ewige Welt wäre ! Aber der schneidende Gegensatz brachte ihn nicht zur Besinnung ! War das Leben so flüchtig und der Tod so überraschend nah , dachte er , welch ein Wahnsinn dann , auch nur eine Stunde des Glücks - ja , nur eine Minute zu versäumen ! So dachte auch Judith . Aber jeder dachte so auf dem Wege seines Schicksals ! Corona bat den Vater inständigst , seine Abreise zu verschieben ; sie könne ihn unmöglich in dieser rauhen Jahreszeit zurückbegleiten und er werde , allein bei Tante Isabelle , in dem vereinsamten Windeck auch keinen Trost finden . » Onkel Levin war die Seele des Hauses , « sagte sie ; » er belebte es und machte es traulich , und wenn er ganz allein da war , so hatte Windeck nie die kalte Öde eines verlassenen Schlosses . Jetzt wird es Dir sehr unheimisch vorkommen , liebster Vater . « » Ja , Kind , ich weiß ! Aber ich würde .... ich weiß nicht was ! drum geben , wenn ich mich stante pede mit euch allen samt und sonders nach Windeck zaubern könnte . Bei Trauerfällen , wie sie uns eben heimsuchen , ist es am passendsten und sozusagen am sichersten , sich in seinen eigenen vier Wänden aufzuhalten . Da hat man gewissermaßen Stütze und Verteidigung in den ruhigen und gleichförmigen Gewohnheiten , Geschäften und Umgebungen . Die unhäusliche Fremde paßt gar nicht für ein trauriges Gemüt . Ach , meine Regina , mein herrliches Mädchen ! wie hab ' ich sie gequält ! wie hab ' ich so gar nicht den Schatz erkannt , den ich , den wir alle an ihr besaßen . « » Es geschah ja aus Liebe , mein guter Vater , « erwiderte Corona und küßte zärtlich seine Hand . » O Kind , die Selbstliebe war vorherrschend , « entgegnete er mit großer Aufrichtigkeit . Er ging in sein Zimmer , um Briefe zu schreiben . Orest ging fort . Niemand fragte wohin . Uriel sagte : » Ich will zum Kalvarienberg gehen , den man Vatikan nennt . Da wird man Herr über jeden Schmerz . « Als Hyazinth mit Corona allein war , setzte er sie von seinen Erlebnissen mit Judith in Kenntnis und fügte hinzu : » Sieh , wie gut ist Gott , über unsere vergängliche Trauer eine ewige Freude aufgehen zu lassen und unsere Tränen durch einen solchen Trost zu stillen . Dies Ereignis gehört zu den magnalia Dei , zu den wunderbaren Großtaten Gottes , wie es in der Apostelgeschichte heißt - die so ganz außerhalb aller menschlichen Berechnung und Voraussicht liegen . « » Sie muß ein starkes , gerades Herz haben , diese Judith , « sagte Corona , » um mit einer solchen Entschiedenheit und Opferwilligkeit dem Stern der Gnade zu folgen . Sie geht so recht mit den heiligen drei Königen der armen Krippe von Bethlehem zu .... diese Königin aus dem Morgenlande . « Dann beratschlagten sie , ob Judiths Wunsch zu erfüllen und sie in der nächsten Morgenfrühe zu taufen sei . » Warum nicht ? sie glaubt ja ! und ist erst das Licht der Gnade in ihre Seele gegossen , so wird sie leicht lernen und fassen , was sie jetzt noch nicht versteht . Laß uns zu Trinità dei Monti hinaufgehen und die Oberin um ihre Einwilligung und um Verschwiegenheit bitten . « Sie gingen hinauf und trugen ihr Anliegen vor , ohne Namen und Verhältnisse der Katechumene zu bezeichnen . Es war auch nicht nötig , um die lebhafteste Teilnahme der Oberin zu erregen , die es als eine große Gnade betrachtete , daß eine Tochter Israels in ihrem Hause das