doch was Anderes ! da wußte man also doch , wo er geblieben war ! - Und wer besorgt dergleichen Geschichten ? « » Bssst ! Meister Schwemmer ! darüber spricht man nicht gern ; es weiß es auch eigentlich Niemand genau , wer da den Scharfrichter spielt . Genug , es ist schon einige Male vorgekommen , so viel ich weiß . « » Und da spricht er ganz einfach einen Urtheilsspruch ? « » Nachdem er drei , vier der Andern gehört hat , und sie seiner Meinung sind . « » Na , da ist doch eigentlich eine Art von Gericht , und dagegen kann man nichts haben . « » Ganz richtig : dabei wäre am Ende auch nichts zu erinnern . Aber er übt auch sonst - unter uns gesagt - eine zu wahnsinnige Tyrannei aus . Kann Einer von uns wohl thun , was er mag ? - Hat irgend Einer einen freien Willen ? - Nein ! nein ! beim Teufel ! nein ! Ich versichere Euch , Meister Schwemmer , ich gehe stark mit der Absicht um , wieder ehrlich zu werden und mein Brod auf anständige Weise zu verdienen . Ich absonderlich tauge nicht in diese Gesellschaft ; man hat eine Erziehung genossen , man hat eine Vergangenheit , und dann - gibt es ein paar zu schöne Augen , die mich oftmals mit heißen Thränen bitten , aus dem Dunkel hervorzutreten , in das mich unsere Lebensweise hüllt . - Schöne Augen ! « » Nun , wenn die schönen Augen Geld haben , so heirathet sie in Gottes Namen und lebt Eurer Erziehung und Eurem Stande gemäß . « » Findet Ihr das nicht auch , Meister : ich bin zu nobel , zu vornehm für dies Gewerbe ? « » Das wollte ich gerade nicht sagen , « meinte hustend der Hausherr . » Wißt Ihr , Sträuber , Euch fehlt der rechte Muth zu unserem Geschäft , Ihr habt Angst vor einem Handgemenge , Ihr seid zu weich . « » Richtig , richtig , Meister Schwemmer ! « erwiderte schwärmerisch der Andere , wobei er den Hut , den er auf dem Kopf hatte , fest in die Augen drückte . » Das sagt meine Gräfin mit den schönen Augen auch . Was mich dieses Weib liebt , davon habt Ihr gar keine Vorstellung . - Es frißt mir das Herz ab , wenn ich sie so vornehm und stolz vorüber fahren sehe , und dabei bedenke , was ich für ein miserabler Sklave bin . - Und Sklaven sind wir , das ist nicht zu leugnen . « Als Herr Sträuber von der schönen Gräfin sprach , nahm der Hausherr eine gewaltige Prise und kniff sein linkes Auge zu gegen das Weib hin , das darauf verächtlich lächelnd die Achseln zuckte . » Glaubt Ihr nicht , daß wir Sklaven sind ? « fuhr Herr Sträuber fort , da er diese Grimasse , welche seiner angeblich vornehmen Bekanntschaft galt , mißverstanden . » O ja doch , « entgegnete Meister Schwemmer ; » namentlich Ihr vom Fuchsbau . Mich hier läßt er so ziemlich im Frieden . « » Wartet nur ; ich sehe es auch noch kommen , daß er Euch irgend was am Zeuge flickt . Er soll neulich zu Mathias gesagt haben : was wißt Ihr von der Wirthschaft bei dem Schwemmer ? Da sollen zuweilen saubere Geschichten vor sich gehen ; sagt ihm mein Kompliment und er soll sich in Acht nehmen . « » Hat er das wirklich gesagt ? « fragte der Meister , der einen plötzlichen Schrecken mühsam hinter einem leichten Hüsteln zu verbergen suchte , wogegen das Weib Kartoffeln und Messer in den Schooß fallen ließ und mit weit offenem Munde drein schaute . » Ja , das hat er gesagt ? « fuhr Herr Sträuber fort , offenbar sehr befriedigt durch die Wirkung , welche diese Worte hervorgebracht . - » Von mir sprach er ebenfalls , und nicht gerade besonders schmeichelhaft ; er nennt mein unschuldiges Vergnügen , den kleinen Kindern die Ohrringe wegzunehmen , ein gemeines Verbrechen , eine Schande ; er wolle ein Wort mit mir reden , wenn er sich einmal von