veranlaßt , durfte als Frau vom Hause nicht , wie sie wünschte , entscheiden ; da besonders das schöne Gesicht der Gräfin Bussy zu Marmor erblaßt war . Endlich erklärten die Herren , sich theilen zu wollen . Einige wollten die Zimmer betrachten , die ihre Neugier reizten und so leicht erreichbar nun vor ihnen lagen . Andere wollten bei den Damen in dem düsteren Banketsaale bleiben . Lucile bat , sich den Herren anschließen zu dürfen , die die weitere Forschung wagten , und trat , von ihrem Gemahle , von dem Grafen Bussy und dem Chevalier de Vardes begleitet , vor die verhängnißvolle Thür . » Nun , Lucile ? « fragte der Marquis d ' Anville ; - denn so leise sie Alle zur Thüre geschlichen waren , stand doch Lucile mit dem Drücker der Thür in der Hand und wagte nicht einzutreten . » Willst Du Deine kleine Hand als Riegel da vorgeschoben lassen und uns den Muth benehmen , diesen wegzuschieben , wie wir mit jenen eisernen thaten , die , von Rost zerfressen , wenig Widerstand leisteten ? « » Gleich , « sagte Lucile mit leiser Stimme und wendete ihr holdes Gesicht , zwar lächelnd , aber seiner frischen Farbe beraubt , zu ihrem Gemahle - » mir war eben , als hörte ich sprechen ! « - » Dann tritt zurück , mein theures Kind , es greift Dich dennoch an . Die Phantasie rächt sich für Deine kühne Herausforderung ! « - » Nein , « sagte Lucile - » sie soll nicht stärker sein , als ich ! « - Die Thür öffnete sich , Alle traten in ihren weiten Bogen ein - und Allen widerfuhr dasselbe : ein an Schrecken grenzendes Erstaunen . Wir wurden schon ein Mal , an Fennimor ' s Seite , in dies Geheimzimmer der Königin Katharina geführt , und werden uns an die eigenthümliche , finstere Pracht desselben erinnern können . Es war wohl geeignet , wenn das Andenken der grauenvollen Bewohnerin den Geist ergriff , eine Bewegung des Schreckens zu rechtfertigen , da , wo die Spuren ihrer Missethaten noch so vollständig erhalten waren ! Aber wie sehr mußte sich für Alle der Eindruck steigern , als hinter dem großen Schreibtische der Königin , der auf weißem Marmor ruhend , vollständig erhalten war , eine wunderschöne , weibliche Gestalt aufgerichtet stand , die , todtenbleich und mit starren Augen auf die Eintretenden blickend , ganz einem schönen Geiste glich , der in diese unzugänglichen Räume gebannt war . Dazu kam die fremdartige Kleidung , die niederhängenden , glänzenden , braunen Locken , ohne die Entstellung der damaligen Frisur , das schöne Mieder von weißer Seide , mit den kostbaren Juwelen-Spangen , das sich anschmiegende , in reiche Falten niederfallende Kleid , das die Form des Körpers nicht entstellte , der Aermel , der aufgeschnitten hinten über hing und den schönen Arm , die schlanke , weiße Hand enthüllte , die auf der Lehne des Stuhles ruhete , während die andere fast krampfhaft in die schwarzen Marmor-Schnörkel der Tischeinfassung griff . Dahinter saß , in schweren grauen Damast gekleidet , ein Wesen im höchsten Alter , spukhaft von Ausdruck , das weiße Haar von einer fremdartigen , kleinen Haube kaum bedeckt . Die Spindel und der Faden in der dürren Hand schien versteinert ; sie selbst , wie die jugendliche Gestalt , ohne Athem und Leben ! Wir werden begreifen , daß hier ein lautloser Augenblick eintrat , in welchem Niemand etwas Anderes , als anblicken konnte . Doch mit der größeren Leichtigkeit des Geistes , die den Frauen