Sakrament der Taufe empfangen solle ; und so kam man überein , um fünf Uhr morgens die heilige Feier zu vollziehen . Um vier Uhr sollte Judith sich einstellen und Corona wollte sie empfangen . Gegen fünf Uhr wollte Hyazinth kommen und den treuen Lelio , der mehr als alle auf Judith gewirkt hatte , mitbringen . Die Oberin erklärte sich gern bereit , die Neophitin länger im Hause zu behalten , für den Fall , daß diese wünschen sollte , einige Tage in vollkommener Zurückgezogenheit von der äußeren Welt und in stiller Sammlung und Betrachtung zu leben ; und man trennte sich unter seligem Frohlocken über Gottes unergründliche Barmherzigkeit . Hyazinth begleitete Corona bis an ihre Türe und ging zu Lelio . Als Orest Judiths Palast betrat , ersuchte ihn der Portier , sich zum Signor Fiorino zu bemühen , der schon zwei Stunden auf den Herrn Grafen warte . » Wo bleibst Du denn heute ! « rief ihm Florentin höchst aufgeregt entgegen ; » ich habe Dir äußerst wichtige Nachrichten mitzuteilen . « » Von der Central-Venta oder aus dem Grand-Orient ? « fragte Orest schneidend . » Ich habe auch Nachrichten bekommen . Onkel Levin ist tot . « » Den Verlust wirst Du doch leicht verschmerzen , « erwiderte Florentin kalt . » Die religiösen Schwärmer können unmöglich Deine Freunde sein ! Also ist er tot , der alte Mann ! wie er sich betrogen hat im Leben durch diese schwärmerische Verschmähung alles Schönen , das es bietet ! « » Das ist noch die Frage , die wir nicht lösen können ! .... Du gewiß nicht ! - Auch Regina ist tot ! « » Regina ! « rief Florentin erbleichend und mit versagender Stimme ; » o Jammer um sie ! « Doch schnell gefaßt setzte er hinzu : » Da siehst Du es : dem finsteren fanatischen Geist der katholischen Kirche ist sie als Opfer gefallen . Orest ! Orest ! rette Judith ! ich sage Dir : es gibt eine Sorte von Weiberköpfen und - man muß es leider gestehen - auch von Männerköpfen , die sich , trotz einer entschiedenen Tendenz zur Unabhängigkeit und trotz einer lebhaften Neigung für Wahrheit , Schönheit und Größe , dennoch von den Schlingen der Dunkelmänner einfangen und umspinnen lassen . Hast Du nicht bemerkt , was sie gestern Abend für katholische Ansichten aussprach ? « » Nein , gar nicht ! ich hörte nicht was .... nur wie sie sprach . Sie sah unbegreiflich schön aus . « Florentin schwieg eine Weile , legte dann mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns seine Hand auf Orest ' s Schulter und sagte : » Vergib ' mir , Orest , ich werde Dir wehe tun .. aber Du mußt es wissen . « » Ha , Deine Nachrichten ! « rief Orest mißtrauisch . » Sind zu beachten , lieber Freund ! Judith hat geheime Zusammenkünfte . Heute morgen gegen acht Uhr kam sie ganz allein , raschen Schrittes zu Hause . Ich selbst begegnete ihr im Tor . Um so früh heimzukehren .... wann muß sie ausgegangen sein .... und weshalb ? Ich war dermaßen überrascht , daß ich einen Facchino , der sich hier herum zu treiben pflegt , einen braven Kerl « ... - » Späher der Venta , ohne Zweifel ! « warf Orest ein , um seiner Aufregung etwas Luft zu machen . » Ein sehr brauchbares Subjekt ! « fuhr Florentin gleichgültig fort . » Ich trug ihm auf , etwas Acht zu geben , wer allenfalls zu Judith komme - und es mir mitzuteilen . Um halb zehn Uhr erschien er bei mir mit der Nachricht : so eben habe ein Priester