hier nicht aus ! rief der Andere . Seit unser Regiment aufgelöst ward , seit die Schmach dieser Zeit auf uns lastet , habe ich keinen freien Athemzug mehr gethan . Was hilft es mir , daß ich in dem Bureau des Staatskanzlers beschäftigt werde , daß er selbst mich gütig damit vertröstet , ich könne auch als Beamter meinem Vaterlande nützlich werden ? Wozu haben alle diese Schreibereien und Verhandlungen geführt , als uns noch tiefer hinabzudrücken ? Nur Eines hilft uns , nur Eines rettet uns - der freie , offene Kampf ! Er unterbrach sich und fragte : Warum schweigen Sie , Tremann ? Weil Sie ohnehin wissen , lieber Werben , daß ich Ihre Ansicht theile ; mich dünkt , wir haben uns darüber ausgesprochen , als ich zum ersten Male Sr. Excellenz die Briefe überbrachte , die man mir für ihn in Petersburg gegeben hatte . An dreihundert unserer Officiere , nahm jener wieder das Wort , sind allmählich nach Oesterreich und Rußland gegangen . Mein Vater kann mir , das fühle ich , in seiner Stellung die Erlaubniß dazu nicht geben , so wenig er mich aufrichtig tadeln kann , wenn ich ohne dieselbe meiner Ueberzeugung folge . Willigen Sie in meinen Plan , so sende ich morgen Ihren Diener mit einer Botschaft zu meiner Mutter , die ihn auf dem Gute behalten soll , bis Sie ihn zurückverlangen , und Sie bringen mich an seiner Statt über die Grenze nach Rußland hinüber . Das kann geschehen , sagte Paul nach kurzer Ueberlegung . Und Sie selbst , Tremann , Sie , der Sie doch jenseit des Oceans freie Luft geathmet haben , der Sie frei und durch nichts gebunden sind , denken Sie wieder in diese Kerkerluft zurückzukehren , freiwillig noch länger in der Knechtschaft zu verharren , in welcher fast ganz Europa schmachtet ? Ich bin nicht frei ; ich habe mit meiner Person für fremdes , mir anvertrautes Gut zu stehen und mein Vermögen zu bewahren , auf dem meine persönliche Unabhängigkeit beruht , entgegnete Paul . Aber alle Schritte sind gethan , mich von den Verpflichtungen zu lösen , mit denen ich Anderen verhaftet bin , und ich hoffe , zu rechter Zeit über mich verfügen zu können . Er stand mit den Worten auf , ging an seinen Schreibtisch , schrieb in mehrere einzelne Blätter immer nur wenige Worte und benutzte diese Blätter zu Umschlägen über die Briefe , welche Herr von Werben ihm ausgehändigt hatte . Dann adressirte er sie nach verschiedenen Orten und wollte dem Comptoirdiener schellen , der sie fortbringen sollte ; aber er besann sich eines Anderen . Kommen Sie zu Seba hinauf ? fragte er . Nein ; ich glaube , es ist gerathener , wenn ich ' s unterlasse , da Sie nun den Freunden mittheilen können , was Sie von mir gehört haben . Nur daß ich mit Ihnen gehe , lassen Sie nicht verlauten . Nichtwissen macht unverantwortlich . So will ich Sie gleich nach dem Gartensaale führen , antwortete Paul , und die Briefe danach selbst zur Post besorgen . Es weiß dann außer dem Gärtner , auf den man sich unbedingt verlassen kann , Niemand , daß ich einen Besuch gehabt habe - und unter Aufsicht halten die Schildwachen und die Dienerschaft des Generals uns jetzt , wie ich glaube , in der That . Der Hauptmann wickelte sich wieder in seinen Mantel ein , Paul geleitete ihn durch das Nebenzimmer bis an die Thüre des Gartensaales . Sie schüttelten einander herzlich die Hand , und Jener verließ das Haus und den Garten auf dem Wege , den er gekommen war . Als Paul dann nach seinem Gange in die Stadt in Seba ' s Cabinet trat , fand er einen kleinen Kreis von Männern und Frauen , unter ihnen die Gräfin Rhoden , bei ihr versammelt . Man hatte sich , seit die