nicht sehen , wer die Mädchen waren , und er beeilte sich hinüberzukommen , da es ihn sehr wundernahm , wer sie sein möchten . Zur rechten Zeit sah er den Goldfuchs neben sich stehen , legte ihm den Mantelsack auf und begann den jähen Staffelweg hinunterzureiten , der an die Brücke führte . Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall , in welchem gewissermaßen als Kern ein spannelanges pudelnacktes Weibchen eingeschlossen lag , von unbeschreiblichem Ebenmaß und Schönheit der kleinen Gliederchen . Während der Goldfuchs den halsbrechenden Weg hinuntertrabte und jeden Augenblick mit seinem Reiter in den Abgrund zu stürzen drohte , bog sich Heinrich links und rechts vom Sattel und suchte mit sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der durchsichtigen Kristallstufen zu dringen . » Tausend noch einmal ! « rief er lüstern aus , » was mögen das nur für allerliebste närrische Wesen sein in dieser verwünschten Treppe ? « - » Ei , was wird ' s sein ? « erwiderte das Pferd , indem es springend den Kopf zurückwandte , » das sind nur die guten Dinge und Ideen , welche der Boden der Heimat in sich schließt und welche derjenige herausklopft , der im Lande bleibt und sich redlich nährt ! « » Teufel ! « rief Heinrich , » ich werde gleich , morgen hier herausgehen und mir einige Staffeln aufklopfen ! « und er konnte seine Blicke nicht wegwenden von der langen Treppe , die sich schon glänzend hinter ihm den Berg hinaufwand . Er war jetzt unten bei der Brücke angekommen ; das war aber nicht mehr die alte hölzerne Brücke , sondern ein marmorner Palast , welcher in zwei Stockwerken eine unabsehbare Säulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrücke über den Fluß führte . » Was sich doch alles verändert und vorwärtsschreitet , wenn man nur einige Jahre weg ist ! « sagte Heinrich , als er gemächlich in die weite Brückenhalle hineinritt . Während das Gebäude von außen nur in weißem , rotem und grünem Marmor glänzte , allerdings in den herrlichsten Verhältnissen und Gliederungen , waren die Wände inwendig mit zahllosen Malereien bedeckt , welche die ganze fortlaufende Geschichte und alle Tätigkeiten des Landes darstellten . Hirten und Jäger , Bauern und Pfaffen , Staatsmänner , Künstler , Handwerker , Schiffer , Kaufleute , Gemsjäger , Mönche , Jünglinge und Greise , alle waren in ihrem Wesen kenntlich und verschieden und doch sich alle gleich und traten in den dargestellten Handlungen ungezwungen zusammen in den bestimmtesten und klarsten Farben . Die Malerei war einfach , hatte durchaus den Charakter der alten soliden Freskomalerei , aber alle Abwesenheit von gebrochenen Farben und den Künsten des Helldunkels ließ die Bilder nur um so klarer und bestimmter erscheinen und gab ihnen einen unbefangenen und muntern Anstrich . Auch verstand sie alles Volk , das auf der Brücke hin und her wogte , und während sie so durch einen guten und männlichen Stil für den Gebildeten erfreulich blieben , wurden sie durch jene Künste nicht ungenießbar für den weniger Geschulten ; denn die Bedeutung der alten Freskomalerei liegt in ihrer tüchtigen Verständlichkeit und Gemeingenießbarkeit , während die Vorzüge der neueren Malerei ein geübtes Auge erfordern und das Volk sich den Teufel um gebrochene Töne kümmert . Das lebendige Volk , welches sich auf der Brücke bewegte , war aber ganz das gleiche wie das gemalte und mit demselben eines , wie es unter sich eines war , ja viele der gemalten Figuren traten aus den Bildern heraus und wirkten in dem lebendigen Treiben mit , während aus diesem manche