Judith verlassen , sei durch das Zimmer ihrer Kammerfrau vorsichtig die Nebentreppe hinab und dann schnell zur kleinen Tür des Palastes hinausgegangen - ein großer schlanker Mann , mit jugendlich leichten Bewegungen . Mehr konnte Gaëtano , der sich schlafend stellte , nicht wahrnehmen . Da er seit acht Uhr auf seinem Posten war und jenen schwarzen Jüngling nicht in den Palast kommen sah , so ist es klar , daß sich derselbe schon vor acht Uhr in ihrem Zimmer , ihrer Einsiedelei - wer weiß seit wann ! befunden habe . « » Es ist nicht wahr ! « rief Orest wütend . » Diese Tatsachen verbürge ich Dir , « entgegnete Florentin kalt und bestimmt . » Ob das nicht wahr ist , was Du denkst .... oder fürchtest - weiß ich nicht ! allein ich rate Dir als treuer Freund , Judith auf die Probe zu stellen , auf eine entscheidende . « » Ja ! « rief Orest mit kochendem Zorn , » ich will sie fragen .... sie soll sich verteidigen « .... - » Ah bah ! « unterbrach ihn Florentin . » In der Kunst der Verteidigung sind die Weiber Meisterinnen ! die ist ihnen angeboren . Stellt man sie auf den Punkt , so behalten sie immer Recht . Wäre der Advocatus diaboli an heiliger Rota ein Weib : so würde keine Kanonisation von sogenannten Heiligen zu Stande kommen - so geschickt würde dieser Advocatus die Sache des Teufels verteidigen . « » Ich könnte Dich erwürgen , « sagte Orest dumpf . » Ah bah ! « wiederholte Florentin hämisch ; » dann hättest Du deinen besten Freund verloren . Nein , folge meinem Rat und bitte Judith um einen ganz geringen Beweis ihrer Liebe . « » Und der wäre ? « - » Bitte sie , sich nach dem protestantischen Ritus taufen zu lassen . Willigt sie ein , so darfst Du ruhig sein ; dann hat sie ihre geistige und sittliche Freiheit noch nicht verloren . Schlägt sie es ab - so weißt Du , wie es mit ihr steht und daß Du dich fortan nicht mehr auf sie verlassen kannst . Sie ist dann ein Werkzeug , welches den Plänen , Zwecken etc. etc. der Dunkelmänner blindlings gehorcht ; ist um so gefährlicher , als sie klug und brauchbar ist - und Du hörst dann auf , ihr Herr und der Deine zu sein . « » Ja ! « rief Orest , » das ist eine gute , einfache , vernünftige Probe ! ich danke Dir , Florentin , ich will sie sogleich anstellen . « - Judith war noch in ihrem Zimmer . Sie schrieb an ihren Banquier in Paris gewisse Bestimmungen über ihr Vermögen , das sich größtenteils in der Londoner Bank befand . Orest schob den Diener beiseite , der ihn melden wollte , klopfte an und wartete kaum Judiths » Herein ! « ab , um einzutreten . Sie sah befremdet über ihren Schreibtisch hinweg ihn an , schloß ruhig ihr Portefeuille , nickte ihm zu und sagte , ohne ihren Platz zu verlassen : » Wie kommt es , Graf Orestes , daß Sie mich schon zum zweiten Male in diesem Zimmer aufsuchen , in welchem ich mich doch nur dann aufhalte , wenn ich allein sein will ? « » Da Sie in diesem Zimmer den Herren Geistlichen Audienz erteilen , so darf ich doch wohl dasselbe Recht beanspruchen , « entgegnete Orest gereizt . Auf Judith ' s Lippen schwebte eine stolze Antwort ; allein sie bemeisterte sich und sagte sanft : » Wenn Ihr Anliegen eine so ungestörte Besprechung mit mir erfordert , wie das meine mit dem Geistlichen , so sein Sie willkommen ! « Sie stand auf , setzte sich auf die Causeuse am Kamin und sagte , mit