eigen ist , sich in den Zuständen zurecht findend , war auch Lucile die Erste , die sich dem schönen Wunder nahete . Mit dieser Annäherung schien das Leben in dem reizenden Geiste wiederzukehren ! Die Brust hob sich , ängstlich flog der Athem über die Lippen , und die erste Bewegung war , daß der schöne Kopf mit seiner Lockenfülle sich auf den Busen senkte . Lucile blieb bei diesen Zeichen einer großen Gemüthsbewegung einen Schritt noch von ihr , besorgt stehen ; da erhob sich die Alte und vorschreitend und die Marquise mit den Augen bewachend , rief sie rauh und streng : » Fürchte Dich nicht , mein Engel ! Sie dürfen Dir Nichts thun , sie haben kein Recht an Dir . « Noch immer schwieg die junge Person , obwol sie die Hand von dem Stuhle zog und sie leise , wie abwehrend , gegen die Alte aufhob , die sogleich verstummend zurücktrat . » In welcher Weise dürfte auch Miß Eton ihre Freunde fürchten ? « fragte nun Lucile mit dem gewinnenden Laut ihrer Stimme ; - » denn so stolz sie sich uns auch entzogen hat , darf ich dennoch nicht zweifeln , daß mir der Zufall günstig ist , und ich die Freundin meiner Tante d ' Aubaine vor mir sehe . Erlauben Sie mir , Ihnen meinen Gemahl , den Marquis d ' Anville , vorzustellen . « » Madame , « sagte Elmerice , noch immer mit bebender Stimme - » entschuldigen Sie meine Ueberraschung ! Ich ahnte nicht , Ihnen in diesen verödeten Gemächern hinderlich werden zu können ! « » Das möchte auch in Wahrheit unmöglich sein , « rief der Marquis d ' Anville . » Was könnten wir uns für einen glücklicheren Zufall wünschen , da er unser lebhaftes Verlangen erfüllt , uns Ihnen vorstellen zu dürfen . « Elmerice verneigte sich mit einer so edeln Würde , daß der Marquis das Wort , welches ausblieb , nicht entbehrte . » Aber jetzt , « sagte Lucile , während sie Elmerice ganz nahe trat und die schöne , kalte Hand von den Marmorblumen , die sie noch immer festhielt , wegzog ; - » jetzt haben wir Sie , und Sie werden sich uns nicht mehr entziehen können - oder wenigstens abwarten müssen , ob wir uns nicht Ihre Gesellschaft verdienen ! « » Madame , « sagte Elmerice , die ihre Besinnung wieder zu erhalten schien ; - » ich war so frei , Euer Gnaden meine nothwendige Bestimmung darüber mitzutheilen . Wenn ich jetzt den Muth habe , sie zu wiederholen , muß ich es mir selbst zum Verdienst anrechnen , da ich das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft genieße . « » Wie , Sie wollten nicht mit uns leben ? « sagte d ' Anville , gutmüthig näher tretend ; - » o , versuchen Sie es ! Wir sind alle jung , heiter , ich darf sagen , gut geartet . Warum wollten Sie nicht in den Kreis eintreten , zu dem Sie in jeder Beziehung gehören ? « » Ich habe eine heilige Pflicht gegen eine theure , alte Freundin übernommen ; « erwiederte Elmerice ; - » ich darf mich davon nicht ablenken lassen , wie ehrenvoll es auch sein müßte , Ihre Güte anzunehmen . « Da zuckte sie zusammen ; denn auf ihre weiße Schulter legte Emmy Gray die verknöcherte Hand , und sagte in ihrer gebrochenen Redeweise : » Kind , Kind , stoße diese dort nicht zurück , sondern tritt ein in ihre Kreise und siehe zu , was sie beschließen werden . Wohl gehörst Du zu ihnen , und ich muß Dich dort wissen , ehe mein letzter Tag kömmt . « Elmerice wendete sich und sprach , wie es schien in englischer Sprache , leise bittend zu ihr , während der