Er schwieg eine Weile , und Renate sah bang auf ihn . » Das ist nun zwanzig Jahre « , fuhr er fort , » oder noch länger , und ich hatt es vergessen . Aber nun hab ich es wieder : Salve caput cruentatum Totum spinis coronatum Conquassatum , vulneratum Facie sputis illita ... « Er hatte sich bei jeder neuen Zeile mehr und mehr erhoben und starrte mit einem Ausdruck , als ob er etwas sähe , auf den Wandpfeiler zu Füßen seines Bettes . Und ein Lächeln , in dem Schmerz und Erlösung miteinander kämpften , verklärte jetzt sein Gesicht . » Kathinka hatte recht ... aber nun ist es zu spät ... Salve caput cruentatum ... « Es waren seine letzten Worte . Er sank in die Kissen zurück , und seine Augen schlossen sich für immer . Fünfundzwanzigstes Kapitel Wie bei Plaa In derselben Stunde noch war ein reitender Bote nach Berlin hin abgegangen , um dem Vater , in einigen Zeilen Berndts , die Nachricht von dem Tode seines Sohnes zu überbringen . Kein Versäumnis hatte stattgefunden . Nichtsdestoweniger ließ sich das Eintreffen des alten Geheimrats vor nächstem Abend nicht erwarten . Am Morgen fanden sich wie gewöhnlich alle Hausgenossen in dem Eckzimmer zusammen , nur Renate fehlte , und Hirschfeldt nahm jetzt Veranlassung , alles , was ihm Tubal als seinen » Letzten Willen « ausgesprochen hatte , zur Kenntnis Berndts zu bringen . Dieser war einverstanden damit , das Hinaufschaffen des Toten in die Kirche soweit wie möglich zu beschleunigen ; was aber das Begräbnis angehe , so werde der alte Ladalinski darüber zu bestimmen haben . Darnach trennte man sich . Hirschfeldt und Bamme ritten auf eine Stunde zu Drosselstein hinüber , und Lewin ging in die Pfarre , um all sein Freud und Leid an dieser Stelle auszuschütten . Wußte er doch , daß er hier alles sagen durfte , weil er für alles ein Verständnis fand . Und mehr als das : ein stilles Gemüt , das den Frieden geben konnte , den es selber hatte . Und nach diesem Frieden sehnte sich sein Herz . Um zwei Uhr mittags fuhr ein großer Leiterwagen auf das Dorf zu , einer von denen , wie man sie zur Erntezeit , mit Garben hoch beladen und einem » Baum « darüber , in die vorn und hinten geöffneten Scheunentore hineinschwanken sieht . Ein sogenannter Oostwagen . Er kam von Küstrin , und jeder Hohen-Vietzer , der ihm irgendwo begegnet wäre , hätte gewußt , daß es ein Kniehasesches Gespann war und ein Kniehasescher Knecht , der fuhr . Dieser saß auf einem etwas vorstehenden Brett und hatte beide Füße auf die Deichsel gesetzt . Auf demselben Brette , dicht hinter ihm , standen zwei Särge , der eine schwarz mit weißem Beschlag , der andere gelb und mit häßlicher blauer Verzierung . Der gelbe viel kleiner . An den schwarzen hatte sich der Knecht angelehnt und rauchte . » Hü ! « und dabei gab er den Pferden einen Schlag . Als sie bis an die Auffahrt gekommen waren , traten Krist und Pachaly , die schon warteten , vor , um den vordersten Sarg abzuladen . Der Kniehasesche Knecht war ihnen dabei behülflich . » Wecke Stunn bringen se ' n rupp ? « fragte der Knecht , als er Kristen in den oberen Griff des Sarges einfassen sah . » Hüt noch , glieks . « » Un vörn Altar ? « » Joa , so seggen se . « » Un woto vörn Altar ? Dat ' s nich Mod bi uns . « » Ick weet nich . Et is en Pohlscher . Un da möt et woll so sinn . « Damit beruhigte sich der Kniehasesche Knecht und fuhr mit dem gelben Sarge weiter die Dorfstraße hinauf , an dem Schulzenhofe vorüber . Als er bei Miekleys Mühle war , bog er in den Forstacker ein und hielt endlich vor Hoppenmariekens Haus . Hier standen alte Weiber , die den gelben , häßlichen Sarg in Empfang nahmen . » Kuck « , sagte die eine , » geel un blu , Dat is so wat för Hoppenmarieken . « » Un so kleen as en Kinnersark . « » Na , vun ' ne Kinner wihr se nu groad nich . « » Nei , awers de Düwel is ook mal kleen west . Un wat deiht et ehr , dat se ' ne Hehlersch wihr ? Se kümmt jo nu ook rupp , un se kulen ehr inn mang all de annern . Oll-Sidentopp wihr joa daför . « » Joa , he . He denkt ook , he kann allens . « Und damit brach das Gespräch ab . Im Herrenhause war inzwischen ein lebhaftes Treiben gewesen , auf und ab , aber wie auf Socken , und kein Wort wurde gesprochen . Um vier Uhr lag der Tote gebettet in seinem Sarge , und eine Stunde später trugen ihn sechs Träger über den oberen Korridor hin und langsam die Treppe hinunter . Als sie die letzten Stufen eben passiert hatten und über den Hinterflur fort , wo das Hausgesinde stand , auf die Halle zu wollten , sahen sie sich aufgehalten , denn Hektor lag mitten in ihrem Wege . Er hatte sich von seiner Binsenmatte her bis an diese Stelle vorgeschleppt und mühte sich jetzt , sich aufzurichten . Aber umsonst ; er winselte nur , und den Augen Berndts , der sich bis dahin gehalten hatte , entstürzten Tränen . So durchschritten sie das Haus , den Hof und bogen zuletzt in den oft genannten Hügelweg ein , der zur Kirche hinaufführte . Als sie bis dicht heran waren , erglühte der Horizont im Widerschein der eben untergegangenen Sonne . Der alte Kubalke schloß auf , und eine kleine Weile noch , so stand der Tote vor dem Altar . Es war eben neun Uhr , als eine Chaise vor dem Herrenhause hielt , deren Ankunft , da das Stroh noch lag , von niemandem , am wenigsten von Jeetze , der ohnehin schlecht hörte , bemerkt worden war . Endlich ward es hell an den Fenstern , und gleich darauf erschien Lewin und trat an den Wagenschlag , um dem alten Ladalinski , denn er war es , beim Aussteigen behilflich zu sein . Das Aussehen des Geheimrats zeigte sich wenig verändert ; seine Haltung war gerade und aufrecht , Anzug und Haar geordnet . Er fragte nach Renate , die nicht zugegen war , und folgte dann Berndt in das Eckzimmer , in dem ein hohes Kaminfeuer brannte und der Teetisch nach russischer Art , wie der Gast es liebte , hergerichtet war . Bamme und Hirschfeldt wollten sich zurückziehen , wurden aber aufgefordert zu bleiben , ebenso die Schorlemmer . Alle setzten sich , Tee wurde gereicht und von der Fahrt gesprochen . Es sei nicht möglich gewesen , Berlin vor Mittag zu verlassen ; allerhand Anordnungen hätten den Moment der Abreise hinausgeschoben . Unter solchem Geplauder vergingen Minuten , ohne daß des Ereignisses , das den Geheimrat hierher geführt hatte , erwähnt worden wäre . Er bat um ein zweites Glas Tee , und erst als er auch dieses geleert und dabei den Wunsch ausgesprochen hatte , seine Weiterreise so bald wie möglich antreten zu können , sagte Berndt : » Hab ich recht verstanden ? Weiterreise ? « Der Geheimrat nickte . » So werden Sie nicht unmittelbar nach Berlin zurückkehren ? « » Nein . Ich gedenke gleich von hier aus die Leiche meines Sohnes nach Bjalanowo überzuführen . Alle Ladalinskis stehen dort . Das Leben hat seine Forderungen , aber auch der Tod . Es liegt mir daran , im Sinne meines Sohnes zu handeln , der , wie mir wohl bewußt , diesen Zug nach der Heimat hatte . « Hirschfeldt wollte berichtigen ; Berndt aber , der den Eigensinn Ladalinskis kannte und von mancher früheren Erfahrung her wußte , daß unbequeme Mitteilungen wohl das Gemüt seines Gastes beunruhigen , aber an seinen Entschlüssen nichts ändern konnten , ergriff deshalb statt des Rittmeisters das Wort und beeilte sich , ohne weiteres seine Zustimmung auszusprechen . Hirschfeldt erriet die Absicht , und so wurde denn festgestellt , daß um neun Uhr früh die Weiterreise stattfinden und zur Überführung des Toten ein Schlitten , am besten ein