Ich bin wie im Traume ! « stammelte Esther , sich dem Arm des entzückten Jünglings überlassend : » Was ich wünschte , wonach ich mich gesehnt , ist längst geschehen , ich bin schon eine Christin ; darf nicht vor allem Volke den Schwur leisten , nicht erst betteln um das Bad der Weihe , denn ich hab es schon empfangen , oder , mein Freund , muß dieser Gebranch erneuert werden , um ..... ? « - » Nein , nein , « fiel Ben David ängstlich ein : » Nein , nein , mein Kind . Es wird ja nur getauft einmal , und war ' es nicht Sünde , zum zum zweitenmale es zu begehren ? « - » Sündlich und überflüsiig ; « versicherte Dagobert : » Wozu ein neues Hinderniß auf die Bahn zu unserm Glücke schleudern ? Marie ! Nun bist Du mein . Nun hat dieser Mann keinen Theil mehr an Dir , keinen Anspruch , als auf meine Dankbarkeit , die ihm allenthalben folgen , ihn überall erreichen wird . « - » Ben David ! « setzte Esther weinend hinzu : » Ich habe Euch geliebt , wie eine Tochter den Vater ; ich habe wegen Euer mich wollen reissen los von dem edlen Mann , der mein Alles ist in der Welt . Vergebt mir meine Freude darum , ihm jetzt schon näher anzugehören , und empfangt meinen Dank . « - » Ei ! ei ! « antwortete Ben David kopfschüttelnd und schmerzlich lächelnd : » Seht doch , wie ihre Gesichter sich tauchen , nicht allein in ' s Abendroth , sondern auch in das Roth der Freude . Vor einer Weile hatte ich noch eine Tochter , jetzt nicht mehr . Vor einer Weile wollte mir folgen eine treue Seele in ' s Elend ; jetzo stehe ich verwaister , als die Palme in der Wüste . Gelobt sey der Herr ! Gesegnet sey meine Zunge und Ihr , deren Glück einzig ist mein Werk . « - Mit Thränen in den Augen riß er sich von den Wonnetrunkenen los , und gieng hinaus in den Forst , wohin er durch eine Lücke im Gehege drang . Unter einem von Buchen gewölbten Dome warf er sich auf seine Knie , und betete , nach seiner Väter Weise , zum Herrn der Himmel , der hoch oben seine Sterne schon angezündet hatte . » Vergib mir , Gott Israels ! « beteten seine Lippen zum Schlusse : » vergib mir , wenn ich gehandelt habe wider Deine Gebote ; aber ich - habe gehandelt nach der ewigen Thora , die da wohnt in jedes Menschen Brust . Verzeih ' , daß ich freiwillig dahin gab eine Tochter Zions , da sie doch , spät oder früh , gezogen wäre zum Berge Seir , statt zu wohnen , in dem herrlichen Salem ! So habe ich doch gehalten den Eid , den ich geschworen in meines Vaters sterbende Hand , so habe ich doch geübt Dankbarkeit , so habe ich doch gelassen mein Kind im Schutze der Gewalt und der Macht , nicht im Staube Deines auserwählten Volks , das noch immer Dein Zorn darniedertritt , wie einen Grashalm . O baue , baue Zions Zinnen recht bald , starker eifriger Gott ! O laß mich finden im Paradiese die Tochter und den heldenmüthigen tugendhaften Jüngling ! Du prüfest ja Herzen und Nieren ! vor Dir ist der Behemoth eine Milbe . Und also kann auch Deine Gnade reinigen den Ungläubigen zum Sohne Jakobs . Mit mir aber , so lange ich auf Erden lebe , thue nach Deinem Gefallen , Herr . Ich bin geworden unter Deinem Zorne und den Streichen der Feinde ein Wurm statt eines Menschen , ein Spott der Leute , eine Verachtung des Volkes , aber gesegnet sey Dein Wille , gelobt Dein Name , gepriesen Deine Herrlichkeit ; hochgelobter , unendlicher ewiger Gott ! « - Gestärkt und ermuthigt stand der arme David auf , und ging davon ; allein zu Esther kehrte er nicht mehr zurück . Fünftes Kapitel . Sieh doch zu , Junge , wer jener Mann ist . Sein Gesicht weissagt nichts Gutes , so wie sein Rock nur Trübsal . Den hagern