der genialische Lieblingsdichter Platons vor mehr als vierzig Jahren in seiner eignen unübertrefflich possierlichen Manier , in ein paar Kampfhähne verkleidet , auf der Athenischen Schaubühne um den Vorzug hatte rechten lassen . Was für eine Rolle der philosophische Dichter dem Sophisten Thrasimachus und dem wackern Glaukon zu spielen gibt , haben wir gesehen : nun läßt er auch Glaukons jüngern Bruder Adimanthus das Wort nehmen , und in einer Rede , die an Geist und Zierlichkeit mit dem Discurs seines Bruders wetteifert , an Lebhaftigkeit und Wärme ihn noch übertrifft , den großen Schaden vorstellig machen , welchen Jünglinge edlerer Art nehmen müssen , indem sie sich an dem auffallenden Widerspruch stoßen , zwischen dem , was sie zu Hause aus dem Munde ihrer Väter hören , und dem was ihnen , sobald sie in die Welt treten , von allen Seiten entgegen schallt ; wenn sie hören : wie eben dieselben aus Eingebung der Musen singenden Dichter bald die große Liebe und Sorge der Götter für die Gerechten und das Glück , das sie ihnen in diesem und dem künftigen Leben bereiten , anrühmen ; bald wieder den Pfad der Tugend als höchst mühselig , steil und mit Dornen verwachsen , den Weg des Lasters hingegen als breit , bequem und anmuthig schildern ; itzt in den stärksten Ausdrücken und Bildern von dem Zorn der Götter über die Ungerechten und von den furchtbaren Strafen , die im Tartarus auf sie warten , reden ; ein andermal zum Trost aller Uebelthäter versichern , daß auch die Götter selbst sich wieder herumbringen lassen , und durch Spenden , Gelübde und Opferrauch bewogen werden können , den Sündern zu verzeihen . Alles was Plato seinen Bruder über diesen Gegenstand und die natürlichen Folgen der Eindrücke , die durch diese sich selbst widersprechenden , aber der Sinnlichkeit und den Leidenschaften schmeichelnden Vorspiegelungen auf lebhafte und nachdenkliche junge Gemüther gemacht werden , sagen läßt , kann schwerlich wahrer , stärker und schöner gesagt werden . Aber durch nichts wird mir Plato achtungswürdiger als durch die Freimüthigkeit , womit er den unendlichen Schaden rügt , den der Mißbrauch der herrschenden Volksreligion in den sittlichen Gefühlen und Urtheilen der Menschen anrichtet ; und gewiß ist noch nie etwas Treffenderes über diesen Punkt gesagt worden als die folgende Stelle aus dem Selbstgespräch , welches er einem solchen von Erziehern , Dichtern und vorgeblichen Philosophen irre gemachten Jüngling in den Mund legt . Nachdem nämlich dieser aus allem , was er beim Eintritt in die Welt sieht und hört , das Resultat gezogen , » daß es zum glücklichen Leben nicht nur hinreiche , sondern sogar nöthig sey , sich mit der bloßen Larve der Rechtschaffenheit zu behelfen , um unter ihrem Schutz des Vortheils , ungestraft sündigen zu können , in vollem Maße zu genießen ; « macht er sich selbst den Einwurf : » wenn es einem nun aber auch gelänge , die Menschen theils durch List und Ueberredung theils mit Gewalt dahin zu bringen , daß sie ihm erlauben müßten sich alles herauszunehmen was ihm beliebte , so wären dann doch noch die Götter da , gegen welche weder durch Betrug noch Gewalt etwas auszurichten sey . Wie aber ( antwortet er sich selbst ) wenn es , wie Einige behaupten , gar keine Götter gibt , oder wenn sie sich wenigstens , wie Andre versichern , um die menschlichen Dinge nichts bekümmern ? - so brauchen auch wir uns nicht zu kümmern ob sie uns sehen oder nicht . Gibt es Götter , und nehmen sie sich der menschlichen Dinge an , so haben wir doch alles , was wir von ihnen wissen , aus keiner andern Quelle als vom Hörensagen , und am Ende