des geforderten Lohnes bestritt als einen Aufschub verlangte , bis er seine Briefe abgegeben und seine Ankunft auf dem Grafensitze gehörig ausgeführt habe . Mit sprudelndem Munde , immer neben der Pfeife redend , suchte er sich mit dem Fahrknechte zu verständigen , sah sich aber stets in den nötigen Gebärden und im Hervorsuchen der Briefe gehindert , weil der Sack umfallen wollte , wenn er ihn losließ . Endlich kam ein Hausdiener herbei , der nach seinen Angelegenheiten fragte . » Dies ist mein Gepäcke , guter Freund ! « sagte der Mann , » halten Sie ' s ein wenig , damit ich meine Empfehlungsbriefe an den Herren Grafen finden kann , den ich herbeizurufen bitte ! « Der Diener hielt den Sack , der Reisende holte ein paar Briefe aus einer dicken Brieftasche und gab sie dem Diener , worauf dieser ins Haus ging und jener den Sack wieder selbst hielt . Nach einiger Zeit erschien der Graf mit einem der Briefe in der Hand , um nach dem Ankömmling zu sehen . Dieser streckte ihm , an seiner Sacksäule stehend , die freie Hand entgegen und rief : » Ich grüße Sie , edler Mann und Genosse ! Ist es nicht eine Freude zu leben , mit Hutten zu reden ? « » Habe ich die Ehre , Herrn Peter Gilgus zu sehen , der mir hier von den Freunden empfohlen wird ? « antwortete Graf Dietrich » Der bin ich ! Ist es nicht eine Freude zu leben ? « » Gewiß ! Aber machen Sie es sich doch etwas bequemer ! Wollen Sie Ihr Gepäcke nicht abgeben und ins Haus treten ? « » Ich kann nicht , bevor ich ein Wort mit Ihnen gesprochen ! « Der Graf näherte sich dem Manne , der ihm eine vertrauliche Mitteilung machte , worauf jener dem Fuhrmann bedeutete , daß er werde zufriedengestellt werden und mit seinem Fahrzeuge nur vorerst nach den Wirtschaftsgebäuden gehen und samt dem Pferde etwas zu sich nehmen möge . Hierauf wurde der Sack wohlbehalten von zwei Leuten in das Haus getragen und der Fremde vom Grafen auf sein Zimmer genommen , wo er weitere Rücksprache mit demselben pflag . Herr Peter Gilgus war ein im mittlern Deutschland weggelaufener Schullehrer und ein Apostel des Atheismus , der im wörtlichen Sinne ausgezogen war , die Welt zu sehen und zu genießen , nachdem der liebe Gott aus derselben weggeschickt worden . Dies Ereignis hielt er für einen unberechenbaren Glücksfall , und er rief unaufhörlich , wo er hinkam : » Es ist eine Freude zu leben ! « als ob die Welt in der Tat von ihrem größten Feinde und Bedrücker soeben befreit worden wäre , seit er die Werke des Philosophen gelesen . Er betrug sich demgemäß , wie wenn es fortwährend Sonntag und der Braten am Spieße wäre , oder wie die Bevölkerung eines kleinen Herzogtums , dessen Tyrann entflohen , oder wie ein Nest voll Mäuse , wenn die Katz aus dem Hause ist . Als Schulmeister mochte er von der Geistlichkeit freilich arg gedrückt worden sein ; allein er freute sich über die Vertreibung Gottes doch mehr als billig . Immer von neuem erstaunte er über die Herrlichkeit des Gedankens , von dem unseligen Begriffe frei und jeder größeren oder kleineren Abhängigkeit von demselben ledig zu sein . Immer wieder ballte er die Faust gegen die ganze lange Vergangenheit voll anthropomorphischer Götter ; aufs neue bestieg er jeden kleinen Hügel , reckte die Hand aus und pries die Schönheit der grünen Welt , jubelte über die wolkenlose tiefe Bläue des entgötterten Himmels und trank bäuchlings liegend aus Quellen und Bächen , welche noch nie so reines und frisches Wasser geliefert hätten wie jetzt . Das hinderte ihn jedoch nicht , sobald eine anhaltende Kälte oder ein langes Regenwetter eintrat , sehr ungehalten zu werden und einen persönlichen Groll mit altherkömmlichen Fluchworten zu äußern , wie man sie nur gegen persönlich existierende Urheber von widerwärtigen Wirkungen braucht . Nach seinem Auszuge hatte er zuerst das Haupt der Schule , den Philosophen , aufgesucht , acht Tage lang verehrt und ihm zur Weiterreise die geringe Barschaft abgeborgt , welche der in freiwilliger Armut und Bedürfnislosigkeit lebende Weltweise gerade besaß . Derselbe gab ihm ein paar Briefe an wohlhabendere Verehrer mit , diese sandten ihn wieder andern Freunden zu , und so zog er seit einem Jahre von Stadt zu Stadt , von einem Landgut zum andern , lebte herrlich und in Freuden und lobte die angebrochene neue Ära . Jetzt war er endlich auch zum Grafen Dietrich gekommen , der schon von ihm wissen mochte . Als er mit dem neuen Gaste zu Tisch kam , war er schon ein wenig ermüdet von dessen lauten Gesprächen und Ausrufungen ; der Gast aber , indem er den Löffel in die gute Suppe tauchte , rief und sprudelte über dicke Lippen hinaus : » Es ist eine Freude zu leben ! « In mir witterte er augenblicklich einen Schützling und Mitgast des Hauses , machte sich nach dem Essen an mich und zwang mich , ihn auf das ihm bestimmte Zimmer zu begleiten ; unter tausend Fragen begann er sich einzurichten und seinen Sack auszupacken , der ihm als Reisekoffer diente . Neben einer Anzahl verschiedener Kleidungsstücke , von denen keines zum andern recht paßte , kamen die wunderlichsten Habseligkeiten zum Vorschein , und auf jedes Stück legte er einen Affektionswert . Jeden Band in ein besonderes Tüchlein gewickelt , förderte er die in rotes Leder gebundenen Werke des Meisters zutage und stellte sie feierlich auf den Schreibtisch , der im Zimmer war . Dann zog er ein dickes Stück von ungebleichtem Zwillich , viele Ellen , heraus , wovon er sich im Sommer eine deutsche Turnerkleidung dachte anfertigen zu lassen . Hierauf kamen andere Bücher ; hierauf rollten einige Metzen schöne Borsdorfer Apfel hervor , von einer schönen Gutsfrau geschenkt , wie er sagte ; sodann folgte ein Stück Pökelfleisch , in Papier gewickelt ; hierauf eine blaue zusammengelegte Steppdecke , zwischen welcher ein Bund Strickgarn lag zu neuen Strümpfen . Beim Anblick aller dieser Dinge mußte man ihm lassen , daß er die Vorsehung Gottes leidlich zu ersetzen und an alles zu denken verstehe , dessen er etwa bedürftig werden könnte . Nachdem er noch einiges aus der Tiefe des Sackes hervorgeholt , unter anderm eine kleine Schwarzwälderuhr , kroch er mit dem Kopfe hinein und zog aus dem untersten Grunde einen zusammengerollten rotblumigen Hausrock hervor . Denselben entfaltend , enthüllte er eine mäßige Schachtel , in welcher das Modell eines Auges von der Größe eines Kindskopfes gebettet lag . Gilgus öffnete die Schachtel und nahm das Auge sorgfältig heraus , um zu sehen , ob es nicht Schaden gelitten . Es war von Wachs und Glas angefertigt und konnte zerlegt werden , um zu Unterrichtszwecken den Bau des menschlichen Auges vorzuweisen . Bei seinem Auszug hatte er das Auge aus der kleinen Naturaliensammlung seiner Schule mitlaufen lassen , und es liefen deshalb überall kleine amtliche Verfolgungen hinter ihm drein , sooft sein Aufenthalt ausgemittelt wurde ; allein er gab es nicht wieder her . Jetzt blies er den Staub davon , setzte es feierlich auf den Schreibtisch und rief : » Das ist das wahre Auge Gottes ! « Dieses Auge Gottes hatte natürlich nur die allergröbste Einrichtung , und Gilgussens Kenntnis ging über dieselbe nicht hinaus ; dennoch mußte sie ihm