Marquis sich der Alten nahte . » Mistreß Gray , « sagte er freundlich ; - » erlaubt , daß ich Euch in Ste . Roche willkommen heiße . Immer habt Ihr meinen Besuch abgelehnt ; und doch hätte ich gern selbst nachgeforscht , ob es mir nicht möglich wäre , Euch irgend eine Erleichterung Eurer Lage zu verschaffen . « » Laßt das , Herr , « sagte Emmy trocken ; - » Ihr habt keine Macht , mir Etwas zu gewähren ; mit Eurer Familie habe ich abgeschlossen ! Ich wohne in dem rechtmäßigen Erbe meiner ehemaligen Gebieterin und weiß vollständig , was mir darin zustehet , zu meiner Erleichterung zu verfügen . - Fragt , ob Emmy Gray Euch hier willkommen heißen mag ! « Diese Rede schien Niemanden , als Elmerice zu verletzen . Alle waren auf Emmy ' s abenteuerliche Weise so vorbereitet , daß ihnen auch Stärkeres erwartet gekommen wäre . » Thut es immer , Mistreß Gray , « antwortete der Marquis , ohne das ironische Lächeln , mit dem verletzte Eitelkeit sich herablassend zu rächen weiß , wenn sie sich anscheinend zu bezwingen sucht - » Ihr werdet mir dadurch mehr Eigenthums-Gefühl geben , als ich bis jetzt empfinden konnte . « Emmy blickte trübe zu ihm auf ; und dieser Blick , der aus den tief gesunkenen Augen drang , war scharf und klug . » Wir werden sehen , - ich werde ja hören , wie Ihr seid , « sagte sie dabei ; - » Louise , Eure Mutter , war so übel nicht - Lesüeur rühmte sie oft ; - nun , wir wollen sehen ! « - » Und Sie ? « - fragte nun Lucile , mit Armand herzlich zu Elmerice tretend . » Selbst Ihre alte Freundin , der Sie sich so großmüthig widmen , redet unserem Vorschlage das Wort - und Ihre jugendlichen Wangen , die blässer sind , als sie sollten , fordern Sie gleichfalls auf , unter Menschen zu leben , die mit ihrer Heiterkeit versuchen würden , ihnen wieder Farbenglanz zu geben . « » Ach Madame , « erwiederte Elmerice , fast überwältigt von der Qual dieser dringenden Anforderungen ; - » wie wenig passe ich in Ihre harmlos glücklichen Kreise ! Glauben Sie nicht , daß ich Ihre Güte weniger empfinde , wenn ich sie ablehne ; aber ich muß mir diese Zurückgezogenheit als eine Güte von Ihnen ausbitten . Vielleicht haben Sie Recht ; - und mein krankes Ansehen verräth nur zu sehr , daß ich leidend bin und also der Ruhe bedarf . « Lucile und Armand betrachteten mit dem größten Antheile das schöne Wesen , das so berechtigt erschien , durch die Vereinigung von Geist , Bildung und äußerm Reize ! Ihre Weigerung war keine eigensinnige , ungeschickte Laune ; sie kam tief aus ihrem Herzen , sie schien dabei zu leiden - das fühlten Beide . Sie konnten ihre Bemühungen nicht aufgeben ! » Wir wollen nicht unbescheiden werden , « rief Lucile - » Sie sollen in Ihre Einsamkeit zurückkehren können , wenn Sie wollen ; nur müssen Sie uns nicht ganz verwerfen , Sie müssen uns alle erst kennen lernen , genug , ich muß eine kleine Brücke zu Ihnen hinüber haben ; denn schon jetzt fesseln Sie mein ganzes Herz , und ich könnte Sie nie wieder vergessen ! « Diese letzten Worte erschreckten Elmerice fast , denn sie sprachen aus , was sie gegen die Marquise anfing zu fühlen . Beide blickten sich daher mit zärtlicher Ueberraschung an , und ohne es selbst zu wissen , folgte sie der liebenswürdigen Frau , die sie sanft mit sich zog . » Sie finden in den Nebenzimmern alle meine Freunde , die wahres Verlangen tragen , Sie zu sehen , und entzückt sein