patriotischen Vorlesungen vor Männern und Frauen gehalten worden , in denen Seba auch mit der Gräfin Rhoden bekannt geworden war , an bestimmten Abenden im Flies ' schen Hause vereinigt , um sich im gemeinsamen Lesen und in Besprechung des Gehörten aufzuerbauen ; aber die Versuche der Franzosen und anderer nicht vertrauten Personen , sich in diesen Kreis Eingang zu verschaffen , nöthigten die Theilnehmer , sich gegenwärtig der regelmäßigen Zusammenkünfte zu enthalten und sich mit gelegentlichen Verabredungen zu behelfen . Paul war den Freunden bereits bei einer seiner früheren Anwesenheiten in der Residenz zugeführt worden , und seit er nach jener ersten russischen Reise mit Briefen des Freiherrn von Stein an den Staatskanzler betraut worden war , hatte das Zutrauen des Kreises zu ihm und seiner Tüchtigkeit sich gesteigert , so daß er einer über seine Jahre großen Geltung in demselben genoß . Die anwesenden Männer empfingen ihn mit freundlichem Handschlage , die Frauen hießen ihn willkommen , nur die Gräfin Rhoden , die er früher noch nicht gesehen , weil Krankheit sie längere Zeit zurückgehalten hatte , schien von seinem Anblicke befremdet zu werden , und unwillkürlich blieben ihre Blicke auf ihn geheftet , als er sich nach geschehener Vorstellung von ihr zu den ihm bekannten Personen wendete . Ein Beamter aus dem Kriegs-Ministerium , welcher schon früher angekommen war , hatte die Nachricht von dem Dresdener Congresse , die Paul als Neuigkeit mitbrachte , bereits vor ihm verkündet , und die Trauer über diese Kunde war unverkennbar . Man beklagte den König , man fand einen Trost darin , daß der Kaiser von Oesterreich sich zu dergleichen Anerkennung und Huldigung habe herbeilassen müssen , und bedauerte das Loos derjenigen preußischen Truppen , welche bestimmt waren , den feindlichen Eroberer auf seinem Zuge nach Rußland zu begleiten . Fast jeder der Anwesenden hatte einen oder den anderen Bekannten in diesen Regimentern , und die Gräfin erwähnte , wie bitter ihr junger Vetter , der Lieutenant von Arten , dies Schicksal finde . So soll er sich vor demselben wahren ! meinte Paul . » Wenn er Das könnte ! « seufzte die Gräfin . Er brauchte ja nur seinen Abschied zu nehmen , als man das neue Bündniß zur Reife kommen sah , das Preußen zu seiner Selbstvernichtung eingegangen ist . Während er diese Worte aussprach , klopfte es an die Thüre , und ohne von dem Diener gemeldet zu werden , der es wußte , welchen Personen er den Zutritt gestatten durfte , trat der junge Freiherr in das Cabinet . Sie kommen eben recht , lieber Renatus , rief ihm die Gräfin freundlich entgegen , sich wider einen Angriff zu vertheidigen ! Einen Angriff ? wiederholte der Lieutenant , indem er mit einem Blicke umhersah , der es aussprach , daß er dergleichen nicht gewohnt sei . Und darf ich fragen , wer mich in meiner Abwesenheit anzugreifen für nothwendig hielt ? Seba hatte eine leise Bewegung bei dem lange und von ihr mit peinlicher Besorgniß erwarteten Zusammentreffen der beiden jungen Männer nicht verbergen können , und die Art und Weise , in welcher es sich jetzt gestaltete , war nicht geeignet , sie zu beruhigen ; denn Paul erhob sich und sagte mit der ihm eigenthümlichen , festen Bestimmtheit : Ich , Herr von Arten , habe Sie nach der Meinung der Frau Gräfin angegriffen , obschon meine geäußerte Ansicht sich nicht auf Sie allein , sondern auf alle diejenigen Herren Officiere bezog , welche widerwillig den Fahnen des corsicanischen Tyrannen folgen . Es war nothwendig , die beiden jungen Männer , die , noch ehe sie sich kannten , feindlich