich auch den Fant ziehen , den Du nicht leiden kannst . « - » Hol ' ihn der Teufel , und nicht minder den Juden , der seines Vaters Brust verfehlte ! « brummte Veit von Leuenberg grollend : » Daß ich mich nicht rühren konnte ! Ich hätte den Buben kalt gemacht wie seine Landsleute an Bechtram thaten , der übrigens auch noch lebte ; wenn auf Neufalkenstein mein Rath befolgt , und der saubre Neffe gehangen worden wäre . « - » Pah ! « erwiederte der Hornberg : » hört man Dich allein , so hast Du zu Allem das Beste gerathen , und von Allem das Beste gethan . Geht man auf den Grund , ist wenig dahinter . Ich denke , die meisten Leute leben noch , denen Du den Tod geschworen ! « - » Keinen Schimpf ! « drohte Veit , sich mühsam auf den Ellbogen stützend : » gerade hier bin ich dem Platze nahe , wo ich zum Erstenmale einen Menschen auslöschte . Es war mein Probestück , auf einem Wildgange , der mich durch den ganzen Forst geführt hatte . Bei der Futterhütte des Waldes sah ich einen Mann stehen , einen Edelmann , nach Kleid und Wehr zu halten ; er zählte seine Rehe , und mir wässerte in dem Versteck der Mund , daß mir ' s jetzo so leicht seyn würde , ein Wild aus diesem gedrängten Haufen herauszuschießen ; daß mir aber nicht gestattet sey , das Geschossene zu holen . - Ich ergrimmte bei diesen Gedanken , und dachte : wie wär ' s denn , Veit , wenn Du den breitschulterigen Mann holtest , der , wie ein frohlockender Geizhals seinen Reichthum überzählt , von dem dir nichts gehört ? Der Gedanke war auch sogleich die That , und wie hineingeblasen saß der Pfeil der Armbrust dem Menschen in der Gurgel . Ich auf und davon , sah ihn von ferne noch taumeln , stürzen , und kam selber glücklich davon . Hinterher erfuhr ich , daß ich den Herrn von Dürning erschossen . « - » Ei , das ist ja eine gräßliche That , ein Jugendstreich , wie es wenige gibt ; « versetzte der Hornberg : » aber Dir ähnlich , Leuenberg . Einen wehrlosen Mann aus dem Busche zu treffen , oder einen friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in ' s Grab zu legen , das ist Deine Sache . « - » Schweig mit dem Spotte ! « eiferte Leuenberg wild werdend : » Ein Jeder treibt ' s nach seiner Lust und Freude . Dieser in geräuschloser Nacht , jener in Rauferei und offnem Streit . Da kömmt aber Einer , dem das wahre Mordhandwerk noch keiner jemals besser nachäfft , als er ' s treibt . « - Der getaufte Jude Zodick schlich sich eben auf Kreis- und Schneckengängen aus dem Gehölz daher . Sein Rücken war ohne Last , sein Aussehen verrieth indessen wenig den glücklichen Vertrödler geraubter Sachen , als vielmehr den zornigen erbitterten Bösewicht . Vorsichtig und wie ein Falke blinzelte er hinter jeden Strauch , und trat , nachdem er sich überzeugt , daß es rings umher still geworden , mit zuthulicher Frechheit zu den Junkern , die ihn starr ansahen , aber seinen Gruß kaum erwiederten . » Bringst Du Geld ? « fragte der Leuenberg : » heraus damit , ohne Widerrede und Umstände . Du siehst , Jude , daß ich Hülfe in diesem Manne erhalten habe . Weigre Dich demnach nicht ferner . « - » Euer Knecht , Herr von Hornberg ; « versetzte der Jude flüchtig : » wie seyd Ihr gekommen in die Wildniß , die da beherbergt zwei von Euern besten Bekannten ? « - » Um Dich zu sohn , mein Taufsohn ! « grinste der Hornberger dem Buben zu : » Wie steht ' s mit Dir , Bursche ? « - » Gut , Herr ; « entgegnete Zodick boshaft lächelnd : » ich habe den Fehdebrief geschrieben der ganzen Welt , meine Freunde , die edeln Herren hier , ausgenommen . Ich hatte gebaut so schön mein Haus , und die krumme Schlange hat ' s eingeschlagen . Zu Frankfurt verlangen sie meinen Kopf , und das Vehmgeding hat mich geladen vor seinen Stuhl . Was thue ich aber mit der Ladung ? Damit ich nicht erst zurückgehen muß , bleibe ich gleich ganz weg . « - » Das Beste ; « meinte Hornberg lachend : » wie bringst Du Dich jetzt durch ? « - » Ich nehme ; was mir überlassen die adelingen Herren ; « antwortete Zodick schnell : » und muß obendrein stehlen für den Mann , der mir noch schuldig ist fünf Pfund Heller für ein Menschenleben . « - » Verdammte Brut ! « fuhr Leuenberg wüthend auf : » Die fünf Pfund , die Du erhieltest , waren noch viel zu viel für Deine Ungeschicklichkeit . « - » Ungeschicklichkeit ? « spöttelte der Jude : » so man mir zahlt halb , morde ich auch nur halb , und halb hatte der Alte seinen Rest , was man nicht läugnen kann . Was sollen mich im Übrigen kümmern Eure Händel , Herr , da Ihr Euch nicht umseht um die meinigen ? Der arme Friedreich muß Alles ausfechten mit seiner eignen Hand , und kein Mensch steht ihm bei . « » Elender Jude ! « murrte der Leuenberg . - Der Hornberger erwiederte jedoch halb ernst , halb scherzhaft : » Ei bei leibe , Bruder Veit ! Ich bin Freidrichs Taufgevatter , und behaupte gegen Juden sein Christenthum . Heisse ihn den schlechtesten Burschen im römischen Reiche , nur keinen Juden . « - » Wär ' ich doch geblieben ein Jude ! « lachte Zodick höhnisch : » die heimliche Acht hätte mich dann wohl in Ruhe gelassen . Wär ' ich doch geblieben ein Sohn Jakobs , so wäre doch vielleicht Esther geworden mein , und Alles nicht geschehen , was sich begeben hat . Wär ' ich doch gewesen ein vorsichtiger Mensch , ... ich hätte gewittert , daß das ganze Nest in meiner Nähe war ! - Dummer , dummer Zodick ! « - Er schlug sich bei diesen Worten einigemal tüchtig vor die Stirne , und die edlen Herrn wollten sich , trotz Wunden und Müdigkeit ausschütten vor Lachen . - » Der Hund ist verrückt geworden ! « meinte Leuenberg - » Gottes Wunden und Zeichen ! « versetzte Zodick mit verzerrtem Gesicht : » Verrückt und mischukke vor Zorn und wüthiger Sehnsucht . Ich soll theilen mit Euch mein erworbenes Geld ... und Ihr haltet nicht einmal meine Feinde auf , die an Euch müssen seyn vorübergezogen ! Das ganze Geschlecht , das ich verfluchte in ' s tausendste Glied ist gewesen hier ... aber mein Fluch hat es wieder zerstreut in alle Welt . Hätt ' ich doch gewußt , daß der Soi , den ich gestern geplündert habe , kein Goi gewesen ! daß er gehörte zu der Sippschaft die ich hasse wie den Tod ; ich hätte nicht gerastet , nicht geruht , bis er hätte verseufzet seinem Athem unter meiner Faust ! « - » So rede doch vernünftig ; sag at , was hast Du denn ? fragte der Hornberger heftig , und Zodick erzählte von der Forsthütte , von Esther , Ben David und dem Bruder aus der Fremde . « - » Dummer Bube ! « maulte Hornberg : » uns das nicht früher wissen zu lassen !