Psyche , indem sie auf dem Wege der Phantasie zu Ruhmsucht , Eitelkeit , Herrschsucht und Sinnlichkeit verführt . Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern . Wer Gram und Zorn und Haß im Herzen hat , etwas hat er dann doch hinabzuspülen . Er taucht in Lethes Fluth ein volles Blatt , ein vollgeschriebenes Blatt - o er ist zu beneiden . Doch dies Gefühl des Erfrorenseins , des Abgestorbenseins , erfüllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten . Und als müsse er von der Muse einen ihrer würdigen Abschied in Versen nehmen , quälte er seine ganze Lebenserkenntniß in folgende Reim-Prosa hinein : Glück , das ist Frieden , Frieden ist Ruhe , Ruhe ist Größe und Freiheit nur groß . Denke und fühle , schaffe und thue Friedlos und rastlos , im Sturmesgetos . Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele . Wer Ruhe aber suchet , den quält ein innrer Dorn . Bewegung lenkt das All , der Einzle auch sie wähle . In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born . Wenn für die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst , Dann naht der Vergangenheit dürres Gespenst . Oder mögliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst , Deren Leiden Dir sicher , deren Freuden Du nicht kennst . Du rechnest , ob nicht etwa der Wechsel oder jener Zu Deinen Gunsten nahn wird , doch nur das Unheil naht . Wer frühres Glück betrachtet , zu übersehn nicht wähn ' er Manch unfruchtbaren Samen , manch Unkraut in der Saat . Wenn eine von der andern auch verschlungen werde , Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit . Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit . Er überlas das Geschriebene . Dann lächelte er verächtlich und zerriß das Papier . Er ein Dichter ? Ein tieffühlender und tiefdenkender Mensch war er , aber blieb ewig Didaktiker oder Theatraliker . Was verlor die Welt an seinem Dichterthum ? Das konnte höchstens dazu dienen , größere Talente in bedrückten bürgerlichen Verhältnissen durch seine gräfliche Concurrenz zu schädigen . Und hätte er noch geschwankt , ob er definitiv abdanken solle , dann hätte die Lectüre des Leonhartschen » Tagebuchs « ihn endgültig bestimmt , das jetzt auf seine telegraphische Bestellung umgehend eintraf , » soeben erschienen « . IV. Als Motto standen auf der Titelseite aus Händel-Miltons Oratorium » Samson Agonistes « die Verse : » Laß mich mit Thränen mein Loos beklagen , Ketten zu tragen das ist mein Geschick . « Ja , wahrlich , hier tobte ein geschorener geblendeter Simson in seinen Ketten - er , der so oft mit einem Eselskinnbacken die Philister erschlug . Bei Lebzeiten des Dichters wäre eine Veröffentlichung dieses Tagebuchs ein unmögliches Vabanque-Spiel gewesen oder zum Staatsstreich geworden . Die unheimliche Menschenkenntniß , die hier intuitiv in allen Seelen las , ihr Schicksal mit einem Blick vor-und rückwärts erkundend , paarte sich einem unerbittlichen Zuhausesein im eignen zerwühlten Herzen . Dies schien ihm der Spiegel geworden , durch den er die Herzen der Andern sah . Man blickte gleichsam über den Schreibtisch des Dichters , wie er verzweifelt nach Vollendung rang . Man sah ihn als halbflüggen Jüngling seinen unreifen Weltschmerz und seine unglückliche Liebe in wilden Liedern ausgrollen , aber nicht in rethorischer Formvirtuosität , nichtselnd , sondern an großen Stoffen sich die Zähne ausbeißend . Langsam und stetig gewann er Herrschaft über die Form , allerdings eine neue Form , von welcher der akademische Jargon der Poesie-Eunuchen und Hermaphroditen noch nichts ahnte . Mit durstigen Sinnen schaute er sein handlungbewegtes Leben an und angeschautes Leben trat in all seinen Schriften hervor . Ja , er eroberte sogar