ihrem großen grünen Fächer spielend , aber innerlich beklommen : » Ich bin ganz Ohr , Graf Orestes . « Er ging im Zimmer auf und nieder , blieb plötzlich vor ihr stehen und rief : » Judith ! es ist mir ein wahrer Greuel , daß die Religion bei unserer Liebe ein Wort mitsprechen will . Könnte ich um meinen beabsichtigten Übertritt vom Katholizismus zum Protestantismus herum kommen : ich würde mein halbes Vermögen drum geben , denn ich spiele nicht gern religiöse Farcen und sehe sie auch nicht gern . Aber , Judith , es ist der Weg , der einzige , zu Ihrem Besitz . Ich gehe ihn .... und führte er durch die Hölle .... oder zu ihr . Deshalb ertrage ich nicht die Vorstellung , daß dieser religiöse Wirrwarr vergrößert werden soll , indem Du , Geliebte , gerade dem Katholizismus , den ich verlasse , Dich zuwendest . Ach Judith , es ist ja schon so vieles vorhanden , das uns trennt , - wozu denn auch noch das Glaubensbekenntnis ? Ich weiß , daß wir dies früher anders besprachen ; daß ich leicht meine Zustimmung gab . Doch jetzt , wo für uns Beide der Schritt nah und näher kommt , jetzt quält mich alles , was wie eine Kluft zwischen uns aussieht . Und deshalb , geliebte Judith , bitte ich auf den Knien um den geringen und einfachen Liebesbeweis , daß Du dich nach irgend einem akatholischen Ritus taufen läßt . Es gibt hier anglikanische Geistliche genug ; ich selbst kenne einige von meinen Jagdpartien her - vortreffliche Schützen ! Sie werden mit Freuden diesem Wunsch entgegenkommen . « Während Orest sprach , fühlte Judith , daß die Stunde ihres Bekenntnisses und die Strafe ihrer Sünden da sei . Aber sie sprach zu sich selbst : Ich werde meinen Glauben nicht verläugnen , nicht Orest vierundzwanzig Stunden täuschen ! Gott will es nicht . Wär ' es sein Wille , so wäre Orest nicht gerade heute mit dieser Bitte gekommen . Morgen soll ich getauft werden und heute hintergehen ! ... das kann ich nicht .... breche über mich ein , was da wolle . » Teurer Orest , « entgegnete sie mit einer weichen Innigkeit , die sonst durchaus nicht in ihrem Wesen lag , » ich bin auf dem Wege des Glaubens zu nah an die ewige Wahrheit heran getreten , um jetzt wieder umkehren zu können . Ich halte die Glaubenslehre der katholischen Kirche für die einzig wahre göttliche Offenbarung . Hat man diese Überzeugung , so ist es Feigheit , sie zu verläugnen ; Sünde .... sie aufzugeben . « » Also richtig ! also wirklich ! « ächzte Orest . » Betört , umgarnt , verloren ! « » Das alles war ich ! « entgegnete Judith sanft . » Gottes Barmherzigkeit rettet mich .... und will auch Sie retten . « » Ha , Schlange ! « rief Orest außer sich . » Schlange , der ich mein Herz , mein Leben , mein Glück hinwarf ! ist dieser Verrat der Lohn meiner Treue ! « » Ich verrate Sie nicht , Graf Orestes . Sie haben gewünscht - nicht ich ! - daß ich die christliche Taufe empfangen möge . Wir knüpfen beide irdische Hoffnungen daran ; ... ich hatte ja keine Ahnung von himmlischen ! Die göttliche Liebe gewährt mir diese , indem sie jene zerstört . Ist das Verrat ? « » O Schlange , die dem Priester Gehör gibt , seiner Weisung folgt , ihm gehorcht , ihm glaubt - mir aber den kleinen armseligen Wunsch versagt , demjenigen religiösen Bekenntnis sich anzuschließen , dem ich , aus grenzenloser Liebe zu ihr , folgen will . « » Wehe