dazu dienen , seine Freudenbotschaft mit dem Mantel der Naturwissenschaften zu schmücken , und er führte das Auge gleichsam als Wahrzeichen mit sich für jene Erscheinung im großen , wenn die gedachten Wissenschaften beim Beginn einer neuen Reihe von Entdeckungen dem Unendlichen jedesmal zuschreien : Holla ! Wir wissen jetzt , wie ' s gemacht wird ! Außerdem diente ihm das Auge noch als Geheimarchiv und Schatzkammer . Er öffnete den Apfel und leerte den hohlen Innenraum , dessen Inhalt vom Fahren durcheinandergerüttelt worden . Aus einer großen Flocke Baumwolle wickelte er eine goldene Busennadel , ein silbernes Uhrkettchen , ein paar Fingerringe und zeigte mir diese Schätze mit Wohlgefallen . Auf ein Bündelchen Rechnungen , ein Punschrezept , ein Bündelchen Liebesbriefe , die er von den Stubenmädchen seiner Gastfreunde erhalten , wies er mehr andeutend hin , wogegen er ein Lotterie los mit ernster Miene entfaltete , wie wenn es eine Staatsobligation wäre , und es standen allerdings mehrere Hunderttausende in großen und kleinen Posten darauf gedruckt ; eine kleine , in Papier eingeschlagene Barschaft bezeichnete er als Reservefonds , welchen er unter keinen Umständen angreife und deshalb hier aufbewahre . Ein vertrocknetes Blumensträußchen ergänzte die Sammlung und knüpfte versöhnend an das menschlich Liebenswürdige an . Alles das war in dem Auge , und er legte das Gefüllsel nun in die leere Schachtel und verschloß diese in einer Schublade ; denn er dachte das anatomische Modell in den bevorstehenden lehrreichen Gesprächen zum Vorschein zu bringen . Gleich am ersten Abend , als der Kaplan zur Gesellschaft kam , nahm er diesen zum Zielpunkt seines apostolischen Eifers , und es entstand ein gewaltiger Lärm , bis der Geistliche die Karikatur in dem Ankömmling erkannte , plötzlich mit vergnügtem Augenblinzeln seine Fechtart veränderte und dem lärmenden , mit blasphemischen Kühnheiten um sich werfenden Peter Gilgus zu schmeicheln begann . Er schätze sich glücklich , sagte er , eine so ausgesprochene und in ihrer Art vollkommene Erscheinung begrüßen und studieren zu können ; alles absolut Entgegengesetzte müsse sich stärker anziehen als das Halbe und sich schließlich in einem höhern Elemente vereinigen . Ein leidenschaftlicher Liebhaber Gottes und ein leidenschaftlicher Leugner Gottes zögen im Grunde an demselben Wagen , von dem der eine sowenig loskommen könne als der andere , und so biete er ihm als treuer Gefährte seine Freundschaft an . Eine so fleißige und beharrliche Gottesleugnerei sei eigentlich nur eine andere Art von versteckter Gottesfurcht , wie es in den ersten Zeiten Heilige gegeben habe , welche den Schein großer Lasterhaftigkeit zur Schau trugen , um in der Verachtung um so ungestörter der göttlichen Inbrunst sich hinzugeben . Der verdutzte Gilgus wußte nicht , wie ihm geschah , und suchte sich mit sprudelnder Ungebärdigkeit zu helfen ; doch der fröhliche Kaplan umwickelte ihn so dicht mit hundert zärtlichen Späßchen , tröstete ihn , der Herrgott habe schon längst ein Auge auf ihn und es werde noch alles gut werden , daß er sich doch gewissermaßen geschmeichelt fühlte und sich auf den nächsten Tag zu einem guten Pfarrfrühstück bei dem Kaplan einladen ließ . Dort lieferten sie sich zuerst wieder eine Wortschlacht ; dann zechten sie und schlossen Freundschaft , zogen miteinander über Feld und in den Wirtshäusern herum , wo der Kaplan immer neue Späße mit seinem Freunde anstellte ; denn er blieb immer bei Sinnen und boshaft , während Gilgus den Verstand verlor , sobald er angetrunken