ich erkennen , daß zum Wohle Mathildens das Band , das sie geschlungen hat , nicht fortdauern dürfe , und daß sie daher dasselbe abbrechen möge ; allein ich habe Euch die Gründe unserer Ansicht entwickelt , weil ich Euch hochachte , und weil ich auch gesehen habe , daß Ihr mir zugetan seid , wie ja auch Euer Geständnis beweist , welches freilich etwas früher hätte gemacht werden sollen . Erlaubt , daß ich nun auch von Euch etwas spreche . Ihr seid , wenn auch älter als Mathilde , doch als Mann noch so jung , daß Ihr die Lage , in der Ihr seid , kaum zu beurteilen fähig sein dürftet . Mein Gatte und ich sind der Ansicht , daß Ihr , so weit wir Euch kennen , durch Euer Gefühl , das immer edel und warm ist , in die Neigung zu Mathilden , der wir auch als Eltern immerhin einigen Liebreiz zusprechen müssen , gestürzt worden seid , daß sich Euch das Gefühl als etwas Hohes und Erhabenes angekündigt hat , das Euch noch dazu so beseligte , und daß Ihr daher an keinen Widerstand gedacht habt , der Euch ja auch als Untreue an Mathilden erscheinen mußte . Allein Eure Lage , in dieser Art genommen , darf nicht als die gesetzmäßige bezeichnet werden . Ihr seid so jung , Ihr habt Euch in den Anfang einer Laufbahn begeben . Ihr müßt nun in derselben fortfahren , oder , wenn Ihr sie mißbilligt , eine andere einschlagen . In ganz und gar keiner kann ein Mann von Eurer Begabung und Eurem inneren Wesen nicht bleiben . Welche lange Zeit liegt nun vor Euch , die Ihr benützen müßt , Euch in jene feste Lebenstätigkeit zu bringen , die Euch not tut , und Euch jene äußere Unabhängigkeit zu erwerben , die Ihr braucht , damit Ihr beides zur Errichtung eines dauernden Familienverhältnisses anwenden könnt . Welche Unsicherheit in Euren Bestrebungen , wenn Ihr eine verfrühte Neigung in dieselben hinein nehmt , und welche Gefahren in dieser Euch beherrschenden Neigung für Euer Wesen und Euer Herz ! Es wird euch beiden jetzt Schmerz machen , das geknüpfte Band zu lösen oder wenigstens aufzuschieben , wir wissen es , wir fühlen den Schmerz , ihr beide dauert uns , und wir machen uns Vorwürfe , daß wir die entstandene Sachlage nicht zu verhindern gewußt haben ; aber ihr werdet beide ruhiger werden , Mathilde wird ihre Bildung vollenden können , Ihr werdet in Eurem zukünftigen Stande Euch befestiget haben , und dann kann wieder gesprochen werden . Ihr hättet auch ohne diese Neigung nicht lange mehr in Eurer gegenwärtigen Stellung bleiben können . Wir verdanken Euch sehr viel . Unser Alfred und auch Mathilde reiften an Euch sehr schön empor . Aber eben deshalb hätten wir es nicht über unser Gewissen bringen können , Euch länger zu unserem Vorteile von Eurer Zukunft abzuhalten , und mein Gatte hatte sich vorgenommen , mit Euch über diese Sache zu sprechen . Überdenkt , was ich Euch sagte . Ich verlange heute keine Antwort ; aber gebt sie mir in diesen Tagen . Ich habe noch einen Wunsch , ich kenne Euch , und ich will ihn Euch deshalb anvertrauen . Ihr habt eine sehr große Gewalt über Mathilden , wie wir wohl immer gesehen haben , wie sie uns in ihrer Größe aber nicht erschienen ist , wendet , wenn meine Worte bei Euch einen Eindruck machten , diese Gewalt auf sie an , um sie von dem zu überzeugen , was ich Euch gesagt habe , und um das arme Kind zu beruhigen . Wenn es Euch gelingt , glaubt mir , so erweiset Ihr Mathilden dadurch eine große Liebe , Ihr erweiset sie Euch und auch uns . Geht dann mit dem Eifer der Begabung und der Ausdauer , wie Ihr sie in unserem Hause bewiesen habt , an Euren Beruf . Wir waren Euch alle sehr zugetan , Ihr werdet wieder Neigung und Anhänglichkeit finden , Ihr werdet ruhiger werden , und alles wird sich zum Guten wenden . Sie hatte ausgesprochen , legte ihre schöne , freundliche Hand auf den Tisch , und sah mich an . Ihr seid ja so blaß wie eine getünchte Wand , sagte sie nach einem Weilchen . In meine Augen drangen einzelne Tränen , und ich antwortete : Jetzt bin ich ganz allein . Mein Vater , meine Mutter , meine Schwester sind gestorben . Mehr konnte ich nicht sagen , meine Lippen bebten vor unsäglichem Schmerz . Sie stand auf , legte ihre Hand auf meinen Scheitel , und sagte unter Tränen mit ihrer lieblichen Stimme : Gustav , mein Sohn ! du bist es ja immer gewesen , und ich kann einen besseren nicht wünschen . Geht jetzt beide den Weg eurer Ausbildung , und wenn dann einst euer gereiftes Wesen dasselbe sagt , was jetzt das wallende Herz sagt , dann kommt beide , wir werden euch segnen . Stört aber durch Fortspinnen , Steigern und vielleicht Abarten eurer jetzigen heftigen Gefühle nicht die euch so nötige letzte Entwicklung . Es war das erste Mal gewesen , daß sie mich du genannt hatte . Sie verließ mich und ging einige Schritte im Zimmer hin und wider . Verehrte Frau , sagte ich nach einer Weile , es ist nicht nötig , daß ich Euch morgen oder in diesen Tagen antworte ; ich kann es jetzt sogleich . Was Ihr mir an Gründen gesagt habt , wird sehr richtig sein , ich glaube , daß es wirklich so ist , wie Ihr sagt ; allein mein ganzes Innere kämpft dagegen , und wenn das Gesagte noch so wahr ist , so vermag ich es nicht zu fassen . Erlaubt , daß eine Zeit hierüber vergehe , und daß ich dann noch einmal durchdenke , was ich jetzt nicht denken kann . Aber eins ist es , was ich fasse . Ein Kind darf seinen Eltern nicht ungehorsam sein , wenn es nicht auf ewig mit ihnen brechen , wenn es nicht die Eltern oder sich selbst verwerfen soll . Mathilde kann ihre guten Eltern nicht verwerfen , und sie ist selber so gut , daß sie auch sich nicht verwerfen kann . Ihre Eltern verlangen , daß sie jetzt das geschlossene Band auflösen möge , und sie wird folgen . Ich will es nicht versuchen , durch Bitten das Gebot der Eltern wenden zu wollen . Die Gründe , welche Ihr mir gesagt habt , und welche in mein Wesen nicht eindringen wollen , werden in dem Eurigen fest haften , sonst hättet Ihr mir sie nicht so nachdrücklich gesagt , hättet sie mir nicht mit solcher Güte und zuletzt nicht mit Tränen gesagt . Ihr werdet davon nicht lassen können . Wir haben uns nicht vorzustellen vermocht , daß das , was für uns ein so hohes Glück war , für die Eltern ein Unheil sein wird . Ihr habt es mir mit Eurer tiefsten Überzeugung gesagt . Selbst wenn Ihr irrtet , selbst wenn unsere Bitten Euch zu erweichen vermöchten , so würde Euer freudiger Wille , Euer Herz und Euer Segen mit dem Bunde nicht sein , und ein Bund ohne der Freude der Eltern , ein Bund mit der Trauer von Vater und Mutter müßte auch ein Bund der Trauer sein , er wäre ein ewiger Stachel , und Euer ernstes oder bekümmertes Antlitz würde ein unvertilgbarer Vorwurf sein . Darum ist der Bund , und wäre er der berechtigteste , aus , er ist aus auf so lange , als die Eltern ihm nicht beistimmen können . Eure ungehorsame Tochter würde ich nicht so unaussprechlich lieben können , wie ich sie jetzt liebe , Eure gehorsame werde ich ehren und mit tiefster Seele , wie fern ich auch sein mag , lieben , so lange ich lebe . Wir werden daher das Band losen , wie schmerzhaft die Lösung auch sein mag . - O Mutter , Mutter ! - laßt Euch diesen Namen zum ersten und vielleicht auch zum letzten Male geben - der Schmerz ist so groß , daß ihn keine Zunge aussprechen kann ? und daß ich mir seine Größe nie vorzustellen vermocht habe . Ich erkenne es , antwortete sie , und darum ist ja der Kummer , den ich und mein Gatte empfinden , so groß , daß wir unserem teuren Kinde