Planschlitten , leicht und einspännig , beschafft werden solle . Alles regelte sich rasch und kurz , und nun erst sagte der Geheimrat , indem er sich erhob : » Ich wünsche meinen Sohn zu sehen . « » Er steht in der Kirche oben « , bemerkte Berndt . » Vor dem Altar . Es war sein letzter Wunsch . « » So will ich hinauf . Aber allein , Vitzewitz . Ich bitte nur um die Begleitung Ihres Küsters . Ein Alter , hoff ich . « Dies konnte bejaht werden , und das Gespräch , das sonst ins Stocken geraten wäre , wandte sich jetzt mit Vorliebe und Ausführlichkeit dem Umstande zu , daß es im ganzen Oderbruche kein Dorf gäbe , in dem die Leute so alt würden wie in Hohen-Vietz . Immer neue Beispiele wurden gefunden , erst der alte Wendelin Pyterke und dann Seidentopfs Amtsvorgänger , der seine diamantene Hochzeit gefeiert und drei Tage später einen kleinen Ururenkel getauft habe . Schwäche halber freilich habe er die Taufformel im Sitzen sprechen müssen . Und bei diesem Amtsvorgänger und seinem Ururenkel - dessen Existenz übrigens , wie wenn es sich um eine Unschicklichkeit gehandelt hätte , von der Schorlemmer bestritten wurde - verweilte das Gespräch noch , als Jeetze meldete , daß der alte Kubalke angekommen sei und draußen warte . Alle gingen ihm entgegen . Er stand in der Halle und hielt den Kirchenschlüssel und eine große Laterne in seiner linken Hand . Mit der rechten nahm er sein Sammetkäppsel ab und grüßte . » ' s ist schon spät , Papa « , sagte Ladalinski . » Mehr Bettzeit als Kirchenzeit . Aber Ihr wißt- « Und damit verließen beide den Flur und traten in die mit allerhand Strauchwerk besetzten Parkgänge hinaus . Lewin und Hirschfeldt waren ihnen bis an die Hoftüre gefolgt . » Wie bei Plaa « , sagte jener und setzte nach einer kurzen Pause hinzu : » Aber dieser Gang ist schwerer . « Hirschfeldt nickte still , und beide kehrten in das Eckzimmer zurück . Die beiden Alten stiegen inzwischen hügelan , Kubalke zwei , drei Schritt vorauf , um besser leuchten zu können , denn nur wenige Sterne schienen , und hier und dort waren Wurzeln über den Weg gewachsen . Als sie halb hinauf waren , hielt er , bis der Geheimrat heran war , und sagte : » Passen S ' Achtung , gnäd ' ger Herr , hier ist Glatteis . « Und dann ins Plattdeutsche fallend , was ihm , trotzdem er Schulmeister war , aus Alter und Unachtsamkeit öfters passierte , schloß er seinen Satz : » De verdüwelten Jungens , se hebben hier ' ne Slidderboahn moakt . Un mihr as een . Se weeten nich , dat ook olle Lüd in de Welt rummerlopen . Olle Lüd , as wie ick . « » Wir werden so weit nicht auseinander sein « , sagte Ladalinski , dem die Weise , wie der Alte sprach , angenehm im Ohre klang . » Doch , doch « , antwortete dieser und fuhr dann , ebenso unwissentlich das Hochdeutsche wieder aufnehmend , fort : » Als ich so war , wie der gnäd ' ge Herr jetzt sind , Mitte Sechzig oder so , da war meine Maline noch keine zehn Monat alt , und die Eve , die ja der gnäd ' ge Herr auch kennen - drüben in Guse , aber jetzt hab ich sie wieder bei mir , denn es ist unser Nestküken - , ja das Evelchen , das war noch gar nicht geboren . « » Da sind Sie über achtzig , Papa ? « » Dreiundachtzig . Das heißt nächsten dreizehnten August . « » ... Und müssen also spät geheiratet haben . « » Ja , gnäd ' ger Herr , das hab ich . Das heißt , es war die zweite Frau . Als ich das erste Mal auf die Freite ging , das war drei Jahr eher , als wir die Russen hier hatten , und ich war eben erst ins Dorf gekommen ... Aber da sind wir schon . « Und dabei trat er auf die Steinstufen des tief eingeschnittenen Portals und schloß die große Kirchentür auf , die sich nach innen hin öffnete . Sie passierten erst den Turm zwischen dem Stubbenholz und