und Menschen , welche das Fixirtwerden nicht vertragen . Die Fürstin , sichtlich bewegt , nahm wieder das Wort : » Sie haben Recht , die Nationalität ist auch nur ein Götze , geknetet und angestrichen aus Leim und Koth , aus Träumen und Blut . Aber , Herr Schadow , ein schön geformtes Götterbild bleibt ' s , schöner als Ihr Apollo und Jupiter . « Der Meister hatte eine Prise genommen : » Ja , die Kostüms sind recht hübsch , ich zweifle gar nicht , daß der Patriotismus einst eine Rolle spielen wird . « » Wie wir Alle ! « sagte die Fürstin , indem ihr Blick die Gesellschaft überflog . Die Gitelbach und Laura gingen vorüber ; sie nickte ihnen zu , aber ihre Gedanken waren mit Anderem beschäftigt , und die Worte kaum an den Bildhauer und den Kammerherrn gerichtet , so wenig als an den Rittmeister Dohleneck , der eben aus dem andern Zimmer auf sie zuschritt . Sie sprach mit sich selbst : » Wir Alle spielen eine Rolle , vor Andern oder vor uns selbst . Wenn wir uns doch darüber nicht täuschen wollten ! Schadow hat Recht , was ist denn unser eigenstes Eigenes ? Die Scene , wo wir auftreten , das Licht , das uns anleuchtet , das Kleid , das sich an unsere Glieder schmiegt , es übt Einfluß , es macht uns erst zu dem , was wir scheinen ; das Lächeln der Lippen , es ist angeblasen vom Augenblick , der Stimmung : Alles , was wir zu besitzen glauben , ist Geborgtes , und wir nur Molusken , die Farbe und Gestalt annehmen von der Flüssigkeit , die sie einsaugen , Schmetterlinge , denen der Blüthenstaub den Duft leiht , und der Finger des Knaben entfärbt sie wieder ; Irrlichter sind wir , schaukelnd in der Vibration der Luft , und unsere thörichtste Rolle , es ist die unverschämte Lüge , wenn wir wahr zu sein glauben . « » Dazu , meinen Einige , wären wir auf der Welt , « entgegnete der Meister . - » Schadow , haben Sie nie die ungeheure Leere empfunden , dies gähnende , graue Mißbehagen der Kreatur ? « - » Niemals , meine Gnädigste . « - » Ich kann den Trinker begreifen , der ausstürzt Becher über Becher , immer feurigern Wein , es ist die Molluskensehnsucht nach einer Existenz , nach einer Verkörperung des Geistes . « - » Wenn ich den brennenden Durst empfinde , den Erlaucht meinen , « sagte Schadow , » dann knete ich ihn in Thon und meißle ihn in Stein . « - » Und das todte Werk vor sich , sind Sie befriedigt ? « - » Da ist ' s heraus , fix und fertig , was mich plagte , nach allen Regeln steht ' s vor mir , und ich bin frei . « - » Glücklicher - Unglückseliger ! Bis Sie wieder von Neuem geplagt werden . « - » Dann schaff ' ich ' s von Neuem aus mir raus . « - » Und käme eine andere Zeit , die alle diese Regeln zusammenwürfe ? « - » Dann habe ich für meine geschaffen und genug gethan . « War das Zustimmung , war es Schadenfreude , oder wo kam der Funke her , der plötzlich über ihr Gesicht zuckte : » Und Sie haben Recht . Wir , wir leben ja Alle nur für unsere Zeit . Nur unsere Rolle gut durchgespielt , das ist die Aufgabe . Harmonie hineinbringen müssen wir , nicht aus den Sphären , die bringt schrillende Disharmonieen . Die Harmonie des Scheins . Sie schaffen , was heute gilt , der Komponist , was heute die Ohren kitzelt , der Philosoph , der Politiker , - ach , mein Gott , wohin verirrten wir uns , lieber Schadow , schwärmen und Philosophiren , heißt das nicht aus der Harmonie unserer Rolle fallen , und unsere lieben Gäste blicken verwundert nach uns . « Dreiundsechszigstes Kapitel . Sie hassen . Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Fürstin in Beschlag genommen . » Ein Wort nur , gnädigste Frau , eine Bitte ! « - » So dringend ? « - » Ja . - Sie sind ihr Schutzengel . « - » Ich ein Engel ! Wen beschütze ich ? « - » Auguste - die Baronin Eitelbach ! « korrigirte er sich . - » Ach so ! Eine schöne Frau hat überall Schutzengel . Jeder Kavalier ist es . « - » Die Comteß Laura hat sie an ihrem Arm gepackt , und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich . Sie ist zu arglos , zu gut , sie begreift nicht , daß diese Kompagnieschaft ihrem Ruf schadet . Es verdrießt mich schon den ganzen Abend , aber - « » Da ist ja ihr Gemahl , der Baron . « - » Der ! - « » Er ist freilich ein seltsamer Freigeist . « - » Was schiert er sich um seine Frau und ihren Ruf . Er freut sich , daß sie mit einer vornehmen , bei Hofe gern gesehenen Dame intim scheint . « - » Dann sprechen Sie doch selbst mit ihr . Sie wissen ja , wie gut sie von Ihnen denkt . « - » Erlauchte Frau , Sie wissen , wie wir - « » Das hätte ich beinahe vergessen . Kinder , was trübt Ihr Euch das kurze Schmetterlingsleben durch Skrupel . Was hilft Euch die Pein ? Wenn Ihr Euch noch so ehrbar grüßt , so kalt an einander vorübergeht , dem bösen Leumund entgeht Ihr doch nicht . Am wenigsten Sie , Dohleneck , wenn Sie sich der lieben Frau zum Ritter aufdringen , wie Sie jetzt thun . « Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurückgetreten , wäre es keine Dame und nicht die Fürstin gewesen , hätte er die Hand vielleicht an den Degen gelegt . Er erkannte schnell seine Position . » Gnädigste Fürstin , ich wollte keinem Kavalier Anspielungen gerathen haben , die der Ehre meiner tugendhaften Freundin zu nahe träten . Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine freundliche Warnung . « Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an : » Die arme Laura ! Da scheut Ihr Herren der Schöpfung Euch nicht , um einer Frauen Ehre zu erhöhen , die von andern zu vergiften . Ist das ritterlich , Herr von Dohleneck ? Was sie von meiner Laura schwätzen und plaudern , was geht es mich an ? « » Sollten Sie nichts gehört haben ? « » Ich kam als Fremde her , ich bin es noch , ich nehme die Personen , wie ich sie finde , was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht , kümmert mich nicht . Sollte ich bei allen Gästen , die mich mit ihrem Besuch beehren , danach mich erkundigen , so weiß ich wirklich nicht , ob mein Salon nicht leer bliebe . Ueberdem sagten Sie selbst , daß der Hof sie protegirt . Ich sollte meinen , das sei genug , um dem Vorwurf zu begegnen , der in Ihrer Bitte für mich liegt . « Aber der Rittmeister hatte Succurs bekommen . Herr von Fuchsius und eine Hofdame waren hinzugetreten . Auch der Legationsrath schloß sich der Gruppe an . Die Hofdame hatte Zweifel , ob der Hof die Comteß noch länger halten werde , seit der letzte Skandal laut geworden . Herr von Fuchsius wusste , daß der König sehr aufgebracht sei , und der Legationsrath , daß die alte Voß das Ohr der Königin belagere , welche noch die meiste Prädilektion und Entschuldigungen für die schöne Comteß hätte . » Auch die alte Voß ! « wiederholte mit einem eignen Lächeln die Wirthin . » Da ist ja eine völlige Verschwörung gegen ein armes Mädchen , das sich nicht vertheidigen kann . Ich verstoße wohl schon , wenn ich es versuche ? « » Ihre Erlaucht wollen gütigst vermerken , « sagte die Hofdame , » es ist noch nichts darüber ausgesprochen . Bis jetzt ist sie recipirt , und Fürstin Gargazin können sie ohne Gefahr bei sich sehen . « - » Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen , liebe Almedingen , wenn Sie mich davon avertirten , sobald ich es nicht mehr darf . « - » Sobald man ihr die Thüre weist ; Erlaucht können sich darauf verlassen , daß ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege . « Die Fürstin drückte ihr verbindlich die Hand : » Von Ihrem Eifer bin ich überzeugt . Als dahin hat