werden , Sie kennen zu lernen . « Jetzt erst , wie sie sich mit diesen Worten der Thüre näherten , an der Bussy und Vardes in sprachlosem Erstaunen stehen geblieben waren , erinnerte sich Elmerice ihrer auffallenden Kleidung . Sie zögerte abermals und rief ängstlich : » Madame , betrachten Sie mich ! Ich kann in dieser Kleidung nicht vor Ihren Freunden erscheinen ; - ich legte sie an , « fuhr sie beschämt und verwirrt fort , » um dem Herzen meiner alten Freundin wohl zu thun , die damit ihr heiliges Erinnerungsfest feiert ; - aber dies , wie mein ganzes Verhältniß , war auf die tiefste Einsamkeit berechnet - setzen Sie mich nicht dem Tadel oder dem Spotte Anderer aus ! « - » Nein , nein , Alle werden entzückt sein , das herrliche Kostüm zu sehen - Allen werde ich erklären , wie es zusammenhängt - Niemand wird diese fromme Nachgiebigkeit verkennen . « - Vardes hatte schon die Thüre geöffnet ; - sie standen in derselben der aus den entfernteren Gemächern zurückkehrenden Gesellschaft beinahe gegenüber . Da fühlte Elmerice , daß jedes Zurücktreten unmöglich sei , und ihr edler Stolz erwachte . Sie wollte ihre vollkommene Herrschaft über sich wieder haben - und die Anstrengung gelang . Doch wer könnte das Erstaunen der Gesellschaft beschreiben , als aus den Zimmern der Katharina von Medicis , an der Hand der Marquise d ' Anville , eine wunderbare Schönheit hervortrat , deren Kostüm , jener Zeit gehörend , vereinigt mit ihrem marmorblassen Gesichte , sie als eine aufgefundenen Bewohnerin aus diesen Räumen eines vergangenen Jahrhundertes erscheinen ließ ! Niemand regte sich von seinem Platze ; Elmerice hatte Zeit , Alle zu erkennen . Margot war nicht dabei ; sie lehnte seitwärts an einem der merkwürdigen Schränke des Saales , und vor ihr , den Rücken gegen die Eintretenden gewendet , stand der Marquis Leonce , zu eifrig redend , um zu gewahren , was hinter ihm vorging . » Wir sind so glücklich gewesen , mehr und Besseres zu finden , als wir suchten , « sagte der Marquis . » Miß Eton - die Freundin meiner Tante Franziska , die sich uns so spröde entzogen hat . « Jetzt mußten die Damen sich eingestehen , daß das schöne Bild lebe ; Elmerice zeigte die vollkommenste Haltung und eine so anmuthig verbindliche Miene , als sie die Begrüßungen erwiederte , daß die günstigste Meinung von ihrer Erziehung den Eindruck ihrer Schönheit erhöhte . » Sie sind in Allem glücklich , liebe Marquise , « sagte die alte Prinzesse de la Beaume ; - » während wir hier verlegen und beschämt umher wanderten , verschafft Ihnen Ihr Muth eine so reizende Bekanntschaft . « » Ja , meine Damen , « erwiederte die Marquise - » ich bin stolz darauf , und noch mehr wie stolz , ich bin sehr glücklich ! Bald werden Sie mir für Nichts so dankbar sein wollen , als für diese Probe meines Muthes ! « Alle fühlten , die Marquise wolle ihrer jungen Begleiterin eine möglichst gehobene Stellung geben , und Alle beeiferten sich , einen Kreis um sie zu schließen . Indessen nahte sich Armand seiner Muhme Margot . » Kind , « rief er - » lassen Sie Ihr tête à tête und kommen Sie zu uns , wir haben Miß Eton entdeckt , die in jenem Zimmer weilte ; und es ist unseren Bitten gelungen , sie hierher zu führen . « Als ob ein Pistol an Leonce ' s Kopfe abgeschossen würde , so fuhr er bei den Worten seines Bruders in die Höhe . Er wendete sich schnell und sah Elmerice in dem