war , und über die Größe seines Schicksals , über die Feierlichkeit der Zeit , wo es eine Freude zu leben sei , jämmerlich zu weinen begann . Wenn der Kaplan ihn in solcher Verfassung abends oder mittags ins Schloß bringen konnte , so erreichte sein Vergnügen den höchsten Gipfel . Der Graf lächelte bald heiter , bald verdrießlich , Dorothea dagegen lachte voll neugieriger Lustbarkeit , da sie dergleichen noch nie gesehen , besonders wenn Gilgus vor ihr auf die Knie fiel und weinend den Saum ihres Gewandes küßte ; denn er hatte die Gärtnerstochter , mit der er zuerst schöngetan , sogleich stehenlassen , als er vernahm , daß Dortchen keine Gräfin und eine starkgeistige , freigesinnte Person sei , und offenbar hielt er sie vorläufig für dazu bestimmt , die Freude am großen Weltaugenblick und am Leben mit ihm zu teilen . War er dann nach manchem Auftritte derart wieder nüchtern geworden , so verfiel er in tiefsinnige Trauer , und um die Scharte auszuwetzen , beging er allerhand Kraftstücke . Trotz der kühlen Jahreszeit stürzte er sich badend in Teiche und Mühlbäche , so daß man in der Nähe oder Ferne unvermutet seine nackte Gestalt auf- und untertauchen sah . Mit blauem Gesicht und nassen Haaren stellte er sich dann als neu- und wiedergeboren vor , und der Kaplan sowohl als Dortchen und selbst das mutwillige Röschen fanden ihre tägliche Belustigung an seinem Treiben . Der Kaplan wußte bereits , daß die Bauern davon sprachen , den heidnischen Wassermann einmal aufzufischen und mit Haberstroh trockenzubürsten , und auch hierauf freute er sich im voraus . Ich aber wurde durch den ganzen Vorgang nicht nur veranlaßt , die eigene Streitlust zu mäßigen , ja sogar mich stillzuhalten , sondern ich fühlte mich beschämt , neben dem sonderbaren Gesellen als ein kaum minder abenteuerlicher Gast dazustehen . Vollends die Art , wie jener sein Auge auf die Schönheit des Hauses geworfen , erinnerte mich daran , daß ich selbst ja das gleiche getan und noch tue , wenn ich auch noch nichts verraten oder zu verraten bis zur Stunde willens gewesen sei . Und das holde Gelächter , welches Dorothea in allen Züchten öfter hören ließ , verdiente ich ja selbst schon in meinem innersten Herzen . Wenn ich aufrichtig gegen mich sein wollte , so mußte ich gestehen , ich sei allein um Dorotheas willen noch dageblieben , nur besaß ich nicht den Mut , es merken zu lassen oder etwas zu hoffen . Ich war also womöglich noch närrischer als der Peter Gilgus . Ich geriet durch all diese widersprechenden Empfindungen und Gedanken in eine Art von Erstarrung , in welcher ich mich auf meine Arbeit und das stille Studium der philosophischen Bücher zurückzog , ohne an den Disputationen weiter teilzunehmen . Die Verliebtheit dauerte dabei fort , aber wie das Blühen der Pflanzen , das in eingetretener Frühlingskühle eine Weile unentschieden bei halbgeöffneten Kelchen anhält . Und gleichmäßig verharrte ich in der Verachtung einer Nebenbuhlerschaft , als welche ich das Verhalten des Gilgus hinsichtlich der neuen Weltanschauung sowohl als dem Weibe gegenüber betrachtete , was freilich weder zeitgemäß noch sehr menschlich war . Eines Vormittags kam er aufgeregt und geputzt zu mir gestürzt , als ich ziemlich gesammelt und dennoch herb wie eine alte Jungfer an meiner Arbeit saß . Er trug auf dem Leibe einen braunen Frack mit vergoldeten Knöpfen , auf dem Kopf eine hellfarbige Reisemütze , obgleich es Winter war . Die Angelegenheit mit Dorothea , rief er , müsse sich entscheiden ; eine Verbindung eines Mannes wie er mit einer Person wie Dorothea