bloß von den Dichtern , die ihre Genealogien verfaßt haben . Nun sagen mir aber eben diese Dichter , daß man den Zorn der Götter durch demüthige Abbitten , Opfer und Weihgeschenke von sich ableiten könne . Ich muß ihnen also entweder beides glauben , oder weder dieß noch jenes . Glaube ich , nun wohlan ! so begeh ' ich ungescheut so viel Unrecht als ich kann , opfre den Göttern einen Theil dessen was ich dadurch gewinne , und alles ist gut . Wollt ' ich mich der Rechtschaffenheit befleißigen , so hätt ' ich zwar von den Göttern nichts zu fürchten , dafür aber entgingen mir auch die Vortheile , die ich aus der Ungerechtigkeit ziehen könnte ; da ich hingegen bei dieser immer gewinne , und alle Verbrechen , die ich um reich zu werden begehen muß , bei den Göttern durch Gebete und Opfer wieder gut machen kann . - Aber ( sagt man ) am Ende werden wir doch im Hades für alles was wir im Leben Böses begangen haben , entweder in unsrer eigenen Person oder in unsrer Nachkommenschaft bestraft . - Auch davor ist Rath ! Da kommen uns ja die Mysterien und feierlichen Reinigungen zu Statten , durch welche selbst die furchtbaren Götter der Unterwelt sich besänftigen lassen , wie mir ganze Städte , und die Dichter und Propheten unter den Göttersöhnen bezeugen . Was für einen Beweggrund könnt ' ich also haben , die Gerechtigkeit der größten Ungerechtigkeit vorzuziehen , da ich diese nur mit einem guten Aeußerlichen zu bedecken brauche , damit mir bei Göttern und Menschen im Leben und Sterben alles nach Wunsch von Statten gehe , wie ich so viele und große Männer behaupten höre ? « Der junge Adimanth , der diese schöne Gelegenheit , ein Probestück seiner Wohlredenheit abzulegen , möglichst benutzen zu wollen scheint , fährt fort die Sache auf alle Seiten zu wenden , und findet ganz natürlich , der erste Grund des Uebels liege darin : daß von den uralten heroischen Zeiten an bis auf diesen Tag niemand die Gerechtigkeit anders angepriesen oder die Ungerechtigkeit anders gescholten habe , als in Rücksicht auf die Ehre und die Belohnungen , welche jener , oder die Strafen , welche dieser nachfolgten . Was aber die eine und die andere an sich selbst sey , was sie folglich ihrem Wesen nach in der Seele des Gerechten oder Ungerechten wirke , wenn sie auch Göttern und Menschen verborgen blieben , nämlich , daß die Ungerechtigkeit das größte aller Uebel womit eine Seele behaftet seyn kann , die Gerechtigkeit hingegen ihr größtes Gut sey , - dieß habe noch niemand weder in Versen noch in gemeiner Rede hinlänglich dargethan und ausgeführt . Er vereinigt sich also mit seinem Bruder Glaukon , aufs ernstlichste und mit Beweggründen , denen kein aufrichtiger Anhänger der Gerechtigkeit , und Sokrates am allerwenigsten , widerstehen konnte , in den letztern einzudringen , daß er sich nicht weigern möchte , einem so wichtigen Mangel abzuhelfen ; und Sokrates , nachdem er sich eine Weile gesträubt und mit seinem Unvermögen , den von Glaukon so scheinbar behaupteten Vorzug der Ungerechtigkeit siegreich zu widerlegen , entschuldigt hat , wird endlich , von den vereinigten Bitten aller Anwesenden überwältigt , daß er wenigstens sein Möglichstes zu thun verspricht , der guten Sache zu Hülfe zu kommen und ihrem Verlangen Genüge zu leisten . Daß Plato die Gelegenheit , die er selbst durch die in den Mund seiner Brüder gelegten schönen Reden herbeigeführt hatte , dazu benutzt , seiner Familie , und namentlich seinem Vater Ariston und seinen ältern Brüdern Glaukon und Adimanthus aus dem Munde eines Sokrates , zwar mit wenigen aber desto gehaltreichern Worten , ein Denkmal zu errichten , welches wahrscheinlich , durch das Werk , worin es wie eine glänzende Spitze hervorragt , von ewiger Dauer seyn wird , wollen wir ihm auf keine Weise verdenken . Wenn das , was ihn dazu bewog , eine Schwachheit ist , so ist es wenigstens eine sehr menschliche , die ihm um so mehr zu gut zu halten ist , da er ( wie ich kaum zweifle ) durch einen Abschnitt in Xenophons Denkwürdigkeiten14 , worin Glaukon eine sehr armselige Figur macht , bewogen worden seyn mag , diesen seinen Bruder der Nachwelt in einem vortheilhaftern Lichte zu zeigen , und den Verdacht eines einbildischen , leeren , unwissenden Windbeutels und Schwätzers durch die That selbst von ihm abzuwälzen . Bevor ich weiter gehe , Eurybates , wirst du mir wohl erlauben , dir , statt eines kleinen Zwischenspiels , meine eigenen Gedanken über die Frage , zu deren Beantwortung Platons Sokrates so weit aushohlt , in möglichster Kürze vorzulegen . Glaukon behauptete im Namen der Lobredner der Ungerechtigkeit : Unrecht thun sey an sich etwas Gutes , Unrecht leiden hingegen an sich ein Uebel . Ich habe schon bemerkt , daß ihm das doppelsinnige Wort adikein hier so viel als beleidigen heißen muß . Die Rede ist von Menschen , und zwar nicht von diesen oder jenen einzelnen , sondern von der ganzen Gattung . Was versteht er aber unter beleidigen ? Ich weiß keine Formel , welche mir bequemer schiene alle Beleidigungen , die der Stärkere dem Schwächern zufügen kann , zusammen zu fassen als diese : andere zu bloß leidenden Werkzeugen unserer Bedürfnisse und Lüste machen , und zu Befriedigung unserer Leidenschaften und Launen uns alles über sie erlauben , wozu uns unsre Ueberlegenheit das Vermögen gibt . Wenn dieß seiner Natur nach gut ist ; so muß es allen Menschen , überall und zu allen Zeiten gut seyn . Einander gegenseitig , eigenen Vortheils oder anderer Befriedigungen wegen , alle mögliche Beleidigungen zuzufügen gehört folglich wesentlich zur Natur des Menschen , oder mit andern Worten : es ist das , wodurch der Mensch den Forderungen der Natur und dem Zweck seines Daseyns ein Genüge thut . Sein natürlicher Zustand ist , ein geborner Feind aller andern Menschen zu seyn und unaufhörlich an der Beschädigung , Unterdrückung und Zerstörung seiner eigenen Gattung zu arbeiten . Indem nun jeder Mensch von seiner Natur getrieben wird , allen andern zu schaden , beleidigt er sie zwar dadurch , aber er thut ihnen kein Unrecht ; im Gegentheil , da alles der Natur Gemäße insofern recht ist , so ist es recht und völlig in der Ordnung , daß jeder allen andern so viel Uebels zufüge als er kann , und dafür von allen andern so viel leide , als er zu leiden fähig ist . Wölfe , Tiger , Hyänen und Drachen wären also in Vergleichung mit dem Menschen sehr holde und gutartige Wesen ; der letztere hingegen wäre das unnatürlichste aller Ungeheuer , die der Tartarus ausgespien hätte . - Welcher Unsinn ? und doch ist es nichts , als was herauskommt , wenn wir annehmen , Unrecht thun , oder beleidigen sey an sich , oder seiner Natur nach etwas Gutes . Bedarf es einer andern Widerlegung einer so wahnsinnigen Behauptung - als sie auszusprechen ? Demungeachtet ist und bleibt es Thatsache , daß der rohe Stand der natürlichen Gleichheit für die Menschen , die sich darin befinden , eine Art von Kriegsstand Aller gegen Alle ist ; nicht , als ob die Menschen , ohne einen Grad von Ausartung , der sie tief unter die wildesten Thiere erniedrigen würde , jemals das Gefühl , daß es unnatürlich , folglich unrecht sey einander zu beleidigen , verlieren könnten ; sondern weil die sinnlichen Triebe und Leidenschaften , wodurch