Kreise der Damen stehen , mit Ruhe und Unbefangenheit redend , aber mit einer Blässe bedeckt , die sie wie einen Geist erscheinen ließ . » O Leonce , « rief Margot , sich auf seinen Arm stützend , » haben Sie je eine wunderbarere Erscheinung gehabt ? Und das ist unser lebendig gewordenes Bild aus dem Eudoxien-Thurme ! « » Nun so begrüßen Sie , wie wir Alle , das herrliche Wesen mit Achtung und Güte , « rief Armand , und führte sie Beide der Gruppe zu . » Ach , da kommt meine Muhme Margot ! « rief Lucile . » O komm ' , mein Liebchen - sieh ' , unser Wunsch ist erfüllt ! Miß Eton , das ist wieder eine Nichte Ihrer Freundin d ' Aubaine , die Tochter des einzigen Bruders unserer lieben Franziska ! « Elmerice hatte sie mit ihren Begleitern sich nahen sehen , sie begrüßte sie mit besonderer Freundlichkeit , und verzögerte die Vorstellung des Marquis Leonce , indem sie lebhaft ausrief : » Wissen Sie auch , daß Ihre Cousine mich recht eigentlich auf Ihre liebenswürdige Heiterkeit angewiesen hat ? Daß ich also mit ganz besonderem Antheil um Ihr Wohlwollen bitten muß ? « » O Miß Eton , « lächelte Margot - » da hat man Ihnen verschwiegen , daß ich den ganzen Tag - von der ganzen Gesellschaft gescholten werde , und daß nicht Viel an mir bleibt , als an einem unartigen Kinde , mit dem man sich einrichten muß , wie es gehen will . « » Erlauben Sie mir den Versuch , « erwiederte Elmerice verbindlich - » die ganze Gesellschaft scheint sich mit Ihnen sehr wohl zu befinden ! « - » Sie wollen mich durch Güte erziehen , da alle Anderen darauf bedacht sind , es mit Strenge zu thun ; und gewiß , Sie sollen in mir eine willige Schülerin finden ; denn die Bewunderung , die ich schon seit lange für Sie hege , kann Ihre persönliche Bekanntschaft nur erhöhen . « - » Aber , Margot , wollen Sie Ihren armen Vetter ganz verdrängen ? « rief d ' Anville ; - » seine Verbeugung dauert schon so lange , als Sie vor ihm stehen ! Nun , Miß Eton , « rief er freundlich , als Margot lächelnd zurücktrat - » nehmen Sie meinen Bruder gütig als Ihren Bewunderer auf ! « Leonce erhob sich hier aus seiner gebeugten Stellung , und mit raschem Entschlusse vor Elmerice hintretend , sagte er fast stolz : » Miß Eton wird geneigt sein , die Bewunderung einer so unbedeutenden Person zurück zu weisen , und Jeder wird vor ihr die Schranken fühlen , hinter denen er sich zurückziehen muß . Das zufällige Glück , Miß Eton hier zu sehen , wird gewiß auf das lebhafteste von mir empfunden ! « Elmerice verneigte sich ernst , ohne zu sprechen ; als sie ihr gesenktes Auge vom Boden erhob , streifte es eine leichte , schwarzseidene Schlinge , in welcher Leonce noch immer den früher gebrochenen Arm trug . Ihr Auge blieb daran haften , und ihre Züge verriethen den lebhaften Wechsel ihrer Empfindungen . Sie öffnete zwei Mal die Lippen - endlich sagte sie kaum hörbar : » Sie waren verwundet , Herr Marquis ? Gräfin d ' Aubaine schrieb mir , daß Sie einen Unfall hatten . « Leonce hatte jedes Wort von ihren Lippen verschlungen . » Es war ein sehr unbedeutender Unfall ! « rief er ; und als sie schwieg , fuhr er mit Lebhaftigkeit fort : » ich segne die Veranlassung - und habe zu viel wirklichen Schmerz erlitten , um dies Ereigniß dazu rechnen zu können ! « Der Zufall wollte , daß sie sich bei diesen Worten fast allein gegenüber standen , da die Uebrigen sich besprachen , jetzt die