mir , wenn es dahin mit Ihnen käme , teurer Graf . Ich bin so unglücklich gewesen , Sie der heiligen Kirche zu entfremden - o lassen Sie mir die Hoffnung , Sie zurückzuführen . « » Wissen Sie denn nicht , daß wir dann auf immer getrennt sind ? « » Teurer Orest , wir sind es in jedem Fall , « sagte Judith mild aber bestimmt . Er faßte ihre beiden Hände über dem Gelenk in seiner Hand wie in eiserner Klammer zusammen , riß sie von der Causeuse empor und rief mit einem so wilden Ausdruck : » Wiederhole das und ich töte Dich ! « daß Judith voll Entsetzen innerlich seufzte : O Herr , erbarme dich meiner ! und dann gefaßt sagte : » Wohlan , Orest , töten Sie mich ! ich hab ' es verdient . « Grimmig rief Orest , indem er immer ihre Hände festhielt und zuweilen wütend schüttelte : » Schlange , die mich Jahrelang mit ihrem Blick bezaubert , mit ihren Windungen umringelt hat .... Schlange , die klug nie Gewährung gab , nie Hoffnung nahm .... Schlange , die endlich , endlich ! ihre Zusage halten , ihr Versprechen erfüllen soll , und nun mir entschlüpfen will . Ich träume von Paradiesen in irgend einem entlegenen Winkel der Welt .... paradiesisch nur durch ihren Besitz ; ich habe keinen anderen Gedanken , als den , mich mit ihr aus dem wüsten , langweiligen Menschengewühl zu flüchten und von ihr allein mein Glück zu verlangen ; mir brennt der Boden unter den Füßen , so lange zwischen ihr und mir verhaßte Schranken gezogen sind ; ... und in dem Augenblick , wo sie fallen sollen , da will die Schlange sich glatt und kühl mir entwinden ? ! Nein , Signora ! das läßt sich der Orest nicht gefallen . « » Was denken Sie also zu tun , Herr Graf ? « fragte Judith ruhig . » Ich lasse nicht von Dir ! « rief er in einem anderen Ton , doch nicht weniger stürmisch . Sie schüttelte sanft den Kopf und sagte : » Ich verdiene Ihren Haß , Ihre Verachtung , Ihren Zorn ! Ich sage nicht eine Silbe , um mich für meine Vergangenheit bei Ihnen zu entschuldigen ; aber , teurer Orest .... fortan trennen sich unsere Wege . « » Judith ! « rief er und sank ihr zu Füßen , » wie ist es denn möglich , einen so gräßlichen Treubruch zu begehen , weil man ein paar Worte von einem Priester gehört hat ! « » Ach , Orest , es sind ja Worte , die plötzlich dem Leben einen neuen Inhalt , eine neue Bestimmung , ein neues Ziel geben ! ich wußte ja nichts von der gefallenen Natur , die durch die Sünde von dem höchsten Gut , von der ewigen Liebe , der göttlichen Liebe getrennt ist ; nichts von dem zärtlichen Erbarmen Gottes , der dieser dahingesunkenen Menschheit Gnade schickt durch des eingeborenen Sohnes Opfer im Leben , im Leiden , im Sterben - als Gott-Mensch , als Erlöser ; nichts von der Kirche , welche für alle Weltzeiten der Menschheit diese Gnade vermitteln soll ; nichts von der reinigenden und heiligenden Kraft seines göttlichen Blutes in den Sakramenten ; nichts von seiner beseligenden eucharistischen Gegenwart ; nichts von der Wonne des Opfers ; nichts von der Herrlichkeit der himmlischen Liebe ; nichts von der Sünde , als Beleidigung Gottes ; nichts von der Tugend , als Verähnlichung mit Gott ; nichts vom Leid , als Nachfolge Gottes ; nichts von Christus ! Begraben in dem Kerker des Staubes vegetierte meine Seele nach den Instinkten und für die Leidenschaften der gefallenen Natur - und immense Kräfte