zusammenstießen , einander vorzustellen . Und als Paul sich zu der geforderten Begrüßung abermals von seinem Platze erhob und sie nun aufrecht vor einander standen , fiel die große Verschiedenheit in ihrem Aeußeren den sämmtlichen Anwesenden auf . Paul überragte den feingebauten , schlanken Renatus um eines Kopfes Höhe , und seine breitbrustige Gestalt wie die Kraft der Jahre , welche er vor Renatus voraus hatte , ließen diesen in seiner knappen Uniform neben dem nach englischer Mode bequem und los gekleideten Bürger fast schwächlich erscheinen . Dazu erging es dem Freiherrn wie es der Gräfin ergangen war , Paul ' s Aehnlichkeit mit seinem Vater , die namentlich im Klange der Stimme eine vollständige war , verwirrte ihn , und von der plötzlich in ihm aufsteigenden Erinnerung an sein einstiges , in der Knabenzeit erfolgtes Zusammentreffen mit diesem Manne unwillkürlich ergriffen , sagte er kurz und trocken : So habe ich als ein Mitglied des Officiercorps wohl ein Recht , Sie um die Wiederholung jener Meinung oder Ansicht zu ersuchen . Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten , entgegnete Paul . Ich war der Meinung , daß es die Pflicht jedes preußischen Officiers gewesen sein würde , zur Zeit des neuen französischen Bündnisses seinen Abschied zu nehmen , wenn er die tyrannische Fremdherrschaft verachtet . Den Abschied im Beginne eines Krieges zu begehren , gestattet die militärische Ehre nicht , und uns dem Befehle unseres Königs zu widersetzen , verbietet uns sowohl der Eid , den wir geschworen haben , als unsere angeborene Unterthanenpflicht ! antwortete Renatus mit jener hochfahrenden Sicherheit , die immer hervortrat , wo er die Vorrechte seiner Kaste und seines Standes angegriffen glaubte . Paul verneigte sich , als lasse er diese Gründe gelten , und die kräftigen Lippen stolz aufwerfend , sprach er : So hat die Frau Gräfin unbedenklich Recht , wenn sie das Loos der preußischen Officiere bedauert , und ich habe mich glücklich zu preisen , daß ich , als ein Bürger des freien Amerika , keinem Herrn einen Eid geschworen habe und keinen anderen Ehrengesetzen als denen meiner Ueberzeugung nachzuleben brauche . Seba und die Gräfin versuchten , sich in das Mittel zu legen ; die gute und schöne Stimmung , welche in diesem auf das erhabene Ziel der Selbsterziehung und der Veredlung gestellten Kreise herrschte , kam ihnen dabei zu Hülfe . Die älteren Männer traten ausgleichend zwischen die Streitenden , und Paul war auch bald bereit , sein Verhalten gegen den jungen Officier als ein Unrecht anzuerkennen . Er gestand ein , daß man die obwaltenden Verhältnisse nicht aus den Augen setzen dürfe , daß nicht Jeder sich in der unabhängigen Lage wie er befände , und als er sah , wie schwer es Renatus fiel , seine Gereiztheit zu besiegen und zu einem Gleichmaße zu gelangen , bemächtigte sich seiner jene Reue des Mitleids , die sich einen Vorwurf daraus macht , seine überlegene Kraft gegen einen schwächeren Gegner angewendet zu haben . Aber die Unterhaltung kam nicht wieder in den gewohnten Fluß ; man nahm also zu gemeinsamem Lesen seine Zuflucht , und auch hierbei traten die beiden jungen Männer einander bald wieder feindlich entgegen , als in dem vorgelesenen Werke die Liebe zum Vaterlande als die stärkste Triebfeder für die Handlungen des Mannes angegeben wurde . Paul wollte das nicht gelten lassen ; er nannte die Vaterlandsliebe ein beschränktes Gefühl , eine Art von bewußtlosem Instinct . Renatus , der wie alle reizbaren Menschen eine von der seinen abweichende Meinung leicht als einen persönlichen