der Wahrheit überzeugt . - Nun , ist das keine Sklaverei ? Müssen wir uns eine solche Herrschaft gefallen lassen ? « Der Andere winkte mit der Hand , als wollte er sagen : stille , stille ! Und dann fragte er mit leiser Stimme : » Woher erfährt er denn alle diese Geschichten ? « » Das weiß der Teufel ! « sagte Herr Sträuber ; » aber ihm bleibt nicht leicht etwas verborgen . - Ich habe immer schon gedacht , der Mathias mache zuweilen den Spion gegen uns . « » Nein , gewiß nicht ! « erwiderte Meister Schwemmer im Tone der Ueberzeugung . » Der Mathias ist ein rauher Kerl , aber verrathen thut der Niemand . - Es ist das überhaupt ein räthselhafter Herr , « fuhr er nach einer Pause fort . » Wer ? - der Mathias ? « » Ach nein ! er ! - Habt Ihr ihn kürzlich gesehen ? « » Gott sei Dank ! nein ; nur neulich zufällig erfahren , daß er im Hause sei , wie die Geschichte mit dem Lakaien spielte . « » Aber Ihr spracht ihn früher schon ? « » Ein einziges Mal . Und ich muß gestehen , da machte er auf mich einen gewaltigen Eindruck . Er ist nicht übermäßig groß , aber seine Stimme geht Einem durch Mark und Bein , und wenn er eine Bewegung macht , auf und ab geht oder etwas thut , so meint man , seine Glieder seien von Stahl und Eisen . « » Ja , ja , so ist es , « entgegnete der Hausherr , während er langsam den Kopf in die Hand sinken ließ . - » Aber glaubt Ihr wohl , « fuhr er nach einer Pause fort , » daß ihn Jemand von den Anderen genau kennt ? « Herr Sträuber schüttelte den Kopf und versetzte : » Sehr genau kennt ihn gewiß Niemand , am besten wohl der Mathias , und dann der Josef , dessen Ihr Euch wohl noch erinnern werdet . « » Richtig , der Josef ! - Wo ist der wohl geblieben ? « » Hm ! hm ! « machte der Andere . Dann hob er den Kopf in die Höhe und blickte seinem Gegenüber forschend in die Augen , so daß dieser fortfuhr : » Vor mir braucht Ihr Euch nicht zu geniren , denn wir kennen uns lange und genau genug . « » Das ist schon wahr , « meinte Herr Sträuber und blinzelte mit den Augen . » Ich habe eigentlich auch schon lange mit Euch darüber sprechen wollen ; jedoch - « er warf einen Blick auf das Weib in der Ecke , welchen der Hausherr vollkommen verstand , denn er sagte augenblicklich mit seiner heiseren Stimme : » Geh ' hinaus und schaue einmal nach den Kindern ; ich meine , ich hör ' da ein Geschrei . « Worauf sie sich mit einer unmuthigen Bewegung erhob und das Zimmer verließ . » Nun - ? « » Der Josef verschwand also plötzlich spurlos und blieb wenigstens ein ganzes Jahr weg . Eines Abends erschien er nun wieder einmal im Fuchsbau , ganz zerlumpt und abgerissen . « » Er hatte wohl eine Kunstreise gemacht ? « » Wie ich Euch sage : er schaute zum Erbarmen aus . Es war gerade an jenem Abend , wo er auch im Fuchsbau war . Er muß auch den Josef gesprochen haben , denn der Mathias führte ihn auf ein Zeichen der Alten aus der Schenkstube hinweg , und Beide kamen nicht wieder . Mathias freilich nur für den Abend , der Josef aber auch am anderen und die folgenden Tage nicht . « » Da wird er wieder auf Reisen gegangen sein ? « Herr Sträuber lehnte sich mit seinem Stuhle so weit als möglich vorn über , worauf er mit den Augen blinzelte und leise flüsternd sagte : » Unter uns , Meister Schwemmer , er blieb in der Stadt ; ich möchte wenigstens hundert Gulden gegen einen faulen Apfel wetten , daß ich ihn kürzlich wieder gesehen . « » Zerlumpt ? « - » Im Gegentheil : er stand auf einer herrschaftlichen Kutsche , auf ' s Schönste als Jäger angezogen . « » Nun , das ist was Rechtes . Da wird er eine Stelle haben , wie der selige Lakai . « » O nein ; mit dem