wäre zu typisch , als daß sie unterbleiben dürfte ; sie sei geradezu eine philosophiegeschichtliche Pflicht , denn die Erlösung der Welt von der Gottesidee müsse sich erst recht vollziehen durch die Vermählung freier Geschlechtsrepräsentanten , und so weiter . Ich war von der schlechten Gesellschaft in meiner Neigung so beschämt und vergrämt , daß ich über die Narrheit nicht einmal zu lachen imstande war . Überhaupt belustigte mich die Sache keineswegs , indem sie selbst einen leichten Schatten auf das unbefangene Dortchen zu werfen schien . Ich fragte ihn daher unwirsch , ob er in seinem Fracke schon auf dem Weg sei , den Heiratsantrag zu machen ? » Nein « , sagte er , » heute noch nicht ! Ich will mich erst einige Tage nur etwas sorgfältiger tragen , wie es sich auf Freiersfüßen geziemt . Steht mir dieser Frack nicht gut ? Ich habe ihn von einem atheistischen Bankier geschenkt bekommen , einem großen Gönner unsers Bundes , der freilich des Sonntags noch in die Kirche geht ; denn er hat Rücksichten zu nehmen . Oh , wenn mein armes Mütterchen das Glück noch erlebt hätte , das ich haben werde ! « » Ihr Mütterchen ? Ist es tot ? « » Schon seit zwei Jahren ! Sie hat die Befreiung des Menschengeschlechtes nicht mehr gesehen ! Die trockenen Blumen , die ich im Auge Gottes aufbewahre , hat sie mir noch an meinem letzten Geburtstage geschenkt , den sie erlebte ! Sie hat dieselben um einen Kreuzer auf dem Markte eingehandelt ! « Ein neuer Stich ging mir ins Herz ; auch auf eine liebende Mutter behauptete der Narr Anspruch zu machen , und am Ende war er noch ein besserer Sohn als ich , der ich dasaß und die meinige so gut als vergaß , obschon ich wußte , daß sie meiner harrte . So ist unser Leben aus Wirrsal gewebt , daß wir dem Nächsten kaum einen Tadel zuwenden , den wir nicht , noch eh er ihn vernommen , auf uns selbst beziehen können . Einige Minuten nachdem Gilgus fortgestürmt war , trat Dorothea mit einem Körbchen voll schöner Trauben und Birnen herein . » Sie sind jetzt so fleißig und zurückgezogen « , sagte sie , » daß man Ihnen die kleinen Erquicklichkeiten nachtragen muß . Essen Sie von diesen Früchten , sonst werden Sie mir zu trocken ! Dafür sollen Sie uns einen guten Rat geben ! Malen Sie jedoch weiter , ich sehe Ihnen gerne zu ! « Sie nahm einen Stuhl und setzte sich zu mir . » Papa schreibt Briefe « , fuhr sie fort , » mit denen er Herrn Gilgus fortschicken will ; denn er mag ihn nicht mehr dahaben . Gilgus hat heute früh die Ackerleute , die auf dem Felde pflügen , angepredigt wie Jonas die Leute zu Ninive , sie sollten Buße tun und von ihrem heidnischen Gottesglauben ablassen . Das kann so nicht weitergehen . Papa will ihn heute noch wegschicken , in ziemliche Entfernung , und mit wohlmeinenden Uriasbriefen dahin wirken , daß er weiterhin versorgt und an eine vernünftige Beschäftigung gebunden wird . « » Und was kann ich denn dazu raten ? « frug ich . » Nicht sowohl raten als helfen ! Sie sollen ihm , sofern er sich sträubt , zureden und die Reise als etwas Notwendiges und Vergnügliches darstellen . Dann stehen ein paar Koffer bereit , welche den Inhalt seines schrecklichen Sackes wohl aufnehmen werden . Da Sie ihm in seinem letzten Stündlein beistehen werden , so müssen Sie ihn überzeugen , daß der Sack unschicklich und verdächtig sei , und wie zufällig die Koffer herbeischaffen . Es könnte sich nämlich ereignen , daß er störrisch wäre und sie nicht wollte , und doch mag der Vater ihn nicht mit dem Kornsacke aus seinem Hause abreisen sehen . « Ich befürchtete zwar nicht , daß