gelben Leuten traue ich nicht eine Spanne weit ! Aus einem veralt . Schauspiele . » Laßt den Hund laufen , gelehrter Herr ! Der Bube entläuft seinem Galgenholze nicht . Schade , daß mein Bolzen ihm nicht in ' s Bein flog , sondern durch die Mütze . Er wäre ansonst gewißlich nicht davon gerannt wie ein Heide ! « - » Der elende Mensch ! « antwortete dem alten Ammon der Mann , der , schier gekleidet wie ein Cleriker , vor dem Jäger auf einem Feldsteine saß , und ausschnaufte : » Mein ganz Gepäcke hat er mitgenommen , und ich dank es nur Deiner Hülfe , guter Mann , daß ich mit dem Leben davon gekommen bin ; der Schurke hatte nicht wenig Lust , mich auch des Geldes zu berauben , das ich im Gürtel trage . « - » Aber sagt mir doch , « fragte Ammon , » wie ' s kommt , daß ein gelehrter Herr , wie Ihr , um diese Abendzeit allhier im Busche zu finden ist ? Euch Herren gehts doch nicht , wie einem armen Teufel , der seine Füße brauchen muß , statt des Fuhrwerks . « - » Du weißt es alsobald ; « versetzte der Mann im aufgeschürzten Talar : » Von Frankfurt fuhr ich weg , um gen Friedberg zu gelangen . Der Karren brach jedoch , eine Stunde Wegs von hier , so ungefähr . « Ich saß mißmuthig und halb zerschlagen am Rande der Heerstraße , und wartete bei meinem Gepäck die Rückkehr des Fuhrmanns ab , der auf dem Gaule nach Leuten und Hülfe geritten war . Wenig Menschen auf der Straße . Kommt plötzlich durchs Feld und über Wiesenpfade ein Mann daher , rüstig und stark darauf losschreitend , den Dornstock in der Hand , und also scharf um sich blickend , und dennoch sorglos vor sich hingehend , als sey er wohlbekannt auf all diesen Stegen und Wegen rings im Land . Da mir ' s zu lange dauerte , bis mein Knecht zurückkam , so fragte ich den Wanderer nach demselben , und verrieth ihm meinen Unfall . Da meinte er , ich könnte wohl noch lange vergebens warten , und am Ende schon zu Friedberg seyn , ehe der Geselle vom Dorfe zurückgekommen , wenn ich nur ihm folgen wollte auf abkürzendem Pfade , den er genau zu finden wisse . Mir war der Vorschlag recht , und ich trug nur Zweifel wegen meines Gepäcks . Der breitschulterige Mann lachte , und meinte , es wäre ein bloßes Kinderspiel für ihn , mir das Gepäck zu tragen bis zur Herberge zu Friedberg , und wenn ich ihm daselbst zum Lohne einen frischen Trunk wollte reichen lassen , so würde er ' s dankbar annehmen , und herzlich damit zufrieden seyn . - Er hatte noch nicht ausgeredet , und ich auch noch nicht » Ja « gesagt , und flucks hatt ' er den Bündel auf dem Rücken , und wanderte rüstig voraus . Ich folgte ohne Argwohn , und kam mit ihm in solch Gespräch , daß ich nicht bemerkte , wie er mich in diese Gegend geführt hatte , wo rings um uns einsam Gestrüppe steht , doch weit und breit kein Thurm noch Thor von Friedberg . Und da ich endlich es bemerke , und ihn deßhalb zur Rede stelle , so lugte er frech hinauf zum Himmel und ringsum , und spricht : » er werde sich wohl im Pfad geirrt haben ; der Abend sey jedoch noch nicht weit vorangerückt , und wir würden zeitig noch nach Friedberg gelangen , dessen Thurm schon zu sehen sey . « Wie er mir nun zeigt , nach welcher Seite ich sehen müsse um ihn zu gewahren , und ich dem bösen Rathe des falschen Menschen folge , sauste mir sein Dornstock in ' s Genick , daß ich hinfalle , und ihm , dem Räuber , keinen Widerstand zu leisten fähig bin . Mein Schreien war jedoch nicht vergeblich , und - wohl mir - Dein Ohr hat ' s zeitig genug vernommen , ehe der Schurke mich geplündert . Mag er doch laufen mit dem Pack ; der Herr wird ihn schon lassen verlahmen und steif