es aber wohl noch einige Zeit ? « - » Es sind vielleicht doch nur Mißverständnisse , « warf der Legationsrath ein . » Oder sie bessert sich auch . Man muß ihr nur Zeit lassen , « meinte Herr von Fuchsius . » Ein zehn - fünfzehn Jahr , « murmelte der Legationsrath , » dann macht sich das von selbst . « - » Macht mir das junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu , « sagte die Fürstin . » Wenn Ihr ihr beständig von der Arglist und Tücke der Menschen vorerzählt , glaubt Ihr , daß Ihr sie dadurch schützt ? In ihrer Angst und Verwirrung läuft sie von selbst ins Netz . « Das junge Reh stand plötzlich unter ihnen . Laura hatte wohl nur durch das Zimmer gewollt , denn der Glanz ihres Auges verrieth nicht , daß sie gelauscht , noch von dem , was hier über sie gesprochen worden , eine Ahnung hatte . Auch verrieth die Miene der Fürstin nichts von Betroffenheit , als sie die Flüchtige erhascht , und den Arm um ihre Schulter , wie eine Mutter um ihr Lieblingskind , schlang . » Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen ? Wenn Sie wüssten , was wir gesprochen , würde Laura bis über die Ohren roth werden . « Die Comteß meinte , es wäre sehr heiß . » Nun möchte der Wildfang gleich aus Fenster stürzen , um sich zu erkälten . Nein , Comteß , hier ist ein Familienrath , ich stelle die Mutter vor , und alle diese Freunde werden mir beistehen , Sie zu hüten . « - » Ich bin Ihnen sehr obligirt - « » Aber das Kind weiß selbst , was ihm am besten ist ! Nicht wahr ? So lese ich Ihre Gedanken , die geheimsten auch , aber - ich verrathe nichts . Ist sie nicht ein Feenkind , « wandte die Fürstin sich zu den Andern ; » da ist doch kein verborgenes Fältchen , nichts Angelerntes , nichts von Verstellung . - Sehn Sie in dies Gazellenauge ; nur etwas zu munter noch , leichtsinnig ' , flatterhaft , ein Schmetterling , der lauter Honig naschen möchte , aber mit der Zeit pflückt man Rosen , mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden . Ach , das macht sich Alles von selbst . - Sehn Sie ! Jetzt sollte ein Maler diesen Augenniederschlag , diese Grübchen am Kinn malen . Herzens-Engelskind - « Die Fürstin wollte sie embrassiren , aber statt des Feenkindes mit den Pfirsichwangen stand ein blasses , scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr , statt des blühenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine eng anschließende Haube mit Spitzen , und statt der Gazellenaugen , die gutmüthig und gedankenlos umherschweiften , fuhr ihr ein stechendes kleines Augenpaar entgegen . Die Geheimräthin Lupinus war unangemeldet eingetreten . » Mein Gott , welche Überraschung ! « Die Gargazin spielte hier keine Rolle , als sie mit den geöffneten Armen zurück fuhr . Es war eine vollkommene natürliche Überraschung ; denn sie war jedes andern Besuchs gewärtig , als der Lupinus , die zwar zu ihren Soireen ein für alle Mal formell eingeladen , aber noch nie gekommen , auch nie erwartet war . Ob sie aus Nachlässigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen , ob die Fürstin im Eifer des Gespräches die Meldung nicht gehört , lassen wir unentschieden , aber Thatsache war , daß sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und der Wirthin in dem Augenblick sich näherte , als die Comteß durch eine Seitenbewegung sich den Armen der zu gütigen Fürstin entwunden hatte . Alle waren überrascht ; nur die Überraschende schien sich in der Wirkung , die ihre Erscheinung hervorrief , zu gefallen . Sie hatte etwas gestört , vielleicht zerstört , eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit . Die Lust , welche das Zerstören veranlasst , wird von Vielen als eine Wollust geschildert . Die Lupinus war eine Andere geworden , als wir sie kennen gelernt . Die bunten Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden , aus ihren Zügen der Liebreiz , der noch fesseln konnte , während die Schärfe derselben zurückschreckte . Ihre Augen konnte man nie eigentlich schön nennen , aber es lag zuweilen etwas Schmachtendes , Sehnsüchtiges darin , was mit dem lauernden Aufblitzen versöhnen mochte . Man bedauerte sie , man las die Unbefriedigung , welche als Unruhe in ihr aufzuckte . Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen . Schien , sagen wir , so lange sie Herrin über sich blieb , aber in Momenten zuckte das Feuer der Unruhe wieder heraus , ihr Auge schoß Blitze , die wehe thun konnten , vor denen ein sanftes Auge sich verschloß , wie ein keusches Gemüth vor einem Anblick , den es nie gesehen , und doch hat es die Empfindung , daß es so etwas nicht sehen darf . Und doch , wie schnell war die Ruhe wieder über das Gesicht ausgegossen und ein Lächeln schwebte um die Lippen , das ein Maler vielleicht mit dem einer Heiligen verglichen , die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht : Es schmerzt nicht . Die Fürstin und die Geheimräthin hatten einen Versuch gemacht , sich zu embrassiren , ein Versuch , der , an irgend etwas gescheitert , in einem wiederholten Händeschütteln sich aufgelöst . » Ich werde Ihnen das nie vergessen , da ich weiß , was Sie mir bringen , « waren die nächsten Worte der Gargazin , und die Freude schien auf ihr Gesicht zurückgekehrt , als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanapé gezogen . Ihr Auge streifte über die Andern hin , es lag darin ein gütiger Befehl an die Freundesgruppe , sich aufzulösen . Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrath schon fortgeschlichen . Der Comteß nickte sie zu : » Geben Sie Ihren Arm getrost dem guten Rittmeister . Ich versichere Sie , Comteß Laura hat keinen bessern Freund als Herr von Dohleneck . « » Ich weiß , was ich Ihnen bringe , « hatte die Geheimräthin erwidert . » In das Haus der Freude eine Trauergestalt , aber die Pflicht der Dankbarkeit geht über diese Rücksicht . « » Dankbarkeit ? « rief die Fürstin mit einem erstaunten Blick , indem sie die Hand der Geheimräthin an sich zog . » Sie stehen noch immer , Herr von Wandel , wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen , meine Freude theilen . - Madame Lupinus spricht von Dankbarkeit ! « - » Nur von einer Pflicht , gnädigste Fürstin , die ich so lange aufgeschoben . Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter angenommen . « - » Ach das ! - Ich bitte Sie , kein Wort davon . « - » Gönnen Sie mir das Wort . Ja , ich bekenne es , ich bringe ein Opfer , um endlich auszusprechen , was ich über Ihre Handlungsweise denke . « - » Egoismus , nichts als Selbstsucht ! Weil Adelheid mir gefällt , weil ich mein Haus , meine Gesellschaften durch ihre Schönheit schmücken will . « Die Fürstin fühlte ihre Hand sanft gedrückt : » Warum das wiederholen , was der Pöbel über uns urtheilt . Adelheids blühende Jugend gehört nicht in mein Krankenhaus . Sie erkannten es - und - ich gestehe es Ihnen , im ersten Augenblick schmerzte mich die Art , wie das theure Kind mir entführt ward ; jetzt preise ich den Himmel , daß er es so gefügt hat , und - daß er Ihnen den raschen Entschluß eingab . « Die schönen Seelen verstanden sich ; das vorhin versuchte Embrassement erfolgte wie von selbst . » Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin erkennen , « sagte die Fürstin . » Ich kann noch immer nicht umhin , mir einen Raub vorzuwerfen . « - » Lassen wir den Streit darüber , gnädigste Frau . Adelheid gehört in Ihr Haus , es ist meine aufrichtige Meinung . Der Legationsrath kann bezeugen , wie oft ich es aussprach . Bei mir wäre sie verkommen . « - » Sie spricht nur mit der größten Liebe von dem Guten , was sie durch meine Freundin erfahren . « - » Es thäte mir leid um das Kind , wenn sie unwahr würde . « - » Warum so selbstquälerisch . Sie wissen selbst , bis zu welcher Verirrung das Dankbarkeitsgefühl sie trieb . « - » Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal besucht . « Das hatte die Geheimräthin nicht sagen wollen ; es war heraus , ehe sie es verschlucken konnte , und , was schlimmer , die Fürstin hatte es aufgefangen . - » Sie sind leidend , « sprach sie mit bewegter Stimme . » Und Sie überwanden sich , verließen Ihr stilles Asyl , und - Ich weiß ja , wie ich dieses Opfer zu schätzen habe . « Die Geheimräthin war wieder ganz Herrin über sich geworden : » Doch ist es nicht ganz so . Warum zwischen uns eine Verheimlichung ? Überwindung kostet es mich , ja , sehr große , diese Festkleider wieder anzulegen . Ich erwarte auch nicht Erheiterung , noch suche ich Zerstreuung , denn ich betrachte es als eine Pflicht gegen mich selbst . Sie sehen also , mein Opfer ist reiner Egoismus . « - » Wie Sie da wieder täuschen wollen ! Sie thun es um der Gesellschaft selbst willen , Sie erkennen die Pflicht , daß wir nicht uns , daß wir für Alle leben sollen . « - » Oder sie für uns ! « rief eine Stimme in der Geheimräthin , die aber diesmal auf den Lippen erstarb . Die Gargazin musste den Sinn verstanden haben , so deutete ein Blick ihr an ; es war ein merkwürdiges Verständniß zwischen beiden Frauen . Sie liebten sich gewiß nicht , aber zum Haß war für die Fürstin kein Grund . Sie sah sich um , ob Niemand lauschte . Der Legationsrath war unschädlich , er bildete eine Schutzmacht gegen die Andern . » Wir verstehen uns , glaube ich , besser , als wir einen Ausdruck dafür finden , « hub die Fürstin an , der Lupinus näher rückend . » Was ist uns die Gesellschaft ? - Ich setze voraus , daß wir Beide jetzt über die kleine Rivalität recht herzlich im Innern lachen , ich meine die , welche die Leute uns anlügen . Ich gebe auch zu , daß in der Lüge etwas Wahres war . Wir spielten Schach miteinander , weil sie uns dazu nöthigten , zwangen . Genug , wir haben gespielt . Weiter war es nichts . « - » Und Euer Erlaucht gewannen . « - » Die Erlaucht hatte nichts damit zu schaffen . Wir gingen unserm Penchant nach , und in einem Punkte stießen wir aneinander . « - » Ich gebe keine Gesellschaften mehr . Mein Haus ist ein Haus der Trauer geworden , mein guter Mann - « » Wird gewiß unter solcher Pflege genesen . Wer redet davon ! Wir wollen ja nur unsere Gedanken über das Wesen der Geselligkeit einklingen lassen . Lieben wir sie etwa um ihrer selbst willen ? Um daraus Belehrung , Trost , Hülfe zu schöpfen ? Sind wir lüstern , wie die unsterblichen Götter im Olymp , die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen einschlürfen sollen ? Oder ist es bei uns die Neigung , das Verlangen , mit unsers Gleichen zusammen zu sein ? Sehn Sie , wie unser Freund lächelt . Nicht wahr , das brauchen wir Beide nicht , wir haben Ressourcen in uns , um uns vor der Einsamkeit nicht zu fürchten . « » Ich lächle nur , « sagte Wandel , » weil Sie von Ihres Gleichen sprechen . « » Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es . Wir zaubern das um uns , was uns doch nicht entgeht . Weil wir unter Thoren leben müssen , verschaffen wir uns einen kleinen Hof von allen Thorheiten um uns her . Wer dreist einer Gefahr entgegen geht , hat sie halb überwunden . Eine Welt en miniature sollen unsre Salons bilden . Was im großen , wirklichen Leben uns anwidert , das erscheint uns auf dieser Bühne gefälliger , weil wir damit spielen , es regieren