neue Stoffgebiete , welche der Poesie noch nie erschlossen waren . Unaufhaltsam rollte der Wagen dieses geistigen Imperators die Via Triumphalis hinan . Dabei blieb er kameradschaftlich jovial , trotzdem das volle Bewußtsein seines Werthes ihn aufrecht erhielt im Sumpf der litterarischen Bohème . Aber grade in Folge seiner Bonhomie kam eine Vertraulichkeit seiner Schützlinge zum Vorschein , die dem verwöhnten und stolzen Manne nicht behagen konnte . Wunderknaben , die er gegen alle Welt geschirmt , vermaßen sich ihn zu fragen , wie einst der Dichterling Polidori seinen Gönner Byron : was er denn eigentlich mehr leiste als sie . Wer in seinem Schatten vegetirte , nahm später einen lehrhaften Ton gegen den allzu Gutmüthigen an . Wenn dann dem Ewigkeitsmenschen endlich die Geduld riß , rannten sie wie toll umher und klatschten Schauderdinge von seinem Hochmuth , während es gerade als sein Fehler erschien , daß er sich würdelos wegwarf . Im tiefsten Innern bescheiden allem Großen gegenüber , hingebend und übertrieben wohlwollend gegen alles leidlich Bedeutende , zweifelte er stets an seiner Unfehlbarkeit , unbeirrt durch das Hosianna seiner Bewunderer wie das Gekläff seiner Neider . War er nur der Christoph Marlowe eines neuen Shakespeare ? War er der Riese Christoph , der das Jesuskind über die wilden Wasser trägt ? Oder war er selbst dieser Messias der Poesie ? Er wußte es nicht . Auch grübelte er nie darüber und fühlte sich stets bereit , das Knie zu beugen vor dem Dichter der Zeit , der da kommen sollte , wie die Zeichen künden . Fern dem neidischen Größenwahn wie der falschen Demuth , wie es der wahren Größe geziemt , brandmarkte er nur den Wahn der Windmacher . Denn in diesen prahlenden neidgrünen Schwächlingen erkannte er grade die echten Kinder unsrer reklamesüchtigen Aera , ob sie auch selbst über ihr Jahrhundert errötheten , wie ihr Jahrhundert über sie . All diesen Statisten , die statt » die Pferde sind gesattelt « sich selbst als Heldenspieler meldeten fürs erste Rollenfach , ertheilte er oft den wohlverdienten Fußtritt seines vernichtenden Sarkasmus . Selten war die Lächerlichkeit , welche unbewußt aller Lüge und Gemeinheit anhaftet , mit so sicherer kühner Hand in derben Strichen conterfeit . Wie der Ritter mit der eisernen Hand , knackte dieser ins Moralische übersetzte Pietro Aretino abschreckende Kopfnüsse hinter den feuchten Ohren seiner Verfolger und verpuffte sterbend all seinen Grimm , wie Götz in beherztem Aufatmen aus voller Brust : » Freiheit , Freiheit , himmlische Luft ! « Man sah Schritt für Schritt den Morast der litterarischen Misère über dem Haupt des Unglücklichen zusammenbrechen . Man sah seine Dramen vergeblich an die Pforte aller Theater klopfen , wie seinerzeit die Opern Wagners . Infamie und kein Ende . Da schimpfte die » vornehme « Kritik über Theaterleiter und Publikum , welche allein der Fluch Apolls ob dem Untergang des Dramas treffe . Und die Presse etwa nicht ? Man forscht umsonst begierig , was denn sie beitrage zur Förderung verkannter Dichter . Wer zu stolz ist und zu hoch steht , um jenen » vornehmen « Geistern schmeichelnd um den Bart zu gehn , wird von ihnen nach wie vor todtgeschwiegen . Man sah , wie der edle Dichter umsonst nach Jemandem suchte , der selbstlos für Andere eintrat . Nur Einer schien davon ausgenommen , der aber durfte mit Heine singen : » Schade , daß ich ihn nicht küssen kann , denn ich selbst bin dieser brave Mann . « Jenes Gewirr von platter Bosheit , bübischer Dummheit und neidzerfressenem Größenwahn , das sich » litterarisches Leben « nennt , wurde hier einmal erschöpfend blosgelegt . Jeden Augenblick hörte man den Dichter heimlich die ironische Liebesbotschaft