, von Benno ' s bekannten freisinnigen Meinungen und vom Kirchenstreit , bis Armgart , beide unterbrechend , ausrief : Laßt doch das alles ! Kann man jetzt von anderer Aufklärung sprechen als vom Himmel und von seinem Licht ! Seht doch nur ! Wie der Abend kommt ! Ist ' s nicht , als leuchtete alles in Verklärung ! Diese gerippten Wölkchen da oben ! Diese leichten Federbüschelchen ! Fächer sind ' s doch wie von Eiderdunen ! Nein , wie von großen Perlmuttermuscheln ! Wer solchen Staat hätte , wie die Himmelskönigin ! Alles das kam unbefangen und kindlich von ihren Lippen ... Daß sie nichts von einer Absicht dabei wußte , bewies die leise Oeffnung der Lippen und der Schmelz der hervorschimmernden kleinen Zähne , cette grimace , die sie nach Anweisung der Englischen Fräulein sich durchaus abzugewöhnen hatte . Ja , man möchte hier predigen ! fiel Angelika in merkwürdig freigesinnter und tief gefühlvoller Zustimmung ein . Diese Berge sind wie Kanzeln ! Ihr treues Herz dachte an Püttmeyer ' s fehlenden Lehrstuhl ... Kanzeln ? rief jedoch Armgart , in der sich jenes Fliegen zur Flamme des großen Gottesherzens zu regen begann . Die Berge sind ja selbst wie Prediger ! Wie Redner stehen sie da ! Nein , Angelika , wie klein müßte das sein , wenn da drüben einer auf dem Geierfelsen stünde und so zu allen Lügnern der Erde sprechen wollte ! Der Geierfels und hinter ihm die sechs andern Riesen , die sind ja selbst die Propheten ! Ich höre alles , was sie sprechen ! Was sprechen sie denn ? fragte Benno und hatte eben die Cigarre weggeworfen ... Im Tone seiner Frage , im Leuchten seines blauen Auges lag eine so ausdrucksvolle Schwere , daß plötzlich Armgart wie etwas Unsichtbares sich auf sie niedersenken fühlte ... Ja , wie konnte Benno nur in das einfache » Was sprechen sie denn ? « soviel Ausdruck legen ? Was konnte diese Wendung seines Hauptes , diese Glut seiner Augen bedeuten ? So wenig Worte und so viel seltsamer Ton in ihnen ! Es ist doch wol Zeit , zu gehen ! sagte sie zaghaft . Sie hätte plötzlich vor irgendetwas entfliehen mögen . Benno lüftete seinen Hut . Sein kurzes , lockiges , schwarzes Haar war von dem » garstigen Cylinder « , wie es sonst bei Armgart hieß , festgedrückt . Und sonst hätte Armgart gar keinen Anstand genommen , ihm in sein Haar es lockernd zu fahren , wie sie so oft den grauen Locken des Onkel Levinus gethan . Heute hätte sie um alles in der Welt dergleichen nicht mehr wagen können ... Angelika ' s Geplauder über all den vernommenen und zu verarbeitenden Thatsachenreichthum löste die gedrückte Stimmung . Auch fand sich Benno wieder , auch Armgart . Ja sie schien heiterer und ausgelassener , als sie hörte , was alles Benno in der Gegend hier zu thun hätte und daß er mindestens auch noch morgen da wäre ... Aber an seinen Handschuhen sah sie eine aufgesprungene Naht und sonst hatte Angelika für dergleichen Unglücksfälle immer Seide , Zwirn , Nadelbüchse und Schere bei sich in ihrem Beutel , aber heute griff sie nicht , was sie sonst hätte thun können , nach seiner Hand , wagte nicht , ihm den Handschuh abzuziehen ... Es trieb sie wie im Wirbel , sie mußte fliehen wie vor sich selbst . Die Berglehne endete mit einem schroffen Abhang . Den schoß sie hinunter . Die Kanten waren hier eckig ; an andern Stellen gerundet , von uralten Moosrunen beschrieben ; hier und da stand eine verkümmerte Zwergbirke , dort schwankte eine Distel , hier eine hohe Doldenstaude mit braunrothen , schweren Samenkolben ... Ein schwacher Halt hier , ein nachgebender dort ... Armgart schoß so hinunter , daß sie plötzlich an einem Gebüsch niedersank . Nun war aber auch Benno schon längst gefolgt . Wie er an der Stelle ankam , wo sie niedergeglitten , hatte sie von Kamillen mit weißem Blätterrande einige Blumen gepflückt und fing an , einer davon die Blätter abzuzupfen . Was fragen Sie die Blume ? rief Benno ... Und in dieser Frage lag wieder eine solche Glut , in dem Nachfolgen , als sie sich erhob und jetzt ruhiger niederwärts stieg , eine solche Hast und ein so ganz persönlich auf sie gerichteter Entschluß , daß sie der Gedanke überrieselte : Was glaubt er denn ? ... Den Faust , den kannte sie nicht ( wo wird in dieser Erziehung Goethe zugelassen ! ) , aber doch schob blitzschnell ein geheimer Zauber in ihrem Innern der Frage » Vater oder Mutter « ( sie wollte nur sehen , welchem Namen das Blumenorakel sein letztes Blättchen ließ ) nicht etwa die Frage unter : » Liebt er mich , liebt er mich nicht ? « wol aber die : » Kommt auch Benno morgen nach Drusenheim , kommt er nicht ? « und als sie sah , wie er nun ihren Arm ergreifen wollte , ihre Schulter berühren , den Ausschlag ihres Zählens so ganz dringend wissen , da unterbrach sie ihn , als wenn er sie nur im Zählen irre machte , mit einem fortgesetzten St ! St ! sie bekam aber den plötzlichen Einfall - und welcher innere Schalk des Gemüths hatte ihr das zugeraunt ! - schadenfroh und übermüthig laut zu rufen : Kommt morgen Thiebold de Jonge nach Lindenwerth oder kommt Thiebold de Jonge nicht ? Kommt Thiebold de Jonge ? Kommt Thiebold de Jonge nicht ? So schoß sie bergab . Sie können ja die nachgemachten Engländer nicht leiden ! rief hinter ihr her Benno ... Sie aber glitt bald an einem Steine aus , ließ bald eine Pflanze mitgehen , schoß und rannte und war endlich unten , aber - aufgefangen von Benno ' s Armen . Ein junges weibliches Leben , dessen Athemzüge vergangen sind , dessen Brust hämmert , im Arme zu halten ! Kennt ihr das Gefühl , wenn ein junger Vogel in unserer verschlossenen Hand gefangen ist , sich duckt , auffliegen will und nicht kann und jetzt ganz nur zu einem einzigen zagen , warmen Herzchen wird , das unter den weichen Federchen klopft und sich fast wie in den Pulsschlag unserer eigenen Hand verwandelt ? So fühlte es Benno eine Weile und länger als eine Secunde und vielleicht den fünften Theil einer Minute nur und doch eine Ewigkeit . Angelika kam inzwischen den geebneten Weg daher , schalt und rief und machte allen beiden die bittersten Vorwürfe . Armgart aber umarmte sie und erstickte ihre Rede mit Küssen . Das Thema des Anstandes brachte den Neckkampf aller auf die Würde , auf die Pflichten , die Haltung einer baldigen Stiftsdame von Heiligenkreuz . Diese » Predigt « währte so lange , bis Tönneschen erreicht war am Schilfrohr im sanftgeborgenen Nachen . Sind Sie denn morgen wirklich noch in der Gegend ? fragte Armgart beim Abschied den halb besinnungslosen Benno halblaut . Benno wollte beiden noch in den Kahn helfen , that es auch erst , wie sich geziemte , mit Angelika , und als er hoffte , Armgart ' s Hand zu erfassen und aus voller Seele diese zur Antwort wie mit einem Ja ! zu drücken , da war sie schon in den Kahn gesprungen . Deshalb schmollte er und rief O ! O ! , das Angelika sehr wohl verstand ... Armgart saß aber schon da , glühend wie das Abendroth . Angelika , die gerade so viel zu » ahnen « sich die Miene gab , als sie schon wußte , war trotz aller Angst liebevoll genug und sagte vor dem Abfahren : Richtig ! Richtig ! Sind Sie denn auch morgen im Enneper Thale ? Es ist ja Sonntag ! Alle