sie zu Beleidigungen hingerissen werden , im Augenblick der aufbrausenden Leidenschaft oder eines unwiderstehlich dringenden Bedürfnisses stärker sind als jenes Gefühl , welches im Grunde nichts als die Stimme der Vernunft selbst zu seyn scheint . Aus dieser Thatsache folget nun freilich , daß die Menschen sich durch eine gebieterische Nothwendigkeit gedrungen finden , in gesellschaftliche Verbindungen zu treten , und sich Gesetzen zu unterwerfen , die ihrer aller Erhaltung und Sicherheit beabsichtigen , und insofern ihrer aller gemeinsamer Wille sind ; aber diese Verbindungen , diese Gesetze sind nicht die Quellen , sondern Resultate des allen Menschen natürlichen Gefühls von Recht und Unrecht , welches einem jeden sagt , daß alles was nur Einem und allenfalls seinen Mitgenossen und Spießgesellen nützt und allen übrigen schadet , unrecht sey . Es ist also Unsinn , zu sagen : die Menschen machten sich durch den gesellschaftlichen Verein nur insofern zu Beobachtung der Gesetze anheischig , als sie solche nicht ungestraft übertreten könnten ; auch bedürfen wir keiner solchen , die allgemeine Vernunft in Widerspruch mit sich selbst setzenden Hypothese , um zu begreifen , wie es zugeht , daß in jedem Staat nicht wenige , und in einem sehr verdorbenen die meisten , in der That so handeln , als ob sie sich die Freiheit zu sündigen , sobald sie keine Strafe befürchten , ausdrücklich oder stillschweigend vorbehalten hätten . Wenn ich nicht sehr irre , so hätte sich also der Platonische Sokrates die Mühe , mehr als zwölf Stunden lang in Einem Zug fort zu reden , ersparen können , wenn er , anstatt die Auflösung der Frage aus dem Lande der Ideen herabzuholen , es nicht unter seiner Würde gehalten hätte , sich an derjenigen genügen zu lassen , die vor seinen Füßen lag . Weder unsre fünf Sinne noch unser Verstand reichen bis zu dem , was an sich selbst ein Gut oder ein Uebel ist : was mir und meiner Gattung zuträglich ist , nenne ich gut ; das Gegentheil böse . Die Natur selbst nöthigt mich , in jedem Menschen ein Wesen meiner Gattung zu erkennen . Wenn Unrecht leiden , d.i. im freien Gebrauch meiner Kräfte zu meiner Erhaltung und zu Beförderung meines Wohlstandes gewaltsam gehindert zu werden , für mich ein Uebel ist , so ist eben dasselbe auch ein Uebel für jeden andern Menschen . Also eines von beiden : entweder der Mensch ist das einzige Ungeheuer in der Welt , dessen natürliches Bestreben unaufhörlich dahin geht , seine eigene Gattung zu zerstören : oder jede Beleidigung eines Menschen ist ein Uebel für das ganze Menschengeschlecht , und also auch ( ungeachtet des augenblicklichen Vortheils , den der Beleidiger daraus ziehen mag ) ein wahres Uebel für diesen selbst , indem er dadurch alle anderen Menschen reizt und berechtigt , sich auch gegen ihn herauszunehmen , was er sich gegen einen von ihnen erlaubte und gegen jeden andern , sobald er Gelegenheit und Vermögen dazu hat , sich zu erlauben bereit ist . Alle Menschen haben , als Menschen , gleiche Ansprüche an den Gebrauch ihrer Kräfte , und an die Mittel , welche die Natur , der Zufall und ihr eigener Kunstfleiß ihnen zu ihrer Erhaltung und zu Beförderung ihres Wohlbefindens darreichen . Wer dieß anerkennt und diesem gemäß handelt , ist gerecht , ungerecht also , wer alles für sich allein haben will , und das Recht der übrigen nicht anerkennt , oder thätlich verletzt . Mich dünkt , zwei Sätze folgen nothwendig und unmittelbar aus dieser durch sich selbst klaren Wahrheit : erstens , daß jeder Mensch , der einen andern vorsetzlich beleidigt , sich eben dadurch für einen Feind aller übrigen