werden wie das Eis , und , ..... Mehrere andere Verwünschungen , die der Fremde auf seiner Zunge hatte , verhallten in dumpfem Gemurmel . Ammon erwiederte darauf lachend : » Nur heraus mit dem Gewetter und Gefluche . Ein meilenlanger Fluch erleichtert recht das männliche Herz , und Ihr seyd ja jetzt im Freien und nicht in Eurer Schule , wo es sittsam und friedlich hergehen muß . Wenn ihr wolltet , könnte ich Euch türkische und wallachische Flüche lehren , die weit besser klingen , als unsre matten in Deutschland . Allein im Grunde hilft doch der wetterlichste Schwur Euch nimmer zu Eurer Habseligkeit . Besser wär ' s gewesen , ich hätte den vertrakten Schurken in ' s Knie geschossen ; dabei bleib ich . Wo wollt ihr aber jetzt hin , gelahrter Herr ? Die Stadt ist an zwei Stunden Wegs von hier ; dort links , und schwer zu finden für einen Fremden . Ich wollt Euch gern dahin geleiten , müßt ich nicht in meinen Wald zurück . Auch trautet Ihr wohl meinem Gesichte nicht ; denn die Leute sagen , der alte Ammon sehe aus , wie der leibhaftige Teufel selbst . « - » Hätte ich nur dem Gesichte jenes Schurken nicht getraut ; « seufzte der Fremde : » der Bube hatte Gaunerzüge , und brandrothes Haar ! « - » Hütet Euch vor den Gezeichneten ; « schaltete Ammon ein : » Wißt Ihr jedoch sonst nichts , das auf die Spur des Sünders führen könnte ? Ich wollte lauern lassen auf den Burschen , wie auf einen Iltis . « - » Ich weiß nichts , das mir ausser seinem Gesichte aufgefallen wäre ; « sprach der Fremde weiter . » Ein Schild , das er auf seiner linken Brust trug , könnte vielleicht einen Neubekehrten verrathen ; doch traue ich darin meinen Augen nicht . « - » Einen getauften Juden ! « rief Ammon : » das wäre möglich ; und das ist gefährlich Gesindel . Das vertauscht seinen Gott , wie ein Söldner seinen Hauptmann . Und dennoch ist es immer Eins , woran man glaubt . Das hab ' ich auf meinen Kreuzzügen oft genug erfahren . Mir gilt der Heide , wie der beste Christ , und wenn Ihr , gelahrter Herr , in meiner schlechten Hütte übernachten wolltet , so wäre ich gern bereit , Euch ein ungläubig Dirnlein zu zeigen , das seines Gleichen sucht in der getauften und ungetauften Welt . « - » So ? « murmelte der Fremde , der in Gedanken versunken war , vor sich hin ; dann setzte er bei : » Ich nehme es an , Meister Graurock . Ich gehe mit Euch , aber einzig und allein um eines warmen Obdaches willen , weil mich mein Genick schmerzt , - nicht der schönen Dirne wegen . « » Mir recht ; « versetzte Ammon : » Ich hab ' noch nie aus freien Stücken ' nen Gast in meine Hütte geführt . Ihr seyd der Erste , und ein warmes Heulager soll Euch nicht entstehen . Morgen wandern wir dann selbander auf Friedberg los . Kommt ; laßt Euch führen , denn Mohren und Cordova ! Ihr wankt auf den Füßen ; ... was ist Euch denn ? Warum stieret Euer Auge also in die Ferne , als wollte er in dem Hohlweg sich verlieren ? Ihr werdet ja immer bleicher , Herr ! Was ficht Euch an ? « - » Der Fremde war starr und steif stehen geblieben , und zeigte unverrückt mit Aug und Hand auf einen Mann , der schnell , obgleich mühsam aus dem Hohlwege , zur Seite kletterte , rasch auf die Gehenden loskam , scheu von der Seite sie anblickte , und , ob vor Ammons Zügen , oder dem Gesichte des Fremden erschreckend , plötzlich die Kappe in die Stirne drückte , mit einem Laute des Unwillens oder der Überraschung sich abwendete , und , als wie von einem Gespenste gejagt , über die buschige Fläche sich verlor . « Während der Fremde ihm bewegungslos nachstarrte , schrie Ammon , der ihn erkannt hatte , wild hinterdrein : » Hoho ! sa sa ! Jude ! wohinaus ? Wirst doch nicht gestohlen haben ? halt auf , Jude , halt auf ! « - » Sein greller Ruf scheuchte den Fliehenden nur noch flüchtiger von dannen , und Ammon brach da er dieses sah , in ein wüstes Fluchen und Toben aus , das nur die wiederholte , dringende Frage des Fremden unterbrach : ob der Jäger den Flüchtigen kenne , und wer dieser sey ? « - » Ei , potz Reiher und Falk ! « schrie Ammon : » ob ich ihn kenne ? Der narbige Ketzer ist kenntlich genug . Das ist eben der Vater der schönen Esther , von der ich Euch geredet . « » Esther ? Ihr Vater ? « rief der Fremde an seine Stirne fühlend , ob denn auch alles um ihn her wirklich sey , oder ein Traum : » Gepriesener Gott ! ich kenne ihn auch , diesen Mann . Sein Name ? « - » Der leidige Teufel kennt ihn besser als ich , « antwortete Ammon , mit der Faust nach der Gegend drohend , in welcher der Fliehende verschwunden war : » ich könnt ' ihn nicht behalten . « - » Ben David ? « fiel der Fremde ein : » rede , Mann des Himmels ! So Du sagst ja , werde ich Dich halten wie einen Freund , wie einen Bruder . « - » Nun denn , in aller Hexen Ramen : Ja ! « - rief Ammon : » So heißt der Bursche . Warum aber der Mensch davon läuft , als habe er die Kleinodien des Reichs gestohlen ? Warte , Hund ! Wenn ich zu Hause etwas Unrechtes merke , wenn meiner guten Esther etwas geschehen ist , so verschreibe ich mich dem Teufel wirklich und leibhaftig , um nur Deiner habhaft zu werden , Jude , und Dir die Fußsohlen mit glühenden Peitschen streichen zulassen . « » Esther ! Ben David ! « wiederholte der Fremde indessen häufig hinter einander , und geberdete sich ganz seltsam , die Hände zusammenschlagend , mit dem Kopfe nickend und schüttelnd , Füße und Hände und Körper bewegend in lebhaften und wunderlichen Geberden , während sein blasses eingefallenes Gesicht bald Freude , bald Kummer , bald Ängstlichkeit , bald eine Art von wildem Unmuth verrieth . - » Gott sey bei uns ! « rief Ammon derb und roh dazwischen : » Trügt Ihr nicht einen Rock wie ein christlicher Schulherr , ich würde Euch für ' nen Rabbiner halten , so verzerrt ihr Leib und Angesicht . Laßt doch die Possen , und tretet derb auf ; ich kann nicht erwarten , zu sehen , was daheim ist vorgefallen . « - » Daheim ! ja daheim ! « wiederholte der Fremde , unbekümmert um Ammon ' s Reden : » ja , zu Esther laß uns eilen . Ich kenne sie , ich kenne ihn , ihn , der an uns vorbeiflog . Ich muß ihr Schicksal wissen ; ich muß .... « - » Ihr müßt in ' s warme Heu ! « polterte Ammon : » Kreuz und Mond ! Des Galgenstricks Dornknittel hat Euern Verstand getroffen , und nicht allein das Genick . Geduldet Euch indessen , und werdet mir nicht vollends toll , bevor wir unter Dach sind . Seht , seht , hier ist schon der Pfad ; dort zeigt sich der Hütte Giebel , noch ein Paar Schritte hurtig gemacht , und wir sind allen Kobolden zum Trotz , zur Stelle . « - Ammon ' s Unruhe wurde bald besänftigt , da er die Hunde fröhlich anschlagen hörte , wie sonst , und Esther gewahrte , die auf dem Platze saß , den Regina wohl sonst einzunehmen pflegte , Dagobert ' s Braut saß in die süße Schwermuth vertieft , welche zärtliche Gemüther am Vorabend ihres Liebesglücks gerne beschleicht . Der treue Freund hatte Abschied genommen , um nach der Stadt zu reiten , und am nächsten Abend , mit Geschenken und neuen Gewändern für sein Lieb beladen , zurückzukommen . Sie hatte ihm das Geleit bis zum Waldpfade gegeben , dann in die tönenden Forsthallen Ben Davids Namen gerufen , und sich endlich niedergelassen in ' s thauige Gras , um des