Welt hat sich ankündigen lassen ... Thiebold de Jonge ! seufzte Benno und Angelika fiel ganz so , als müßte sie nun für die verstummende Armgart auch in deren Art sprechen , ein : Alle nachgemachten Engländer ! Und wenn Sie etwa kommen , Herr von Asselyn , kneifen Sie nur ja nicht auch so eine Lorgnette ein ! Ehe noch Benno antworten konnte - zum Scherz fehlte ihm jeder Uebergang - rauschte es im Schilfe dahin und der Kahn war im Entschwinden . Eine Weile noch stand Benno , lüftete den Hut , sah lange den Entgleitenden nach und ging landein dem Roland zu . Das Ufer ist hügelig ... zuweilen verschwindet , zuweilen taucht Benno den Mädchen wieder auf ... Und je höher sie auf den Spiegel kommen , desto länger noch können sie ihn sehen ... Gern hätte Armgart gewinkt mit ihrem Hute und mit ihrem Taschentuch ... Angelika , die heute so viel erlaubt hatte , verbot es ... Bekam die Gute auch nicht Angst , Armgart würde am Ende noch » tiefsinnig « werden und wol gar sich für unwürdig erklären , morgen in Drusenheim zur Communion zu gehen - dergleichen war vorgekommen - bekam sie auch nicht Angst , daß dann noch obenein die Gutmüthigkeit und Toleranz einer Lehrerin compromittirt werden konnte , die gegen die Englischen Fräulein als Hülfsarbeiterin nur einen zweiten Rang einnahm , so lächelte sie doch und sagte : Armgart , Armgart ! Sprüche Salomonis 14 , 29 ! Diese Bibelstelle hatte Armgart einst von Tante Benigna in Westerhof aufbekommen , auf ein Weihtüchlein zum Kirchendienst zu sticken . » Wer aber ungeduldig ist , der offenbaret seine Thorheit ! « lautete sie . Die Ungeduld galt für Armgart ' s Erbfehler . Sonst wäre Armgart über diese einzige Partie in der Religion , wo sie ketzerisch , ja ganz ungläubig fühlte , aufgefahren , aber wir sehen sie still , ergeben und schweigsam ... Selbst von dem Briefe aus Kocher frägt sie nichts mehr , sondern sieht nur auf die Welle , gegen deren ganze Macht Tönneschen rudern muß ... So kamen sie - Benno war verschwunden - am nördlichen Ende der Insel an . Eine ältliche Dame , in schwarzem Kleide , mit einer weißen , mit Bandschleifen am Hals und über die Brust herab besetzten Halbtunica , ein weißes geflügeltes Häubchen auf , begrüßt sie ... Es ist Schwester Aloysia , die Vorsteherin . Und unter ihrem » Mozzeto « zieht auch sie einen Brief hervor . Auch er war an Angelika gerichtet und kam aus Wien und kam von Armgart ' s Mutter ! Ein Herr hatte ihn abgegeben , jener Fremde , der ganz nach Benno ' s Vermuthung in den » Vier Jahreszeiten « drüben für eine Dame Zimmer bestellt hatte und wirklich von hier , wo ihn die zerstreuten Wanderer am Hüneneck nicht landen gesehen hatten , hinüber nach Drusenheim gefahren war ... Armgart bebte zusammen ... Es war ihr , als zitterte um sie her die ganze Welt ... Angelika nahm , von der Vorsteherin beobachtet , den Brief und ging damit in scheinbar kalter Ruhe auf ihr Zimmer . Armgart folgte , drängte aber nicht mehr und fragte nicht mehr . Fast war ihr wirklich wie einer Sünderin und als sie sich über die düstern Gänge in ihren Wohnsaal geschlichen , als sie mit einem tiefen Seufzer dort ihren Hut , ihren Shawl abgelegt hatte , als alle Mädchen jetzt zum einfachen nächtlichen Mahle gingen und Angelika erst kam - solange hatte sie gelesen ! - als Schwester Aloysia schon vorbetete und Armgart so abwesend , so ernst dasaß , da bekam Angelika wieder Angst , sie wäre wirklich im Stande , alles das morgen noch in erster Frühe und vor der Communion dem Pastor Engeltraut zu beichten , was heute vorgekommen ! ... Schwester