Gilgus die Koffer zurückweise , versprach aber , mein Bestes zu tun . Sie aber sagte : » Nun schau ich noch ein wenig zu , wenn es erlaubt ist ! « schlug die Arme ineinander und saß eine Viertelstunde neben mir , ohne daß sie oder ich etwas dazu sprach . Als ich endlich einen mißlungenen Stein , der im Vordergrunde meines Bildes lag , mit der Spachtel wegräumte , sagte sie » Hopsa ! Weg damit ! « Dann erhob sie sich , dankte mir für geneigte Audienz und zog sich zurück , indem sie mir zugleich empfahl , mich vor Tisch sehen zu lassen , um zu erfahren , wie es gehe in der bewußten Sache . Es ging auch ohne Schwierigkeit alles vonstatten , wie man wünschte ; Gilgus fuhr ganz still und weichmütig mit wohlbepacktem Gefährte von hinnen , nach der nächsten Posthalterei , um von dort am frühen Morgen weiterzureisen . Als der Kaplan abends zum Tee erschien , fand er es so still und friedlich , wie wenn eine Mühle abgestanden wäre . Er hatte in der letzten Zeit zuweilen einen der älteren deutschen Mystiker mitgebracht , in der Absicht , das grundtiefe und kühne Wesen solcher Geister dem neuesten Geiste gegenüberzustellen , der ebenso tiefgehend und kühn war selbst in der verzerrten Darstellung durch Gilgus , und da es ihm hauptsächlich um das Phantasienährende und Parabolische zu tun war , dem er nachjagte , so gab es manche Ausbeute bald zu seinen Gunsten , bald zugunsten der andern . Für heute hatte er des Angelus Silesius Cherubinischen Wandersmann aufgegriffen und bedauerte , daß Gilgus nicht mehr da war , da er denselben durch den Vortrag der wunderlichen Reime zugleich zu reizen und zu bannen , uns aber in spaßhafte Verlegenheit zu setzen hoffte . Wir baten ihn , dennoch vorzulesen , und die kleine Gesellschaft empfand die größte Freude über den vehementen Gottesschauer , seine lebendige Sprache und poetische Glut . Das wollte ihm aber auch nicht recht passen ; er begann immer eifriger und nachdrücklicher zu lesen , und mit jeder Seite , die er umschlug , erhöhte sich die Teilnahme an der munteren Geisteserscheinung , bis er das Büchlein halb ärgerlich und ermüdet weglegte . Nun nahm es der Graf in die Hand , blätterte darin und sagte dann : » Es ist ein recht wesentliches und charaktervolles Büchlein ! Wie richtig und trefflich fängt es gleich an mit dem Reimpaar : Rein wie das feinste Gold , steif wie ein Felsenstein , Ganz lauter wie Kristall soll dein Gemüte sein . Kann man treffender die Grundlage aller solcher Übungen und Denkarten , seien sie bejahend oder verneinend , und den Wert bezeichnen , den man von vornherein hinzubringen muß , wenn die ganze Sache erheblich sein soll ? Wenn wir uns aber weiter umsehen , so finden wir mit Vergnügen , wie die Extreme sich berühren und im Umwenden eines in das andere umschlagen kann . Glaubt man nicht , unsern Ludwig Feuerbach zu hören , wenn wir die Verse lesen : Ich bin so groß als Gott , Er ist als ich so klein , Er kann nicht über mich , ich unter Ihm nicht sein - ? Ferner : Ich weiß , daß ohne mich Gott nicht ein Nun kann leben , Werd ich zunicht , Er muß vor Not den Geist aufgeben . Auch dies : Daß Gott so selig ist und lebet ohn Verlangen , Hat Er sowohl von mir als ich von Ihm empfangen . Oder : Ich bin so reich als Gott , es kann kein Stäublein sein , Das ich ( Mensch , glaube mir ) mit Ihm nicht hab gemein . Und nun gar : Was man von Gott gesagt , das g ' nüget mir noch nicht ; Die Über-Gottheit ist mein Leben und mein Licht . - Wo soll ich dann nun hin ? Ich muß noch über Gott in eine Wüsten ziehn . Und wie einfach wahr findet man das