unter die Gemalten gingen und an die Wand versetzt wurden . Diese glänzten dann in um so helleren Farben , als sie in jeder Faser aus dem Wesen des Ganzen hervorgegangen und ein bestimmter Zug im Ausdrucke desselben waren . Überhaupt sah man jeden entstehen und werden , und der ganze Verkehr war wie ein Blutumlauf in durchsichtigen Adern . In dem geschliffenen Granitboden der Halle waren verschiedene Löcher angebracht mit eingepaßten Granitdeckeln , und was sich Geheimnisvolles oder Fremdartiges in dem Handel und Wandel erblicken ließ , wurde durch diese Löcher mit einem großen Besen hinabgekehrt in den unten durchziehenden Fluß , der es schleunig weit wegführte . Der Ein-und Ausgang der Brücke aber war offen und unbewacht , und indem der Zug über dieselbe beständig im Gange war , der Austausch zwischen dem gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand und alles sich unmerklich jeden Augenblick erneuerte und doch das Alte blieb , schien auf dieser wunderbar belebten Brücke Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft nur ein Ding zu sein . » Nun möcht ich wohl wissen « , sagte Heinrich vor sich hin , während er aufmerksam alles aufs genaueste betrachtete , » was dies für eine muntere und lustige Sache hier ist ! « Das Pferd erwiderte auf der Stelle : » Dies nennt man die Identität der Nation ! « » Himmel ! « rief sein Reiter , » du bist ein sehr gelehrtes Pferd ! Der Hafer muß dich wirklich stechen ! Wo hast du diese gelehrte Anschauung erworben ? « » Erinnere dich « , sagte der Goldfuchs , » auf wem du reitest ! Bin ich nicht aus Gold entstanden ? Gold aber ist Reichtum , und Reichtum ist Einsicht . « Bei diesen Worten merkte Heinrich plötzlich , daß sein Mantelsack statt mit Wäsche jetzt gänzlich mit jenen goldenen Münzen angefüllt und ausgerundet war , welche er mit den alten Kleidern in das Wasser geworfen hatte . Ohne zu grübeln , woher sie so unvermutet wiederkämen , fühlte er sich höchst zufrieden in ihrem Besitze , und obschon er dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben konnte , daß Reichtum Einsicht sei , so war er doch schon insoweit von seiner Behauptung angesteckt und fand sich doch plötzlich so leidlich einsichtsvoll , daß er wenigstens nichts erwiderte und gemütlich weiterritt auf der schönen Brücke . » Nun sage mir , du weiser Salomo ! « begann er nach einer Weile wieder , » heißt eigentlich die Brücke oder die Leute , so darauf sind die Identität ? oder welches von beiden nennst du so ? « » Beide zusammen sind die Identität ! « sagte das Pferd . » Der Nation ? « fragte Heinrich . » Der Nation , zum Teufel noch einmal , versteht sich ! « sprach der Goldfuchs . » Gut ! aber welches ist denn die Nation , die Brücke oder die Leute , so darüberrennen ? « sagte Heinrich . » Ei , seit wann « , rief das Pferd , » ist denn eine Brücke eine Nation ? Nur Leute können eine Nation sein , folglich sind diese Leute hier die Nation ! « » So ! und doch sagtest du soeben , die Nation und die Brücke zusammen machten eine Identität aus ! « erwiderte Heinrich . » Das sagt ich auch und bleibe dabei ! « versetzte das Pferd . » Nun , also ? « fuhr Heinrich fort . » Wisse « , antwortete der Gaul bedächtig , indem er sich auf allen vieren ausspreizte und tiefsinnig in den Boden hineinsah , » wisse , wer diese heiklige Frage zu beantworten , den Widerspruch zu lösen versteht , ohne den scheinbaren Gegensatz aufzuheben , der ist ein Meister hierzulande und arbeitet an der Identität selber mit . Wenn ich die richtige Antwort , die mir wohl so im Maule herumläuft , rund und nett zu formulieren verstände , so wäre ich nicht ein Pferd , sondern längst hier an die Wand gemalt . Übrigens erinnere dich , daß ich nur ein von dir geträumtes Pferd bin und also unser ganzes Gespräch eine subjektive Ausgeburt und Grübelei deines eigenen Gehirnes ist , die du Aberwitziger mit über den Rhein gebracht hast . Mithin magst du fernere Fragen dir nur selbst beantworten aus der allerersten Hand ! « » Ha ! du widerspenstige Bestie ! « schrie Heinrich in anthropologischem Zorne und spornte das Pferd heftig , » um so mehr , undankbarer Klepper , bist du mir zu Red und Antwort verpflichtet , da ich dich aus meinem so sauer ergänzten Blute erzeugen und diesen Traum lang speisen und unterhalten muß ! « » Hat auch was Rechtes auf sich ! « erwiderte das Pferd ganz gelassen . » Dieses ganze Gespräch , überhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die Dauer von kaum zwei Sekunden und kostet doch wohl kaum einen Hauch von deinem geehrten Körperlichen . « » Wie , zwei Sekunden ? « rief Heinrich und hielt das schöne Goldtier an , » ist es nicht wenigstens eine Stunde , daß wir auf dieser endlosen Brücke reiten und uns umsehen in dem Getümmel ? « » Gerade eine Sekunde ist ' s « , sagte der Gaul , » daß ein berittener Nachtwächter um die Straßenecke bog , und ein einziger Hufschlag hat in dir meine Erscheinung erneuert , welche überhaupt veranlaßt wurde , als vor einer halben Stunde derselbe Nachtwächter des entgegengesetzten Weges kam . Auch ist dieses Minimum von Zeit ein und dasselbe Minimum von Raum , kurz die identische Kleinigkeit deines in das Kopfkissen gedrückten Schädels , in welchem sich eine so weite Gegend und tausend belebte und verschiedene Dinge gleichzeitig ausbreiten , und zwar alles auf Rechnung des einen Hufschlages , welcher nichtsdestominder nur als ein gemeiner Hammerschlag zu betrachten ist , der nur dazu dient , den Kasten deines eigenen Wesens aufzutun , worin alles schon hübsch zusammengepäschelt liegt , was - « » Ums Himmels willen ! « rief Heinrich , » vergeude nicht länger die kostbare Dauer des Hufschlages mit deinen Auseinandersetzungen , sonst ist der nur allzu kurze Augenblick vorbei , ehe ich über diese schöne Brücke im reinen bin ! « » Eilt gar nicht ! Alles , was wir für jetzo zu erleben und zu erfahren haben , geht vollkommen in das Maß des wackern Pferdetrittes hinein , und wenn der sehr richtig denkende Psalmist den Herrn seinen Gott anschrie : Tausend Jahre sind vor dir wie ein Augenblick ! so ist diese gut begründete Hypothese von hinten gelesen eine und dieselbe Wahrheit Ein Augenblick ist wie tausend Jahre ! Wir könnten noch tausendmal mehr sehen und hören während dieses Hufschlages , wenn wir nur das Zeug dazu in uns hätten , lieber Mann ! Doch alles Pressieren oder Zögern hilft da nichts , alles hat seine bequemliche Erfüllung , und wir können uns ganz gemächlich Zeit lassen mit unserm Traum , er ist , was er ist , und dauert einen Schlag und nicht mehr noch minder ! « sagte das Pferd . » Gut , so beantworte mir ohne Anstand noch diese Frage ! « erwiderte Heinrich , » ich muß mir aber die Frage erst noch ein wenig zurechtlegen und deutlich abfassen ; denn ich weiß nicht recht , wie ich mich ausdrücken soll . Bereite dich indessen , da wir , wie du sagst , ausreichende Traumeszeit haben , recht gründlich auf die Beantwortung vor ! « » Wie kann ich mich zur Antwort vorbereiten , eh ich nur die Frage kenne ? « sagte das Pferd verwundert . » Was ? « rief Heinrich erbost , » das weißt du nicht ? Deinen guten Willen und dein bißchen