Aloysia betete dabei und zwar französisch ... Sie war aus Strasburg und verband mit allem Guten und Frommen , dem hier fürs Leben der Grund gelegt wird , eine leidliche Aussprache und einen ziemlich richtigen Accent . Man hatte alles hier auf Gott , auf die heilige Jungfrau , den heiligen Joseph und die Engel und Erzengel gebaut , sogar den Subjonctiv und die schweren Beugungen der Verbes irrégulaires , den delicaten Gebrauch der Formen que vous parlassiez und que nous parlassions und die Participialconstructionen , die an dieser Sprache für jeden so fremdartig sind , der nicht wie Tönneschen Latein kann ... Und wenn Schwester Aloysia vom besten pariser Französisch dann in das beste strasburger Deutsch übersprang , war ' s dann freilich immer wie der Uebergang vom Rauschen eines seidenen Kleides zum Klappern von Holzschuhen , vom Gesange eines Canarienvogels zum Gekoller eines Truthahns ; denn ihre strasburgisch-deutsch Muttersprache sprach sie , als wäre sie hier eigens dafür angestellt , einige Irländerinnen und Französinnen in der Anstalt vom Erlernen des Deutschen abzuschrecken . Und das zweite , vom Muttersitz der Soeurs angéliques hierher beurlaubte Englische Fräulein ( der der Erziehung sich widmende Orden ist nicht an strenge Clausur gebunden ) , Schwester Gertrudis , sorgte für Eintheilung der Speisen und rühmte das Wetter für den morgenden Sonntag , an den sich allgesammt die schönsten Hoffnungen knüpften . Immer mehr brach zuletzt ein stillverhaltener Jubel aus . Das Pensionat wußte von den zu erwartenden » nachgemachten Engländern « , - aber darüber gab es nur Flüstern , leises Necken und Kichern , laut wurde nur besprochen eine Einladung der jungen Madame Bernhard Fuld . Die Nachbarinnen waren aufgefordert worden , morgen Nachmittag die berühmte Billa und den Garten drüben in Augenschein zu nehmen und Pastor Engeltraut hatte dazu die Erlaubniß gegeben ! Armgart hörte das alles nur halb . Erst als der germanische Uebermuth eines Theils auch dieser Jugend sich in allerlei Spott über die Besitzer von Drusenheim erging und ganz wie die Freunde Piter Kattendyk ' s , mit denen einige bis zur unmittelbaren Geschwisterschaft verwandt waren , die bekannte christliche Rache für den einst von den Juden Gekreuzigten nahm , thaute auch sie auf und erklärte , daß sie den Herrn Bernhard Fuld zum Generaleinnehmer und Finanzminister ihrer Einkünfte als Stiftsdame von Heiligenkreuz ernennen wolle . Armgart ' sche Einfälle elektrisirten dann gewohntermaßen alles ... Es wurde nun so laut , so ausgelassen unter dem jungen Volke , daß die vier Erzieherinnen ( die vierte lehrte nur Musik ) dafür waren , lieber jetzt aufzustehen und de se promener encore dix minutes sous les tilleuils et dans le jardin ... Aber auch das geschah so wild - es ist Sonnabend ! - - daß die Schwestern Aloysia und Gertrudis Ruhe gebieten mußten und das ganze Personal in die Corridore und auf die Schlafsäle schickten . Auch Angelika war , sie wußte selbst nicht worüber , ins Lachen gekommen - aus Nervenschwäche , sagte die Gute - raunte aber beim Gutenachtsagen ihrer geliebten Armgart , ihrer besondern Schutzbefohlenen ( die indessen nicht mit ihr , sondern mit fünf andern in einem Saale zusammenschlief ) neckisch zu : » Wer aber ungeduldig ist , offenbaret seine Thorheit ! « Armgart nickte und hatte sich heute in der That auch zur Anerkennung dieses Spruches bekehrt . 