Wesen der Zeit besungen in diesem Sinngedichtchen : Man muß sich überschwenken Mensch ! wo du deinen Geist schwingst über Ort und Zeit , So kannst du jeden Blick sein in der Ewigkeit . Dann : Der Mensch , ist Ewigkeit Ich selbst bin Ewigkeit , wann ich die Zeit verlasse Und mich in Gott und Gott in mich zusammenfasse . Und : Die Zeit ist Ewigkeit Zeit ist wie Ewigkeit und Ewigkeit wie Zeit , So du nur selber nicht machst einen Unterscheid . Alles dies macht beinahe vollständig den Eindruck , als ob der gute Angelus nur heute zu leben brauchte und er nur einiger veränderter äußerer Schicksale bedürfte , und der kräftige Gottesschauer wäre ein ebenso kräftiger und schwungvoller Philosoph unserer Zeit geworden ! « » Das wird mir denn doch zu bunt « , rief der Kaplan ; » aber Sie vergessen nur , daß es zu Schefflers Zeiten doch auch schon Denker , Philosophen und besonders auch Reformatoren gegeben hat und daß eine kleinste in ihm vorhandene Ader von Verneinung vollkommen Gelegenheit gehabt hätte , sich auszubilden ! « » Sie haben recht ! « erwiderte ich , » aber nicht ganz in Ihrem Sinne . Was ihn abgehalten hätte und wahrscheinlich noch heute abhalten würde , ist der Gran von Frivolität und Geistreichigkeit , mit welcher sein glühender Mystizismus versetzt ist ; diese kleinen Elementchen würden ihn bei aller Energie des Gedankens auch jetzt noch im mystagogischen Lager festhalten ! « » Frivolität ! « rief der Kaplan , » immer besser ! Was wollen Sie damit sagen ? « » Auf dem Titel « , versetzte ich , » benennt der fromme Dichter sein Buch mit dem Zusatz : Geistreiche Sinn- und Schlußreime . Allerdings hat das Wort geistreich im damaligen Sprachgebrauch nicht ganz die jetzige Bedeutung ; wenn wir aber das Büchlein aufmerksamer durchgehen , so finden wir , daß es in der Tat auch im heutigen Sinne etwas allzu geistreich und zuwenig einfach ist , so daß jene Bezeichnung jetzt wie eine ironische Voraussage erscheint . Dann sehen Sie aber auch die Widmung an , die Dedikation , worin der Mann seine Verse dem lieben Gott dediziert , indem er ganz die Form nachahmt , selbst in der Anordnung des Drucksatzes , in welcher man damals großen Herren ein Buch zuzueignen pflegte , bis zur Unterschrift Sein allezeit sterbender Johannes Angelus . Betrachten Sie den bitterlich ernsten Gottesmann , den heiligen Augustinus , und gestehen Sie aufrichtig : trauen Sie ihm zu , daß er ein Buch , worin er sein religiöses Herzblut ergossen , mit solch einer witzelnden , affektierten Dedikation versehen hätte ? Glauben Sie überhaupt , daß es demselben möglich gewesen wäre , ein so kokett launiges Büchlein zu schreiben , wie dies eines ist ? Er hatte Geist so gut als einer , aber wie streng hält er ihn in der Zucht , wo er es mit Gott zu tun hat ! Lesen Sie seine Bekenntnisse , wie rührend und erbaulich ist es , wenn man sieht , wie ängstlich er alle sinnliche und geistreiche Bilderpracht , alle Selbsttäuschung oder Täuschung Gottes durch das sinnliche Wort flieht und meidet . Wie er vielmehr jedes seiner strikten und schlichten Worte unmittelbar an Gott selbst richtet und unter dessen Augen schreibt , damit ja kein ungehöriger Schmuck , keine Illusion , keine Art von Schöntun mit Unreinem in seine Geständnisse hineinkomme ! Ohne mich zu solchen Propheten und Kirchenvätern zählen zu wollen , kann ich doch diesen ganzen und ernstgemeinten Gott mitfühlen , und erst jetzt , wo ich ihn nicht mehr habe , erkenne ich die willkürliche und humoristische Manier meiner lugend , in welcher ich mit meiner vermeintlichen Religiosität