den alten katholischen Altarpuppen hin , die zusammengefegt in der Ecke lagen , und schritten dann , an den Chorstühlen vorbei , den breiten Mittelgang hinauf , auf Altar und Kanzel zu . Als sie bis an die vorderste Stuhlreihe gekommen waren , wollte der Geheimrat nach links hin eintreten und sich einen Augenblick setzen ; denn er bedurfte der Sammlung . Aber der alte Kubalke zog ihn hastig wieder zurück und sagte : » Nicht da , gnäd ' ger Herr ; das ist der Majorsstuhl . « Der Geheimrat sah ihn verwundert an . » Nicht da , gnäd ' ger Herr « , wiederholte der Alte , » nicht da . Das war Anno 59 , und ich seh es noch wie heute . Sie brachten ihn von Kunersdorf her , Grenadiere von Regiment Itzenplitz , und hier legten sie ihn nieder , hier auf diese Bank . Aber er hatte das Leben satt . Kinder , ich will sterben , sagte er und riß sich die Binden ab . Und da hat er sich verblutet . Es war den 12. August , den Tag vor meinem Geburtstag . « Bei diesen Worten hatte der alte Kubalke den Geheimrat nach der andern Seite hinübergezogen . Die vorderste Chorstuhlreihe war hier freilich geschlossen , aber in ihrer Front lief eine schmale Bank , auf der , wenn Konfirmation war , die Einsegnungskinder ihre Plätze hatten . Darauf setzten sich jetzt die beiden Alten und hatten nun die Bahre dicht vor sich , keine drei Schritt ab . Als sie sich eine Weile geruht , sagte Ladalinski : » Nun , denk ich , wollen wir den Deckel abnehmen . « » Noch nicht , gnäd ' ger Herr . Sie müssen den jungen Herrn Sohn doch wenigstens sehen können . Und es ist ja noch so dunkel . Ein lieber junger Herr . Erst letzten Sonntag , da hab ich ihn hier eingeschlossen mit Marie Kniehase ; denn ich habe keine Augen mehr . Und als ich nach einer Viertelstunde wiederkam , da stand er hier und hatte rote Backen . Dicht neben dem Majorsstuhl . Aber die Marie war noch röter . Ich will erst die Lichter anstecken , gnäd ' ger Herr . « Damit ging er auf den Altar zu , nahm die Wachslichter von den großen Messingleuchtern und zündete sie an . Anfangs schien es , daß sie wieder verlöschen wollten , aber zuletzt brannten sie , und der Alte , während er jetzt die Bahrdecke fortnahm und auf die Altarstufen niederlegte , sagte ruhig : » Nu , mit Gott , gnäd ' ger Herr . « Ladalinski hatte sich erhoben und stellte sich an die eine Schmalseite des Sarges . » Steh ich zu Häupten oder zu Füßen ? « fragte er . » Zu Häupten . « » Ich will doch lieber zu Füßen stehen . « Darnach wechselten sie die Plätze und hoben nun den Deckel ab , der alte Geheimrat mit krampfhaft geschlossenem Auge . Und nun erst sah er auf den Sohn , fest und lange , und fand zu seiner eigenen Überraschung , daß sein Herz immer ruhiger schlug . Was war es am Ende ? Er war tot . Und er fühlte tief in seiner Seele , daß es nichts Schreckliches sei , nein , nein , Freiheit und Erlösung . Das Leben erschien ihm so arm , der Tod so reich , und nur ein Gefühl beherrschte ihn : » Ach , daß ich an dieses Toten Stelle wäre . « Er betete für ihn und für sich selbst ; dann , während ihn alles traumhaft umwogte , stand er eine Minute noch und sagte dann : » Nun , Papa , wollen wir wieder schließen . « Der war es bereit , und sie legten auch die Bahrdecke wieder über den Sarg , ein verschossenes Stück Wollenzeug , das nur eben bis an die Tragbalken der Bahre reichte . Und siehe , das alte katholische Gefühl , wie es sich erst in Kathinka und dann zuletzt auch in Tubal geregt hatte , es wurde jetzt ebenso in dem Herzen des alten Ladalinski wieder lebendig , und er sagte , während er auf den Sarg und die ärmliche Decke deutete : » Es sieht so kahl aus . Was meint Ihr , ich möchte das Kruzifix nehmen und es obenauf legen . Oder glaubt Ihr , daß es Anstoß