hab ' ich verschwendet , suchend , versuchend , traurig , unbefriedigt , rastlos , ohne glücklich zu sein oder glücklich zu machen . So haben Sie mich gekannt . Ich hatte keine Richtschnur , die höher gelegen hätte , als mein Ich . Jeder glaubenslose Mensch ist sein eigener Gesetzgeber - ganz logisch ; der letzte Grund der hohen Gesetze , die das Opfer des Ichs , die Selbstverläugnung , die Entsagung vorschreiben , ist in Gott - und fallen weg , wenn der lebendige Glaube an ihn wegfällt . Ich wollte durchaus glücklich sein . Ich hoffte es mit Ihnen zu werden . Achtung vor fremdem Recht , wenn es meinen Egoismus beeinträchtigte , hatte ich nicht . Ich versprach . Ihre Frau werden zu wollen , und ich versichere Sie , ich wollte es mit der äußersten Entschiedenheit . Einen edlen Instinkt hatte ich .... zwischen vielen unedlen ; und das war meine Neigung zur Wahrheit . Nur wußte ich durchaus nicht , ob es denn auch eine absolute objektive Wahrheit gebe , die unabhängig sei von allem Menschenwitz . Sie ist mir aufgegangen wie eine übernatürliche Sonne , in deren Licht ich mich selbst und das All zu erkennen beginne . Aus der Schattenwelt meines Individualismus trete ich in den Tag der Offenbarung - aus meinem subjektiven Denken und Meinen an die überwältigende Majestät der katholischen Glaubenslehre heran ; und da sollte mein Leben in seinem früheren Geleise fortgehen .... gottbeleidigend , sündhaft , weltlich ? da sollt ' ich nicht suchen , gemäß meiner Erkenntnis zu leben ? da sollte meine Handlungsweise die Wahrheit verläugnen , die mein Herz anbetet ? Sie sehen wohl ein .... das ist unmöglich ! Die paar Worte , die ich von dem Priester gehört habe , sind keine anderen , als die , welche vor achtzehnhundert Jahren die glaubenslose Welt zu Füßen des Kreuzes niederwarfen . « » O sprich ! .... sprich weiter ! sprich noch mehr , Du angebetetes , Du göttliches Geschöpf ! « rief Orest . » Was Du sagst , verstehe ich ! was Du glaubst , will auch ich glauben , wohin Du gehst , folge ich Dir - aber mit Dir , Judith ! nicht ohne Dich . Mit Dir will ich in Deinen Himmel , zu Deinem Gott ! Mit Dir .... will ich vor dem Kreuz knien , das Du anbetest ! Mit Dir .... soll kein Opfer mir zu hoch , zu schwer sein ! Aber Judith ! ohne Dich - fahre die Welt zur Hölle .... und ich zuerst . Weißt Du jetzt mehr von den Dingen der Ewigkeit als zuvor , so wirst Du auch wissen , daß man einen Menschen , dem man Glück verheißen hat , nicht in ewiges Elend stoßen darf . Weißt Du mehr von einer höheren Liebe , so wirst Du um desto bereitwilliger sein .... Opfer zu bringen .... ein geringes Opfer . Knie vor dem Kreuz , bete Deinen Erlöser an ; aber tue es als Protestantin ! Da ist ja für Dich , was Deinen Glauben betrifft , gar kein Unterschied ; und Deine Liebe bewegt sich in größerer Freiheit , also in schönerer Entfaltung , denn sie schließt auch mich in ihren Kreis ein . « » Und Gott aus , teurer Orest ! « sagte Judith . » O begreifen Sie denn nicht , daß der Glaube seine Verpflichtungen nach sich zieht ? Als Sie Soldat waren - genügte es da etwa , daß Sie sagten : Ich diene meinem Kaiser ! oder : Mein Kaiser ist der größte Kaiser der Welt ! Keineswegs ! Sie mußten Ihre Ergebenheit durch Gehorsam und Hingebung äußern , und Blut und Leben für Ihren Kaiser in die Schanze schlagen - und gerade da , wo Ihr Dienst es erheischte . Sie durften nicht sagen : Vor den Mauern von Wien - oder in der ungarischen Pusta will ich ihm dienen ; nein ! es mußte geschehen in den Gefilden der Lombardei . Und dies Gesetz im natürlichen Leben : Gehorsam dem höchsten Herrn ; sollte im übernatürlichen nicht gelten ? Ich glaube , daß der Sohn Gottes für mich am Kreuz gestorben ist , um mich auf dem Wege seiner Nachfolge zur ewigen Seligkeit zu führen , für die er mich geschaffen hat . Glaube ich das , so muß ich mich den Lehren und Vorschriften unterwerfen , die Er zu diesem Zweck gegeben hat . Verfehle ich mich aus Schwäche oder unvollkommener Erkenntnis gegen sie : so findet die demütige , bußfertige Reue Vergebung . Widersetzt sich aber mein Wille aus böser Leidenschaft seinen Lehren und Geboten : so treib ' ich Spott mit meinem Gott - und zwar einen ganz anderen Spott , als wenn Sie etwa sagen würden : Ich liebe meinen Kaiser innigst , und um ihm das zu beweisen , trete ich aus seinem Dienst und gehe zum türkischen Sultan - der jetzt auch Krieg hat und schlage mich für dessen Sache ; ein Spott , der Sie entweder dem Irrenhause oder der allgemeinen Verachtung überweisen würde . Nein , Orest , wir müssen Dem dienen , der unser rechtmäßiger Herr ist . Da nun zu den Glaubenslehren , die unser göttlicher Herr offenbart hat , auch die von der Unauflöslichkeit der Ehe gehört : so müssen wir dieselben mit allen übrigen Offenbarungslehren - entweder annehmen oder verwerfen . Ich nehme sie als ein Ganzes an , wie das nicht anders sein kann , da sie aus Gott geboren , von Gott gegeben ist . Was Sekten annehmen oder verwerfen , betrifft mich nicht ! sie sind Menschenwerk , und ich habe mit Gott zu tun . Widersprechen sie seiner Lehre , so sind sie im Irrtum : das ist sonnenklar . « » Sonnenklar ist es , « rief Orest mit verzweiflungsvoller Geberde , » daß der finstere Geist des Priestertums sich mit satanischer Schlauheit Ihrer bemächtigt , Ihren Verstand umwölkt , Ihr Urteil umnebelt hat . Dem lichten Geist der letzten Jahrhunderte , mit seiner Bildung , seiner Wissenschaft , war es unmöglich , mit einer Lehre sich zu befremden , die in den dumpfen Hörsälen des Mittelalters von der scholastischen Theologie ausgebrütet ist . « » Teurer Orest , « unterbrach Judith ihn lächelnd , » verlieren Sie sich nicht in Florentins Phrasen und Floskeln . Sein Ingrimm gegen die katholische Kirche hat nicht wenig dazu beigetragen , mich auf ihre Vortrefflichkeit aufmerksam zu machen ; denn das können Sie mir glauben : nicht um seiner - sondern um ihrer Tugend willen haßt er die Kirche . « » Das weiß ich ! « rief Orest . » Und doch leben Sie auf vertrautem Fuß mit ihm , gönnen ihm Einfluß ! « sagte Judith warnend . » Er ist ja auch Ihr Hausgenosse ! « » Mein Gott ! « erwiderte sie schmerzlich , » die jüdische Sängerin muß vorlieb nehmen ! Als Lelio sich bekehrte , verließ er mich ; Leute von Florentins Schlag aber drängen sich an mich ! Übrigens habe ich nie dem armen Florentin - und zwar zu seinem größten Verdruß - auch nur den geringsten Einfluß zugestanden und deshalb staune ich , daß Sie mit seinen hohlen Worten reden mögen . So unbewandert in der Kulturgeschichte soll niemand sein , der auf Bildung Anspruch macht , um nicht zu wissen , daß an der Lehre der katholischen