nach allen Richtungen der Windrose versenden : » Ich weiß alles . « Das genügt . - Da schwatzte dies Völkchen von » Größenwahn « , wenn tiefbeleidigtes Gerechtigkeitsgefühl sich gegen schnöde Verkennung und den eiteln Wahn der Modefexen empörte . Hier mochten die Worte der Schrift gelten : Sie haben Ohren , um zu hören , und hören nicht ; sie haben Augen , um zu sehen , und sehen nicht . Wer als Einer unter Myriaden stets die Sache und nie die Person im Auge behält , muß der Selbstübervortheilte bleiben , auf dessen Kosten sich alle Ohrwürmer mästen . Darum bildet den rechten Grundstein einer geregelten litterarischen » Carriére « die einfache Nützlichkeitslehre der Bismarckschen Diplomatie : » Do ut des « . Um die wahre Bedeutung und derlei Allotria mag sich die Nachwelt kümmern . Nachruhm ! Leichen kann man nicht mehr füttern . Die gefährlichste und verletzbarste Eitelkeit stellt nicht das eigene Selbstgefühl dar , sondern die Eitelkeit für einen Anderen z.B. der Mutter für ihren Sohn . Der wahre Dichter aber fühlt für seine Dichtung wie für ein Kind , das er gebar . Während der Dichterling immer nur sich selbst persönlich getroffen fühlt , wenn man seine Dichterei heruntersetzt , kränkt den Dichter ein ganz unpersönlicher unselbstischer Schmerz , wenn er sein Dichtungskind , dies von ihm losgelöste selbständige Wesen , von der kalten böswilligen Welt verstoßen und besudelt sieht . An diesem Schmerz , der insofern komisch wirkt , als er sich Niemandem als unselbstisch begreiflich machen kann , ging der unglückliche Dichter langsam zu Grunde . Er faßte sich fortwährend gleichsam literarhistorisch auf und grübelte über seine Eigenart nach , als gelte es einen posthumen Essai für die Nachwelt zu schreiben . Andrerseits steigerte sich bei ihm die Unmöglichkeit , die tausend Theilsächelchen des Lebens zu berücksichtigen . Wie oft werfen nicht beschränkte mittelmäßige Köpfe einem Kraftgeiste , der , von rastlosem Thatendrang dämonisch fortgerissen , immer nur das Ganze , nie die Theile bedenkt , haltlose Unruhe , unzeitigen Starrsinn , Widersprüche vor , während nur ihre eigene Mittelmäßigkeit sie auf der gewohnten Bahn des ebenmäßigen Vorwärtstappens erhält ! Schritt für Schritt sah man die tückische Nervenkrankheit hier vorrücken , welche den Unglücklichen in seiner Verbitterungs-Manie dem Wahnsinn und dem Selbstmord entgegentrieb . Er suchte gleichsam alle Abgründe auf und secirte sich und seine Nebenmenschen bei lebendigem Leibe . Der letzte Theil des Tagebuchs , in dem Monat vor seinem Tode geschrieben , enthüllte dies so recht . Welch ein köstlicher Kerl ist doch College X. ! Der sagt von Jedem , sei er auch der erwiesenste Schuft : » Alles was recht ist ! Ein anständiger Mensch ! « Nur nie Farbe bekennen , nur leise treten , nur ja mit Jedem sich gut halten ! Alle sind sie Macher , alle . Sie theilen sich nur in geschickte Mach er und in ungeschickte . Da liegt der ganze Unterschied . Mit ironischem Lächeln gehe ich stets auf ihre eigene Weltanschauung ein und hebe meine Sprüche an : » Wir sind ja unter uns , mit Wasser kochen wir ja alle . « Und die Kerls merken nicht einmal , daß ich mich über sie lustig mache . Das sind noch die Ehrlichen . Nur wenn Einer von seinen » idealen Zielen « zu schwindeln anfängt , dann mache ich mich schleunig aus dem Staube oder halte meine Taschen zu . Gott , wie sie doch alle das Selbstbelügen verstehn ! Und ich armer Hülfloser , der ich nie meine Gesinnung verstecken kann , nicht mal vor mir selber ! Ich freue mich immer , wenn ich mit Offizieren zusammentreffen . Hier herrscht wenigstens Disciplin , Unterordnung unter den höheren Rang , Aufgehen in das Ganze . Hier steckt eine