Zimmer der Königin , die alle Schrecken verloren hatten , zu besuchen . Leonce schien nach seiner Erwiederung eine Antwort zu erwarten ; - Elmerice stand noch in derselben Stellung . - Plötzlich richtete sie sich auf , blickte ihn ernst und flüchtig an und wendete sich , ihn grüßend , dann zu den Uebrigen . Als man die Zimmer betrat , hatte sich Emmy Gray daraus zurück gezogen , welches für Elmerice eine Erleichterung , für die Anderen eine unangenehme Täuschung war . Leonce trat an den Schreibtisch , vor dem Elmerice gesessen - und betrachtete bewegt das aufgeschlagene Prachtwerk , in welchem sie gelesen . Wenn Blicke sich ahnen , so finden sie sich durch alle örtlichen Hindernisse hindurch ; - Elmerice und Leonce blickten sich an , durch viele Personen von einander getrennt ! Wir übergehen den Eindruck , den die weitere Besichtigung der Zimmer bei der Gesellschaft hervorrief . Als man sich anschickte , sie zu verlassen , entstand ein neuer Kampf mit Elmerice , welche zu ihrer alten Freundin zurückkehren wollte und dennoch , von Allen liebevoll gedrängt , sich der Gesellschaft anschließen mußte . Mit unbeschreiblicher Schwermuth sah sie sich plötzlich in dem Zirkel , den zu fliehen , sie so viel Grund zu haben glaubte - sah sich unter heitere , sorglose Menschen versetzt , deren Leben glücklich und sicher begründet schien , während sie mehr , wie je , sich heimathlos , ohne ausreichenden Schutz , ohne Anspruch an eine feste Lebensstellung fühlte ! Dabei hatte sie , trotz aller Schonung ihrer Umgebungen , dennoch eine vornehme Neugier zu ertragen , die mit tausend Höflichkeiten doch zu ergründen trachtete , ob eine Miß Eton , die auch nicht zur englischen Aristokratie gehörte , wirklich den Anforderungen einer höheren Geselligkeit Stich halten werde ; und die überraschte Bewunderung , mit der man günstige Wahrnehmungen aufnahm , hatte für wahres Zartgefühl etwas Beleidigendes . - » O , wie Recht hatte mein Vater , « seufzte sie - » mit ihrer Höflichkeit erstarren sie mein Herz ! « Freilich machten hiervon Lucile und Armand , ebenso wie die kleine Margot eine ehrenvolle Ausnahme . Diese hatten die Höflichkeit des Herzens , die immer den rechten Ton zu finden weiß , und Elmerice zeigte bei jenen aus Stolz und hier aus wirklich dankbarem Gefühle , eine schickliche Theilnahme an der lebhaft angeregten Unterhaltung . Dazwischen war ihre Kleidung ein Gegenstand des Entzückens für alle Damen , dem sich mit einiger Zurückhaltung die Herren anschlossen , die alle heimlich einander beschuldigten , an Miß Eton ihr Herz verloren zu haben ; denn selbst Armand , der treueste Paladin seiner Dame , sollte sich zu hingerissen gezeigt haben . Bald hatten die Damen heraus gefunden , daß diese Kleidung auf dem Lande und in diesem alten Schlosse viel passender sei , als die , welche jetzt herrschende Mode war ; und Elmerice zeigte sich willig , sich in einem Nebenzimmer den Blicken aller herbei gerufenen Kammerfrauen darzustellen , die sich verpflichten mußten , auf das schnellste mit den vorhandenen Kleidern der Damen diese Metamorphose vorzunehmen . » Miß Eton , wie allerliebst wird uns morgen die Mittagstafel kleiden ! « rief Margot . » Wenn wir geschmückt sind , kommen wir alle in Prozession und holen Sie ab ! « » Ja , und Jeder nimmt einen Namen an aus den Zeiten der Königin , deren Kleider wir nachahmen ! « rief