Angriff auffaßte , fuhr mit der Frage dazwischen : Aber was kümmert Sie denn Europa , was kümmert Sie Preußen , wenn Sie es nicht als Ihr Vaterland lieben ? Weßhalb hassen Sie Napoleon , dessen Größe Sie nicht läugnen werden , wenn Sie in ihm nicht den Unterdrücker Ihres Vaterlandes hassen ? Ich hasse in ihm den Tyrannen , den Wortbrüchigen , den Unterdrücker der Freiheit überhaupt , entgegnete Paul , ich läugne auch seine Größe , denn sie ist nicht so groß als sein Glück , als die Gunst der Umstände , die ihn auf den Schultern und über die Köpfe einer entsittlichten Gesellschaft , einer verrotteten Monarchie emporgetragen hat ; und , fügte er , da Seba ' s Augen ihn mit bittendem Blicke zur Vorsicht mahnten , in leichterem Tone hinzu , vielleicht sind es auch meine kaufmännischen Angelegenheiten , die mich die gegenwärtigen Zustände als unerträgliche und darum unhaltbare ansehen machen . Unter dieser Gewaltherrschaft können Handel und Wandel nicht bestehen , kann das Capital sich nicht frei bewegen , leidet Jeder auf seine Weise . Die Gräfin , welche befürchtete , Renatus möchte diese Entgegnung als neuen Spott empfinden , behauptete , sie könne jene letzten Gründe unmöglich als die für Paul bestimmenden betrachten ; aber er blieb bei seinem Worte , und während sein schönes Gesicht sich wieder ganz und gar erhellte , rief er : Rechnen Sie denn die Habsucht und die Selbstsucht nicht überall zu den großen , die Welt bewegenden und erneuenden Kräften ? Sollen sie nur in Bonaparte ihre Geltung haben ? Es ist ganz einfach , wie ich ' s sagte . Ich hasse Bonaparte , weil er mich in meinem Erwerbe stört . Thut das ein Jeder an seinem Platze , so kommt Haß genug zusammen , ihn von seiner angemaßten Höhe hinab zu stürzen ; und wenn es auch nicht groß , nicht idealistisch klingt , seinen Erwerb in die erste Reihe zu stellen , so ist doch Idealismus genug darin verborgen ; denn auf meinem Erwerbe ruht mein Hab und Gut , ruht mein Vermögen , das heißt die Unabhängigkeit und Freiheit meines ganzen Thuns und Lassens . Solche Ansichten lagen eigentlich außerhalb der Meinungen und Gesinnungen dieses Kreises . Seba hatte jene Gleichgültigkeit gegen den Besitz , welche man häufig bei bevorzugten Naturen findet , wenn sie , im Reichthume erwachsen , niemals eine Entbehrung kennen gelernt und sich gewöhnt haben , ihren Zustand der Wohlhabenheit wie eine Naturnothwendigkeit anzusehen . Die Gräfin hingegen und die anderen Genossen hatten mehr oder weniger unter der Noth der letzten Jahre gelitten . Sie hatten sich beschränken , sich viel versagen , auf manches von ihnen bis dahin für unentbehrlich Gehaltene verzichten müssen , ohne daß sie sich in ihrem inneren Werthe und in dem Aufschwunge ihres Geistes dadurch beeinträchtigt fühlten ; und die Freunde waren deßhalb in diesem Augenblicke eher dazu geneigt , die Bedeutung und den Werth der äußeren Glücksgüter zu unterschätzen , da sie sich mit ihren Gedanken und Hoffnungen aus der beengenden Gegenwart in den Bereich einer schönen und befreiten Zukunft erhoben . Trotzdem ließ man die Aeußerungen des in den amerikanischen Freistaaten erwachsenen und durch die dort waltenden Anschauungen gebildeten Mannes endlich gelten , weil man sich zu seinem frischen , selbstgewissen und freien Wesen des Besten versehen zu können glaubte ; und während Renatus sich mit Geflissenheit von dem weiteren Gespräche fern hielt , fühlte die Gräfin sich von ihrer antheilvollen Neugierde getrieben , sich fast ausschließlich mit Paul zu beschäftigen , bis man den Wagen des Hausherrn vor der Thüre halten