greifbare Realität . Diese Kunst-Proletarier und Geist-Handwerker sind hohle Schemen , Blasebälge , Etiketten von leeren Flaschen . Diese Kerle würden ihren Vater todtschlagen und ihre Mutter verkaufen , wenn sie ihren nimmersatten Ehrgeiz damit stopfen könnten . Sie leiden an einer Art Auszehrung selbstverzehrenden Größenwahns . Sie zehren gleichsam von ihrem lieben Ich und nagen sich selbst das geistige Fleisch von den Knochen . Redet man von Dingen , die grade nicht ihr persönliches Interesse tangiren , so gerathen sie in Geistesabwesenheit und pfeifen » Ach du lieber Augustin , alles ist weg . « Ein ewiges Fieber wahnsinniger Vordrängungs-Gier jagt sie hin und her . Diese Umwechsler geistiger Münzen spekuliren andauernd nach dem Courszettel der Erfolgbörse auf Hausse und Baisse . Viele dieser literarischen oder künstlerischen Börsianer müßten lebenslänglich Zuchthaus erhalten wegen geistiger Urkundenfälschung und wegen falschem Zeugniß , als besoldete Denuncianten und Meineidbeschwörer des kritischen Areopags , sei es nun als Alexandrinische Kunstgelehrte und Kultusministerialräthe oder als » Knüngel « -Verschwörer der akademischen Strebercliquen untereinander oder als » vornehme « Preßbanditen und Fälscher der öffentlichen Meinung oder als Hoftheaterintendanten-Excellenzen und Nicht-Excellenzen , und was des Gesindels mehr ist . Aus ihrem Munde geht nichts als Lüge , wie jedes Wort aus des persischen Satans Eblis Rachen sich zu Pesthauch verwandelte . Phrasen , nichts als Phrasen . Humbug und kein Ende . Und ich selber ? Bin ich denn besser ? Ich Memme , der ich mich mit ihnen an einen Tisch setze , weil sie dann wenigstens nicht klatschen und schimpfen können , und mich dann regelmäßig ärgere über den vergeudeten Abend ? Ja , ich selber tauge den Teufel nichts . O dürft ' ich rufen mit Coriolan , ein Selbstverbannter : » Ihr Hundeseelen , deren Hauch ich hasse Wie unbegrabener Männer todtes Aas , Das mir die Luft verseucht - ich banne euch . « O dürft ' ich fliehen von den Ufern dieser Pauke , welche ein ewiger Regen in zahllose schmutzige Wasserringe zerschneidet , aus Gestade der Brenta ! O dürfte , Tauben von San Marko , sich aufschwingen in eure Reihen meiner Seele fromme Taube und mit euch kosen in heiterm Spiele auf der Vorzeit Grabdenkmal , ihr Tauben von San Marko ! - O Vorzeit , o vielverkanntes Mittelalter , das der jüdische Aufkläricht uns wegsudeln möchte ! Ihr hattet kleine Mittel und große Ziele , wir haben große Mittel und kleine Ziele , Mittel schaffen noch keinen Zweck , aber der Zweck schafft sich selber Mittel . Denkt man nur an die Kreuzzüge , wie ärmlich erscheinen alle heutigen Unternehmungen ! O Nibelungendichter , großer Unbekannter , der im Mysterium weltentäußernden Schweigens vornehm dem Erdkreis entschwand ! Oft träumte ich Dich als Genossen Walters von der Vogelweide , in Palästina dem Hohenstanfischen Kaiserzuge folgend . Rosen und Trauben wogen im Libanonthal wie ein Meer rothen Weines ineinander , verschwimmend in Farbenwellen . Doch die Wolke Sodoms durchfließt noch immer unheimlich die Luft , wo das Todte Meer faul wie ein Alligator seine bleiernen Fluthen sonnt mit glasig stierem Auge , das in sich selber zurückschreckt . Und des Himmels brennendes Auge löst nie in Thränen sein starres Lid . Wie ein bleicher Symar , ein Leichenhemd von gramverwesten Völkerleichen , dehnt sich die Wüstenei , am Morgem vom » Blutregen « bethaut , der nächtlich herniedertrieft . Und wie die rothen Kreuze , die der Aberglaube in den Infusorien dieses Blutregens sah , bedecken in Morgendämmerung Rothkreuze das Blachfeld , wo die rothbekreuzten Templer auf dem Kriegspfad vorüberschleichen . Und der wilde