blieben wir beständig im Rapport , der kannte uns genau und nickte uns auf der Straße , so oft er nur konnte , verstohlen zu . - Aber Herr Josef sind stolz und vornehm geworden , ein ganz Anderer , kennt uns nicht mehr und wenden den Kopf ab , wenn wir ihn ein bischen scharf anblicken . « Meister Schwemmer schaute an die Decke empor , nahm eine starke Prise und hielt darauf seine Nase eine Zeit lang mit den Fingern fest , während er eifrig nachdachte . - » Das ist allerdings sonderbar , « sagte er alsdann . » Aber ich will Euch einen Rath geben , bester Sträuber ; wenn sich die Sache so verhält , so thut Euch selbst den Gefallen , und blickt den Joseph nicht so scharf an , denn sonst könnte er Euch auf kuriose Art zwingen , die Augen niederzuschlagen . « » Immer wieder er ! « entgegnete der Andere und setzte mit prahlerischem Tone hinzu : » Was will er denn eigentlich ? Ich werde doch , beim Blitz ! auf der Straße die Menschen ansehen dürfen ! - Ihr habt eine gewaltige Angst vor ihm . « » O lieber Freund , « antwortete lächelnd der Hausherr , » wir wissen wohl , wer die meiste Angst hat , aber auch das größte Maul . Wollte Euch nur sehen , was Ihr für ein Gesicht machen würdet , wenn er jetzt zufällig zum Fenster herein schaute . « Bei diesen Worten blickte der Sprecher , um den Anderen zu necken , etwas scharf auf die dunkeln Scheiben , worauf Herr Sträuber erschrocken herumfuhr , und dann , als Jener laut auflachte , verdrießlich sagte : » Ah ! laßt doch die schlechten Witze ! Damit treibt man keinen Spaß . « » Na , setzt Euch nur ruhig wieder hin , « fuhr Meister Schwemmer nach einem heftigen Hustenanfall fort . » Daher kommt er nicht : wir stehen nicht in seiner Gnade ; er bekümmert sich auch nicht um uns , was mir übrigens sehr angenehm ist . - Aber sagt mir über Eins Eure Meinung - ich weiß , Ihr denkt viel und habt in manchen Sachen einen außerordentlichen Scharfblick - wofür haltet Ihr ihn eigentlich ? « Herr Sträuber zuckte bei diesen Worten hoch und lange die Achseln , dann schob er seine Unterlippe vor und entgegnete : » Das mag der Teufel wissen . « » Na , gebt was los ! « meinte der Hausherr , da Jener zu zaudern schien . » Ihr habt gewiß viel darüber nachgedacht und auch Manches in Erfahrung gebracht . « » Erfahren habe ich eigentlich über ihn nie etwas , « erwiderte Herr Sträuber . » Aber meine Idee steht so ziemlich fest . « » Nun denn ? « - » Daß er keiner unseres Gleichen ist , das liegt am Tage , ebenso , daß die Gestalt , unter der er bei uns erscheint , nicht seine wahre ist . - Ich halte ihn mit einem Wort für einen vornehmen und reichen Herrn , dem es nun einmal Spaß macht , eine solche Rolle zu spielen . « » Ja , ja , das denke ich auch . « » Der eine Freude daran findet , so eine unsichtbare und mächtige Hand über die Menschen auszustrecken , und hier und dort Einen zu schütteln und zu kneifen ; dessen Laune es ist , manchmal Jemand , der sich vielleicht seinen Zorn zugezogen , gewaltig zu treffen . - Denn aus Eigennutz oder des Verdienstes halber hat er sich nicht mit uns eingelassen , das liegt am Tage . « » Gewiß nicht ; ich wüßte mich wenigstens nicht zu erinnern , daß er je auch nur Nadelknopfs werth von dem Erworbenen für sich in Anspruch genommen . « » Ihr müßt aber da etwas unterscheiden , « fuhr Herr Sträuber mit einem pfiffigen Gesichte fort ; » er verlangte freilich nie etwas , was für uns Werth hat , aber die Sachen , die er sich vorbehielt , und die wir hie und da mitnahmen , mußten doch wohl für ihn wichtig sein , denn er hat sie uns meistens reich bezahlt . « » Und was waren das für Sachen ? « » Papiere , lieber Freund ! - Dokumente ; was weiß ich ! Oftmals Briefschaften , ja nur ein einfaches Porträt , das er haben wollte . Und wie genau wußte er immer , wo das zu finden sei . In solchen Fällen gab er das Zimmer an , den Tisch oder den Schrank , wo sich die und die Kassette befände ; ja er wußte oft , wo der Schlüssel war , oder sagte , man müsse sie aufsprengen oder ganz mitnehmen . « » Aber Papiere von Geldwerth nahm er nicht ? « » Davon habe ich niemals etwas gehört . - Als ich ihn damals sah - er gab uns in der Nacht über einen verwickelten Fall eine sehr genaue Instruktion - sprach er etwas , das ich nicht vergessen werde . - Einer ist auf dieser Erde der Sklave des Anderen , sagte er ; mir macht es nun einmal Vergnügen , so eine recht scharfe Peitsche über Alle schwingen zu können , nachdem sie mich lange und schwer gegeißelt . - Zu derselben Zeit bekam der Mathias noch einen ganz sonderbaren Auftrag , den er auch mit einer unglaublichen Gewandtheit ausführte . - Was meint Ihr wohl , Meister ? - Er mußte sich mit großer Gefahr in ein Haus schleichen , mehrere Thüren öffnen , und das alles nicht um etwas zu nehmen , sondern um etwas zu bringen . « » Ah ! Sträuber , Ihr bindet mir Eins auf . « » Gewiß nicht ; mich soll der Teufel holen ! Er bekam von ihm ein Paketchen mit Briefen , und die mußte der Mathias dort in einem Schreibtisch in ein ihm genau bezeichnetes Fach legen . « » Das begreife ein Mensch . « » Ich hab ' s begriffen , « sprach Herr Sträuber schmunzelnd , indem er die linke Hand mit ausgespreizten Fingern von sich abstreckte ; » das war eine Mine , die er in dem Hause legte , die artig aufplatzte und dort mehr Verwirrung anrichtete , als wenn wir hunderttausend Thaler gestohlen hätten . « In diesem Augenblicke vernahm man ein leises Klopfen an der Hausthüre . » Wer kann das sein ? « fragte Meister Schwemmer . » Vielleicht der Mathias . « » Nein ; der klopft nicht so leise , « sagte der Hausherr . » Geh an die Thüre ! « rief er seiner Frau , die eben wieder eintrat , zu , » und schau , wer da ist . Wir brauchen keinen Besuch . « » Dem Klopfen nach , « meinte sie , » ist es der Schneider von drüben . « » Ah ! mein Freund Schellinger ! « rief lustig Herr Sträuber . » Den müßt Ihr auf einen Augenblick herein lassen , das ist ein gar zu amüsanter Kerl ; er soll uns von seinen Reisen erzählen . - Nicht , Meister ? « » Meinetwegen ! « entgegnete der Hausherr . » Ich habe eigentlich nichts dagegen ; eine halbe Stunde kann er schon da bleiben . Aber dann kommt der Mathias , und der ist , wie ihr wißt , kein Freund von solchen Schnurrpfeifereien . « Die Frau öffnete die Thüre und Herr Schellinger trat ein . Er rieb sich fröstelnd die Hände , bewegte seine Schultern hin und her , und sagte dann : » Guten Abend bei einander ; heute Nacht wird ' s kalt , ich wollte mir nur noch eine Handvoll Wärme mitnehmen , ehe ich in mein Bett gehe . « » Ja , Ihr bringt einen wahren Frost mit herein , « versetzte Meister Schwemmer stark hustend . » Setzt Euch da auf die Bank und thaut ein bischen auf . « Der Schneider that wie ihm geheißen und ließ sich auf einen Schemel an der Seite des Ofens nieder , wo sich die Stubenthüre befand . » Habe lange nicht das Vergnügen gehabt , Freund Schellinger , « sprach Herr Sträuber . » Ihr besucht Eure Freunde so selten . « » Wer zu oft kommt , der wird überlästig , « sagte Schellinger lächelnd . Dann wandte er sich an den Hausherrn und meinte : » So ein warmer Ofen thut doch gut ; Ihr solltet mir nächstens auch einen in die Stube setzen lassen . « » Das erträgt ' s Gebälk nicht , « warf