zu können meinen . Am Ende bilden wir uns ein , dieser Mikrokosmus ist unser Werk , und wir hätten alle diese Puppen uns zum Vergnügen ausgestopft und in Scene gesetzt . « » Man muß nur nicht die Drahtfäden merken lassen , « sagte der Legationsrath . » Zum Vergnügen ! « fiel die Geheimräthin ein , die aufmerksam gefolgt . » Wo wir wissen , wie Einer den Andern verredet , hier mit Lob ihn überschüttet , um , wenn er ihm den Rücken gedreht , ihn zu verspotten ; wissen , wie die mit Honiglippen uns Kußhände zuwerfen , gegen uns kabaliren . Hier drückt ein Beamter dem andern die Hand , und empfiehlt sich seiner Gewogenheit , während die Entlassung oder Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist , und er hat sie betrieben , um in seinen Posten zu rücken . Wo sie uns schön und geistreich finden , um sich nachher vor Lachen auszuschütten , daß wir es geglaubt ! Die Tugend in Aller Munde , und die Kuppleraugen schleichen , um ihre Opfer sich auszusuchen . Nur die absolute Mittelmäßigkeit ist sicher , denn was hervorragt , worin es sei , ist den Pfeilen ausgesetzt . Sie zumeist , die wähnen , sie zu regieren . Man preist ihr Zauberfest man erhebt es beim Abschied in den Himmel , aber ehe sie nur in den Wagen springen , klagen sie über Langeweile , Zurücksetzung , gemischte Gesellschaft , daß die Wirthin es nicht verstanden , die Gäste zu placiren , sie klagen vielleicht über Hochmuth , Anmaßung , über das Essen und Trinken auch , Gott weiß , worüber nicht . Ich begreife , wie man mit diesen Puppen spielen , aber wie es ein Vergnügen sein kann , das bleibt mir ein Räthsel . « » Ihre Kritik geht über die Gesellschaft hinaus , « sagte der Legationsrath . » Das Räthsel ist die Welt - « » Und wehe , wer nicht mit ihm spielen kann . « rief die Fürstin aufstehend , denn neue Gäste waren im Vorzimmer eingetreten . » Wer auf diesem bunten , beweglichen Teppich nicht mit den Füßen einer Tänzerin wandelt , hier über Gegenstände springt , dort sie fortstößt wie Glaskugeln , der ist verstrickt , der ist verloren . « - » Es giebt noch einen andern Weg - wo man fest stehen kann - « entgegnete die Geheimräthin , indem sie auch aufstand . Es war ein Metallklang in der Stimme , wie ein Grabgeläut . » Den Weg , « unterbrach die Fürstin , » den Weg haben Sie doch nicht gefunden ! « Sie blickte ihr forschend ins Auge ; als die Lupinus antworten wollte , rief die Gargazin , wie von etwas überwallt : » Sie hassen ! - O. unglückliche Frau , der Haß ist ein zu fürchterliches Spiel für uns ; der Haß hat einen unergründlichen Fonds , Sie wissen nicht , was da herauskommt aus der gähnenden Kluft - selbst der Schmetterling flattert nicht lange darüber - « Sie ward unterbrochen . Ein freudiges » Ach ! « musste sich aus ihrer Brust ringen , um eine andere Erscheinung zu begrüßen , wir wissen nicht , wen ? Es ist uns auch gleichgültig : der unerwarteten Erscheinungen , die alle aus dem Fonds ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen Überraschung bewillkommt wurden , waren viele . Die Lupinus aber hätte , noch nicht in die Gesellschaft eingeführt , allein gestanden , wäre nicht der Legationsrath gewesen . Im Nebenzimmer arrangirte man Spieltische , es wurden schon Karten umgereicht . » Werden Sie spielen ? « fragte Wandel . - » Werden Sie reisen ? « entgegnete die Geheimräthin . - » Ich riethe Ihnen eine Karte zu ergreifen . « - » Und ich Ihnen zu reisen . « - » Warum ? « - » Aus demselben Grunde , weshalb Sie mir zur Karte rathen . Man ist der Mühe überhoben zu antworten , wenn man fürchtet gefragt zu werden . « - » Gilt der Haß , dem Sie die Gesellschaft geweiht , auch mir ? « - » Ich bin es müde , Räthsel zu lösen . « - » Im Augenblick , wo Sie den Schlüssel fanden ? « - » Um auf einen neuen Verschluß zu stoßen . Viel Glück , Herr Legationsrath , in Rußland . « - » Will ich , gehe ich denn dahin ? « - » So wollen Sie Jemand damit täuschen ? « - » Meine Feinde . - Kennen Sie meine Feinde ? « - » Nicht alle - Einige . « - » Verlangen Sie , daß ich die Sorgen , unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe , noch durch Mittheilung von Verhältnissen erhöhe , die nur mich allein betreffen ! Nicht mich allein - nein , gewiß nicht , ich bin der letzte - aber Niemand , der mir persönlich theuer ist . « - » Ihre Sachen sind gepackt , Extrapostpferde stehen für Sie täglich im Hofe des französischen Attaché bereit . « - » Das ward Ihnen bekannt ? « - - » Durch Zufall . « - Er sah sich um : » Wenn Sie eines Morgens hörten , daß ich über Nacht aufgegriffen , über die Gränze geschleppt ward , und wenn am andern Abend die Nachricht käme , daß er mich füsiliren ließ , so würden Sie den Grund der Vorsicht wissen . « - » Wer ? « - » Napoleon . « - » Da würden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte Marvilliers stehen . « - » Der Löwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Höhle . « - » Aber der junge Attaché ! « - » Wenn ich Ihnen sagte , daß er darum weiß , wäre ich ein Verräther . Ich will kein Verräther werden , lieber - scheiden . « - Er hatte sich halb umgewandt , um rasch die Hand der Geheimräthin zu ergreifen : » Leben Sie wohl , « lispelte er . » Nur Eines - ist Ihr Leben in Gefahr ? « » Noch nicht , aber - gütiger Gott ! Die peinliche Erwartung einer Entscheidung in der ich täglich schwebe , verschließt mir die Lippen , wenn ich sie öffnen müsste , um Vertrauen zu gewinnen . Ich klage Niemand , Sie am wenigsten an . Im Gegentheil , Sie haben Recht , daß Sie mir dies Vertrauen nicht schenken , ganz Recht ; verdammen Sie mich als Lügner , der die Pflicht hatte zu sprechen , und wenn er den Mund öffnen sollte , ihn verschließt , als kaltherzigen Intriguanten , der mit den Gefühlen spielt , der edle Herzen zerreißt , verdammen Sie mich , Sie haben Recht aber - wenn es vorbei ist , widmen Sie mir eine Thräne der Theilnahme , wenn Sie erkannt , daß ich nicht anders handeln durfte . « » Wandel ! « sie hielt inne - » Wann - wann kommt die Entscheidung ? « - » In einer Woche , vierzehn Tage - höchstens einen Monat , wenn aus Warschau - « » Aus Warschau ? « - » Ich betheure Ihnen , es ist nur eine Vorsichtsmaßregel ; vielleicht zerläuft Alles wieder , wie so oft , in Luft und Wind . « - » Wer ist in Warschau ? « 150 ; » Entfiel mir das Wort ? - Ich bin verwirrt - « » Das muß Entsetzliches sein , was Sie außer sich bringt . « - » Was ist entsetzlich , Freundin , in diesen Weltkrisen ? « Seine Hand zitterte in der ihren . » Ihr Scharfblick errieth es . Nun bin ich in Ihre Hand gegeben . Mein Leben hängt von Ihnen ab . Gehen sie zu Laforest und - « » Sie phantasiren . Als ob er nicht wüsste , daß Sie mit der Russischen Diplomatie verhandeln . « » Auch daß man mich verstrickt , nennen Sie es Zufall , in ein Netz gezogen , dessen Zipfelende die Bourbonen halten ; daß Ludwig XVIII. wieder in Polen ist , daß Dinge in Frankreich vorbereitet werden ; daß in Napoleons nächster Umgebung Personen gewonnen sind ; daß ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel , die er mit sich führt , nichts helfen ; daß die Suppe , die er kostet , das Geflügel , das er in den Mund führt - « » Schweigen Sie , um Gottes Willen , schweigen Sie - « » O , ich möchte Alles , was man mir eingefüllt , ausgießen , es zersprengt meine Brust ; denn bei Gott , nur mein böses Glück , nicht mein Wille , hat mich hier verstrickt . - Ich fühle mich schon erleichtert , daß