Schwan , deß wir inne geworden , In Lüften sich wiegend , vom Heiligen Orden Ist es das stolze Banner Beauséant . Laissez aller ! Vorbei ! En avant ! Wie Wüstenmirage ist alles zerronnen . Wir aber reiten ruhig besonnen , Anstimmend einen ernsten Leich Von Gottesminne und Himmelreich . Unsrer gelassenen Hiebe Schnitt Keinen Seldschucken im Sattel litt . Doch neben mir schwebt wie Kranichflug Ein Geisterkarawanen-Zug . Im Wüstenqualme , im Dach der Palme , Wie einst im Goldmeer heimischer Halme , Immer sehe ich noch die blonden Enakssöhne , die reisigen Burgonden . Und wo Herr Walter Vogelweid Ein vaterländisch Lied voll Schneid An der Nachhut Spitze sang nunmehr , Da sah ich Volker in herrlichem Stat , Am Schaft ein Banner von Goldbrokat . Nie sah man kühneren Fiedelêr . Da klangen die Saiten , die Wildniß erscholl , Süßer und süßer das Lied entquoll , Wie einst das Horn von Roncevall Anrief mit lautem Wiederhall Den Kaiser Karl , den greisen Herrn - O Barbarossa , Du bist fern ! Da , jäh gepackt von Heimwehgraus , Wir wider den Feind uns wandten , Und klopften derb die Heiden aus , Daß sie nach Hause raunten . Dann seufzten wir alle bitterlich , Uebern Kinn zum Bart die Thräne schlich . - - Wohin hab ich mich verirrt ! Mir war , als wär ' ich selber der Nibelungendichter , als wäre sein Geist in mir und ich sein Enkel durch lange Seelenwanderung . Wer weiß ! » Es giebt mehr Ding im Himmel und auf Erden « - leite bis zur Quelle Dein Ichbewußtsein zurück , so wird ein Gefühl Dir sagen , das keine Worte zu künden vermögen : Du bist nur eine neue Form von alten , ewig wiederkehrenden Gestalten . Magisch zieht ' s mich zum Orient , wo Afrits und Gouls die verbotenen Schätze Istakars bewachen , wo Schätze verbotenen Wissens und verborgener Schönheit auf den Finder harren ; wo die verzauberten Ruinen Tschilminars den Wanderer fragen : Werden wir jemals neu erstehn ? Düstere Sykomoren rauschen , gleich den schwarzen Reichsstandarten des Kalifen . Grüne Triften dehnen sich , wie die grüne Glaubensfahne des Propheten , entlang der blauen Stromkrümmung , welche vergoldete Barken durchgleiten , wie auf Damascenerklingen goldne Koran-Devisen sich kreuzen . Dort möcht ' ich schlürfen Kischmi ' s goldigen Wein und Sorbet aus dem Saft des Tamarindenmarkes . Und wie an Arabiens Vorgebirg Babelmandeb die Schiffer Kokusnüsse und Negacesara-Blüthen in die Brandung schleudern , um sie zu versöhnen , so sollten sanfte Lieder mein stürmisches Herz besänftigen . Wie die Morgenländerin auf die Fluthen des Ganges ihre Lampe setzt , nur zu erforschen ob ihr Liebster lebe , - so würde auf wirbelnder Lebensflut meine Hoffnung leuchten , daß ich lebe im Leben meines Gesanges . Ja , so würde - - und wie ist es ! O großer Ahnherr , durch dessen Seele die Riesenleiden des Nibelungenlieds geschritten , tausendfach glücklicher warest doch Du , denn ich . Nicht in der Wüste des gelobten Landes , in der Wüste dieser erbärmlichen Zeit , eingepfercht mit den Litteratenplebejern dieser Öffentlichen Meinung , verschmachte ich hier ohne Oase und Quelle . Ich , jeder Zoll ein Sänger - ein geistiger Kosmos , eingeschnürt in schwachen Leib und kleinliche Verhältnisse , wie ein Löwe in eine Hundehütte - - zu versinken in ekeln Morast , in die Schlangengrube hinabgeworfen zu niederm Gewürm , - ich , der Ritter und Fürst , geblendet und in Banden , erschlagen von niedrig geborenen Knechten - - o bitter , bitter , bitter ! Nicht mal hier waltet Gerechtigkeit . Die Gelehrtenschnüffeler construiren sich ein sogenanntes Volksepos zurecht und ahnen in ihrer blöden Blindheit nicht die einheitliche Kunstverständigkeit des größten Dichters ! Das großartigste und vollendetste