» ach Idoine , wenn es nun keine Unsterblichkeit gäbe , was täten Sie ? « - » J ' aimerois « 202 , sagte sie leise zu ihr . Plötzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen : » Freut « - dann spät » euch des « - endlich » Lebens « - » Das ist aus dem Gottesacker das Echo « , sagte Idoine und suchte zur Rückkehr zu bereden . » Echo und Mondschein und Gottesacker zusammen « ( fuhr sie scherzend fort ) » sind wohl zu stark für Frauenherzen . « - Dabei berührte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne , gleichsam als tu ' es ihr weh , daß die Gräfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schönen Abend von fernen stehen sehe . » Die Singstimme klingt mir so bekannt « , sagte Linda . » Roquairol ists , nichts weiter , wollen wir fort ! « sagte Julienne ; aber Linda bat zu bleiben , und Idoine willigte höflich ein . Nun gab das Echo - das Mondlicht des Klangs - wieder Töne wie Totenlieder aus dem Toten-Chor ; und es war , als sängen die vereinigten Schatten sie in ihrer stillen Woche unter der Erde nach , als regte sich der Leichenschleier auf der weißen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder . Das Singen hörte auf , Alphörner fingen auf den Bergen an . Da ging wieder das Nachspiel des Tonspiels feurig herüber , als spielten die Abgeschiednen noch hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge . Alle Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust ; auch die drei Jungfrauen ; Töne sind schimmernd zurückflatternde Gewänder der Vergangenheit und erregen damit das Herz zu sehr . Sie weinten , und keine konnte sagen , ob trübe oder froh . Die bisher so gemäßigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und ließ sie wieder sinken . Sie kehrten schweigend und einig um . Idoine behielt Linda an der Hand . Die unterirdischen Wasser der Toten-Echos und Alphörner rauschten ihnen nach , obwohl ferner . Juliennen entging es nicht , wie sehr Idoine ihr Gesicht , bloß um es ihr mit den großen Tropfen in den großen Augen zu entziehen , immer der dicht verschleierten Linda zuwandte ; und sie schloß daraus , daß Idoine vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre , dem sie durch ihre schöne Ähnlichkeit das frohe Leben zurückgegeben . » Was haben wir nun davon ? « ( sagte Idoine spät und nahe am Dorfe ) » Wir sehens voraus , daß wir zu weich würden , und geben uns doch hin . Darum nennen uns eben die Männer schwach . Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen vor , und nur wir uns durch lauter Erweichungen . « - - » Was soll man denn machen , « ( sagte Julienne ) » in Flüsse springen , auf Berge , auf Pferde und so weiter ? « - » Nein , « ( sagte Idoine ) » denn ich seh ' es an meinen Bäuerinnen : sie leiden an Nerven bei aller Muskel-Arbeit so gut wie andere - Mit dem Geiste , glaub ' ich , müßten wir alle mehr tun und suchen ; aber wir lassen immer nur die Finger und Augen sich üben und regen , das Herz selber weiß nichts davon und tut dabei , was es will , es träumt , weint , blutet , hüpft - Ein wenig Philosophieren wär ' uns dienlich ; aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin , und wenn wir denken , ists bloß , um ihnen noch gar zu helfen . « Sie kamen ins Dorf zurück , es war voll geschäftigen Abendlärms , Kinder tanzten Idoinen entgegen , von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den Häusern Flöten und Lieder heraus . Idoine gab heiter Abendbefehle . » Wie doch « ( sagte sie ) » die äußere Ruhe so leicht die innere aufhebt ! Ein beschäftigtes Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäß mit Wasser : man halt ' es still , so fließet es über . « Julienne hatte schon einigemal , aber vergeblich , nach dem Steuerruder der Zeit und Rede gehascht , um ihren Plan zu vollführen ; jetzt , da sie Lindas Schweigen , Rührung und Träumen bemerkte , glaubte sie die lang ' erwartete günstige Stunde zu treffen , wo einige Worte , die Idoine über die Ehe ausstreuete , in Linda einen aufgeweichten Boden für ihre Wurzeln finden würden . Durch die leichte Wendung eines Lobs , daß sie Idoinen über ihren mutigen Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhaßten Fürsten-Ehe und über den Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab , brachte sie die Gräfin dazu , ihren ketzerischen Haß gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen , daß diese die Blume mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege - daß Liebe ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Haß - und daß das Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei , als wenn einer nach der Logik , die er vor sich hätte , denken oder dichten wollte , und daß die Energie , der Wille , das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik . Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin , worin sie ihre heutige Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte , den ihr Sohn diesen Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen . So viele stille Gedanken auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachließ : Idoine kam durch sie nicht aus der lebhaften Bewegung , worein die vorige Rede sie gesetzt , sondern mit einem edlen Zürnen , das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte und ihr Minervens Helm aufsetzte , erklärte sie der hohen Gegnerin , die weniger durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war , diesen Krieg : gewiß sei nur ihre Abneigung gegen die » Priester « an der zweiten Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige Liebe , und halte sich nicht jede rechte für eine ewige ? - eine Liebe , die einmal zu sterben glaube , sei schon tot , und die ewig zu leben fürchte , fürchte umsonst - wenn sogar Freunde am Altare verbunden würden , wie irgendwo geschehen soll203 , sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben - man zähle ebenso viele , wo nicht mehrere unglückliche Liebeshändel als unglückliche Ehen - man könne zwar eine Mutter , aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe , und dieser müsse jene und sich durch die Sitte ehren - » Ich bin eine Deutsche « ( beschloß sie ) » und achte die alten Ritterfrauen , meine Ahnen , hoch ; selig ist eine Frau wie eine Elisabeth und ein Mann wie Götz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe . « - - Auf einmal fand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome : » Ich bin ja « ( setzte sie lächelnd hinzu ) » eine pedantische Predigerswitwe geworden ; das macht , ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen und lasse , da fast in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt , ungern andere Meinungen hier aufkommen . « » O , Mädchen « ( sagte Julienne lustig , weil sie Linda ernst sah ) » sprechen immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe ; sie ziehen sich gern aus einem Brautkranz Blumen . « - » Daraus , wissen Sie , könnt ' ich mir wohl keine nehmen « , sagte Idoine , auf das eidliche Versprechen anspielend , welches sie ihren über ihre enthusiastische Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen , nie unter ihrem Fürstenstande zu heiraten , was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hieß als Ehelosigkeit . » Recht hatten Sie indes , « ( verfolgte Julienne und wollte scherzhaft bleiben ) » die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel , der sich auf einen Mastbaum setzt , der selber zieht ; ich lobe mir einen hübschen grünen Wurzelbaum , der dableibt und ein Nest annimmt . « Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht , sondern ging allein , ohne ein Wort zu sagen , in den Garten und Mondschein hinunter . » Die Gräfin « ( sagte Idoine zur Freundin , bekümmert über die Bedeutung des stummen Ernstes ) » hat uns , hoff ' ich , nicht mißverstanden . « - » Nein , « ( sagte Julienne mit freudigen Mienen über den errungnen Eindruck , den die Rede auf Linda gemacht ) » sie hat die seltenste Gabe , zu verstehen , und das häufigste Unglück , nicht verstanden zu werden . « - » Das ist immer beisammen « , sagte sie , sann nach , sah Juliennen an , endlich sagte sie : » Ich muß ganz wahr sein , ich wußte der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester - Freundin , ist Er ihrer ganz wert ? « Eine Frage , deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflößungen der Fürstin suchen konnte . » Ganz ! « antwortete sie stark . » Ihnen glaub ' ich gern « , versetzte Idoine , mit den Lauten eilend , aber mit Blicken ruhend . Sie sah die Schwester Albanos immer länger an - die großen blauen Augen schimmerten stärker - Minervens Helm war vom jungfräulichen Haupte abgehoben - das sanfte Angesicht erschien lieblich , ruhig , klar , nicht stärker bewegt , als es ein Gebet vor Gott erlaubt , und so wenig begehrend wie eine Verklärte , und doch immer himmlischer glänzend . - Juliennens schönes Herz stürmte auf , sie sah Liane wieder , als sei sie vom Himmel gekommen , den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen ; - sie sagte mit Tränen : » Du , du hast Ihm einst den Frieden gegeben . « - Idoine wurde überrascht - aus ihren hellen Augen drangen zwei Tränen - mit Nachdruck antwortete sie : » Gegeben « - erschrocken und heftig drückte sie sich an die Freundin - sagte : » Ich liebte Sie schon lange « , und weiter sprachen sie nichts . Schnell faßte sie sich - erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit - und bat sie geradezu , ihr als ihre Freundin nachzugehen , ob sie gleich selber gern ihr dieses Verdienst abstehlen würde , wenn sie dürfte . Julienne eilte in den Garten , fühlte es aber nach , daß Idoine ihr Du nicht erwidert hatte . Idoine mied das weibliche Du ; ungleich den Orientalerinnen , welche vor Verwandten den Schleier weglassen , nahm sie , wie ihre Französinnen , sogar in die Herzlichkeit die zarten Gesetze der Politesse herüber . Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still , mit tief gesenkten Augen , in Träume eingegraben . Linda fuhr auf : » Sie liebt Ihn ! « ( sagte sie mit Schmerz und Feuer ) » Hör es , Julienne , Sie liebt Ihn ! « - Diese konnt ' ihr über das Aussprechen einer Wahrheit , mit der sie gerade aus Idoinens Armen gekommen war , nichts als ihr Erschrecken zeigen ; aber Linda nahm es für Erstaunen und fuhr fort : » Bei Gott ! - Mein Blick hat sie aufgehascht . O sonst war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich - Ihre innerste Bewegung bei meinem Erblicken - und ihr Weinen bei Roquairols Stimme , weil sie seiner gleicht - und ihre lange feurige Hochzeitpredigt - Und die Seelenblicke auf mich - o hat sie Ihn denn nicht im großen herrlichen Augenblick gesehen , da der Blühende weinend kniete und das göttliche Haupt gen Himmel hob und die Verklärte und den Frieden herunterrief ? - O daß sie es nur wagte , ihm beides vorzuspielen ! Und kann sie das vergessen ? « Julienne kam endlich zum Worte » So setz es denn ; ist Idoine aber nicht edel und fromm ? « - » Ich habe nichts wider sie und nichts für sie « ( antwortete Linda ) - » Wenn aber Er sie nun sieht , wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen ähnlich findet , wenn die ganze erste Liebe umkehrt und über die zweite triumphiert ? ... Bei Gott ! Nein , « ( setzte sie stolz und stark dazu ) » nein , das duld ' ich nicht ; bitten will ich nicht , weinen nicht , oder resignieren , um ihn aber kämpfen will ich . - Bin ich nicht auch schön ? Ich bin schöner , und mein Geist ist kühner geschaffen für seinen . Was kann sie geben , was ich ihm nicht dreifach biete ? Ich wills ihm geben , mein Glück , mein Dasein , auch meine Freiheit , ich kann ihn so gut heiraten wie sie , ich wills .... O sprich , Julienne ! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher Gottesfurcht . O Gott , Julienne , bin ich denn schön ? Beteuer ' es mir doch ! Bin ich der Verklärten gar nicht ähnlich ? Säh ' ich nur so aus , wie er es gerade wollte ! Warum war ich nicht seine erste Liebe und seine Liane und wäre auch gestorben ? - Gute Julienne , warum sprichst du nicht ? « » Lasse mich nur sprechen « , sagte diese , wiewohl nicht ganz wahr . Sie war ergriffen und gestraft von Lindas treffender Wahrheit und vom eignen Bewußtsein , daß sie einen Plan , Lindas Vorurteile gegen die Ehe aufzulösen , angelegt , dessen Hülfsmittel ihr von Linda gerade als Rechtfertigungen der Eifersucht vorgezählt worden ; und daß sie einen Felsen auf der Spitze eines Felsen in Bewegung und in den Fall gebracht , den sie nun nicht mehr regieren konnte . Auch war sie betäubt , ja erzürnt von einem ihr fremden Ungestüm der Liebe , vor welchem sie den verhaßten Trost gar nicht aussprechen durfte , daß Albano stets nach der Pflicht der Treue handeln würde . - Schön war sie überrascht von der geglückten Bekehrung zum Trauungs-Ja . Mit einiger Ungewißheit des Erfolgs bei Linda , die durch das Mondlicht und die ferne milde Bergmusik nur stürmischer geworden , fuhr sie fort : » Ich wollte dich nicht gern unterbrechen mit dem Lobe deines Entschlusses zur Ehe - Unrecht hast du sonst in allen Stücken . Freilich ist Sie jetzt ernster ; aber sie stand am Sterbebette ihres Ebenbildes und sah sich in Lianen erbleichen - das mäßigt sehr . Ihn anlangend : so , hätt ' Er dich früher gesehen .... « » Sah er nicht früh das Bild auf dem Lago maggiore , aber unähnlich , wie er sagt ? « » So will ich dirs denn gestehen , Wilde , « ( versetzte Julienne ) » weil man dich nicht überraschen soll , daß ich ihn gestern gebeten , mit zur Prinzessin zu reisen , und daß er eben aus Rücksicht und Kälte gegen alle Ähnlichkeiten mir es derb abgeschlagen ; aber morgen erwartet er uns im Prinzengarten . « Verändert - weich - mit verklärten Augen sagte Linda mit gesunkner Stimme : » Mein Freund liebt mich so sehr ? - Ich lieb ' ihn aber auch sehr , den Reinen . Morgen will ich zu ihm sagen : nimm meine Freiheit und bleibe ewig bei mir . Vom Altare ziehen wir davon , meine Julienne , du und er und ich , nach Valencia , nach Isola bella , oder wohin er will , und bleiben beisammen . Du guter Mond und Musik ! Wie die Töne und die Strahlen so kindlich miteinander spielen ! - Umarme mich , meine Geliebte , vergib , daß Linda unartig gewesen ! « - Hier war der Sturm des Herzens in süßes Weinen zergangen . So wird in den Ländern unter der scheitel-rechten Sonne täglich der blaue Himmel Donner , Sturm und schwarzer Regen , und täglich geht die Sonne wieder blau und golden unter . Julienne versetzte bloß : » Schön ! nun wollen wir hinauf ! « , weniger als sie zu schnellen Übergängen fähig . Als sie oben die stille , helle , nichts begehrende Idoine wiedersah - die fest und heiter Handelnde - klagenlos und hoffnungslos - nur den Ährenkranz der Taten , nie den blumigen Brautkranz tragend - so viele weiße Blüten zu ihren Füßen , die zu keinem Kranz und Gewinde zusammengehen - ihre helle reine Seele einem hellen reinen Tone gleich , der seinen Reiz durch nasse wolkige Luft ungetrübt und ungebrochen trägt : so fühlte sie , Idoine sei ihr schwesterlicher verwandt als Linda , jene sei ihr ein Ideal und Sternbild in ihrem Himmel über ihr , diese ein fremdes , das fern und unsichtbar in einer zweiten Halbkugel des Himmels glänzt ; aber in ihr wirkte die weibliche Kraft , fortzulieben fast bis in den Haß hinein , stärker als in irgendeiner Frau , und sie blieb der alten Freundin getreu . Idoine gehörte unter die weiblichen Seelen , die dem Monde ähnlich sind : blaß und matt muß er am prächtigen Abendhimmel , den Glanz und brennende Wolken schmücken , stehen und kann auf der Erde keinen einzigen Schatten verdrängen und steigt mit unsichtbaren Strahlen , aber das fremde Licht verbleicht , und seines wächset aus dem Schatten auf , bis zuletzt sein überirdischer Glanz die Erden-Nacht umzieht und in eine zweite Welt umkleidet , und alle Herzen lieben ihn weinend , und die Nachtigallen singen in seinen Strahlen . Alles war nun bestimmt und geendigt . Linda hielt sich in ihrer Ferne und bloß aus Gesetz der geselligen Artigkeit , das sie niemals übertrat . Idoine zog sich , eine Veränderung erratend , aus der vorigen Nähe sanft zurück . Früh am dunkeln Morgen schieden sie , aber Julienne sagte es ihrer Freundin nicht , daß sie Idoinen , als sie voneinander gingen , sich mit nassen Augen hatte wenden sehen . 126 . Zykel Albano hatte während Lindas Abwesenheit von Roquairol die Bitte bekommen , nur jetzt nicht lange zu verreisen , damit er in einigen Tagen sein Trauerspiel » den Trauerspieler « , noch sehen könne . Gaspard , den er unwillig über Lindas Ehescheu antraf , gab ihm ein sonderbares Kartenblatt für Linda mit , worauf von ihrem unsichtbaren Vater nichts stand als dies : » Ich genehmige deine Liebe . Ich erwarte , daß du sie besiegelst , damit ich meine Tochter endlich umarme . Der Zukünftige . « So viele fremde wichtige Wünsche , die mit dem seinigen zusammenflossen , hielten nun von seinem zarten Ehrgefühl den Verdacht der Selbstsucht und Zudringlichkeit ab , wenn er sie um das schönste Fest seines Lebens bat . Er machte seinen Vater sehr zufrieden durch diesen Entschluß , zu bitten . Gaspard teilt ' ihm geheime Kriegsnachrichten mit und sagte ihm scherzend , nun sei es bald Zeit , daß er für seine Freunde , die Neufranken , fechten helfe . Albano sagte , es sei sogar sein Ernst . Das hör ' er gern von einem Jüngling - sagte Gaspard - der Krieg bilde für Geschäfte , und das Recht oder Unrecht desselben tue nichts zur Sache und gehe andere an , die ihn erklären . Albano machte seine Reise froh durch Erinnerung , noch froher durch Hoffnung . Er hatte jetzt den Mut , sich den Tag auszudenken , wo Linda , eine Königin , in die glänzende Krone ihres Geistes den weichen Brautkranz schmiegt - wo diese Sonne als eine Luna aufgeht - wo ein Vater , den der seinige liebt , das hohe Fest unterbricht durch ein höchstes - und wo einmal zwei Menschen zu sich sagen dürfen : nun lieben wir uns ewig . - So beglückt und mit einer unendlichen Liebe und sonnenwarmen Seele kam er im Prinzengarten an . Überall kam er viel zu früh nach seiner leidenschaftlichen Pünktlichkeit . Niemand war noch da als zwei - Abreisende , Roquairol und die Fürstin . Beide sah man jetzt oft und so öffentlich beisammen , daß das Scheinen Absicht schien . Roquairol ging ihm höflich entgegen und erinnerte ihn an das erhaltene Billet : » Das ist der Schauplatz , Lieber , « ( sagt ' er ) » wo ich nächstens spiele , die meisten Zurüstungen hab ' ich schon getroffen , besonders heute . Meine treffliche Fürstin hat mir diesen Platz vergönnt . « - » Sie kommen doch auch ? « sagte diese zu Albano freundlich . » Ich hab ' es ihm schon versprochen « , sagte Albano , den mitten in seinem Frühling zwei Eiskeller anwehten . Das Fräulein v. Haltermann allein zeigt ' ihm großen entschiedenen Zorn . » Gehen wir zu meiner Schwester vorher ? « fragte Roquairol die Fürstin unter dem Wegführen . Albano verstand das nicht . Die Fürstin nickte . Sie nahmen von ihm Abschied . Fräulein v. Haltermann schien ihn zu vergessen . Sie entflogen , hielten oben auf einem von der ganzen blühenden Gegend umrungnen Berge