erklärt ; zweitens , daß sobald mehrere Menschen neben einander leben , zu eines jeden Sicherheit entweder ein stillschweigend zugestandener oder ausdrücklich unter ihnen geschlossener Vertrag vorwaltet , » jedem auf das , was er sich ohne Beraubung eines andern erworben hat , ein unverletzliches Eigenthumsrecht zuzugestehen . « In dieser Rücksicht kann also mit vollkommenem Grunde gesagt werden : Jedem das Seinige - nicht zu geben ( denn er hat es schon ) , sondern zu lassen und im Fall , daß es ihm mit Gewalt genommen worden , ihm entweder zur Wiedererlangung des Geraubten oder zu einer angemess ' nen Entschädigung zu verhelfen , werde von allen Menschen auf dem ganzen Erdboden Gerechtigkeit genennt , oder , falls sie noch keine Worte zu Bezeichnung allgemeiner Vernunftbegriffe hätten , als Gerechtigkeit gefühlt und anerkannt . Mit dieser kurzen Beantwortung der von Sokrates aufgeworfenen Frage könnten wir , dünkt mich , allen Sophisten und Rechtsverdrehern in der Welt die Stirne bieten ; auch würde Plato selbst Mühe gehabt haben , die Untersuchung und Festsetzung dessen , was Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit ist , über den gewöhnlichen Umfang seiner Dialogen auszudehnen , wenn er sich innerhalb der Gränzen des gemeinen , dem Sprachgebrauch gemäßen Sinnes der Worte hätte halten wollen . Da er aber diesem unvermerkt einen andern höhern und mehr umfassenden unterschob , indem er den gewöhnlichen Begriff der Gerechtigkeit ( ohne uns jedoch davon zu benachrichtigen ) mit seiner Idee von der höchsten geistigen und sittlichen Vollkommenheit , welche , seiner Meinung nach , der menschlichen Natur erreichbar ist , bald vermengt bald verwechselt : öffnete sich seiner dichterischen Phantasie ein unabsehbares Feld , wo sie sich nach Gefallen erlustigen konnte , und Stoff genug fand , einen Kreis von gefälligen Zuhörern eben so gut zehn Tage lang zu unterhalten als einen . Indessen sehe ich nicht warum wir ihm auch diese Freiheit nicht zugestehen sollten . Jeder Schriftsteller hat unstreitig das Recht , sich seinen Stoff nach Belieben zu wählen , und ihn zu bearbeiten , wie es ihm gut dünkt ; und wenn er nur , wie Plato , dafür gesorgt hat , uns , sobald wir zu gähnen anfangen , durch wohl angebrachte Reizmittel wieder zur Aufmerksamkeit zu nöthigen , so wär ' es unbillig und undankbar , wenn wir uns beklagen wollten , daß er uns weit mehr vorsetzt als nöthig , oder selbst für eine reichliche Befriedigung unsres Bedürfnisses genug gewesen wäre . Hätte er sich auf das reichlich Genugsame einschränken wollen , so stand es nur bei ihm , die Aufgabe , so wie er sie gestellt hatte , geradezu zu fassen ; und da es ihm , kraft seiner philosophischen Machtgewalt , beliebt hatte , den gemeinen und zum Gebrauch im Leben völlig zureichenden Begriff der Gerechtigkeit zu verlassen , und die Idee der höchsten Richtigkeit und Vollkommenheit der menschlichen Natur an seine Stelle zu setzen , so bedurfte es , meines Bedünkens , keiner so weitläufigen und künstlichen Vorrichtung , um ausfindig zu machen , worin diese Vollkommenheit bestehe . Es gehörte wirklich eine ganz eigene Liebhaberei » Knoten in Binsen zu suchen « 15 dazu , die Sache so außerordentlich schwer zu finden , und selbst ohne alle Noth einen Knoten nach dem andern in die Binsen zu knüpfen , bloß um das Vergnügen zu haben sie wieder aufzulösen . Ich zweifle sehr , daß ihm hier die Ausrede zu Statten kommen könne , er lasse seinen Sokrates sich nur darum so stellen , als ob er selbst noch nicht wisse , wie er die vorgelegte Aufgabe werde auflösen können , - um die Täuschung der