Kunstwerk aller Zeiten , der ewige Stolz deutscher Nation , wird von einem frechen Schulmeister in Ottave Rime übertragen , sintemal die herrliche Nibelungenstrophe , ungenießbar sei ! Ein Mann , Namens Jordan , rhapsodet umher , soweit die deutsche Zunge klingt ( sogar in Siebenbürgen trieb er sein Unwesen ) , mit einem Stabreim-Monstrum , worin er durch modern krankhafte Makarterei und Schopenhauersche Philosophie an der ungefügen Urmär dreiste Nothzucht verübte ! Ein Anstreicher , dessen Maurerpinsel mit grellen Farben die keuschen Marmorstatuen erhabener Einfachheit besudelt ! Es sei ja stofflich recht großartig , aber kindlich ausgeführt , - schmunzelt dieser wohlgenährte Salonbarde in weißer Halsbinde und die unwissende Menge betet das gläubig nach ! In gelahrten Litteraturgeschichten wird die Gudrun , ein jütischer Dünen-Knick , mit dem Nibelungen-Montblanc verglichen ! O geschmacklose Thorheit , dein Name ist Mensch ! Grabbe grinst in seinem Satirspiel » Scherz , Satire , Ironie und tiefere Bedeutung « : » Die Wörter genial , sinnig , gemüthlich , trefflich werden so ungeheuer gemißbraucht , daß ich schon die Zeit sehe , wo man , um einen entsprungenen Zuchthauscandidaten zu infamiren , an den Galgen schlägt : N.N. ist gemüthlich , sinnig , trefflich und genial ! - O stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf , der , mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuß gepanzert , sich des deutschen Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe , aus welchen es hervorgekrochen ist ! « Hat dieser Ausfall nicht noch heute Geltung ? O viel mehr sogar ! Wenn man die Reklamen der Buchhändler und der Blätter liest , wird einem übel . » Endlich einmal ein Meisterwerk ! « annonciren sie das Produkt irgend eines Sudelmännleins . Und der Verleger-Größenwahn , welcher am liebsten eine ganze Rotte von Genies in seinem Verlag aus dem Boden stampfen möchte , läßt die Macher über sich selber Prospekte schreiben , worin sie ihre leidlich gelungenen Werkchen zu den » höchsten Darstellungen der Weltlitteratur « rechnen und zwar » unstreitig « . Da giebt es » Charaktere von wahrhaft Shakespearischer Tiefe « , » Effekte wie kaum in Schillers Dramen « - - kurz und gut Kunststücke , neben denen » die besten andern Schilderungen prosaisch , ja alltäglich erscheinen « ! ! Ueberall , wo man hinhorcht , dasselbe Lied . » Bewunderungswürdige Kunst der Darstellung « » der geniale Verfasser « - derlei regnet nur so bei Besprechung der mäßigsten Sudeleien . Da werden , Goethe , Horaz , Pindar , Burns , Petöfi , Heine , Lenau , Flaubert in Unkosten gestürzt , um als Lob-Vergleiche mit jedem Nachahmer herzuhalten . Aber was sehe ich ! Seien wir nicht ungerecht ! Stützt man den betrunkenen Bauern auf der einen Seite ( wie der selige Luther sagt ) , fällt er auf der andern Seite wieder herunter . Denn um ein gerechtes Gleichgewicht zu erzeugen , legt man dafür an die Werke des wirklichen Genies unmögliche Maßstäbe an , nach welchen es ja ein Leichtes wäre , Shakespeare und Goethe unsterblich lächerlich zu machen . Da werden die frechsten Lügen nicht gescheut , um das ehrliche Verdienst zu schmälern , - falls man es nicht am liebsten ganz todtschweigt . Bravo , das ist ausgleichende Gerechtigkeit . Diese Leute haben gleichsam ein instinktives Gefühl dafür , wo bedrohliches Uebergewicht vorhanden . Wo man ein hübsches Zwergtalent erkennt , da mag dasselbe noch so größenwahnsinnig in lächerlichen Radau-Vorreden sich aufblähen , - man kommt ihm freundlich entgegen . Aber wehe der wahren Größe , die ihrer selbst bewußt ! Kreuziget , kreuziget ! » Bist Du der Juden König ? « » Du sagest es . « Er hat bekannt , was brauchen wir weiter