Ehrlichkeit sollst du zusammennehmen und den Vorsatz fassen , ohne alle Heuchelei und Ausschmückung zu antworten , und selbst wenn du gar nichts zu antworten weißt , so sollst du dies mit gutem ehrlichen Willen bekennen , und dies wird alsdann die gesundeste Antwort sein . Kurz , du sollst , während du philosophierst , wirklich ein Philosoph sein und nicht etwa ein Buchbinder oder ein Kattundrucker ! « » Es ist doch wunderbar mit den Menschen ! « bemerkte der Goldfuchs melancholisch . » Bist denn du etwa jetzt ein Philosoph , während du dir erst ein Pferd träumst , um dir von demselben Fragen beantworten zu lassen , welche du dir einfacher und unmittelbar aus dir selbst beantworten kannst ? Muß denn dein träumender Verstand wirklich erst ein Pferd formen , es auf vier Beinen dahinstellen und sich rittlings daraufsetzen , um aus dem Munde dieses Geschöpfes das Orakel zu vernehmen ? « Heinrich lächelte vergnügt und selbstzufrieden wie einer , der es wohl weiß , daß er sich selbst einen Spaß vormacht , und versetzte » Antworte ! Ich sehe hier eine Brücke ; dieselbe ist aber vollkommen gebaut und eingerichtet wie ein Palast oder großer Tempel , so daß es in dieser Hinsicht wieder mehr als eine Brücke zu sein scheint , während eine solche vielmehr nur der Weg etwa zu einem guten Tempel oder derartigen Bauwerke zu sein pflegt . Auch beginnt am Ausgange dieser herrlichen Palastbrücke oder dieses Brückenpalastes eine herrliche alte Stadt , deren himmelhohe Lindenwipfel und goldene Turmknöpfe wir wohl unter diese Bogenwölbungen können einherfunkeln sehen , wenn wir uns bücken , so wie wir ja auch aus der schönsten Landschaft herkommen und soeben über die treffliche ideenhaltige Kristalltreppe heruntergestolpert sind . Trotzdem scheint alles auf dieser Brücke so zu leben und zu weben , als ob nichts als diese Brücke da wäre , und ich bin nun begierig zu hören , ob dies stattliche Brückenleben eigentlich ein Übergang , wie es einer Brücke geziemt , oder ein Ziel , wie es ihr auch wieder geziemen könnte , da sie so hübsch ist , ein Zweck oder ein Mittel sei ? Ein bloßes Bindemittel oder eine in sich ruhende Vereinigung ? Ein Ausgang oder ein Eingang , ein Anfang oder ein Ende ? ein A oder ein O ? Dies nimmt mich wunder ! « Das weise Pferd erwiderte » Alles dies ist zumal der Fall , und das ist eben das Herrliche und Bedeutungsvolle an der Sache ! Ohne die schönen Ufer wäre die Brücke nichts , und ohne die Brücke wären die Ufer nichts . Alles , was auf der Brücke geht , ist und bedeutet nur etwas , insofern es aus dem Gelände hüben und drüben kommt und wieder dahin geht und dort etwas Rechtes ist , und dort kann man es wiederum nur sein , wenn man als etwas Rechtes über die Brücke gegangen ist . Wenn man auf der Brücke ist , so denkt man an nichts anderes und stürzt sich in den Verkehr , indessen man doch unversehens hinüber gelangt und wieder in seiner besonderen Behausung ist . Dort duselt und hantiert man in Küche und Keller , auf dem Estrich , rund in der Stube herum , als ob man nie auf der Brücke gewesen wäre , bis man plötzlich einmal den Kopf aus dem Fenster steckt und sieht , ob sie noch stehe ; denn von allen Punkten aus kann man sie ragen und sich erstrecken sehen . So ist sie ein prächtiges Monument und doch nur eine Brücke , nicht mehr als der geringste Brettersteg ; eine bloße Geh- und Fahrbrücke und doch wieder eine statiöse Volkshalle . « Plötzlich bemerkte Heinrich , daß er von allen Seiten mit biederer Achtung begrüßt wurde , welche sich besonders dadurch kundgab , daß manche mit