lachend Herr Sträuber ein . » Ich fürchte immer , daß Ihr ' s einmal durchbrecht und daß ich Euch eines Tags im untern Stock von der Decke herabhängend finde . « Der Schneider legte seine Arme auf die Kniee , wie er gern zu thun pflegte , und ließ den Kopf tief sinken , den er nur zuweilen seitwärts erhob , um alsdann Dem , mit welchem er gerade sprach , mit einem eigenthümlichen Gesichtsausdrucke von unten herauf in die Augen zu blicken . - » Das wäre möglich , « sagte er , » daß ich mich noch einmal selbst da aufhänge ; aber vorher warte ich noch auf etwas . « » Und das wäre ? « lachte Herr Sträuber . » Daß Andere zuerst Euch aufhängen , « entgegnete ruhig der Garderobe-Gehilfe . » Ich möchte sehen , wie sich dabei ein Mann von Lebensart und guter Erziehung wie Ihr ausnimmt . « » Pfui , Schellinger ! « erwiderte der Andere . » Wer kann von so etwas nur reden ! « » Ja Ihr brachtet mich darauf , « lächelte der Schneider . » Nicht wahr , Meister , ich fing nicht an ? « » Nein , Ihr fingt nicht an , « antwortete der Hausherr , während er Herrn Schellinger seine Dose darbot . » Danke schön . - Bin so frei . - Und wie geht ' s mit der Gesundheit ? « » Ich kann ' s gerade nicht rühmen , « entgegnete Meister Schwemmer . » Der Winter greift mich an ; das ist für Unsereins eine garstige Jahreszeit ? « » Ja , das Frühjahr ist besser , « mischte sich Herr Sträuber in ' s Gespräch , und nickte dabei dem Schneider bedeutsam zu . » Es ist etwas Seltsames , « sprach dieser kopfschüttelnd nach einer Pause und sah starr vor sich auf den Boden , » um so einen starken Schnupfen , wie Ihr habt . Das kommt in der Geschwindigkeit angeflogen und geht langsam wieder . « » Aber bei mir ist es doch etwas mehr als Schnupfen , « meinte trübe lächelnd der Hausherr . » Nichts als Schnupfen , « entgegnete Herr Schellinger in bestimmtem Tone . » Ich habe ihn einmal in Rußland vier Jahre gehabt , unaufhörlich fort . Und da ich damals in sehr feine Gesellschaft ging , so brauchte ich täglich vierundzwanzig Schnupftücher , gerade zwei Dutzend ; daran habe ich die Zahl behalten . « » Aber meinen Husten - den hattet Ihr nicht . Seht , das ist oft so arg , ich könnte wahrhaftig vom Stuhle herunterfallen . « » Der meine war dazumal noch schlimmer ; « fuhr der Schneider unerschütterlich fort ; » ich mußte mich oft durch sechs Kosaken halten lassen , nur um nicht hinzustürzen . « » Und wie wurdet Ihr Euren Schnupfen los ? « fragte Herr Sträuber . » Allein durch Luftveränderung . In der Verzweiflung schloß ich mich an eine Gesellschaft an , die hinauf an den Nordpol reiste , um dort das große Loch zu untersuchen , welches die Erdaxe in ' s Eis gebohrt hat . « » Aber um einen solchen Husten und Schnupfen los zu werden , meine ich , man ginge nach dem Süden , dahin , wo es recht warm ist , « sagte der Hausherr . » Das hatte bei mir nicht geholfen , « erwiderte Herr Schellinger . » Die Aerzte zuckten bei meinem Anblick die Achseln und behaupteten , mir könne nur die Frierkur helfen . « » Und wie ist die ? « » Man reist also ganz einfach nach dem Nordpol hinauf , dort ist die Anstalt , wo man die Frierkur durchmacht ; man kann auch da Molken trinken , aber sie schmecken von dem vielen Schneewasser ein bischen salzig . - Nun also werde ich in dicke Pelze eingehüllt , Alles : Körper , Gesicht , Mund und Nase . Dann bohrte man mir unter der Letzteren zwei Löcher , da hinein steckte man Röhren , durch welche der Frost auf mich einwirken sollte . Und so wurde ich vier Tage lang gerade mitten auf die Erdaxe gesetzt , bis der Schnupfen in meinem Kopf erfroren war , dann nahm man ihn heraus , setzte ihn in Spiritus , und ich habe ihn lange bei mir verwahrt , verkaufte ihn aber zuletzt auf vieles Zureden an die Universität nach Berlin für zwanzigtausend preußische Thaler . « » Da wurdet Ihr ja auf einmal ein reicher Mann , « sprach laut lachend Herr Sträuber . » Hätte es sein können , « entgegnete wehmüthig der Schneider . » Aber ich erhielt mein Geld in lauter Papierscheinen zu jener Zeit , als es dort so ungeheuer viel falsche gab . Das war ein großes Unglück , denn , als ich mir mit meinen zwanzigtausend Thalern in der Tasche ein Milchbrod kaufen wollte , so mußte ich noch sechs Pfennige darauf legen . « » Das ist allerdings ein hartes Schicksal , « meinte der Hausherr . » Und das hat Euch gewiß ein- für allemal Preußen entleidet ? « » Ich will das nicht geradezu behaupten , « antwortete Herr Schellinger . » Allerdings schmerzte mich der Verlust dieses Geldes ; doch Gold läßt sich nicht erwerben . Aber ich verließ dazumal Berlin , - es war im Monat August und es wimmelte auf den Straßen von tollen Hunden - « » Und das machte Euch Angst ? « » Es war mir wenigstens nicht besonders angenehm ; und da mir die Welt offen stand , so reiste ich direkt nach Persien . - Aber da fällt mir noch eine schauerliche Geschichte ein , die damals mit solch ' einem wüthenden Hunde in Berlin passirte . Dieser Hund - ich glaube , er hieß Sultan - wurde , Gott weiß , aus welcher Ursache , rasend , er biß ein Pferd , das nach gehöriger Zeit ebenfalls wüthend wurde , und zwar gerade , als man im Begriff war , es einzuspannen . Dieser Gaul schlägt wie toll um sich und endlich beißt er zu wiederholten Malen in die Deichsel . - Das hat nun weiter nichts zu sagen , meint ihr ; aber ich gebe euch mein Ehrenwort , daß die Sache einen fürchterlichen Verlauf nahm . Diese Deichsel nämlich , ja der ganze Wagen war am anderen Tage angesteckt , und rannte wie toll durch alle Straßen , und in einer Geschwindigkeit , daß zwölf Mann Gensdarmerie zu Pferde kaum im Stande waren ihn einzuholen . « » Aber er hat doch Niemand gebissen ? « fragte pfiffig blinzelnd Herr Sträuber . » Das gerade nicht ; aber ich habe Leute gekannt , die bei diesem Anblick in Ohnmacht fielen , und die , als sie wieder zu sich kamen , ihr ganzes Leben hindurch behaupteten , sie hätten ein herumlaufendes Rad im Kopfe . - Und das ist keine Kleinigkeit . « » Schellinger ist immer noch der Alte , « sagte der Hausherr , nachdem er zuerst gelacht , dann gehustet und sich darauf in einem wahren Erstickungsanfall die Seiten zusammengepreßt hatte . » Ja , ja , wir bleiben die Alten , « entgegnete kopfnickend der Schneider , - » bis an unser seliges Ende . « Herr Sträuber verzog bei diesen Worten auf unangenehme Art den Mund und schnalzte mit der Zunge , als koste er etwas sehr Scharfes und Bitteres . - » Sprechen wir nicht davon , « sagte er ; » ich mag das nicht leiden ; es kommt früh genug . « » So solltet Ihr nicht sprechen , « erwiderte der Garderobe-Gehilfe und sah den Anderen fest an . » Unsereins hat bei seinem Tode nichts zu erwarten ; wir gehen abwärts , sieben bis acht Schuh abwärts , und liegen da ruhig , bis uns die Graswurzeln in ' s Gesicht wachsen . Aber Ihr , Sträuber , Ihr geht bei Eurem seligen Ende ein paar Klafter aufwärts , darauf möchte ich schwören , und erhaltet da vornehme Gesellschaft , die Euch laut schwätzend umkreisen und sehr vielen Geschmack an Euch finden wird . « Wir können nicht verschweigen , daß Herr Sträuber bei diesen Worten leicht zusammenschauerte und sich einigermaßen entfärbte . Auch Meister Schwemmer bewegte sich unmuthig auf seinem Stuhle , während