Kirche Geister sich entwickelt haben , die wie Titanen die Pygmäen der neueren Zeit überragen . Teurer Orest ! die Lehre , welche dem Genie eines Dante Grundlage und Nahrung gab - welche seiner Wissenschaft von menschlichen und göttlichen Dingen nicht als Beschränkung erschien : die Lehre wird der Entwickelung unserer geistigen Fähigkeiten auch keinen Schaden tun . Ich bin weder betört , noch umgarnt . Ich habe nur Das getan , was viele , viele Millionen vor mir getan haben : ich habe die frohe Botschaft des Evangeliums angenommen . Diese Botschaft auszubreiten , ist die heilige Sache des Lehramtes in der Kirche , das Christus gestiftet und ihm die Verheißung gegeben hat , bei ihm zu sein alle Tage bis an ' s Ende der Welt - und das jener Erzbekehrte meines Volkes , der Apostel Paulus : die Säule und Grundfeste der Wahrheit nennt . Der Priester ist der gottgesandte Verkündiger des Evangeliums . « » Also ein höheres Wesen , dem man blind zu vertrauen hat , nicht wahr ? « fragte Orest zitternd vor Zorn . » In Sachen des Glaubens hat man ihm zu vertrauen - ja , « entgegnete sie ruhig . » Ist er jung oder alt .... Ihr Priester ! « rief Orest , der sich um so weniger mäßigen konnte , als Judith sich nicht aus ihrer Gelassenheit bringen ließ . Sie entgegnete mit der stillen Einfachheit , die eine Beleidigung gar nicht an sich heran kommen läßt : » Der Priester ist der übernatürliche Mensch . Er hat kein Alter . « » O Schlange , die mir ausweicht ! « brach Orest aus . » Genug ! « rief Judith entschieden . » Lassen wir dies Gespräch fallen , teurer Orest . Es kommt nicht auf Worte an , sondern auf die Tat . Gott zeigt mir meinen Weg .... und der führt mich von Ihnen fort . Könnte ich mit meinem Blut die Judith aus Ihrer Vergangenheit verwischen - so würde ich es mit Freuden vergießen ! vielleicht nimmt der barmherzige Gott statt dessen meine Tränen an . Unsere Trennung aber ist unerläßlich . Der Gatte einer anderen Frau kann nicht der meine sein . Und wenn Sie zu einer akatholischen Sekte abfallen und sich nach deren Prinzipien von Ihrer Gemahlin scheiden wollten : so könnte dadurch weder die objektive Wahrheit der kirchlichen Lehre , noch meine Überzeugung die Veränderung eines Atoms erleiden . Christus lehrt die Unauflöslichkeit der Ehe , die Kirche ist nur sein Organ ! In welcher zügellosen Empörung der bösesten Leidenschaften , in welcher trostlosen Verkehrtheit des Verstandes und Willens muß sich ein Menschengeist befinden , um die Ehe aus der himmlischen Gnadenordnung , die Christus ihr angewiesen hat , heraus zu reißen und sie zu berauben der sakramentalischen Weihe , des edlen Purpurgewandes , das sein Blut ihr gibt . Nein , Orest , wir wollen nicht zu diesen Unseligen gehören ! « » Und Sie bilden sich wirklich ein , « fragte er mit finsterem Hohn , » daß die Sache damit abgetan wäre ? « » Keineswegs ! für mich beginnt die Buße . « » Welch Gaukelspiel bezeichnen Sie mit diesem Wort ? « » Die Umkehr der Seele zu Gott . Was ich verachtet habe , will ich lieben : Gott . Was ich geliebt habe , will ich verachten : mich selbst . « » Judith ! « rief er , immer von Neuem unter ihren Zauber zurückfallend , » Du bist und bleibst ein göttliches Geschöpf ! « » Das wird mir nicht leicht werden , « fuhr sie fort , ohne seinen Ausruf zu beachten . » Ich habe mich