Leser , als ob sie hier den berüchtigten Eiron wirklich reden hörten , desto vollkommner zu machen . Man könnte dieß allenfalls für eine Rechtfertigung gelten lassen , wenn die Rede , anstatt von einem Gegenstande , womit sich Sokrates so viele Jahre lang tagtäglich beschäftigte , von irgend einer räthselhaften spitzfindigen Frage gewesen wäre ; oder auch , wenn er es , anstatt mit so verständigen , gebildeten und lehrbegierigen jungen Männern , wie Glaukon und Adimanthus sich gezeigt haben , mit unwissenden Knaben oder naseweisen Gecken zu thun gehabt hätte . Man könnte zwar einwenden , daß diese Gebrüder in dem größten Theil unsers Dialogs fast immer die Rolle unwissender Schulknaben spielen , und daß Sokrates häufig Fragen an sie thut , durch welche ein Knabe von zwölf Jahren sich beleidigt finden könnte : aber wenn Plato dieß wirklich in der Absicht that , die langweilige Art , wie Sokrates ihren Ideen zur Geburt hilft , zu rechtfertigen , so hätte er nicht vergessen sollen , daß er sie kurz vorher wie verständige und scharfsinnige Männer reden ließ . - Doch sein Sokrates ist nun einmal in der Laune seinen Spaß mit uns zu haben , und wir müssen uns schon gefallen lassen , in einer weitkreisenden Schneckenlinie endlich auf den nämlichen Punkt mit ihm zu kommen , zu welchem er uns auf einer ziemlich geraden mit wenig Schritten hätte führen können . Sehen wir also ( wofern du nichts Besser ' s zu thun hast ) wie er es anfängt , seinen erwartungsvollen , mit gespitzten Ohren und offnen Schnäbeln seine Worte aufhaschenden Zuhörern zum ächten Begriff der Gerechtigkeit zu verhelfen . Da die Sache so große Schwierigkeiten hat , und wir uns nicht anders zu helfen wissen ( sagt er , die Rede an Adimanthen richtend ) , so wollen wir ' s machen , wie Leute von kurzem Gesicht , die eine sehr klein geschriebene Schrift von ferne lesen sollten , es machen würden , wenn einer von ihnen sich besänne , daß eben diese Schrift irgendwo an einem erhabnern Orte in größern Buchstaben zu lesen sey . Diese Leute würden , denke ich , nicht ermangeln die letztere zuerst zu lesen , um durch Vergleichung der größern Buchstaben mit den kleinern zu sehen , ob nicht etwa beide eben dasselbe sagten . Ohne Zweifel , versetzt Adimanth ; aber wie paßt dieß auf unsre vorhabende Untersuchung ? Das will ich dir sagen , erwiedert Sokrates . Ist die Gerechtigkeit bloß Sache eines einzigen Menschen , oder nicht auch eines ganzen Staats ? Adimanth hält das letztere für etwas Ausgemachtes , wiewohl ich nicht sehe warum , da das , was die Gerechtigkeit sey , als etwas noch Unbekanntes erst gesucht werden soll . Aber , daß Glaukon und Adimanth zweifelhafte und ohne Beweis nicht zuzugebende , ja wohl gar ganz unverständliche Sätze , der Bequemlichkeit des Gesprächs wegen bejahen , oder wenigstens gelten lassen , begegnet im Verfolg der ganzen Unterhaltung noch so oft , daß wir uns bei dieser Kleinigkeit nicht aufhalten wollen . - Aber ist ein Staat nicht größer als ein einzelner Mann ? fragt Sokrates . Größer , antwortet der Knabe , voller Freude vermuthlich , daß er hoffen kann es getroffen zu haben . Wahrscheinlich wird also ( fährt der Schulmeister fort ) auch die Gerechtigkeit im Größern besser in die Augen fallen und leichter zu erkennen seyn . Gefällt es euch , so forschen wir also zuerst , was sie in ganzen Staaten ist , und suchen dann , indem wir in der Idee des Kleinern die Aehnlichkeit mit dem Größern bemerken , herauszubringen , was sie in dem einzelnen Menschen ist . - Wohl gesprochen , sollt ' ich meinen , sagt Adimanth . - » Nun däucht mich , wenn wir in Gedanken ein