hörte und die ganze kleine Gesellschaft sich in das Wohnzimmer begab , den Vater und die Hausfreunde und Gäste zu erwarten , welche sich häufig noch nach dem Theater einzufinden pflegten . Eilftes Capitel Renatus langte an dem Abende in lebhafter Aufregung in seiner Wohnung an . Er hatte , seit er die Familie Flies besuchte , öfters von dem jungen Freunde Seba ' s , von dem Kaufmann Paul Tremann und von dessen bevorstehendem Eintritte in das Flies ' sche Geschäft reden hören ; da er jedoch sehr auf sich und seine Angelegenheiten gestellt war , hatte er wenig Achtsamkeit auf dasjenige , was ihn nicht persönlich anging , und der schlichte Name eines bürgerlichen Kaufmanns zog ihn nicht besonders an . Der Name irgend eines Edelmanns , irgend ein bedeutender Titel würden ihm weniger leicht entgangen sein . Nun hatte das Zusammentreffen mit Paul ihn erschüttert und erschreckt zugleich . Nur eines Augenblickes hatte Renatus bedurft , um alle seine Erinnerungen wachzurufen und sie mit dem gegenwärtigen Eindrucke in Verbindung zu bringen . Er konnte nicht daran zweifeln : der Fremde , der mit so stolzer , selbstgewisser Haltung vor ihm gestanden hatte , war jener Knabe , den er einst in dem Flies ' schen Laden gesehen , war derselbe , dessen völlige Aehnlichkeit mit seinem Vater ihm schon damals aufgefallen war , dessen Anblick seine Mutter auf das Krankenlager geworfen hatte , von dem sie nur für kurze Zeit erstanden war . Dieser junge Kaufmann war seines Vaters Sohn , der Sohn jenes Frauenzimmers , das sich in eifersüchtiger Verzweiflung das Leben genommen und an dessen eingesunkenem Grabe in der Ecke des Neudorfer Friedhofes Renatus einmal in seiner Knabenzeit von dem Jäger , der einst selbst ein Auge auf Pauline gehabt hatte , den ganzen Vorgang und Zusammenhang erfahren . Der Jäger hatte den Sohn Paulinen ' s wohl gekannt und hatte es bedauert , daß der arme Schelm wie seine Mutter um ' s Leben gekommen sei ; und nun stand jener Todtgeglaubte plötzlich vor dem jungen Freiherrn , ganz unverkennbar seines Vaters Sohn . Renatus konnte sich nicht erklären , was ihm das bloße Dasein dieses Mannes so widerwärtig machte . Es drohte seinen Rechten , seinem Besitze , seiner Stellung durch den Bastard seines Vaters nicht die mindeste Gefahr . Er hatte es durchaus in seiner Macht , die Begegnung mit Tremann zu vermeiden oder ihn nicht zu beachten , wenn der Zufall sie zusammenführte ; aber trotz seiner Abneigung gegen Paul verlangte ihn danach , auf ' s Neue mit ihm zusammenzutreffen , weil ein unabweisliches Gefühl ihm sagte , daß er neben jenem nicht zu seinem Vortheil erschienen sei . Er wünschte , durch die Ueberraschung nicht mehr befangen , und Herr über sich und seine Mittel , sich abermals mit Paul messen zu können , um ihm seine Ueberlegenheit fühlbar zu machen . Wie das geschehen sollte , davon hatte er freilich keine rechte Vorstellung ; aber das eben peinigte ihn und regte ihn auf . Es war ihm zuwider , daß Paul ihn an Stattlichkeit des Aeußern so weit übertraf , daß er seinem Vater so ähnlich sah . Der vorzügliche Geschmack , mit welchem Paul sich kleidete , die sorglose Leichtigkeit , in der er sich bewegte , die Freiheit und Bestimmtheit , mit denen er sich äußerte , die Geltung , deren er genoß , und vor Allem die spielende , freundliche Heiterkeit , mit welcher der junge Kaufmann seinem beginnenden Streite mit dem Freiherrn vorzubeugen getrachtet hatte , verdrossen den Letzteren , wie ihn selten etwas verdrossen hatte . Er wollte nicht geschont sein , von diesem Manne am wenigsten geschont sein ! Und