gibt ? « » Nicht doch , gnäd ' ger Herr . Das ist so recht was für ein Kruzifix . Dafür ist es ja da , für die Toten , die brauchen ' s. Hier unten geht es noch so ; aber drüben , da fängt es an . « Und so nahmen sie das Kruzifix vom Altar , legten ' s auf die Sargdecke und setzten sich wieder , der alte Kubalke aber fuhr in zutraulichem Tone fort : » Es ist noch keine sieben Jahre her , da hab ich es auch vom Altar weggenommen . Denn da war die Löffelgarde hier und die Marodeurs ; und auch den andern war nicht viel zu trauen , wenn es was Silbernes war . Und da sagt ich zu meiner Frau : Frau , wo stecken wir ' s hin ? - Steck es in den Bettsack , sagte sie , aber das wollt ich ja nicht , und so steckt ich es in mein Kopfkissen und legte mich und wollte darauf schlafen . Aber das war auch nicht das Rechte , und ich hatte keine Ruhe , und mir war es immer , als drückt ich auf die Wunden meines Heilands und tät ihm weh . Da stand ich denn auf und nahm es wieder heraus und hing es an den Spiegelpfeiler . Mutter , sagt ich , es ist nicht nötig , daß wir es verstecken . Und wenn das Franzosenzeug auch in unsere Kirche einbricht , in ein armes Küsterhaus werden sie nicht einbrechen . Da suchen sie nichts . Und wenn sie doch kommen , da wird er sich selber zu schützen und zu helfen wissen . Denn das haben wir hier herum erfahren , er läßt sich nicht spotten . Auch in seinem Bilde nicht . « Der Geheimrat hatte bewegten Herzens zugehört . Ach , wie wohl ihm diese Sprache tat und dieser kindliche Glaube . Er nahm seines Begleiters Hand und sagte : » Nun wollen wir wieder gehen . « Und beide standen auf ; der Alte löschte die Lichter , und zwischen den Kirchenstühlen hin schritten sie wieder auf den Ausgang zu . Als sie den Turm eben passierten , schlug es zehn . Der Schlag der Glocke dicht über ihnen erfrischte dem alten Ladalinski das Herz , und so traten sie wieder ins Freie . Es war noch dunkler geworden , die letzten Sterne fort , und Kubalke ging wieder vorauf , bis sie halben Weges an die Schlitterbahnstelle kamen . » Passen S ' Achtung , gnäd ' ger Herr , hier ist das Glatteis « , sagte der Alte wie beim Hinaufsteigen und schien auch wieder von den » verdüwelten Jungens « sprechen zu wollen . Aber Ladalinski kam ihm zuvor und sagte , anknüpfend an ihr unterbrochenes Gespräch : » Sie waren zweimal verheiratet , Papa ? War es nicht so ? « » Ja , gnäd ' ger Herr . « » Und hatten auch Kinder von der ersten Frau ? « » ' ne Tochter . « » Und die lebt noch ? « » Nein , gnäd ' ger Herr . Lange tot ; gestorben und verdorben . ' S war so der Nachlaß von der Mutter her . « Der alte Geheimrat sah ihn fragend an . » Ja , die Mutter . Das war so eine schmucke Person , und alles Mannsvolk lief ihr nach . Und da war auch ein Kandidat hier , und eines Sonntags , als sich der alte Pastor Ledderhose , der hundert Jahr alt wurde , den Fuß ausgerenkt hatte , da stand unser Herr Kandidat auf der Kanzel und predigte , und Wendelin Pyterke , der damals unser Schulze war , sagte zu mir : Höre , Kubalke , der versteht ' s. Und er verstand es auch . Aber was ? Am Abend waren sie beide fort . Ins Pommersche , so nach Kammin oder Kolberg zu . Und da wurd er Salzinspektor ; aber es dauerte nicht lange , und es hat ein schlechtes Ende genommen . « » Und die Tochter ? « » Die war bei mir , bis sie siebzehn war ; da flog sie auch weg , und es war alles ebenso . Wie sich einer bettet , so liegt er . Aber nun ist Gras drüber gewachsen . « Bei diesen Worten waren sie wieder bis an die Rückseite des Herrenhauses gekommen , und der alte Kubalke klinkte die Hoftür auf . Auf dem matt erleuchteten Hinterflur trafen sie Jeetze . » Gute Nacht , Papa ! « sagte Ladalinski . » Haben auch