er sagte : » Laßt doch diese scheußlichen Reden ; das greift mir wahrhaftig die Nerven an . « » Man muß immer an sein Ende denken , « versetzte unerschütterlich der Schneider . » Und Ihr werdet doch keine Angst vor dem Tode haben ? das ist Euch ja ein alter lieber Gast , der oft genug hier im Hause einkehrt . « Der Hausherr war bei diesen Worten erschreckt zusammen gefahren , dann aber raffte er sich empor und blickte den Schneider mit seinen weit aufgerissenen , unheimlich glänzenden Augen an , wobei er den Mund öffnete , so daß seine dünnen Backen tief einsanken . Doch versuchte er es gleich darauf wieder , zu lächeln , während er hüstelnd sagte : » Alter Spaßvogel , der Schellinger ! - Gott sei es gedankt , mit uns ist der Tod bis jetzt recht säuberlich verfahren . « Der Schneider that gar nicht , als habe er nur das Geringste von der Aufregung der Andern gesehen ; er klopfte sich mit den Händen auf seine dünnen Schenkel und schaute an die Decke , als er sprach : » Wißt Ihr , Meister , die Leute sagen so ; mir kann es ja im Grunde gleichgiltig sein . « » Was sagen die Leute ? « » Nun , was werden sie sagen ! Daß Ihr hinten in Eurem Hause einen Stall habet , wo die armen kleinen Kinder , die von Gott und den Menschen verlassen sind und deßhalb in Eure Hände fallen , zu Tode gefüttert werden . « » Ah ! « » Ja , das sagen sie . Und sie halten das Ganze hier nur für eine Seelenverkäuferei ; und deßhalb bin ich auch eigentlich gekommen , um mein Quartier bei Euch aufzukündigen , denn wenn ich noch ferner wohnen bliebe , so könnte meine Reputation darunter leiden . « Herr Sträuber hatte sich bei diesen seltsamen Worten zoll- und ruckweise von seinem Stuhle erhoben und den Schneider mit einem wahrhaft gläsernen Blicke betrachtet . Seine rechte Hand tappte dabei hinter sich an die Stuhllehne , als glaube er dort irgend ein Instrument zum Dreinschlagen finden oder fassen zu können . Zu gleicher Zeit blickte er aber auch auf die Stubenthüre und schien in Erwägung zu ziehen , ob es nicht besser wäre , dies Haus , von dem man so schreckliche Dinge sagte , zu verlassen . » Ich begreife übrigens gar nicht , « fuhr der Schneider mit großer Kaltblütigkeit fort , » wie Ihr mich so verwundert anstaunen mögt ? Habt Ihr denn nicht gewußt , daß die Leute so was sagen ? « » Nein , nein ! « stieß der Hausherr mühsam hervor . » Das sagt auch Niemand als Ihr allein . « » Ich ? « - » was geht ' s mich eigentlich an ? Meint Ihr denn , daß Jemand , der Abends hinter der Stadtmauer spazieren geht , nicht zuweilen das Lachen und Singen Eurer Pflegekinder hört ? - Lachen und Singen , daß einem ehrlichen Manne die Haut schaudern muß . « » Nein , nein , man kann es nicht hören ! « schrie Meister Schwemmer . Doch da er augenblicklich heiser war , so setzte er flüsternd und kaum hörbar hinzu : » Niemand als ein Spion kann das hören ! und ein solcher Spion seid Ihr ! - Ihr ! Ihr ! « Er warf sich bei diesen Worten gewaltsam vorn über , so daß sich seine spitzige Nase wenige Zoll von der Brust des Schneiders befand , und bei jedem » Ihr ! « das er mühsam herausbrachte , stieß er damit vorwärts , als wollte er seinem Gegner jedesmal einen Dolchstoß versetzen . Das Weib war unterdessen wieder in die Stube getreten und hatte sich mit wankenden Schritten genähert . Ihre Nase war stark geröthet , und aus den Augen flammte die Trunkenheit ; sie hatte die Kartoffeln fallen lassen , das Küchenmesser dagegen in der Hand behalten . Herr Schellinger besaß wirklichen Muth ; denn Angesichts dieser drohenden Geberden , die ihn rings umgaben , zuckte er leicht die Achseln und sagte