wie er sich auch in einzelnen Augenblicken das Thörichte dieser Abneigung klar zu machen suchte , er konnte nicht Herr über seine Mißstimmung und über seine Aufregung werden . Es war schon spät gewesen , als er nach Hause gekommen war , denn die Gesellschaft war bei Seba lange zusammengeblieben , und es dünkte Renatus , als habe er Davide nie so reizend als eben an diesem Abende gesehen . Er hatte sie immer schön gefunden , aber die Freundschaft , welche er für seine Jugendgenossen , für die Gräfinnen Hildegard und Cäcilie hegte , hatte ihn im Ganzen wenig empfänglich für die Reize anderer Schönheiten gemacht , und seit er sich in seinem Herzen eingestanden , daß er Hildegard liebe , seit er in sich beschlossen , daß sie einst seine Gattin werden solle , hatte er andere Mädchen kaum noch beachtet . Er würde wahrscheinlich auch an diesem Tage sich , wie immer , mehr zu Seba und zu den älteren Frauen gehalten haben , wäre ihm nicht die schüchterne Freundlichkeit aufgefallen , mit welcher Davide Paul begegnete . Er hatte es sonst nicht ohne Erstaunen gesehen , wie dieses junge Mädchen sich seiner Schönheit bewußt war , wie es den Eindruck kannte , den es auf die Männer machte , wie es Alt und Jung in der ihm angemessen dünkenden Entfernung zu halten und sich mit großer Sicherheit seine Freiheit vor jedem ihm nicht erwünschten Anspruche zu bewahren verstand . Niemand hatte sich rühmen können , von Davide eine besondere Beachtung zu erhalten , und war es Renatus je einmal vorgekommen , als beweise sie sich gegen einen Andern freundlicher denn gegen ihn , so hatte er dabei kein Arg und keine unangenehme Empfindung gehabt , denn man entbehrt nicht , was man niemals begehrte . An diesem Abende jedoch war es ein Anderes gewesen . Gleich als man aus Seba ' s Cabinet in die große Stube gekommen , war Davide , ohne sich um die Uebrigen zu kümmern , auf Paul zugegangen , hatte ihm die Hand gereicht , ihm von dem Theater , von ihrer Freude an der Musik und von ihrem Vergnügen , ihn zu Hause zu finden , gesprochen , und dieser hatte das hingenommen , als komme ihm das zu , als sei Davide eben noch das Kind , als welches sie sich gegen ihn bezeigte , und als thue er ihr einen Gefallen , wenn er ihrem freundlichen Geplauder sein Ohr nicht versage . Renatus hatte sich darüber geärgert , das schöne Mädchen hatte ihm leid gethan . Er hatte es durch seine Höflichkeit und Achtsamkeit für Paul ' s Vernachlässigung entschädigen wollen . Aber Davide mußte ein solches Verhalten von dem Amerikaner wohl gewohnt sein und in der Ordnung finden , denn sie nahm die geflissentliche Annäherung des jungen Freiherrn gleichgültig auf und verließ ihn mitten in der Unterhaltung , um für Paul unaufgefordert die Zeitung zu suchen , nach der er im Gespräche mit andern Männern den Diener gefragt hatte , der den Thee herumgab . - Die Uhr schlug Stunde auf Stunde , der junge Freiherr konnte keine Ruhe finden , kein Schlaf wollte ihm kommen . Er wurde die Vorstellung nicht los , daß er von Paul beleidigt worden sei , daß er von Davide eine Kränkung erfahren habe , und je länger er an diese dachte , um so anziehender dünkte sie ihn , um so mehr wünschte er , sich von ihr ausgezeichnet und dadurch zugleich an Paul gerächt zu sehen . Er ging im Geiste alle die einzelnen Aeußerungen durch , die er an dem Abende von Davide gehört hatte , und sein Mißmuth wich davor . Er mußte bei sich selber über die kecken Abfertigungen lachen , mit denen sie Herrn von Castigni ' s gedrechselte Complimente aus dem Felde geschlagen hatte ; er konnte sie sich deutlich vorstellen , alle ihre artigen Kopfbewegungen und das anmuthige Spiel ihrer schönen Hände , die sie , nach Art der Jüdinnen , bei dem Sprechen mehr als die deutschen Frauen brauchte und bewegte . Als der Tag herankam und er endlich müde zu werden begann , ertappte er sich darauf , daß er ihr eine dieser Handbewegungen nachzumachen versuchte , und als er dann , weil dieser Versuch ihn thöricht dünkte , seine Gedanken , wie er das zu thun gewohnt war , vor dem Einschlafen auf die Geliebte richten wollte , von der zu träumen ihn sonst so glücklich machte , konnte er Hildegard ' s Bild aus seinem Innern nicht erzeugen . Alle Anstrengungen halfen ihm nichts ; es waren immer nur Davide oder Paul , die er vor Augen hatte , und selbst im Schlafe gaben diese beiden ihn nicht frei . Unerquickt erwachte er am Morgen erst , als es Zeit für ihn war , sich zur Parade ankleiden zu lassen . Während dessen brachte ihm der Diener des Grafen Gerhard eine Einladung , mit demselben zu Mittag zu speisen . Sie kam dem Freiherrn sehr gelegen , obschon er sonst nicht viel Verkehr mit seinem Onkel hielt , ja , ihn eigentlich , so viel er konnte , zu vermeiden suchte . Aber er fühlte eine Neigung , sich gegen Jemanden über sein unerwartetes Zusammentreffen mit Paul auszusprechen , und in seiner Schlaflosigkeit hatte er dabei wiederholt an seinen Onkel gedacht , der , wie er mit Sicherheit annehmen zu können meinte , um alle jene Ereignisse und Verhältnisse wissen mußte , so daß Renatus sich keinen Mangel an Verschwiegenheit vorzuwerfen brauchte , wenn er dem Grafen von dem gehabten Erlebnisse Kunde gab . Er war froh , als die Stunde der Parade vorüber war und er sich nach derselben , wie er seit dem Herbste pflegte , zu der Gräfin begeben konnte ; da diese aber mit der jüngsten Tochter ausgegangen , und er Hildegard ihn erwartend und allein fand , war es ihm nicht recht . Er fragte , weßhalb sie die Mutter nicht begleitet habe ; sie antwortete ihm , wie sie es vorgezogen , unter einem leichten Vorwande zurückzubleiben , um ihn zu erwarten , und das war ihm noch weniger genehm . Er meinte , so zuversichtlich erwartet zu werden , habe für ihn etwas Beängstigendes und lege ihm einen peinlichen Zwang auf . Sie entgegnete , daß sie ja nicht böse sei , wenn er einmal nicht kommen könne , und daß es ihr doch in jedem Falle Vergnügen mache , sich den ganzen Morgen mit einer angenehmen Hoffnung zu tragen . Sie blickte ihn dabei freundlich an und mochte dafür ein begütigendes , ein zärtliches Wort von ihm erwarten ; er blieb aber eine Weile still sitzen und äußerte danach , es sei für ihn übel genug , daß er , ohne Neigung zum Soldatenstande , durch seines Vaters Willen an des Dienstes immer gleich gestellte Uhr gebannt sei , wie es im Dichter heiße , und weil er nach der einen Seite also völlig gebunden sei , müsse er nach der andern Seite , müsse er in seinem übrigen Leben durchaus seine Freiheit bewahren , denn ohne Freiheit erlahme der Mann . Er habe ohnehin immer zu wenig Freiheit gehabt , er sei zu Hause unter der Aufsicht des Caplans wie ein Gefangener gehalten worden ; sein Vater habe in dem Alter , in welchem er sich jetzt befinde , halb Europa durchreist und Welt und Menschen gekannt : er hingegen habe noch nichts gesehen , nichts erlebt , und wie unerwünscht es ihm auch sei , mit dem französischen Heere gegen Rußland zu kämpfen , so freue er sich eigentlich doch auf diesen Feldzug , weil er ihn aus dem Gleichmaße der Tage herauszureißen und in das offene , bewegte Meer des Lebens zu bringen verspreche . Hildegard hörte ihm mit stummer