neben einem Blumengärtchen still und rollten dann hinunter . Der Himmelswagen mit den geliebten Mädchen kam jetzt in den französischen Prinzengarten herein . Feurig drückten sich Albano und Linda einander an die Herzen , die sie sich - gleichsam zum zweiten Male füreinander geschaffen und geschmückt durch das Schicksal - mit neuen Hoffnungen und Welten heute noch einmal tauschend geben wollten ! - Alles war so glänzend um sie her , alles neu , selten , ruhig , die ganze Welt ein Garten voll hoher flatternder Springbrunnen , welche vor der Sonne glanztrunken ihre Bogen durcheinanderwarfen ! - Julienne zog ihn beiseite , um ihm Lindas schönen Entschluß zu sagen ; aber er kam ihr mit der Nachricht des seinigen zuvor . Sie bestärkte ihn durch die ihrige , entzückt über das seltne Getriebe zusammengreifender Glücksräder . Als Albano wieder bei der Braut war , und sie bei ihm , fühlten sie eine neue Wärme des Herzens - keine von einer ausbrennenden dumpfen Glutkohle , die am Ende schwarz zerbröckelt , sondern die einer höhern Sonne , die aus lauten Flammen stille Strahlen macht und die die Menschen mit einem warmen milden Frühlingstag umgibt . Albano schob nicht auf und leitete nicht ein , sondern er gab ihr das Blatt ihres Vaters hin und sagte unter dem Lesen mit bebender Stimme : » Dein Vater bittet mit mir und für mich . « - Lindas Tränen stürzten - der Jüngling zitterte - Julienne rief : » Linda , sieh , wie er dich liebt ! « - Albano nahm sie an sein Herz - Linda stammelte : » So nimm sie denn hin , meine liebe Freiheit , und bleibe bei mir « - » bis zu meiner letzten Stunde « , sagt ' er - » und bis zu meiner , und gehst in keinen Krieg « , sagte sie zärtlich-leise - er drückte sie bestürzt und stark ans Herz - » nicht wahr , du versprichst es , mein Lieber ? « wiederholte sie . » O , du Göttliche , denke jetzt an etwas Schöneres « , sagte er . » Nur ja , Albano , ja ? « fuhr sie fort . - » Alles wird sich durch unsere Liebe lösen « , sagt ' er . - » Ja ? Sage nur Ja ! « bat sie - er schwieg sie erschrak : » Ja ? « sagte sie stärker . - » O Linda , Linda ! « stammelte er - sie entsanken einander aus den Armen - » ich kann nicht « , sagt ' er - » Menschen , versteht euch « , sagte Julienne - » Albano , sprich dein Wort « , sagte Linda hart . - » Ich habe keines « , sagt ' er . Linda erhob sich beleidigt und sagte : » Ich bin auch stolz - ich fahre jetzt , Julienne . « Kein Bitten der Schwester konnte die Staunende oder den Staunenden schmelzen . Der Zorn , mit seinem Sprachrohr und Hörrohr , sprach und hörte alles zu stark . Die Gräfin ging fort und befahl anzuspannen . » O ihr Leute und du Hartnäckiger , « ( sagte Julienne ) » geh ihr doch nach und stille sie . « Aber der empfindlichen Sinnpflanze seiner Ehre waren jetzt Blätter zerquetscht ; das ihm neue Auffahren , der Schlagregen ihres Zorns hatt ' ihn erschüttert ; er fragte nach nichts . » Schau hinauf zu jenem Garten , « ( sagte die Schwester außer sich ) » dort liegt deine erste Braut begraben , und schone die zweite ! « - Das wirkte gerade das Gegenteil : » Liane « ( sagt ' er kalt ) » wäre nicht so gewesen ; begleite nur die Gräfin ! « - » O die Männer ! « rief sie und ging . Bald darauf sah er beide davonfahren . Allmählich zerstob das wilde Heer des Zorns . Aber er hatte , fühlt ' er , nicht anders gekonnt . Er war ihr , sie ihm mit solcher neuen Zärtlichkeit entgegengereiset - keines wußte von der fremden - und der unbegreifliche Kontrast entrüstete darum beide so sehr - Er haßte schon an andern Menschen das Bitten , wie viel mehr an sich selber , und nie war er vermögend , einen Menschen , der ihn verkannte , zurechtzuweisen . Er sah jetzt um sich , alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plötzlich niedergefallen , die Lüfte verödet , und das Wasser murmelte in den Tiefen . Er ritt hinauf zum Garten , wo Lianens Grab sein sollte . Nur Blumenbeete , einen Lindenbaum mit einer Zirkelbank sah er darin , aber kein Grab . Betäubt und verworren blickt ' er hinein und in den glänzenden Gegenden umher . Verstockt - tränenlos - mit einem im zurückgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen - hinschauend in die weite Zukunft , die zwischen Bergen in krumme Täler ging und sich versteckte , ritt er düster nach Hause . Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an , das der vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben : » Es ist richtig - Ich fand das bewußte Porträt - Ich bring ' es in der Jagdtasche mit - In wenigen Wochen oder Tagen komm ' ich - Den Kahlkopf hab ' ich angetroffen und hinlänglich totgemacht - Ich bin sehr bei Sinnen . Dein seltsamer Oheim reisete lange mit mir . S. « Zweiunddreißigste Jobelperiode Roquairol 127 . Zykel Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht über den Geliebten , der ihr , wie einst Liane ihm , nicht im ganzen lebendigen Feuer der Liebe zu leben schien wie sie - sie war lange von der Fürstin umlagert und dann durch sie Juliennens für eine Lustreise beraubt worden , die ihr nur die Nachricht zuwerfen konnte , daß Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht , um Schoppen früher zu umarmen - sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze , daß der weibliche Stolz hier Schweigen , Ruhe und sogar Vergessen gebiete ; - als sie abends durch das blinde Mädchen aus Blumenbühl , das sie in ihre Dienste genommen , folgenden Brief erhielt : » Du Meine ! Sei es wieder ! Ich will noch sterben , aber für dich , nicht für ein Volk auf dem Schlachtfeld . Vergib das Gestern und beglücke das Heute . Ich habe meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben , um dir heute noch an das Herz zu stürzen und deinen Himmel auszuschöpfen und meinen zu füllen . Ich kann nicht warten , bis Julienne wiederkommt : mein Herz brennt nach dir . Morgen muß ich ohnehin im Prinzengarten sein , wo Roquairol einen Trauerspieler endlich gibt . Komme diesen Abend - ich flehe dich bei unserer Liebe an - um 8 Uhr entweder , wenn es hell ist , in die Tartarus-Höhle , deren Totengräber-Putz und Orkus-Ameublement dir gewiß nur lächerlich sein wird , oder , wenn es wolkig ist , in das Ende des Flötentals . Dein blindes Mädchen nimmst du nur mit . Du kennst ja das Spionenwesen , das gerade uns umstellt . Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir , sondern Schlags acht Uhr schleich ' ich durch das Elysium , um zu sehen , wo die Göttin steht , der Himmel , die Sonne , die Seligkeit , du . Dein Albano . « Wie durch einen Wetterstrahl des Himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu weicher seliger Glut ; denn sie glaubte der Handschrift , daß das Blatt von Albano sei - so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien - , ob es gleich von Roquairol geschrieben war . Lasset uns zurückgehen bis an die finstere Quelle des reißenden Höllenflusses , der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld und nach dem Himmel ausstreckt . Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbändigen Wünsche ziemlich glücklich und gut geblieben ; der Abendstern der Liebe , ob er wohl für ihn mehr ab- und zunahm , stand doch noch nicht unter dem Horizont , sondern nur unter Gewölke . Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war - und zwar , wie er sogleich erriet und früh erfuhr , nach Italien - : so bewegte sich ein neuer Sturm durch sein Leben , der ihm die letzten Blüten abriß und mit dem lange gelegenen Staub verfinsterte , weil er nun , wie er Albano selber vorausgesagt , das Netz zu diesem und der Gräfin im Strome heraufkommen sah , das beide eng gefangennahm . Das fressende Gift