wackern Mannes zu harren . Ammon , der zuerst am Eingange des Gehegs erschien , war ihr willkommen , und in demjenigen , der seinen Schritten folgte , vermuthete sie den Vater . Aber ein fremdes Gesicht neigte sich vor ihr an seiner Statt , und je mehr sie dieses Gesicht betrachtete , und von demselben mit glühenden Blicken durchbohrt wurde , je mehr war es ihr kein fremd Gesicht mehr . Aus der Tiefe ihres Gedächtnisses , aus dem Born kindlicher Erinnerungen mußte sie schöpfen , um sich dieses schmale Antlitz , mit der Adlernase , und dem geklemmten Munde zu vergegenwärtigen , und sie hörte nicht auf Ammon ' s Stimme , noch auf dasjenige , was der Jäger schwatzte , sondern nur auf die schon verklungenen Laute des Fremden , welcher gesagt hatte : » Esther ! Ben Davids Tochter ! Dich hätt ' ich nimmer wieder erkannt , - aber wirst Du auch nicht mehr kennen mein Antlitz ? « - Esther ' s Erinnerungen waren übrigens mangelhaft , nur mit einem Seufzer aus tiefer Brust mußte der Fremde ihr zu Hülfe kommen , in den Worten : » Ich habe einst geheissen Ascher , Du Tochter Ben Davids , und wirst Du mich kennen noch nicht ? « - » Jehovah ! unser Gott ! « schrie Esther auf : » Ascher ! mein Bruder Ascher ! Sey gegrüßt , sey willkommen , Du Verlorner ! « » Die Dirne hat den ganzen Sabbat vom Brocken hieher gelockt ; « murrte der Forstwart vor sich hin : » und was gilt ' s , sie wandelt meine Hütte um in eine Judenherberge . Vater und Bruder sind schon gekommen , und wer weiß , wer noch alles folgt . Nein , Jungferlein : Also geht es nicht ; und morgen weiß die Frau von Dürning Alles . « - » Er ging mißmuthig zu seinen Hunden und in die Hütte , während das Gespräch zwischen Esther und dem Ankömmling so ernst wurde , daß sie Ammon ' s gänzlich vergaßen . - Verlorner ! sagtest Du ; « sprach Ascher wehmüthig , Esther ' s Hand ergreifend : » die Wahrheit kommt nicht reiner vom Himmel , als in diesem Worte aus Deinem Munde . Verloren war ich , verloren bin ich , und würde es bleiben , wollte ich nicht zu rechter Zeit mich wieder gewinnen . Ach , sieh mich nicht an , Esther . Ich habe schon des Vaters Zorn gesehen ; laß mich nicht schauen auch Deine Berachtung . Vergib mir , daß ich hingegangen bin vom Glauben zum Irrthum , von dem Gesetz der Väter zu einem fremden . Die Überredung hat mich verleitet , der finstre Geist des fälschen Wissens hat mich verführt ; Hoffnung auf ein zeitliches Glück hat mich bethört , daß ich gethan , was ich jetzt bereue von Herzen , wie der große König David bereut hat seine Sünden . « » Ei , was muß ich hören : « fragte Esther dagegen : » Du bereust , der Thora abgeschworen , dem reinen Gesetze gehuldigt zu haben ? O schwanke nicht in diesem neuern herrlichen Glauben ! Zittre vor Wankelmuth , und halte Dich fest an dem Leitfaden , den des Ewigen Milde Dir erlaubte . « - » Versteh ' ich Dich ? « sprach Ascher verwundert : » Ist das meine Schwester , die Tochter meiner Mutter , der einzigen Tochter des frommen Alliba zu Oppenheim , auf dem der Friede sey , wie auf ihr die Ruhe und Segen ? Spricht also die Tochter David ' s , des Sohnes Jochai , die nimmer versäumt hat eine von den vielen Pflichten , die zu erfüllen hat ein Sohn des Gebots ? Wie kommt es , daß Du mich schiltst , da ich thue , was Recht ist ? Reue und Buße . « » Ach , Ascher ! « entgegnete Esther milde unk freundlich : » Ich hätte Euch nicht gehaßt , so auch noch Alles geblieben wäre , wie ehedem , denn die Gojim , wie Du und Deine Brüder sie nenne , sind mir doch immer vorgekommen , wie unsre wahren Brüder . Aber ; es ist alles ganz anders geworden . Ich heiße nicht mehr Esther ; mein Name ist Maria , und eine Christin bin ich von Geburt an ; nicht Davids Tochter , nicht Deine Schwester . « - » Nicht Davids Tochter ? « fragte Ascher : » nicht meine Schwester ? Wie fasse ich das ? « - Esther erzählte vom Ungemach des Vaters an , bis auf den heutigen Tag , und das Geständniß Davids Alles , der Wahrheit getreu , und Ascher traute kaum seinen Ohren . » Weh geschrieen ! « rief er , da das Mädchen vollendet hatte : » Gott ! was habe ich gehört ? Der Herr segne den Raaf im Paradiese , und der Raaf verzeihe dem Vater die Lüge , die er auf jenes Grab gepflanzt . Eine Lüge ? - Ich will sterben zur Stunde und ohne Gebet und ohne Beistand dahin fahren , wie der Abtrünnigen Gräßlichster in seinen Sünden , wenn das wahr ist , was der Vater mir berichtet . - Wie ? - O , David ist ein sanfter Herr seinen Kindern ; er will sie glücklich sehen ; er will allein tragen den Vorwurf , damit das Gewissen seiner Kinder frei bleibe vom Vorwurf . Er will selbst werden ein Sünder , bevor , er zugäbe , daß Du , Esther , eine Sünde begehest . Du , Esther , Du bist Davids Tochter , und keine andre . An Deiner Wiege saß ich über einen Mond , wachend und Dich wartend in einer Krankheit , die mit der Geburt über Dich gekommen war . Ich und , mein Bruder sind niemals mit dem Vater gewesen über Land . Nie hatte sie Statt , die angebliche Verwechslung . Der Raaf hätte nimmer ein Christenkind in ' s Haus eines Gläubigen geführt , nimmer sich theilhaftig gemacht einer solchen Sünde wider das Gesetz ; und dieser hebräische Buchstab an dem kleinen Finger Deiner linken Hand ist eingeätzt worden von dem kunstreichen Raaf , da Du noch keine Woche alt gewesen , als Zeichen unsers Hauses . Ich gelobe Dir ' s , beim Haupte des Vaters : Du bist von seinem Blute und aus Israel . « - » Herr Gott im Himmel ! « feufzte Esther ängstlich und niedergeschlagen : » Wenn das wäre ! Entsetzlich ! Wo ist der Vater ? Du wirst sehen , Ascher ! « ... - » Nicht doch , mein Kind ; « versetzte Ascher , seiner Sache gewiß : » Ich werde nicht einmal den Vater sehen , denn er ist geflohen vor meinem Antlitze . « - Esther ' s Staunen mehrte sich , da sie nun erst erfuhr , was auf dem Wege hieher vorgefallen . - » O , gewiß , ist es , gewiß , « schloß er : » Vaterliebe seltner Art hat Ben David ' s Zunge regiert . Aber Bruderliebe ist noch gekommen zu guter Zeit , um dich zu retten für die Ewigkeit , die ohne Ende ist in ihren Freuden , aber auch unendlich in ihren Qualen . Höre mich an , Schwester , höre mich an , und glaube , was ich rede . Der Vater hatte mich bestimmt zu lehren in der Schule , und ich habe darum gelernt das Geschrift und die Kunst zu lesen unsre Sprache nach der Wissenschaft , und die Kabbala in all ihren Zweigen . Da kam mir ' s plötzlich an , als würde ich machen mein Glück unter den Christen , und ein vornehmer Mann von Mainz , der sich im Hebräischen oft Raths bei mir erholte , rieth mir dringend an , zu thun , wie ich gesonnen . Meine Jugend war müde , immer Knecht zu seyn von andern , und zu gehören zu der Sohle von ganz Deutschland . Ich schwor daher der Väter Lehre ab , auf daß es mir wohl gehe auf Erden . Meine Wissenschaft wurde nun hervorgezogen aus dem Staube der Erniedrigung , und jener vornehme Mann wirkte mir einen Lehrstuhl aus zu Heidelberg , um die hebräische Sprache zu lehren , nachdem ich ihn selber vorher einige Jahre unterrichtet hatte . Mir ging es wohl , und der Lehrer Taufkirch war wohl gelitten allenthalben , verfehlte keine Messe , keine Predigt , und hatte ausgezogen den verachteten