einem vertraulichen Griffe und Wichtiger Miene seinen strotzenden Mantelsack betasteten , wie etwa die Bauern auf den Viehmärkten die Weichen einer Kuh betasten und kneifen und dann wieder weitergehen . » Der Tausend « , sagte Heinrich , » das sind ja absonderliche Manieren ! ich glaubte , es kenne mich hier kein Mensch . « » Es gilt auch « , sagte das Pferd , » nicht sowohl dir als deinem schweren Quersack , deiner dicken Goldwurst , die auf meinem Kreuz liegt . « » So ? « sagte Heinrich , » also ist das Geheimnis und die Lösung dieser ganzen Identitätsherrlichkeit doch nur das Gold , und zwar das gemünzte ? Denn sonst würden sie dich ja auch betasten , da du aus dem nämlichen Stoffe bist ! « » Hm « , sagte das Pferd , » das kann man eigentlich nicht behaupten ! Die Leute auf dieser Brücke haben vorerst ihr Augenmerk darauf gerichtet , ihre Identität allerdings zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu verteidigen . Nun wissen sie aber sehr wohl , daß ein kampffähiger guter Soldat wohlgenährt sein muß und ein gutes Frühstück im Magen haben muß , wenn er sich schlagen soll . Da dies aber am bequemsten durch allerlei Gemünztes zu erreichen und zu sichern ist , so betrachten sie jeden , der mit dergleichen wohlversehen , als einen gerüsteten Verteidiger und Unterstützer der Identität und sehen ihn drum an . Sei dem , wie ihm wolle , ich rate dir , dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu setzen und zu vermehren . Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine irrige ist , so steht es doch jedem frei , sie für sich zu einer Wahrheit und so seine öffentliche Stellung angenehm zu machen . « Heinrich griff in seinen Sack und warf einige Hände voll Goldmünzen in die Höhe , welche sogleich von hundert in die Luft greifenden Händen aufgefangen und weitergeworfen wurden . Heinrich warf immer mehr Gold aus , und dasselbe wanderte von Hand zu Hand über die ganze Brücke und über dieselbe hinaus über das Land ; jeder gab es emsig weiter , nachdem er es besehen und ein bißchen an seinem eigenen Golde gerieben hatte , wodurch sich dieses verdoppelte , und bald kehrten alle Goldstücke Heinrichs in Gesellschaft von drei bis vier anderen wieder zurück , und zwar so , daß die ursprüngliche Münze , auf welcher der alte Schweizer geprägt war , die übrigen anführte mit einem Gepräge aus aller Herren Ländern . Er wies ihnen mit seinem Schwerte , welches jetzt ein Merkuriusstab war , den Platz an , und es regnete von allen Seiten auf Heinrich ein . Das Gold setzte sich klumpenweise an alle vier Beine des Pferdes , wie der Blumenstaub , welcher die Höschen der Bienen bildet , so daß es bald nicht mehr gehen konnte . Da es aber immer mehr Gold regnete , so bildete dieses noch zwei große Flügel an dem Tiere , und dieses glich nun wirklich mehr einer ungeheuren beladenen Biene als einem Pferde und flog mit Heinrich lustig von der Brücke auf , welche jetzt endlich zu Ende war . Heinrich ritt oder flog jetzt durch die sonnigen Straßen der Stadt , welche herrlich und fabelhaft aussahen und ihm doch ganz bekannt waren , bis er unter die himmelhohen Linden kam , zwischen welchen in der Höhe die zwei goldenen Münsterkronen glänzten , mit lebendigen Mädchen angefüllt . Das goldene Bienenpferd schwang sich mit ihm höher und höher und setzte sich endlich auf einen grünen Lindenast , welcher gerade zwischen beiden Kronen mitteninne schwebte . » Das sind « , sagte das lustige Vogeltier , » die heiratslustigen Jungfernmädchen dieses Landes , unter denen du dir als wohlbestellter Mann füglich