11. Und am folgenden Tage lag denn doch im Geschmeide der ganzen sonnenbeschienenen Gegend die Insel Lindenwerth da geradezu wie ein Juwel . Das große blaue Gottesauge des Himmels drüberher schien an ihm selbst seine Freude zu haben . Und die schimmerndweißen Birken , die Hängeweiden , die Buchen , Akazien- , Nuß- und Kastanienbäume , die Büsche , die Pflanzen des Gartens , alles , alles hat in einer solchen Morgenfrühe des Sonntags und besonders , » wenn man etwas vorhat « , ohnehin schon ein ganz anderes Aussehen als sonst . Unser Auge zieht dann schon von selbst allem Festkleider an . Die Welle plätschert an die Uferränder anders als sonst . Und schweigen auch Septembers in den Bäumen , weil sie in ihren Nestern mit ihren Jungen und mit ihren neuen Kleidern für den Winter zu thun haben , die Singvögel , so hört man doch ihr Aufflattern und ihr Aufschwirren , sieht die Spatzen in so räuberischer Thätigkeit , daß man nur zu huschen braucht und überall schießt Diebsvolk wie mit bösem Gewissen auf , sieht goldene Käfer und summende Wespen in voller Thätigkeit , um mitzuherbsten und mitzuernten an dem reichen sonnenglänzenden Segen . Noch aber hängen um die fernerweit liegenden Schönheiten eines solchen Sonntagsmorgens allerlei Toilettenschleier . Die hohen Berge und grünen Waldlehnen hinter ihnen putzen sich erst langsam aus dem Nebel heraus zu dem Sonntagsstaat , dessen Annäherung in aller Frühe schon und von allen Richtungen her die Glocken verkündigen . Die Geschäftsglocke der Dampfschiffe mit ihrem kurzen groben Mahnruf hat heute fast etwas Störendes ; man gedenkt gleich der Ueberzahl von Städtern und Städterinnen , die nun auch bald kommen und sich oft störend genug überall hin ausbreiten werden . Um neun Uhr schiffte die ganze Pension , neunundzwanzig junge Mädchen - eins blieb ein wenig unpäßlich daheim - und vier Erzieherinnen in zwei Kähnen zur Messe nach der Drusenheimer Kirche hinüber ins Enneper Thal . Tönneschen ' s Vater und Mutter ruderten heute und ein anderer alter Schiffer , Tönneschen ' s Großvater . Und noch ein paar Vettern , Gevattern und Kinder und Kindeskinder aus einem Halbdutzend baumversteckter Hütten der Insel begleiteten die Fahrt . Heute galt es , das Tönneschen mit dem Rauchfaß zu sehen , im Beginn seiner von Michahelles eingeleiteten Carrière zum künftigen Vater der Gesellschaft Jesu . Tönneschen war schon lange voraus , um beim Meßner die Toilette zu machen . Das ganze Stift fühlte den Stolz der Mutter nach , die ihre beste Haube aufhatte und mit einem Streifen so lang , so lang , daß er ihr fast über die Nase fiel . Die jungen Pensionärinnen mit ihren goldgeschnittenen Brevieren und dem Einerlei ihrer heute am Sonntag weiß-roth oder weiß-blau gesprenkelten Kleider und den einfachen runden Strohhüten , durften nicht zu laut ihre Wonne über den Sonntag aussprechen . Es ging jetzt in die Kirche , ja , für die schon gefirmelten , an den Tisch des Herrn . Die Glocke der alten , nächstens in Ruhestand zu versetzenden baufälligen Dorfkirche , die die Maler gut zeichnen hatten , wenn sie nur gesehen hätten , wie ihre Wände schon morsch geworden und die Sakristei bedenkliche Risse zeigte , hatte schon zweimal ihr , wie die Mädchen ihr immer nachsummten : » Ei , so komm ' doch ! Ei , so komm ' doch ! « durch die Lüfte gerufen ; aber man wußte , es ging beim Pfarrer Engeltraut , der sonst ein gar trefflicher Diener Gottes war , mit seinen Messen nicht eben besonders präcis . Ausgestiegen am Ufer , konnten die Mädchen immer noch einen Rundweg machen , ehe sie zur Kirche gingen . Sie sahen in der Ferne wie dicht am Waldesrand liegend das aus gelbem Sandstein gebaute , hellleuchtende Landhaus des Bankiers , umschlossen von hohen an den Spitzen vergoldeten Eisengittern . Mehr in der Nähe lag die neue hochragende byzantinische Kirche . Alles winkte geheimnißvoll und gastlich und zu allerlei heimlichem Spaß für den Nachmittag . Nun stieg man aus ... Durch Feld und Flur , über Wiese und Stoppeln , am Hagebucheneck und die Weingärten entlang , da war ' s doch noch ein anderes Wandeln , als drüben auf der schönen , aber engen Insel , auf der man sich zuweilen wie ein Gefangener vorkommen konnte . Schwester Aloysia corrigirte auch jetzt auf dem Wege zur Kirche die Subjonctifs und Angelika lehrte auch jetzt Mathematik und Naturwissenschaften , denn eine sandige Stelle findet sich in der schönsten Gegend , eine Heide von zwanzig Fuß , wo eine Immortelle blühen kann oder das Blümlein Mannstreu , über das gleich ihrer sieben oder acht neugieriger Mädchen wissen wollten , woher dieser Name käme ? Die Lehrerin wußte keinen Rath . Armgart kannte schon vom Walde bei Westerhof den Spottnamen des kleinen zierlichen Pflänzchens und sagte : Es ist ja Vogelfuß , Angelika ! Nun sagte diese : Ach , Ornithopus ? Hülsenblume ! Geschlecht der Heuhechel ! Die jungen Mädchen lachten , als Armgart ganz treuherzig und ohne alle Anklage fortfuhr : Mannstreu und Vogelfuß sind eins und dasselbe ! Die größern Mädchen deuteten sich das harmlose Wort satirisch . Beide Englische Fräulein wandten sich und geboten Ruhe und Sammlung . Wann sprichst du den Pfarrer ? flüsterte Armgart und drückte den linken Arm der Freundin an ihre Brust . Ich sprech ' ihn nicht allein ! sagte diese . Die Vorsteherin wird dabei sein ! Ich denke , nach der Predigt ! Heute auch noch eine Predigt ! Geduld ! Das Wort , mit dem man Armgart bereits wieder auf zehn Schritt verjagen konnte ... Sie entschlüpfte und sah nach Westen hinüber , dorthin , wo die weiß-blauen Wassernebel noch am dichtesten schwammen . Den Roland , wo Benno vielleicht übernachtet hatte , sah man gar nicht vor dem dichten , wenn auch goldsonnigen Nebelflimmer . Die endlich nicht mehr umgangene und nun wirklich im Zuströmen der Landleute mitbetretene Kirche war wahrhaft überfüllt . Man erkannte recht , welches Verdienst sich Bernhard Fuld erworben durch die Erbauung einer neuen . Das Pensionat der Englischen Fräulein genoß aber eine Auszeichnung . Jeden Sonntag blieben ihm die vordern Stühle reservirt . Es ging dann alles bei der Messe , wie es gehen soll und überall bei ihr geht . Vielleicht nicht ganz nach der Schnur , die die Kanoniker in Rom vor tausend Jahren gewunden haben , aber doch auch ohne besondere Verwickelung . Pfarrer Engeltraut war , wie die römischen Priester sein sollen , keine viel mit sich allein beschäftigte Persönlichkeit . Er verrichtete ein Opfer , das ganz von ihm unabhängig war . Hätte es einem strengen Kenner des Ritus auch nicht entgehen können , daß sich mancherlei Fehler einschlichen , so sah das doch so obenhin niemand von den Versammelten . War der Blick , mit dem der Priester aus der Sakristei trat , gesenkt genug ? War die Haltung des Körpers gerade und hübsch aufrecht ? Trug der Opferer eine Brille , von der Gregor der Heilige freilich noch nichts vorzuschreiben wußte , als der sein Oremus sang , und Abraham und Melchisedek , die Voropferer der Messe , noch weniger ? ... Pastor Engeltraut trug eine Brille , und sonderbar , er legte sie gerade beim Lesen ab , auf sein Taschentuch . Dann war er ganz einfach im Vortrag und ebenso einfach in der Geberde . Er machte die Kreuzeszeichen allerdings nicht , wie wenn er sie heute zum ersten male machte , aber auch nicht so , wie z.B. vornehme Damen am Weihbecken beim Betreten der Kirche , die zum Jammer frommer Seelen und wie Beda Hunnius einmal in einer seiner Predigten zum Dank der gerade damals zuhörenden Angelika und in seinem Abraham a Sancta Clara-Stil sagte : » sich beim Benetzen einen Schnörkel angewöhnt haben , als wenn unser Herr und Heiland auf irgendeiner runden Drehscheibe oder einem andern Zickzack , nur nicht an dem so tief sinnvoll von ihm gewählten Kreuze gestorben wäre . « Nichts auch verwirrte er von dem , was laut und was leise zu sprechen , was zu singen oder nur zu sagen war . Auch jagte er nicht in seinen Abschnitten und ging dann nicht wieder wie eine Schnecke . Auswendig auch wußte er , was er nur zu lesen schien . Und wenn dann irgendetwas vorhanden war , was den würdigen Gang des Opfers anfangs hätte unterbrechen können , so war es freilich des Priesters Hinblick auf den heutigen Thuriferar Antonius Hilgers , der nebst zwei andern Knaben zum ersten male diesem schwierigen Geschäfte des Administrirens vorstand . Aber gerade Antonius hielt sich vorzugsweise wacker zum Stolz seiner Angehörigen , zum Wohlgefallen des englischen Instituts . Wenigstens dünkte er sich ebenso kundiger Lootse durch die Untiefen und Schwierigkeiten des lateinischen Missales , wie er es unbestreitbarer durch die Strudel und Schnellen des herrlichen Stromes drüben war . Nie stand er auf der Epistelseite des Altars , der linken , wenn er auf der Evangelienseite , der rechten , stehen sollte . Mit Ruhe , ohne sich vor Angst zu übereilen , reichte er dem Priester das Gefäß mit dem Weihrauch , hielt ihm das geöffnete Thuribulum dar , und wenn der Opferer Weihrauch eingelegt hatte , reichte er ihm das Gefäß , indem er es vorsichtig und behutsam mit der rechten Hand unter dem Ring , mit der linken in der Mitte der Kette anfaßte . Das dabei von ihm gesprochene Latein war allerdings mehr als welsch und nicht im mindesten ciceronianisch . Doch niemand der Anwesenden , selbst der Schullehrer nicht , war im Stande , die Correctheit nach Zumpt ' s Grammatik zu prüfen . Mit seinen stehenden Fehlern - spiritus immer nach der zweiten Declination und tuus nach der vierten - klang es ganz so hoch und hehr und fremdartig , wie das Volk es hören will . So wie so blieb es die richtige Sprache der Engel , die Sprache , in der Gott und seine Heiligen sich unterhalten , die Hof- und Kanzleisprache des Himmels . Als dann der Augenblick des Allerheiligsten kam , als alle dann knieeten , als alle Schauer der persönlichen Anwesenheit des Heilandes in der Wandlung durch die Gemeinde rieselten - die Kinder und alten Frauen und in großen Kirchen eine gewaltige musikalische Note sorgen schon dafür , daß das ganz so wie in mächtigster Bezauberung hingenommen und empfunden wird , wie es Innocenz III. aller Welt und aller Zeit hinzunehmen und zu empfinden geboten hat - wie dann die Erwählten und in der gestrigen Beichte Bestandenen herantreten durften und von dem Gottesleibe mitgenossen , während der Priester von dem Gottesblut für alle trank , - da vergaß denn auch Armgart für einige Zeit das Träumen und Sinnen und es legte sich ihr die Fülle von Sünden , die sie dem neuen westerhofer Geistlichen , Norbert Müllenhof , wer weiß in wie kurzer Zeit , oder wem sonst und in welcher Ferne würde beichten müssen , schwer aufs Herz ! Sie sah , daß Zerstreutheit während des heiligen Hochamts , Abwesenheit der Gedanken beim Lesen im Brevier nicht mehr allein die nagenden Vorwürfe ihres Innern waren , mit denen sich ihr