Verwunderung zu . Sie konnte nicht begreifen , was mit ihm geschehen war . Nie zuvor in seinem Leben hatte er ein solches Verlangen nach Freiheit ausgesprochen , er war auch mit seinem Loose nie unzufrieden gewesen , und daß er jetzt den Krieg ersehnte , nur weil er ihn in die Welt und von ihr fortführen sollte , das kam ihr so unerwartet , that ihrem zärtlichen Herzen so weh , daß sie sich still auf ihre Arbeit niederbeugte , damit er es nicht sehen sollte , wie sich ihr die Thränen in die Augen drängten . Trotzdem gewahrte er es ; indeß statt ihn zu rühren , war ihr Weinen ihm verdrießlich . Er hatte mit sich selbst genug zu thun und fühlte nicht Lust , sich als den Tröster der Geliebten zu bethätigen . Aber während er dieses dachte , fiel es ihm ein , daß er ja überhaupt noch keine bestimmte Verpflichtung gegen dieses Mädchen habe . Er hatte sich niemals entschieden gegen Hildegard erklärt , niemals von seiner Liebe zu ihr gesprochen , und daß die unschuldigen Zärtlichkeiten , an die sie sich von Kindheit auf gewöhnt hatten , in der letzten Zeit einen wärmeren Charakter angenommen , das hatte Hildegard eben so wohl zu verantworten , als er . Er konnte es sich in dem Augenblicke nicht einmal recht deutlich machen , wie er mit seiner Jugendfreundin eigentlich auf den gefühlvollen Ton gekommen sei ; um so bestimmter erinnerte er sich daran , daß Graf Gerhard ihm gerathen , sich vor einer Verbindung mit den Rhodens in Acht zu nehmen , und daß eine solche für ihn nicht vortheilhaft sei , das mußte er sich in seiner jetzigen Stimmung selber sagen . Gestern , als der Amerikaner , wie Renatus in seinem Innern Paul beständig nannte , seinen Erwerb und seinen Vortheil mit so dreister Sicherheit als Beweggrund für sein ganzes Thun aufgestellt hatte , war Renatus dadurch im höchsten Grade abgestoßen worden . Indeß schon während seiner nächtlichen Ueberlegungen war ihm die Sache in einem milderen Lichte erschienen . Paul mißfiel ihm deßhalb um nichts weniger , er konnte sich jedoch der Einsicht nicht verschließen , daß unabhängiger Besitz Freiheit verleihe . Er dachte jetzt daran , wie königlich frei sein Vater durch den früheren Reichthum seines Hauses gewesen sei , um es zum ersten Male mit einer Art von Bitterkeit zu beklagen , daß ihm bei Weitem nicht mehr das gleiche Vermögen und damit auch nicht mehr die schöne Selbstherrlichkeit wie seinem Vater zu Gebote stehe . Hildegard sann während dessen schweigend darüber nach , was sie denn gethan oder gesagt habe , den Geliebten zu verstimmen . Sie konnte jedoch nichts auffinden , was irgend einen vernünftigen Anhalt oder einen Grund für die üble Laune desselben darbot , und sie fing an , zu glauben , daß ihm durch Dritte oder durch ein ihr unbekanntes Erlebniß Verdruß bereitet worden sei . Mit geduldiger Freundlichkeit fragte sie ihn also , was er heute gethan , wie er sich am gestrigen Abende im Flies ' schen Hause unterhalten habe , und da sie immer nur einsilbige , ablehnende Antworten erhielt , erzählte sie , um sich über einige Minuten fortzuhelfen , daß die Mutter den jungen Freund von Seba Flies sehr schön und sehr anziehend genannt und daß sie gemeint habe , die Flies hätten ihn gewiß für Davide zum Manne bestimmt , weil der alte Herr Flies ihn in sein Geschäft aufnehme . Unmöglich , ganz unmöglich ! rief Renatus mit einer Heftigkeit , die Hildegard noch unbegreiflicher als sein ganzes bisheriges Betragen erschien . Weßhalb denn unmöglich ? Die Mutter hielt es für das Natürlichste ! Mich dünkt , ein Mädchen von Davidens Schönheit , das einst neben ihrem Vermögen