die göttlichen Dinge zu behandeln pflegte , und ich müßte mich nachträglich selber der Frivolität zeihen , wenn ich nicht annehmen könnte , daß jene verblümte und spaßhafte Art eigentlich nur die Hülle der völligen Geistesfreiheit gewesen sei , die ich mir endlich erworben habe . « » Haha ! « lachte der Priester jetzt aus vollem Halse , » da haben wir ' s wieder ! Geistesfreiheit , Frivolität ! Da zappelt der Fisch wieder an der langen Schnur und hält sich für einen Luftspringer ! Bald wird er nach Luft schnappen ! Den Teufel spürt das Völkchen nie ! möchte man fast ausrufen , wenn ' s nicht den lieben Herrgott anginge , verzeih mir Gott die Sünde ! « Ärgerlich , daß ich dem humoristischen Fliegenfänger nun doch wieder ins Garn gefallen , entzog ich mich der Unterhaltung und trat schweigend an ein Fenster , wo ich die Sterne des Großen Wagens ihren stillen Weg fahren sah . Auf einmal rief Dorothea , welche inzwischen das Buch in die Hand genommen hatte : » Beim Himmel , da steht das artigste Frühlingsliedchen , das ich je gesellen ! Hört : Blüh auf , gefrorner Christ ! Der Mai ist vor der Tür , Du bleibest ewig tot , Blühst du nicht jetzt und hier ! « Sie eilte ans Klavier , spielte und sang diese Worte in einem altertümlichen Choralsatze von sehnsüchtig lockendem Tone , doch trotz der kirchlichen Form mit einem verliebt zitternden , weltlichen Ausdruck ihrer Stimme . Dreizehntes Kapitel Das eiserne Bild Obgleich noch nicht Weihnacht da war , schien gegen die Ordnung der Natur in der Tat der Lenz kommen zu wollen . Während die Worte und die Melodie von Dorotheas Frühlingslied mir in den Ohren klangen , hörte ich die ganze Nacht den Südwind wehen , den schmelzenden dünnen Schnee von den Dächern tropfen , und am Morgen lag eine unnatürlich warme Sonne auf den getrockneten Gefilden , während die Bäche voller dahinrauschten und murmelten . Nur die Blumen , die Maßliebchen und die Schneeglöckchen , fehlten . Dennoch tönte es noch fortwährend in mir : » Der Mai ist vor der Tür , du bleibest ewig tot , blühst du nicht jetzt und hier ! « Noch gestern hatte ich geglaubt , mit meiner verschwiegenen Verliebtheit hoch über allem zu stehen , was ich je über Liebe gedacht und empfunden , und nun mußte ich erfahren , daß ich keine Ahnung gehabt von der Veränderung , die in dieser falschen Frühlingsnacht vorging . Das Gattungsmäßige im Menschen erwachte mit aller Gewalt seines Wesens in mir ; das Gefühl der Schönheit und Vergänglichkeit des Lebens verdoppelte sich , und zugleich schien mir alles Heil der Welt nur auf diesen zwei schönen Augen zu stehen ; während ich sie aber aus Dankbarkeit schon für ihr bloßes Dasein liebte und ehrte , verschmähte ich , sie auch nur in Gedanken mit meiner Person zu behelligen aus lauter Demut und Furcht , und doch war Demut wie Furcht wieder eine Lüge , wenn sie zwanzigmal mit unbestimmten Hoffnungen , mit Vorstellungen von Glück und Freude wechselten , statt zum Entschlusse weiser Flucht zu führen . Mit Ruhe und Arbeit war es nun vorbei ; denn so wie ich etwas in die Hand nehmen wollte , verirrten sich meine Augen in das Weite , und alle Gedanken flohen dem Bilde der Geliebten nach , welches , ohne einen einzigen Augenblick zu weichen , überall um mich her schwebte , während es zu derselben Zeit schwer wie aus Eisen gegossen in meinem Herzen lag , schön , aber unerbittlich hart und schwer . Von diesem eisernen Drucke , der mir sehr neu und grausam vorkam , war ich nur in Dortchens Gegenwart frei ; kaum sah oder hörte ich sie nicht mehr , so stellte er sich wieder ein ,