Gewissen gewöhnlich aufs allertiefste belastet fühlte . Nach dem Hochamte hielt der Pfarrer richtig noch eine » Application « . Er sprach diese von der Kanzel herab und über die bevorstehende Einweihung der neuen Kirche und äußerte im allerlöblichsten Volkston , daß auch im innern Menschen täglich die Sakristeien Risse hätten , täglich die Glockenstühle faulten und den Regen durchließen , ja daß mindestens auch viermal des Jahres im Menschen ein echtes und rechtes Kirchweihfest müßte gehalten werden , nicht etwa nur zu Ostern , wo » ihr glaubt , euch für ein ganzes Jahr reinigen zu müssen , sowie die Schwelger , die Ueppigen und Reichen alle Jahre einmal ins Bad reisen und sich ihren sterblichen Leib reinfegen vom Schlamm ihrer Sünden « ! » Das wird dann « , fuhr er fort , » jährlich auch so ein Kirchweihfest , wie ihr ' s allüblich zu feiern pflegt mit Essen , Trinken , Jubeln , Fluchen , Würfelspielen , Tanzen , Todtschlagen der Zeit und allen denen Sünden , die ihr dann voll Verzweiflung angerennt kommt im Beichtstuhl loszuwerden , wo sich oft das todte Holz erbarmen möchte über den Kummer , den ihr euerm grundgütigen himmlischen Vater und unserer gnadenreichen Mutter bereitet ! - « Doch sagen wir nur , er fegte die Herzen , wie man soll , nicht mit Staubwedeln , sondern mit Besemen . Und manches sprach er wie Beda Hunnius geradezu in eine Ecke hinein oder auf einen Pfeiler , wo der stand oder die saß oder wem es sonst , ohne darum die Beichte zu verletzen , persönlich zu Nutze kommen konnte . Wie der dabei von Hunnius sich nur durch den Mangel an Eitelkeit und an theils forcirtem , theils natürlichem Cynismus unterscheidende treffliche Redner zuletzt von diesem unendlich süßen Gnadenzustande , von einer wahren Liebeswonne im Bunde mit dem Gekreuzigten , von der sogenannten Rechtfertigung durch den Glauben sprach , da kamen ihm die folgenden sonderbaren und für die ganze Gemeinde höchst überraschenden Worte : Was ist das nun ? Gerechtfertigt sein durch den Glauben ! Ich will es euch sagen . Sehet euch um ! Hier in dieser Kirche ! In eurem Kreise weilt ein nur auf Erden Gerechtfertigter ! Ein Kind dieser Gemeinde , dem hier der Weg der Gnadenmittel von früher Jugend gezeigt wurde , setzte einst mein Herz in Trauer und euch alle in Bestürzung , als man vor Jahren von ihm hören mußte , seine Hand wäre ruchlos genug gewesen und hätte sich in ferner Gegend , wo er weilte , gegen das Leben eines seiner Mitmenschen erhoben und ihn getödtet ! Ein Jahr lag er , da alle Anzeigen eines Mordes gegen ihn sprachen , in Ketten und Banden , bis seine Unschuld erkannt wurde und er im lichten Gewande der Gerechtigkeit aus seinem Kerker hervortreten konnte ! Voll Scham und Schmerz kam er damals über Nacht zu mir , dem Seelsorger seiner schon reiferen Jahre , und weinte seine bekümmerte Seele aus ! Er mochte nicht bleiben in dem Ort , wo das Mistrauen ihn dennoch verfolgte , wo sogar ein Bruder ihm den treuen Handschlag der Liebe versagte ! Durch meine Hand ging der kaum zu nennende Ertrag seines kleinen väterlichen Erbes ; nun ist der brave Herr , der diese Gemeindemarkungen hier ringsum an sich gekauft hat , - zu hohen Preisen , weil unsere Gegend ihren Werth hat , doch auch Männer , ehrenwerthe Männer , die diesen Werth zu schätzen wissen , - ( in der Kirche war wol nicht einer , der diese Captatio benevolentiae zu Gunsten der neuen Gutsherrschaft ganz so zu würdigen verstand , wie es das Verfahren des klugen Geistlichen verdiente ) , aber ich sage euch , nun ist der Antrag gekommen , sein Erbe