und Euch , den wir auch lieben , die Seelenkränkung nicht ersparen können . Ich werde morgen Mathilden sagen , erwiderte ich , daß sie ihrem Vater und ihrer Mutter gehorchen müsse . Heute erlaubt mir , verehrte Frau , daß ich meine Gedanken etwas ordne - und daß ich auch noch andere Dinge ordne , die not tun . Die Tränen waren mir wieder in die Augen getreten . Sammelt Euch , lieber Gustav , sagte sie , und tut , was Ihr für gut haltet , sprecht mit Mathilden , oder sprecht auch nicht , ich schreibe Euch nichts vor . Es wird eine Zeit kommen , in der Ihr einsehen werdet , daß ich Euch nicht so unrecht tue , als Ihr jetzt vielleicht glauben mögt . Ich küßte ihr die Hand , die sie mir gütig gab , und verließ das Zimmer . Am andern Tage bat ich Mathilden , mit mir einen Gang in den Garten zu machen . Wir gingen durch den ersten Teil desselben , und wir gingen durch den Weinlaubengang bis zu dem Gartenhause , an dem die Rosen blühten . Während wir so wandelten , sprachen wir fast kein Wort , außer daß wir sagten , wie uns hie und da eine Blume gefalle , wie das Weinlaub schön sei , und wie der Tag sich so ausgeheitert habe . Wir waren zu gespannt auf das , was da kommen werde , Mathilde auf das , was ich ihr mitzuteilen habe , und ich auf das , wie sie die Mitteilung aufnehmen werde . In der Nähe des Gartenhauses war eine Bank , auf welche von einem Rosengebüsche Schatten fiel . Ich lud sie ein , mit mir auf der Bank Platz zu nehmen . Sie tat es . Es war das erste Mal , daß wir ganz allein in den Garten gingen , und daß wir allein bei einander auf einer Bank saßen . Es war das Vorzeichen , daß uns dies in Zukunft entweder ungestört werde gestattet sein , oder daß es das letzte Mal sei , und daß man darum ein unbedingtes Vertrauen in uns setze . Ich sah , daß Mathilde das empfinde ; denn in ihrem ganzen Wesen war die höchste Erwartung ausgeprägt . Desohngeachtet rief sie mit keinem Worte den Anfang der Mitteilungen hervor . Mein Wesen mochte sie in Angst gesetzt haben ; denn obwohl ich mir unzählige Male in der Nacht die Worte zusammengestellt hatte , mit denen ich sie anreden wollte , so konnte ich doch jetzt nicht sprechen , und obwohl ich suchte , meine Empfindungen zu bemeistern , so mochte doch der Schmerz in meinem Äußern zu lesen gewesen sein . Da wir schon eine Weile gesessen waren , auf unsere Fußspitzen gesehen , und , was zu verwundern war , uns nicht an der Hand gefaßt hatten , fing ich an , mit zitternder Stimme und mit stockendem Atem zu sagen , was ihre Eltern meinen , und daß sie den Wunsch hegen , daß wir wenigstens für die jetzige Zeit unser Band auflösen mögen . Ich ging auf die Gründe , welche die Mutter angegeben hatte , nicht ein , und legte Mathilden nur dar , daß sie zu gehorchen habe , und daß unter Ungehorsam unser Bund nicht bestehen könne . Als ich geendet hatte , war sie im höchsten Maße erstaunt . Ich bitte dich , wiederhole mir nur in kurzem , was du gesprochen hast , und was wir tun sollen , sagte sie . Du mußt den Willen deiner Eltern tun und das Band mit mir lösen , antwortete ich . Und das schlägst du vor , und das hast du der Mutter versprochen , bei mir auszuwirken ? , fragte sie . Mathilde , nicht auszuwirken , antwortete ich , wir müssen gehorchen ; denn der Wille der Eltern ist das Gesetz der Kinder . Ich muß gehorchen , rief sie , indem sie von der Bank aufsprang , und ich werde auch gehorchen ; aber du mußt nicht gehorchen , deine Eltern sind sie nicht . Du mußtest nicht hieher kommen und den Auftrag übernehmen , mit mir das Band der Liebe , das wir geschlossen hatten , aufzulösen . Du mußtest sagen : Frau , Eure Tochter wird Euch gehorsam sein , sagt Ihr nur Euren Willen ; aber ich bin nicht verbunden , Eure Vorschriften zu befolgen , ich werde Euer Kind lieben , so lange ein Blutstropfen in mir ist , ich werde mit aller Kraft streben , einst in ihren Besitz zu gelangen . Und da sie Euch gehorsam ist , so wird sie mit mir nicht mehr sprechen , sie wird mich nicht mehr ansehen , ich werde weit von hier fortgehen ; aber lieben werde ich sie doch , so lange dieses Leben währt und das künftige , ich werde nie einer andern ein Teilchen von Neigung schenken , und werde nie von ihr lassen . So hättest du sprechen sollen , und wenn du von unserm Schlosse fortgegangen wärest , so hätte ich gewußt , daß du so gesprochen hast , und tausend Millionen Ketten hätten mich nicht von dir gerissen , und jubelnd hätte ich einst in Erfüllung gebracht , was dir dieses stürmische Herz gegeben . Du hast den Bund aufgelöste , ehe du mit mir hieher gegangen bist , ehe du mich zu dieser Bank geführt hast , die ich dir gutwillig folgte , weil ich nicht wußte , was du getan hast . Wenn jetzt auch der Vater und die Mutter kämen und sagten : Nehmet euch , besitzet euch in Ewigkeit , so wäre doch alles aus . Du hast die Treue gebrochen , die ich fester gewähnt habe als die Säulen der Welt und die Sterne an dem Baue des Himmels . Mathilde , sagte ich , was ich jetzt tue , ist unendlich schwerer , als was du verlangtest . Schwer oder nicht schwer , von dem ist hier nicht die Rede , antwortete sie , von dem , was sein muß , ist die Rede , von dem , dessen Gegenteil ich für unmöglich hielt . Gustav , Gustav , Gustav , wie konntest du das tun ? Sie ging einige Schritte von mir weg , kniete , gegen die Rosen , die an dem Gartenhause blühten , gewendet , in das Gras nieder , schlug die beiden Hände zusammen und rief unter strömenden Tränen : Hört es , ihr tausend Blumen , die herabschauten , als er diese Lippen küßte , höre es du , Weinlaub , das den flüsternden Schwur der ewigen Treue vernommen hat , ich habe ihn geliebt , wie es mit keiner Zunge , in keiner Sprache ausgesprochen werden kann . Dieses Herz ist jung an Jahren , aber es ist reich an Großmut ; alles , was in ihm lebte , habe ich dem Geliebten hingegeben , es war kein Gedanke in mir als er , das ganze künftige Leben , das noch viele Jahre umfassen konnte , hätte ich wie einen Hauch für ihn hingeopfert , jeden Tropfen Blut hätte ich langsam aus den Adern fließen und jede Faser aus dem Leibe ziehen lassen - und ich hätte gejauchzt dazu . Ich habe gemeint , daß er das weiß , weil ich gemeint habe , daß er es auch tun würde . Und nun führt er mich heraus , um mir zu sagen , was er sagte . Wären was immer für Schmerzen von außen gekommen , was immer für Kämpfe , Anstrengungen und Erduldungen ; ich hätte sie ertragen , aber nun er - er - ! Er macht es unmöglich für alle Zeiten , daß ich ihm noch angehören kann , weil er den Zauber zerstört hat , der alles band , den Zauber , der ein unzerreißbares Aneinanderhalten in die Jahre der Zukunft und in die Ewigkeit malte . Ich ging zu ihr hinzu , um sie empor zu heben . Ich ergriff ihre Hand . Ihre Hand war wie Glut . Sie stand auf , entzog mir die Hand , und ging gegen das Gartenhaus , an dem die Rosen blühten . Mathilde , sagte ich , es handelt sich nicht um den Bruch der Treue , die Treue ist nicht gebrochen worden . Verwechsle die Dinge nicht . Wir haben gegen die Eltern unrecht gehandelt , daß wir ihnen verbargen , was wir getan haben , und daß wir in dem Verbergen beharrend geblieben sind . Sie fürchten Übles für uns . Nicht die Zerstörung unserer Gefühle verlangen sie , nur die Aufhebung des Äußerlichen unseres Bundes auf eine Zeit . Kannst du eine Zeit nicht mehr du sein ? erwiderte sie , kannst du eine Zeit dein Herz nicht schlagen lassen ? Äußeres , Inneres , das ist alles eins , und alles ist die Liebe . Du hast nie geliebt , weil du es nicht weißt . Mathilde , antwortete ich , du warst immer so gut , du warst edel , rein , herrlich , daß ich dich mit allen Kräften in meine Seele schloß : heute bist du zum ersten Male ungerecht . Meine Liebe ist unendlich , ist unzerstörbar , und der Schmerz , daß ich dich lassen muß , ist unsäglich , ich habe nicht gewußt , daß es einen so großen auf Erden gibt ; nur der ist größer , von dir verkannt zu sein . Ich unterscheide nicht , wer dir das Gebot der Eltern hätte sagen sollen , es ist das einerlei , sie sind die Eltern , das Gebot ist das Gebot , und das Heiligste in uns sagt , daß die Eitern geehrt werden müssen , daß das Band zwischen Eltern und Kind nicht zerstört werden darf , wenn auch das Herz bricht . So fühlte ich , so handelte ich , und ich wollte dir das Notwendige recht sanft und weich sagen , darum übernahm ich die Sendung ; ich glaubte , es könne dir niemand das Bittere so sanft und weich sagen wie ich , darum kam ich . Aus Güte , aus Mitleid kam ich . Die Pflicht leitete mich , in der Pflicht bricht mein Herz , und in dem brechenden Herzen bist du . Ja , ja , das sind die Worte , sagte sie , indem ihr Schluchzen immer heftiger und fast krampfhaft wurde , das sind die Worte , denen ich sonst so gerne lauschte , die so süß in meine Seele gingen , die schon süß waren , als du es noch nicht wußtest , denen ich glaubte , wie der ewigen Wahrheit . Du hättest es nicht unternehmen müssen , mich zur Zerreißung unserer Liebe bewegen zu wollen , es soll , wenn hundertmal Pflicht , dir nicht möglich gewesen sein . Darum kann ich dir jetzt nicht mehr glauben , deine Liebe ist nicht die , die ich dachte , und die die meinige ist . Ich habe den Vergleichpunkt verloren , und weiß nicht , wie alles ist . Wenn du einst gesagt hättest , der Himmel ist nicht der Himmel , die Erde nicht die Erde , ich hätte es dir geglaubt . Jetzt weiß ich es nicht , ob ich dir glauben soll , was du sagst . Ich kann nicht anders , ich weiß es nicht , und ich kann nicht machen , daß ich es weiß . O Gott ! daß es geworden ist , wie es ward , und daß zerstörbar ist , was ich für ewig hielt ! Wie werde ich es ertragen können ? Sie barg ihr Angesicht in den Rosen vor ihr , und ihre glühende Wange war auch jetzt noch schöner als die Rosen . Sie drückte das Angesicht ganz in die Blumen und weinte so , daß ich glaubte , ich fühle das Zittern ihres Körpers , oder es werde eine Ohnmacht ihren Schmerz erschöpfen . Ich wollte sprechen , ich versuchte es mehrere Male ; aber ich konnte nicht , die Brust war mir zerpreßt und die Werkzeuge des Sprechens ohne Macht . Ich faßte nach ihrem Körper , sie zuckte aber weg , wenn sie es empfand . Dann stand ich unbeweglich neben ihr . Ich griff mit der bloßen Hand in die Zweige der Rosen , drückte , daß mir leichter würde , die Dornen derselben in die Hand , und ließ das Blut an ihr nieder rinnen . Als das eine Zeit gedauert hatte , als sich ihr Weinen etwas gemildert hatte , hob sie das Angesicht empor , trocknete mit dem Tuche , das sie aus der Tasche genommen , die Tränen und sagte : Es ist alles vorüber . Weshalb wir noch länger hier bleiben sollen , dazu ist kein Grund , lasse uns wieder in das Haus gehen und das Weitere dieser Handlung verfolgen . Wer uns begegnet , soll nicht sehen , daß ich so sehr geweint habe . Sie trocknete neuerdings mit dem Tuche die Augen , ließ neue Tränen nicht mehr hervorquellen , richtete sich empor , strich sich die Haare ein wenig zurecht und sagte : Gehen wir in das Haus . Sie richtete sich mit diesen Worten zum Gehen gegen den Weinlaubengang , und ich ging neben ihr . Das Blut an meiner Hand konnte sie nicht