manches erlebt . « » Ja , gnäd ' ger Herr . Aber Gras wächst über alles . « Sechsundzwanzigstes Kapitel Zwei Begräbnisse Um neun Uhr früh hatte Ladalinski seine Reise nach Bjalanowo hin fortsetzen wollen , und nachdem er sich , als diese Stunde da war , im Hause verabschiedet hatte , stieg er jetzt die winterlich kahle Nußbaumallee hinauf , um den vor dem Altar stehenden Sarg abzuholen . Mit ihm waren nur Berndt und Lewin . Neben ihnen her schwankte ein in Federn hängender Chaisewagen , während ein nur mit einem einzigen Pferde bespannter Planschlitten um zehn oder zwanzig Schritt vorauffuhr . Es war derselbe , der schon die Fahrt nach » Bastion Brandenburg « mitgemacht und von Bamme vorahnend den Namen » Sargschlitten « empfangen hatte . Pachaly saß wieder auf dem Deichselbrett , alles wie drei Tage vorher , nur daß sich auf dem hohen Kummet des Pferdes , in einem alten Stahlbügel aufgehängt , ein einziges Schlittenglöckchen hin und her bewegte . Nun war man oben ; die Planschleife fuhr unmittelbar bis an die Stufen des Portals , während der Chaisewagen in einiger Entfernung halten blieb . Die Kirche stand auf ; Pachaly trat mit ein , und einen Augenblick später erschien auch der Ladalinskische Diener . So schritten sie den Mittelgang hinauf bis an den Altar ; Berndt erkannte das Kruzifix und wußte wohl , wer es dahin gelegt hatte . Sie stellten sich nun zu beiden Seiten des Sarges , ohne daß ein Wort gesprochen worden wäre ; endlich sagte der Geheimrat : » Nun tragt ihn hinaus . « Und dabei nahm er das Kruzifix , um es wieder auf den Altar zu stellen , von dem er es genommen hatte . Aber der alte Vitzewitz kam ihm zuvor und sagte : » Nein , Ladalinski , nicht so , das ist nun Ihre ; mein Großvater hat es dieser Kirche gestiftet , und ich werde ein neues stiften . Nehmen Sie es , ich bitte Sie darum . Sie haben mir , wollentlich oder nicht , Ihren Sohn gegeben , und alles , was ich Ihnen wiedergeben kann , ist dieses Kreuz . Ach , ich hab es auch getragen . « Ladalinskis Lippen zitterten ; er konnte nicht sprechen oder wollte nicht . Dann aber riß er in freudiger Erregung einen Streifen von der Bahrdecke , legte den Streifen , als ob es eine Schärpe wäre , um die Mitte des Sarges und schob das Kruzifix , das sonst keinen Halt gehabt hätte , in den schwarzen Schärpenknoten hinein . Darnach trat er beiseite , und Pachaly und der Diener faßten nun die Bügel und trugen den Toten hinaus . Eine Viertelstunde später bog der Schlitten , der sich bis dahin auf der Höhe langsam fortbewegt hatte , nach links hin aus und fuhr , als er den Abhang glücklich hinunter war , zwischen den Uferweiden auf Frankfurt zu . Die Chaise folgte , und während ihr überdeckter Polstersitz auf dem holprigen Wege hin und her schwankte , wurden Erinnerungen in dem Herzen des alten Ladalinski wach , und er mußte jener Reise gedenken , die ihn vor langer , langer Zeit auf ebenso verschneiten Wegen nach Bjalanowo hin geführt hatte . Und doch wie anders damals ! Eine Hochzeitsreise war es , und die reizendste der Frauen - eben erst die seine - schmiegte sich unter übermütigem Lachen an seine Seite ; der Schnee stäubte , die Pferde flogen , und jeder neue Rasteplatz brachte neue Blumen und neue Huldigungen . Erfinderisch war er gewesen , wie die Liebe selbst . Und jetzt sah er nichts vor sich als den Schlitten , den die Uferweiden streiften und der langsam auf eine Gruft zufuhr , die nicht mehr die seine war und an deren Tür er um Gastlichkeit bitten mußte für seinen Toten . Das war mehr , als er tragen konnte . Scharf und leise klang das Glöckchen , und scharf und leise fielen seine Tränen . Um dieselbe Stunde , wo der alte Geheimrat , begleitet von Berndt und Lewin , zu der Kirche