Gemeinwesen vor unsern Augen entstehen ließen , würden wir auch sehen , wie Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in ihm entstehen . « - Könnte wohl seyn , versetzt jener . » Und wenn das wäre , sollte nicht Hoffnung seyn , desto leichter zu finden was wir suchen ? « - Viel leichter . - » Mich däucht also wir thäten wohl , wenn wir ohne weiters Hand anlegten ; denn es ist , meines Erachtens , kein kleines Werk . Bedenkt euch also ! « - Da ist nichts weiter zu bedenken , sagt Adimanth , des langen Zauderns , wie es scheint , überdrüssig ; thu nur das Deinige dabei ! Und so stehen wir denn vor dem Thor dieser Republik , die uns Plato , ihr Stifter und Gesetzgeber , durch den Mund seines immer währenden Stellvertreters für das Ideal eines vollkommenen Staats ausgibt , an dessen Realisirung er selbst verzweifelt ; deren Erbauung und Einrichtung ihn in einem großen Theil dieses Werks ernstlich beschäftigt , und die er gleichwohl weder um ihrer selbst willen , noch in der Absicht daß sie irgend einem von Menschenhänden errichteten Staate zum Muster dienen sollte , sondern ( wie er sagt ) bloß deßwegen mit so vieler Mühe aufgestellt hat , um seinen Zuhörern an ihr zu dem einzig wahren Begriff von dem , was Gerechtigkeit in der menschlichen Seele ist , zu verhelfen . Eine Einwendung , die sich beim ersten Anblick aufdringt und daher , in Cyrene wenigstens , am häufigsten gehört wird , ist : es sey unbegreiflich , wie Plato nicht gesehen habe , daß , wofern zuvor aufs Reine gebracht wäre , was die Gerechtigkeit bei einem einzelnen Menschen sey , die Frage , was sie in einem ganzen Staat sey ? sich dann von selbst beantwortet hätte : da hingegen diese letzte Frage nicht ausgemacht werden könne , ohne den Begriff der Gerechtigkeit schon vorauszusetzen ; denn der Staat bestehe aus einzelnen Menschen , und nur insofern als diese gerecht seyen , finde Gerechtigkeit in jenem statt . - Es wäre in der That unbegreiflich , wenn ein so scharfsichtiger Mann wie Plato diesen Einwurf nicht vorausgesehen hätte . Er kann ihm aber nur von solchen gemacht werden , die mit den Mysterien seiner Philosophie gänzlich unbekannt sind . Plato setzt bei allen seinen Erklärungen , wovon auch immer die Rede seyn mag , eine Art dunkler aber wahrer Vorstellungen voraus , abgebleichte , durch den Schmutz der Sinnlichkeit und den Rost der Gewohnheit , womit sie bedeckt sind , unkenntlich gewordene Schattenbilder der ewigen Ideen alles dessen was ist , dumpfe Erinnerungen , welche unsre Seele aus einem vorhergehenden Zustand in dieses Leben mitgebracht , die sich zu deutlichen Begriffen des Wahren eben so verhalten wie Ahnungen zu dem was uns künftig als etwas Wirkliches erscheinen wird , und in deren Anfrischung und Reinigung aller Unterricht besteht , womit die Philosophie unsrer Unwissenheit und Afterwissenschaft zu Hülfe kommen kann . Dieses aus der Welt der Ideen mitgebrachte dunkle Bild der wesentlichen Gerechtigkeit in seinen Zuhörern aufzuklären , ist itzt das Geschäft des platonisirenden Sokrates . Sie besteht , nach ihm , in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft . Um dieß seinen Hörern anschaulich zu machen , war es allerdings der leichtere Weg , zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn müsse ; und erst dann , durch die entdeckte Aehnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohl geordneten Gemeinwesens , die wahre Auflösung des Problems , welche Glaukon und Adimanth im Namen der übrigen Anwesenden von Sokrates erwarteten , ausfindig zu machen . Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in größern Charakteren in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt ; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt , ist das Innere dessen was er seine Seele nennt . Nachdem wir diesen Einwurf auf die Seite gebracht haben , lass ' uns sehen wie Plato mit Einrichtung seiner Republik zu Werke geht . Es ist wirklich eine Lust zuzuschauen , wie sie aus dem gesellschaftlichen Verein von vier Handarbeitern , einem Feldbauer , Zimmermann , Weber und Schuster , gleich einer himmelan steigenden Ceder aus einem kleinen Samenkorn , zu einer mächtigen , glücklichen und in ihrer Art einzigen Republik emporwächs ' t. Daß es sehr schnell damit zugeht , ist Natur der Sache ; und mancher Leser mag sich wohl kaum enthalten können zu wünschen , daß die Sokratische Manier einen noch schnellern Gang erlaubt hätte , und daß wir nicht alle Augenblicke durch die Frage : oder ist ' s nicht so ? aufgehalten würden , wobei die beiden Gebrüder mit ihrem ewigen : ja wohl ! eine ziemlich betrübte Figur zu machen genöthig sind . Das Einzige was wir dem wackern Glaukon zu danken haben , ist , daß wir in der neuen Republik etwas besser gehalten und beköstiget werden als Sokrates es anfangs gesonnen war . Denn , wie er selbst ziemlich leicht bekleidet zu seyn und schlecht zu essen gewohnt war , so sollten auch seine neuen Ansiedler im Sommer meistens nackt gehen , Kleider und Schuhe nur im Winter tragen , von Gerstengraupen , Mehlbrei und Kuchen leben , und auf Binsenmatten , mit Windekraut und Myrtenzweigen bestreut , in geselliger Fröhlichkeit Mahlzeit halten . Aber auf Glaukons Vorstellung , daß sie doch auch einige Gemüse und Zulagen zu dieser gar zu magern Kost haben sollten , läßt er sich gefallen , ihnen noch Salz , Oliven , Käse , Zwiebeln und Gartenkräuter , auch statt des Nachtisches Feigen , Erbsen , Saubohnen , Myrtenbeeren und geröstete Bucheckern zu bewilligen . Bei den Bucheckern scheint dem ehrlichen Glaukon die Geduld auszugehen ; er wird für einen wohlerzogenen Athenischen Patricier ein wenig grob , und fragt den Sokrates : wenn er eine Republik von Schweinen zu stiften hätte , womit er sie anders füttern wollte ? - Was wäre denn zu thun , Glaukon , erwiedert dieser mit seiner gewohnten Kaltblütigkeit . - Ei was bei allen rechtlichen Leuten der Gebrauch ist , antwortet jener : lass ' sie , anstatt so armselig zu leben , fein ordentlich auf Polstern um Tische herumliegen , und gib ihnen zu essen wie man heutzutage zu speisen pflegt . Ah , nun versteh ' ich dich , sagt Sokrates ; meine Stadt , worin alles nur für die wirklichen Bedürfnisse ihrer Bürger berechnet ist , scheint dir zu dürftig ; du willst eine , wo es recht üppig zugeht . Sey es darum ! Wiewohl jene die wahre und gesunde ist , so hindert uns doch nichts , wenn ihr wollt , auch eine kranke , von überflüssigen und verdorbenen Säften aufgedunsene Stadt etwas näher zu besehen . Er läßt sich nun in eine umständliche Aufzählung aller der unnöthigen und bloß der Eitelkeit und Wollust dienstbaren Personen und Sachen , Künste und Lebensarten ein , welche die Ueppigkeit , wofern ihr der Zugang in die neue Stadt einmal geöffnet wäre , den Einwohnern in kurzem unentbehrlich machen würde ; und wir andern Liebhaber der nachahmenden und bildenden Künste können uns nicht enthalten , ein wenig schel dazu zu sehen , daß er bei dieser Gelegenheit auch von den Malern und Bildnern , Tonkünstlern und Dichtern , mit ihren Dienern , den Rhapsoden , Schauspielern und Tänzern , als von Leuten spricht , die in seiner gesunden Stadt nichts zu schaffen hätten , und die er ohne Bedenken mit den Putzmacherinnen und