sehen . Ich unternahm es nicht mehr , sie zu trösten , ich sah , daß ihre Verfassung dafür nicht empfänglich war . Auch erkannte ich , daß sie im Zorne gegen mich ihren Schmerz leichter ertrage , als wenn dieser Zorn nicht gewesen wäre . Wir gingen schweigend in das Haus . Dort gingen wir in das Zimmer der Mutter . Mathilde warf sich ihrer Mutter an das Herz . Ich küßte der Frau die Hand , und entfernte mich . Den ganzen übrigen Teil des Tages verbrachte ich damit , meine Habe zu packen , um morgen dieses Haus verlassen zu können . Mathildens Vater besuchte mich einmal und sagte : Kränket Euch nicht zu sehr , es wird vielleicht noch alles gut . Im übrigen waren seine Gründe , die er freundlich und sanft sagte , die nämlichen wie die seiner Gattin . Auch Mathildens Mutter kam einmal zu mir herüber , lächelte trübsinnig bei meinem Treiben und gab mir die Hand . Meine Hoffnungen waren düsterer , als es die dieser zwei Menschen zu sein schienen . Mathildens Glauben an mich war erschüttert . Da ich meine Absicht , morgen abreisen zu wollen , erklärt hatte , und man nichts mehr dagegen einwendete , was man anfangs tat , rief ich Alfred und sagte ihm , daß ich nicht etwa eine größere Reise vor habe , wie er glauben mochte , sondern daß ich auf lange , vielleicht auf immer dieses Haus verlasse . Es seien Umstände eingetreten , die dies notwendig machten . Er fiel mir mit Schluchzen um den Hals , ich konnte ihn gar nicht besänftigen , ja ich weinte beinahe selber laut . Er wurde später zu beiden Eltern , die in der Schreibstube des Vaters waren , geholt , damit sie ihn beruhigten . Sein Schlafzimmer war heute unter der Aufsicht eines Dieners ein anderes . Als er in dasselbe gebracht worden war , ging ich zu den Eltern und sagte ihnen den Dank für alles Gute , das ich in ihrem Hause genossen habe . Sie dankten mir auch und ließen mich Hoffnungen erblicken . Es ward verabredet , daß ich mit den Pferden des Hauses auf die nächste Post gebracht werden solle . Mathilde erschien nicht zum Abendessen . Am nächsten Morgen wurde der Wagen bepackt . Ich machte mich reisefertig . Es war mir erlaubt worden , von Mathilden Abschied nehmen zu dürfen . Sie weigerte sich aber , mich zu sehen . Ich ging daher in meine Wohnung , reichte dem alten Raimund die Hand und sagte : Lebe wohl , Raimund . Lebt recht wohl , junger Herr , antwortete er , und seid recht glücklich . Du weißt nicht , Raimund ! Ich weiß , ich weiß , junger Herr - es kann ja werden . Lebe wohl . Ich ging nun die Treppe hinab , er begleitete mich . Unten bei dem Wagen stand der Herr und die Frau des Hauses und mehrere von den Dienstleuten . Auch vom Meierhofe waren Leute herbei gekommen . Alfred , der spät entschlummert war , schlief noch ; die Besitzer des Hauses nahmen auf eine auszeichnende Weise von mir Abschied , die Umstehenden beurlaubten sich auch , wünschten mir Glück und eine fröhliche Wiederkehr . Ich bestieg den Wagen und fuhr von Heinbach dahin . Der Besitzer dieses Hauses hatte mir einmal gesagt : Vielleicht verlasset Ihr einst unser Haus nicht mit Rene und Schmerz . Ich verließ es nicht mit Rene , aber mit Schmerz . Er hatte auch die Vermutung ausgesprochen , daß mir etwa auch seine Familie unvergeßlich bleiben dürfte . Sie blieb mir unvergeßlich . Ich verabschiedete auf der Post den Wagen aus Heinbach , das letzte Merkmal aus diesem Orte , und ließ mich nach der Stadt einschreiben , wo ich so lange gewesen war , wo ich meine Lernzeit vollendet hatte , von wo ich nach Heinbach gegangen war , und wo sich das Haus von Mathildens Eltern befand . Ich blieb aber nicht in der Stadt . In der Nähe meiner Heimat ist im Walde eine Felskuppe , von welcher man sehr weit sieht . Sie geht mit