eine Frau aussuchen kannst . « Heinrich blickte unentschlossen in beide Kronen hinüber , wie der Esel des Buridan zwischen den Heuschobern , und flog endlich mit seinem Tiere in die eine der Kronen , so daß er wie eine Reiterstatue plötzlich in einem Kranze ältlicher Mädchen stand , welche anständig und gemessen um ihn herumtanzten und sangen » Wir sind diejenigen heiratsfähigen Frauenzimmer , welche gerade mannbar waren , als du in die Fremde gereiset bist , und welche seitdem alte Jungfern geworden ! Kennst du uns noch ? Unten in der Kirche wird getraut ! « » Teufel noch einmal « , sagte Heinrich , » wie die Zeit vergeht ! Wer hätte das gedacht ! Ich will aber sehen , was das da drüben für welche sind ! « Er flog in die andere Krone und sah sich unter eine Schar siebzehn- bis achtzehnjähriger Jüngferchen versetzt , welche , die Locken schüttelnd , mutwillig und doch zartverschämt um ihn tanzten , ihn dabei mit offenen Rehaugen ansahen und sangen » Wir sind diejenigen heiratsfähigen Frauenzimmer , welche noch mit der Puppe spielten , als du verreiset bist ! Kennst du uns noch ? « » Alle Himmel ! « rief Heinrich , » wie die Zeit vergeht ! Wer hätte das gedacht ? Eure Gesichtchen sind aber lieblichere Zeitsonnenuhren als die da drüben ! Welche Zeit ist es , du kleine Schlanke ? « » Es ist Heiratenszeit « , lachte hold die Angeredete , und Heinrich rief hocherfreut und lachend , indem er ihr das zarte Kinn streichelte » Warte du einen Augenblick , ich will nur erst meine Mutter aufsuchen und mit ihr Absprache nehmen ! « Er flog eilig vom Turm hernieder , und die bergige Stadt hinanreitend , suchte er endlich die Straße und das Haus seiner Mutter auf . Das schwere Pferd konnte aber nur mühsam vorwärts , und es dünkte Heinrich eine qualvolle Ewigkeit , bis er endlich vor dem ersehnten Hause anlangte . Da fiel das Tier vor der Haustür zusammen und verwandelte sich zum Teil wieder in das Gold , aus welchem es entstanden , zum Teil in die schönsten und reichsten Effekten und Merkwürdigkeiten aller Art , wie man sie nur von einer bedeutsamen und glücklichen Reise zurückbringen kann ; Heinrich aber stand verlegen bei dem aufgetürmten Haufen von Kostbarkeiten , der sich ganz offen ohne alle tragbare Hülle auf der Straße ausbreitete , und vergeblich suchte er den Drücker der verschlossenen Haustür oder den Glockenzug . Ungeduldig und ratlos , indem er ängstlich seine Reichtümer hütete , sah er an das Haus hinauf und bemerkte erst jetzt , wie seltsam es aussah . Es war gleich einem alten edlen und fachreichen Schrankwerke ganz von dunklem Nußbaumholz gebaut mit unzähligen Gesimsen , Balkonen und Galerien , alles auf das feinste gearbeitet und spiegelhell poliert . Auf den Gesimsen und Galerien standen altertümliche silberne Trinkbecher von jeder Gestalt , kostbare Porzellangefäße und kleine feine Marmorbilder aufgereiht . Große Fensterscheiben von klarem Kristallglas , denen aber das dunkle Innere des Hauses einen dunklen geheimnisvollen Glanz gab , funkelten hinter den Galerien , oder herrlich gemaserte Holztüren , welche ins Innere führten und mit reichgeformten blanken Stahlschlüsseln versehen waren , boten dem Lichte ihre glänzende Fläche dar ; denn der Himmel wölbte sich jetzt ganz dunkelblau über dem Hause , und eine merkwürdige halbnächtliche Sonne spiegelte sich in der dunklen Pracht des Nußbaumholzes , im Silber der Gefäße und in den Fensterscheiben . Alles dies sah aus wie das nach außen gekehrte Inwendige eines altbestandenen reichen Hauses und hatte doch ein sehr festes und bauliches