Mademoiselle de la Beaume . » Dann müßten Sie Katharina selbst sein , « sagte Armand . - » Gut , « lachte die alte Dame - » Katharina bekam so gut weißes Haar , wie ich . Doch kann ich bloß eine stolze Königin darstellen ; denn ihre übrigen Nüancen kann ich nicht ergründen ! « » Vergessen Sie nicht , « sagte Armand - » daß sie gesellschaftlich , geistreich und liebenswürdig war , worin ihr keine Frau ihrer Zeit gleich kam , und daß dies gerade meinen Vorschlag bestimmte . - Aber Sie müssen sich jetzt eine Tochter , eine Margarethe von Valois wählen ! « » Sehen wir sie nicht vor uns ? « rief Mademoiselle de la Beaume - » Gräfin Bussy muß meine Tochter sein ! « » Nun , « rief Lucile - » so will ich Johanna von Navarra wählen , die stolze Bearnerin , die ich so liebe , und Leonce soll mein Sohn sein ! Und Sie , Miß Eton , müssen Eudoxia Nemours vorstellen , die eigentliche , wenn auch geheime Beherrscherin dieses Schlosses zu jener Zeit ! « Miß Eton schauderte bei dieser Wahl unwillkürlich zusammen . » Fürchten Sie Nichts , « lachte die alte Prinzessin - » mir lebt kein Gemahl zur Seite ; und ich verspreche , weder selbst , noch durch Andere Gift und Dolch zu führen . « » Ach , Madame , « sagte Elmerice , zu ernst für den Maskenscherz - » der Tod ist nicht das Schimmste ! Aber haben Sie die Thränenspur auf dem Betpulte des unglücklichen Fräuleins vergessen ? Soll ich dieselbe Stelle einnehmen ? « » Wir müssen uns Alle das Wort geben , « rief Mademoiselle de la Beaume , Elmerice lachend in die Augen schauend - » daß wir unseren jungen , schönen Gast von seiner viel zu ernsten Stimmung heilen . Sie sollen nicht umsonst die Hofdame der lebenslustigen Katharina geworden sein . « Elmerice erröthete lebhaft und trat fast erschrocken hinter den Stuhl ihrer neuen Gebieterin ; und dennoch sah sie , als sie Leonce seitwärts erblickte , wie sein Auge mit so vielem Ausdrucke auf ihr ruhte . Mit welchem Ausdrucke - das wußte sie nicht zu deuten ; doch fühlte sie eine Schüchternheit dadurch erweckt , die ihre Haltung bedrohte . - Indeß fuhr die unermüdliche Mademoiselle de la Beaume fort , ihren Hofstaat zu ordnen . » Und Sie ? - Margarethe von Valois , meine königliche Tochter , ich präsentire Ihnen hier die berühmte Claudia von Guise als Ihre Hofdame ! Doch vergessen Sie nicht , daß Ihr Gemahl , Ihrer schönen Augen wegen , fast der ganzen Hugenotten-Partei abfiel . Ich mache Ihnen ein gefährliches Geschenk , « fuhr sie fort und zog Margot vor sich hin ; - » und mein einziger Trost ist , daß Ihr Gemahl auch für die Schönheiten meines Hofes Augen zu haben scheint , die kleine Claudia aber verdecktes Spiel sehr gut versteht und dem verliebten Bearner nicht nachstehen wird . « Nun ward eben so viel gelacht , als erröthet . - Die übrigen Herren wurden ebenfalls vertheilt . Armand war Heinrich von Guise - Vardes wollte Benserade sein - Graf Bussy Coligny - und Guiche der Busenfreund von Heinrich von Navarra , der schöne jugendliche Condé ! » Ach , « sagte die Prinzessin lachend - » die letzte Wahl gefällt mir . Condé und Navarra hatten immer ihre kleinen Intriguen ! Das paßt sich . Aber hütet Euch jetzt vor Eurer Königin ; - sie hatte beständig ein Auge auf diesen Prinzen und entdeckte alle seine Geheimnisse ! « - Diese Scherze belebten den Kreis und sicherten eine freie Bewegung ; Jeder konnte so viel Geist und Phantasie zeigen , als er besaß , und Alle fühlten sich aufs Höchste erheitert und entzückt . Und dennoch schien es derjenigen , die dazu Veranlassung gegeben , als sei sie auf das schmerzlichste dadurch verletzt . Als sie endlich bei dem Aufbruche der ganzen Gesellschaft in Fennimors Gemächer trat , in denen sie ihre alte Freundin , trotz des vollen Kerzenscheins , den sie stets darin verbreitete , neben Fennimors Sterbeplatze fest eingeschlafen fand , sog sie dies Bild der Ruhe und des Friedens mit vollen Zügen ein , und eine schwere , unerträgliche Last schien von ihr genommen . » Nein , « sagte sie leise , über der Schlafenden die Hände ringend - » ich kann nicht bei Euch bleiben , ich gehöre zu Dir - Du bist die Einzige , die ich noch beglücken kann - dort hat Jeder erreicht , was er wünscht , und was ihn erfreut - beneiden will ich es ihnen nicht ; - aber weshalb soll ich mit lachendem Munde die tiefe Wunde meiner Brust so harter Berührung preisgeben ? Warum das Kostüm , was Du , meine heilige Fennimor , trugest , was Dich schmückte - zum Fastnachtsscherze verbraucht sehen , da es den Schein der Aehnlichkeit mit der Tracht jener verufenen Zeit der Medicäerin hat ? Nein , hier will ich bleiben und Dir dienen , Emmy , mit dem Schein-Glücke , nach dem Dein armes Herz so begierig griff ! « Gekräftigt , beruhigt durch diesen Entschluß , trat sie hinaus an Fennimors Grab . Sie kniete nieder , und drückte ihr glühendes Angesicht gegen den kalten Marmor . Sie konnte nicht weinen , trotz der tiefen Wehmuth ihres Herzens - ihr Nachdenken war von allen Rückerinnerungen ihrer früheren Tage in Leithmorin erfüllt , es streifte vergleichend das eben Erlebte und erhöhte das bange Klopfen ihres Herzens . » Ach , Fennimor , « sagte sie , sich erhebend - » Deine Enkelin wird nicht glücklicher werden , als Du ! Möchte ich erst sein , wo auch Du nur Ruhe fandest ! « Sie kehrte zu der Alten zurück , die , auf einem niederen Sitze ruhend , ihren Kopf auf die Armlehne von Fennimors Stuhl hatte sinken lassen , und betrachtete das alte , düstere Gesicht , worin der Schlaf Nichts aufheiterte , sondern nur tiefere Linien zog , mit einem kindlichen Antheile , der sie auch bald gewahren ließ , daß Emmy nicht den Athem der Gesundheit hatte . Sie kniete nieder und berührte ihre Stirn - kalter Schweiß stand darauf . Jetzt rief sie besorgt ihren Namen . Die Alte fuhr erschrocken in die Höhe und starrte ihren Liebling mit gläsernen Augen an . » Fennimor , « sagte sie - » Reginald ruft seine Tochter ! Jene sollen kein Recht haben an ihr , Du sollst sie zu mir hierher bringen ! « - - Sie raffte sich empor ; ihre Bewegungen waren immer heftig , gigantisch . Trotz des hohen Alters zeigte sich der starre Sinn , der jede Hülfe entbehren wollte . » Emmy , « sagte Elmerice sanft - » Du sprichst es aus , was ich gedacht ! Ich will bei Dir bleiben - Jene sollen kein Recht an mir haben - Fennimors guter Geist hat schon Dein Begehren erfüllt - er trieb mich zu Dir zurück - ich will Dir allein gehören ! « - » So , so ! « sagte die Alte , sich besinnend - » Du bist ja mein Engel ! « Doch fühlte Elmerice überrascht , daß sie ihren Arm faßte ; - plötzlich brachen ihre Knie , und sie sank ohnmächtig in Fennimors Stuhl . Außer sich , stürzte Elmerice über sie hin ; - sie glaubte , ein plötzlicher Tod habe ihre alte Beschützerin dahin genommen . Doch bald sah sie , daß