hinaufgestiegen war , war auch Bamme , nach Anlegung seines Husarenrocks , aus dem Herrenhause getreten , hatte sich aber nach fast entgegengesetzter Seite hin begeben . Es lag ihm daran , dem Begräbnis Hoppenmariekens , das im Laufe des Vormittags stattfinden sollte , beizuwohnen , bei welcher Gelegenheit er noch einen Blick auf diesen Gegenstand seines besonderen Interesses zu tun hoffte . Als er in die Nähe des Heckenzaunes kam , der das Häuschen einfaßte , sah er , daß allerhand Gesindel zu beiden Seiten des Weges Spalier gebildet hatte , zum Teil dieselben alten Weiber , die gestern dem Kniehaseschen Knecht beim Abladen des Sarges behilflich gewesen waren . Bamme grüßte und hörte nicht ohne Befriedigung , daß hinter ihm her gezischelt wurde : » Dat is he ; wie schnaaksch he utsieht . « Darnach trat er in das offenstehende Haus . Ein starker Zug wehte , trotz dieses Zuges aber war es warm , denn der Ofen pustete , und auf dem Flurherd brannten große Scheite , um die seltsamerweise mehrere Kochtöpfe gestellt waren . Das hatten die Forstackersleute getan , die sich auf Hoppenmariekens Kosten einen guten Tag machen wollten . Erben waren nicht da , und Kniehase sah ihnen durch die Finger . Bamme hatte sich was versprochen , aber er fand doch mehr noch , als er erwartet hatte . Auf zwei Stühle , nach Art eines Reisekoffers , war der offene Sarg gestellt , und auf dem Rande des Sarges saß ein schwarzer Vogel , einem Raben ähnlich , nur viel kleiner . Als der Vogel den Eintretenden gewahr wurde , hüpfte er von dem einen Rande auf den andern hinüber und von diesem auf den Sargdeckel , der mit seinen blitzblauen Beschlägen auf zwei andern Stühlen lag . Es machte dies Platzwechseln durchaus den Eindruck , als ob es aus Respekt gegen Bamme geschähe , der es denn auch so nahm und , an den Vogel herantretend , ihn belobigte . » Bist ein braver Kerl , hast Lebensart . « Gleich darauf indessen entsann er sich seines eigentlichen Zwecks , schob den am Wandpfeiler stehenden Tisch , darin das Gesangbuch und die Karten lagen , beiseite und probte sich einen Platz aus , um die Tote bequem und in guter Beleuchtung betrachten zu können . Diese lag in Staat , und nichts war vergessen , was zu Hoppenmarieken gehörte . Das weiße Haar war unter das schwarze Kopftuch gebunden , die Zipfel standen hoch nach oben , und ihre zwei dicken Wasserstiefel sahen mit halber Sohle aus dem Sarge heraus . In ihrer Rechten hielt sie den Hakenstock , weil er aber zu lang gewesen war , war er in zwei Hälften zerbrochen worden , und das untere Stück lag nun daneben . Ihr Gesichtsausdruck hatte sich wenig verändert ; das Listige hatte der Tod fortgenommen , aber das Trotzige war geblieben . Bamme war entzückt ; er drehte den Hakenstock ein wenig zur Seite und sagte dann vor sich hin : » Zwergen-Bischof « , eine Bemerkung , zu der er sich , in Ermangelung eines guten Publikums , vorläufig selber gratulierte . Dann sah er in den Alkoven hinein , in dem sich die großen Gundermannsbüschel im Zugwinde hin und her bewegten , und fand auch hier alles » superbe « . Als er wieder in die Vorderstube trat , war der schwarze Vogel auf den Rand des Sarges zurückgeflogen , und Bamme , neugierig und verwundert , was das Tier da wolle , trat jetzt heran und sah , daß es von der Toten in aller Wirklichkeit gefüttert wurde . Die Nachbarweiber hatten ihr nämlich Ebereschenbeeren und Weizenkörner in die geöffnete linke Handfläche gelegt . Das war so Forstackerpoesie . Bamme nickte und wollte wieder auf seinen Beobachtungsposten zurückkehren , mußte sich aber bald überzeugen , daß es mit dem Zauber dieser Stunde zu Ende gehe . Die Neugierde der Hoppenmariekeschen Vögel , die zwischen ihren Gitterstäben