Juden , - kaum mehr zu erkennen an der Mundart . Nichts hätte gestört mein Glück , wenn es nicht war der Wurm in meiner Brust , der plötzlich anfing , sich zu heben , mich zu quälen . Mein Amt begehrte , daß unsre heiligen Bücher sich einprägten in meinen Kopf , und da fand ich denn nach langem Sinnen , daß alle unsre Lehre , wie die Väter sie befolgten , der Grund der Lehre vom Erlöser sey , und daß ohne diesen Grund die Letztere nicht habe können entsteh ' n und wachsen . Und nun schlug mir das Gewissen , und nachdem ich einige Jahre hindurch gekämpft , gelitten , und mich halb gegrämt zum Tode , hat des Himmels Herrlichkeit und Israels Gott den Sieg gewonnen über meine zeitlichen Begierden ; weggeworfen habe ich das Amt , um heimzukehren zum Vater , wie der verlorne Sohn , zu den Schulen , wie das verirrte Schaf . Da erfuhr ich zu Frankfurt Euer grausam Schicksal , des Vaters Flucht , wie sie es nennen , den Tod des Jochai , und Dein Verschwinden . Auf ' s Gerathewohl habe ich mich gehen lassen in die Welt , und die Reihe von Abenteuern , die mich bis hieher gebracht zu diesem abgelegenen Winkel , verbürgt mir , daß es Gottes Wille sey , daß ich Dich rette ! « - » Hochgelobter Gott ! « jammerte Esther : » Welche spitzige Widerhaken wirfst Du in meine Brust ? Ben David entflohen ? und ich dennoch sein Kind ? dennoch aus Israel ? Bruder ! sey barmherzig , und sage , daß Alles gewesen ist Lüge und leerer Schaum . « - » So wahr ich lebe , und der Himmel gemacht ist vom Herrn , so wahr ist mein Mund ; « betheuerte Ascher düster und dringend : » ich bin gesendet , ein Prophet zu der am Abgrund schwebenden Zion , die einst Königin der Städte gewesen , und nun sich herablassen will zur Magd der Edomiter ! O höre auf meine Stimme , Esther , höre sie , damit Du nicht einst bereuen mögest , was Du gethan . Lasse ab von dem Jüngling , der zu Rom hält . Lasse ab von dem Gedanken , zu werden , wie er . - Tröste Dich nicht mit dem Gedanken , nicht Du , sondern David , unser Vater , müsse verantworten die Lüge , die seine unendliche Liebe gewagt hat , auf die Gefahr , seine eigne Seligkeit zu verlieren . Aber der Herr , der hochgelobte Gott , ein starker und eifriger Gott , züchtigt für die Sünden der Väter die Kinder bis in ' s tausendste Glied . Unglück und Schande wurde erwachsen aus Deiner sündigen Ehe , Ungeheuer an Leib und Seele daraus hervorgehen , den Teufeln gleich , die Leviathan mit Lilis zeugte . « - » Halt ein , Ascher ! « rief die Verzweifelnde . Der Schonungslose fuhr aber dennoch fort : » Höre mich , verführte Tochter Salem ' s ! Gib Dich nicht in Moloch ' s Gewalt . Du sollst seine Sklavin seyn . Warum wird er nicht ein Sohn Jakobs , wenn seine Liebe eifrig ist ? Warum sollst Du zu seiner Lehre schwören ? Weil er Abrahams Saamen verachtet , weil er Dich sündigen machen will , damit Du sein und der Hölle seyst , auf immerdar . Denn Sünde ist dieser Tausch , - glaube mir , dem Sündigen . Wer seinem angebornen Herrn untreu wird , seinem Gott ; wie kann der ferner treu seyn im Haus , im Ehebett ? wie kann ein solcher Treue verlangen ? und wie wird einst seine Sterbestunde seyn ? O , glaube , glaube an die Qualen des Abtrünnigen ; ich habe sie gefühlt , ich fühle sie noch , und werde nur erst dann ruhig werden , wenn ich gebüßt habe in einer Schule . O kehre um , setzte er wie in Verzweiflung hinzu : Kehre um , da es noch Zeit ist , und Du dieser Buße nicht bedarfst . Sieh mich an , wie mich der Herr geschlagen hat : Wie meine Gebeine geschwunden sind , wie mein Leib zum Schatten geworden . Nicht Schlaf , nicht Ruhe kommt