Zeugniß ! » Ich finde keine Schuld an diesem Menschen « , sprach Pontius Pilatus , das Forum der Vernunft . Aber da erhoben die Juden ein graußes Geschrei und Pilatus ist schwach . » Ich überantworte ihn euch . « Da führeten sie ihn an eine Stätte , die heißet Golgatha . Daselbst schlugen sie ihm ihre Nägel durchs Fleisch . Die armen Verleger ! Wie ich sie bedaure ! Wieviel Opfermuth und unausrottbare Zuversicht gegenüber der versteckten Gleichgültigkeit des Publikums ! » Und da kreuzigten sie neben ihm einen Räuber , der hieß Barrabas . « Der Verleger Murray prahlte seinen Freunden von einer Bibel vor , die ihm sein » großer Autor « Byron geschenkt . Aber diese Freunde , die mit im Complott , zeigten ihm jenen Bibelvers - da hatte der boshafte Dichter das Wort » Räuber « durchgestrichen und » Verleger « darübergeschrieben . - Nun , wenn man den Verleger Barrabas neben seinem Messias kreuzigt , so trifft ja ihn wohl das erlösende Wort : » Morgen wirst Du mit mir im Paradiese sein . « Die Welt ist rund , mein Kind , Und wir drehn uns mit . Lauf nicht zu geschwind , Sondern halte Schritt ! Der muß vor sich selber beben , Wer sich selber Rechnung giebt . Aber mir ist viel vergeben , Denn ich habe viel geliebt . Heut fand ich unter meinen Papieren ein vergilbtes Blatt , Verse in der Handschrift meines verstorbenen Freundes Gottlieb Ritter , jenes Esels , der sich wegen einer Chansonneuse erschoß : Ha , Deiner Wange Rosenlicht , Des Auges süß Vergißmeinnicht , Verzaubert mich , doch manchesmal Blickt ' s seitwärts auf mich kalt wie Stahl . Die Lippen scheinen sein und rein , Doch sehe ich die Schlängelein Umzirkeln sie , die lieben alten Bekannten , jene bösen Falten , In denen Heine gleich erkannte Kußgierig liebe Wahlverwandte . Als Faust am Blocksberg , wo im Eck Sein Gretchen stand , mit Lilith scherzte , Sah er , indessen er sie herzte , Zu seinem nicht geringen Schreck Ein Mäuslein aus dem Munde hüpfen . So sehe ich ein Schlänglein schlüpfen Aus Deinem Munde - eine Zote ! Doch ob mir auch mein Gretchen drohte , Die Tugend und das Ideal - Anbete ich Dich doch nicht minder , Gleich wie die abergläubigen Inder Die Abgottschlange ihrer Wahl . Du lieber Gott ! Ein gut Stück Verlogenheit spielte doch auch dabei mit . Allerdings , Gottliebchen war ein wirkliches Genie , keiner von den komischen Stürmern und Drängern Jüngstdeutschlands , welche mit Straßendirnen die sociale Frage lösen und Jeden von ihrem Genie-Bund ausschließen , der sich zufällig in anständigen bürgerlichen Verhältnissen bewegt und » zahm « genug bleibt , socialistisches Geschwefele für unreifes Zeug zu halten . Aber auch Gottlieb Ritter » erlöste « das » Volk « , ohne von diesem gepriesenen Pöbel das Geringste zu wissen . Armer Teufel ! Was mögen die albernen Dirnen , mit denen er sich herumschlug , über seine Sentimentalität gelacht haben ! Ein richtiger deutscher Lyriker . Ach und erst der verrückte Componist Ernst v. Bullrich , der angeblich wegen eines Biermensch im Duell gefallen sein soll ! ( Fritz Erdmann , der naturalistische Epiker , auf den Karl Schmoller immer so viel aus Concurenzneid schimpfte und der sich jetzo in Amerika herumtreibt , wollte nie recht mit der Sprache heraus . ) Auch von ihm finde ich noch ein Verschen aus der Zeit , wo ich ab und zu die berühmte Kneipe besuchte , in der jene Sturm-und Dranggenies sich gegenseitig ihre Opera , omnia vorlasen . zu drollig ! » Ich will umschließen Dein starres Herz , Und wärest Du ganz vergletschert , Vulkan , aufgährt Dein Flammenschmerz , Wo meine Thräne plätschert . « Na , plätschere man zu ! - Welch ein Wahnsinn diese Liebe die sich mit Gewalt in ein andres Wesen auflösen möchte ! Gott sei Dank , an solcher Schwäche leide ich nicht mehr . Auf Erden ein Ideales suchen ist schon Jugendeselei . Pah , besieht man sich die Helden und großen Geister bei Lichte , sind ' s ja auch nur Esel . » O welch ein Künstler stirbt in mir ! « ruf ich mit dem Größenwahn des sterbenden Cäsaren . Wenn ich da unten modere , dann werden sie schaufeln und schaufeln an dem verschütteten Götterbild , bis es aufrecht steht wie ein Denkmal , von dem die Hülle fiel . Und kein Antlitz , das man kennt aus den Gebilden der Vergangenheit . Denn nie aus gleichem Marmor wird der Genius geschnitten . Wie sie grinsen würden , die Erbärmlichen , wenn sie diese Prophezeiung , ahnten ! Und doch wird sie sich erfüllen , kaum daß ich die Augen schloß . Aber ich bin ja ein Schwächling , daß ich dem elenden Geschwätz dieser Akademiker überhaupt Rechnung trage . Mußte nicht schon der größte aller Dichter den Kampf gegen die Pseudo-Klassicität und ihren morschen Schulkram bestehn - ein Kampf , der ihn wohl so frühzeitig aufgerieben hat ? Mußte er nicht dem Nörgeln des » Alterthumsfreundes « Ben Jonson seine Tragikomödie » Troilus und Cressida « entgegensetzen ? Jener gelahrte Didaktiker hatte ihm gehörig zu Gemüthe geführt , daß er , der Komödiant ohne alle patentirte Bildung , sich erdreiste höchste Probleme zu lösen , während er sich doch nicht einmal dem Problem gewachsen zeigte , die Alten im Urtext zu lesen und in einer Vorlesung Bacon ' s über Logik und Psychologie gewiß achselzuckend eingeschlafen wäre . Da griff sich denn Meister William einmal die homerischen Helden auf und streifte ihnen Purpurchlamys und Kothurn so gründlich ab , daß sie nun wie nackte Gliederpuppen umherliefen . Die göttlichste Schindung des Marsyas , die je ein Apoll verübt . Schade nur , daß die nie aussterbende Rotte dieser Flötenbläser nicht immer einen Shakespeare findet , der ihr das Fell so elegant über die Eselsohren zieht ! Ueber die Renaissance-Naturalisten urtheilte man damals wie über die heutigen . Während man den Barbaren vom Avon wie einen drolligen Kannibalen einbalsamirte , heroldeten ästhetische Quacksalber die schnödesten Parfümeure . Alles wie heut . Müffiger Pomp doktrinärer Verstocktheit , » unanfechtbare Kunstgesetze « des wüstesten Formalismus . Erst nach erbittertem Kampfe erkannte man das einzige ewige Kunstbedürfniß in den befreienden Naturlauten des Elementaren . » Erwache , du Licht in Ossians Seele ! « Sich , da kamen sie alle , die Naturburschen der Litteratur - Ackersmann Burns , Weltbummler Byron , vom College relegirter Student Shelley , Laufbursche Dickens und Postillon Bret Harte ! Die Götter Griechenlands kannten sie nur oberflächlich , wohl aber die Götter der eigenen Brust . Da faselt dies unwissende Professorengesindel , Shakespeares klobige , Naturalismen seien aus dem Geschmack seiner Zeit zu erklären . In ihrer gräßlichen Unwissenheit ahnen sie natürlich gar nicht , daß alle die großen Zeitgenossen des Größten wohl in Blut- und Wollustseenen sich berauschten und gewiß einen heroischen Realismus bekundeten , daß aber nur Shakespeare den Naturalismus vertritt . Warum scheute grade er vor keiner schlüpfrigen Zote , vor seiner rohen Unanständigkeit , vor keiner Banalität zurück ? Warum roch er an Yoriks Schädel , während die frostigen Späße der branntweinfuseligen Todtengräber die jungfräuliche Lieblichkeit in feuchte Erde betten ? Warum hörte er die Kärrner über ihr Ungeziefer fluchen und durchstöberte die schmutzigen Winkel der Bordells ? Warum , ja Warum ? Ich weiß es - ihr nicht , ihr gichtbrüchigen , lendenlahmen , wohlriechenden Würdepriester . Ihr könnt es auch nicht wissen . Heut sandte ich ein neues Buch von mir an die » Privilegirte