ihrem nördlichen Rücken sanft ab und trägt auf ihm sehr dunkle Tannen . Gegen Süden stürzt sie steil ab , ist hoch und geklüftet , und sieht auf einen dünnbestandenen Wald , zwischen dessen Stämmen Weidegrund ist . Jenseits des Waldes erblickt man Wiesen und Feld , weiter ein blauliches Moor , dann ein dunkelblaues Waldband , und über diesem die fernen Hochgebirge . Ich ging von der Stadt in meine Heimat und von der Heimat auf diese Felskuppe . Ich saß auf ihr und weinte bitterlich . Jetzt war ich verödet , wie ich früher nie verödet gewesen war . Ich sah in das dunkle Innere der Schlünde und fragte , ob ich mich hinabwerfen solle . Das Bild meiner verstorbenen Mutter mischte sich in diese unklare schauerliche Vorstellung und wurde mir ein Liebes , an das ich denken mußte . Ich ging täglich auf diese Kuppe , und blieb oft mehrere Stunden auf ihr sitzen . Ich weiß nicht , warum ich sie suchte . In meiner Jugend war ich oft auf ihr , und wir machten uns das Vergnügen , Steine ziemlicher Größe von ihr hinab zu werfen , um den Steinstaub aufwirbeln zu sehen , wenn der geworfene auf Klippen stieß , und um sein Gepolter in den Klippen und sein Rasseln in dem am Fuße des Felsens befindlichen Gerölle zu hören . Von dieser Kuppe war kein Einblick in jene Länder , in denen Mathildens Wohnung lag , man sah nicht einmal Gebirgszüge , die an sie grenzten . Ich ging auch nach und nach in anderen Teilen der Umgebung meines Heimatortes herum . Mein Schwager war ein sanfter und stiller Mann , und wir sprachen in meinem Geburtshause oft einen ganzen Tag hindurch nicht mehr als einige Worte . Als eine geraume Zeit vergangen war , dachte ich auf meine Abreise und auf meine Berufsarbeiten , die ich schon so lange vergessen hatte , und auf die ich , in dem Hause in Heinbach befangen , vielleicht noch länger nicht gedacht haben würde . Ich ging wieder in die Stadt , in der ich meine Habe gelassen hatte , und widmete mich ernstlich der Laufbahn , zu welcher ich eigentlich die Vorbereitungsschulen besucht hatte . Ich meldete mich zum Staatsdienste , wurde eingereiht , und arbeitete jetzt sehr fleißig in dem Bereiche der unteren Stellen , in welchem ich war . Ich lebte noch zurückgezogener als sonst . Mein kleiner Gehalt und das Erträgnis meines Ersparten reichten hin , meine Bedürfnisse zu decken . Ich wohnte in einem Teile der Vorstadt , welcher von dem Hause der Eltern Mathildens sehr weit entfernt war . Im Winter ging ich fast nirgends hin , als von meiner Wohnstube in meine Amtsstube , welcher Weg wohl sehr lange war , und von der Amtsstube in meine Wohnstube . Meine Nahrung nahm ich in einem kleinen Gasthause an meinem Wege ein . Freunde und Genossen besuchte ich wenig , mir war alle Verbindung mit Menschen verleidet . Als Erholung diente mir der Betrieb der Geschichte , der Staatswissenschaften und der Wissenschaften der Natur . Ein Gang auf dem Walle der äußeren Stadt oder eine Wanderung in einen einsamen Teil der Umgebungen der Stadt gaben mir Luft und Bewegung . Mathilden sah ich einmal . Sie fuhr mit ihrer Mutter in einem offenen Wagen in einer der breiten Straßen der Vorstädte in einer Gegend , in welcher ich sie nicht vermutet hatte . Ich blickte hin , erkannte sie , und meinte umsinken zu müssen . Ob sie mich gesehen hat , weiß ich nicht . Ich ging dann in meine Amtsstube zu meinem Schreibtische . In der ersten Zeit wurde ich von meinen Vorgesetzten wenig beachtet . Ich arbeitete mit einem außerordentlichen Fleiße , er war mir Arznei für eine Wunde geworden , und ich flüchtete gern zu dieser Arznei . So lange alle die Verhältnisse , welche in meinen Amtsgeschäften vorkamen , in meinem Haupte waren , war nichts anderes darin . Schmerzvoll waren nur die