Ansehen . Jetzt ent deckte Heinrich , daß außen schön geschnitzte Treppen zu den Galerien hinaufführten , und bestieg dieselben , Einlaß suchend . Wenn er aber eine der Türen öffnete , so sah er nichts als ein Gelaß vor sich , welches mit Vorräten der verschiedensten Art angefüllt war . Hier tat sich eine reiche Bücherei auf , deren dunkle Lederbände von Gold glänzten , dort war Gerät und Geschirr aller Art übereinandergeschichtet , was man nur wünschen mochte zur Annehmlichkeit des Lebens , dort wieder türmte sich ein Schneegebirge feiner Leinwand empor , oder ein duftender Schrank tat sich auf mit hundert köstlichen Kästchen voll Spezereien und Gewürze . Er machte eine Tür nach der anderen wieder zu , wohl zufrieden mit dem Gesehenen und nur ängstlich , das er die Mutter nirgend fand , um sich in dem trefflichen Heimwesen so gleich einrichten zu können . Suchend drückte er sich an eines der prächtigen Fenster und hielt die Hand an die Schläfe , um die Blendung des dunklen Kristalles zu vermeiden ; da sah er , anstatt in ein Gemach hinein , in einen herrlichen Garten hinaus , der im Sonnenlichte lag , und dort glaubte er zu sehen , wie seine Mutter im Glanze der Jugend und Schönheit , angetan mit sei denen Gewändern , durch die Blumenbeete wandelte . Er wollte ihr eben sehnlich zurufen , als er unten auf der Gasse ein häßliches Zanken vernahm . Erschreckt sah er sich um und sprang im Nu hinunter ; denn unten stand der vom Turme gestürzte junge Mensch aus der Jugendzeit , jener feindliche Meierlein , und störte mit einem Stecken Heinrichs schöne Effekten auseinander . Wie dieser aber unten war , gerieten sie einander in die Haare und rauften sich ganz unbarmherzig . Der wütende Gegner riß dem keuchenden Heinrich alle seine schönen Kleider in Fetzen , und erst als dieser ihm einige verzweifelte Knüffe versetzte , entschwand er ihm unter den Händen und ließ den Ermatteten und ganz Trostlosen in der verdunkelten kalten Straße stehen . Heinrich sah sich angstvoll mit bloßen Füßen und mit nichts als einem zerrissenen Hemde bekleidet dastehen ; das Haus aber war das alte wirkliche Haus , jedoch halb verfallen , mit zerbröckelndem Mauerwerk , erblindeten Fenstern , in denen leere oder verdorrte Blumenscherben standen , und mit Fensterläden , die im Winde klapperten und nur noch an einer Angel hingen . Von seiner vortrefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem kotigen Pflaster , welche dazu von nichts Besonderm herzurühren schienen , und in der Hand hielt er nichts als den seinem bösen Feinde entrungenen Stecken . Heinrich trat entsetzt auf die andere Seite der Straße und blickte kummervoll nach den öden Fenstern empor , wo er deutlich seine Mutter , alt und grau , hinter der dunklen Scheibe sitzen sah , in tiefem Sinnen über die schwarzen Dächer der Nachbarschaft hinausfahrend . Heinrich streckte die Arme nach dem Fenster empor ; als sich die Mutter aber leise rührte , verbarg er sich hinter einem Mauervorsprung und suchte angstvoll aus der stillen dunklen Stadt zu entkommen , ohne gesehen zu werden . Er drückte sich längs den Häusern hin und wanderte auch alsbald an seinem schlechten Stecken auf einer unabsehbaren Landstraße dahin zurück , wo er hergekommen war . Er wanderte und wanderte rastlos und mühselig , ohne sich umzusehen , und als er in sein wirkliches Elend aufwachte , fiel ihm ein Stein vom Herzen , und er war so froh , als ob der glücklichste Tag ihn begrüßte . So zeigte sich dem schlafenden Heinrich die Kraft und Schönheit des Vaterlandes in den lieblichsten Traumbildern , wo alles glänzend übertrieben war in dem Maße , als er sich dahin zurücksehnte und seine verlangende Phantasie das Ersehnte ausmalte . Er wunderte sich über diese Traumgewalt und freute sich derselben wie einer schönen Freundin , welche ihm das Elend versüßte ; denn er zehrte tagelang von der Erinnerung der schönen Träume . Noch mehr wunderte er sich über die Gier , mit welcher der Mangel ihn fortwährend von Geld und Gut und allen guten Dingen träumen ließ , was aber gewöhnlich ein schlimmes Ende nahm , und studierte darüber , ob diese Gier wirklich etwa eine in ihm schlummernde Untugend sein möchte ? Je tiefer er aber in gänzliche Verlassenheit hineinlebte , desto weniger märchenhaft und unsinnig wurden die Träume , aber sie nahmen eine einfache Schönheit und Wahrheit an , welche , selbst wenn sie traurigen Inhaltes war , eine tröstliche Rührung und Ruhe in Heinrichs Gemüt verbreitete . Die Träume wurden so folgerichtig und lebendig , daß er sich sozusagen sogar während des Traumes jene unmäßigen Geld- und Gutphantasien abgewöhnen konnte mit ihren närrischen Täuschungen und sich auf einfach artige Bilder beschränkte . So träumte er eine Nacht , daß er an dem Rande des Vaterlandes auf einem dunklen Berge säße , während das Land in hellem Scheine vor ihm ausgebreitet lag . Auf den weißen Straßen , auf den grünen Fluren wallten und zogen viele Scharen von Landleuten und sammelten sich zu heiteren Festen , zu allerhand Handlungen und Lebensübungen , was er alles aufmerksam beobachtete . Wenn aber solche Züge nahe an ihm vorübergingen und er manche Befreundete erkennen konnte , so schalten diese ihn im Vorbeigehen , wie er , teilnahmlos in seinem Elende verharrend , nicht sehen könne , was um ihn herum vorgehe . Er verteidigte sich , indem sie vorüberzogen , und rief ihnen sorgfältig gefügte Worte nach , welche wie ein Lied klangen , und dieser Klang lag ihm nach dem Erwachen fort und fort im Gehör , indessen er sich wohl noch des Sinnes , aber durchaus nicht mehr der Worte erinnern konnte , oder wenigstens nur so viel , daß sie wohl an sich sinnlos , aber gut gemeint gewesen seien . Es reizte ihn aber unwiderstehlich , die liedartige Rede herzustellen oder vielmehr von neuem abzufassen bei wachen Sinnen , und indem er ein altes Bleistümpfchen und ein Fetzchen Papier mit Mühe zusammensuchte , schrieb er , in Takt geratend und mit den Fingern zählend , diese Strophen auf : Klagt mich nicht an , daß ich vor Leid Mein eigen Bild nur könne sehen ! Ich seh durch meinen grauen Flor Wohl euere Gestalten gehen . Und durch den starken Wellenschlag Der See , die gegen mich verschworen , Geht mir von euerem Gesang , Wenn auch gedämpft , kein Ton verloren ! Und wie die Danaide wohl Einmal neugierig um sich blicket , So schau ich euch verwundert nach , Besorgt , wie ihr euch fügt und schicket . Je herber und trockener diese Verse an sich waren , desto unmittelbarer und wahrer drückten sie seine Gemütsverfassung aus , da ein blühendes und vollkommenes Kunstwerkchen nicht in einer solchen selbst , sondern erst in der versöhnten Erinnerung entstehen kann . Die Zeilen dünkten den über seine plötzliche Kunst Verwunderten aber die schönste Musik ; er vertrieb sich die öde Zeit , indem er ferner dergleichen Träume festhielt , und als er wieder von dem schlimmen Meierlein träumte , hämmerte er in stillem Ingrimm einige bittere Verse zurecht : Im Traum sah ich den schlimmen Jugendfeind , Mit dem ich in der Schule einst gesessen ; Sein Name schon verdunkelt mir den Sinn , Wieviel der Jahre auch geflohn indessen